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Robert Müller: Tropen - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
booktitleTropen
authorRobert Müller
year1993
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008927-1
titleTropen
pages5-16
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1915
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XII

Aber man kann nicht immer im Farndickicht jagen. Eine Katastrophe der Langeweile breitete sich vor. Oder war es Sehnsucht? Meine Hände waren matt, feucht und klebrig. Ich wollte bemerken, daß in dieser Zeit meine Fingernägel ein beschleunigtes Wachstum zeigten. Ich war lasterhaft, und darum begann ich sie abzureißen. Mit dem Pantherspielen war es nun ja doch vorbei; ein paar hunderttausend Jahre kam es zu spät; es war jetzt wohl eine bloße belanglose Gewohnheit meiner Sinnlichkeit, mich mit Krallen zu versehen. Seit mein Geschlecht die wilde Kraft seiner Lust verlassen hatte, wurde es genäschig, wie alle Krallentiere, denen man den Raubtieraplomb geschlechterweise abgezogen hat. Und nun sah ich auch zum ersten Male, daß ich Gefährten hatte. Bei Zana hockten ein Äffchen und ein Papagei nebeneinander auf einem morschen Gabelsystem von Ästen und fraßen einander mit vor Neid häßlichen Gesichtern die Leckerbissen weg. Aber noch intimer fühlte ich mich mit den niedrigstehenden Schmetterlingen des Llanno, minderwertigen Geschöpfen, Degeneraten aus einstmals sicherlich furchtbarem Geschlechte. Möglicherweise waren sie die direkten Nachkommen des mystischen Drachen; ihre fingerdicken, ein wenig gekrümmten Leiber waren noch jetzt in ihren Ringen faul und räckelig, kleine, schlappe Teleskope, ganz unproportioniert zwischen den wundervoll gegitterten Membranen hängend, die mit ihren Tinten, Flecken und Augen aufregend gegen die übrige Häßlichkeit abstachen. Der Schmetterling der Prärie! Auch der Saugapparat, ein veritables Taschenuhrwerk in seiner Diffizilität und entsetzenerregenden Kompliziertheit, schien der Mythe entsprechend. Hatte ich hier also eine kleine Ausgabe der Vorzeit vor mir? Wenn das Tier durch den entrollten Rüssel wie ein Küfer zu süffeln begann, schien ein blaues Flämmchen die Spirale entlang zu fliegen, und die Schenkel der Orchidee, die seiner Süchtigkeit herhielt, begannen verbrannt, entseelt dahinzuwelken. Oder war es Täuschung? War es der Reflex der stählern schimmernden Faltersegel, deren Myriaden Flicken in das Netz von grätigen Fasern eingesetzt waren? Bange blickte ich auf den stacheligen Maulzierat und den seine Wollust starr hinaustrompetenden Leib, ein Schauer von Abscheu und Anziehung schüttelte mich und zog meinen faszinierten Blick an diesen unverständlichen Gegensatz von Schön und Häßlich heran. Da, während ich es gequält ansah, wuchs es ins Ungeheure. Der Schmetterling wurde größer und größer, und der Drache der Vorzeit entstand vor meinen Blicken. Wer wollte mir ableugnen, daß dieser Schmetterling nicht ein unendlich verharmloster Typ eines einst gefährlicheren Wesens war? Wer hatte jemals den Drachen in seiner tausendmal verdeckten Schmetterlingsepidermis ungestraft aus der Nähe in Augenschein nehmen können? Wer hatte sich aus der Gefahr tatsächlich in ihre Beschreibung zurückgerettet? Einem solchen Ungeheuer, mit allem Komfort der Munition, mit Fängen, Flügeln, Rüsseln und einer Rostra ausgerüstet, hatte kein Menschlein mit seiner einfältigen Keule entgehen können. Der Feueratem war ein Mißverständnis; er beruhte auf den mephitischen Dämpfen, die aus der Verdauung eines solchen Vielfressers hervorgehen mußten. Man konnte sich ja den älteren Vorgang nach dem, was ich jetzt sah, rekonstruieren. Warum hatte der Drache gerade für Jungfrauen und Jünglinge, gerade für besonders eitle und prinzenhafte Wesen solche Vorliebe? Wahrscheinlich hatte er sie gar nicht, sondern dumm und stark wie er war, fraß er, was sich ihm opferte. Seine wunderbar schillernden Flügel aber zogen die Neugier der Menschenkinder tödlich an. Die Kleinen, Aufgewecktesten und Sinnlichsten liefen herbei, um das Farbenphänomen zu sehen. War das Abendrot dort in die düstere Waldschlucht zwischen hohe Kieferstämme gefallen, lag dort ein Schatz seltener magischer Steine, hauste dort in den schroffen Klippenhöhlen am Kreidesteinsee der Regenbogen, der den Gang der Wasser begleitet? Sie liefen hin, und das Vieh lauerte, plötzlich erhob sich ein Schlagen und Blitzen von wolkengroßen Flügeln, feurige Farben waren zugleich mit heiß verkohlenden Gasen in der Luft entfaltet, ein ungeheurer, aus zehn Öffnungen maulender Schlauch senkte sich vor dem kalkweißen Monde zur Erde, purpurne Dämmerung legte sich über das gräßliche Schauspiel solchen Untergangs. Ach, war es süß für die Süßen, so grauenvoll zu sterben? Konnte es anders, als romantisch den Traum Ungereifter beflügeln? Wer's hätte sagen können, kam nicht wieder; wer's aus der Ferne sah, gewahrte, daß hier der Tod mit einem unerträglich rätselhaften Farbenrausch verbunden war. Er erzählte es daheim am Feuer des Stammes, wie die Gluten zwischen den scheinbar am ganzen Körper verteilten Kiefern hervorbrachen. Und Jüngling und Mädchen gingen hin, die Lust versuchen, kamen nicht wieder, und man sagte, halb begreifend, der Drache habe sie gefordert.

