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Robert Müller: Tropen - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
booktitleTropen
authorRobert Müller
year1993
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008927-1
titleTropen
pages5-16
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1915
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XIV

Eine große religiöse Feier der Dumaraleute fand statt. Sie war mit kriegerischem Spiel verbunden. Draußen in der Savanne hielt der Häuptling Luluac am Vormittage Parade ab. Die Krieger, lang gebaute Männer, marschierten je eins und eins hintereinander an ihm vorbei. Sie trugen körperlange Speere aus Eisenholz und Schilde, deren Außenseite bei den Vornehmen mit Kelwas Kunstwerken geschmückt war. Zu dem Triumphzuge von Fleisch, Muskeln und barbarischen Stärke, der sich vor unseren Augen abwickelte, war in diesen Gestaltungen der richtigen Weltanschauung Ausdruck gegeben.

Die Menschenschlange zerstückelte sich auf einen lauten Schrei Luluacs hin in hundert wild laufende Männer. Sie rannten mit langen Sätzen an einen Punkt in die Savanne hinaus. Dort sammelten sie sich zur phalanxartigen Formation, die sich in Marschlinie näherte. Das Schauspiel gab einen Begriff von Takt, wie ihn kein preußisches Garderegiment annähernd erwecken könnte. Luluac war mitgelaufen und näherte sich jetzt an der Spitze. Die großen Leiber schwankten rhythmisch nach rechts und links, die Reihen schlugen einen leichten Trab an, bei dem die Knie bis vor den Bauch gezogen wurden, die Phalanx machte halt und trat am Orte, wie auf Velozipeden, von einer Sohle auf die andere. Die Bewegungen der langen Gliedmaßen waren außerordentlich schnell. Der ganze Haufe stand plötzlich vor unserer Nase, retirierte im Schritt, sank speerzielend auf ein Knie zurück, stand da, schwankte in parallelen Gliedern links und rechts und begleitete seine Exerzitien mit bald leisen, bald unartikuliert heftigen Lauten. Vor uns, das Angesicht nach der tanzenden Savanne, saß die Musik; Männer mit vorbauten Körpern, unproportionierten Köpfen und abstehenden Ohren; sie schlugen abgestimmte Hölzer gegeneinander, klöppelten auf Holzkapseln verschiedener Größe und erzeugten einen klingelnden, fortlaufend prasselnden Trommelwirbel. Und dann unterstützten sie allemal die Weiber. Diese stießen ekstatische Schreie aus, die Gesellschaft fiel miteinander in die Pace, sie zuckten mit den Armen, wiegten sich in den Hüften, die Muskeln unter ihrer weichen Haut rührten sich in rhythmischer Ergriffenheit. Ich sah Slim unruhig werden; er taktierte mit den Fingern seiner rechten Hand in die linke Handfläche und warf seinen Schädel mit ungemütlichen Rucken nach allen Weltgegenden. Van den Dusen folgte dem Lärm vorsichtig mit den Schultern. Da gab ich dem in mir aufsteigenden nervösen Unbehagen nach und klatschte befreit mit den Weibern zugleich in die Hände, zählte mit den Fersen am Boden, sang die paar ewiggleichen Noten mit und juchzte laut hinaus, wenn ich mir in einem Bruchteil von Sekunde die musikalische Schönheit einer solchen Unterbrechung des Gesanges vorausberechnet hatte. Unser aller bemächtigte sich ein harmonischer Rausch, ein Entzücken der Muskeln. Der Tanz, das animalischste, tiefste und befreiendste Kunstwerk, gelang uns spielend und mit einem grenzenlosen Ergötzen. Indem wir uns den ausdrucksvollen Launen unserer Fibern hingaben, gestalteten wir mit allen Fähigkeiten des Leibes unsere menschliche Seele. Die unwandelbaren Lustelemente hinter unserer Epidermis nahmen beseligende Form an. Die wir bloß zusahen und an uns das Beobachtete nachskizzierten, erlebten die Erregung in der Anschauung geschmälert und übertroffen. Wir überschlugen uns wie stehende Wellen, knicksten in den Knien ein, arbeiteten mit Ohrmuscheln, Kopfhaut und Kinnbacken, und gehorchten tapfer den drei Noten der ewigen Flöten.

