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Robert Müller: Tropen - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitleTropen
authorRobert Müller
year1993
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008927-1
titleTropen
pages5-16
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1915
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Slim wurde von Tag zu Tag nervöser. Er brauste leicht auf, hatte Skandale an allen Fingerspitzen und schien mit seinem Schatze nicht ins Reine zu kommen. Seine Stimmung färbte auf uns ab. Ich konstatierte auch bei uns andern eine bedenkliche Neigung, uns gehen zu lassen. Dazu kam, daß unser Wirtschaftskapital auf die Neige ging. Aber das war es nicht. Was mir schwere Sorgen bereitete, war die Einsicht, daß wir litten. Eine leise Depression lastete auf uns, ein Zustand psychischer Stopfung war plötzlich eingetreten, und mit ihm schien das äußere Leben sich zu stauen. Diese Schoppkur von Eindrücken hatte unserer Konstitution nicht gut getan. Aber ein Ventil zur Handlung oder Produktion war nicht vorhanden. Wir litten.

Und warum? Wegen einiger Kleinigkeiten und fataler Differenzen mit dem hier landläufigen Geschmacke. Unser Ehrgeiz konnte sich in manches nicht einfinden. Niemand kann sagen, daß wir, van den Dusen und ich, uns nicht die größte Mühe gaben, unsere Zivilisation zu repräsentieren. Und dennoch lauerte uns stets der Angstschweiß im Hinterhalte, wenn wir durch das Dorf schritten. Was würden wir nun wieder auszustehen haben? Es war ein höchst ungemütliches Gefühl, in einer Masse zu leben, mit der man in nichts d'accord war. Das Niederträchtige an dieser Stimmung war der grob empfundene Mangel an Selbständigkeit, das beschämende Bewußtsein, daß einem die eigene Rasse – ein wenig unbequem zu werden begann.

»Unter einer Million Menschen ist es kein Kunststück, ein Eigener zu sein. Das kommt von selbst. Aber versuchen Sie es mal unter hundert Wölfen – Sie werden nicht nur mitheulen, nein, Sie werden selbst diese Klaviatur erst vollständig und harmonisch finden, wenn Sie mit von der Partie sind. Man lernt die Annehmlichkeiten nur allzubald schätzen. Sehen Sie, jetzt haben wir den ›kleinen Horizont‹, wir stehen wieder auf einer Art Landkarte, wir haben uns bereits mit einer leichtfaßlichen Zahl identifiziert. Können Sie sich noch an Ihre Schulbubenzeit erinnern – an die Geographiestunde – wissen Sie – verstehen Sie das?«

So sprach ich erregt und froh der Aussprache nach Tagen schlimmster Überlegsamkeit zu van den Dusen. Ja, er konnte sich erinnern. Wir traten den Heimweg ins Dorf an. Schon umschwärmte uns die gutgelaunte Jugend. Sie bettelte oder machte sich über uns lustig. Sie drängten sich mit ahnungsloser Miene an uns heran und setzten sich plärrend auf die Hintern, so bald wir nur geringfügig anstießen. Sie fielen bewunderungswürdig um, ohne sichtbare Störungen des Gleichgewichts. Ich trat einem der Racker unversehens auf seine Kautschukbeine; ich dachte, nun würde das Hilfegeschrei losgehen; aber auffällig blieb gerade er mäuschenstill. Ich hob ihn bestürzt empor. Verständnisinnig ergriffen die anderen den Witz dieses Spieles, und was nun folgte, muß für die winzigen Kreaturen höchst unterhaltsam gewesen sein. Es hieß in ihrem Idiom so etwas wie »Aufgehoben-werden spielen« und bestand in dem sinnigen Schema, sich bei unserer Annäherung niederzusetzen, um sich von uns aufhelfen zu lassen. Dabei vollführte diese Käserinde von Menschlein einen solchen Höllenlärm, daß die Mütter erschreckt ihre Köpfe zu den Hütten herausstreckten. Stirnrunzelnd fühlte ich, wie sie lächelten. Puppa, Puppa, sagte ich zärtlich und hob einen, den zweiten, den dritten Bengel empor. Er zog die Beine in die Hocke und ließ sich wie ein Brunnenschwengel auf und ab ziehen. Da wurde ich ängstlich. Ich konnte doch nicht mein ganzes Leben damit verbringen, kleine Jungens auf und ab zu schwenken. Und heimlich und voller Rachsucht zwickte ich den vierten, zugleich aber sagte ich mit süßer Stimme »ai, du Püppchen« und schielte ein wenig nach seiner Mama, die dort in der Tür stand und meine Sympathien für ihr Kind als vollkommen gerechtfertigt anzusehen schien. Dieser mütterliche Standpunkt aber war mir denn doch zu viel. Ich zwickte nun etwas stärker, aber die gewünschte Wirkung blieb vorerst einmal aus. Im Gegenteil, meine heimtückische Zartheit erhöhte anscheinend den Reiz dieses Spieles bedeutend. Mein Temperament zog mir Liebhaber und Liebhaberinnen zu. Als wir in völliger Ratlosigkeit Numero zehn auf die Beine gestellt hatten und er sich eben wieder zurückplumpsen ließ, erschien Slim auf der Bildfläche.

