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Gutenberg > Karl (Leberecht) Immermann >

Tristan und Isolde

Karl (Leberecht) Immermann: Tristan und Isolde - Kapitel 9
Quellenangabe
typepoem
authorKarl Immermann
titleTristan und Isolde
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
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Der Abt

Vorspiel

Arm kam ich in die Welt, arm bin ich noch,
Mein Geldchen hatte Flügel, denn es flog
Der Thaler, den die Früh verdient im Haus,
Von dannen draußen bei dem Abendschmaus;
Ich hatte ja studirt Oeconomie –
Was fehlte denn, zu halten ihn? Ei wie? – –
                  Presence d'Esprit.

Zwei Vieren sind mein würdig Jahr-Cap'tal,
Doch schau' ich noch vom zweiten Stock den Strahl
Der Stern' am Himmel. Hab' ich doch gekennt
Im Ersten manch bequemes Logement!
Ich hatte ja studirt Topographie –
Was fehlte denn um einzutreten? Wie?
                  Presence d'Esprit.

Mein Schulcam'rad trägt einen großen Stern,
Ich blieb Herr so und so. Wie hätte gern
Mich der und der erhöhet haben woll'n,
Wenn »das und das« ... und »hm« .... und »Eil« ... »Sie soll'n« ...
Ich hatte ja studirt Diplomatie –
Was fehlte denn, um zu verstehen? Wie?
                  Presence d'Esprit.

Nachher fiel stets mir Alles gründlich bei,
Doch fort war Geld, Log'ment und »Hm« ... und »Ei« ..
Hernacher hab' ich immerdar gewußt,
Wie vormals ich hätt' nehmen mich gemußt,
Allein es lehreten Diplomatie
Topographie, Oeconomie mich nie
                  Presence d'Esprit.

Drum unterwies ich meinen Sohn Tristan,
Auf daß der liebe Bursch sich helfen kann,
Ob auch das Schwert auf ihn Isolde zieh,
Nicht in Diplomatie, Topographie,
Oeconomie und sonstiger Lehr' in »ie«
Ich segnet' ihn, gab nichts ihm mit als wie
                  Presence d'Esprit!

*

Die Romanze

Herr Marke saß im grauen Saal,
Gesperret durch des Riegels Stahl,
Und führt' ein tief Gespräch seit Stunden
Mit dem gelahrten Abt von Lunden.
So nannten damals sie die Stadt,
Die jetzo London heißt den Britten.
Er war, als ihn der König bat,
Auf seinem Maulthier hergeritten,
Um über einen Punkt, der schwer,
Ihn zu erleuchten aus der Lehr'!

Weil nämlich Tristan war verschollen
Seit Monden, that ihm Marke zollen
Wie einem Todten, manche Thrän'.
Weil aber Niemand doch gesehn
Ihn sterben, wußte sich der Sippe
Zu helfen nicht im Kirchenbrauch,
Und wollte von des Abtes Lippe
Vernehmen, ob es ziemlich auch,
Zu lesen dem, der doch indessen
Noch leben möchte, Seelenmessen?

Den Tisch belastete im Band
Von Leder mancher Foliant,
Der Kirchenväter ganze Reihe
Aus König Marke's Büchereie.
Origenes, Chrysostomus
Und Augustin lag bei Arnoben,
Lactantius, Eusebius;
Und Rüdesheimer, der zu loben,
Stand mitten zwischen in dem Glas,
Den Geist zu halten frisch und naß.

Glaubt nicht etwa, daß mit dem Glase
Gejaget sei nach schlechtem Spaße!
Was auf der Erd', im Himmel ist,
Erfährt vom Wein der gute Christ.
Auf Erden seine Wurzel spähen,
Zum Himmel sieht der Blüten Schein,
Was sie erspähet und ersehen,
Sie flüstert es den Trauben ein,
Von deren Blute in dem Becher
Es wiederhört der fromme Zecher.

