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Tristan und Isolde

Karl (Leberecht) Immermann: Tristan und Isolde - Kapitel 5
Quellenangabe
typepoem
authorKarl Immermann
titleTristan und Isolde
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
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Sanct Patricks Schiff

Von Abend her, von Irland grün
Blies steif der Wind gen Cornwall's Dün',
Wo sand'ge Höh'n den Sund umborden
Sanct Georg's, Der südliche Theil der Irischen See heißt St. Georgs Canal. wie Schaum, der starr geworden.
Zurück in See die Ebbe schwand,
Und wälzte sich dem Wind entgegen,
Der ihre Wellen bis zur Kant'
Auswölbete zu Wasserbögen,
Drauf Dächer warf mit rauher Faust
Von Kräuselgischt, dem Meer entzaust.

Der Ebbe nach in Hasten krochen
Seespinnen, Hummer, Zitterrochen,
So Flut, als sie zur Küste trat,
Geschmeichelt hatte ans Gestad.
Es glückt' auch manchem schwarzen Hummer
Zu plumpen in den feuchten Schooß,
Doch mancher Rochen blieb voll Kummer
Und manche Spinn' im Sande bloß,
Der Wind, darüber schleudernd Flechten,
Begrub, die gern noch leben möchten.

Er trieb den Rauhreif ins Gesicht
Seehunden dort im Sand, die nicht
Nach Ebb' und Flut im Lager frugen.
Sie blinzten ruhig mit dem klugen
Blaudunkeln Aug aus rundem Kopf,
Wenn sie am Lide Flocken fühlten.
Vom glatten Nacken ohne Schopf
Floß Alles ab, und stille hielten
Entgegen sie des Wind's Geblas'
Emporgereckt die Nasen naß'.

Es pustete sein kaltes Schnaufen
Die Düne an, die Sandeshaufen,
Die Meer geballt und Sturmes Husch,
Und Gott besetzt mit dünnem Busch;
Darin der Drach' in grauen Tagen,
Als scheußlich er aus Urschlamm kroch,
Mit seinem Schuppenschweif geschlagen
Die Wohnung sich, das Grottenloch.
Es hingen Wurzeln in das Finster,
Und drüber hing Schafthalm und Ginster.

Der steife Wind von Irland grün
Durchstrich den Strand, umstrich die Dün',
Wollt' was zerstören in der Laune,
Und fand nur diese dünnen Zaune
Des Binnenlandes. Wüthend riß
Er an den unfruchtbaren Halmen,
Und vor der Grotte Zugang schmiß
Er Sand empor. Er blies das Qualmen
Dem Busche zu. Nur trocknes Laub
Vom kahlen Zweige nahm der Staub.

Die flauen, grauen Winterscenen
Des alterssiechen Jahres Gähnen,
Beschien ein matter Helios,
Der auch fast schon die Wimper schloß.
Auf falbem Meer und falbem Strande
Lag falb der Tag. Durch Schnee und Reif
Erleuchtete von Himmels Rande
Ein blaß orangengelber Streif
Die Welt. So leuchten auf den Festen
Schlaftrunkne Diener den letzten Gästen.

Nichts hörte man als Windes Pfiff. –
Doch hinten bei dem weißen Riff
Was ist es mit dem schwarzen Punkte,
Der jetzt sich hob und dann sich dunkte
In Wogenschwall? Ist's 'ne Siren',
Die toll das tolle Wetter närret?
Ein Hai, der, fressend die Murän',
Sich tummelt und den Rachen sperret?
Ist es der Kraken, der vom Grund
Des Polmeers schwamm nach Cornwalls Sund?

