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Gutenberg > Karl (Leberecht) Immermann >

Tristan und Isolde

Karl (Leberecht) Immermann: Tristan und Isolde - Kapitel 3
Quellenangabe
typepoem
authorKarl Immermann
titleTristan und Isolde
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
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Die Jagd

Vorspiel

Die Perle glänzt im Ohr der schönen Frau!
Hauchst du sie an, erblindet zwar ihr Schimmer
Für einen Augenblick, dann glänzt sie wieder, immer
Bleibt sie die Perle bis zum jüngsten Tag;
Doch o und ach! Welch Ungemach!
Die Perle glänzt im Ohr der schönen Frau:
Nur braune Haare werden leider grau.

Das Meer, der Perle Wohnung, ist ein Bau
Gefügt von grünen leuchtenden Krystallen,
Der Sturm kann es zu schmutz'gen Wogen ballen,
Er schweigt; es leuchtet wieder wie es pflag –
Doch o und ach! Welch Ungemach!
Das Meer bleibt grün und ein Krystallenbau,
Nur braune Haare werden leider grau.

Der Himmel über'm Meere lachet blau!
Die Wolken steigen, bringen ihn zum Weinen,
Er weint sich aus und nach den Tropfen scheinen
Die Mienen sein, darin das Lachen lag;
Doch o und ach! Welch Ungemach!
Der Himmel lacht, lacht immer wieder blau,
Nur braune Haare werden leider grau.

Ich führ' euch nun ins Land der Haare grau
Zum Regiment der kalten, kahlen Scheitel –
Doch rieft ihr: Unter'm Mond ist Alles eitel,
Und zwanzig Jahre sind nicht wie ein Tag,
Rieft: O und ach! Welch Ungemach!
So sollt ihr unter'm Himmel, welcher blau,
Mitpirschen erst den Hirsch, der noch nicht grau!

*

Die Romanze

An einem Morgen im August
Lag auf dem Gras mit falber Brust
Mit rundem Leib und prallen Lenden
Im Feld der Hirsch von sechszehn Enden.
Es war nicht weit von Tintayol,
Der Roggen wiegte in den Lüften
Die Aehren schwer und körnervoll,
Umhaucht von blauer Blumen Düften;
Ein alter Mann war König Mark,
Der Hirsch war sieben Jahre stark.

Das war ein Hirsch! Die Hindin hatte
Ihn einst gesetzet auf der Matte
Von grünem Klee im dicksten Dorn,
Wo zwischen Kressen rann ein Born.
Sie aß vom grünen Klee genüglich,
Biß Kresse zu und trank die Flut,
Dann gab dem Kinde sie vergnüglich
Milch im Gesäuge, rein und gut;
Sie schützt' es vor der Wölfe Horden,
Um Pfingsten war es jung geworden.

Er führte recht ein Leben, wie
Des Herren Schluß und Rath verlieh
Den Hirschen, wenn sie woll'n gelangen
Zu höchster Pracht an Kopf und Stangen.
Er übte unter den Gesell'n
Als Kalb sich ein auf Stoß und Steigen,
Und mit den Läufen, mit den schnellen
Strich er voran dem ganzen Reigen;
Als Spießer, Gabelhirsch, demnach
Er manchen Alten niederstach.

Ein Jagdhirsch ward er! Doch zur Stunde
Noch nie gejagt von Mann zu Hunde.
Denn trat er aus dem Holz zu Feld,
Hat er sich stets in Wind gestellt,
Und bracht' ihm der die fernsten Laute,
Das Fallen eines Espenblatts,
So sichert' Sichern wird in der Waidmannssprache von dem Stutzen und Umherblicken des Edelwildes gebraucht. er und schreckt' und schaute
Besorgt sich um von seinem Platz,
Und aesete nicht wieder eher,
Bis daß er wußt', es nah' kein Späher.

Er aesete die Kost, die Gott
Für jeden Mond den Hirschen bot.
Im Frost das Haidekraut der Wälder,
Zur Sommerzeit die Frucht der Felder.
Die fettsten Breiten sucht' er aus,
Das war gewiß, als ob der Pflüger
Für ihn gepflügt, als ob den Schmaus
Für ihn gesät der Sä'mann. Klüger
Kann Keiner sein! Ihr glaubt es gern –
Er macht' es wie die großen Herrn.

Bei jedem Wasser stand er, blickte
Sich stolz drin an, das ihn erquickte.
Kein Aemsenhaufen mochte sein,
Er scharrt' ihn auf und roch hinein.
Hatt' er im Hornung abgeworfen,
Verbarg er, schämt' er sich gar sehr,
Bis er gefegt von Bast und Schorfen
Rein das Geweih, die neue Wehr;
Dann knickt' er trotzig in den Loden
Die Zweige, traun! sechs Schuh vom Boden.

Weil er also gelebet, wie
Den Hirschen Gott der Herr verlieh,
Ward er in seinen Läufen flüchtig,
In seiner Feiste so gewichtig.
Drum sproßten aus den Rosen Rosen, die Knochenwülste, aus welchen die Stangen des Hirschgeweihs hervorwachsen. breit
Ihm an den Stangen sechszehn Enden,
Drum glänzten in den Höhlen weit
Die Lichter Lichter, die Augen des Hirsches. an des Kopfes Wänden,
Drum trollt' er rasch durch Forst und Moor
Und schwamm im Fluß dem Rudel vor.

