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Robert Müller: Tropen - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
booktitleTropen
authorRobert Müller
year1993
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008927-1
titleTropen
pages5-16
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1915
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XVI

Zana sollte tanzen!

Und Zana tanzte, vor Moki, dem Götzen und wilden lüsternen Gesellen!

In der großen Hütte mitten im Dorfe saßen auf den Reisstrohmatten Luluacs Höflinge. Sie schlugen in die Handflächen, sangen einförmige Lieder und sahen mit berauschten Augen auf die Bewegungen eines dünnen Rumpfes, dessen Glieder sich in den Stichlichtern des flackernden Lagerfeuers verkürzten, verzerrten und verknäuelten wie ein Spiel phantastischer Katzen. Dieser Rumpf war Zana. Sie fuhr in dem breiten Raume wie ein Wirbelwind hin und her, näherte sich dem Feuer, machte krumme Beine, plötzliche Sprünge, man sah, hier war eine Katze, die mit dem Feuer spielte. Sie schüttelte sich wie ein Tier, bog sich in ihrem Rumpfe, der lang und biegsam war wie ein Mannesarm, stieß gellende Schreie aus und stampfte den hartgetretenen Erdboden, der dumpf widerhallte. Ihre beweglichen Füße zauberten einen hohlen, erregenden Rhythmus hervor. Sie saßen lose im Gelenk, hatten metallene Bracelets um die Knöchel und besaßen kräftige feingegliederte Zehen. Der rechte Knöchel war innen aufgescheuert und zeigte eine schründige Wunde. Zana bearbeitete den gestampften Boden wie ein Tambourin, an der engsten Stelle ihres Beines klimperten die Metallreifen, mit Ballen und Ferse holte sie die charakteristischen Läufe dieser Musik, dumpfe ungepflegte Töne, eine niedrigstehende Lautskala, aus der Unterlage hervor. Es bedurfte eines wahnwitzigen Gehörs, um auf diese Trommelfellreize verstehend einzugehen. Angestrengt gab ich mich dem Eindruck hin, der huschenden Gestalt in ihrer wilden Anmut, der Unruhe des Feuers, dem Refrain der brachial einfallenden Männerstimmen. Da hatte ich's heraus und begriff die Melodie, die diesen Füßen, Händen, Stimmen und Instrumenten, hölzernen Zimbeln, gemeinsam war. Diese rätselhafte Rhythmik ahmte den Pulsschlag unseres Blutes nach, nicht den komplizierten Prozeß unseres ornamentalen Gehirnes. Hier entsprach, was Musik hieß, noch einer primitiven physiologischen Gesetzmäßigkeit, alles Funktionelle und alles periodisch Geschehende wurde an sich musikalisch empfunden. Eine einfach repetierte Folge von Handlung und Laut enthielt für das Gehör ein Element der Befriedigung, der bloße Lärm als Produkt einer Tat rhythmischen Wert. Musik wohnte noch in jeder Aktion, jeder Passivität, jeder körperlichen Verwandlung. In diesen gesunden Leibern war die Musik noch so geradlinig erhalten wie der Übergang vom Bedürfnis zum Genuß, erfolgte so wenig systematisch wie die Lust, auf die sich das ganze Weltgeschehen hin zuspitzte, die Lust, die nur in der Einkleidung der Kultur bei avancierten Rassen Ereignis wird. Die körperliche Paarung war der gegebene musikalische Urakt, geeinte Zwei- oder entzweite Einheit erwies sich als hochgradig musikalischer Takt. Dies war das Kommen und Gehen, das Nahen und Flüchten in Zanas Körper. Und diese Musiker hier waren Mischlinge; der Zusammenstoß zweier Rassen erzeugt Musik. Eins, zwei, eins, zwei, horch, wie die Natur marschiert! Was immer du tust, skandiert sie selbst. Die Pace, die Pace, ist alles in der Welt, das Um und Auf der Musik, die Urmusik, das Urereignis!

