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Gutenberg > Karl (Leberecht) Immermann >

Tristan und Isolde

Karl (Leberecht) Immermann: Tristan und Isolde - Kapitel 6
Quellenangabe
typepoem
authorKarl Immermann
titleTristan und Isolde
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
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Wirth und Gast

Also geschah's auf Tintayol,
Des Rühmens und des Preisens voll!
Gern mischt' ich diesem leichten Liede
Die ernste Frage: Ließ der Friede,
Mein Vaterland, zum Siegeszeuch
Dir auch den Siegerarm? Bedenke ....
Allein sie riefen wol: Verscheuch
Die Grill'n! Sie passen nicht in Schwanke.
Ich bleib' auf Tintayol, und da
War Niemand, der nach Tristan sah.

Der hatt', als er vernahm, wie gräulich
Dem Ohme drohte Schmach abscheulich,
Hervorgestoßen einen Ruf,
Den tugendlich Entrüstung schuf.
Dann sah er nieder vor sich lange
Bescheidentlich. Der tolle Knab',
Wildfang im Scherz, ward bei dem Drange
Des Ernstes sittig. Still hinab
Zum Boden flüstert' er: Nicht melden
Darf sich ein Bursch vor solchen Helden.

Doch als er sah der Alten Noth,
Da schlich ein züchtig Purpurroth
Ihm über Schläf' und Wangen beide
Und gab dem Hals ein roth Geschmeide.
Warum erröthete Tristan?
Ihn küßt' im Innersten der Seele
Ein hoher Gedanke auf zum Mann,
Und sprach: Du bist's, den ich erwähle.
Scham übergoß ihn bei dem Kuß
Mit ihrer Rosenblüten Guß.

Der Jüngling, der zum erstenmale
Sich fühlet angeglüht vom Strahle
Der mächtigen Begeisterung,
Ist wie ein Mädchen, schön und jung,
Einsam erblüht in süßer Wildniß,
Wohin die Königin der Fein
Es trug, weil in des Kindes Bildniß
Verliebt, sie's haben wollt' allein,
Wenn nun die Reize, die entsproßten,
Den ersten Kuß der Liebe kosten.

Nur grüne Waldnacht kannte sie
Und Träume stiller Phantasie,
Nur große goldne Blumen waren,
Ihr Spielgesell'n in manchen Jahren!
Als Bach, als Lüftchen, Vogel, Reh
Umkos'te sie die Feie innig,
Es speiste sie die Frucht der Schleh'
Sie wuchs empor, ein Räthsel sinnig:
Da tritt in Wald ein hoher Mann,
Sieht, glühet, bebet, küßt sie dann.

Von seiner Lippe heißem Fodern
Fühlt sie sich selber himmlisch lodern,
Ihr jungfräuliches Schämen sagt:
Der Herr erschuf mich eine Magd. –
Tristan ging schamroth nach der Mitte
Der Hall' und hob den Alten auf,
Nahm ihm die Wehr mit sanfter Bitte,
Und sprach: Mein alter Held, Gerauf
Ziemt Euch nicht mehr. Gott wird den Jammer
Schon wenden ab; ich bring's zur Kammer.

Er that, als wollt' er's Stück vor Stück
Zum Rüstsaal bringen nur zurück;
Doch nach dem Ziele, nach dem andern
Ging der Gedanken heimlich Wandern.
Er schritt hinab die Wendelstieg'
Und überschritt den Hof im Schnee;
Im Herzen Muth und Krieg und Sieg,
Nur ängstlich, daß ihn Jemand sehe;
Dann trat er in das Stallgebäu,
Wo Marke's Rosse fraßen Heu.

