Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Karl (Leberecht) Immermann >

Tristan und Isolde

Karl (Leberecht) Immermann: Tristan und Isolde - Kapitel 13
Quellenangabe
typepoem
authorKarl Immermann
titleTristan und Isolde
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20131106
projectid5dde03d9
wgs
Schließen

Navigation:

Zweiter Theil

Brangane

Vorspiel

Geist meines Liedes, bleib dem Liede treu,
Du lehrt'st es Kühnheit, lehr's nun zarte Scheu,
Sag' ihm ein frommes Wort und laß erröthen
Des Liedes Mund bei'm Spruch von seltnen Nöthen;
Um seine Glieder streu'
Die nackten, hüll'nde Lilien und Epheu.

Mein Volk ist keusch und wandte sich in Züchten
Noch immer ab von Lust an bösen Früchten;
Ich bin sein Sohn und ehre das Gebot
Des Herdes, der mir Speis' und Wärme bot,
Und dessen Götter fügten
Endlich ein weißes Loos dem still Begnügten.

Nicht wähnet aber die ihr prüde seid,
Und die nur freuen kann das müde Leid
Schläfriger Lieb', ich werd' in siechen Tönen
Die schöne Glut der wilden Fabel höhnen!
Noch einmal hört: Bei Seit'
Entweichet, eh' die Kluft sich reißt, so weit

Abscheidend Dümpfelei vom Sang der Minne,
Die sich berauscht im Weine aller Sinne!
Die zarte Brust gehört dem sel'gen Mann,
Der auch den Leib, den süßesten, gewann;
Holdselige Gewinne,
Um die ich nicht grau Florgewebe spinne!

Doch blick' ich in die Lust der Julinacht,
Aus schwelln'den Polstern brünstig angefacht,
So wird ein Kummer meine Heitre schwärzen
Um Scherze, die dem Tod' entgegen scherzen,
Der heil'ge Ernst erwacht
Und mischt dem Wollustgirr'n sein Warnen

Und schlinget um verletzter Sitte Wunden
Den Lilienzweig mit Epheulaub verbunden!
Nicht lüstern deck' ich halb dich zu, mein Lied,
Stumm sollst du sein, wo Gott die Grenze schied.
Ihr Reinen, ihr Gesunden
Folgt nur getrost der Fahrt in schwierigen Sunden!

*

Die Romanze

Der Dichter, der so Manches war,
Waidmann im Wald, in Jagdgefahr,
Als seine Saiten mußten bringen
Tristan zum Hirsch; der dann zu schwingen
Den Fanten hatte über Meer
Als ein gelernter Schiffsverständ'ger,
Als Knapp ihm reichte Waffenwehr,
Die Schecke hielt als Rossebänd'ger;
Hängt all die Kleider an den Pflock,
Und schlüpft nun in den Schaffnersrock.

Ja in den Rock des Schaffners schlüpft er,
Die Schuh' zum Wandergange knüpft er.
Wo Hochzeit war, wo Fest geschehn
Gibt's andern Morgens nachzugehn.
Sind wol die Säle abgestaubet?
Die Stühle stehen sie am Platz?
Haben die Diener nichts geraubet
Vom aufgesperrten Silberschatz?
Zerbrachen der Krystallpokale
In Scherben etliche beim Mahle.

Nun, Hochzeit war auf Tintayol,
Und König Mark' ist Eh'mann. Voll
Von Rittern, Damen, Edelknechten
Rauschten die Hallen. Blonde Flechten
Und schwarze Locken wehten wild
Im Sturm des Walzers! Gierig kostend
Hat Jugend feur'gen Drang gestillt;
Im Berg der Freudentrauben mostend,
Das tanzte wol noch immer zu,
Trieb Hahnkrähn letztlich nicht zur Ruh.

Die Nacht war dunkel. Keine Kerze
Erhellte jener Kammer Schwärze,
Drin König Marke, wunderreich
In seinem Sinn, auf Pfühlen weich
Ausstreckte die gejüngten Glieder.
Es hatte eine Hand,' die bebt',
Drin ausgelöscht die Lampe. Nieder
Sank er in Kissen, herzte, schwebt'
In Lust und Krauen, zwischen Bangen
Vor Greisenscham, Bräut'gamsverlangen.