Bedächtig trank der Abt und las,
Ganz Ohr der König bei ihm saß.
Der Casus hatte seinen Knoten,
Denn, sprach der Abt, man hat geboten
Den Kindern wol zu früh'rer Zeit
Im Mutterleibe schon die Taufe,
Wenn sich besorgen ließ, das Leid
Der armen Kreißenden erkaufe
Kein Leben doch für Mutter, Kind,
Und hier Bedingniß ähnlich sind:

Ein möglich Leben fürs Besprengen –
Ein möglich Todter, dem wir sängen!
Doch erstlich hielt's die Kirche nie
Für Andres, als für Häresie,
Und zweitens war ja sonder Frage
Das Kind vorhanden, Majestät,
Von einem möglich Todten sage
Ich aber nicht, daß er besteht;
Der Fall ist wirklich – bei Sanct Jürgen!
Ganz zum Verzweifeln und Erwürgen.

Der König goß dem Abte ein
Vom Rüdesheimer, sprach: nur sein
Und scharf gedacht, mein Herr Prälate,
Wir kommen wol zum guten Rathe,
Sieht auch die Sache quer und scheel.
Hochwürd'ger Herr, ich kann nicht dulden,
Daß meines armen Neffen Seel',
Der mir gedient mit solchen Hulden,
Im Fegefeuer brennt und sengt,
Niemand auf ihre Ruhe denkt.

»In Augustin, benebst Arnoben
Find' ich des Falles keine Proben;
Origenes, Chrysostomus,
Lactantius, Eusebius,
Sie lassen mich durchaus im Stiche!«
Erwiderte der Abt. – »Ich mag
Euch täuschen nicht durch böse Schliche.
Doch halt! es bricht mir ja der Tag
Da plötzlich an mit großer Helle!«
Er leuchte mir, rief Mark, zur Stelle!

Mit Salbung sprach der runde Abt:
Vor allen Dingen muß vergabt
An unsre Kirche sein in Geldern
In Kostbarkeiten oder Feldern
Die Stiftung, die den Schatz bereit
Für diese Seelenmesse gründet,
Es bricht die Rosen ja die Zeit,
Sie wird es sein, die uns entzündet
Das fern're Licht. – Drum gebt nur erst!
Dann haben wir gethan das Schwerst'.

Herr Marke, dem der Vorschlag eben
Nicht ganz gefiel, wenn aus dem Leben
Der Kirch' er auch gegriffen war,
Strich was verlegen sich das Haar.
Für jetzo aber half ein Pochen
Ihm über seine Antwort hin,
Von draußen ward zur Thür gesprochen:
Ein Brief, mein König, und darin
Wol eine Nachricht, die uns Alle
Gar sehr betrifft! Vom Seneschalle

Kam diese Stimme vor der Thür.
Auf stand der Abbas, ging Herfür
Zum Schlosse, sprach: In dem Betrachten,
Worin wir sind, vermag zu achten
Auf keine andre Post der Geist.
»Nun wohl, so schieb' ich durch die Spalte
Den Sendebrief, er ist gereist
Von Irlands Wiesen her!« So hallte
Des Seneschalles Wort. Er stieß
Das Schreiben durch den Spalt und ließ

Dem Abte drinnen das Empfangen.
Der König fühlte großes Bangen
Vor dieser Post. Mit Ernste tief
Nahm aus der Spalte ab den Brief
Der Geistliche, sah die Erblassung
Des Königs, gab ihm das Couvert,
Und sagte feierlich: Nur Fassung!
Der König brach den Brief, beschwert
Mit großem Siegel, während sachte,
Gefaltet seine Hände, dachte

Der Abt auf Tröstung, und erwog
Was wol zu sagen wäre? Noch
Viel bleicher wurde Mark beim Lesen,
Als er vorher in Furcht gewesen.
Je weiter er im Briefe kam,
So weiter schritt der Wangen Röthe
Zurück, und als er endlich nahm
Die vierte Pagina, erhöhte
Sich seine Regung so, daß jetzt
Er sinken ließ den Brief entsetzt.