Die tanzende Phalanx machte kehrt, so pünktlich, als ob es hundertmal derselbe Mann gewesen wäre. Die gefiederten Gürtel flogen wie Räder und senkten sich mit derselben abgestimmten Langsamkeit über die braunglänzenden Hintern herab. Als sie ein gutes Stück in die Savanne hinausgelaufen waren, mit den kriegerischen Federkronen schräg vor den Köpfen, begannen sie den originellen rhythmischen Schuhplattler von vorne. Ihre Leiber schwitzten, die Augen rollten wild unter den roten und blauen Kerben zwischen den Brauen, aus den von der Anstrengung geblähten Nüstern stießen gleich kleinen Giftwolken je zwei Federn hervor. Die Kerle tanzten und tanzten wie die Teufel, sie heulten und weinten vor Glück, und die Adern an ihren Waden waren krampfig angeschwollen. Dann plötzlich gab Luluac ein Zeichen und brach die Vorstellung ab. Die Phalanx glitt auseinander. Ich sah auf die Uhr, eine geschlagene Stunde war vorübergegangen und ich war todmüde, als hätte ich selber diese erschöpfenden Tänze getanzt.

Die langen Kerle kamen, die Weiber hingen sich begeistert an ihre Männer. Im Kriegsschmucke mit den Bemalungen in den mageren, zwischen Kinn und Backenknochen eingeschnürten Gesichtern sahen die Dumaraleute wenig geheuer aus. Der Beweis von Kunst und Kraft, den sie uns soeben gegeben hatten, machte sie ein wenig üppig; sie schwatzten laut, ignorierten uns Weiße und rannten uns geschäftig ihre Ellenbogen in die Seite. Ich sah mich nach Slim um, um in seinen Mienen gleichsam Verhaltungsmaßregeln zu lesen. Aber Slim war nirgends zu bemerken. Doch, dort stand er unter den Weibern von Luluacs Gefolge und sprach auf ein kleines Geschöpf ein. Es war – ja, richtig, es war Zana.

Van den Dusen kam zu mir und schüttete mir sein Herz über die Respektlosigkeit der Eingeborenen aus. Ich war also nicht allein mit meiner Hypochondrie, auch der dicke Holländer litt unter der Niedertracht, die zu unserer Demütigung von diesen gesunden Körpern förmlich ausdünstete. Es war dasselbe Lied bei allen Wilden. Er diente mit einem Beispiel.

»Staunen«, sagte er, »ist bereits das Symptom einer höheren Aufgewecktheit. Diese Menschen staunen nie wirklich, sind nie voll von ehrlicher Bewunderung, wenn sie etwas Unbegreifliches zum ersten Male sehen. Ihre Seelen sind so fürchterlich gesund und selbstbewußt; alles appelliert sofort an ihr Lächerlichkeitsempfinden; alles Neue finden sie abgeschmackt wie Kinder. Ich habe einmal einen Orinocomann nach den großen Städten mitgenommen, eigens, um mich an seinem Erstaunen zu weiden. Was, glauben Sie, tat er? Nichts tat er; er schwieg beharrlich, mit einer stoischen Ruhe, die mich verrückt hätte machen können, und tat, als gäbe es da überhaupt nichts zu sehen. Wir stehen absolut nicht hoch in der sozialen Achtung. Soviel verstehe ich von ihrem Geschwätz, daß man sich über uns mokiert. Denken Sie doch, wir sind schlecht angezogen, tragen höchst überflüssige Dinge und haben anderseits nicht die notwendigsten Eberzähne an, nicht das obligateste Stückchen Federkiel im Nasenknorpel stecken! Diese Wilden, die kein Dasein außerhalb ihrer Gebräuche und keinen Horizont über dem ihren ahnen, sind die gefährlichsten Philister, denen man begegnen kann – – –«