So stand's zu Nachte, also ging's
In jener dunkeln Kammer, links
Vom grauen Saal mit Wappenschildern
Und mit der würd'gen Ahnen Bildern,
Darin Herr Mark' den Frühetrunk
Getrunken, als die Schwalben flogen,
Und drin versprach sein Neffe jung
Die Goldhaarbraut dem Ohm verwogen. –
Rechts aber von dem grauen Saal
Ragt' einer zweiten Thür Portal.

Die Thüre rechts, die Thür zur linken
Sahn Tags einander an mit Winken,
Doch als es worden finstre Nacht,
Ich weiß nicht, was sie da gemacht;
Das weiß ich leider, wer zur Rechten
Vor Mark' sich durch die Finstre stahl,
Und wer mit Füßen, welche regten
Kein Läutchen, linkshin schlich vom Saal,
O kecker Freveltausch der Kränze!
Doch still und halt! – Hier ist die Grenze.

Wie schaust du denn, verwirrte Welt,
Vom ersten Glimmstrahl kaum erhellt?
Auf welchen Lüsten, welchen Sorgen
Ruht unschuldsvoll dein Blick, o Morgen?
Auf, Schaffner-Dichter! Rüste dich,
Wisch dir die Müdigkeit vom Auge,
Sieh nach was da, was dorten sich
Noch findet, das nicht eben tauge
Zum Alltag, der die Nacht verläßt,
Als Ueberbleibsel von dem Fest.

Frühmorgen graut. Zuerst ins Münster.
Da ward getraut. Der thau'ge Dünster,
Der junge Tag, hat um den Dom
In allen Linden einen Strom
Von Honigwürzeduft befreiet,
Daran noch keine Biene nippt,
Im Grase Perl an Perl gereihet,
Die noch kein Fuß vom Halme kippt',
Ich nässe meine Schuh' und sehe,
Wie drinnen es im Chore stehe.

Ob der Caplan, der schaut' ins Glas,
Nicht auf dem Altar was vergaß?
Ob er die Leuchter, ciseliret
Die güldnen, und ruhmgezieret
Die Prachtgesäß', die Scharlachdeck',
Das Sammtmissal, zum Kirchenhorte
Auch brachte wieder ins Versteck
Am eisenblechbeschlagnen Orte?
Nein, bei der ew'gen Lampe Licht
Merk' ich, der Mann that seine Pflicht;

Deckte den Gottestisch mit Tuche,
Mit schlichtem, gab zum Messebuche,
Dem bräuchlichen, im Lederband,
Den Messingleuchtern ihren Stand.
Die prächtigen und strahlenden Zeichen
Von eines Königs Ceremonie,
Sie mußten, wie es Ordnung, weichen,
Und wieder können vom Sockel, sie,
Die heil'gen Männer, sel'gen Frauen
Auf armer Leute Andacht schauen.

Nun, in der Kirch' steht's wohl sonach.
Zum Schloßhof denn; der hing am Tag
Grün voll von Kränzen, Laubgewinden,
Entbrochen Eichen, Tamarinden.
Mich ärgern würd' es, flattern sehn
Welke Festons und schlaffe Rosen.
Fußtritt des Festes muß vergehn
Sprang fort das Fest auf Füßen, losen,
Erblich'ner Freuden Leichenstatt
Macht Einem weh' und öd' und matt.

Brav das! – Der Seneschall mit Würde
Trug ordentlich des Amtes Bürde.
Hat nach dem letzten Geigenton
Abkränzen lassen Mau'r, Balcon,
Die Fensterrahmen und den Bügel
Der über'm Born im Hofe steht,
Thorgatter, Pfeiler, Pfortenflügel,
Die Brücke mit dem fall'nden Brett,
Das Alles zeigt dem Erstlicht reine,
Guirlandenkahle Hölzer, Steine.

