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Robert Müller: Tropen - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
booktitleTropen
authorRobert Müller
year1993
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008927-1
titleTropen
pages5-16
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1915
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Moskitos sind eine Grundtatsache gegen Größe, und kleine Verhältnisse sind es auch. Aber Slim gewann doch gewissermaßen meine Bewunderung dadurch, daß er sich, während die Moskitos auf seinen Schienbeinen und Handgelenken Cancan tanzten, mit Gleichgültigkeit in diesen Sturz vom Hohen ins Groteske ergab. Die Hitze und die tropische Langeweile gingen ihm nicht auf die Nerven, er hatte ein phantastisch reelles Ziel im Auge und produzierte in seinem Auftreten die entgegengesetztesten Stimmungen. Das Dorf kriegte ihn nicht unter. Er fühlte sich hier zu Hause und war doch nicht anders als auf dem Parkettboden irgendeines Konsulats in den östlichen Städten. Er bewegte sich als Hidalgo und Geschäftsmann, als Militär und Kenner, er war so banal als ein praktischer Tourist nur sein konnte, das Exotische und Lähmende der Umgebung prallte an ihm ab. Er war auch hier auf dem Höhepunkte der Zeit. Sein Zivilisationsbewußtsein mußte rasend wach sein, mußte die Gleichzeitigkeit alles im Augenblick Geschehenden erfassen. Mit einem Worte: er kannte keine Stimmung. Da hatte ich ihn: er war kein Dichter. In seinem Ablauf sah ich den Rhythmus von Rädern, in der durchdringenden Sachlichkeit seiner zynischen Bemerkungen hörte ich die Lokomotive pfeifen. Ich aber, der Ingenieur, ich hatte den Beruf verfehlt. Ich war zum Dichter bestimmt, mein Element war von Natur aus die Poesie!

Dieser Gedanke enthielt eine ungeheure Anregung. Sofort wurde meine Laune gnädig. Ich war der Dichter, Slim der Mann der Zeit. Sein Vater, der Schiffskapitän, war ein Yankee; seine Mutter Chilenin, spanisches Halbblut. Es gibt nichts herzlich Trockeneres als den Südländer, nichts Stabileres als diesen gebräunten Sohn des Sonnenlandes. Von hier bezieht Slim seine dürren, schneidenden Eigenschaften. Als Dichter bin ich zu dem Zeugnis ermächtigt, daß er damit in Mode kommt. Ich bin hierfür als Dichter nachgerade verantwortlich. Wer selbst keine Sehenswürdigkeit ist, beruhigt seinen Ehrgeiz als Impresario einer solchen. Mister Slim, es mindert den Respekt vor meinem Genie nicht im mindesten, daß Sie das sind, wozu ich die Idee in mir trage, das Schema, dem Sie als Füllung dienen; und ich bin auch ein anständiger Kerl mir gegenüber, das heißt ein Psychologe, so ist dies doch eine Privatsache, und niemand braucht darum zu wissen. Daß ich mich für einen Schurken hielte, wäre Grund genug, einer zu sein. Ich weiß, dahinter steckt ein schofles Geschäft, hat aber trotzdem für andere eine redliche und achtunggebietende Arbeit zu sein wie irgendwas. Schon sehe ich die fremde Bereitwilligkeit voraus, die Ironie, die ich selber gegen mich verwende, zu akzeptieren. Es ist mir ein Beweis für meine Verdienste als Impresario des modernen Menschen; wäre ich um ein Jota weniger originell, ich selbst würde einen ganzen Rattenkönig von Impresarios inspirieren. Denn, meine Herren, der Dichter ist stets genialer als sein Geschöpf. Da ich aber nicht hilflos bin – – –

Die Moskitos wurden jetzt noch einmal zudringlich, weil die Sonne sank, und dies die Stunde ihres Frohlockens war. Schnell wurde es dunkel, und zwischen den Hütten des Dorfes begann ein blauer, scharfer Rauch aufzusteigen, der die Moskitos vertrieb. Große Männer und kleine Weiber, mit Fruchtkörben auf dem Kopfe, kamen aus der Savanna zurück.

