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Gutenberg > Karl (Leberecht) Immermann >

Tristan und Isolde

Karl (Leberecht) Immermann: Tristan und Isolde - Kapitel 4
Quellenangabe
typepoem
authorKarl Immermann
titleTristan und Isolde
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
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Die Schwalben

Drei Stücke thun dem Bürger Noth:
Ein Faß voll Wein, ein frisches Brod,
Ein Groschen in dem Thalerschreine –
Versteht mich aber, was ich meine!
Wenn alle Flaschen sind geleert,
Muß noch ein Faß im Keller ruhen,
Ward alles alte Brod verzehrt,
Lieg' frisches in der Speisetruhen,
Ein Groschen mehr als Thaler man
Bedarf, bleib' in den Schrein gethan.

Drei Männer kann ein König nimmer
Entbehren bei der Krone Schimmer:
Den Seneschall, den weisen Mund,
Den Narren in der Jacke bunt.
Der Seneschall sorgt, daß Gottes Schatten
Als König schläft, als König speist,
Der Weise darf niemals ermatten
Ihm Rath zu geben, wenn verreist
Des Königs Weisheit ist. Vom Denken
Erlahmt, reibt ihn der Narr mit Schwänken.

Dem König Marke blühte ganz
Vollständig der drei Männer Kranz.
Der Seneschall ließ jeden Morgen
Des Herren Bette sein besorgen;
Mittags zur Tafel am Rundeel
Ließ auf die Stund' er blasen richtig,
Und Abends holt' er den Befehl
Der Majestät für morgen wichtig –
Der Diener frug, sein König sprach:
Es bleibt so wie am heut'gen Tag.

Der Weise that die Lippen offen,
Wenn Marken ein Geschick betroffen;
Er that die Lippen offen auch,
Wenn was bevorstand gegen Brauch.
Wenn der Vasall sich widersetzte,
Wenn Feindes Speer das Land durchzog,
Wenn das Gefolg einander hetzte
Und wenn die Dienerschaft betrog,
So gab der Weise zu verstehen,
Man müss' es eben lassen gehen.

Der Dritte in der Hofwirthschaft
Ein Männlein war's von sondrer Kraft.
Er trug ein Flickenwämmslein scheckicht,
Den Kolben, und die Kappen eckicht.
Er schlug ein Rad, schnitt eine Fratz'
Und rutscht' umher, schmiß um Gefäße,
War auch schon dreißig Jahr' am Platz,
Und machte stets dieselben Späße,
Der König hatte sich gewöhnt
Zu lachen, wenn er greint' und höhnt'.

Der Fratzenhans, der Possenreißer,
Der Rutscher, der Gefäßumschmeißer,
Das war ein Zwerglein, hieß Melot,
Der kleine Schurk von leichtem Schrot.
Die Hexe hat ihn einst gezeuget
Mit einem Meister schwarzer Kunst,
Er ward mit Hexenmilch gesäuget
Und stand bei'm Teufel sehr in Gunst,
Der setzt' ihm in den kleinen Finger
'Nen Geist von Einsicht, nicht geringer.

Hielt an das Ohr dies Zwergelein
Mit Lauschen seinen Finger klein,
So that darin der Geist ein Munkeln
Von allen Dingen noch so dunkeln.
Was hinter sieben Schlössern braut',
Sagt' er dem Ohr des kurzen Mannes.
Ich bin so bös – ich sag' es laut –
Auf das Melotchen, hört, ich kann es
Nicht sagen, wie ergrimmt ich bin!
Er richtet' meinen Freund euch hin.

Wär' Einer doch ein Fingerhacker
Gewesen diesem kleinen Racker!
O Tristan, du mein junger Knab',
Ich hackt' ihm selbst den Finger ab,
Wenn das Melotchen nur noch lebte!
Das modert aber, so wie du.
Sein grollend Herz und deins, das bebte,
Blond Haar und weiße Hand dazu,
Branganens stummer Mund, die Zähre
Des Königs, deckt des Rasens Schwere.

Doch Leben bist du, mein Gedicht!
Noch sprich von Tod und Rasen nicht!
Der Tag kommt auch, wo du an Grüften
Den Seufzer hauchest zu den Lüften.
Noch fährst du, ein geschmückter Kahn,
Auf üpp'ger Jugend grünem Strome,
Zur Rechten duft'ger Wiesen Plan,
Zur Linken hoher Eichen Dome;
Und in dem Kahn ein Singen hell
Von Jungfräulein und Junggesell.

