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Robert Müller: Tropen - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleTropen
authorRobert Müller
year1993
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008927-1
titleTropen
pages5-16
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1915
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I

Mädchen und Frauen aller Länder und Rassen habe ich gesehen, farbige Schönheiten von verschiedenstem Reiz, aber die übernatürliche seltsame Wirkung, die von Zana ausging, habe ich nie mehr erfahren. Und doch war Zana nur eine armselige Indianerin und urwüchsig vom kostbaren Gürtel, der ihre sonst nackten Lenden umgab, bis zu den kräftigen Fingerspitzen, die mitleidlos in die Wunden von Männern greifen mochten.

Dann war da jener Mensch, Slim, der Amerikaner. Er besaß Mut und doch Gewissen, und war wie der unzeitgemäße Mensch einer mittelalterlichen Abenteurerlust, ein verspäteter Nachkomme eines Konquistadorengeschlechtes, kühl und hitzig, baumlang, stark und furchterregend. Von seinem Vater, einem amerikanischen Seemann, hatte er die Vernunft und Willenskraft des Nordens, von seiner farbigen Mutter die Launen des Blutes geerbt. Diese eigentümliche Zusammenstellung in Slims Begabung machten ihn zu einer charakteristischen Persönlichkeit jener mittel- und südamerikanischen Zone, die noch heute den Sammelplatz für brutale Herrennaturen und Flibustiertypen darstellt.

Das Jahr 19.. fand mich in Curaçao, wohin mich eine technische Mission für die Vereinigten Staaten des Nordens verschlagen hatte. Man hatte mich schon im vorhinein mit den Abenteuern und den ausgefallenen Situationen jener Halbzivilisation vertraut gemacht, und begierig harrte ich kommender Dinge. Da lernte ich einen Holländer namens Van den Dusen kennen. Er war ursprünglich Offizier der Kolonialtruppe auf Java, dann Kaufmann von Beruf, mit jener gar nicht unmodernen Beimischung von Lanzknechttum, das in fremdem Dienste seine Energie und Erfindungsgabe an die verwegensten Aufgaben wagt. Er führte auch diesmal eine ganze Liste von Unternehmungen im Kopfe, die er mir nicht vorenthielt und mit denen seiner Meinung nach Sensationen und Reichtümer bis ans Lebensende zu gewinnen waren.

Ich verhielt mich zweifelnd. Er war nahezu beleidigt, er nannte, er rückte mit Vorschlägen heraus. »Zwei Jahre sind es her«, sagte er nachrechnend, »und ich war damals in Cartagena. Da hatte ich mit einem Manne namens Slim zu tun. Er schleppte den unerhörtesten Gedanken mit sich herum, mit dem ich jemals Bekanntschaft machte. Alles, was man zu tun hatte, war, verstehen Sie mich recht, war wörtlich, das Gold dort wegzunehmen, wo es lag – Millionen Goldes, sage ich Ihnen!«

»Schön«, sagte ich, »und warum geht er nicht hin und nimmt es weg, wie Sie sagen – – – ?«

»Ja«, antwortete der Holländer, aus seiner Begeisterung plötzlich in eine fremde kühle Logik verfallend, und mußte, als Kenner, diese Möglichkeit nun plötzlich ein für allemal durch ein Achselzucken ablehnen, »er selber kann's nicht schleppen, und die Geschichte flüssig machen, das kostet Geld, Geld, – und er hat schlecht gespielt in den letzten Zeiten«, setzte er bedauernd hinzu.

»Hm. Tja, und wo soll denn dieses Gold liegen«, frug ich mit nur halbem Interesse. Soviel wußte ich schon, die Schatzlegenden waren in Südamerika und in jener Weltgegend so zahlreich wie die Moskitos.

Der Flämische machte ein schlaues Gesicht und sah mich belustigt an: »Geheimnis!« warf er hin. Wir ließen das Thema fallen.