Vor meinen Augen, in meinen Ohren spielt es sich ab. Zana macht Krawall mit ihren Füßen, trommelt mit ihren lieblichen Fersen auf die feste Erde, daß mir der Speichel im Munde stockt und mein trockener Kopf zu fiebern beginnt. Ich höre die Besessenen heulen und sehe, wie Bewegung auf Bewegung sich an dem Püppchen folgt. Die Pace ergreift mich, ich bin mitten in der Pace, ich wohne mit Schauern dem Urtanz bei. Die Pace, die Pace fällt es mir ein, wir haben die Pace nicht mehr, Europa hat die Pace verloren, dies ist das große unheilbare Leiden! Da geht Zana wieder auf uns los, duckt sich und springt wie ein Panther, trägt ein Scheit vom Holzstoß fort und schwingt es rasend mit den Zähnen, einen feurigen Kreis rund um sich ziehend, in dem ihre magere Figur bis in jedes Schlüpfchen erleuchtet dasteht. Ihr wildes kleines Gesicht glüht verkniffen vor Gier und Ekstase wie durchhitzte Bronze. Der Chor der harten Männer im Schatten, die in den gekrätschten Knien hängen, antwortet ihren dünnen Gaumenschreien mit einer Art tierischen Wohllautes, einem sehr physischen Sehnsuchtsmotiv, von zittern- und hoffenmachender bestialischer Melancholie. Auf! meine Panther in den Djungeln, weint hinauf in den bestirnten Himmel über eurem Sehnsuchtslager, wenn die flaumige hingegebene Gattin eurem entbehrenden Leibe fehlt! Ha, wie meine Männerkatzen fauchen, hei, wie meine Panther raunzen, wenn die schöne Katze Zana, den flachen Leib auf krumme Pfoten gepreßt, ums prasselnde Feuer schleicht! Was singen die Männer, Slim, alter, irrsinniger, schreihalsiger Slim, wenn du nicht schon ganz verrückt bist, was singen sie, gib Bescheid!

Zana, singen sie,

Zana, kleines Pumaweib,
Kleiner bist du
Denn Mokis Herz!

Kleiner bist du, denn Mokis Herz! Klein bist du, denke ich, und wer ist Moki? Da stürzt das Feuer zusammen. Zana beendet aus einem Wirbel heraus ihren Tanz. Ein paar Männer fachen den Brand wieder an, er wird heller, wächst rapide, gleich darauf ist die geräumige Hütte von einem gelben gleichmäßigen Lichte ausgefüllt. Zana steht an der Wand gegenüber. Sie ist ganz nackt, selbst das Schürzchen, das die Frauen sonst aus Reinlichkeitsrücksichten tragen, hat sie abgelegt; nur eine Schnur roter Beeren hängt um Ihre Taille und umgleitet den Bauch, der von der Anstrengung in muskulösen Bändern hervorgetrieben ist. Er fällt rasch zu dem spitzen buschigen Winkel zwischen ihren Schenkeln ab. Um den Nabel herum ist eine gelbe tätowierte Sichel gezeichnet und farbige Kurven verlaufen über den Magen. Ich folge magnetisiert den kunstvollen Striemen auf der glatten Haut und glaube zu sehen, daß die Sichel das aufgerissene Maul einer jappenden Katze darstellt. Je länger ich hinsehe, desto sicherer werde ich, nun geht es mir ein, daß die Muskeln des Mädchenbauches mit dem Relief des Katzenkörpers zusammenfallen. Mag sein, daß es ein brünstiger Panther ist, den Hunger oder Sehnsucht zum gequälten Schrei treiben. Um die flachen Brüste laufen Ringe und Strahlen, ein grüner Mond und eine rote Sonne. Wenn Zana sich wendet, zeigt ihr Rücken bis zu den Lenden hinab prächtige Verschnürungen. Ihr Hals ist für eine Manneshand leicht zu umspannen; ihre Beine sind kräftig, schmal, so schmal in den Gelenken und prall geschwellt um die Wade, aber ohne einen Faden Fett. Das Betörendste sind ihre Knie. O, Zana ist bezaubernd und echt, wenn sie mit ihren akrobatischen Beinen eine krummbeinige Pantherkatze nachahmt; aber wenn sie sich ohne Zwang hinstellt, ist die Flucht der Linien an den Knien am engsten, fast so enge wie am Halse, und die Beine laufen wie die Teile eines ganz, ganz stumpfen Kreuzes nach außen. Und siehe da, dies macht ihre Hüften breit, und sie ist doch nur ein Mädchen. Und über ihre Kniekehlen ist die Haut glatt gespannt wie über kleine Trommeln. In Zanas Kniekehlen ist alle Arglosigkeit, alle Demut und alle Süßigkeit zu Hause. Und doch blicken die braunen gewachsten Augen ihres kleinen Gesichtes wie Hundeaugen, und aus den Spaltnarben ihrer Oberlippe lugen böse Eberzähne schräg hervor, wie die Spitzen eines kleinen gelben beinernen Bartes. Zana sieht aus wie ein junger Krieger und ist doch ganz Sanftmut, ganz Weib. Trägt die Priesterin, die Tänzerin, die Kurtisane im Urzustand die künstlichen Zahnmale ihrer Mannbarkeit wie ihre Nachkommin nach Tausenden von Jahren? Es ist stets dieselbe alte Kunst, ob sie die Wilde oder die Bürgerstochter pflegt. Auf Zanas Backenknochen prangen grellrote Flecke – und ich muß an Schminke denken. Aber der Kopf ist um die Augenlinie befremdlich eingesunken und sieht gutherzig aus. Man darf sich nicht täuschen lassen, dies ist kein junger feuriger Krieger, sondern ein sanftes Mädchen, das in einer sinnlichen und betörenden Art sein Theater spielt.