Jetzt war der Falter da eine Nymphe der Häßlichkeit. Alles war zart an ihm geworden bis ins Unendliche. Noch glomm in seinen vorgetriebenen Bukettaugen ein grünliches Feuer. Er war genäschig, unstet und taumelig. Sein Flug hatte keinen Charakter, kein Ziel, nichts Arbeitsames, Ordentliches war an ihm zu bemerken. Er war das Endresultat der Entwicklung vom Menschenfresser zum Vegetarier. Verkommen war er, wie nur mehr unsere Wertungen, wie nur mehr wir, wie nur mehr ich. Auch ich stammte von einer größeren Pracht ab. In meinem Blute bellte der Panther. O du krumme, schwarze Katze des Urwalds! O du Schmetterling des Llanno, kleiner, seidener Drache unter Blüten! Wir entsprechen einander, wir sind dieser Zeit der Verkleinerungen würdig. Was bei meiner Ahne, der Tropenkatze, die schöpferische Kraft des Augenblicks gewesen war, ist bei mir nur mehr Talent. Er jagte, ich beobachte. Er war heroisch, ich bin tief. Er war ein Realist, ich habe Phantasie, diese abgelebte Realität. Die Größe stirbt aus, das Talent wehrt sich. Dafür sitzt es freilich fest. Meine Art hatte es doch gewissermaßen zu etwas gebracht. Wir waren das glorreichste Jägergeschlecht, das die Natur gezeugt und bemuttert hatte. Alles ward uns zur Beute, unsere Jagd dehnte sich nicht bloß auf den naheliegenden Magenverdienst aus, sondern leistete auch Überschüssiges und sparte das Errungene als geistreiche Beobachtung. Ein Panther geht nicht um des Fressens willen in den Busch, er will was lernen. Der Drache aber hat gepraßt und gevöllert und verschlungen, was immer ihm unterkam, ohne gescheiter zu werden.

Den Ruin solcher Weltanschauung hatte ich im drastischen Bilde der Verzwergung vor mir. Welch naschhafte Verkommenheit! Der Schmetterling des Llanno war der Nachkomme der alten Aristokraten des Fleisches, dieser Prachtgeschlechter unter den Organismen. Dagegen gehalten, mußte der Mensch immer nur ein Parvenu sein. Aber die Betriebsamkeit der Menschenkatze hatte mit ihrem anfänglich bescheidenen Geschäfte Erfolg gehabt, nicht der Fresser und Genießer, sondern der primitive Jägerinstinkt war nach allen Richtungen hin siegreich über die Welt ausgestrahlt. Einst mochte der Drache für eine armselige Katze nur eine uneinnehmbare, stupide Festung aus Fleisch und Schildpatt gewesen sein, mit Blendwerk und Schlünden, aus denen mit Gasen geschossen wurde; heute aber war der Tag der Rache; nach Milliarden von Jahren standen wir uns endlich wieder von Angesicht zu Angesicht gegenüber, das erschlaffte aristokratische und das rege demokratische Prinzip. Der Genießer und der Jäger. Der Lebende und der Beobachtende. Das Fleisch und das Gehirn. Aufgepaßt!