Jetzt löste sich ein blaues Wallen
Vom schwarzen Punkt. Und drunter fallen
Zwei weiße Buge ab. Es läuft
Gestrick dran auf. Und drunter häuft
Sich eine braune, breite Masse,
Die trägt das Weiß und trägt das Blau.
Kein Kraken ist's, kein Hai im Fraße,
'S ist keine tolle Meeresfrau,
Mit blauer Flagg' und Segeln weißen
Fuhr her das braune Schiff, geheißen

Der heilige Patrick. Nicht klein
Kann dieser Männer Herze sein,
Die noch so spät im Jahre stechen
In See, wo vor die Stürme brechen.
Doch Tapfern hilft das Glück! Südost
Sitzt steif im Bauch der Segel, keilet
Vorwärts den Kiel, der wie erbost
Die rief'gen Wogenbögen theilet.
Sie stürzen ärgerlich; es platscht
Ihr Guß auf dem Verdeck und klatscht.

Jetzt macht das Schiff ein sachtes Drehen,
Da kann ich auch den Spiegel sehen.
Er trägt ein Heil'gen Bild; das ist
Der Schutzpatron zu jeder Frist
Von Irland, Sanct Patrick mit Namen,
Vergoldet und geschnitzt aus Holz.
Und drunter in dem weißen Rahmen
Auf blauem Grund das Wappen stolz
Hiberniens! Von Klee der Stengel,
Die Davidsharfe mit dem Engel.

So fuhr das Schiff von Irland grün
Im steifen Wind gen Cornwalls Dün'.
Und als es nahe kam der Landung,
Warf's kochend an den Strand die Brandung.
Darob erschrak die Seehundsheerd'
Und glotzt' und hob die runden Köpfe;
Vom wüsten Wetter unbeschwert
Erbebten nun die Meergeschöpfe,
Den Menschen ließen sie die Küst'
Und rauschten in die nasse Wüst'

Ein, zu dem Rochen, Hummer, Kanker!
Das Schiff hielt an und warf den Anker,
Nun lag es fest in Bucht und Wehr
Und schaukelte nur etwas sehr.
Der Hochbootsmann that mit Matrosen
Das Boot am Haspel nieder dann,
In Bärenfell'n und Eisenhosen
Mit Speer und Schild, an hundert Mann
Betraten es, und fuhren schnelle
Zum Strand, und sprangen aus der Jölle.

Und wo sie sprangen, drückten tief
Sich in des feuchten Sands Getrief
Die Spuren ein, wol fünfzehn Zolle,
Das ist nun keine Lüg' und Schrolle.
Denn wie Egyptens Flußpferd breit,
Hoch wie des Fichtelberges Tannen,
Im Bärenfell, im Eisenkleid
War Jeglicher der Ir'schen Mannen;
Euch hätt', saht ihr die Hundert nur,
Verwundert nicht die tiefe Spur.

Der Hunderterste war der Größte.
So groß, daß sich sein Nacken löste
Vom Rücken höher einen Fuß
Als bei der Mannschaft. – Eisenguß
War Alles an dem Enakssohne;
Er war mit eh'rnem Schild bewehrt,
Auslaufend rings in eine Krone
Von Flammen, und sein Haupt beschwert'
Ein eh'rner Helm, dran vor dem Blitze
Des Donnergotts vom Himmelssitze

Darniederstürzte der Gigant
In Aetna's Schlund. Doch vorne stand
Die Larve des Medusenkopfes
Im Gräuelschmuck des Schlangenzopfes.
Das Alles war an Helmes Rund
In schöner Arbeit ausgehauen,
Furchtbarlich hing vom Hüftenbund
Der Flamberg, den zwei Löwenklauen
Zwei güldne hakten an den Riem.
Das war das einz'ge Gold an ihm,

Der stand im Trupp, als wie der Brocken,
Um den die niedern Berge hocken;
Er war der Feldherr in dem Sold
Der Ir'schen Kön'gin, hieß Morolt.
Der Schnee hing weiß an den Befellten,
Sie schüttelten ein wenig All'
Sich ob des Wetters, davon schnellten
Zum Sandesboden von Cornwall
Die Tropfen aus den Roßhaarbüschen
Der Speere dieser Kriegerischen.

Nichts weiter thaten sie. Und stumm
Trug Jeder Kält' und Sturms Gebrumm.
Morolt ließ seine Augen rollen,
Rief mit der Stimme, mit der vollen
Den Nächsten zu sich, sprach: Geschäft
Zuerst, 'OConnor, dann das Rasten!
Nimm deinen guten Speer bei'm Heft
Und geh' nach Tintayol in Hasten,
Laß melden dich beim König, sprich
Die Botschaft, so ich lehrte dich.