Herein zur Burg! Die Schenkenstub'
Erschließ' ich. Denn den Schlüssel hub
Ich irgendwo auf, der alle Schlösser
Aufthut, kein Schlüssel öffnet besser.
Drin ward gebechert scharf und heiß,
'S riecht noch darin nach besten Lagen;
Herr König, deines Schenken Fleiß,
Der ist zu loben! Unzerschlagen
Blinkt's Bergkrystall, ist aufgetischt
Mit goldnen Bechern, blank gewischt!

Der Haushalt ward ins alte Gleise
Bei Nacht gelenkt von Dienern weise.
Der Borstwisch fegte, Besen strich,
'S ist Alles glatt und säuberlich.
Und doch! – die schwülsten Aengste fallen
Erstickend mir auf meine Brust,
Indem ich durch die stillen Hallen
Im Dämmer wandre! Keine Lust
Erquickt mich an dem Haus. Ich stelle
Mich gramvoll auf des Saales Schwelle,

Des grauen Saals, der rechts und links
Hat Nachbarschaft des schlimmsten Dings,
Des schlimmsten Dings, das Treue, göttlich,
Vollführete, und Minne göttlich.
O Nacht, der keine andre je
Vergliche sich! Du Nacht voll Trügen,
In deiner Schling' gefangen seh'
Ich alles Erdenlebens Lügen.
Des Himmlische, in Gott verschönt,
Hat Himmel, Himmels Gott gehöhnt.

Minne, von Engeln angesprochen
Als Schwester, hat die Eh' gebrochen;
Treue, klar, fest wie der Demant
Ist Diebeswege scheu gerannt.
Gott hat die Minne zugegeben,
Die Treue pflanzte selber Gott,
Und heil'ge Minn' und Treue schweben
Irr in den Klau'n von Astaroth;
Die Tugend liegt in Lasternetzen,
Gesetze kämpfen mit Gesetzen.

'S war finster und im Finstern küßt'
Herr Mark' mit brennendem Gelüst,
Was ihm der Altar gab, so wähnt' er,
Und was – – doch horch! Dringt ein gedehnter
Leisknarr'nder Ton nicht an mein Ohr
Dort von der Angel der Thür zur Linken?
Ja wol: sie öffnet sich. Hervor
Seh' ich es schleichen, sehe blinken
Weiß Nachtgewand ob nacktem Fuß,
Der kaum dem Boden bietet Gruß,

So leise schleicht er. Stiehlt vom Gatten
Vor Tage fort, vom liebesatten,
So still und schamhaft sich Isold,
Als Weib noch Magd in Züchten hold?
Ach nein! So schluchzet keine Fraue
Wie dort die Weiße schluchzt! Sie ringt
Die Arme jammervoll! Ich schaue
In diesem Düster selbst, wie dringt
Ein reicher Strom von Leidenszähren
Aus Lidern, rothen, Wimpern, schweren.

Sie geht gebeuget, wie erdrückt
Langsam den Saal hindurch. Kaum rückt
Der Fuß; das Haupt hält sie gesenket,
Die Hände auf der Brust verschränket,
Und nah der Pforte stockt sie, reißt
Entzwei sie heftig ihre Hülle,
Dann wickelt ins Linnen, so zerspleißt
Kläglich sie trauernder Reize Fülle,
Sie stöhnt: Verflucht seist du Gewand,
Drin Ehre welkte, sproßte Schand'.

Zerfleischt von grimmster Schmerzen Zahne
Hascht sie vorüber mir. Brangane
Bist du, ich kenne dich! Arm, hehr,
Mädchen, das keine Jungfrau mehr!
Dein Schatz, dein Kleinod, deine Blüte
Mußt' um Isold' zum Tode gehn,
Doch Treue adelt das Gemüthe,
Und dies dein Wappen wird bestehn;
Bist hingewittert, hingeschlachtet –
Doch Treue lebt und glänzt und prachtet.