Vierzehn Tage später bekam ich Slim zu Gesicht. Auf einem holländischen Postdampfer kam er an. Van den Dusen begrüßte ihn vertraulich und frug nach dem Stand seiner Geschäfte, mit bedeutungsvoll gehobener Stimme. Nun, Slim schien nicht gerade angeregt. Es war mir aufgefallen, daß er alle Menschen, die ihn, eine pittoreske Erscheinung selbst nach romanischen Begriffen, einen Augenblick lang ihrer Neugier für würdig hielten, finster betrachtete. Und da kam's auch schon heraus. Er sei, so sagte er, von Spionen umgeben und jede freie Aktion sei ihm dergestalt verwehrt. Ich sah jene aufdringlichen Fremden unter seinem Blicke schüchtern werden, sie gingen verwirrt weiter, und kein einziger hat es mehr gewagt, sich umzudrehen. Das geierhafte Gesicht mit den stechenden schwarzen Augen wurde mir interessant. Er war entweder ein Spitzbube oder ein lebenstüchtiger, durchaus eindeutiger Mann, der wußte, was er wollte, und in aller Preisgabe seiner selbst noch ein einsamer Tuer blieb. Die Notizen, die er, mehr unterrichtend als erzählend, von der Geschichte des Schatzes gab, flüssig und präzise und anerkennenswert disponiert, brachten mich ihm zum ersten Male näher und gaben für die sympathische Alternative meiner unentschlossenen Freundschaft den Ausschlag.

Auf einer seiner vielen Irrfahrten hatte er während einer kolumbianischen Revolution einem indianischen Soldaten, der von irgendwoher aus dem Innern kam und gewaltsam den friedlichen Hütten seines Stammes entrissen worden war, das Leben gerettet. Unter den freibeuterischen Zufallsarmeen befehdeter südamerikanischer Parteigeneräle befinden sich genug solcher Individuen, die sich erst weigern, durch die Peitsche, vielleicht auch durch Todesdrohungen zum Dienst gezwungen werden und später von selbst mitlaufen, weil sie wissen, daß sie am nächsten Baume gehenkt werden, wenn ihr unbürgerlicher Beruf sie einmal irgendwo allein in einer Ansiedlung oder unter dem allzeit unruhigen Mob einer feindlichen Stadt verrät. Aus Dankbarkeit gab der braune Bursche, der seinem Schicksal später doch nicht entging, seinem Offizier einen kuriosen Scheck auf das Glück, eine gebackene Sandmasse, eine Art Ziegel, auf der eine Menge indianischer Buchstaben geheimnisvoll durcheinandertanzten. Die Geschichte, die er dazu erzählte, klang gefabelt, aber Slim schwor, daß er schon Ärgeres in seinem Leben bestätigt gefunden habe. Die Hieroglyphen waren seiner Aussage nach das Faksimile einer Inschrift, die ein Felsen im Innern Gujanas trug. Ein Wasserfall zerschellte dort am anfragenden Steinklotze und die tosenden Wasser schossen in winkelig zueinanderstehenden Silberbändern in ein braun lasiertes Becken zwischen dichtestem Urwald hinab. Hinter dem unaufhörlich rollenden Silberfilm aber lagen gehäuft die Schätze einer Karawane, deren weiße Begleiter die indianischen Pfadfinder und Arbeiter, nachdem sie überflüssig geworden waren, an dieser Stelle vor Jahrhunderten dem Schwerte preisgegeben hatten und schließlich der Blutrache des überlebenden Stammes, dem auch jener kolumbianische Söldling später entsproß, bis auf den letzten Mann erlegen waren.

Slim, dessen Pathos mich fortzureißen begann, erzählte, daß zwei fruchtlose Versuche, das Lokale des Schatzes zu finden, hinter ihm lägen. Eine Schwierigkeit bestand in der Entdeckung jenes Stammes, dessen Medizinmänner und Priester das Geheimnis noch heute hüten mußten.

Die Geschichte des Felsens mit den Meißelzeichen klang nicht unannehmbar. Allenthalben ragten die primitiven Denkmäler indianischer Raufereien, Duelle und mysteriöser politischer Stammesereignisse an Flüssen und bewohnbaren Oasen im Djungle des inneren Südamerika auf. Mochte ich auch dem Ausgange und der Erfüllung des letzten Zweckes einer solchen Expedition zweifelnd gegenüberstehen, so hatte meine Unternehmungslust doch einen Antrieb erhalten, ich wurde nervös, schien ungesättigt, mein Gehirn kam ins Spekulieren, und die Kaffeehäuser der venezolanischen Provinzstädte, in denen wir uns jetzt zu dritt herumtrieben, wurden mir bald die lästigsten Gefängnisse der Welt. Eines Tages aber begannen wir zu rüsten, mein Tätigkeitsdrang erhielt ein Feld, es dauerte einen Monat, und da ward es plötzlich stille um uns, unheimlich stille, der Urwald schlug über uns zusammen und die Welt der Maschinen und der Konversation da hinten blieb ein Traum unserer hartnäckig arbeitenden Phantasie, die einen Strom von Gold in jene Kulturen zurückführte.

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