Was singt ihr denn verliebte Beide?
»Wir singen nicht von unsrem Leide,
Wir singen von dem holden Schmerz,
Der dir, o Vater, zieht durchs Herz.
Dir glänzt dein Lied, ein rosig Schimmern
Dem Auge vor, bald nah, bald fern;
Leis fragst du: Wird es nicht zerflimmern?
Ist's nicht ein Irrschein? Wird's zum Stern?
Hab' guten Muth! Es reift in Zeichen,
Die Frucht nach Knosp' und Blüte reichen.«

O Tristan, rothes Morgenlicht,
Das an den öden Hallen bricht!
Der alt' Herr Marke war kein Alter
Mehr, seit du wardst im Haus der Schalter.
So wie ein Kind, im leeren Haus
Erharret lang, zuletzt erschienen,
Aus glättet alle Falten kraus,
Entsäuert alle sauren Mienen
Und in das stille Haus mit Schrein
Die köstlichste Musik bringt ein,

So brachte Tristan in die Weile
Die lange Tintayols, die Eile
Des flügelfüß'gen Augenblicks,
Dem Ohm den letzten Strahl des Glücks.
Vor Tage trat er schon zum Bette
Des Königs, rief: Herr Oheim, auf!
Bei Hirtenhorn, Geläut der Mette
Zu schaun der Sonne güldnen Lauf!
Nicht Ruhe fand der Herr, bis daß er
Aufstand, empfing sein Kleid und Wasser

Von Tristan, der als Kämmerier
Ihm diente hold, gewandt, mit Zier.
Zum Stalle lief Tristan und machte
Zwei Pferde los vom Halfter, brachte
Die Schecke und den schwarzen Gaul.
Das Roß besteigen mußte Marke,
Dann ging es Trab, Galopp, nicht faul
Acht Stunden lang durch die Gemarke.
Um Mittag blies an dem Rundeel
Umsonst sich Athem aus und Seel'

Der Speistrompeter, denn daheime
Fehlt' es ja noch zu Supp' und Seime
Am König, der als wie ein Fant
Mit seinem Neffen ritt durchs Land.
Die Suppe schwand, der Seim ward zähe,
Der Braten brannte sich am Spieß;
Eintrockneten die Fricassée,
Der Fisch war nicht mehr zum Genieß,
Fad ward der Crême, die Puddings sanken;
Den Seneschall ließen alle Gedanken.

Spät Nachmittags, beim Vesperklang
Kam Marke heim, der Bonviant.
Er hatte von den Klippenhöhen
Den Sonnenaufgang müssen sehen,
Dann hatte bei der Bäuerin
Ihm müssen ein Glas Milch genügen
Mit Schwarzbrod; Tristan lehrte ihn,
Dies sei ein ländliches Vergnügen,
Dann ward gesprengt die Quer und Kreuz,
Bis scholl der Ruf des Spätgeläuts.

Von dem verdorbnen Speisegute
Nahm Marke nun mit frischem Muthe,
Den Braten, der so sehr verbriet,
Aß er mit starkem Appetit.
Wir dürfen, sprach Tristan, nicht zaudern,
Die Tänzer kommen früh zum Ball –
Sanct Jürgen, welch ein tolles Plaudern!
Rief der erboste Seneschall;
Wer hat denn Tänzer eingeladen?
Ich, sprach der Jung', und Oheims Gnaden.

Der Seneschall entbrannt' in Zorn,
Der König sprach: Was für ein Dorn
Im Auge kann Euch sein der Wille
Der Jugend, nicht zu sitzen stille?
Die Diener waren noch am Tisch
Das Silberzeug hinweg zu kramen,
Da kamen schon mit Füßen, frisch,
Geschmückte Herrn, geputzte Damen.
Tristan empfing sie überaus
Verbindlich, einen Blumenstrauß

Gab der Gewandte jeder Dame
Und führte sie zum Platz. Mit Grame
Sah das der Seneschall, fast siech.
Doch Geigenton und Flöten stieg
Empor im Saale kerzenhelle;
Tristan ergriff die schönste Frau
Und flog mit ihr, der Schlanke, Schnelle;
Im Atlaswamms, im Mantel blau
Die Beine wirbelnd, Glieder schwingend,
Durch alle Touren sicher dringend.