Hier fiel der Abt mit frommem Tone
In folgender Gestalt ein: Lohne
Der Himmel, Tristan, all dein Thun!
Todt ist er also wirklich nun.
Mein König, alle Menschen müssen
Bekanntlich sterben, das steht fest;
Ein Jeder hat dafür zu büßen,
Daß Adam fiel. Von Keinem läßt
Die Wucht des bösen Fluches, erblich,
Tristan war Mensch, Tristan war sterblich!

Ihn gab der Herr, ihn nahm der Herr,
Dein Name sei gepriesen, Herr!
Nun können wir die Lichter zünden,
Mit aller Ruh' die Messe gründen
Für Tristan's Heil, deß Erdenschmutz
Die Flamme tilgt des Läuterwehes,
Bis ihm der Himmel seinen Putz
Gibt bei den Sel'gen. So gescheh' es!
Mark brauste auf: Laßt Euren Kram!
O Gott, ich bin ein Bräutigam!

Wie, wenn in Milch man Essig sprengte,
Sie rasch gerinnet, so bedrängte
Das Wort sogleich dem würd'gen Mann
Das heitre Antlitz. Es gerann.
Geronnen hingen gleichsam Wolken
Die wäss'rig, und wie Gallert die,
Von so zu sagen sauren Molken
In seiner Physiognomie.
Er fragte, wer denn die Verlobung
Geschlossen ohne Vorerprobung?

Lest's! rief der König. Der Prälat
Erhob das Schreiben, das die Saat
Von Marke's Freuden trug, zu liefern
Den ganzen Text mit seinen Kiefern.
Denn seine Leidenschaft war ja,
Zu lesen stets in aller Breite,
Selbst Punkt und Kolon, Kommata.
Der König rief: die vierte Seite!
Da, wo die Wilde, meine Braut,
Nach meinem lieben Neffen haut!

Das Teufelskind, der Unglücksjunge!
Der sich mit einem Jägersprunge
Mir an den Hals wirft, tollt und rast,
Bis man ihn glaubt zur Ruh gespaßt
Durch einer Schwalbe Haargeschenke,
Der dann den schlimmen Feind bekriegt,
Daß einem zittern die Gelenke,
Und niederfällt, indem er siegt,
Sich läßt von seiner Feindin warten,
Und birget nicht ein Schwert voll Scharten.

Tristans vierte Briefseite.

»Als ich nun sah die reizende Mänade
Vom Lockengold umwallt, dem keines gleicht,
Den Tod mir drohen mit dem Schwert, und: Gnade!
Vergebens rief mein Mund, und unerweicht
Ihr Busen blieb bei meiner flehnden Suade,
Die mir die Wort' in Fülle dargereicht,
Daß ich ja nur im Ritterkampf Morolten,
Was er gesonnen mir, mit Blut vergolten,

Und als mein End' ich nahe fühlen mußt'
Um dich, mein Ohm, für den ich doch gestritten,
Und daß ich mir des kurzen Lebens Lust
Erkaufte nicht mit dem, was ich erlitten,
So drang mir tiefes Mitleid in die Brust,
Ich jammerte mich selbst. Und heiße Bitten
Sandt' ich empor zum Engel unbekannt,
Der mich bis jetzt geführet an der Hand.

Der Engel unbekannt und unbenennet
Goß meinem Geist auch gleich die Klarheit ein.
Das Gold, das wallend um die Zorn'ge brennet,
So sprach's in mir es ist vom selben Schein,
Deß Pröbchen einst der Schnabel abgetrennet
Des einen Vogels von des andern Bein,
Denn solche göttlich-schönen Flechtenstränge,
Trägt keine Frau sonst um Sanct Jürgen's Enge.