Es wäre eitle Zeitverschwendung,
Sagt' ich noch einmal jede Wendung
Des Spruches, der dir obliegt, vor,
Mich faßte auf dem Schiff dein Ohr.
Sprich so, als ob ich selber spräche!
Leg's ihnen derb und deutlich dar.
Und ob man auch den Hals dir bräche,
Das thut nichts. Rede du nur klar!
'OConnor geh, sei, dies bei Seiten,
Im Uebrigen voll Höflichkeiten.

So sprach am Strand Morolt der Hün'.
'OConnor ging hinauf zur Dün'.
Morolt sah nach ihm mit den Andern
Bis hinter'm Sand verschwand sein Wandern.
Dann sahn sie sich im Ebnen um
Wo sie die Beiwacht halten möchten,
Und Einer rief: Da bei dem Trumm
Des Eichenbaums an den Geflechten
Der obern Buhne steht ein Haus,
Das schützt uns vor des Wetters Braus.

Morolt warf seinen hohen Nacken
Und schalt: Dahm könnt Ihr Euch packen
Herr Donegal! Ich bin im Frei'n
Behaust am besten, so im Schein
Der Sonne, wie bei Schneegetümmel.
Luft ist gesund. Des Kriegers Dach
Das ist der gute Gotteshimmel,
Ein Hagdornbusch gibt ihm sein Fach.
Den Beiwachtplatz beut hier die Grotte
Für mich und meine ganze Rotte.

Morolt ging in die Grott' und nahm
Sein Schwert vom Riem und dazu kam
Der Flammenschild. Er hing's im Düster
An krummer Wurzel auf der Nüster,
Dann legt' er sich zur bloßen Erd'.
Nachschritten ihm die Andern Alle
Und stellten rings emporgekehrt
Die Speere in die Sandeshalle.
Dann aus den Grund des Drachenbau's
Warf Jeder sich. Das war ihr Haus.

So lagen dort Irländer hundert,
Herr Donegal ging d'rob verwundert.
Er war noch bei Morolt nicht lang,
Ging in das Haus am Buhnenhang,
Fand keinen Menschen drin, weil schliefen
Nur Sommers Heringsfischer da.
Aus einem Fenster, einem tiefen
Herr Donegal landeinwärts sah
Nach Marke's Schloß, zu Berg erhoben;
Er seufzte: Wär' ich doch da droben!

Da droben zu den Fenstern groß
Schoß auch der Wind den Schnee, die Schloß!
Behaglich aber unter Bildern
Der Ahnen, unter Wappenschildern
Im grauen Saal, nach dem Banquet
Saß Mark im Stuhl von rothem Sammet –
An runder Tafel, deren Brett
Die Marmorplatte war, geflammet.
Sein weiches Felbelkleid beschien
Die Glut der Scheiter vom Kamin.

Und um ihn saßen seine Alten
Vergnügt in Röcken weit mit Falten.
Wie auch ihn labte Tristans Stern,
Er sprach doch mit den Alten gern
Bisweilen von Begebenheiten,
Die älter waren als der Jung'!
Zunächst ihm saßen an den Seiten
Lord Triamour von Maidenclung,
Lord Stonycraft, genannt der Kühle,
Dann saß Graf Moor de la Bapüle.

Bei dem Drywater, der Baron,
Bei dem der alte Ritter John.
Sie rühmten sich bis auf den Letzten,
Wie sie den Feinden was versetzten
Einst dann und dann und dort und dort.
Doch sagt' es Keiner von sich selber,
Es rühmte stets des Einen Wort
Des Andern That. Da sprach kein gelber
Mißfarbner Neid aus höhnischem Mund,
Einträchtig pries sich dieser Bund.

