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Gutenberg > Karl (Leberecht) Immermann >

Tristan und Isolde

Karl (Leberecht) Immermann: Tristan und Isolde - Kapitel 12
Quellenangabe
typepoem
authorKarl Immermann
titleTristan und Isolde
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
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Cornwall

'S ist Nacht. So leise geht der Wind,
Das Meer, wie ein geschaukelt Kind
Athmet in Wellen, gleich dem Oele,
Jetzt Hügel sanft, dann sanfte Höhle.
Die Fackeln, herrlichst angefacht,
Die kommen, ob sie Niemand lüde,
Die Augen, die so lang gewacht,
Und sich noch nimmer wachten müde,
Die Sterne sehn von hoher Zinn'
Auf's Wall'n des milden Oeles hin.

'S ist Nacht. Erhaben thronet Schweigen!
Gelinde wälzt der Wässer Reigen
Das Schifflein vorwärts, lautlos schwell'n
Die Segel, drein sich Lüftchen stell'n.
Im Schiffe schlummert Alles friedlich
Und selbst der Wächter nickt am Steu'r,
Nur Eine ächzet. Unerbittlich
Hält sie der Kummer wach. Ein Feu'r
Der Angst um ihre liebste Herrin
Brennt sie auf trau'rgem Lager. Närrin

Schilt sich der Lippen trockne Glut,
Sie hadert mit ihrem blöden Muth,
Der thöricht sie vom Schiffe führte,
Was all das Elend, klagt sie, schürte!
Im ersten Stoß der Leidenschaft
Fluchend dem Zauber, der gewoben,
Hat sie den Becher aufgerafft
Gen Himmel ihn verwirrt erhoben,
Dann in das grüne, tiefe Meer
Geschleudert wild mit Weinen sehr.

War es das Tröpfchen, so noch drinnen,
Was Leben schuf und pflanzte Sinnen
Im ungefühl'gen Element,
Daß Nasse glänzet, Kühle brennt?
Sobald die Nacht hereingedunkelt,
Ziehn helle Streifen schmal heran,
Dann immer breiter glüht's – es funkelt
Bald Well' auf Well' im Ocean,
Bis endlich in dem Stillen, Feuchten
Ein Glimmen ist, ein Strahlen, Leuchten!

So fährt der Kiel durch Flammen, der
Zwei Herzen trägt in Gluten hehr.
Es wälzt sich ihm in weichen, sachten
Bögen entgegen schimmernd Prachten:
Des Schiffes Schnabel trennt den Schein,
Da springt der in viel tausend Funken
Auf beiden Seiten! Hinterdrein
Zur Straße dann in Eins gesunken,
Zieht nach er lange, blendend Licht
Im Glanze, der sich matter bricht.

Ins heil'ge Schweigen über'm Brennen
Der Wogen, die entzücket rennen
Durch Dunkel, sternenüberwacht,
Ins laue Lüftchenspiel der Nacht
Treten zum Deck die süßen Beide,
Er aus dem Raum, vom Pavillon
Sein hohes Lieb. Das sel'ge Leide
Durchdrang mit solcher Macht sie schon,
Daß sie ein Schau'r des Todes kühlte,
Wenn Eins sich nicht am Andern fühlte.

Ist Meereswoge worden Brand,
Wer will ermessen, hat erkannt,
In welchen heißen Innigkeiten
Zwei Herzen Wunder sich bereiten?
Die Minn' ist ein gefangner Falk,
Vom Jägersmann gewiegt im Ringe,
Damit der Freie als ein Schalk
Dienstbar auf das Gewilde springe.
Allunaufhörlich regt den Sitz
Des Vogels an des Jägers Witz;

Nicht schlummern darf er, kann nicht wachen,
Zum Traum sich seine Kräft' entfachen;
Bald hat er auf dem Fels das Nest
Vergessen, Wald und Waldes Fest,
Nun kennt er nur die Hand, die Tages
Und Nachts an seinen Reifen rührt,
Und in der Angst des Flügelschlages
Merkt er die Stimme deß, der kürt'
Ihn aus zu seinem Knecht und Sklaven,
All andr' Erinnern ging ihm schlafen.

So kennet auch das Minnen acht
Die Hand allein, die es bewegt
Im Ring; das Wort, das Trostgedanken
Ihm sagt, wenn bang die Fittich schwanken!
Die Minne hat vergessen Zeit
Und Welt mit ihren weiten Räumen,
Sie hat vergessen Pflicht und Eid,
Und weiß nur von den eignen Träumen,
Und ist doch schuldlos, redlich Ding,
Denn Gott bewegt die Minn' im Ring.

Isolde trat zu Tristan, faßte
Die Hand von ihres Herzens Gaste,
Und Tristan reichte, Beben inn',
Sie sänftlich seiner Königin.
So Hand in Hand und schweigend schauten
Sie lang' einander liebreich an,
Und milde süße Zähren thauten
Aus Augen wonneüberthan.
Nicht hemmte sie des Lichtes Fehlen,
Klar sahen sich die beiden Seelen.

Drauf nahm Tristan vom Finger ab
Den Reif, den Mark' der Schwester gab,
Reicht' ihn Isolden, sprach: Erprobe,
Ob ich mich dir gerecht verlobe:
So wie des Wagens Deichselstern
Da droben steht bei seinem Zweiten,
Geruckt zu ihm von Gott dem Herrn
Heut und in alle Ewigkeiten,
Will ich hinieden zu dir stehn,
Und will ich drüben mit dir gehn.

Drauf nahm vom Finger ab Isolde
Mark's Bräut'gamsring und gab zum Solde
Der Minn' ihn Tristan, sagte: Hör',
Ob ich dir richtig gegenschwör':
So wie die Well' von uranfänglich
Strömt' in die Nachbarwelle ein,
So will ich, schwindend und vergänglich
In mir, in dir nur wieder sein,
Kein Andres kennend und kein Drüben,
In dir geküßt vom ew'gen Hüben.