Beim Kämmen wol verlor sie jenes Haar,
Die Schwalbe trug's im Flug nach Tintayollen,
Der Ohm versprach, die Eignerin vom Haar,
Entdeck' ich sie, verbinden sich zu wollen,
Hier hängt die Rettung wirklich an dem Haar,
Und Schicksal wird des närr'schen Zufalls Tollen,
Wie auch Isolde zürnt im goldnen Haar,
Ein Heirathsantrag wirkt oft wunderbar.

Vor Zeugen dacht' ich so, vor sechsen, sieben.
Die Königin war eingetreten, auch
Hofdamen waren ferne nicht geblieben,
Und staunend blickt' auf uns ein jedes Aug',
Ich dachte nicht, mein Onkel, wie geschrieben
In solcher Reihenfolg'; es war ein Hauch,
Ein Blitz, ein Schuß, ein überwall'nd Geflute,
Was da sich drängt' empor in meinem Muthe.

Mit überlauter Stimme rief ich: Halt!
Nicht tödte mich, denn heilig ist ein Werber!
Zum Throne ruft dich, himmlische Gestalt,
Dein Pflegling, den du machen willst zum Sterber.
Der König Marke, von dem Wunsch durchwallt
Nach Frieden, weil der Krieg ist ein Verderber,
Er suchet ihn bei deiner zarten Hand,
Daß einig werden Erin, Cornwalls Land.

Und ich ward abgeschickt, es dir zu künden,
Freiwerber, Königs Neff', und sein Baron.
Im Kaufmannsrock wollt' ich den Handel gründen,
Erst forschen, ob dem Wunsche hier kein Hohn
Begegnete, und dann die Fackel zünden
Der Wahrheit, wenn die Wahrheit brächte Lohn,
Doch, da mich übereilet die Entdeckung,
Kommt das Geheimniß früher zur Erweckung.

Mit ernster Rede feierlichem Wort
Werb' ich um dich als Cornwall's Königinne.
Durchsucht den Ballen und Ihr findet dort
Die Gaben all' der hochzeitlichen Minne,
Den Zobelpelz, den Demant, Spitz und Bort',
Was glänzt und reizen mag der Frauen Sinne!
Das leiste meinen Worten die Gewähr,
Anmuth'ge Feindin, was verlangst du mehr?

So, lieber Oheim, sprach ich unaufhaltsam,
Um nur zu schaffen mir erst freies Feld;
Verzeihe mir, wenn ich etwas gewaltsam
Die Sachen so und so hier dargestellt,
Und über dich ein wenig gar zu schaltsam
Verfüget in des Ehegottes Welt!
Auch du, mein zweiter Vater, würdest dichten,
Sähst du auf dich des Schwertes Spitze richten.

Erreichet hatt' ich, was mein Kopf gewollt,
Befremden, Sinnen, Neugier folgt Gefahren,
Der Degen sinkt, es wendet mir Isold'
Den Rücken mit befremdetem Gebahren.
Die alte Königin steht sinnend, grollt,
So scheint es, nur, daß sie's erst jetzt erfahren,
Neugierig aber laufen aus der Thür
Zum Ball'n die Damen, lösen das Geschnür.

Es weicht, es fällt. Sein köstlich Eingeweide
Zeigt nun der Ballen und mit leisem: Ach!
Begrüßt die Schaar das funkelnde Geschmeide,
Den Zobelpelz, den Keine schöner sah,
Das Feingespinst, den edlen Sammt, die Seide,
Die schweren Perlenschnür' aus India,
Den Cederschrein voll Balsam und Essenzen,
Und All das Flimmern, Schillern, Duften, Glänzen.

Sie rufen: Wer umsonst dergleichen bringt,
Verdient wol, daß man seinen Worten glaube!
Da wird gewählt, gemustert, und es dringt
Ins Zimmer Jede froh mit ihrem Raube.
Isolde wird, die Königin umringt,
Die Eine hält empor die Demanttraube
Des Ohrgehenks, die zeigt die Perlenschnur,
Und die des Zobels braune Garnitur.