Abtretend strich der Cavalier
Des zarten Zwickelbärtchens Zier,
Drauf unterhielt von Wind und Wetter
Sie geistreich Königs junger Vetter.
Der alte König saß im Stuhl
Und freute sich so recht herzinnig:
Mein Leben war ein stehnder Pfuhl,
Verjüngt und neugeschaffen bin ich
Durch diesen Jungen, der behend
Jagd, Ritt, Tanz, Redeblumen kennt!

Und Tristan sprach: Ihr wärt verbauert,
Hätt' ohne mich hier fortgedauert
Das simple Leben. Doch das Best
Es fehlt Euch noch zu Spiel und Fest.
Was ist das Beste? frug der Alte.
Und Tristan sprach: ein Weibchen jung.
Sie bringt Euch erst zum rechten Halte
In herrlichster Erkräftigung,
Will sehn, daß auch den Trost ich schaffe!
Der König rief: Du bist ein Affe!

So waltete der Wildfang dort.
Der Seneschall blieb endlich fort
In seiner Kammer überflüssig;
Der Narr, der Weise waren müßig.
Denn wenn der Weise rathen kam,
So hatte Tristan schon gerathen,
Und bot der Narr den Possenkram,
Stand Tristans Scherz in grünern Saaten.
In Fratzen nicht, nicht in Gehöhn,
Er scherzte harmlos, lieb und schön.

Der König hatt' ihm ein Laute,
Wo man die besten Lauten baute,
Gekauft, und dazu sang Tristan,
Wenn Regen von dem Himmel rann.
Tristan sang nie bei Sonnenscheine,
Er hielt das nur für Zeitverschliß;
Doch regnet' es, so sang er feine
Stücklein vom braven Amadis,
Von Artus, von der Tafelrunde,
Von König Carols Heldenbunde.

Und dazu schlug die Saiten er
So süß, daß Marke oft nicht mehr,
Ob er noch lebe? war im Klaren,
Ob ihm schon harften Himmelsschaaren?
Ein wenig Uebertreibung ist
Durchaus vonnöthen einem Epos,
Deutsch heißt sie: Redeschmuck. Ihr wißt,
Lateiner nennen diesen: lepos
Lepōris
, lang; denn lepŏris
Ist: Haas im Genitiv. – Gewiß

War das, und das will ich behaupten;
Daß er die Tage, die verstaubten,
Des alten Ohmes klopfte rein
In Saus und Braus und in Juchhein,
Daß er Bictorien auf Victorien
Ob Seneschall, Narren, Weisen pflückt'
Und jeglich Ding im Schloß vom vor'gen
Standort auf einen andern rückt',
Und daß er um die Stunden kehrte,
Und auch des Oheims Herz verstörte.

Dem Bienenstock im Winter gleicht
Ein Greisenherz. – Die Au durchstreicht
Der Schwarm, der nach dem Honig gieret,
Im Lenz, und schlummert, wenn es frieret.
So jagten nach der süßen Kost
Die Triebe, als der Mai geschienen,
Und legten sich im Winterfrost
Zum Schlummer wie die Winterbienen,
Die nur die Flügel schwingen leis
Nicht gänzlich zu' erstarrn im Eis.

Doch rüttelst du den Stock, so fahren
Schlaftrunken auf die braunen Schaaren.
Sie taumeln hin, sie taumeln her
Durch Zellen, Waben, traumesschwer.
Und wird des Greisen Herz gerüttelt –
Die Zeit des Honigs ist vorbei!
Doch von dem Schlaf emporgeschüttelt,
Verwirrt, in wilder Träumerei
Auffahren seine Wintertriebe,
Und dichten Glut und träumen Liebe.

Als Tristan sprach: Herr Ohm, ich schaff
Ein junges Weib; sprach Mark: du Aff'!
Doch seit dem Abend ging der König
Vor keinem Spiegel durch, ein wenig
Besah der alte Fürst sich drin,
Und reicht' ihm Tristan dar ein graues
Gewand, nicht war's nach seinem Sinn.
Er heischt' ein rothes oder blaues
Mit Stickerei und Marderbräm,
Wie er's getragen ehedem.