Minne blieb eigen mit Seel' und Leib
Sich selber; das schufst du, dienendes Weib;
Marke hat Tristan's Früchte nicht
Geerntet nach Recht, genossen nach Pflicht!
Dunkel, o welche Rosensaaten
Glühender Freuden decktest du rechts,
Rechts im Gemach! Auf welchen Thaten
Brütetest du des Minnegefechts!
Lied, mein Lied, was wehet dich an,
Stürmet und wirbelt dich aus der Bahn?

Ein neues Geräusch da rechts. Doch spüre
Kein Knarr'n, kein Drehen ich der Thüre.
Da geht es, nicht auf dem graden Weg
Von süßen verbotenen Wonnen weg!
Zu luftigen Höhen durfte sich ringen
Im Liebestriumphe ein Jünglingsherz,
Drum durch die Lüfte muß er sich schwingen
Hinweg, bevor er niederwärts
Dann steigt, der Jüngling, welcher stößet
Das Fenster auf, die Brüst entblößet,

Brand in den Wangen, trunken im Blick,
In allen Nerven das Geschick
Nachschmeckend, das die Nacht ihm böte,
Schmachtend geöffnet Lippen rothe,
Zu saugen schwelgend noch den Kuß
Den einz'gen noch, den der Verräther,
Der werdende Tag doch hindert! Muß
Von dannen, ach, der Sünde Thäter,
Der seligen Sünde! Muß da aus
Das Fenster thun, und scheiden drauf

Von seiner Braut, von seiner hohen,
Lechzend von der Lechzenden, froh von der Frohen.
Herr Tristan sprang ins Fenster, das
Sah aus der Kammer rechts ins Gras
Von König Marke's Gartengrunde;
Dann sprang er auf der Buche Zweig,
Die unterm Fenster hob die runde
Laubkrone grün an Aesten reich;
Es wiegte ihn des Zweig's Geschwanke,
Zum Fenster beugte sich der Schlanke

Und flüsterte hinein: Von mir
Nun träume du, so wie von dir
Allewiglich dein Tristan träumet
Im Schlaf und Wachen. Ungesäumet
Entriß dem Gürtel er den Dolch;
Und rief verzücket und verstöret:
Spansplitter haut man in Verfolg
Des Kaufs vom Haus, das dann gehöret
Erst im Besitz dem Käufer an.
Auch ich ergreife durch den Span

Besitz! Mein Dolch, hau' mir den Splitter
Von dieser Kammer, drin kein Dritter
Je walten soll! Wer wagt es? Wer?
Der Eigentümer bin ich, Herr!
Die süße Kammer, wonn-umschließend,
Hab' ich mit meinem Selbst gekauft,
Dies Haus der Freuden, heimlich sprießend
Ist Tristan's und auf ihn getauft;
Hilf du, des Dolches scharfe Spitze,
Zum Zeichen mir vom Lustbesitze!

Der schwärmende Jüngling hieb den Span
Vom Fenster mit dem Dolche; dann
Küßt' er ihn mit den Lippen, weichen,
Drauf ins Barett steckt' er das Zeichen.
Das Fenster sacht verschloß der Sohn
Von Riwalin der Morgenkühle,
Daß undurchschauert Schlummers Mohn
Sich gieße drin auf Eiderpfühle.
Im Baume blieb er noch auf Wacht,
Und lallte tausendmal: Gut' Nacht!

Er schaukelte sich im Baume, drängte
Die Brust, die fast das Klopfen sprengte
Des Herzens, in das Laub; die Arm'
Schlang um die Zweig' er, zitternd, warm.
Die kalten Zweig' und Läuber zwang er
An's heiße Herz, des Thaues Naß
Vom grünen Blatte durstig trank er,
Als hielt' er noch, als tränk' er, was
Nie Löschung seinem Dürsten brächte,
Und was er immer halten möchte.

Da glüht empor der Feuerball
Der Sonne, wecket überall
Das Leben, setzt ihm seine Ziele;
Hier tödtet er süßesten Lebens Spiele.
Tristan, aufstarr'nd aus wachem Traum,
Schau'rt, wie in grimmer Furien Mitte,
Springt, bleich wie'n Mörder von dem Baum,
Lenkt durch den Garten flücht'ge Schritte;
Kühlt hastig sein Gesicht, das brennt,
Im Bach, der durch den Garten rennt.