Er schickt' hinaus das Stallgesinde,
Bei Riwalinen's tapferm Kinde
Blieb nur ein starker, wackrer Knecht,
Dem sagt' er, daß er bleiben möcht'.
Er sprach: Du sattle mir die Stute,
Die scheckige, den Fuchsen dir.
Gleich muß ich fort, drum eil' und spute
Nach Kräften dich. Du reitst mit mir.
Der Knecht, der nicht ein Wort versetzte,
Beschuf' die Ross, das Erst' und Letzte.

Indessen warf der Wildfang um
Halsberg und Küris, Schienen krumm.
Sie saßen ihm, wie angeschnüret,
Der Helm saß knapp, wie sich's gebühret.
Er schnallte fest das Schwert und probt'
Ob wol die Schärfe g'nüglich schneide?
Er hieb in einen Pfosten, klobt'
Ihn auseinander; dann zur Scheide
Steckt er es ein; stand blank und frohn
Im Harnisch da vom alten John.

War unbedienet worden fertig,
Und harrete des Pferds gewärtig.
Die Schecke brachte ihm der Knapp,
Er führte sie den Stall hinab
Zur Hinterthür in eine Senkung,
Der Knappe folgte mit dem Fuchs;
Er machte dann verstohlne Schwenkung
Durch Gartengrund voll Tax und Bux,
Als er sich wußte ungesehen,
Sprang er aufs Roß und ließ es gehen.

Schild an den Leib, tief im Visir,
Der Knecht ritt nach auf seinem Thier.
Hell lag der Mond auf schnee'gem Grunde
Und wies den Weg zu Jürgens Sunde.
Der eis'ge Boden kreischt' und knarrt',
Erzürnt vom kecken Ritte schien er,
Das war der einz'ge Laut. Es ward
Kein Wort geredt vom Herrn und Diener.
Sie kamen zu dem Fischerhaus;
Noch immer sah zum Fenster' naus

Herr Donegal, der litt an Kälte.
Und Tristan ihm die Frage stellte:
Wo sind die Deinen, wo Morolt,
Der gierig ist nach Cornwalls Gold?
Die liegen, sprach mit Zähneklappen,
Herr Donegal, in der Drachenscheur,
Wahrt Euch, daß sie Euch nicht ertappen,
Morolt ist fast ein Ungeheu'r'. –
Hell schien's herüber von der Düne,
Zum Scheine ritt Tristan der Kühne.

Der Wind schwieg still, klar war die Luft.
Ein Feuer bräunte vor der Kluft
Des Drachen, angemacht durch Reißig,
Das abgehaun die Iren fleißig.
Rings um die Glut im Sande lag
Die Kriegsmannschaft in Bärenfellen,
Morolt saß mitten in dem Hag
Der Streiter zu erhöhter Stellen
Auf eines Wallfischkopfes Bein,
Das mußte ihm sein Feldstuhl sein.

Sie hatten dieses Bein gefunden
Am Strand, vor einer Viertelstunden.
Roth stieg die Glut durch schwarzen Rauch,
Und dazu schien das Mondlicht auch.
Beim Mondenlicht, bei'm Glutenrothe
Sah Tristan Alles an; den Kreis
Der Iren in dem feuchten Kothe,
Morolten auf dem Schädel weiß.
Zehn Schritt vom Lager hielt er, sagte
Zum Knecht: Nun melde, was ich wagte.

Herr Tristan hielt, sein Knecht ritt hin,
Und rief: Hollah! – Wer da? frug Gin,
Ein Hauptmann bei der Irenbande.
Mein Herr, sprach Jener, kam zum Strande.
Da hub sich auf vom Wallfischkopf
Morolt und frug durch Finsternisse:
Was will der Herr? Vom Mähnenschopf
Der Scheck' herab sprach Tristan: Wisse!
Zu fragen dich mein Herz entbrann,
Antwort verlang' ich, rauher Maun.

