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Robert Müller: Tropen - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
booktitleTropen
authorRobert Müller
year1993
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008927-1
titleTropen
pages5-16
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1915
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XVIII

Sang- und klanglos fand ich mich zu meiner Hütte. Schräg gegenüber, wo die Straße sich ins Verschwinden bog, sah ich van den Dusen in die seine schlüpfen. Er schien unterdrückt aufgeräumt, mit seiner Nase witterte ich eine Art Unternehmungslust in ihm. Checho, der mich aus der Hütte begleitet hatte, ließ mich an irgendeiner Stelle im Stich. Das beschäftigte mich vorläufig; obwohl es mich nichts anging, war ich doch im Augenblick so zerstreut, dieser ganz gleichgültigen Sache eine abnorme Wichtigkeit zu widmen. Ein leises Mißvergnügen in mir fischte, ohne Köder, irgend etwas anderes wurmte mich; nun wurmte es mich, daß Checho fortlief – hopp, da fischte es mit diesem Wurme!

Die Sterne hingen voll am Firmament. Sie hingen so dicht, daß sie sich gliederten, und flüchtige Verbindungen blitzten zwischen ihnen auf. Wie metallische Glutspäne kräuselten sie sich, durch die ein Atem geht.

Checho war in meinen Augen ungezogen; war es etwa manierlich, fortzulaufen? Sonderbar, daß alle Leute sofort an gutem Ton einbüßen, was sie an Laune gewinnen. Wo konnte – na, war es nun Checho, den ich meinte, oder war er es nicht – wo konnte er nur hin sein? Ich rang mit einem Gedanken, einer Vermutung, die ich schon einmal aufgestellt haben mußte. Aha, sieh mal her, da war ja Aruki; sie war allein, ihr Mann war noch nicht zu Hause, steckte vielleicht bei der Hexe Zana oder einem anderen Frauenzimmer. Indes pflegte Aruki ihr Baby, sang zwischen den Zähnen und dachte an weiß Gott was Trauriges. Ich hatte nichts mehr übrig für sie und war voller Hohn für ihre weibliche Fülle. Auch Checho half ihr nicht über den schwermütigen Abend hinweg; auch er mußte endlich daraufkommen, daß zierliche Magerkeit das eigentliche Ideal für einen indianischen Helden bedeute. Geschah ihr recht; nun da es zwischen Checho und ihr aus war, hatte sie nichts mehr von ihrer früheren Unerreichbarkeit; auch ich war sozusagen eine Art Held meiner Rasse und hatte meinen Geschmack zu pflegen; man hatte da doch gewissermaßen Verpflichtungen. Wir rächen uns stets an unseren Träumen; wir verraten stets unsere eine Sehnsucht an die andere. Daß ich nach dieser Seite hin also gleichsam frei wurde, war für mich erfreulich. Es gab mir einen regelrechten gesunden Stoß und zugleich sah ich blendend klar.

Hol's der Kuckuck, man sollte kein Mandioka saufen, wenn man es nicht verträgt. Nun hatte Slim sich mit dem Häuptling gerauft – Slim. Das fiel mir ein, und wie ein Berg saß es mir am Herzen. Und was tat nun Slim weiter? Um es nur gleich zu gestehen, Slim war auch der Wurm, der unterirdisch mein Bewußtsein benagte, gespenstisch an meine Laune pochte und mit einem formlosen Blick meine Zufriedenheit beäugte, wann immer sie sich einstellen wollte. Ich frug vergeßlich, wo denn nun dieser Checho hin sei und was er treibe, und war höchst erbost über sein ganz unverständliches Benehmen – aber eigentlich meinte ich mit alledem nur Slim. Wenn man überlegte, wie das alles gekommen war, diese ganze Niederlage, die mich jetzt so beunruhigte! Ich erinnerte mich, daß van den Dusen betrunken sein mußte. Hochrot war er gewesen und sichtlich echauffiert. Hm, und nicht einmal Slim hatte davon vertragen. Ich dagegen hatte eine gute Schule hinter mir. Es war nicht die erste Zecherei, die ich siegreich überstanden hatte, was wäre da anderes zu wollen? Ich hatte Nerven, wohlverstanden Nerven. Ich konnte Gift wie Käse essen, meine Nerven kamen großartig hindurch. In mir stak der ideale Nervenmensch, meine Wachsamkeit bestand über meine Vergiftung hinaus. Je schaler der Geschmack im Munde, desto überlegener das Gehirn. Je schlaffer der Magen, desto strenuoser das Bewußtsein. Ich beseitige Krankheiten durch die Diagnose, ich heile Unstimmigkeiten mittels Analyse. Etwas Fortschrittlicheres läßt sich kaum denken. Prosit, Slim! Sie sind überholt, Ihre Nerven sind mit Ihnen durchgegangen. Man rauft sich nicht, wenn man voraussichtlich den kürzeren zieht. Mit Purzelbäumen ist das anders. Das ist ein platonisches Vergnügen, zumal wenn niemand zusieht. Übrigens, waren Sie schon jemals so tapfer, ins Feuer zu steigen? Haben Sie sich jemals freiwillig am Rücken schmoren lassen? Ich bin wie ein Satan hindurchgeritten, die ganze Hütte war auf, als ich meinen feurigsten Feuertanz tanzte. Meine Haare sind versengt. O wie furchtbar hell es um mich war! Immerzu, Slim. Aber Mandioka ist zu süß und hinterläßt einen faden Geschmack, wie, finden Sie nicht?