Man beachtete uns um diese vorgeschrittene Zeit unseres Aufenthalts wenig. Am ersten Tag hatten sie uns höflich ignoriert. Später erfuhr ich, daß Feindlichkeit und Mißtrauen oft das Beste hinter guten Sitten sind. Denn kaum hatte Slim uns durch Luluac, den Häuptling, dem Parlament vorstellen lassen, als auch schon die nette Förmlichkeit umschlug und wir eine Periode ärgsten Belagerungszustandes, Spießrutenlaufens und anderer ethnologischer Methoden durchzumachen hatten. Stumm und im Innern vor Wut knurrend saßen wir zur Schau. Slim gab hin und wieder Aufklärung über verschiedene Eigentümlichkeiten des Stammes, dem wir angehörten, während wir so auf Klappsesseln hockten und der Wissenschaft dienten. Als besonderes Merkmal mußten wir geladene Revolver in den Händen halten. Der psychologische Grund dieser von mir veranstalteten Maßnahme war aber ein anderer. Jeden Augenblick war ich bereit, aufzuspringen und eine kleine Vorstellung zu geben, wenn das wissenschaftliche Interesse unserer Gäste zu weit ging. Denn dieser Forschungsdrang war konsequent genug, auch hinter die Geheimnisse unserer Wäsche eindringen zu wollen. Zumal unsere Hosen erregten als phantasievolle Abart der hierzulande getragenen Schoßlätze ein enormes Aufsehen. Damit hatte es nun überhaupt einmal so seine Bewandtnis und hatte eine Geschichte zur Folge, bei der van den Dusen nur mit Mühe von einer uns Europäern nun einmal angeborenen Roheit zurückgehalten werden konnte. Sie passierte, als eines Tages eine der Damen nähertrat und unschuldsvoll seine seidengestickten Hosenträger aufzuknöpfeln begann. Der dicke Holländer barst in ein fürchterliches Gelächter aus, in einer Art hysterischen Anfalls fing er mit dem Revolver zu fuchteln an und behauptete zwischen Weinen und Lachen, er sei gekitzelt worden, ja, man habe hier die Absicht ihn zu kitzeln, er habe schon seit langem bemerkt, daß dies für die schwarzen Damen ein noch ungelöstes Problem sei, daß ihre Neugier feßle. Aber soweit brauche er sich nicht demütigen lassen, er würde schießen, sofort, dies lasse er sich nun und nimmermehr gefallen. Die wißbegierigen schwarzen Schülerinnen kicherten sehr, als sie ihn so erregt gewahrten. Sie verstanden nicht, wie man so verrückt, ungalant oder weiß Gott was sein konnte, sich der Wissenschaft entgegenzustemmen. Aber der Holländer blieb dabei, daß man es darauf abgesehen hätte, ihn zu kitzeln. Slim mußte ihm in den Arm fallen, um ein Unglück zu verhüten.

Slim managete uns als europäische Show ziemlich glücklich. Ich wußte, daß er bereits einmal als Manager einer Buffalo-Bill-Truppe auf der Pariser Weltausstellung runde Summen gemacht hatte. Ich sah ja, was als Entree einlief. »Heute große Vorstellung ›Europa in Pomacco‹. Kinder haben freien Zutritt! Die weißesten Indianer der Welt! Ein Stamm ohne Füße, einzig in seiner Art! Der dickste Mann der Welt, besondere Attraktion für das weibliche Geschlecht, groß und klein! Hereinspaziert! Noch nie dagewesen! Erstes und letztes Auftreten der dümmsten und ungeschicktesten Kerle auf Gottes Erdboden. Größter Lacherfolg des Jahrhunderts! Herrein, herreinspaziert meine Herrschaften!!«

Als Entree gingen ein: Wildpret, Speere, Pfeile, Bananen, Brotfladen, Vogelpasteten, Gemüsesuppen und anderes Verderbenbringendes. Aber dies dauerte nur so lange, bis die Sache sich eines Tages überlebt hatte und die Dorfbörse auf ein anderes Gebiet überging. Und da begann die Zeit, wo nur um den Preis von Sardinenbüchsen, Glasperlen, Zigarettenschachteln, bunten Lappen, mechanischen Bestandteilen, Bleistiften und alten Kleidungsstücken der Hunger gestillt werden konnte; wo man, wie am Beginne, keine Notiz mehr von uns nahm, uns die Gassenjugend auf den Hals hetzte und sich ungeniert einer Lustigkeit überließ, über deren Gründe allerlei Vermutungen angestellt werden konnten.