Den Stolz hat Gott noch stets vernichtet,
Und Demuth immer aufgerichtet,
Den Bergen sagt' er einst im Ost:
Von Einem kommt der Welten Trost.
Da hoben Alle stolz die Köpfe,
Nur Zion senkt' ihr fromm Gesicht.
Die Andern blieben kahle Tröpfe,
Von Zion sandt' er aus das Licht.
Sie blüht, die Andern starr'n in Wehmuth –
Mit dürrem Haupt. – Eine Arabische Sage erzählt, Gott habe den Bergen im Orient verkündet, er werde aus einem von ihnen einem Propheten die Tafeln des Gesetzes geben. Alle richteten ehrbegierig ihre Gipfel auf, nur Zion senkte sich demüthig. Die Andern mußten ihr darauf ihre Gewächse abgeben und wurden kräuterlos. So sprach voll Demuth

Morolt dem stolzen Tristan zu,
Fuhr danach fort: Die Frag' ich thu',
Ob du hier bist ins Land gebrochen
Als Räubersmann mit groben Knochen?
Ob ohne Schick und Courtoisie
Du willst nur sengen, plündern ruchlos?
Tue Hirten schlagen und das Vieh?
Verheeren Tintayol? Ich frug blos,
Ob du so'n Räuber bist? Ob Kampf
Zu Zwei'n du annimmst, Reck' im Dampf?

Aufrauschte nun die Patrickstruppe
Und wogt' am Feu'r in wilder Gruppe.
Morolt ragt' über dem Geschwärm
Rief donnernd: Stille da der Lärm!
Und Alles schwieg. Morolt bedachte
Sich eine Weil', dann rief er laut:
Ich liebe zwar nicht sehr das Sachte,
Im Heerstreit lacht die Kriegesbraut,
Weil aber ich ein Ritter heiße,
Des Zweikampfs auch ich mich befleiße.

Wo ist der Zweikampf, wo der Bub',
Der nicht will sterben in der Stub'?
Tristan entzog der Hand den Handschuh,
Und rief: Da hast, Morolt, mein Pfand du!
Nimm's auf und sei gewiß, ich stell'
Am Morgen mich mit Schwert und Schilde.
Fall' ich, so stürz' ich vor der Schwell'
Der Ruhmeshall'! Fällst du, so bilde
Sich Irland keinen Goldzins ein,
Zinn graben wir, nicht Goldesschein.

Er warf sein Pfand zu Sand und Dorne;
Morolten flog die Lipp' im Zorne.
Er sprach: Den muß ich mir besehn.
Nehmt Brände auf und laßt uns gehn,
Und Diesem da ins Antlitz leuchten.
Wol, sprach der Wildfang, sprang vom Roß,
Beseht mich, sagt, ob Euer Däuchten
Mich schätzt als würd'gen Kampfgenoss'!
Dem Knechte gab er die Gescheckte,
That ab den Helm, der's Haupt bedeckte.

Mit Feuerbränden kam die Schaar,
Und leuchtet' ihm ins Antlitz klar.
Das Mondlicht und die rothen Gluten
Beleuchteten den Hochgemuthen.
Er stand so blühend da im Flaum
Der Jugend, und ihm stand entgegen
Morolt; den engen Zwischenraum
Durchkreuzten Blicke, kampfverwegen.
So ständen Eich' und Lorbeer schlank
Zusammen an des Berges Hang.

Als ihm Morolt ins Antlitz blickte,
Nicht wußte der, was ihn zerstückte,
Er sah im Erz die Glieder zart,
Nicht könnt' er sagen, wie ihm ward.
Er wollte zürnen, Nacken schüttelnd,
Daß bis zum Gürtel flog die Lock',
Vermocht' es nicht. Es schlug vermittelnd
Sein Herz ihm unter'm Bärenrock.
Er war wol grob, hatt' doch ein Herze –
Wie heißt du, frug er, junge Kerze

Der Tapferkeit, die du entbrannt
So plötzlich bist in Cornwalls Land?
Bescheiden sagte Marke's Vetter:
Noch grüßete mich nicht Geschmetter
Der Ruhmtrompete. Namentlich
Heiß' ich Tristan. Daß ich ein Sprößling
Aus Königsblut, versich'r ich dich,
Obgleich ein etwas wilder Schößling.
Das thut nichts, sprach Morolt, es sank
Die beste Brut stets von der Bank.