»Hallo«, schrie er, »ihr seid ja verrückt, spielt euch gefälligst mit etwas anderem! Aber meine Herren«, sagte er belehrend, »machen Sie uns doch nicht lächerlich! Das macht man so!« Er hob einen der Buben auf und warf ihn auf den Boden. Wie ein Ball kam dieser wieder auf die Beine zu stehen und lief verschreckt in eine der Hütten. »Das steht besser, als Sie glauben«, sagte Slim und machte uns auf eine Eigentümlichkeit aufmerksam. Keines der Kinder gebrauchte, mochte es noch so hilflos daliegen, um aufzustehen, die Hilfe seiner Arme. Schwupsdich, griffen sie sich mit den Füßen einfach in die Höhe. Betreten sahen wir auf unsere zehnfach verratene Humanität an Herz und Beinen zurück.

Diese Art von Erlebnissen, die nachgerade an die Tagesordnung kamen, brachten mich langsam herunter. Dann kamen die Zustände der Besessenheit, meine zurückgewiesene Koketterie fachte sich zum Wahnwitz an und gab mir Rachegedanken wider meine eigene Person ein. Ich hatte mit meiner Noblesse gewüstet, hatte sie mit vollen Händen hinausgeschmissen, jetzt traten die Gelegenheiten, scharf zu sehen, in Masse auf. Ich war bettelarm, ich stand mitten im Bankerott. Ein großes Unglück, welches, hätte ich nicht auf deutsch sagen können, war geschehen. Das hätte ich mir nicht träumen lassen, daß es einen Platz in der Welt geben könnte, den ich nicht auszufüllen vermögen würde. Wo waren meine Projekte geblieben, wo blieb die kulturelle Annexion dieses Landes, die wir uns in riesengroßen Hirngespinsten ausgemalt hatten? Während ich so in mein Inneres verfilzt war und Tag über Tag, Nacht über Nacht mit diesem Geschicke haderte, erhielt ich mehrere Schläge auf den Kopf. Veritable Schläge, die meinem Selbstbewußtsein das Genick brachen und meiner Vernunft ein für allemal den Garaus machten. Erst mit dem heilsamen Fieber, aus dem ich in Panama sechzig Tage später erwachen sollte, wich diese dumpfe Überreizung. Jene Schläge aber kamen von Slim.