Unsere abendlichen Sitzungen zeigten unsere Lage von Tag zu Tag deutlicher. Nichts aber ärgerte, nichts kränkte, nichts verbitterte mir den Aufenthalt hier mehr, als wenn ich des Abends sah, wie Checho zu Aruki hinüberschlich, dienerte, sie hofierte und vor ihr mit seinem Jünglingsgerippe prahlte. Es schnitt mir ins Herz, wenn sie beide lachten und ich es nicht verstand. Freilich, Checho war schön. Aber hier handelte es sich um ein wenig Grammatik, soviel ich sehen konnte. Checho sprach ein tüchtiges Indianisch; er war der geborene Verführer; ich durchschaute ihn. Wen ich aber nicht verstand, das war Meme, dieser Riese von einem Manne. Wenn es schon spät war, saß er noch fleißig in seiner eigentümlichen Stellung vor dem Spannbolzen und schoß das Webgarn rhythmisch hin und her. Seine langen Waden standen auf den flachgepreßten breiten Sohlen, und zwischen ihnen hing wie der Buchstabe M der Oberkörper, eine schmiegsame Pyramide aus feinen Knochen, Muskeln und Nerven. Seine Füße waren groß und wohlgeformt; wenn er saß, traten die blutgespreizten Adern wie helles Reisig auf der dunkleren Haut hervor. Auch er hob seinen starken Körper mühelos empor, ohne der Hände als Stütze zu bedürfen, ohne die Pose zu ändern, lediglich aus der elementaren Muskelkraft seiner knabenhaften Hüften heraus. Wenn er stand, war er ein Hüne, und Aruki war neben ihm ein kleines, plumpes Weibchen. Seine Oberarme waren breit und lagen wie flachgedrückte Keile auf den Brustringen. Checho schien, an ihm gemessen, armselig an Stärke, und ich begriff nicht, ob Meme den fremden Indianer fürchtete oder ob er in seiner Arbeitsleidenschaft ein kühler Gatte war. Hin und wieder fiel sein Blick auf die beiden, ohne daß sein Gesicht eine Spur von Bewegung zeigte. Aber oftmals betrachtete ihn Aruki verstohlen und verzweifelt. Eben fuhr sie Checho über den Rücken, prahlerisch deutete er mit dem zurückgelegten Daumen auf eine Stelle. Aruki schien bewundernd. In der Tat ein schöner Rücken, was aber mochte so besonders reizvoll daran sein?

Ich machte Slim aufmerksam. »Seine Narben«, sagte er. »Haben Sie es noch nicht bemerkt? Er hat zwei Narben am Nacken, dort hat ihm sein Stamm bei irgendeiner Feierlichkeit die Probe auferlegt, sich die Haut lösen und einen Pfeil durchklemmen zu lassen. Das ist erstens heroisch, zweitens ist es für den Burschen ein Kapitalvergnügen. Alle Arten von Verwundung und Grausamkeit sind bei diesen Stämmen bis zu Objekten der Gelehrtheit gediehen. Zana, Sie kennen sie?« – – sein Gesicht konnte einen falschen Ausdruck nicht verbergen – – – »Zana ist Doktorin in dieser Disziplin. Das Wundfieber ist eine Art Rausch. Jedes Fieber – – Sie werden noch Gelegenheit haben, diese Theorie zu überprüfen«, fügte er hinzu und sah mir aufmerksam in die Augen. Er machte eine Pause und sah plötzlich auf meine Handgelenke; da bemerkte ich, daß sie blaß und gelb wurden. Es war das erstemal, daß ich vor Slim erschrak und die Macht, die bestimmende suggestive Macht, die in ihm lag, erkannte. Jetzt sah er starr und mit leerem Blicke vor sich hin; er schien mit in großer Kraft einer bösen innern Macht zu widerstehen, die er nicht ganz beherrschte; er hatte einen unglücklichen Zug im Gesichte. Dann schlug er den verlassenen Weg der Unterhaltung wieder ein und sagte mit gleichgültiger Stimme: »Im Prinzip ist die Art, wie man hierzulande das Leben tonisiert, in nichts verschieden von unserer Zivilisation. Sind Sie in Asien gewesen? Haben Sie jemals die Methoden studiert, mit denen Ekstatiker und Derwische arbeiten? Alle diese Menschenrassen kennen nicht das süße Gift der Reflexion: sie sind auch nichts weniger als erotisch; aber ihr epileptischer Manierismus ist genau jene göttliche Steigerung der Gesundheit ins schier Krankhafte, die wir in unsern Großstädten auf unsere Weise erzielen.«

Gesundheit, hatte er gesagt. Schon damals, vor den Bildern des lasterhaften Kelwa, hatte er das Wort gebraucht. »Gesundheit, hm!« machte ich spöttisch.