Wie kommt es, daß der Schild der Deine
Kein Wappen zeigt nicht groß noch kleine.
Das kommt daher, sprach Tristan klug,
Weil Niemand mich zum Ritter schlug.
So kann ich, rief Morolt, nicht, streiten
Mit dir, der noch der Würde mißt.
Die bei dem Zweikampf so im Reiten
Als wie zu Fuß, Vonnöthen ist.
Drum sollt', sprach Tristan, Königs Magen Magen, altdeutsch für: Vetter, Verwandter.
Ihr selber Euch zum Ritter schlagen! –

Die seltsamliche Anmuthung
Erstaunen machte Alt und Jung,
Morolt trat rückwärts hin drei Schritte
Und rief: Besonders klingt die Bitte!
Warum? frug Tristan. Unter'm Stahl
Brennt mir ein Muth, wol Werth den Orden,
Umher steht edler Zeugen Zahl,
Ihr seid, dem dazu Macht geworden;
Der Zeiten Eil', die Fährlichkeit
Hilft über Wacht und Schwertes Leit.

Morolt versetzte: Dies sind Possen,
Die machen mich nicht unentschlossen.
Die Hauptsach' ist ein Rittersinn
Vom kleinen Zehen bis zum Kinn.
Er dacht' und überlegte. Leise
Schlich Donegal herzu. Er war
Doch lieber hier bei'm Feu'r im Eise,
Als in dem Haus, des Herdes baar.
Er flüsterte: Ein Ueberlegner,
Der stärkt nicht selbst den schwachen Gegner.

Morolt der fuhr ihn an: Ich bat
Euch Zärtling nicht um Euren Rath!
Ein edler Muth, ein hoch Vertrauen
Soll nie bei mir ins Leere schauen.
Kannst du beschwören deinen Stand,
Tristan, und königlichen Samen,
So schlägt dein Feind mit eigner Hand
Zum Ritter dich in Gottes Namen;
Er hielt des Schwertes Kreuz ihm vor,
Und sagte: Schwör'! Und Tristan schwor.

Drauf stellten sich in eine Runden
Die Iren mit den Feuerbunden.
Und mitten in der Runde sank
Tristan aufs Knie. Morolt, der schwang
Sein breites Schwert, trat ins Gehege
Der Mannen, betete ganz kurz,
Und gab dem Wild fang die drei Schläge
Zur Schulter an des Panzers Schurz,'
Und sprach: Zu Gott's, Mariens Ehre
Empfange dies und nicht das Mehre.

Sei du biderbe und gerecht!
'S ist besser, Ritter sein als Knecht:
Er hob ihn auf mit sitt'ger Sorgen,
Und Tristan sprach: Lebt wohl bis morgen.
Zur Schecke ging er. Ja, ich denk',
Rief nun Morolt, im Schloß des Fürsten,
Schläft's besser sich im Bettgeschränk,
Als hier, wo uns die Winde bürsten!
Ihr redet, sprach Tristan, verkehrt,
Abseiten leg' ich mich zur Erd'.

Was! rief Morolt, du liebst das Freie?
Nun ist, als ob gefallen seie
Die Scheidemauer, die sich hoch
Noch zwischen unsern Leibern zog.
Verwünscht der Zimmerstank, der dumpfe!
Das Feld ist Gottes Kemenat',
Da fühlt man sich in Kopf und Rumpfe
So recht als seine Erdensaat!
Sei klug, du junges Abenteuer,
Komm mit, und ruh' bei unserm Feuer.