Mächtige Jäger saßen im Halbkreis, die Tür im Rücken. Es waren Luluacs beste Leute, und wenn man ihre Kraft zusammentat, konnte man damit einen kleinen Berg sprengen. Ihre Muskeln schwollen im Rausche, lebten im Zucken des Feuerscheins wie ein erstarrtes Getümmel von vielerlei Rund. Das Fleisch nahgerückter Gestalten wölbte und verschlang sich in merkwürdigen Knoten und Schnecken wie eine seltsam quellende mystische Masse. In faustgroßen Bildungen und Wüchsen saßen erschreckende Kräfte gespeichert. Ein einziger wilder Organismus von Fleisch war diese Versammlung. In die braun zerklüfteten Gesichter waren Metallstücke geklemmt, und die Oberlippen starrten von scharfen Tierzähnen. Prächtig geflaumte Federn brachen aus den Nasenknorpeln, auf den Köpfen strotzten üppige Federkronen. Eine fremde, vogelhafte Bewegung herrschte rings in der Höhe dieser Zierate, ein Eindruck von Macht und zeremoniösem Pathos steigerte kleine Bewegungen ins Riesenhafte. Die Köpfe darunter aber benahmen sich wie die ausgelassener Knaben und verschuldeten ein pompöses Spiel der Büsche. Dem allem sah der Götze Moki mit blöde verzogenen Lippen zu.