Das Seidenzeug wird aufgerollt von Andern,
Und Ein'ge riechen an dem Balsam süß.
Inmitten diesem Prüfen, Zeigen, Wandern
Erhob ich mich auf meine steh'nden Füß'
Und sah, daß freilich nicht der Stoff aus Flandern,
Nicht der Demant Isolden's Augengrüß'
Empfing, daß sie vielmehr im Sessel kehrte
Die Blicke fort von all dem großen Werthe.

Ich sah jedoch, daß ihre Mutter klug
Anschaute mit vernünftigem Betrachten
Die Kostbarkeiten, die der Ballen trug
Als Tantris Gut, als falsche Handelsfrachten,
Und die nunmehr, geschwind, auf einen Zug
Als Brautgeschenke Tristan Zeugniß brachten,
Und daß sie ganz besonders Gold und Stein
In Prüfung zog und nahm in Augenschein.

Ich schöpfte deßhalb einen Muth, und züchtig
Doch fest sprach ich zur hohen alten Frau:
Bin ich auch jetzt des Lügens noch anrüchtig?
Ist dieser Stoff verfälscht, der Demant grau?
An Euch, Erhabne, steht es nun, ein tüchtig
Entscheidend Wort zu reden. Sagt genau,
Denn nachzudenken hattet ihr die Weile:
Soll Cornwall's Thron der Tochter sein zu Theile?

Die Kön'gin hatte zwar noch manches »Hum,
Und Aber, Zwar, Wenn nur,« und mehr dergleichen,
Womit die Mütter um das Ja herum
Sich drehen, ehe sie die Segel streichen;
Doch endlich wurden alle Aber stumm,
Und alle Wenn's und Zware mußten weichen,
Sie sagte, Nutzens wegen ihrer Kron'
Sei ihr genehm der königliche Sohn.

Auf dieses Wort, das wir sehr weise fanden,
Barg in das Tuch Isold' ihr hold Gesicht;
Allein die Mutter sprach ihr streng von Banden,
Von heil'gen vor der Königstöchter-Pflicht.
Und wie dies Bündniß zwischen beiden Landen
Den Zinsenhader mache gleich zu nicht'.
Und droht' ihr endlich gar mit ihrem Fluche;
Da seufzt' Isolde hinter'm Thränentuche:

Warum doch scheltet Ihr mich, Mutter, so?
Gehorchen rechnet' ich mir stets zur Ehre,
Längst wußte ich im Stillen, was mir droh',
Was ich mit Freuden lebenslang entbehre.
Nie füllt mein Herz der Liebesgluten Loh',
Drum geb' ich gern die Hand dahin, die leere,
Ich kann den König Marke nehmen, wie
Jemanden sonst der Königsmassonie.

Nur fordert nicht, daß meine Augen bleiben
Klar zu des Lebens trübstem Nebeltag!
Ich muß, mein Oheim, dir das Alles schreiben,
Obwol nicht schmeichelhaft dir's klingen mag –
Mich aber soll allein die Wahrheit treiben,
Damit du mich nicht scheltest hintennach,
Ich hätte, die Gehorsam nur erwiesen,
Dir als Verliebte sündlich vorgepriesen.

Ein Ja demnach war dieser Scenen Schluß,
Mit meiner Rettung tröstlich ausgeschmückt,
Doch faßte nur bedingungsweise Fuß
Mein Leben. Denn Isolde rief: Berücket
Uns nicht aufs Neue schlauer Reden Fluß?
Wer hat auf Werbung Wunde je geschicket?
Die Alte sprach: Zur Hinrichtung entblößt
Bleibt hier das Schwert, bis ihn der Oheim löst.