Und als der Neffe sprach: Noch weiß ich
Eu'r Alter nicht, sprach Mark: Nach Dreißig.
Dann schämt' er sich und rief: Es ist
Manch' Fünfz'ger noch ein toller Christ,
Viel wen'ger kommt auf den Kalender
Als auf der Kräfte Schonung an!
Er stieg zu Ross' seitdem behender,
Und wollte höflich ihm Tristan
Den Bügel halten, schalt der Oheim
Und leuchtete den Neffen so heim:

Wofür siehst du mich an, du Tropf?
Für einen welken Schütterkopf?
Erzählt' ihm Tristan jetzt Geschichten,
Gefiel ihm Alles drin mit nichten.
Wie Tithon bei Auroren lag,
Ein Hauchgewordner, widerwärtig;
Wie Salomo ging Weibern nach
Als längst das Buch der Weisheit fertig,
Von Beiden sprach ihn nur der Fehl
Des Königs an in Israel.

Geheimer Unruh Feuer rollte
Durch Markes Blut; hinaus es wollte
Zu Wang' und Augen; davon drang
Glanz in den Blick, Röth' in die Wang':
So strahlt ein altes Haus, durchschlichen
Vom Brand, im schönsten rothen Schein,
Ob Farbe auch und Tünch gewichen,
Es soll noch einmal leuchtend sein,
Der Flammentod, der an ihm zehret,
Er ist's, der es zuvor verkläret.

Doch gehe, Mark, ein Weilchen! Warm
Träum' Augen blau und weichen Arm!
Ich muß zum Seneschall verdrießlich,
Zum Weisen, der nicht mehr ersprießlich
Zu rathen weiß. Ein Weiser trägt
Jeglich Geschick als Ueberwinder,
Er trägt's, wenn ihm der Tod erschlägt
Die Frau und seine sieben Kinder,
Ja, stürzen Mögen Reich und Thron,
Sich fassen wird der Weisheit Sohn.

Das aber kann er nicht bestehen,
Daß ohne ihn die Dinge gehen.
Auch Unsrer zankte jetzt und kiff,
Unaufgerichtet vom Begriff.
Viel sprach er mit dem Seneschalle
Von seinem und des Landes Leid,
Sie zankten sonst in manchem Falle,
Doch jetzo waren einig Beid',
Auf daß Cornwall nicht ganz verderbe,
Tristan zu legen das Gewerbe.

Es war die Zeit, wo sich ein Mann
Wenn's sechse schlägt, mit Eile dran
Auf seine Wandrung gibt, zu kommen
Nach Haus, eh' alles Licht verglommen.
Die Frau stellt Aepfel ihm bereit,
Mit einem guten Würzetrunke,
Großmütterchen sitzt still bei Seit'
Es sprüht sie an der rothe Funke,
Sie lacht für sich, erzählet sich,
Wie einst Großvater zu ihr schlich.

Kühl blies der Wind, es war October,
Leer waren die Felder, voll die Schober.
Es war, wann in den Wald Geschling
Der Jäger für die Drossel hing,
Das Eichhorn klug sein Loch verstopfte,
Bucheckern trug zum warmen Nest,
Der Flegel schon in Tennen klopfte,
Und Jeder hielt sein Wirthschaftsfest,
Da selbst der Fuchs im Thale braute, Da selbst der Fuchs im Thale braute. Wenn es in nassen Gründen Abends nebelt, heißt es in manchen Gegenden Deutschlands, z. B. am Rhein, an der Nieder-Elbe und in Holstein: der Fuchs braut. Besonders von den Herbstnebeln sagt das Volk so.
Wenn abendlich es näßt' und thaute.

Doch heute fiel der Morgenschein
Zu Marke's Halle gülden ein,
Er schlich zu allen Wappenschildern,
Er koste mit der Ahnen Bildern;
Er spielte um den Rococo
Der Stuckatur an dem Kamine,
Worin ein Feuer, prasselnd froh,
Wetteiferte, was heller schiene,
Die Glut im Saal, der Strahl zu Berg?
Und vor dem Feuer saß der Zwerg

Auf seinem Stühlchen, knackt' an Nüssen,
Die von der Hasel er gerissen.
Das Schürkelein, das Rackerchen,
Vor'm Feuer dies Nußknackerchen,
Es hatte stille stets geschwiegen,
Wenn Seneschall und Weiser schalt,
Und nur mit stillem Nackenwiegen
Sein Fäustchen heimlich wol geballt,
Und tückisch auch sein Maul verzogen,
Wenn Tristan sprang durch Hall' und Bogen.