Ich empfand mich intensiv wach. Laue Wellen kamen vom Djungle und von der Savanna her, kühle feuchte Stöße vom Felsenbach. Ein ehernes Klingen, das schwärmende Lärmen der Zikadenchöre, schien unter den tiefhängenden Horizont gepreßt, aus dem ein weißes Feuer, in Myriaden von Kombinationen gleich denen der Lärmschläger, zuckte. Dies war beruhigend, dies läuterte. Aber Slim hatte nicht sich allein, er hatte uns alle in die Patsche geritten. Was war das für eine Idee, mit dem lästerlich langen Kerle anzubinden, dieses Mädchens wegen – wo blieb Slims Überlegenheit? Unser Prestige, mein Prestige war es, das er verspielte. Er hätte uns nicht mitreißen dürfen. Uns. Die menschliche Gesellschaft darf nicht durch die Handlungen eines Einzelnen gefährdet werden. Und ich war das Gewissen dieser Gesellschaft. Wenn ich überlegte, wie Slim sich da erhob, in seiner ganzen Glorie als großer und starker Mann, seine imposante Figur im Feuerkreise aufpflanzte, so fühlte ich, wie sich die Seele der Welt vor Scham zusammenkrampfte. Ich selbst kam hier gar nicht in Betracht, obwohl auch ich – aber die Gesamtheit war verletzt. Was mußten sich die Indianer gedacht haben! Die saure Empfindung ungebrauchter Muskeln, die in allen aufstieg, war Takt, nichts als menschlicher Takt gewesen. O ich kannte ihn gut, wie er aufsteigt, langsam und sauer wie eine böse Regung; aber er war eine gute soziale Regung. Männer beneiden einander um jede Art von Aktivität und sei's nur die einer Ohrfeige. Es war nicht schön von Slim und höchst unlauter, daß er gegen das Programm auftrumpfte. Man konnte das Mißbehagen verstehen, das durch den Trupp ging, als Slim seine eigenen Heldentänze unterlegte. Es war, mitten unter der feinen Leistung Zanas und ihres Bruders, ein Schlag ins Wasser. Nein, Slim – au!

Mein Rücken schmerzte; ein zähes Kneifen machte ihn widerstandsunfähig und steif. Um Gottes willen, mein Rückgrat war doch nicht um ein gut Stück kürzer geworden? Es waren doch am Ende nicht zwei Wirbel ineinandergerutscht? Das also war das Ende dieses abenteuerlichen Tages, Slim bekam Prügel und ich würde hinfort nun oder doch eine Zeitlang mit dem schneidigsten Hexenschuß der Welt durch das Leben wandeln, immer vorausgesetzt, daß da noch zu wandeln war!

Mit wundem Rücken zog ich eine Matte vor die Tür und legte mich unter die Palme. Es war nach Mitternacht und die Moskitos lagen jetzt zu Tausenden auf den Blättern und Blumen des Djungles oder tanzten über einer der lauen Pfützen seitlich am Flusse, in denen sich ein Stück Mond spiegelte. Über mir funkelten große fette Sterne und kleine, die wie Dreiecke aussahen und an den Scheiteln richtig zu explodieren schienen. Zwischen den hervorragenden entstanden mittels drahtiger Linien rohe Figuren, klotzige mythische Gebilde. Der Gesang der Zirpen ebbte auf und ab. Eine einzige in der Nähe, die mit rätselhaften Umzügen bald von hier, bald von dort zu tönen schien, konnte alle anderen übertrumpfen. Aber wenn sie schwieg, stieg an allen Ecken und Enden der Welt ein metallisches Brausen empor.

Aus dem Djungle drangen tierische Schreie. Das Dorf selbst war heute abend lebendiger als sonst. Gestalten huschten die Wege entlang. Ein kleines Wesen bewegte sich mehrmals in meiner Nähe auf und ab. Es mußte ein Weib sein. Was wollte es? Ich wurde neugierig. Dann verwünschte ich es, weil es dick und ältlich schien, und es verschwand, als hätte es meinen Unwillen gefühlt. Ich mußte an Zana denken. Aruki, die süße, nun die profane Geliebte von ehemals tröstete wieder ihr Kind. Mit trauriger Stimme winselte sie sich und ihm ein gemeinsames Leid vom Leben vor. Tja, wozu war dies Leben gut? Wozu lag ich hier in diesem indianischen Neste auf der faulen Haut, statt in gepflasterten Straßen zu wohnen, zu arbeiten, mich zu ärgern und zu lieben? Das gewöhnlichste Ärgernis mit etwas mehr Komfort wäre ein Labsal gewesen. Hier aber war ich ausgeschaltet. Hier war mein Platz nicht. Kummer schloß mir die Augen und ich wünschte den Schlaf, zu vergessen.