Der Bach durchrennt den Garten, hüpfet
Dann unter's Schloß. Wohin er schlüpfet,
Das wirst du, Lied, verhängnißschwer
Einst singen. Tristan läßt die Wehr
Der Ufer, als er sich gewaschen,
Flieht zag vorbei an Tax und Bux,
Er fürchtet Verrath, er zittert vor'm Haschen,
Wo er auch steht. Ein ries'ger Luchs
Scheint ihm Natur, der was er heimlich
Im Busen trägt, erspäht unheimlich.

»Hat's nicht des Baches Flut gesehn
Kann sie zu Mark' nicht plaudern gehn?
Können die Sträucher mit den Zweigen
Nicht wie mit Fingern auf dich zeigen?«
Urplötzlich elend bis zum Tod
Auf Freuden über allem Werthe,
Däucht ihm, es blinke was durch's Roth
Des Morgens gleich Nachrichters Schwerte,
Auf einen weißen Hals gericht't,
An seinen dachte Tristan nicht.

Doch gleich darauf ruft er: Ich sage
Der Feigheit ab für alle Tage!
Vom Elend reißt ein hoher Muth
Ihn jach empor. – Wer so geruht,
Spricht er, wie du Tristan, dem Weibe,
Dem Weib der Weiber, löste los
Den Gürtel, ha! der rudr' und treibe
Sein Schiff durch der Charybde Tos
Gerad' hindurch! – Nun bückt der Krieger
Der Lieb' als Held und stolzer Sieger.

Schaut kühn zum Bach, zum Strauch, zur Flur,
Als wollt' er sprechen: Sagt es nur!
Kühn schaut er in das Strahlenzücken
Der Sonn' und trotzet ihren Blicken!
Er eilt ins Schloß. – Die Laute faßt
Sein Arm in dem verschwiegnen Zimmer,
Der süße Wahnwitz tost und rast
Gewaltig in den Morgenschimmer;
Nun kam die Zeit zu Melodein
Für Tristan auch bei Sonnenschein.

Nun sang Tristan bei Sonnenscheine!
Doch waren es nicht leichte, kleine
Liedweisen, wie wol klimperlich
Der Ton von schwacher Leier schlich
Zärtlicher Schäfer. Nein, die Kräfte
Sie sangen einst im Schöpfungsdrang
Bei'm weltenzeugenden Geschäfte
So ihren ew'gen Brautgesang;
Beethoven hätt's in Tongedichten
Nachdichten können! Ich, mit nichten.

Er war der aufgewühlte Sturm
Der in die Ceder weht den Wurm,
Wo der nun schwelgt im Ruch der Krone,
Aus der das Haus dann wird, daß wohne
Jehova drin! – Er war der Rausch,
Der in den grünen Hügeln fruchtet,
Der Licht und Nässe trinkt, zum Tausch
In Segen, der da wallt und wuchtet;
War Jugend, Leben, war Tristan,
Der Königin Isolde Mann!

Es litt ihn nicht im Zimmer, litte
Bei seiner Laut' ihn nicht. Er schritte
Hinauf die Stiegen, Triumph im Gang;
Zum Vater trieb ihn hoher Drang,
Dem anzusagen keck und dreiste,
Zu welchem Gipfel klomm sein Kind.
Dem Vater? Ja. Des Vaters Gäste
Im Harnisch droben. Denn es sind
Im Rüstsaal aufgehängt die Schienen,
Helm, Schwert und Schild von Riwalinen.