Löst Mark' ihn aus, so geb ich meinen Segen,
Läßt er ihn fallen, laß' ich dem sogleich
Das Haupt mit seinem Schwert zum Rumpfe legen
Weil dann uns Schimpf gebracht der lose Streich. –
Verständlich war's. – Ich sollt' auf dunkeln Wegen
Sofort hinabgehn eine Kerkersteig',
Indessen bat ich, daß du im Gesandten
Nicht so geschändet würdest, im Verwandten.

Dann schlug ich vor, es möchten doch geruhn
Die Damen selbst, zu halten ob mir Wache,
Sie könnten ja ins Schloß den Riegel thun,
Mich hüten, bleibend in dem Vorgemache.
Auf solche Art ward ich verhaftet nun,
Denn billig fand die Königin die Sache.
Sie trat alsbald die Wache selber an,
Isolde dann, ihr Fräulein drauf, Brangan!

Aus Damenhaft, den Nacken unter'm Eisen
Des Schwertes, send' ich dieses Schreiben dir,
Mein Oheim, laß es mit dem Manne reisen,
Der mich hiehergesteu'rt. Ich werde mir
Nicht unterstehn zu rathen, nicht zu weisen
Dir einen von den Wegen, welche zwier-
Gestaltet schauet deines Blickes Schärfe,
Und deren Bild ich nur als Skizz' entwerfe.

Dir blühet hier das allerschönste Weib,
Sagst du: Mein Neffe hat Euch nicht belogen:
Und zu dem Grunde rollt mein Kopf vom Leib,
Sprichst du: Ich kenne nicht, der Euch betrogen.
Die Seele hebt sich dann aus dem Getreib'
Empor der wunderlichsten Lebenswogen,
Ein Ding, unfertig, jenseit fragend an,
Wo etwa wol sie fertig werden kann?

Doch wie du sprichst, dein Neffe gerne duldet,
Was du entscheidest über sein Geschick;
Du hast sein junges Leben ihm verguldet
Mit deiner Liebe heitrem Sonnenblick.
Unendlich ist, was Tristan dir verschuldet,
Gern halt' ich hin dem Schwerte mein Genick,
Wenn dieses stürmischen Tages Wetterlaunen
Dir von der Zukunft bösem Wetter raunen.«

*

Die vierte Seite Tristans trägt
Nicht alles das, denn angelegt
Sind noch der Blätter sechs im Ganzen
Für diese fünf und zwanzig Stanzen.
Nun, frug der Abt, was ist der Schluß,
Herr König, auf des Neffen Botschaft?
Sein Antlitz war von sondrem Guß,
Sah aus, wie wenn man wem das Brod rafft
Hinweg vor hungerndem Gesicht:
Die Stiftung wurd' ihm ja zu nicht'.

Der König rief: Wie könnt Ihr fragen?
Soll ich mich etwa selbst verklagen
Um dieses frischen Lebens Raub?
Soll mir zerfallen dort in Staub,
Der fröhlich hier mich aufgerichtet?
Bei allem dem ist's sonderbar!
Es wird doch nichts so fremd gedichtet,
Was nicht ein Zufall machte wahr:
Auf daß ein Neff' sein Leben rette,
Besteigt sein Ohm das Ehebette.

Schafft, lieber Abt, für mich, und geht!
Ich weiß nicht, wo der Kopf mir steht.
Er schlittert mir wie ein Gefängniß
Voll Rasseln, Seufzern und Bedrängniß;
Er schreibt, nicht wahr, daß schön sie sei?
Dies ließe sich wol noch ertragen,
Sie selber nennt sich liebesfrei,
Das soll mir gleichfalls nichts verschlagen;
Sie kann mich ehren töchterlich,
Ich will sie halten königlich.

Verwünschter Streich, der Haar und Scharte
Zu Ehestiftern kraus verpaarte!
Ich wollte, daß die Damen kurz
Die Locken trügen! Unter'm Sturz
Des Schmiedemessers, wollt' ich, härter
Durchstählete der Klingenschmidt
Zum wenigsten die Ritterschwerter,
Daß nicht auf einen Hieb und Schnitt
Zersplitterte der Degen mürbe,
Und einem Greis die Ruh' verdürbe!