Der gute, brave, prächt'ge Hirsche,
Noch nie gequält durch Hatz und Pirsche
War vor dem Morgen im August
Bei Mondenschein voll Aeselust
Gezogen in das Feld und hatte
Sich wohl gespeist an Halm und Frucht.
Dann schritt zu einer Höh' der Satte,
Und that drauf nieder seine Wucht.
Die thaugenäßten Keulen, Blätter
Abtrocknet' er im Sonnenwetter.

So lag er unter'm Himmel klar,
Die Sonne wärmt' ihm Haut und Haar;
Die linden Sommerwinde spielten
In seinen Haaren, drin sie wühlten.
Es war so warm, so wohlig, still
Rund um des Hirschen Ruhebette,
Kornblumen, Thymian, Nelken, Till,
Die sandten Ruch zu seiner Stätte.
Und kleiner Thiere muntrer Schwarm
Umkroch ihn sonder Furcht und Harm.

Er warf der braunen Augen Lichter
Geruhig auf die kleinen Wichter.
So blickt ein König vom Altan
Den dürft'gen Pöbel drunten an.
Er dachte: Morgen so wie heute –
Da – hui! Was war das? Klang nicht was
Wie Pferdetrott und Bell'n der Meute?
Der Hirsch erhob die Ohren ... Das
War Blasen ... auf sprang er nicht heiter,
Die kleinen Thiere spielten weiter.

Er stutzt' und stand ... es war wol Trug?
Ach nein! Da bläst's! Die Stunde schlug!
Er warf empor den Hals, ward flüchtig,
Dann stand er! Rannte dann! Fürsichtig
Zog vor dem Wald er einen Kreis
Mit Vor- und Rückwärtsrennen, Schwenken,
Um von der rechten Fährte Gleis
Die wilden Mörder abzulenken;
Drauf sprang er in den grünen Wald,
Da näher schon der Lärmen hallt!

Halloh und Hussah! Klaffen! Hörner!
Zu Roß die Schaar durch Korn und Dörner!
Bricht da hervor ein Menschenkopf,
Ein Hundsmaul dort, ein Pferdeschopf!
Voran die richtigsten Piqueure
Mit Rüden, zum Lanciren Lanciren heißt bei der Parforce-Jagd das erste Führen der Hunde auf die Fährte des Hirsches. gut;
Da hinten bei der alten Föhre,
Die mit der Stöber-Bracken-Brut;
Nebst dem Gefolg zuletzt der König,
Rückbleibend in dem Trab ein wenig.

Vor'm Walde stoppt der Hauptpiqueur,
Hebt seine Peitsch' und ruft: derrière! Derrière, Hourvari, à la vue – Kunstausdrücke bei der Parforce-Jagd, deren Sinn sich aus dem Zusammenhange im Gedicht ergibt.
Gleich steht der Kopfhund, Der Vorderste in der Meute heißt der Kopfhund. stehn die Andern,
Sie lassen nur die Augen wandern;
Es steht die Brack am' Föhrenbaum,
Der Stöber steht und läßt vom Rennen.
So stellt ein Heer sich auf den Raum,
So still, wo soll die Schlacht entbrennen.
Der König trabte her zur Schau,
Sein und der Seinen Haar war grau.

Nun gibt der Hauptpiqueur das Zeichen;
Lancirt hervor die Hunde streichen.
Die Nase tief am Boden sucht
Die Koppel nach des Hirschen Flucht.
Jetzt fällt der Dickkopf an die Fährte,
Der mit dem zottigen Behang,
Wie sich der Hirsch auch wand und kehrte,
Den irrt kein Gang und Wiedergang,
Er zeichnet Der Leithund zeichnet, wenn er stehen bleibt, und mit der Nase in die Fährte zeigt. mit der Nas' im Grase,
O Hirsch! Gefunden ist die Straße!

Fanfaren blasen! Jauchzen tönt!
Die Koppel vor Verlangen stöhnt.
Die Jäger sprengen her, in Nacken
Das Horn geworfen! Stöber, Bracken
Und Windspiel' und der Dänenhund!
Es rennt herbei die ganze Meute!
Der König thut den Willen kund:
Forcirt die angesprochne Beute!
Es stürzt der Zug in Waldes Nacht. –
Wer weiß, wie du einst wirst gejagt

O König Mark, der du zur Stunde
Den Hirschen jagst mit Roß und Hunde! –
Der hatte schon gewähnet fast,
Weil's stille ward, man ließ ihm Rast,
Und stand am kühlen Ort, zu lauschen;
Da hört' er Schrein! Er that sich weg,
Es knackt der Zweig, die Blätter rauschen
Auf dem durchrannten Wechselsteg;
Er flieht vom Wald in das Gekräute,
Der Jäger folgt, nach läuft die Meute.