Heute liegt das alles hinter mir. Ich habe einen weiten Kreis von Bekannten und bin imstande, den Menschen Figur abzusehen. Dennoch will es mir nur schwer gelingen, aus Slim, so wie ich ihn bruchstückweise kennen gelernt habe, etwas herauszuschlagen. In der Zeit, in die sein Verhältnis zu mir fällt, war es für mich ausgemacht, daß sein Glanz so gut spießerhaft war, wie der irgendeines der südamerikanischen Bravos, die ich kennen lernte. Sein Feuer schien mir banal und seine Rassigkeit bäurisch. Er stand mit beiden Beinen in der Eleganz, klirrend und kürassiert von oben bis unten, impulsiv, zynisch und, wie mir damals schien, humorlos. Und doch konnte ich zu keinem abschließenden Urteil über ihn gelangen, so sehr dieses Urteil zur Überwindung meiner Demut gelegen gekommen wäre. Dann gestand ich mir einmal, daß ich im Laufe jener Tage Ausflüchte vor jeder Anerkennung getroffen hatte, die ich ihm hätte zollen müssen. Kein Zweifel, Slim war ein großer Mensch; ich sah ihn zu allen Tageszeiten und unter allen Verhältnissen; er schien mir das eine Mal belanglos und schmetterte mich das nächstemal durch die einfache Größe, die in einem Wort, einem Gedanken, einer Handlung zum Ausdruck kam, zu Boden. Und ich kam dahin, meiner uneingestandenen Bewunderung freien Lauf zu lassen. Ich war reif zur kampflosen Aufgabe meiner Überlegenheit, des gesunden Gefühls jedes Menschen, der sich zumindest in einer Spezialität jeweils unnachahmlich weiß. Diese Gesundheit hinterhältiger Selbstüberschätzung ist eine Gottesgabe; ohne sie wären die bedeutenden Zweitklassigen erdrückt, und jeder Grenadier müßte seinen Napoleon hassen. Wieviel haben davon Begeisterte und Anerkennende in ihrer Hingabe an fremde Größe nötig? Mir aber war diese hygienische Selbstgefälligkeit in eben dem Augenblicke abhanden gekommen, da mich schon das Selbstgefühl meiner Kultur vor dieser Portion Indianerhütten verlassen hatte. Von Hingabe war darum nichts mehr in mir; ich nährte mich von kleinen Zweifeln in Slims Persönlichkeit. Und doch, Slim war und blieb außerordentlich.

Er war voller Widersprüche, aber er war der interessanteste Mensch, den ich mir noch heute vorstellen kann. Er machte den Eindruck launenhafter Gewissenlosigkeit, und am Ende stellte sich in seinem Schwanken Methode heraus. So besaß er große Körperkraft, sie machte sich selbst im Verkehr zwischen uns Weißen nicht immer ohne Drohung bemerkbar. Mir schien, er mache oft den billigsten Gebrauch davon. Er ließ seine maßlose Wut an den Indianern aus, wo es ungefährlich war, und ein anderes Mal stellte er uns zur Rede, weil wir ihm durch Krakeel bei den Rothäuten seine Position verdürben und uns unbeliebt machten. Er liebte, zynische Bemerkungen, und ich hielt ihn für platt. Ich war vergnügt, und noch in derselben Stunde sprach er aus tief seherischem Geiste: ich stand beschämt über meine zurückgebliebenen Freuden!

So geschah es, als wir bei Kelwas, des Malers, geräumigem Gehöft vorbeikamen. Aus dem Innern drangen Aufruhr und Lärm, die Matte vor der Hoftür war zurückgeschlagen, und wir konnten sehen, daß der Künstler sein kleines Weib mit der Faust ins Gesicht schlug. Das botmäßige Geschöpf gab keinen Laut von sich. Ich wußte, daß diese häuslichen Szenen sich hier öfters ereigneten, aber niemand nahm daran Anstoß. Slim stand zwei Köpfe höher da als ich, mit massiven Schultern und langen Armen, er lachte nur dreckig und ließ Kelwa, ein mageres, zartes Kerlchen, gewähren. Konnte er es als Spaß betrachten? Ich sagte etwas dergleichen. »O, blamieren Sie sich nicht«, lautete seine Antwort, »Kelwa studiert soeben, davon verstehen Sie nichts. Er ist ein Minnesänger und kennt seine galanten Pflichten. Woher sollte er sonst seine sinnreichen Bilder nehmen? Dieses Gemüt will geübt sein wie irgend etwas. – Merken Sie nicht die Zärtlichkeit der vergewaltigten Leiber auf seinen Bildern? Diese Humanität der Empfindung in den schiefgelegten Köpfen auf langen Leibern?« Wir gingen um die Hofmauern herum und nahmen die ausgestellten Prachtschilde in Augenschein.