Tristan betritt den Eisensaal.
Durch Fensterluken hoch und schmal
Fällt zitternd ein das Licht und schnellet
Von Helm zu Helm. Ringsumgestellet
An Wand und Pfeilern ist die Wucht
Des Kampfgezeugs. Auf Holzgerüsten
Ruhn Rossepanzer, drauf gefugt
Ruhn Ritterpanzer; hohle Büsten,
Schwert, Schild zur Seiten, Lanz' im Arm,
Dran festgeknüpft. Ein starrer Schwarm

Von ehemaligen Heldenreitern,
Von Hülsen zu verblichnen Streitern.
Die Majestät des todten Ruhms
Inmitten Spinnwebs und Gesumms
Von Fliegen, Motten! – In's Gewesene
In Scheinpracht, übergraut von Quark,
Tritt der Beglückte, der Erlesne;
Markloses grüßen Füll' und Mark.
Tristan flammt zwischen kaltem Staate
Des Ritterthums, wie die Granate

Brennt unter Trümmern. Rasch vorbei
Den Andern eilt er, hin, wo frei
Und hoch winkt der vom Fußgestelle.
Ist größer als irgend ein Geselle
Zur Rechten, Linken. Auf dem Schild
Steht: Kein Entrinnen! in der Zunge
Von Languedoc. Das Wappenbild
Darüber ist ein Löw' im Sprunge.
Dem Waffenwerk von Riwalin
Gab Mark' hier Stätte, als beschien

Vor zwanzig Jahren den todten Helden
Des Lichts wehmüth'ger Blick. Vermelden
Wollt' er den schuld'gen Dank damit,
Daß für Cornwall der Ritter stritt.
Wie Blancheflur's Geschick beleidigt
Den Bruder, dankbar seinem Gast
Blieb doch der Wirth und hat vertheidigt
Der Waffen Ehrenplatz, gehaßt
Nur den Bedrücker, den Verführer,
Geehrt den Siegesfeu'ranschürer.

Vater! ruft Tristan, drückt die Wang'
Dem Panzerfuße an und lang'
Hält er die Schienen und die Sporen
Umklammert dessen, dem geboren
Er nach gebrochnen Augen ward.
Ach, Vater! ruft er, deinem Segen
Entzog mich eine Schickung hart,
Und nun auf hohen, einz'gen Wegen
Ruf' ich nach dir und frage dich:
Hörst du mich wol und siehst du mich?

Siehst du, wie dein beherztes Wagen
In Tristan erst hat Frucht getragen?
Nur sterblich Minnen wurde dir,
Des Himmels Göttin stieg zu mir! –
Es küßt des Sohnes Mund beweget
Des Vaters Erz. Doch auf einmal
Fühlt er wie es sich droben reget,
Wie's rüttelt in des Panzers Stahl.
Er fährt empor, blickt auf; ein häßlich
Gesichtlein zieht, ein Maul ihm gräßlich

Vom Roßharnisch, vom Rückenstück.
Denn hinter'm Panzer-Tronk zurück-
Gebeugt, und hinter'm Schild verborgen,
Hat da des Jünglings goldnen Morgen,
Gekau'rt ein Spottscheusal belauscht.
Das bös Melotchen springt mit Fratzen,
Sein Wämmschen zerrend, aufbebauscht,
Wie toll dort oben. Haar'ge Tatzen
Schleudert's in wüstem Hohn umher
Und blecket aus dem Maule quer

Die Zung'. Tristan, des Zornes Röthe
Im Antlitz, ruft: Verrückte Kröte,
Was kriechst du hier? Was blähst du dich?
Oho! kreischt grob der Wichterich,
Nur nicht so ungestüm, mein Junker!
Ich mach' mir Morgenmotion.
Der Saal steht offen dem Geflunker
Des Fants, doch auch der Standsperson
Von mir, dem Greis, den Tugend zieret,
Ich war hier eh'r als du logiret.

Das ist hier meine liebste Stätt',
Ersteh' ich Morgens aus dem Bett.
Da spring' ich 'rum, und thu' betrachten,
Was von dem Leben sei zu achten.
Sieh, Jung', die Kerl' sind alle Müll,
Die sich in den Gehäusen spreizten,
Und ich, mein Schatz, ich blüh' in Füll',
So bracht' ich es denn doch am weitsten,
Und gebe keinen Heller, Knab',
Um alles Heldenfleisch im Grab.