Ist er aus ihrem Angesicht,
So steht er immer, regt sich nicht,
Die braunen Augen thun die Frage:
Wie kommt mir Armen solche Plage?
Vor'm Kräuticht wieder aufgespürt,
Macht schlau er Bogen und Retouren,
Er denkt : So werdet ihr verführt
Zu fallen in die falschen Spuren;
Auch schießt die Meut' hinüber wol,
Und schwärmt verwirrt durch Kraut und Kohl.

Doch: Hourvari! erklingt's. – Und plötzlich
Ist sie zurecht. Sie spürt. Entsetzlich!
Schon wieder fand ihn ihre Müh',
Sie sehn ihn, rufen: A la vue!
Er stürzt zum wildsten Eichenforste,
Unwegsam, alt. Hoch wie ein Mann
Wächst drin das Farrnkraut. Falkenhorste
Stehn auf den Klippen. Dann und wann
Liegt ein bemooster Stamm querüber,
Ein Pfuhl starr mitten inn', ein trüber.

Hoch stand die Sonne schon. Im Forst
Da dämmert' es um Klipp' und Horst.
Der Hirsch sprang in die trübe Lache,
Koth spritzte draus hervor die Bache,
Die drin sich fühlte; grunzte dumpf
Und wies die scharfen, weißen Hauer!
Die Jäger ritten durch den Sumpf,
Die Bache lassend auf der Lauer;
Nicht brächten Auerochs und Bär
Sie ab vom Hirsch, der ihr Begehr.

Leicht setzt er über Stämm' und Steifen,
Leicht, wie ein Knabe hüpft durch Reifen.
Nachsetzt die Schaar! Da stürzt ein Roß!
Der Jäger mit! Und bügellos
Wird dort ein Zweiter! Blutend liegen
Das Roß, die Jäger sinnebar;
Vorüber aber sausend fliegen
Die Andern All'; es ruft die Schaar:
Nachher Verband und Salb' den Wunden!
Jetzt auf den Hirsch mit allen Hunden!

Er flüchtet zu den Klippen, wo
Der Falk die Jungen atzet froh.
Hoch von der Klippe schaut herunter
Der sichre Falk mit Augen munter.
Und schmerzlich blickt der Hirsch hinauf:
Ach säß' ich, wo der Vogel sitzet!
Dann wieder fort im schnellsten Lauf,
Weil dort das Horn schon wieder blitzet;
Noch hält ihn seiner Muskeln Fleiß,
Doch in die Fährte tropft schon Schweiß,

Tropft rother Schweiß von Schrammen, Rissen,
So Dorn und Distel ihm gerissen.
Schon knickt er in den Läufen! Doch
Nicht seufzt der Mund des Hirschen hoch.
Stumm trägt die Pein des Wilds Gebieter,
Und Rettung zeigt sich, wie es scheint,
Im hohen Farrenkraute sieht er
Sein Rudel, zwanzig Stück vereint;
Er springt hinein. Was ihr auch jagtet,
Nun sucht, den ihr zu fällen trachtet!

Doch o der Untreu! Lassen denn
Auch Thiere den Geächteten?
Das ganze Rudel stäubt zur Seite
Nach rechts, nach links und sucht das Weite!
Er bleibt allein im Farrenkraut,
Verlassen, hilflos, zitternd, schäumend – –
Hoch ob den Spitzen, rothbethaut
Von seinen: Schweiß, empor sich bäumend
Schaut er nach einem Zufluchtsort,
Und ein Gehege sieht er dort.

Rasch wie ein Pfeil schießt ins Geheg' er,
Nach schießt der Hund, nach setzt der Jäger;
Kein Weg ist vom Geheg' ins Frei',
Denn es gehört zur Köhlerei;
Am Meiler steht der Köhler, beuget
Sich mit dem Schürbaum zu der Loh'n,
Daneben sitzt sein Weib und säuget
Auf ihrem Schooß den kleinen Sohn,
Grad auf den Mann, das Weib, die Funken
Rennt los der Hirsch als wie betrunken.

Er schlägt mit seinem Lauf den Baum
Dem Manne aus der Hand, und kaum
Kann mit dem Kind die schrei'nde Mutter
Fliehn hinter einen Haufen Futter.
Zum Köhlerhof hinaus der Hirsch!
Ein Thal dahinter! Er zu Thale!
Durch Hof und Menschen nach die Pirsch!
Der Fluß blinkt drin. Mit heißer Schale Schaalen nennt man die hornigen Theile an den gespaltenen Klauen des Edelwilds.
Und glühnder Brust fällt er hinein.
Der Hund, das Roß springt hinterdrein.

Er schwimmt, sie schwimmen; klimmt, sie klimmen
Wohin er flieht, da sind die Grimmen.
Schon läßt die Sonne von der Macht,
Von ihrer Wuth nicht ab die Jagd.
Kurz war der Schatten, der zur Seite
Ihm lief, als er begann zu troll'n,
Nun ist er Partner durchs Gebreite
Von einem langen, schauervoll'n,
Der wie ein Spottgeist mit ihm rennet,
Sich treu stellt, seinen Schmerz nicht kennet.