Die Beiden traten stürmisch ein,
Unsauber in den saubern Schein;
Schief saß dem Seneschall die Krause,
Der Weise war, wie bei der Mause
Die Vögel sind, die federbloß
Recht ungemein verdrossen blicken.
Ihr Aerger war so bittergroß,
Weil seit acht Tagen schon kein Schicken
Des Königs mehr nach ihnen frug,
Und Tristan alle Würden trug.

Der Seneschall fuhr an den Kleinen:
Gib Rath, und lass' das stumme Greinen!
Der Weise sprach: mir ziemt es nicht
Zu bitten so ein Knirpsgesicht,
Doch, hast du bei dir einen Teufel,
So hole der den Schelm Tristan!
Es gibt bisweilen solche Zweifel,
Die 'nur der Teufel lösen kann.
Und Beide riefen: Du Geringer,
Befrage deinen kleinen Finger!

Auf hub sich das Melotchen stolz,
Warf eine Schal' ins glühnde Holz,
Verzog sein Maul, ließ sehn die Reihen
Der Zähn' und rief: Um Kindereien
Bemüh' ich nicht des Fingers Macht!
Erlaubt, daß Euch, Ihr Menschenkenner,
Der Zwerg aus vollem Hals verlacht.
Das Freundchen, dessen warme Gönner
Ihr seid, mit seinem Muth so steil,
Ist wie ein Tänzer auf dem Seil.

Wie zierlich springt der auf dem Straffen!
Wie sicher tanzt der auf dem Schlaffen!
Der dünne Faden, glatt und rund,
Dem Wursthans ist er breiter Grund.
Er klimmt drauf bis zur Thurmesspitze,
Und Alles schnalzt, beklatscht den Kauz,
Da, hui! stürzt er vom luft'gen Sitze
Herab der Dohlen, liegt, Pardauz!
Tief drunten auf den harten Steinen
Zermorscht, mit schlotternden Gebeinen!

Es lachte das Melotchen, daß
Ihm Falt' um Falt' im Antlitz saß.
Die Runzeln furchten wüste Kreise
Durch das Gesichtlein, durch das greise.
Drum glaubt mir, rief er, auf dem Strick
Zu tanzen ist das schlimmste Laster!
Ein Waghals auch hat ein Genick
Und drunten laur't ein hartes Pflaster –
Er hätte weiter noch geschwätzt,
Doch Marke kam mit Tristan jetzt.

Die Wangen rothgeschlafen Marke,
Tristan wie' Frühlicht frisch, der Starke.
Und Mark gebot: den Morgentrunk
Bring uns zum Fenster, Neffe jung!
Er winkte; nun, das war ein Zeichen
Dem Weisen, Seneschall, Melot;
Sie gingen, doch bei ihrem Weichen
Nahm Jeder anders diese Noth:
Der Seneschall die Krause rückend,
Der Weise wild, der Zwerg sich bückend.

Ans Fenster setzte Marke sich,
Durch das die holde Herbstluft strich;
Die Lust, darin die Geister schweben,
Die unserm Busen Balsam geben.
Ausruht Natur vom Sommerrausch
Und von des Juli falscher Schwüle,
Der Athem Gottes gibt zum Tausch
Für trübe Glut die klare Kühle
Und spricht das milde Trosteswort:
Es reist doch Manches da und dort!

Aus seinem Fenster sah zur Matte
Des Thals der Fürst. Auf hoher Platte
Des Bergs, den Waldgebirg umschloß,
Lag Marke's Pfalz, bethürmt und groß.
Doch welche Schau! War in die Lande
Hineingeschwemmt das ferne Meer,
Und hatt' erst bei der Klippen Rande
Gefunden seiner Fluten Wehr?
Der König sah die Berg' ertrunken
In einem Meer, das Thal versunken.

Des Morgennebels Ocean
Hat überwallt und hat umfahn
Die Buchenberge, Tannenklippen,
Und sich gedrängt in Felsenrippen.
Nur eine weiße Fläche webt
Durchs ganze Thal mit stillem Wogen,
Aus der' sich da ein Felshorn hebt
Und dort ein gelber Klippenbogen.
Da schimmert es wie ein blanker Kopf;
Es ist des Münsterthurmes Knopf.