Was war unter diesen Kannibalen zu holen, diesen Lebemännern von anderer Leute Schmerzen? Der Wust und Aufwand von Muskeln, Fleisch und Sinnlichkeit erdrückte mich. Ich wollte fliehen, ich sah braune Menschen auf vier Füßen hinter mir herjagen, sah sie nach Katzenart sich zum Sprunge rüsten. Einer saß mir im Nacken und fraß. Es schmerzte. Ich hatte ein deutliches Gefühl seines genußwütigen Gesichtes. Ich nahm alle Kräfte zusammen und schüttelte, schüttelte mich in einem konvulsivischen Grauen – da fiel es von mir ab. Der Schmerz schwieg, und sogleich fühlte ich durch die Erleichterung einen vehementen Schwung, ich krümmte mich zusammen und schnellte mich hinaus in den Himmel, frisch wie eine Schnuppe. In weitem Bogen flog ich über das All hinweg, in den Hüften geknickt, mit dem Gesichte voraus. Links von mir stand ein fetter Stern; dann kamen andere und kamen so dicht, daß ein Zusammenstoß unvermeidlich schien. Wir stießen an; aber merkwürdigerweise spürte ich den Schmerz an meinem Rücken. Dies brachte mich auf die Idee, daß ich eigentlich nach rückwärts flöge. Und es bestätigte sich. Kommt es denn so selten vor, daß man sich bei Gravitationen falsch orientiert? Jede Sonne kann das erzählen. Ich habe für diese Indifferenzen das schöne Symbol des Wasserrades gefunden. Ich flog also mit meinem Hinterteil voraus; vielleicht stand ich aber auch irgendwo im Unendlichen, und das gesamte Weltall rotierte gleichförmig an meinem Rücken vorbei. Die Sterne, dummes Silbergeklingel und steife, eingedörrte Krötenbälge traten, so oft sie anstießen, beim Steiß in meinen Körper ein, verursachten ein sprödes Krachen und nahmen ihren juckenden Weg mit demselben trockenen Schnalzton wieder beim Hinterkopfe heraus. Auf diese Weise absolvierte ich so ungefähr das ganze Firmament, es rieselte zart und raspelnd wie eine Ameisenstraße durch meine Wirbelsäule hindurch. Unter mir gab es plötzlich hohe Häuser, eine gepflasterte Straße heimelte mich an. Und obwohl ich einige Meilen hoch darüber hinschwebte, war es doch, als ob ich mich mit meinen Augen in Menschenhöhe über dem Niveau der Straße befände. Zum zweiten Male mußte ich die Ansicht über meine eigene Lage wesentlich ändern. Es stellte sich heraus, daß ich in der Tat mit dem Kopfe nach unten, die Beine hoch oben in der Luft, durch eine Straße dahinpfiff. Mein Rumpf war so unermeßlich ausgedehnt, daß ich beinahe die Fühlung mit meinem Kopfe verlor. Ich erkannte, daß ich sozusagen im Handstand durch die Luft segelte und mein Kopf, der nicht mehr mir gehörte und mit einer Unzahl von Sternen belastet war, die dort nicht mehr herausfanden, mir den Dienst versagte. Eine ungeheure Sehnsucht befiel mich, auf dieser Straße, die mir bekannt schien, haltzumachen. Ich wollte die rechte Hand ausstrecken. Es ging schwer, es ging zäh, sie schrumpfte plötzlich zu einem tauben Handschuh zusammen, aber im nächsten Augenblicke wußte etwas in mir Rat: wie ein brennender Siegellacktropfen fiel, gleichsam bestellt, ein winziger weißer Stern zur rechten Zeit auf meinen Handschuh, schlüpfte dort auf eine merkwürdige Weise hinein und beschwerte ihn tüchtig. Jetzt war es wieder eine Hand. Sie berührte mit einer stumpfen Empfindung den Boden. Es war weicher Asphalt, der sich aber sofort härtete, als ich mit dem Rücken derb darauf zu liegen kam. Noch ruderte ich halb rücklings halb kopfab die Hauswände der leeren Straßen entlang, keine Seele war da, die sich in meiner hilflosen Lage um mich gekümmert hätte. Noch schossen die Sterne wie Raketen die Leiter meiner Wirbel hinunter; am stärksten war das Bombardement an der linken Seite, wo ein ganz großer, fetter, gräßlicher Kerl immer wieder ganze Serien von Verwandten durch mich hindurchsandte. Da kam ich endlich in Fühlung mit der Straße, lief eine Weile auf dem rechten Arme eine Strecke Weges weiter und krachte dann kopfüber hin. Es war plötzlich fürchterlich helle. Bautz, da lag ich, und alle Sterne, die in meinem Hintern aufgespeichert waren, explodierten wie ein Schwarm Funken um mich her.

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