Durch Bauland, licht und blau von Flachs,
Durch Hügelsand, drin schläft der Dachs,
Durch Wiesen, wo die Rinder gehen,
Durch Birkenholz, besetzt mit Rehen,
Und da, wo in der Tannenkluft
Kein Laut jemals die Stille störet,
Als wenn der Au'rhahn glucksend ruft
Die Hennen, und nicht sieht noch höret;
Durch Letten, Moor, durch Kies und Grand
Ward er gehetzt, ist er gerannt.

Er kann nicht mehr! – Das Horn ist blutig
An allen Schalen. Wild und muthig
Vergießt sein Auge eine Thrän'
In heißem Zorn. Die Flanken gehn
Vor Keuchen zitternd hin und wieder.
Gischt deckt die Zung'! Und Schweiß und Näss'
Dringt durch die todtgequälten Glieder;
Ihm bebt der Lauf, ihm knackt die Hess' Die Hessen sind die starken Sehnen über den Knieen der Hinterläufe.
Und röchelnd stöhnt die Brust, die wunde.
Er kann nicht mehr! Nah sind die Hunde.

Er stellt sich, nimmt sie an. Er rümpft
Das Maul, wie höhnend. Ja, er glimpft
Jetzt nicht mit euch; ihr kennt das Zeichen!
Gekniffnen Schweifs die Stöber weichen,
Fest aber bleiben Dän' und Brack'.
Er beugt den Kopf entgegen diesen;
Gestemmt auf seine Läufe strack,
Die Spitzen vor, sie aufzuspießen.
Und funkelnd seine Augen starr'n,
Die stärksten Feinde zu erharr'n.

Da habt ihr's! Hei, da liegt ihr Beide
Mit ausgeriss'nem Eingeweide.
Nun fällt die Meut' ihn wüthend an,
Er aber kämpft, steht seinen Mann.
Will ihn ein Hund an dem Gehöre
Danieder reißen auf den Kies,
Fühlt er auch schon die blut'ge Lehre,
In seinem Wanst des Hirschen Spieß.
So steht er, kämpft er gegen Zwanzig,
Und Keiner, der ihn fällte, fand sich.

Von Leichen, Blut, Geheul umringt
Steht so der Hirsch. Der König winkt.
Ein grüner Jäger springt vom Bügel,
Gibt seinem Nebenmann den Zügel,
Schleicht sich von hinten sacht herzu,
Zieht sacht sein Messer, durch die Hessen
Dem Hirsch zu schneiden, denn im Nu
Stürzt dann der Arme. Doch indessen
Sah's dieser! Mit dem Hinterlauf
Schlägt er, verdirbt dem Feind den Kauf.

Der Jäger liegt und ringt die Hände.
Fort kämpft der Hirsch, das gibt kein Ende.
Da plötzlich springt aus dem Gebüsch
Ein fremder Jüngling keck und frisch!
Auch er trägt eine Jägerjacke,
Auch er trägt einen Waidmannsspeer,
Auch ihm folgt eine graue Bracke,
Auch ihm hängt von der Schulter quer
Ein Jägerhorn zu hellem Schalle,
Doch sieht er anders aus als Alle.

Der alte König schilt zornblaß
Den alten Seneschall: Ha! was
Für Jäger hab' ich, die nicht mögen
Den Edelhirsch zu Grunde legen?
Der alte Seneschall schilt wieder
Auf einen andern alten Herrn:
Laßt, Säum'ger, ihn doch werfen nieder!
Der hört das Schelten auch nicht gern,
Und schilt den Hauptpiqueur, der schilt
Die Jäger, und die Jäger-Gild'

Im Chorus schilt zuletzt die Meute,
Aus denen bleibt der Schimpf für heute,
Da Niemand war umher zu sehn,
Auf den die Hunde konnten schmähn.
Und Hund auf Hund zum Tode schlitzend,
Kämpft noch der Hirsch, von Geifer naß,
Im Boden wühlend, Moder spritzend,
Sand wirbelnd auf, zerschnittnes Gras. –
Durch Sandesstieben, durchs Gezeter,
Durch Blut und Hirn verreckter Köter

Springt, eingelegt den Jägerspeer,
Der fremde Jüngling flink einher,
Flink wie ein Tänzer hüpft zur Dirne.
Der Hirsch hat just mit zorn'ger Stirne
Gewandt zur Rechten sich; da stößt
Links in die Brust den Speer der flinke,
Bis in das Herz! Hervor nun flößt
Den rothen Strom die wunde Linke;
Es klagt Wenn der Hirsch die Todeswunde empfängt, so gibt er einen schreienden Laut von sich, welcher das Klagen genannt wird. der Hirsch! Und sterbend sagt
Zuerst sein Mund: Ich ward geplagt!

Er will sich heben, fällt danieder,
Der Tod läuft über seine Glieder;
Ein Zittern geht vom Hals zur Blum',
Dem Stolz des Hains, des Rudels Ruhm!
Wie wenn ein Wurm sich, kreuchend, fräße
Den Leib hindurch mit nagendem Zahn,
Und stille in dem Herzen säße,
Nachdem er seinen Fraß gethan,
So frißt sich emsigen Geschrotes
Den Hirsch hindurch der Wurm des Todes.