Aufgepaßt! Ich nahm meine Browningpistole zur Hand, diese metallene Nachbildung eines ominösen Insektenleibes, diese Zulage an reeller aristokratischer Erscheinung, diese dumm aber perfekt losgehende Gefährlichkeit. Eins, zwei, drei! Im Augenblicke, da ich schoß, klappte der Falter seine blauen Segel hoch wie ein Zweimaster unter einer steifen Brise. Gleich darauf pfiff die Kugel durch seine Fittiche hindurch. Es muß einen Mohrenlärm für den armen Teufel bedeutet haben, das Brechen der feinen knorpeligen Gestänge übertönte die Detonation des Schusses und das lokomotivartige Sausen des Projektils. Man denke, ein Expreßzug rast durch die bunten Venetianerscheiben einer haushohen Glasflügelfassade, zertrümmert das kunstvolle System der Fazettspiegel und stört eine nymphisch verzückte Röhre der Genießlichkeit aus ihrem Schleimtraum! Der Schmetterling fiel ohnmächtig von der Blüte auf einen Blätterstrauß herab, wurde aber schnell munter und taumelte in zackigen Schwüngen mit verdoppelter Anstrengung davon. Zwei gewaltig aufgestülpte und gerissene Löcher klafften in seinen Schwingen, in ihrer Nähe waren die spröden Häute zackig gebrochen und farblos wie Horn. Die schwarzsamtenen Augen blickten geschwollen und seine Koloraturen waren verwischt, wie Dünen nach dem Sturm.

Ich sah ihm neugierig nach und konstatierte ohne Befriedigung meine Jägertat. Aber es war dennoch ein Erfolg. Ich hatte geschossen und die Erkenntnis besiegelt. Der große Pfad der Entwicklungen lag klar und übersichtlich vor mir, die Mißverständnisse waren zu Ende und die Jagd der Symbole hatte Wirklichkeiten erlegt. Schwarzer Panther meines Herzens, bunter Schmetterling meiner Sinne! Ich erkannte, daß mein Verhalten ein System in sich barg, an dem ich nicht Schuld trug, das vielmehr mein Empfinden lenkte. Alles in mir war auf das Natürliche und Notwendige gerichtet. Ich schritt die Leiter der Entwicklungen zurück und schreite sie nun wieder nach vorne zu. Bald werde ich wieder beim Menschen der Zukunft sein, nachdem ich bei den Wesen der Vorzeit gewesen bin.

Stimmung, südamerikanische Djunglestimmung, was war das? Als ich die Tropen noch nicht kannte, vermeinte ich's zu wissen. Ich trug es damals in mir, die Tropen waren in mir vorweggenommen, irgend einmal in grauer Vorzeit mußte ich sie erlebt haben, als ich noch in meiner Mutter Schoß im lauen Klima, von Nahrung umbrandet und umspült, lag. Später kam ich hin und sah den Dingen auf den Grund, sah buchstäblich in ein schleimiges wimmelndes Wasser von Zellenleben zwischen Urwaldufern hinab. Ich begegnete einem Panther und erkannte den Lebensmodus meiner Nerven in ihm wieder. Ein Schmetterling des Llanno belehrte mich, daß meine etwas schüchtern machenden demokratischen Nerven, wenn sie auch das Zeichen waren, daß ich aus kleinem Hause herstammte, doch endgültig über das Weltprinzip der fetten Seelenruhe gesiegt hatten und eine große Karriere ahnen ließen. Und die gut konstituierten Menschen eines Indianerdorfes erinnerten mich an meine vernehmlichsten Wünsche, die Lust, die fröhlichen Begleiterscheinungen meines Jagdtriebes. Es war alles wohl abgestuft. Einen Schritt weiter noch auf dieser Skala und ich stand wieder mitten auf einem Platze in Paris oder Berlin, und war in meiner Art ein Staatsmann, so wie ich das Leben um mich her nun auf seine treibenden Urelemente hin übersah. Ich war bei Zellen, Insekten und Raubtieren gewesen und hielt mich in der Seele des Indianers, des schönsten aller wilden Menschen auf. Langsam näherte ich mich mir selber – dem intellektuellen Kaukasier, dem nervösen Nordlandmenschen – da war ich schon über mich hinaus, ich war in der Seele Slims, des Weltmenschen.

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