Er nahm die Hand des Gastes, bracht'
Ans Feuer ihn, frisch angefacht.
Mitging Tristan, ganz sonder Fürchten,
Er stand im Frieden im verbürgten.
Bei seinem Vater selber nicht
Hätt' er in bess'rem Schutz genächtigt,
Als unter'm Schirm der Wirthespflicht;
So heilig war der Gast berechtigt.
Morolt hieß sitzen ihn, bevor
Er selber sich den Platz erkor.

Er schob ihm hin den Wallfischschädel
Und darauf rief der Feldherr edel:
Da liegt mein Bette, frisch gemacht!
Sich werfen wollt' er zu der Wacht.
Das litte Tristan nicht, er löste
Den Panzer ab, obgleich ihn fror,
Und sprach: Wenn ich des Stuhls dich blößte,
So kehr' ich diesen andern vor.
Auf das Gebein Tristan sich setzte,
Und auf den Panzer der ergötzte;

Morolt, ergötzt vom Jüngling frei.
Rings legte sich die Massonei
Der Iren; und der Knecht der wackre
Band etwas seitwärts vom Geflackre
Der Glut, daß nicht sie würden wild,
Die Ross' an eines Strauches Aeste.
Den Hafersack hatt' er, gefüllt,
Mit hergebracht zum Ritterfeste,
Denn, sprach der Pferdeknecht gescheut,
Mein Herr mag hungern, schafft's ihm Freud';

Doch fressen will der Gaul. Und offen
That er den Sack, der Rosse Hoffen.
Er fütterte, sie fraßen brav.
Morolten's Ohr das Knarpen traf.
Er rief: Ein Beispiel, nachzuleben!
Wir wollten zwar in Gerstenbrod
Uns nur das Abendessen geben,
Allein der Gast heischt Gastgebot,
Thut, Speisemeister, was Ihr könnet!
Holt Rauchfleisch! Einen Wein uns brennet!

Umstände nicht zu machen bat
Vergebens Tristan. Was er that,
Der Speisemeister stieg zur Jölle
Und holte aus dem Schiff die Völle
Der Speisen. Mit dem Korbe groß
Kam er zurück und einem Fasse,
Setzt' einen Kessel an den Stoß
Des glühnden Holzes; mit dem Maße
Füllt er in Kessel rochen Wein,
Und würzte den mit Specereien.

So brannt' er Wein. Zu jenen Stunden
War noch der Whisky nicht erfunden,
Der jetzo labt der Iren Kehl'.
Drum mußte Glühwein mit Kaneel
Sie damals freun. Er gab zwei Krüge
Aus Elfenbein Morolt, Tristan,
Vom allerherrlichsten Gefüge,
Mit Schnitzwerk kostbarlich umthan,
Der Eine wies bis zu den Niethen
Des Rands, Centauren und Lapithen.

Aus Eupidonen war der Henk'
Des Krugs geschnitzt, die bei'm Gelenk
Der Hände sich und Füße hielten,
Und oben waren zwei, die zielten.
Doch auf des Deckels Mitte stand
Alkmenens Sohn mit seiner Keule.
Die Ränder säumt' ein goldnes Band,
Ein Goldreif auch des Fußes Säule,
Der beste Meister schuf den Krug,
Der in Dublin je Meißel trug.

Bei Tristan mußte dieser bleiben.
Den zweiten möcht' ich auch beschreiben,
Allein ich fürcht', es wird zu viel.
Das sag' ich nur, des Krugs Gespiel
Schien seiner Werth, war, was Castoren
Einst Pollux war. Nur daß sein Schmuck
War aus der heil'gen Schrift erkoren,
Aus Assur's Sieg' und Inda's Druck.
Morolt erhielt ihn. Bis zum Rande
Des Schnitzwerks aus dem Morgenlande

Und aus der Heiden Fabelkreis
Goß Wein der Speisemeister heiß
Vom Kessel ein, und gab den Iren
Darauf im Horn des Auerstieren.
Dann schritt er zu dem Korb' zurück,
Nahm Brod herfür und Rauchfleisch rothes,
Und legte vor. Das größte Stück
Bekam Tristan; Morolt gebot es.
Nach diesem seinen Theil empfing
Morolt, war auch nicht just gering.

