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Robert Müller: Tropen - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleTropen
authorRobert Müller
year1993
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008927-1
titleTropen
pages5-16
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1915
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Ja, was wohl dieses Dorf sonst noch an Geheimnissen barg? Mit diesem Gedanken geriet ich in gute Laune. Denn nun konnte ich vielleicht doch noch etwas erleben, eine kleine Erinnerung mit nach Hause nehmen in die Heimat, eine Serenate unter brasilianischen Palmen, ein tête à tête in einer Indianerhütte, ein herziges nerv- und sinnerfreuendes Erlebnis. Ich war eben ein Dichter; und nun begann ich zu sprechen und zu fragen, ließ Arukis glänzendes Fell im Feuerschein auf mich wirken, gab meiner Wißbegierde für alles, was sich auf das Leben und Treiben dieses Völkchens bezog, lebhaften Ausdruck. Malend und farbensuchend in meinen Worten, spann ich auch Slim in diese Erregung hinein; er wurde mir jetzt als Autorität auf diesem Gebiete plötzlich lieb; und schon fühlte ich, daß wir in einer gewissen Art ein Herz und ein Gedanke waren.

»Erzählen!« verlangte ich. Eine homerische Stimmung, eine zarte Einfalt des Hörens beherrschte unsern kleinen Kreis. Selten kamen wir Weiße, die wir in der Intimität des Reisens doch so nahe aneinandergedrängt waren, so sehr zu uns selbst, wie an diesem ruhigen ausgeglichenen Tropenabend. Hier war es, wo ich ein gutes Stück mehr von dem wirklichen Slim erfuhr. Schon sank der Abend dunkelblau durchleuchtet vor die Hütten; die Interieurs wurden kleine Schmieden der Häuslichkeit, vor den flackernden Feuern bewegten sich bückende und fleißige Gestalten, Weiber hielten ihre entfesselten Brüste in den Schein und durch die aus Glasperlen und Beeren geflochtenen Schürzen hindurch bewegten sich schattenhafte Hüften. Ich saß unter Wilden und kam mir nicht sonderlich fremd vor. Und so begann eines der größten und bedeutsamsten Gespräche, die ich mit Slim hatte.

Slim fing mit der Behauptung an, in dem Dasein des Wilden gebe es ein Glück mehr: die Lust. Man habe darin Erfahrung, man habe darin mehr Kultur als in dem kultiviertesten Zentrum der Welt, Paris. »Nehmen Sie zum Beispiel nur diesen einen Umstand, die schreckliche physische Überlegenheit des Mannes. Ich wage zu sagen, wo die fehlt, da ist im Geschlechtsleben etwas nicht richtig. Was ist nun ›richtig‹? Richtig, das heißt gesund, ist der Mensch mit dem vielseitigsten und von keiner Moral verschnittenen Lusttriebe. In den europäischen und deren Töchterzivilisationen aber fehlt es an physiologischer Aufklärung; die Menschen wissen nicht, was das ist: ›gesund‹. Den Urbegriff verstehen sie nicht, sie sind trotz jahrtausendelangen Denkens und systematischen Wertens noch zu keinem blutigen Bilde von dieser Angelegenheit gelangt. Einen einzigen Mann habe ich unter ihnen gefunden, einen Weisen in einem Wiener Kaffeehause. Er hat ein Ashanteebuch geschrieben, in dem er die Seele Afrikas – –«

»Ach ja«, sagte ich, »den kenne ich. Er heißt, warten Sie mal, er ist ein großer Dichter – er war aber nie dort – – –«

»Ppp... « machte Slim und blies Luft aus den Backen. »Aber gewußt, was zu wissen ist, und was man nur in Afrika lernen kann, hat er doch. Er sagte, ich erinnere mich nunmehr des Sinnes, ungefähr das: ein richtiger Kranker ist wertvoller als ein falscher Gesunder.« Es entstand eine kleine Pause, während welcher Slim uns erwartungsvoll und mit offensichtlichem Hohn ansah. Dann fuhr er fort, indem er dieses überflüssige Gespräch beleidigend kürzte und sofort die Nutzanwendung zog.»Das ist es: in den europäischen Zivilisationen fehlt es an physiologischer Aufklärung. Man führt dort gewissermaßen noch immer Hexenprozesse gegen die schönsten nymphischen Eigenschaften des Menschen!«