»Sehr gut, bloß verkehrt«, sagte Slim, sich anschließend. »Eine prachtvolle Idee, die weit tiefer ist, als Mynherr wohl ahnt, aber«, und Slim setzte ihm belehrend, wie es seine Art war, den Finger auf die Brust: »Sie sprechen einen Anachronismus. Die Sache ist perfekt; nur, daß die Philister die gefährlichsten Wilden sind. Aus eben den Gründen, die Sie genannt haben: dieser beschränkte Horizont, glaube ich, nicht wahr? – Dieses Eingeborenenleben in den Gesellschaften einer Stadt, zähe Urwaldgebräuche, nicht wahr, lustvolle Verkrüppelungen, freudevoller Blödsinn, alles das, mißverstehen Sie das nicht, ist höchst wild und pikant!«

Die Festlichkeiten nahmen ihren Fortgang. Die Männer warfen mit Speeren, schossen mit Pfeilen. Sie gingen mit federnden Schritten und geradegestellten Füßen durch das Lager, auf den Zehenballen schnellten sie sich fort. ihre Beine hatten ein Mindestmaß von Masse an sich und waren an den Waden nach außen gekehrt wie die Gliedmaßen eines Raubtieres. Es verlieh ihrem Gang Beherrschung und Ökonomie, sie konnten mitten in einer Bewegung halt machen und die Richtung ändern wie Katzen. Mit großer Spannung fühlte ich da meinen Blick auf van den Dusen gerichtet; da ging er auch schon, mit den Füßen schräg nach auswärts, mit steifen Hüften. Er hatte irgendeine Meinungsverschiedenheit mit Slim, plötzlich warf er seinen Rock ab, lockerte den Hemdkragen und zupfte an seinen Hosen. Herr des Himmels, er wollte doch nicht etwa das Wettrennen mitlaufen? Als aber die Konkurrenten aufmarschierten, beruhigte er sich von selbst. Es waren gestreckte Figuren, Windhunde mit unansehnlichen Schenkeln und bloßdaliegenden Längswülsten an den Außenwaden. Sie liefen. Die Zehen packten den Boden in die Faust und warfen ihn nach rückwärts. Sie rannten weit in die Savanne hinaus. Van den Dusen erklärte sich mit dieser Technik nicht einverstanden. »Das sind keine Beine, das sind Pfoten«, sagte er. »Ich war der beste Läufer in der Kadettenschule.« Nach zehn Minuten kam der Schwarm gelichtet zurück. An der Spitze führte ein magerer Mann mit einem Brustkasten, an dem sich die Rippen sträubten. Schultern, Magen und Becken waren wie auf geheimnisvolle Weise abgefressen, aber über dem Knochensystem kreuzten sich bandelierartig die Sehnen. Seine Lippen, an denen Serien von winzigen Metallplatten in stets kleiner werdendem Format wie die Armatur eines Wikingerdrachen eingeheftet standen, waren vor Erschöpfung nahezu eingezogen. Aber er versuchte Ruhe zu heucheln, schneuzte seinen metallenen Bart und atmete besonnen, nicht eingerechnet die kreischenden Schreie, die der wilde Mensch aus seiner abgeknabberten Büste hervorholte, hohe, weibliche Diskantlaute. Das war kaum ein Mensch, sondern ein Stück Lauf. Die Weiber schnatterten um ihn herum und warfen ihm verliebte Blicke zu, für die er sich in übereifrigen Vogeltönen bedankte. Die Musiker brachten einen Tusch auf den Läufer aus, sangen ihm zu Ehren und verklöppelten wie rasend ihre Hölzer.