Er lachte, daß sein Bauch erzittert'
Und Riwalinens Panzer schüttert'.
Nach Zornes Röthe zornesbleich
Griff mit dem starken Arm nicht weich
Tristan den schlimmen Lache-Zwergen.
Er riß am Haar mit einem Ruck
Herunter ihn und dann zum Schergen
Macht' ihn der Grimm. Dort an dem Stuck,
Am Knauf vom Stuck hing eine Geißel,
Die nahm Tristan, und das Geschmeißel

Durchgeißelt' er so eiferwild,
Daß des Melotchen's Rücken schwillt
Von feu'rgen Striemen. Heulend, kreischend,
Dann wieder wimmernd, Gnade heischend
Wand sich der Knirps, als wie ein Hund,
Den sein Gebieter packt und züchtigt.
Allendlich that Ermüdung kund
Tristan, die Strafe sei berichtigt,
Da stieß er den Melot hinweg:
Fort lief der Zwerg und schimpfte frech

Im Laufen, schrie zu hundertmalen:
Das sollst du, Böswicht, mir bezahlen.
Er sprang die Steigen nieder flink,
Hielt sich den Buckel, ächzt' und fing
Dann wieder rasend an zu toben.
Quer über'n Hof zum Mauerwall
Sprang er, wo sein Gemach erhoben
War gerade über'm Hühnerstall.
In's Stübchen schlorrte der Verhunzte,
Warf sich auf's Bettlein, schluchzt' und grunzte.

Im Saale aber stand Tristan,
Ließ fall'n die Geißel. Schamroth rann
Ihm über seine Schläfen beide,
Daß er dem Jähzorn solche Weide
Im hast'gen Sinn gegeben. – Doch
Nicht Zeit hatt' er sich auszuschämen.
Ein junger Page kam und bog
Das Knie und sprach: Wollt Ihr nicht nehmen
Das Frühstück, Herr? Der König frug
Schon sehr nach Euch am Tafeltuch.

Herzklopfend ging Tristan und sammelt'
Die Geister seines Lebens, stammelt'
Als er die Thüren öffnet: Steu'r
Nun keck durch wilde Flut und Feu'r!
Er sah im grauen Saal am Tische,
Ganz überschmückt von Rosenblut,
Erblüht in Kraft, erneut in Frische
Den König Marke, mild und gut,
Der sich zu Nachbarinnen wählte
Die Fräulein, nur Brangane fehlte.

Und gegenüber ihres Orts
Sah er die alten Herrn, die Lords.
Sie ließen's sich in Freuden schmecken,
Der König auch. Mit losem Necken
Stand hinter'm Stuhl der Damen jung
Ein ganzer Flor von jungen Rittern.
Sie bringen ihre Huldigung,
Wo sie galante Kurzweil wittern,
Der König, roth wie eine Ros',
Lacht' und warf um sich mit Bonmots.

Es zwinget Tristan, daß er sende
Die Augen nach dem obern Ende
Der Morgentafel. Da erblickt
Er einen Thron mit Gold gestickt.
Und über'm Throne hebt die Laube
Von schlanken Myrthenstämmchen sich,
Durch deren dunkles Grün die Traube
Der purpurnen Gloccinien schlich;
Die Laube wölbt sich über'm Golde
Des Throns der Königin Isolde.

Die schöne Kön'gin, lieblich blaß,
Umschmiegt das Frühgewand. Sie saß
Zärtlich berührt von Stoffen, feinen,
Und schien so weiß aus weißem Scheinen.
Den Busen und die Arme voll
Spann träumerisch ein die Brüss'ler Kante,
Der himmelblauen Toque entquoll
Das üpp'ge Goldgelock. Es sandte
Das zarte Bein hinab den Fuß
Im Seidenstrumpf, in Atlasschuh's

Schmal-zarter Fassung, um zu schweben
Auf buntem Bänkchen, reich umgeben
Von Centifolien und Jasmin. –
Als unter'm Myrthenbaldachin
Isolde sieht, die süße Matte,
Wer zögernd eben, sacht und scheu
Die Flügelthür geöffnet hatte,
Blickt sie zum Fenster im Gebäu,
Und lobet unter Herzensschlägen
Schamhaft, wie schön das Schloß gelegen.