In diesem Augenblicke wandte sich van den Dusen mir rasch zu. Es war die Erregung eines Menschen, dem die unverständliche Art eines dritten denn doch über die Hutschnur geht. »Das muß man nämlich wissen«, schrie er, von ehrlicher Heiterkeit geschüttelt, »diese Logik eines Slim, diese Spezialität des Schweinehundes als Philosophen!«

Nun hätte Slims Zynismus, dieses beim Namen genannte Kind seiner Seele, das er also gern als Tiefe verschwieg, doch wohl offenbar sein sollen! Ich erschrak. Gespannt betrachtete ich Slim. Und während ich mich vergewisserte, was da jetzt in ihm vorgehen mochte, gewann ich ihn plötzlich lieb. Er wurde nämlich nicht laut, nicht drohend, nicht boshaft. Im Gegenteil, sein Gesicht verzog sich zu einem weinerlichen Lächeln, er wurde hilflos und verlegen. Ließ ihn seine Geistesgegenwart im Stich? In diesem Augenblick stellte ich die absolute Ehrlichkeit und Naivität seines Charakters und seiner Gesinnung fest. Sie mochte nie und nimmer auf unpassende Überlegenheiten angewiesen, noch auf überraschende persönliche Anspielungen gefaßt sein. Ich liebte Slim jetzt wegen seiner Zartheit und weil er das Thema nicht mit einer persönlichen Spitze erweiterte, sondern nach einer Pause des Stotterns sicher auf seinen Gegenstand zurückkam. Er schlug den Holländer, indem er ihn ins Sachliche mißverstand.

»Nein«, sagte er, »gesund, – – normal... das ist so eine unsichere Nomenklatur. Das ist alles so verteufelt – – wie soll ich sagen? – fade. – Sie werden zugeben, daß man die Hand gesund nennen darf, die in jedem Sinne im Vollbesitze ihrer zehn Finger ist. Sie können dieses Bild nach den Richtungen aller menschlichen Talente hin verwenden. Nun, die Kultur, die sich als einzig bestehende und gegenwärtige dünkt, ist eine Rechtser-Kultur. Sie neigt zum Extrem, sie ist unausgeglichen, sie ist in ihren Wertungen ungesund. Die Atrophie ihrer einen Seite dient ihr als Bezeichnung des Abfälligen, sie meint das ›linkisch‹ böse und heißt alles, was ihr paßt, nach der bevorzugten Seite. In allen zivilisierten Sprachen ist rechts und richtig gleich an Urteils- und Spruchkraft. Es gibt aber kein Links oder Rechts mit Bezug auf die Güte einer abstrakten Fähigkeit. Der körperliche Linkser gilt als Abnormität und besitzt doch nichts anderes als die komplette, gesunde Konstitution. – Verstehen Sie mich?«

»Gewiß«, sagte ich schnell; »was ist daran nicht zu verstehen?« »Nein, dann verstehen Sie es nicht«, sagte Slim. »Ich dachte, Sie wüßten es schon.« Er sah mich starr an, und auf einmal spürte ich seine Blicke wie eine magnetische Kraft mich aufheben und entwuchtigen; dieses entsetzliche Gefühl schien mir falsch und lächerlich, und ich muß wohl auch eigen gelächelt haben, als ich ihn jetzt ergeben ansah. So rein und sprungfertig hatte sein Blick, ich erinnerte mich, damals auf mich gewirkt, als ich ihn das erstemal im Osten traf. Dieser Augenblick, der reich und vielfältig gewesen sein muß, ist mir nur als etwas Entsetzliches, aber ganz Verschwommenes im Gedächtnis geblieben. Die Idee, daß dieser Mann Macht über mein Gehirn hätte, kam mir damals nicht, sondern kommt mir erst heute. So natürlich, ja alltäglich spielte sich dieser mir unverständliche Eingriff damals ab.

Plötzlich lächelte Slim süß: »Sie wissen es noch nicht; ah? Ich bin enttäuscht. Ich dachte, Sie würden es schon wissen.« Er dachte einen Augenblick lang nach. »Nun, wir werden ja sehen, was mit uns ist.« Sein Gesicht wurde heiter und einfach. »Ich werde jetzt ein wenig langweilig werden. Interessiert es Sie?« »O ja, doch«, gab ich zurück und empfand eine aufrichtige Neigung, zu horchen.