Sitzt still dann in des Herzens Haus;
Der Hirsch verendet. Es ist aus.
Die Hunde wollen ihn zerfleischen,
Zurück sie dräu't des Jünglings Heischen.
Die Jäger sind erstaunt, verdutzt
Ob diesem guten Waidmannsstücke,
Es stutzt der Seneschall, es stutzt
Der alten Herren Schaar. Voll Tücke
Schaut Mancher auf den Knaben, der
So thut, als ob er Meister wär'.

Der aber bleibt ganz ohne Scheue,
Ob er sie ärgre oder freue.
Er geht und beugt sein linkes Knie
Vor'm König, den er sah noch nie.
Ihr seid, so spricht er, hier am Orte
Der Erste, scheint's, der Pirsche Haupt,
Gebt gute Statt dem guten Worte:
Entschuldigt, was ich mir erlaubt!
Ich habe freilich mich vergangen,
Daß Euren Hirsch ich abgefangen.

Doch welcher Waidmann bliebe faul,
Sieht er so steif der Andern Gaul?
Er senkt den Speer, er spricht's anmuthig.
Doch auch nach Wildfangsweise muthig
Sprach es der Knab'. Aus Augen groß
Sah seine Seele sonder Hüllen.
Er sah den König an. Das Roß,
Das alte, sieht so an das Füllen,
Verwundert, daß es Rosse alt
Auf Erden gäb' und müd' und kalt.

Der alte König sah den Jungen
Mit Lächeln an, von Lust durchdrungen.
Er wollt' ihm etwas sagen; doch
Schon wieder mußte er ins Joch
Der Waidmannspflicht, die er sich selber
Hier aufgelegt. Ein Jäger warf
Ab seinen Rock, als ob es Kälber
Zu schlachten gäb'. Ein Messer scharf
Zog dieser Jäger nicht mit Fuge.
Seid Ihr denn Metzger? rief der kluge,

Der witz'ge Jung'. Ihr All' umzirkt
Mich, seht, wie man den Hirsch zerwirkt.
Ich tadl' euch, daß ihr dient dem König
Als Waideleut' und wißt so wenig.
Zu früh war auch das Blasen, Schrei'n
Heut' früh, ich hört' es; eh die Fährte
Noch mochte angesprochen sein.
War das die Kunst die man euch lehrte?
Nun tritt als wie ein Fleischerknecht
Der zu dem Hirsch; ist dieses Recht?

Ein König ist der Hirsch! Und starb er,
In seinem Schweiß fürwahr erwarb er
Den Anspruch, daß dem König gleich
Beschickt er werde. Kommt zur Leich'
Des Königs Einer wol im Hemde?
Reißt ihm den Mantel gröblich fort?
Muß ich euch sagen, ich der Fremde,
Das Waidwerk sei kein wüster Mord?
Der Jäger bleibt im Schmuck, gekleidet,
Wenn er des Waldes Fürst entkleidet,

Und nimmt ihm ab den Mantel roth
Nach zierlicher Curée Curée: Das kunstgerechte Zerwirken des Hirsches. Dieser Ausdruck hat sich vom dreizehnten Jahrhundert und wol noch von früher her bis in die neuesten Zeiten erhalten. Gebot.
Das Messer gebt! Ihr sollt nun sehen
Die regelrechtste der Curéen.
Zum König sprengt der Seneschall
Und ruft: Wie lange bleibt Ihr gütig?
Der Bube höhnet ja uns All'!
Und Marke sagt: Seid nicht so wüthig
Herr Seneschall! Der Knabe frei,
Weiß mehr als meine Jägerei.

Die Sanftmuth ist des Alters Tugend,
Laßt schäumen doch die wilde Jugend.
Wer Jugend schilt und Jugend scheucht,
Einsam durch mürr'sches Alter kreucht.
Wir werden leider balde rostig,
Hält uns nicht muntre Jugend blank,
Ist's nicht um mich so kahl und frostig,
Weil einstens ich den Zorn nicht zwang
Auf Sünde, wie die Jugend sündet,
Und Frucht, die Jugendsünde kündet?

Weil ich verscheucht mein Schwesterlein,
Als sie begangen, was nicht fein,
Doch nur begangen, weil die Minne
Umnebelt' ihre jungen Sinne?
Ich trieb sie fort als Metze schlecht
Mit ihrer armen Frucht im Schooße,
Ins Elend trieb ich mein Geschlecht,
Schön-Blancheflur, die weiße Rose.
Wie reut' es mich am nächsten Tag!
Wie schickt' ich Roß und Reiter nach?

Doch Keiner kam, der sie gefunden,
Das Kindlein, das sich ihr entwunden.
Wer weiß, wie bloß und nackt sie starb!
Auf welchem Stroh das Kind verdarb!
Das wäre nun im öden Schlosse
Herangeblüht, Knab' oder Weib
Und machte mir mit Schwank und Posse,
Mir altem Manne Zeitvertreib;
Anstatt, daß ich mit Euch verwittre
Und Jäger, die nichts wissen, füttre.

Drum Seneschall, ich bitte, laß
Mir ungekränkt den jungen Gast!
Im Walde grün sprach dieses leise
Der graue Greis zum grauen Greise.
Da trat der Wildfang keck heran,
Hielt hoch empor das blut'ge Messer
Und rief: Mein Werk ist nun gethan,
Wer's besser kann, der mach' es besser.
Da lag der Hirsch, entschält vom Kleid,
Dort lag die Haut, dort das Gescheid, Gescheide, d. h. Gedärme.