Sagt, was ist jenes rothe Schäumen?
Laubwipfel sind es von den Bäumen,
Die auf dem großen Berge stehn,
Vom Berg, vom Stamm ist nichts zu sehn.
Der höchste nur, die Edeltanne
Ragt schwarz, von Dunst unüberraucht.
Sie gleicht dem Dämon, aus der Pfanne
Des frohen Abgrunds angehaucht,
Wenn er, wo große Menschen fielen,
Steht brütend über Wetterspielen.

Ein Klippenbogen, Felsenhorn,
Allein geblieben, und verlor'n
In Nebelsündflut! Und vom Haine
Der rothe Schaum, die Tann' alleine!
Vor Marke's Auge liegt nur klar
Der Himmel, nicht die Welt, die tiefe,
Doch schärfer steht der mächt'ge Aar,
Der dorten Kreise ziehet, schiefe,
Gespannten Fittichs durch die Luft,
Revierend über Dunst und Duft'.

Es ist als ob er Möwe wäre,
Nach Fischen spähend in dem Meere.
Er schwebt so leicht, die Lust trägt ihn,
Den dunkeln Räuber, den beschien
Die Sonne mit den goldnen Flämmchen;
Auch dieser Räuber ist ihr Sohn.
Sie blickt zum Aar, sie blickt zum Lämmchen
Gleich liebevoll von ihrem Thron.
Sie goldet gnädig sein Gefieder,
Er stieret in die Tiefe nieder.

Jetzt wie ein Blitz in Wetters Krampf,
Schießt er hinunter durch den Dampf
Und ist hinweg! Gleich aus dem Grunde
Heult Hirtenschrei, Gebell der Hunde;
Und gleich steigt auch empor der Aar
Das Lamm in seinen scharfen Fängen,
Nach blöket unten, wo er war,
Der Mutter Klag' in Jammerklängen.
Er setzt sich auf der Tanne Knauf,
Und reißt dem Lamm die Gurgel auf.

Die Nebel wall'n, das Lämmlein wimmert,
Die Sonn' am Himmel heiter schimmert.
Sie schießt die Pfeil' ins Nebelweiß,
Die regen drin der Kräfte Fleiß.
Dort schwimmt die Dunsteswoge über
Das Felshorn und zerstäubet dann,
Dort tritt zurück ein Streif, ein trüber
Vom Bogen, leget bis zum Plan
Der Wies ihn bloß, läßt in den Eichen
Am Vorberg nur der Schwaden Streichen.

Dort ballt er sich als Wolke, rafft
Empor sich, geht auf Wanderschaft.
Dort hängt sich's wie mit woll'gen Flocken
Der Tanne in die dunkeln Locken,
Dort richtet sich von Dunst die Wand,
Die wirft den dunkeln Schattenkegel,
Und dicht daneben leuchtet Brand
Von Licht, wie nie des Bergmanns Schlägel
So leuchtend den Demanten los
Vom Kiesel schlug im Erdenschooß.

Herr Marke blickt' in dieses Wetter,
Den Frühwein brachte ihm sein Vetter.
Herr Marke sah vom Wetter bunt,
Ernst auf des goldnen Bechers Grund.
Mit sinnend ernstem Blicke trank er,
Und reichte dann Tristan den Wein
Zum Trinken dar, und drauf versank er,
Den Blick hinaus, in Träumerein.
Auch war um ernst zu machen, wahrlich
Das Schauspiel draußen wunderbarlich.

Doch Tristan rief, der frohe Knab':
Wann schickt Ihr mich zur Brautfahrt ab?
Wann legt Ihr Spangen, Ohrgehenke
Zurechte zu dem Brautgeschenke?
Oheim, nehmt eine junge Frau!
Ich lass' Euch keine Ruh', bis daß Ihr
Oheim, nehmt eine junge Frau.
Bei diesem Spruche bleib' ich, was Ihr
Auch sagen mögt! Es muß durchaus
Herr Ohm, die junge Frau ins Haus.

Wie wird das holde Kind sich schmiegen
An Euren Leib, und lieblich wiegen
Mit süßem Wiegenlied zurück
Den guten Ohm in Jugendglück!
Ich will sie so, so kindlich ehren,
Das sei gelobet sonder Spott;
Ich kann wahrhaftig nicht entbehren
Die Tante länger. Ja, bei Gott!
Daß sich entfalten meine Gaben
Muß ich zum Ohm die Tante haben.