»Nun«, begann Slim, »nehmen Sie einen Punkt an, einen wirklichen Punkt ohne alle Stofflichkeit; ein solcher Punkt ist dann gleichbedeutend mit Existenz. Bewegen Sie, bitte, diesen Punkt: so kommen Sie zur Linie, von da zur Fläche und von da durch das gleiche Verfahren zum Raum. Nun denken Sie sich den Raum weiterbewegt, so entsteht die Zeit. Die Zeit. Die bewegte Zeit ist Leben. Das bewegte Leben ist Bewußtsein. Wir gewinnen also als letzte Dimension das Bewußtsein. Was aber ist der Inhalt dieses Bewußtseins? Wir fangen beim Vorletzten an, beim Leben. Das Leben zutiefst gefaßt, ist Ich; Ich zutiefst gefaßt ist Lust. Lust ist der direkteste Inhalt des Bewußtseins. Denn um gleich die Methode zu nennen, die letzten Dinge werden die ersten sein. Es ist ein tiefsinniges Wort, merken Sie sichs. Der tiefste Inhalt am anderen Ende des Bewußtseins aber ist Existenz. Von dort aus erfolgt eine Bewegung, die man ganz gut Dekadenz nennen kann. Denn die zweite Dimension, Linie, die Grundlage von Form, ist eine schon entartete Existenz. Wie alle Form in der Folge. Bleiben wir aber bei der Lust, das ist: Leben; der Inhalt ist hier die Zeit, das heißt die Bewegung im engeren Sinne, die Änderung« – verbesserte sich Slim. Er fuhr fort: »Der Raum, nun haben wir es leichter, ist schon wieder eine weniger originelle Dimension, für die uns die Grammatik noch gutsteht.« – Hier unterbrach er sich, sah mich höflich an und frug: »Sage ich Ihnen schon Bekanntes?«

Ich erschrak; seine Augen waren stark und von einer eigentümlichen Leidenschaft belebt. Ich fand es wunderlich, zu erschrecken, da geselligerweise gar kein Grund dazu da war, und alle gewöhnlichen sinnlichen Dinge ihren richtigen Verlauf nahmen, und sagte schnell: »Ja, ja, ich verstehe schon; darüber habe ich gerade in letzter Zeit soviel nachgedacht; man denkt hier soviel, diese Sonne wirbelt die Gedanken so mechanisch durcheinander, es ist ein Fieber, hier zu denken, und man kommt auf so verrückte Einfälle. Finden Sie nicht auch?« Dies sagte ich schnell, ohne es jemals vorher gedacht zu haben; es fiel mir gerade ein, war mir aber durchaus vertraut. Ein wenig überrascht war ich durch Slims offensichtliche Neugier. Er nickte unmerklich mit den Augenbrauen und den Ohren und fuhr fort:

»Dies ist nun wirklich ein Punkt hinter allem. Die Grammatik durchschaut; es ist das alte Mysterium des Logos. Das Erste wird das Letzte sein. Akzent ist alles.« »Jawohl«, stimmte ich zu. Es war eigentümlich und unbehaglich, daß Slim gerade dies so ausdrückte. Aber es kam mir vor, als hätte ich mit ihm schon vorher darüber gesprochen. Und plötzlich hatte ich während einiger Sekunden ein seltsames Gefühl: es war mir, als hätte ich dies alles überhaupt schon einmal erlebt, als sei ich schon vor Urzeiten mit Slim so dagesessen und hätte dieselbe Unterhaltung gepflogen.

Slim fuhr fort: »Die Reihe ist an einer Stelle durchbrochen. Der Mensch platzt als Bewußtseinsträger herein und sofort beginnt sein Geschäft als Lustsammler. Er vierteilt, grob gesagt, die Dimensionen; sein erster Augenaufschlag ist ein Willkürakt. Er zerreißt und halbiert das Ganze: Leben und verschafft sich die Effekte: Links und Rechts. Ist Ihnen das plausibel?-

»Jawohl«, stürzte ich heraus, »dieser Gedanke ist ganz mein Fall. Ich muß Ihnen endlich gestehen, welche Entdeckung ich gemacht habe. Ich nenne sie das ›Wasserrad‹, sie ist ein Technikum für eine Art Paradoxon...«

»Soso, ja...« sagte Slim und seine Augen wurden spitz wie Enterhaken; dann wurde er zerstreut und versank in seinen eigenen Gedankengang. Er war still geworden wie ein Schwungrad, das zum Stillstand kommt. Eine Weile herrschte Schweigen. Dann lächelte er, dieses grauenhafte Lächeln eines vollständig verkommenen und haltlosen Menschen, das ich niemanden mehr so habe lächeln sehn wie ihn. Ein weniger schönes und edles Gesicht, wie das seine, hätte niemals so furchtbar und abstoßend lächeln können.