Hierauf bekamen all' die Mannen,
Und dann der Knecht. Als nun die Kannen,
Mitsammt dem Horne dampften voll,
Und Jedem käu'nd die Backe schwoll,
Nahm erst der Speisemeister. – Nächtens
So tafelte bei'm Feind Tristan
In Rauchfleisch, Wein, geglüht wie Rechtens.
Das Herz ging auf, Morolt gewann
Den Wildfang lieb, und der rief selig:
Was ist doch Ritterschaft so fröhlich!

Vergnügt war Alles, schwatzt' und lacht',
Erquickt von Wein und Kost zu Nacht.
Herr Donegal allein war traurig,
Er stand bei Seiten, dacht': Erlau'r ich
Denn nicht ein wenig Brod und Fleisch?
Morolt sah diesen Hausbewohner
Und fuhr ihn an: Willst essen, heisch'
Von deinem Wirth dir was! – Der Schoner
Des eignen Leibes kriegt' im Schnee
Kein Schnittchen; ging in sein Palais

Den Magen leer, sonst voll von Schaudern. –
Bei'm Trunk begann Morolt zu plaudern,
Erzählte von der Königin
Isolt', der Alten; deren Sinn
Verstand und Wissenschaft, wie gründlich
Sie aller Sympathien Kraft
Erkenn', und brau', ein wenig sündlich,
Wol den und jenen Zaubersaft,
Und von der Tochter, von Isolden
Sprach er dann auch, in Haaren, golden.

Mit tiefrem Tone sagt' er das,
Und schaut' in seines Kruges Naß.
Ist die desgleichen Zauberinne?
Frug Tristan. Im gemeinen Sinne,
Sprach drauf Morolt, vernein' ich's wol.
Sie weiß Arznei, heilt alle Wunden,
Bis in des Herzens Kammer hohl',
Die pflegt sie zärtlich; des Gesunden
Nicht achtet sie. – Wie er sie bat – –
Doch – – singt, ihr Freund', uns 'ne Ballad'!

*

Gesang der Iren am Feuer

Grünes Erin! Stolzes Erin!
Dundoridone, der Bauernsohn
Flehte zur Lady, die lachte voll Hohn.
»Laß deine Schuhe dir flicken, mein Traut! –«
Ihm rollten die Augen, entstellet er schaut'.
                  Stolzes Erin!

Grünes Erin! Stolzes Erin!
Dundoridone, der Bauernsohn
Lief in die Hütte und knirschte mit Hohn:
»Hast mir, o Vater, die Lady geraubt!«
Zerschmetterte seinem Vater das Haupt.
                  Stolzes Erin!

Grünes Erin! Stolzes Erin!
Dundoridone, der Bauernsohn
Stürzte zum König; den Tollen sie flohn.
»König, du hast mir die Lady entehrt!«
Er griff nach dem König und Königes Schwert.
                  Stolzes Erin!

Grünes Erin! Stolzes Erin!
Dundoridone, der Bauernsohn
Lacht hinter Eisen im Thurme, dem hoh'n:
»Brav, daß ihr sperrtet hier oben mich ein,
So kann Gott vierzehn Tage noch Weltfürste sein!«
                  Stolzes Erin!

*

Gewaltig scholl am Feu'r der Brände
Das Lied von toller Neigung Ende.
Morolt stieß in die Glut den Knorr'n
Mit seinem Fuß und sprach verworren:
Der ist ein Narr von Mutterleibe,
Den Lieb' in Narretei verstört!
Ein rechter Mann erringt dem Weibe,
So ihn zurückwies, mit dem Schwert
Die Schätz' und Güter aller Zonen
Vom Pol, bis wo die Mohren wohnen!