Es geht die Sage bei den Leuten,
Man soll nicht in's Gewitter deuten
Mit seinem Finger; denn der Blitz
Fahr' nach der Deutefingers Spitz'.
So deute nicht auf Streiteswetter,
Kannst du nicht wettern selber noch,
Denn plötzlich werden zorn'ge Götter
Dich lehren, wie die Lanze flog –
Die alten Kämpen wiesen kecklich,
Mit Fingern nach Gewittern schrecklich.

Es pries der Lord von Triamour
Daß Stonycraft schlug Norweg's Flur,
Drauf pries Lord Stonycraft der Kühle
Lord Triamour im Speergewühle
Der nackten Schotten bei Dunbar.
Von Lord Drywater, dem Barone
Ward nun bepriesen die Gefahr
Graf Moor's im Kernenkampf. Zum Lohne
Pries Lord Drywater'n Moor der Graf,
Wie der Kanut den Dänen traf.

Um Lanzen, welche längst zersplittert,
Um Lorbeerkronen, die verwittert,
Um Blut verjährten Schlachtenmords
Sich priesen da die alten Lords.
Es gleicht der Ruhm der Echo Rufe,
Nachhallt er lang dem Hall der That,
Den ihrer Kämpferrosse Hufe
Zudonnerten dem Felsengrat.
Sie sprengten fort. Du find'st am Felsen
Nur noch die Stimm' aus vielen Hälsen.

Sie priesen hundertfältigen Sieg;
Der alte Ritter John, der schwieg.
Der König sagt' ein wenig bitter:
Lahmt deine Zunge, stummer Ritter?
Herr, sagte John,' ich lob' zumeist
Daß uns in Frieden läßt Norwegen,
Daß Schottlands Thane auch ergreist,
Und Kanut starb, der große Degen,
Daß uneins ist der Kernen Schwarm,
Und daß wir Alle sitzen wann.

Ich bin ein wenig müd' und trachte
Nach dem, was dort dein Neffe machte.
Er wies nach einem Seitentisch,
Da saß und schlief Herr Tristan frisch,
Die Hände vor sich ausgebreitet,
Der Hand das Haupt geleget auf,
Von dem die braune Locke gleitet
Hinab zur Wang' im Ringellauf.
Der König zürnt' und wollt' ihn strafen,
Daß er beim Ruhm der Lords geschlafen.

Doch eh' er noch ihn wecken hieß,
Trat ein der Seneschall, und ließ
Sich so vernehmen: Draußen harret
Ein Mann, von Bärenfell umstarret,
Ew. Majestät, auf Audienz.
Er kommt mit einem Speer geschritten
Und hat ein Antlitz, Niemand kennt's.
Im Uebrigen, die fremden Sitten,
Den Speer, das Bärenfell bei Seit'
Scheint er ein Mann voll Höflichkeit.

Und Marke sprach: Thu' sein Begehren,
Und laß herein den fremden Bären!
Er setzte Leib zurecht und Fuß,
So wie ein König sitzen muß.
Der Seneschall ging zu der Thüre,
Einging 'OConnor, neigt' und bog
Sich tief vor'm König. Am Visire
Ruckt' er sodann und lupft' und zog
Es auf. Und Marken zugewendet
Sprach er: So spricht der mich gesendet,

Dem ich, als ob er selber spräch',
Nachsprechen muß! Wenn man mir bräch'
Den Hals allhier, doch red' ich klar
Und leg' es derb und deutlich dar. –
Mark sagte: Was für ein Geschwätze?
Zur Sache doch. – 'OConnor drauf:
Vollständig hat nach dem Gesetze
Des Botenrechtes der Verlauf
Der Red' erst so recht Fuß und Hand. –
So aber spricht, der mich gesandt:

Wo bleibt der Zins, den Irlands Fraue
Zu heben hat von Cornwalls Gaue?
Wo bleiben deine Säckel Gold
Für Irlands Schatz? so fragt Morolt.
Gib Marken deutlich die Erklärung –
So spricht Morolt – woher sich's schreibt,
Daß König Gormann die Beschwerung,
So weit die Ir'sche Welle treibt,
So weit sie Ir'sche Flaggen träget,
Einst allen Landen ausgeleget.