Zum Fenster schaut die Königin,
Und Tristan schaut zur Decke hin
Mit Blicken, die sich feste ketten
An alle Schnörkel und Laffetten.
Der König aber winkt ihm, küßt
Herzlich die Stirn dem glüh'nden Neffen,
Und sagt ihm sanft: Wenn ich nur wüßt'
In meinem Dank das Maß zu treffen
Für dein Verdienst! Den würd'gen Lohn
Gäb' ich dir gern, geliebter Sohn!

Du schufst dem Ohme in das Alter
Die Jugend, wurdest mein Erhalter!
Er sagt's mit Augen die berauscht
Irr'n nach der Königin. Es lauscht
Sein Antlitz, zartste Liebe hegend,
Auf ihres Athems Säuseln. Mild,
Den Bart sich streichelnd, überlegend
Wie er des Danks Bedürfniß stillt,
Schweigt er. Dann ruft er aus im schönen
Erguß: Laßt Zinken, Hörner tönen!

Das Horn erklingt, die Zinke schallt;
Mark' spricht, nachdem der Tusch verhallt:
Wer uns gebracht ein Gut der Güter,
Den setzt man gern dem Gut zum Hüter.
Er kennet ja des Schatzes Werth,
Und wird ihn drum am besten wahren.
Getreu' und Liebe' seid belehrt
Von unserm Willen und Gebahren:
Tristan, deß Schuldener ich bin,
Sei Kammerherr der Königin!

Der König sprach's und drückt' in Hulden
Deß' Hand, bei dem er stand in Schulden.
Um Tristan drängten sich die Herrn,
Der Sen'schall mit als säh' er's gern.
Die jungen Ritter all' bemühten
Sich eifrig um des Günstlings Gunst,
Die Fräulein warfen ihn mit Blüten,
Zielend nach ihm mit holder Kunst;
Im Saale war ein Rühmen, Preisen
Von König Marke's Wahl, der weisen.

Tristan, umschmeichelt und umtäubt
Entsetzt, beglückt, meint, daß ihm stäubt
Die Welt, all Ding das bei einander,
In bunte Funken auseinander.
Er beugt zur schönen Ellinor
Sich zitternd nieder, ruft mit Beben
Dem Fräulein etwas in das Ohr,
Und fleht, ihm Antwort doch zu geben.
Verwundert blickt sie auf, fragt: Wie?
Unsinn wie den vernahm sie nie.

Isolde aber reißt erschrocken
Den Blick vom Fenster. Ihre Locken
Fall'n wie ein Schleier vor's Gesicht
Der Königin. Erröthend bricht
Sie schnell ein Myrthenblatt, und senket
So tief den Blick auf dieses Blatt,
Als ob sie dran zu zählen denket
Die Aederchen. – An seiner Statt
Saß König Marke, dem genüglich
Zu Muthe war; und höchst vergnüglich.

*

Nachspiel

Laßt ruhn das Buch! Und wollt ihr weiter lesen,
Schlagt es erst morgen langsam wieder auf!
Dann könnt ihr denken, daß mit raschem Lauf
Um Monde vorwärts sprang dies wirre Wesen!

Die Sitt' erkrankte. Doch sie soll genesen
An Schreck und Graun. – Verstohlner Freuden Kau
Erzähl' ich euch nicht breit und weise drauf;
Sie sind, lest weiter ihr im Buch, gewesen.

Einst durfte wol der Schäcker aus Certaldo
Von Damen, Herren, Mönchen, Nonnen schwatzen.
Von Monna Tessa, Ghita, von Tedaldo:

Doch seiner Zeiten Freiheit ist gewichen,
Nicht ring' ich um die Palme mit Boccazen,
Mein Tristan-Lied reint sich im Furchtbarlichen.

* * *

 << Kapitel 12  Kapitel 14 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.