In der Tat, schon lehrte Slim mich sehen. Ich begann dieses wilde Künstlergemüt zu begreifen. Diese wagerecht gelegten Köpfe waren das Weinerlichste, das ich jemals gesehen hatte. Diese Linien sehnten sich, ganze Himmelreiche von Leiden offenbarten sich in den scheußlichen Greuelszenen, die sie darstellten. Muskulöse Männer vergingen sich an unterwürfigen, dankbaren Frauenzimmern. Akte der wildesten Sanftmut konnten einem in dieser künstlerischen Fassung das Herz brechen. Niemals war Liebreiz so flötend, niemals Gewalt süßer dargestellt worden. Die Weiber bestanden aus schwellenden Pinselstrichen und verloschen unter den Würghänden und Dolchstößen ihrer kahlschädeligen Anbeter. Die Männer waren verzückte Heldengestalten, mit Oberkörpern wie edle Champagnerkelche, dünn und unansehnlich an den Lenden und fleischig moussierend an Schultern und Brüsten, wie gärender Schaumwein. Ihre Schädel waren kahl bis zu den Wirbeln, ausgenommen ein fransiges Haarbüschchen am Stirnsaum, das einem grinsend gefletschten Gebisse nicht unähnlich aus dem Hirn hervorwuchs. Körper beiderlei Geschlechts waren zu ergreifender Fleischlichkeit verwoben, Brüste klafften steil vor Lust und nervige Schenkel bäumten sich aus Knäueln. Eines der Gemälde duftete von Liebespracht und Lustaufwand, und ein Hundevieh lief darauf hinzu und schnupperte flüchtig zu dem Paare. Dieser Hund war das Hündischeste, das je an Hundetum geleistet worden war, er war hündischer denn je ein Hund, er war die reinste Genießlichkeit, die je zu Verkörperung gelangt ist. Er bestand aus fünf braunen Pinselstrichen, vier Beinen und einem Rückgrat, und schließlich einer langen Schnauze. In dieser Schnauze lag ein ganzes Hundeleben. Er roch und streckte seinen Körper.

»Empfinden Sie, wie sehr das – Gemüt hat?« frug Slim. Fast verstand ich ihn.

Am Abend saßen wir zu dritt vor Slims Hütte. Das Zigarettenpapier war ausgegangen, und wir rauchten Pfeifen, um die blödsinnigen Moskitos fernzuhalten. Jeden Augenblick klatschte sich einer von uns fluchend auf den belästigten Körperteil. Moskitos sind die geborenen Feinde großer Männer, sie sind imstande, das Genie zu stürzen. Nicht, daß ich es Slim gegönnt hätte, der sich geradezu verrückt ohrfeigte, während er Kernsprüche von beleidigendem Scharfsinn fällte – nein, für alles, was er sagte, hatte ich eigentlich schon vorher die Witterung gehabt, und er schrieb also eigentlich bloß von mir ab, wenn er sprach. Nein, sagte ich mir, ich gönne ihm seine Intelligenz; der Unterschied zwischen uns war bloß der, daß ich delikat verschwieg, wenn ich etwas Geistreiches wußte, während er es gleichsam an die große Glocke hängte. Dennoch, ich konnte mich beim Anblick der Moskitos, die in Slims Hemdkragen krochen und dort in dem gelben Fell pflügten, nicht erwehren. Ich schluckte den Triumph hinunter, er kam aber wie geölt sogleich wieder an die Oberfläche. Ich weinte vor Wut über meine häßliche Seele, aber ich mußte sie hilflos mitansehen. Meine Selbsterziehung war zum Teufel, meine Noblesse war an die Anfangsgründe der Tropenlehrzeit unnütz verpulvert, und die kleinlichen Roheiten des Knaben wagten sich wieder hervor. Das war die Wirkung des kleinen Horizontes, dies war das Beschränktheitsgift des Quadratmeterkleckses von Ansiedelung! Wie lange noch, und ich würde vom Tratsche leben, würde zu Kelwa schleichen und ihm melden, daß Aruki, das Weib Memes, ein Verhältnis habe mit – ah? – – – und würde wie eine Frau in die Hände klatschen, wenn van den Dusen mir ins Ohr flüsterte, daß er Slim des Nachts zu der stinkenden Hündin Zana ins Zelt habe schleichen sehen?

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