Vom Stuhle auf den sieben Höhn,
Erbat sich Gormann dieses Lehn;
Der Pabst zu Rom, der unser Vater,
Gab die Belehnung ihm, so that er.
Du glaubtest, Mark, weil Gormann schied
Zu seinen Vätern, sei am Sterben
Irlandes Reich! Weil sein Gebiet
Sein Weib besitzt, könnt'st du mit Körben
Dich lösen gegen sie, da auch
Korbhandel ist der Weiber Brauch.

Doch rund und sonder Redensarten:
Wir wollen jetzt nicht länger warten
Auf unsern Goldzins, den der Dieb
In Cornwall Dublin Rest verblieb
Seit mindestens zwei hundert Monden:
S'ist wahr, daß Kunkelherrschaft schwächt
Den Schwung des Scepters, den gewohnten,
Und mindern läßt der Krone Recht,
Drum eben dang Isolt, die Alte,
Morolt, daß er ihr Recht verwalte.

Und weiter spricht Morolt: Zum Ring
Zurück der Davidskron' ich bring'
All Zins und Lehn. Ich heiß' der Grobe,
Das rechn' ich mir zum höchsten Lobe.
Der Zeit, die du versäumet hast,
Fordr' ich den Zins, und Zins vom Zinse;
Nicht leichter soll die edle Last
Des Goldes sein, nicht um 'ne Linse,
Als lebensgroß mein Sanct Patrik
Am Spiegel wiegt mit Kutt' und Strick.

Wägst du mir meinen Schutzpatronen
Mit Gold nicht auf, will ich verschonen
In deinem Lande keine Maus,
Und legen Tintayol in Graus.
Bei unsres Heil'gen Fegefeuer
Bei'm goldnen Klee und Davids Harf'
Hol' ich das Gold, so wird dir's theuer,
Morolt's des Groben Schwert ist scharf. –
Also sein Spruch. Ich, dies zur Seiten
Bin übrigens voll Höflichkeiten.

'OConnor schwieg, und züchtiglich
Bog er sich tief und neigte sich.
Der König hob das Haupt mit Hoheit
Und rief: Auf diesen Spruch der Rohheit
Die Antwort Morgen. Fort mit dir!
Sonst wird dein Bärenfell zum Bußrock;
Ich lass', weilst du nur etwas-hier,
Einspannen dich in unsern Fußblock.
Zeigt ihm die Sehenswürdigkeit,
Mein Seneschall, mit Höflichkeit.

Nicht schien nach dieser Schau zu dürsten
Der Bot'; er ging. Die alten Fürsten
Die saßen ganz versteinert da,
Und jeder vor sich nieder sah.
Der König schwieg. Die stummen Blicke,
Sie warteten, daß Einer spräch':
Herr, guten Muth! Für dies Geschicke
Ward uns're Faust noch nicht zu träg'!
Doch murmelten sie nur. Vom Murren,
So laut, wie tausend Fliegen surren,

Erwachte Tristan, staunt' und horcht'
Auf das, weshalb hier Jeder sorgt'.
Und Marke rief: Holt mir den Weisen,
Da spreche Rath, wo schweigt das Eisen!
Der Sen'schall bracht' ihn. Du erblickst,
So sagte Mark, hier Noth und Grämen;
Thatst du vernehmen, Meister Sixt? ...
Der Weise sprach: Ich that vernehmen.
So gib mir an, sprach Mark, wie soll
Ich wenden Schmach von Tintayol?

Der weise Meister Sixt erstreckte
Sein Auge zu dem Gyps, der deckte
Des Saales Deck' und dann hinab
Zum Estrich sank es. Darauf gab
Das Auge sich ans linkshin – Schauen,
Und an den Wurf nach Rechts zuletzt.
Nach diesem senkt' er seine Brauen
Und schaut' in sich hinein. Gesetzt
Ins Gleichgewicht war Umsicht, Einsicht,
So ließ er leuchten höh'rer Weihn Licht:

Ganz oberflächlich angesehn
Den Fall, ist uns ein Schimpf geschehn;
Allein der tieferen Betrachtung
Verräth er nur des Feindes Achtung.
Sie wollen Gold von uns. Je nun,
Das zeigt, sie wissen, daß wir's führen,
Und sie nichts haben in den Truh'n.
Ich kann wahrhaftig nicht verspüren
In dieser Wissenschaft vom Hort
Bei uns, vom Nichts bei sich, den Tort.