Die Musiker fielen mir auf, sie zeigten einen ganz anderen und nicht weniger interessanten Typus. Es war eine körperlich untergeordnete Menschengattung. »Mischrasse, wie alle Musiker«, sagte Slim. Ihre Musik begann mir zu gefallen. Eine leise Verachtung gegen Muskelmenschen stieg in mir auf. Diese Musiker sahen viel weniger übelwollend aus. Sie hatten feine, intelligente, melancholische Gesichter. Um es nur zu sagen, sie sahen zivilisierter aus, gaben sich bescheidener. Meine Antipathie gegen die aufdringliche Wildheit von Leibern, die mich umgaben, stieß hier an eine beruhigende Küste: ein kleines, wohlgenährtes Bäuchlein. Das Aufregende jener bronzenen, magenlosen Wandelstatuen machte widerwillig; die Arbeit, die in all diesen Muskeln lag, ermüdete vom Ansehen; das tagelange Regaliertwerden mit einer Anmut, die ich seit Kindheit in meiner Kultur nur als Ausnahme und Festtagsgeschenk kennen gelernt hatte, schnürte mir den Hals zu. Ich sehnte mich nach Fett und Gemütlichkeit. Welch ein prächtiges, ruhiges Exemplar war doch dieser massige Musikkapitän! Von dem dicken Musiker sprangen meine Gedanken begierig auf die kleine Aruki, mit ihren Brüsten und breiten Lenden; ich suchte sie, aber während mein Blick über die Weiber hinging, traf er auf Zana. Ich sah sie, klein und unentwickelt und mit dem verdorbenen, schiefen Blick. Sie stand bei Slim. Da fühlte ich die unübersteigbare Kluft zwischen mir und diesen Gestalten indianischen Heldentums, und kränkende Gedanken fuhren mir durchs Hirn. Plötzlich kam mir eine Idee. Ich lief in meine Hütte, hängte mir den Mauser kavalleristisch quer über den Rücken, warf die Bagage durcheinander, bis ich auf meinen Klemmer stieß, und trat hervor.

Als ich kam, war eine Anzahl Männer damit beschäftigt, über wagerecht gelegte Speere zu springen. Sie alle sahen aus, als ob man in ihrer Bronze kleine Sprengungen vorgenommen hätte. Der Championläufer trug den Sieg davon. Er sprang über einen Mann hoch, den Kopf voran, und fiel regelmäßig wie ein Tier auf alle viere. Die Muskelschnallen an seinen fibrösen Waden traten von der Anstrengung in einem deutlichen Relief hervor.

Und nun werde ich euch zeigen, was wir können! Slim hatte den Häuptling zu verständigen. Die Erlaubnis war erteilt, die Aufmerksamkeit konzentrierte sich auf mich. Ich putzte bedächtig meinen Klemmer und suchte in der Savanne draußen ein Ziel. In der lächerlichen Entfernung von fünfzig Schritten gewahrte ich einen alten Bekannten, einen blauschillernden Falter mit handgroßen Segeln. Ich hieb den Klemmer auf die Nase, zog das Gewehr rasch an die Schulter und schoß. Der Falter brach geknickt zur Erde. Einige Buben liefen, ihn aufzuheben. Dann wandte ich mich um; da hinten auf einer der Hütten ragte ein Schild übers Dachstroh. Es war Kelwas Hütte. Ich gab hintereinander vier Schüsse ab, das Bild brach mit dem oberen Rande ab, und die Figur, die es dargestellt hatte, war nun kopflos. Das war kein Kunststück, aber es machte Effekt. Als ich durch den Klemmer zufällig auf die Frauen sah, schrien sie entsetzt und versteckten sich eine hinter der anderen. Ein bißchen verlegen über meine Wirkung ging ich, wo Slim neben Luluac stand. Als ich Zana ansah, verschwand sie. Erst als ich den Zwicker abnahm, schien sie sich wieder glücklich zu fühlen.

Ich hatte mich gerächt. Mein Selbstgefühl stieg um ein bedeutendes.

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