Zerschnitten für der Hunde Lusten,
Die Sachen lagen, wie sie mußten.
Roth war der Hirsch, Gescheid und Haut;
Am Jungen wurde nicht erschaut
Der kleinste Fleck auf Jack' und Wammes
Und an den Händen weiß und klein,
Der Sproß des unbekannten Stammes
War säuberlich geblieben, rein,
Und zeigete, daß er verstehe
Die saubre, reinliche Curée.

Er bog sein Knie mit höf'scher Kunst
Zum Zweiten, sagte: Gebt Vergunst,
Mein Herr, daß ich mich nun entferne!
Ich kam als Bönhas, gehe gerne
Von dannen, weil der Zunft ich nicht
Von Euren Jägern angehöre.
Wer sich in Zünfte drängt, der bricht
Leicht Hals und Bein! So klang die Lehre
Von meinem Meister, Herrn Rual;
Ich käme wol hierorts zu Fall.

Der König aber stieg vom Rappen
Und nahm die Hand des jungen Knappen.
Erheitert sah das alte Aug',
Als wie ein Licht durch einen Rauch.
Und Marke sprach: Weil du gefället
Den Hirsch, den Keiner fällen konnt',
Weil du vor ihn dich hast gestellet
Und ihn vor wüster Schmach geschont,
Weil du verbliebst ein Unbeschweißter
In der Curée; sei Jägermeister!

O Marke, wird der Meister dir
Nicht jagen einstens im Revier,
In dem Revier, darin man Keinen
Mag sehn mit Pfeil und Spieß erscheinen?
Der König sprach: Und weil dein Blick
So keck, und hüpfest gleich dem Rehe,
Und schiltst mit Zier und Art und Chic,
Und bist so jung vom Kopf zur Zehe,
So allerliebst, so naseweis,
Dreist wie ein Fant, klug wie ein Greis,

So sollst du, wenn dir's mag gefallen,
Mir nahe sein in meinen Hallen. –
Er sprach es und die Alten murr'n,
Sie murren, daß die Hunde knurr'n.
Das kümmerte den Fant nicht mächtig,
Er küßte froh des Königs Rock
Und sprach: Weil ihr ein Herr, bedächtig,
Weil Weisheit spricht aus Eurer Lock'
Erbleichter Weise, weil deswegen
Nicht Zweifel darf Eu'r Wort erregen;

Und weil Ihr seid so reich bemannt,
Gewiß ein Fürst von Leuten, Land,
Vielleicht ein König, ein Gepreister,
So, topp! bin ich Eu'r Jägermeister. –
Auf, Jäger! Legt den Hirschen sanft
In einen Wagen, grün von Büschen,
Und folgt damit. Zu Waldes Ranft
Sprengt ihr voran, um durch den frischen
Gekühlten Abend vor dem Zug
Zu blasen, bis der Herr genug

Des Blasens hat. Wer übrig bleibet,
Der nimmt die Hunde fest und treibet
Zur Koppel, was sich wo verlief,
Die Todten grabt in Boden tief!
Und Ihr, mein Herr, geruht, zu Rosse
Zu steigen, und nach Haus die Kehr
Anzubefehlen! Daß zum Schlosse
Der Jägermeister hinterher
Nicht laufen mag, befehlt desgleichen,
Mir einen Klepper darzureichen.

Es murrt der Seneschall, es murr'n
Die Alten, daß die Hunde knurr'n.
Der König lachte, rief: Die Schecken
Dem Jägermeister gebt, dem kecken!
Er stieg zu Roß, ihm hielt den Reif
Der Wildfang, der die wilde Stute
Dann leicht beschritt. Im Bügel steif
Zwang er die bäumende; der gute
Waidmann war auch ein Reiter stark,
Das freute sehr den König Mark.

Die Jäger mit den Hörnern sprengten
Zu Waldes Ranft. Die Mannen drängten
Sich um den König. Der gebot:
Zur Rechten mir, du Knabe, roth!
Voran nun ritten alle Bläser,
Und bliesen lustig. Darauf ritt
Der König und sein Jagdverweser;
Der Seneschall, die Alten mit,
Sie ritten hinterher, dann doppelt
Die Jäger, so die Meut' gekoppelt.

Zum letzten fuhr der Wagen nach,
Worin der Hirsch im Laube lag.
Sie ritten, fuhren durch den Abend,
Der thauig war und mild und labend.
Nichts klang im Feld, nichts im Geflür,
Als Jägerhorn und Beteglocke,
Der scheue Schwärmer huscht' herfür,
Hing saugend am Ligusterstocke,
Floh nicht den Zug. So still zur Burg
Ritt Marke heim die Breiten durch.

Die Hörner machten eine Pause
Am Hügel, nah des Königs Hause;
Am Blumenhügel, den ihr wol
Vom Feste kennt zu Tintayol.
Da lag ein Ulmenbaum, verwittert,
Der einst gestanden hoch und kühn,
Und Eppich drüber, falb, zerknittert,
Das einst an ihm gehangen grün,
Ihr wißt, wer einst davon gebrochen
Ein Blatt, und was das Blatt gesprochen.