Daß sie's erheischt mit Reden, wilden,
Sei uns ein Antrieb, sie zu bilden
Zu feinerer Humanität,
Nicht, sie zu hassen, Majestät.
Mein Rath geht dahin: Laßt die Wage
Bereit auch stell'n die Beutel Gold,
Wer diese hinbringt, künd' und sage,
Daß ich bereit sei, ohne Sold
Die wüsten Kerl' zu unterrichten
In Cicero's Büchern von den Pflichten.

Der König rauscht' im Felbelkleid
Und rief: Ihr seid nicht recht gescheidt!
Man muß, sprach Sixt, die Ding' erwägen
Von zweien Seiten allerwegen.
Und Marke schalt: Auf diese Art
Könnt's kommen, daß es rühmlich wäre,
Wenn Einer zupfte mir den Bart.
Er zeigte, nehmend mir die Ehre,
Nach Euerer Philosophei,
Er wisse, daß Ehre bei mir sei.

Nein, will man Ehr' und Gold sich wahren,
Einseitig muß man da verfahren!
Man kann mit Weisheit gar zu fein
Ein Narr auf zweien Seiten sein.
Minerven wurde zugegeben
Die Eul', das lob' ich überaus.
Der blinde Vogel fliegt im Weben
Der Dämm'rung, fängt die Fledermaus,
Doch bei dem hellen Tageslichte
Da blinzt das blöde Angesichte.

Es murmelten die Alten, doch
Kein herzhaft Wort dem Murr'n entflog.
Zu Triamour sprach Lord Diywater:
Sei, Schottenschreck, Triumphes Vater!
Nein, sagte der von Maidenclung:
Ich weiche gern dem Kanutssieger.
Graf Moor rief aus: Wär' ich nur jung!
Lord Stonycraft, Norwegs Bekrieger
Verlegte blos sich auf Gelall'
Und schwieg dann. Endlich schwiegen All'.

Nicht länger trug die Schmach und Schande
Der alte Ritter John. Er stande
Von seinem Sessel auf, es hob
Sein einzeln Grauhaar sich, er schnob,
So wie das alte Kampfroß schnaubet,
Wenn es Trompetenzeichen hört,
Da knirscht sein müd' Gebiß, es sträubet
Die dünne Mähne sich, empört.
Die trocknen, harten Nüstern klaffen;
Der greise Ritter rufte: Waffen:

Gleich sprang davon ein Edelknecht
Und brachte Waffen gut und recht.
Er bracht' ein grades Schwert getragen
Und Helm und Schild und Schien' und Kragen.
Der Ritter John sah freudig zu,
Und ließ den Harnisch um sich legen.
Trat in die schweren Eisenschuh',
Nahm Helm zu Haupt, zur Faust den Degen.
Rief unter seinem Kampfesdach:
Wer's bieder meint, der thut mir's nach!

Ach John! Du armer alter Ritter!
Es geht durchs Eisen ein Gezitter.
Dein Fleisch ist morsch, die Muskel bebt,
Dein Muth ist, was an dir noch lebt:
Es hing um die verschrumpften Glieder
Der Beinharnisch unschließend, los',
Der Helm sank bis zur Schulter nieder,
Die Schuhe waren viel zu groß,
Er stand und konnte sich nicht rühren
In diesem Schmuck von Zeiten, früheren.

Doch hob er auf das Schwert zum Haun,
Wie einst im Strauß von Dunbar-Town;
Allein dem Arme dürr und saftlos
Entglitt's; er strauchelte und kraftlos
Vom Lufthieb fortgerissen, fiel
Der alte Ritter nieder prasselnd;
Zum Schutz und Trutz das Waffenspiel
Klang über seinem Leibe rasselnd;
Er lag am Boden, schluchzte schwer,
Ein Bild verjährter Waffenehr'.

* * *

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