Er sagte: »So spricht man und schwätzt man. Das Gehirn, dieser Lustspeicher, ist der phänomenalste Dialektiker. Ja, wer den Eingeweiden und Organen auf alle ihre Phrasen käme, auf alle ihre Stilblüten! Könnte er danach seine Effekte dressieren, er wäre der größte Künstler. Ist es Ihnen noch nie aufgefallen, wieviel Ausreden, schlechtes Gedächtnis, Hysterien, kataplektische Unarten noch in unserer lautersten Weisheit stecken? Wie unsere Reflexion dialektisch verläuft, zehnmal neue grausame Kitzel versucht, schmeichelt und wohltut? Ich habe Sie vorhin auf eine alte, aber sehr tüchtige Idee aufmerksam gemacht, ich erinnere Sie jetzt an eine andere, jene, die den Wunsch als Vater des Gedankens bezichtigt. Es ist ein Gesetz, das hier der Wortlaut trifft. So bin ich mir zum Beispiel wohl bewußt, daß meine Theorie von den Dimensionen höchst auffallende Fehler zeigt. Ich schaffe mir einen Standpunkt abseits aller Erklärung, der nicht in ihr lokalisiert ist. Damit fehle ich gegen die Natur. Es ist nichts außerhalb des Seins. Es ist nichts ganz, das nicht diese Harmonie seines Seins und seiner Erklärung in sich trägt. Ganz ist nur, wie soll ich sagen: das Gefühl? Der Glauben? Eine befriedigte Lösung, eine beantwortete Frage. Was bedeutet alle Intelligenz schließlich gegen das Gefühl? Was wir wirklich erleben, was uns wirklich reizt und schafft, ist nur das Gefühl. Und das Gefühl vollzieht sich lächerlich selbständig, fließt und stockt und reagiert wie eine Drüse, die man beschreiben, sezieren, heilen und hochmütig behandeln, aber doch niemals als Lebensform herstellen kann. Das Denken ist nur ein Ausfluß dieser Drüse: Gefühl; es hat taktische, aber keinerlei strategische Bedeutung. Und nun begehe ich den Fehler der Einsamkeit wie ein Philosoph. Diese stellen sich auf den Mars, um die Erde zu beschreiben, aber nun, sie selbst kommen nicht vom Flecke weg, sie lassen sich aus, sie vergessen sich mitzuzählen, sie sind in einer raffinierten Weise egoistisch. Sie schreiben einen Roman über das Erdenleben – man schreibt immer einen Roman über das Erdenleben. Immer, mit jedem starken Gedanken. Das zerriebene Leben wird mit dem eigenen Speichel geknetet: und man zapft ihm Form ab. Form! Wenn ich Form sage, so fühle ich eine Art Hohn. Und dennoch, ich schätze die Form über alles; dennoch – – –« Er sah mich wieder prüfend an, wie ein Opfer, das er die Absicht hatte zu verwirren, mit einer geistigen Koketterie im Blicke, aus Schlauheit und Naivität gemischt. »Meine Theorie ist aber praktisch«, sagte er plötzlich mit einem frivolen Zug um den Mund, als ob er seine sprunghaften Übergänge als geistige Erschwerung genieße. »Sie hat Betriebsmöglichkeiten. Sie leistet Arbeit, wie die Wissenschaft sagen würde. Sie verhilft zu Entdeckungen.« Es entstand eine Pause; während dieser wurden die Grimassen auffällig, die der Holländer während des ganzen Gesprächs geschnitten hatte, und man sah nun, daß man jemanden vernachlässigt hatte, der sich alle Mühe gab, aus gemischten Gefühlen zu bestehen. Van den Dusen seufzte, da mit uns nichts anzufangen war und wir uns offensichtlich in den Ehrgeiz tiefsinnigen Dialogisierens verrannt hatten. Wie weit war er über diese Bedürfnisse nutzloser Geister hinaus! Aber auf Slims Gesicht trat ein eiskalter Zug hervor, ein barbarisch entwickelter Muskel der Verachtung, wie ich sie bei keinem Manne mehr, wohl aber bei edlen Frauen beobachtet habe, spannte sich ausdrucksvoll und kenntlich bis unter die Stirne. Dieser Augenblick enthüllte die tiefe Antipathie der beiden Männer und ich bemerkte zum ersten Male mit Erstaunen, wie geheime und unlautere Kräfte in unserer kleinen europäischen Gesellschaft am Werke waren.

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