Der König hielt und sagte: Sprecht,
Von wannen kommt Ihr, junger Knecht?
Herr, rief der Wildfang, soll's gelingen,
Muß ich die Kund' in Reimen singen.
Die Weisen wähnen, ungereimt
Sei unser Leben; ich, zum Hohne
Den Weisen, habe stets geleimt
In Reim auf Reim, als müß'ge Drohne
Was mir das lust'ge Leben gab!
In Reimen klingt mir's auf und ab.

Ich blase, singe dann. Ihr Jäger
Blast den Refrain, gleich mir, nicht träger!
Du toller Bub', rief Marke, wie
Soll'n's blasen, was sie hörten nie?
O, sprach der Knab', ein Gassenhauer
Ist die Begleitung zu dem Lied,
Ich mach' es mir nicht eben sauer,
Reim' ich in Eins, was mir geschieht.
Er blies. Sie kannten Ton und Maße,
Man leiert' es auf Markt und Straße.

Und ungeduldig frug der Herr:
Nun zaudre nicht! Wo kamst du her?
Der Knabe blies und sang voll Seele
Mit goldnem Laut aus heller Kehle:

»Aus der Hütte des Einsiedels kam ich,
Der mir Obdach gegeben zu Nacht,
Seinen Jagdspieß, sein Hörnelein nahm ich,
Seine Bracke die folgte zur Jagd.«

»Von der Welt, von der Argen erst neulich
Hatt' er fromm sich bethan in die Klaus,
Drum den Spieß und das Hörnelein freilich
Hatt' er noch bei der Brack' in dem Haus.«

»Ich ging aus, um ein Rehlein zu pirschen,
Wenn es hoch kam, ein Schmalthier etwan,
Und da kam ich zum prächtigen Hirschen,
Traf den Hirschen und ward Euer Mann.«

Er blies, das gab ein fein Gekläng,
Die Jäger bliesen nach Refrain.

Und Marke fragte ungeduldig:
Wie kamst zur Klause, Knabe huldig?
Der Knabe blies, voll Seele sang
Die Kehle hell mit goldnem Klang:

»In die Klause kam aus der Wildniß
Euer Jägermeister, Mylord,
Es kam in die grimmige Wildniß
Der Meister der Jäger vom Bord.«

»Vom Borde im Sturm die besorgten
Normannen ihn setzten an Strand,
Der Sturm, so wimmert' ihr Forchten,
Sei zur Strafe vom Himmel gesandt.«

»Die Normannen mich hatten gestohlen
Zu Nantes im Bretagnischen Gau,
Dort boten sie Falken und Fohlen
Auf dem Markte den Käufern zur Schau.«

»Sie lockten mit Mienen so listig
Mich zum Schach in die falsche Galeer',
Und als ich gewonnen ganz rüstig,
Da fuhr die Galeer' in dem Meer.

Er blies, und so wie er, nicht träger,
Nachbliesen den Refrain die Jäger.

Und Marke rief: Bei Charlemagne!
Wie kamst denn Jung' in die Bretagne?
Der Knabe blies und sang voll Seele
Mit goldnem Laut aus heller Kehle:

»Zur Bretagne nach Nantes zu dem Grafen
Mich sandte mein Meister Rual,
Da sollt' ich die Künste, die braven
Recht üben, die zierlichen all.«

»Er lehrte mich hornen und singen,
Auf der Laut' auf der Cither das Spiel,
Er lehrte mich reiten und springen
Und tanzen im Fränkischen Styl.«

»Er lehrte mich alle Geberde
Des Ritters bei Damen, Fräulein,
Er lehrte mich auch die Beschwerde
Von dem Waffenwerk groß oder klein.«

»Und als er's gelehret, da schickte
An Hof mich mein Meister bedacht,
Doch eh' ich den Grafen erblickte,
Stahl mich die Normannische Yacht.«

Er blies, das gab ein fein Gekläng,
Die Jäger bliesen nach Refrain.

Und Marke fragte ungeduldig:
Wo traf Rual dich, Knabe huldig?
Der Knabe blies, voll Seele sang
Die Kehle hell mit goldnem Klang:

»Mein Meister, der hat mich gefunden,
Einen Ring mit Steinen dabei,
Er konnt' es ja nimmer erkunden,
Wer das Kind, das verlassene sei.«

»Die Leute umher um die Stätte,
Sie sagten: die Mutter ist todt.
Mit dem eigenen Kinde Florete
Sein Weib ihre Brust mir erbot.«

Er blies, und so wie er, nicht träger,
Nachbliesen den Refrain die Jäger.

Und ungeduldig frug der Herr:
Doch sage mir, wer bist du? Wer?
Der Knabe blies und sang voll Seele
Mit goldnem Laut aus heller Kehle:

»Ich bin wie die fließende Welle,
Ich bin wie der wehende Wind,
Ich bin wie das Wild, wie das schnelle,
Bin ein Vater- und mutterlos Kind.«

Er blies, das gab ein fein Gekläng,
Die Jäger bliesen nach Refrain.