Denn es war noch jemand im Raume; eine Persönlichkeit voll ordinärer Absicht zu wirken, die ich, darob gelangweilt, gerne übersehen hätte, eine Kraft, die meine guten Nerven und meinen sauberen Geschmack kalt ließ, aber langsam und durchdringend einen erschlaffenden Schleier über meine Augen zu spinnen begann; eine rätselvolle Existenz, deren herausfordernde Erscheinung fortschreitend meine seelische Indisposition zu widerlegen anfing und mich in eine wirbelnde Niederlage, blutvoll und blamabel, hinunterriß. Oder wie war dieses Antlitz zu deuten, diese Doppelausgabe eines Kopfes, diese Verkropfung von Gesichtern, die sich kinnlos in einem senkrecht gestellten Maule vereinigten? Jeder dieser zwei wagerechten Schädel des Götzen trug auf der Stirne ein Tausendauge, eine Riesenbrombeere, das göttliche Unterteil aber bestand aus einem übermannshohen dicken Schaft, einem einfachen borkenlosen Baumstamme, der wie ein unendlicher Kragen den halslos schwebenden Kopf trug. Aus dem Schafte wuchsen vorn sechs Paar klauenartiger Knäufe, wie zwei Reihen Euter angeordnet. Sie deuteten auf gräßlich verkümmerte Greiforgane hin. Noch verkümmerter, geradezu ärmlich, ungeschickt ärmlich, so daß man dem armen Teufel darüber gram sein mochte wie über etwas sehr unverschuldet Ärmliches und Häßliches, waren seine zwei Arme. Die beiden prackerartigen Gebilde, die seitlich steif hervorstanden, wie ein paar Tennisraketts, konnten füglich keine andere Absicht hegen, als kurze Arme und hypertrophische Tatzen zu sein. Ich hätte über diese Poverkeit in Raserei geraten können, in blinde, unvernünftige Wut über diese Zumutung an meine schönheitsdurstigen Sinne; und gewiß hätte ich mich zu einer Inhumanität und Gemütslosigkeit niedrigster Sorte hinreißen lassen, wenn mich nicht der überaus fragwürdige Kopf beschwichtigt und gefesselt hätte. Unmerklich zwang er mich zur Anerkennung seiner Macht, stach mit verrückten Einzelheiten nach mir, zwinkerte mich steif aus verborgenen Augenschlünden an, sog mich ein in starr allwissende Lappen, schoß aus mystischen Öffnungen mit Glühgarn und Schattenschnack nach mir und rüsselte Gesichte von unerlebter Steifbeweglichkeit aus meinem wildklopfenden Herzen. Das Maul klaffte ihm so stark, daß nur ein lotrechter Schlitz zurückblieb, und ringsherum waren seine Kopfhälften reich mit Hörnern, Bügeln und Stacheln jeder Konstruktion versehen. Aus seinen grünen Augen zuckte der elevatorische Blick; er konnte die Wucht nehmen; er, das Scheusal, konnte elfische und leichte Gefühle erwecken, tanzende Anmut ins Herz einer Versammlung zaubern, konnte unausdrückbar schwebende Schönheit verkörperlichen, konnte aus widerwärtigem Glotzen leiblichen Segen greifbar spenden und das Gesetz beschwerender Erde mit schöner Lüge verschleiern. Stumpf stehend, löste er sich nach Belieben von seinem Ruhepunkt; teilnahmslos stotzig, beschwingte er eines menschlichen Wesens schwache Kunst, wenn es sich innig und glaubend ihm hingab. Unentzifferbar, nur in ihren Wirkungen demütig zu fassen, zog seine sinnig blutsaugerische Miene die Versammlung empor und die Schwere aus ihren Leibern, und Zana begann zu tanzen. Gott trug sie. Sie balancierte auf einem Bein, ihr Rumpf war rückwärts gebogen und ihr straffes, achsellanges Haar fegte den Boden. Das andere Bein war gehoben und im Knie geknickt. Um den Knöchel klimperte ein Bracelet von Metallstückchen. Die Sohle war rosig und die Zehen waren wie kleine Finger, am Ende aber waren sie ein ganz klein wenig verdickt. Der Rumpf bildete einen raffinierten dünnen Bogen, eine kitzelnde Kurve, die verrückt machte. Man mußte aufstehen und dieses menschliche Ornament in die Arme nehmen. Es prägte sich tief, tief ins Herz, es erregte die Sehnsucht des Gesichts und ein scharfes Herzeleid. Diese Gliederzucht krampfte die Brüste der wilden Männer zusammen, und sie stießen rhythmisch wehevolle, brennende Schreie aus. Ach Zana! Da flog das schmale, splitternackte Ding, eine Schlinge aus Nerven, Muskeln, Wirbeln und zahmen Knochen geflochten, gleichsam durch den Raum, sauste wie ein Peitschenhieb von Eck zu Eck, lag wie ein Faden am Boden vor Moki, dem wülstigen Götzen, kreiselte dünn wie eine Mücke mit ausgebreiteten Armen und Fuß vor Fuß um das Feuer. Und Gott stand still und war mächtig. Seine Ruhe gebar Rhythmus, sie war der Grundton, von dem sich Bewegung abhob. Er liebte Zana, und darum ließ er sie tanzen. Ihr Körper zeigte leichte, glänzende Spuren von Schweiß, und ein kräuteriger Geruch strömte von ihr aus. In den Lichtschein des Feuers fiel etwas Buschiges, Dunkles, eins, zwei, dann ein ganzer Regen von Blumen, Zweigen, farbigen Blüten, von den wilden Männern geworfen: und die Orchideen, die nun am Boden lagen, sich im Stroh des Daches verfingen, auf Zanas Schultern hafteten, blickten erloschen wie gesprengte Muscheln, aus denen ein Perlenauge brechend starrt. Und was bedeutete der Zauber? Slim erzählte im Flüsterton, während Zana mit vorgebeugtem Körper dahinflatterte. Ihre Arme liefen längs des Körpers mit steif nach oben gekehrten Ellbogen zurück, ihre Hände bewegten sich an den Wurzeln mit sanften, flüchtigen Schlägen, ein Rhythmus brandete auf in ihnen, der sich über die Arme, gefügig wie Satin, und die wenigen Schultern hinflutend verbreitete. Der Körper lief wie eine Schraube aus dem edelsten Stoffe, menschlichem Fleische. Die Männer ringsumher summten aus gepreßten Zähnen gleich einem Schwarm toller Mücken, die gestimmten Klöppel der Holzmusik prasselten melodisch gegeneinander. Die Mannsbilder erhoben ihren Gesang. Zana also war eine kleine, winzige Mücke und tanzte vor ihrem Herrn, dem Gotte Moki, dem Blutsauger, dem Vampir der Menschen, dem Tanz-in-die-Luft-Dämon, der rotes Menschenblut soff und frohe Tänze um die Abendstunde genoß.

Zana, sangen sie,

Kleine Mückenfrau,
Bist nicht größer
Als Mokis Herz.

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