Er sagte nichts weiter. Ich bekam zu fühlen, daß er seine Weisheit nicht vor einen dummen Hund warf – übrigens, ich irrte mich vielleicht. Er sah mich wieder aufmerksam an, mit Interesse wie für eine Person, mit der man sich aussprechen möchte, die man aber vorher einer sorgfältigen Prüfung unterwirft. Und plötzlich stand drüben Meme auf. Er stand auf und stieß seinen Apparat geräuschvoll zurück. Wirklich, seine Riesenlänge sah bedrohlich her. Hallo, Checho, geschwind! Meme aber hing sich eine Kette fingerslanger Geierschnäbel um den Hals und ging mit gebogenen Knien aus der Hütte, die Straße hinauf, flink, leicht, sich wiegend, ohne die Wirtschaft unter seinem Dache auch nur eines Blickes zu würdigen.

Von diesem Augenblicke an wurde Aruki einsilbiger. Slim witterte mein Interesse an diesem Vorgang und sagte: »Das Weib wünscht sich nichts Besseres als den langen Mann auf den Hals. Verstehen Sie die alte Tatsache noch immer nicht? Wenn ein Mann seine Frau nicht mindestens zweimal in der Woche prügelt, spricht er ihr damit ein vernichtendes Urteil.« Dies klang mehr bäurisch als neu und ich sah dem Sprecher ins Gesicht. Und erinnerte mich an eine Situation im Kanoe, auf dem trägen Urwaldflusse, mitten im Schweigen, wo Slims Froschblick mich betastet hatte. Sein männliches, hartes Gesicht mit dem zottigen Knebelbarte war soeben die böseste Lebemannsfratze gewesen.

Van den Dusen, der in der Hütte hinter uns am Gepäck zu schaffen gehabt hatte, trat in diesem Augenblick herzu. »Slim«, rief er in unser Gespräch hinein, »hören Sie auf, Sie wollen uns gern den Kannibalen vorspielen. Wir glauben es Ihnen auch so. Hat nicht erst jüngst noch eine Dame in fette Schenkel gebissen und sich Eberzähne in die Nase gepflockt, die sich vielleicht Ihre Großmama nannte?«

»Und wenn es so wäre«, sagte Slim und lachte, »ich würde nicht gerade beunruhigt darüber sein. Hüten Sie sich nur, M'nherr, auch in diesem idyllischen Neste hat man schon à la bête gespeist. Sehen Sie mal diese langen Kerle von Männern an und diese winzigen Frauenzimmerchen. Die Frauenzimmer waren einst vom Volk der Arrauaken; es war ein kleiner, wenig begünstigter Menschenschlag. Da kamen Karaiben, lange Soldatenschlingel, erstklassiges Menschenmaterial, und fraßen den Arrauakenmädchen ihre Verehrer und Männer buchstäblich vor der Nase weg. Dann wurde Hochzeit gemacht, und seither hat sich dieses poetische Verhältnis schon durch Generationen hindurch fortgepflanzt. Die Jungens werden groß, die Fräuleins bleiben hübsch zierlich. Draußen am dritten Kreis, in der Vorschanze bei den Proleten, Unedlen und Unterdrückten, die am ersten dran glauben müssen, wenn ein feindlicher Stamm das Nest berennt, wohnen noch die Überbleibsel des männlichen Arrauakismus. Lakaien und Kirchendiener, die auf das Zeichen einer göttlichen Inspiration hin eines Tages vom Stamme eingepökelt werden. Es ist aber nicht ausgeschlossen, daß beim nächsten Mal Sie dran glauben müssen, van den Dusen!«

»Ah«, piepste der Holländer, »verflucht noch einmal, Slim, Sie haben aber eine recht dumme Art von Humor. – Wollen Sie mir nicht lieber sagen, was man von Aruki zu sagen hat? Checho macht ihr den Hof. Ob sie darauf eingeht – –«

»– – und nachts halten sie Zusammenkünfte ab, dort, am Saum des Djungles. Die Moskitos blasen ihnen den Hochzeitsmarsch. Aruki zieht schmachtend aus, das muß man erleben, und kommt schwärmend heim um Mitternacht. Dabei hinkte sie einmal; Checho muß eine merkwürdige Art haben, Knöchel auszurenken. Ich selbst habe einmal zugesehen, als er sie, sozusagen, seine Süße nannte!«

»So?« sagte Slim und sah weg. »Tja, ja«, schnalzte van den Dusen und zog die Augenbrauen schlau in die Höhe. Plötzlich bog sich Slim hinüber. »Wie ist das eigentlich«, sagte er leichthin zwischen den Zähnen, »wo flanieren Sie denn des Nachts umher, Söhnchen Charlie?« »Und wer machte bei Zana Visite?« feixte der Holländer. Ich gewann den Eindruck, daß ich nicht der einzige war, und daß wir alle drei unsere Abenteuer hatten.

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