Was steht, Hochwürden, Ihr und säumt?
Hier sei gehandelt, nicht geträumt!
Ich wünschte, sprach der Abt, zu wissen,
Worin bei diesen Kümmernissen
Ich dienen soll, denn, Herr verzeiht,
Ihr sprecht ein wenig außer'm Maße.
Ich will, rief Mark, daß sich bereit
Zur Reise auf der Wasserstraße
Gen Irland stellen die Baron'
Und helfen von der Feinde Drohn

Dem Neffen; die Gesandtschaft bringe
Mein Bräut'gamswort mit meinem Ringe.
Laßt Jeden ziehn! Das Alter muß
Durch Pracht ersetzen, was der Fluß
Der Jahre spült' hinweg an Reizen.
Wenn hier die rechte Minne fehlt,
Soll sich die Hochzeit dennoch spreizen
In Festlichkeiten auserwählt.
Heißt in dem Münster Alles rüsten
Aufs Stattlichste, so recht nach Lüsten!

Wer, frug der Abt, soll Euch denn traun?
Ich möchte, sagte Marke, schaun,
Daß Ihr dazu so lang hier weiltet,
Weil Ihr die Trübsal mit mir theiltet
Als wahrer Freund. – Der Abt sprach mild:
Der Himmel kann noch Alles segnen!
Sein Antlitz ward des Tages Bild,
Der Sonne bringt nach starkem Regnen,
Er dachte: Mit der Mess' ist's aus,
Doch gibt es Trauung hier im Haus;

Fand also doch Geschäft am Platze,
Rentirend unserm Kirchenschatze;
Man schicke sich in Ort und Zeit,
Den Mantel nach dem Winde spreit'.
Er ging und stieg die Trepp' hinunter,
Den Schloßhof dann, und schritt bedacht
Dann über'n Graben, dran in bunter
Spitzsäulenreih' und Fensterpracht
Der Münster stand bei grünen Bäumen,
Mit Schnörkeln und Steinrosensäumen.

Der Abt that auf die Pfort', umgrenzt
Von den Aposteln und umkränzt;
Er trat ins Mittelschiff, durchflogen,
Vom Farbenglanz der Fensterbogen,
Durchschritt es, rechts und links geziert
Durch Märtyrer auf Postamenten,
Durch kniende Ritter, copulirt
Den Ehefraun auf Monumenten,
Zur Sacristei mit flinkem Fuß
Ging er nach dem Vicarius.

Doch eh' er stieg hinauf die Rampe
Des Chors, sah er die ew'ge Lampe
Verloschen, weil mit Oele frisch
Ein wenig zu haushälterisch
Der Kirchenknecht sie nicht genähret.
Es schüttelte der Abt den Kopf,
Doch war er von vordem belehret,
Wo sich befand voll Oel der Topf;
Er nahm ihn still und goß die Feuchte
Die fette ein der Kirchenleuchte.

Und darauf sucht' er Stahl und Stein,
Fand's, zündete den heil'gen Schein.
Nur keinen Lärmen angefangen,
Ist in der Kirch' was ausgegangen!
Sprach dieser Abt. Nach solchem Thun
Gab es ein anderes Beschicken,
Im Chorgestühle sah' er ruhn
Und nach der Hora sänftlich nicken
Lord Stonycraft, genannt der Kühl'
Und auch Graf Moor de la Vapüle.