Er holt das Gold vom Land Cornwall,
Dann fährt er hin zum Senegal,
Und zinset den um Elfenbeine,
Nimmt Indiens Schacht die Funkelsteine,
Arabien raubt er seine Myrrh'
Und Taprobane'n bunte Vögel,
Das Pardelvließ dem Atlas dürr,
Und wenn zurück sein kühnes Segel,
Schmückt er mit aller Zonen Sold
Den heil'gen Fleck, wo steht Isold'! ...

Verrathen hatte sich der Starke,
Er schwieg und murrt! Der Neff des Marke
In sitt'ger Schonung seines Wirths
Trieb leicht, gewandt, in aller Kürz'
Ein anderes Gespräch zur Stelle.
Er that, als ob er nichts vernahm,
Und sprach von seines Rosses Schnelle,
Auch wie man Falken mache zahm.
So wurde wieder unbedenklich
Die Unterredung, sehr verfänglich.

Der Kessel Weines war geleert,
Das Brod, das Rauchfleisch aufgezehrt,
Die Venus schien empor im Osten,
Gin meldete von seinem Posten,
Der Morgenstern sag' an die Früh'.
Es schläferte die Ir'schen Degen,
Drum rief Morolt: Das Feuer glüh'
Nun aus! Wir woll'n uns schlafen legen!
Zur Grotte gingen sie, es that
Sich Jeder hin, wohin er trat.

Morolt wies seinem Gast die Stätte,
Wo er's zum Schlaf am wärmsten hätte.
Tristan hing auf sein Schwert zum Ort
Weit von ihm, nah der Grottenpfort',
Er legte sich zum Grunde wehrlos,
Daneben legte sich sein Feind
Entwaffnet auch. Die Iren speerlos,
Zum frommen Abendspruch vereint,
Tristan, Morolt, sie thaten beten,
So viel zum Nachtgebet vonnöthen.

Drauf schliefen Alle bald. Geschnarcht
Der Irisch-Men' erscholl nicht karg.
Tristan natürlich schlummert' leise,
Denn nie weicht aus dem engen Gleise
Der Lebensart ein junger Held,
Auch wenn er schläft. Doch schlief der Meine.
Morolt allein blieb wach. Mißfällt
Das Bett ihm doch auf Sand und Steine?
Nicht das. Er hob sich über'n Gast
Und sprach: Zu kalt wird ihm die Rast.

Er schlich zur Grott' hinaus des Drachen
Und ging an Strand, und nahm den Nachen
Und ruderte sich zu dem Schiff.
In der Cajüte dort ergriff
Er eine warme Rennthierdecke,
Die bracht' er mit sich in die Kluft,
Dort legte sie der gute Recke
Auf Tristan, um die scharfe Luft
Von seinem Gaste abzuwehren,
Schloß dann die Wimper zu, die schweren.

*

Nachspiel

Stanzen.

»Wie foppst du güt'ger Hörer Kreis, Rhapsode,
Mit solchem Sange von Isold', Tristan!
Ein Liebeslied versprachst du, doch zum Tode
Hat dein Gedicht den Flamberg angethan.
Fällt Tristan morgen, weckt die Trauerode,
Die du ihm weihen wirst, nicht auf den Mann,
Und fällt Morolt, wie wird Isolde grollen!
Sie wird dann nie zum Buhlen Tristan wollen.«

Geduld, ihr Lieben, laßt dem Dichter Zeit,
Und eßt die Aepfel nicht, bevor sie mürbe.
Der Weg durch die Romanzen ist noch weit,
Und Schade wär's, wenn irgend was verdürbe.
Es trifft zur Minne sich Gelegenheit,
Ob der und der auch unterweges stürbe.
Hört unterweilen, wie – 's ist Hören's werth –
Anadyomene auf Erden fährt.