Das Plaudern hörte milde an
Der alte gute Königsmann.
Schön ist's, wenn bei der Jugend Ränken
Ein Greis sich ruhig weiß zu lenken,
Und, statt daß er mit Poltern schilt,
Durch Scherze zwingt unflügge Thoren. –
Bei dieses ernsten Morgens Bild
Hat einen guten Rath erkoren
Sich König's Herz. – Wie du, o Herbst
Dacht' er, der du die Blätter färbst,

Bin ich; des Maien kühler Schemen:
Ich werde keine Frau mehr nehmen.
Doch fuhr er seinem Neffen nicht
Grimmbärtig in das Angesicht.
Vielmehr mit einem Scherze salben
Wollt' er sein strenges Rügewort.
Zum Scherze brachten ihm zwei Schwalben
Den Stoff getragen auch so fort,
Zwei Schwalben, die mit nimmer müden
Schwungfedern zogen nach dem Süden.

Sie flogen vor dem Fenster durch
Zwitschernd der alten Königsburg
Von Westen her. Die kleinen Kühnen
Aus Irland kamen sie, dem Grünen.
Der eine Vogel zog am Bein
Sich etwas nach, gleich einem Strahle,
So glänzend warf es gelben Schein
Aus blauer Luft herab zu Thale;
Wer weiß auf welchem Hascheflug
Dies Ding sich um das Beinchen schlug.

Der andere Vogel munter spielte
Um des Gesellen Fuß und zielte
Mit seinem Schnabel nach dem Schein,
Ihn abzubeißen von dem Bein.
Und überm Fenster da gelang es;
Die Vögel flogen lustig fort,
Leis' aber, langsam schwebend, sank es
Auf König Marke's Fensterbord.
Ein gelbes Wunder war dasselbe,
Verwundert sah er an das Gelbe.

Es war ein blondes Frauenhaar,
So lang, so seiden, golden-klar,
Daß es entsprossen keinem Scheitel
Der Nachbar-Schönen, noch so eitel.
Ihr könntet jetzo dort und hier
Nach solchem Haare lange fragen;
Es wurde einst so hohe Zier
Von Berenice'n nur getragen
In Venus Haus, von wo's versetzt
Zum Himmel ward. Da scheint's noch jetzt. Berenice, die Gemahlin des Ptolemäus Euergetes, weihte in Folge eines Gelübdes zum Dank für die siegreiche Rückkehr ihres Gemahles aus einem Kriegszuge, ihr schönes Haupthaar der Venus. Aus deren Tempel verschwand es und die Priester sagten, es sei unter die Sterne versetzt worden. Ein Sternbild der nördlichen Halbkugel in der Nähe des Löwen und der Jungfrau heißt das Haar der Berenice.

Der König nahm das Haar zu Händen,
Und sprach mit sanftem Haupteswenden:
Wirbst du des Goldhaars Herrin mir,
Mein Neff', geb' ich die Tante dir.
Bis dahin aber wirst du schweigen
Von Brautfahrt und von Brautgeschenk,
Du weißt, es ist den Kön'gen eigen
Ihr Wort zu halten; das bedenk'.
Frag' nach dem Haar die beiden Schwalben,
Bis dahin schweige dieserhalben!

Und Tristan nahm das goldene Gut
Und lacht' und rief in Uebermuth:
Ich kenne nicht, wie sich bename,
Und wo sie wohne, diese Dame,
Ich lernte nicht der Schwalben Flug,
Versteh' nicht ihres Schnabels Töne;
Ein Königswort ist mir genug,
An Eures meins: Ich werb' die Schöne.
Stets preise Geschichte und Gedicht,
Daß Tristan hält, was er verspricht!

*

Nachspiel

Fliegt die Schwalbe, zwitschert sie:
»Da ich fortzog, da ich fortzog,
Waren alle Kisten und Kasten voll,
Da ich wiederkam, da ich wiederkam,
War Alles wüst und leer!« Ein Singsang, womit der Landmann das Gezwitscher der Schwalben in Worte übersetzt.
Nun genug.
Schwalbenflug!

Jugend zieht den Degen, schreit:
»Geb' ich Schwertstreich, geb' ich Schwertstreich
Grimmigen Feinden, so bleib' ich heil;
Wenn der Tod droht, wenn der Tod droht,
Lach' ich den Knochenmann aus!«
Auf der Hut
Jugendmuth!

Jugendmuth und Schwalbenflug.
Gehn an keinem Zügel;
Jugend, hast des Muths genug –
Hättst du Schwalbenflügel!

* * *

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