Und lächelnd sagt' er: Diese Beiden
Sind noch am freiesten von Leiden
Des Alters in der Hofesschaar.
Die send' ich ab zum goldnen Haar
Als Königs muntre Liebesboten.
Schickt' ich die ganze Lordschaft hin,
So wär' es ja, wie wenn die Todten
Zum jüngsten Tage nach Dublin
Gereiset, um den Spruch zu hören
Des Richters unter Himmelschören –

Eintrat bei währender Rede Fluß
Erstaunet der Vicarius.
Erstaunt nicht, sprach der Abt, nein, leget
Zurecht die Fei'rtagsdecken, feget
Die Prachtgefäß' rubingeziert,
Doch g'nügt, wenn Ihr sie fegen lasset;
Die Leuchter gülden-ciselirt
Fügt zum Missal, in Sammt gefasset.
Auf daß wir äußerst stattlich traun
Den König Mark' mit seiner Fraun.

Er schritt von dem Vicar bestürzet,
Hin zu den Schlummerlords und kürzet'
Ihr sanftes Rasten ab. Gar sehr
Bitt' ich, entschuldigt, daß ich stör'
Die Andacht, doch des Königs Sache
Geht, sprach der Abt, für diesmal vor.
Er sagte ihnen drauf ins wache
Gesicht, wozu er sie erkor,
Die plötzlich aus verschlafnen Betern
Gewählt sich sahn zu Schiffsbetretern,

Und aus dem Gang, der etwas matt,
Geschleudert auf den Werberpfad.
Sie rüsteten ihr Geräth zur Reise,
Auslegte der Vicar mit Fleiße
Die Purpurdecken, Leuchter groß,
Goldengelfüßig, Kelch', Missale.
Den Ring der gute Abt verschloß
In einem Saffianfutterale,
So kehrte geistlich Regiment
Dort Alles vor zum Sacrament,

Und ordnete ein klug Beginnen,
Wo weltlich Herrschen kam von Sinnen.
Mit ihrem Ringe gehn am Bord
Der kühle und der andre Lord. –
Tristan indessen sitzt und schwätzet
Und lautet was den Damen vor,
Er singet, was er selbst gesetzet
Für Einzelne und für den Chor,
Um ihnen, wie er sagt, die Peinen
Der Hütermühe zu verkleinen.

Die Dreie lösen Nacht und Tag
Sich nämlich ab im Vorgemach,
Brangane und die alt' Isolde,
Und die, umwallt vom Lockengolde.
Allmählich aber wird gelind
Ein sanftrer Sinn der Alten kenntlich,
Sie nennet Tristan liebes Kind,
Weil er so artig singt, und endlich
Erlaubet ihm die Königin,
Nicht länger zu verweilen drin,

Vielmehr bei Tag sich zu erdreisten
Gesellschaft draußen ihr zu leisten.
Denn, sagt sie, an die freie Luft
Läßt man doch aus des Kerkers Kluft
Verbrecher selbst. – Für dies Vergönnen
Erwies Tristan sich immer mehr
Voll Dankbarkeit. Nach bestem Können
Gab er die feinsten Liedchen her,
Und Novellettchen, Liebesflirren,
Die süß um durst'ge Ohren girren.

Brangane und Isolde alt
Verändern drauf der Haft Gestalt;
Sie ziehen nicht mehr wechselweise
Auf Wacht, vielmehr es schleicht sich leise
Der Brauch ein, daß beim jungen Herrn
Sie Beide sind mit güt'gen Mienen.
Die Eine fragt: Was trinkt Ihr gern?
Die Andre schenkt ihm Apfelsinen.
Die Eine seufzend nach ihm lugt,
Die Andr' ihm nachzusingen sucht.

Isolde Goldhaar aber weichet,
Da sie die Mutter sieht erreichet
Von solcher Schwäch', in ihr Closet.
Sie zürnt in Thränen. Balde geht
Frei aus der Wildfang, reit't spazieren,
Wenn sich das Wetter danach macht,
Besieht die Stadt in all'n Quartieren,
Ergötzt sich an der Falkenjagd,
Und hat den Tod schon überwunden,
Eh' noch von Cornwall kommen Kunden.

* * *

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