Venus, Dione, Kypris, Aphrodite!
Du Königin, erschienen tausendfalt!
Im Meeresschaum, im Myrthenlaubgebiete,
Als Pyramid' in Paphos aufgeballt, In Paphos wurde Aphrodite in der Gestalt einer weißen, steinernen Pyramide angebetet, in Athen war der Urania eine viereckige Säule errichtet, in Elis wurde die Pandemos auf einem Bocke reitend dargestellt.
Hier Grazien als Mägd' in deiner Miethe,
Und dort du selbst als Säulen-Ungestalt,
Mit Mars im Netze; Rosen in der Locke,
In Elis reitend gar auf einem Bocke.

»Ein häßlich Bild!« – Nun, meine Damen, lang
Liegt Elis' Tempel in der Erde Krume,
Und wenn nicht etwa eines Forschers Drang
Aus Baiern in dem Griechischen Königthume
Aufschürft in einem Keller oder Gang
Die letztgedachte Hellas-Bildner-Blume,
So sollt ihr nicht in Glyptotheken – gib's
O Herr! – sie sehn; nicht nachgemacht in Gyps.

Ich schaue dich, o Göttin, nur umgossen
Von deiner Glieder nacktem Wunderreiz,
Den Gürtel, der die Charis hält verschlossen,
Und deine Hüfte birgt, voll holdem Geiz!
Die Wangen, wo die ew'gen Scherze sprossen,
Süß lächelnd des von dir geschaffnen Leids!
Von dir, o Göttin, sing' ich und will sagen,
Welch ein Gespann du schirrst vor deinen Wagen.

Hast du erküret dir das nahe Ziel,
Zu ebner Erde auf gebahntem Grunde,
Willst du den Hirten regen zu dem Spiel
Der leichten Küsse auf der Hirtin Munde,
Dem guten Jüngling schenken, was nicht viel,
Mit einem guten Mädchen seine Stunde:
Dann spannst du vor die Taube und den Schwan
Und fährst zur Rosenlaub' auf grünem Plan.

Doch ist das Ziel in Wolken, Finsternissen
Erhöht auf schwindlicht-hohem Felsenrumpf,
Soll sich die Liebe, siegreich' losgerissen
Von Welt und Zeit, erheben zum Triumph,
Soll sich erweisen Pflicht und Gott, Gewissen,
Und Schmach und Tod ihr gegenüber stumpf,
Dann legest du in Allmacht, in erkannter,
Den Löwen vor, den Leoparden, Panther.

Der Löwe brüllt, er rauschet mit der Mähn',
Und zieht den Wagen doch! der Leoparte
Läßt grimmig fletschend seine Zähne sehn,
Und zieht den Wagen doch! Des Panthers Schwarte
Bäumt Borsten, welche sengt des Rachens Wehn,
Er zieht den Wagen doch! Im starren Barte
Hängt Geifers Wuthgift diesem Wuthgespann,
Es peitscht der Schweif Staubwolken himmelan.

Doch über'm Brüllen dieser Ungeheuer
Und über ihrer Wüthe gift'gem Schaum,
Und über ihrer Blicke grassem Feuer,
Dem Rachendampf, der Zähne weißem Zaum,
Fährst du, erhaben lächelnd, Göttin, neuer
Verknüpfung zu durch unwegsamen Raum
Zum Felsenziel in Wolken, Finsternissen,
Und lösest dort die Thier' aus den Gebissen.

Der Morgenstern erbleicht, die Sonne sagt
Mit jenem Glanz sich an im tiefen Oste,
Die Iren schütteln sich und Jeder nagt
Am schmalen Frühstück, in dem argen Froste.
Ich sah die Göttin lächeln durch die Nacht,
Die Ferngebrüll, so war es mir, durchtoste,
Sie hat zu fahren noch. 'S ist etwas weit!
Doch halten wird ihr Wagen, wenn es Zeit!

* * *

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