Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Robert Müller: Tropen - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
booktitleTropen
authorRobert Müller
year1993
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008927-1
titleTropen
pages5-16
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1915
Schließen

Navigation:

XI

Wir standen, je hundert Schritte voneinander postiert, bis an die Brust im Farnkraut und schossen den Pumaprinzen tot, den uns eine Korona von Dumaraleuten zujagte. Er hatte sich nah dem Dorfe eingenistet und letzthin ein Kind vom Djunglerande weggeholt. Jetzt kamen die Weiber gelaufen, sangen während seiner Agonie, traten ihn in den schlaffen Bauch und drehten ihm die Scham aus.

Bevor ich schoß, hatte ich mir eine Vorstellung geben lassen. Er benahm sich mir nicht unbekannt, wie ein gewiegter Neurasthenikus; war wachsam und argwöhnisch, häufig peinlich berührt, frequentiert von Eindrücken, eine Künstlerseele, was findige Phantasie und Beobachtung anlangt. Und doch war er letzten Grades höchst unvorsichtig und galoppierte dummerweise gerade vor der größten Gefahr, meiner schußbereiten Büchse, blindlings vorbei. Aber ich schoß nicht. Ein guter Jäger muß Wild sein können. Hier stand ich mitten in einem Farnwalde, in einem reichen Gekräusel grüner Fasern, und solange ich nicht losdrückte, unterschied mich nichts von einem Jäger der Tertiärzeit. Mein ganzes System war bis zum äußersten gespannt, noch auf zwei Schritte Distanz hätte ich gegenüber diesem krummbeinigen, schwarzfelligen Kater meine Kaltblütigkeit bewahrt. Es fiel mir ein, daß ich und diese Katze im Augenblicke vieles gemeinsam hatten, gleichsam eine einzige Lebensstufe in ihren polaren Gegensätzen darstellten. Denn nach Katzenart war auch ich als Jäger nicht nur Futterbeamter, sondern Beobachter. Ich experimentierte mit meinem Opfer, bevor ich meinen endgültigeren Wünschen freien Lauf ließ. Es fehlte nur noch, daß auch diese stämmige Katze mit

Selbstkontrolle ausgerüstet war – auf jeden Fall benahm sie sich höchst zweideutig und interessant. Statt einen der Treiber anzugreifen und sich einen Weg durch die entstehende Lücke zu bahnen, rannte sie in buckligen Sprüngen die Kreuz und die Quer und flitzte lange Furchen in das hochaufgeschossene Kraut. Sie war zu träge zur Aktion, war nicht in Stimmung, stand vielleicht im Augenblicke auf einem höheren philosophischen Standpunkte und empfand solche unbegründete Lebhaftigkeit der Mitwelt als abgeschmackt. Als aber der Kreis sich verengerte, hatte sie ihre Nerven vollständig verloren, es wurde ihr flau zumute, sie blieb vor mir stehen, zwinkerte mit den Augen und flaggte mit den Bartspitzen, weinte schließlich aus ihren Schlitzen und kotzte ein kleines Frühstück aus. Zugleich verbreitete sie Gase wie eine chemische Werkstatt in voller Arbeit. Ich war ungeheuer entrüstet, aber da ich sah, daß sie noch immer nicht den Rest ihres Daseins meinte, zögerte ich am Druckbolzen. Sie hielt es noch immer bloß für ein unerwünschtes Erlebnis. Zudem war stets etwas Unerklärliches an ihr, etwas schnurrig Behagliches, eine Art wilder Wonne, und ich erinnerte mich pietätvoll an die Zustände der Kindheit, wenn ich versteckt auf die verfolgenden Kameraden harrte und der nächste Augenblick über »Leben und Tod« sozusagen entscheiden konnte. Dieser schwarze Buckel auf den vier krummen Beinen, mit dem flachen Kopfe, hatte etwas entschieden Abenteuerliches. Die Geschichte entwickelte sich weiter. Da streiften Pfeile ins Kraut und begrüßten meinen Kater. Ich sah etwas wie ein böses, gefälteltes Lächeln auf seiner Oberlippe, und nun änderte sich das Bild. Ein Pfeil traf ihn in die Lunge und zitterte nach. Eine fessellose Angst bemächtigte sich seiner. Er drehte sein Hinterteil vollständig nach außen, streckte den Kopf hoch in den blitzendblauen Himmel und riß die Kiefer aufkreischend zu einem flachen Kreissegment auseinander. Dieser Schrei klang mystisch wie die Explosion sämtlicher Töne, die in einer Flöte stecken, und war so schrecklich, daß mir übel davon wurde. Es war ein vollständig neuerfundener Vokal, der sich hier, wie ein Fetzen Fleisch, heiß aus den drahtstiftdünnen Fängen loslöste. Langsam trat Blut zwischen den Zähnen hervor. Alles Fleisch, alle Haut war schmerzlich zur Nase zurückgezogen, zwischen den beiden weitgetrennten Fängen zitterte ein Speichelfaden wie eine silberne Saite, und die Silhouette des Schädels war gewaltsam dünn wie eine Mondsichel. Die Augen waren krampfhaft geschlossene Spalten. Ein, zwei, drei Sekunden sah ich ihm zu, er ergötzte mich, er inspirierte mich, dann fiel mir etwas ein, ich schämte mich und schoß, indem ich alle sechs Mauserplomben hintereinander aus dem aufzuckenden Gewehr auf seinen Körper losspringen ließ: ich schoß aus den Händen von der Hüfte aus und traf ihn schlecht. Er purzelte zusammen und riß die Farnwurzeln aus. Die Indianer liefen vorsichtig herbei und standen würdig an seinen Seiten. Der langgefiederte Pfeil ragte, während das Tier am Rücken verendete, lotrecht in die Luft. Dann kamen die Weiber und zerrten und traten ihm das letzte Lebensrestchen aus dem Leib, bis man ihnen den schwarzen Balg abjagte. Und ich sah ihnen zu, sah, wie ihre Hände und Füße gierig zugriffen, und in mir brüllte die Sehnsucht aus der Tiefe meiner Eingeweide wie ein leidender, lebensfroher Puma. Ich spürte meine Kaumuskeln steinhart werden vor Energie, von einem Lebenswillen, der mir das Zwerchfell zu einem glücklichen Seufzer reizte und mir mit herausfordernden Kräften in die Muskeln an Schulter und Oberarm stieg. Das Blut strömte zu meinen Händen, sie entwickelten ein von mir unabhängiges Verlangen zu greifen, ihr Fleisch spannte sich und hing sich schwer an meine Ellenbogen. Als ich sie van den Dusen auf die Schulter legte, hätte ich ihn ohne böse Absicht beinahe umgeworfen. So mußte ein Panther seine Pranken fühlen, wenn sie nach Fleisch lechzen.

 << Kapitel 15  Kapitel 17 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.