Und Marke schwieg. Es schwieg die Waise,
Sie ritten nach dem Schlosse leise.
Der Wildfang sah im Dämmergrau
Der hohen Mauern Quaderbau.
Er sah den Graben, sah die Zinnen,
Die Thürme und die lange Wand,
Und hundert Fenster wol darinnen,
Und an der Brücke vielerhand
Die Diener wartend mit den Kerzen
Auf ihren Herrn, dem's schwer im Herzen.

Bei Kerzenschein, bei Fackellicht
Hielt sich der König länger nicht.
Er rief: Zeig mir den Ring, du Knabe,
Des Findelkindes einz'ge Habe!
Der Wildfang streift' ihn ab; er wußt'
Im Mind'sten nicht, was damit wollte
Des Königs unruhvolle Brust.
Es war ein Ring von purem Golde.
Vier Steine zeigten dran ihr Glühn,
Zwei roth, ein Blauer, einer grün.

Zum Kerzenlicht, zum Fackelscheine
Hob Mark' empor den Ring, die Steine.
Er blickte drauf, wie auf Gewirr
Von krausen Fäden, wüst und irr
Verhadert auf den Haspelstäben,
Der Meister blickt der Weberei,
Will er daraus den Teppich weben.
Er suchet, wo der Anfang sei
Der Fäden, findet's nicht, bis endlich
Der doch ihm wird im Knäuel kenntlich.

So suchte in der Steine Kranz
Der König lang den Anfangsglanz,
Ihr Erstlingslicht, in frühen Zeiten
Einst leuchtend den Vergangenheiten.
Rief bebend endlich: Das ist hier
Ein Malachit; das blaue Dunkel
Ein Amethyst, in rother Zier
Blinkt der Rubin dann, der Karfunkel.
Der Malachit, der Amethyst
Rubin, Karfunkel, ach, das ist

Der Reigen ja der Steine, sollend
Bedeuten: Mark, und zeigen wollend
Der schönen Schwester einst, wie heiß
Sie Mark geliebt, die Rose weiß.
Den Ring gab einst ich Blanchefluren!
Jetzt trägt das Findelkind den Ring,
Den Knaben fing ich auf den Fluren,
Wo ich den Hirsch zu jagen ging.
Den Jägermeister ich betreffe,
Der Jägermeister ist mein Neffe.

O Jägermeister, an mein Herz! –
Der König rief's in Wonn' und Schmerz.
Er schlang um ihn die beiden Arme,
Entzückt von Lust, gequält von Harme.
Hatt' einen Neffen ja so schön,
Wußt' auch die Schwester nun im Sarge;
Die alte Wang' hinunter gehn
Der Thränen Fluten ihm, nicht karge.
Er weint'. Die Ritter weinten auch,
Nur nicht der Seneschall, der Gauch.

Ob über solcher Wunder Führung
Der Wildfang spürte starke Rührung,
Verschweigt mein Lied. Noch war zur Zeit
Ihm unbekannt Empfindsamkeit.
Er dachte mehr: 'S ist immer besser
Sich schälen für den Durst die Birn
An Königs Tisch mit Königs Messer,
Als trocken durch die Wälder irr'n.
Doch hielt er still den Thränengüssen
Und ließ sich herzen, ließ sich küssen.

Die Thräne rann in Königs Bart:
»Wie heißt du, Knabe muntrer Art?«
Ich heiße Tristan, sagte Tristan,
So taufte mich Rual – Weil trist an
Mein Leben fing mit tristem Sterne,
Gab er den tristen Namen mir.
Ich aber will das Omen ferne
Mir halten, ja, das schwör' ich dir,
Herr Ohm! den aus dem Stegereif
Ich find', als ich am Wege schweif'.

Das Zeichen sagt, am Wege schweife
Fortuna mir im Stegereife!
Ein Königsneff' aus Zufall muß
Fah'n Zufalls wärmsten Liebeskuß!
Er sprach's so muthig, sprach's so wacker,
Daß Marken ging die Thräne aus.
Er lacht' und ließ sich vom Geflacker
Der Fackeln leuchten in sein Haus.
Die Alten folgten; doch der Junge
Blieb draußen noch im rechten Schwunge.

Er schuf, daß erst der Hunde Schwarm
Gethan sei in den Hundsstall warm,
Und schuf, daß erst die Jäger hingen
Das Pirschzeug auf an Pflock und Ringen,
Und schuf, daß dann gefahren ward
Der Wagen vor die helle Küchen,
Und daß der Hirsch auf Fliesen hart
Gelangte von den grünen Brüchen.
Dann schritt vergnügt zur Pfort' er hin,
Und rief: Wohlan! Zu Haus ich bin!

Im Dunkel auf der hohen Schwelle
Da stolpert' er und fiel, der Schnelle,
In seines Dolches Spitze scharf.
Roth rann es von dem Arm; so warf
Sein Blut in seines Oheims Pforte
Herr Tristan, als er Einzug hielt.
Wol mancher hätte vor dem Orte
Bei solchem Zeichen Graun gefühlt;
Tristan verband sich; leichten Muthes
Hüpft' er zum Ohm durch Tropfen Blutes.

* * *

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