Und Tristan nahm Isolden's Ring,
Isolde Tristan's Ring empfing.
Nicht fügten sie die Reif' zu Händen,
Unwerth so höchster Liebesspenden:
Isolde schuf ein Wonnegrab
Dem ihren zwischen weißen Hügeln,
Und seinen warf Tristan hinab
Wo sprang sein Herz an lockern Zügeln,
Also verlobte sich das Paar
Bei Meergeleucht' und Sternen klar.

Sie schlangen Arm' um Arme innig,
Sie setzten sich und sahen sinnig
Hinaus in die erhellte Fläch',
Erprangend wie der neue Weg,
Den sie nun gingen. Süße Laune
Brach aus der Knospe, sanft verschämt,
Die blonde Locke und die braune
Hat in einander sich bequemt,
Wenn Scherzen Wang' an Wange drückte,
Wenn Busen sich zu Busen rückte.

Und dann goß in der Liebe Haus
Ernst wieder milde Löschung aus,
Und sänftigte die kühnen Brände,
Schon leckend über Pforten, Wände.
Er bat ihr seine Lügen ab,
Sein Heucheln und sein schlau Verkleiden,
Den Uebermuth; und sie vergab,
Denn Lügen, sagte sie, sind Leiden.
Und zürnt' ich, daß die lust'ge Kraft
Zu reich sich warf in Blatt und Schaft?

Du hast, von Himmels Will'n umspielet,
Im Scherz uns Glückes Ernst erzielet;
Und nun vergib auch du der Hand,
Die Schwertes Schärf' auf dich gewandt!
Des Jünglings Lippe zuckt' und schwärmte
In einem hohen, wirren Lied
»Vom Knaben, der sich bitter härmte,
Daß ihn sein Lieb vom Leben schied.
Sein Lieb, das er als Geist umschweifen
Dann mußte bei der Schatten Streifen.«

'S war Wahnwitz, den die Minne lehrt,
Er sang sich »todt von ihrem Schwert.«
Dann schlürft' er ihres Athems Wehen
Und sang: Hier fei'r ich Auferstehen!
O du mein Ostermorgenroth,
Beglaubiget von Himmelslüften,
Isold', mein Leben und mein Tod
Mein scheinend Licht in düstern Grüften!
Sie straft' ihn um den wilden Leich Der Leich, altdeutsch. Eine aus mehreren Liedern zusammengesetzte Strophe.
Und – lispelt' ihn doch zart und weich.

Das Schiff glitt hin, herschwoll das Leuchten,
Stern' schossen nach dem glüh'nden Feuchten.
Die Kön'gin und ihr Troubadour
Lodernd in lodernder Natur.
Sie jauchzeten und weinten stille,
Die Munde kämpften Liebesschlacht,
Sie waren Ohnmacht, starker Wille,
Und Darben, Reichthum, Blöße, Pracht,
Leichtsinnig Flattern, unverrücklich
Gebannet sein. Sie waren glücklich!

Bleich ward das Meer, der Himmel roth,
Rein Frühelicht im Osten bot
Den schönsten Tag, der seit Beginne
Der Welt geschienen edler Minne.
Rasch trocknete der Sonne Kuß
Aurorens helle Mutterthränen, Auroren's helle Mutterthränen. Der Thau, die Thränen, die Aurora um den Tod ihres Sohnes Memnon vergoß.
Durchsicht'gen Aethers goldner Guß
Erleuchtete das sammtne Dehnen
Der stillen grünen Meereswies',
Die bis zum Grunde schauen ließ.

Also war sie durchsonnt, gekläret! –
Im Schiff indessen regt' und mehret'
Sich das Geschwärm der Licht und Tag
Begrüßenden jetzt allgemach.
Brangane war die Erste droben,
Ihr erster Blick fiel auf die Zwei,
Die unerweckt vom Lärmen, Toben,
Nur lebten ihrer Phantasei,
Und traulich mit einander saßen,
Und wo sie waren, ganz vergaßen.

Vom Anblick bis zum Tod erschreckt,
Sann sie, wie sie die Zwei versteckt'
Unheil'gen Augen. In den Peinen
Der Hölle, innerliches Weinen
Um's Herze ganz – muß sie auf flach
Geschwätze sinnen, was die Docken,
Die Mädchen, zu ihr zwingen mag,
Auch das Gefolg vermag zu locken;
Mit solchen Listen glückt's vielleicht,
Daß zu Isold' kein Blick entweicht.

Die Zunge rollt gleich einem Rade,
Und sie erzählt, Scheherezade,
Dem rasch geschlossenen Hörerkreis,
Was sie von Tristan's Lippe weiß.
Die alten Märchen Tristan's werden
Für Tristan's Liebe Schleierhüll'.
Gleich welkem Laub gefall'n zur Erden
Vor seiner Seele neuer Füll',
Sie wirbeln nun wie dürre Blätter,
Gehascht von Kinderhand im Wetter.

Ein Herz, in dem Verzweiflung saß,
Gibt Schein des Lebens todtem Spaß;
Doch wirkt er, trifft. Denn lauter Jubel
Begleitet der Geschichtchen Trubel. –
Indessen sehn vom Deck geneigt
Zu Meere die geliebten Holden,
Ein göttlich Schauspiel wächst und steigt
In Stämmen, Aesten, Fächern, Dolden,
Kleinodien, paradiesesbunt
Empor in dem krystallnen Sund.

Die Wellen sind wie Lüfte grüne,
Durchsichtig ob des Abgrunds Bühne,
Von dessen Sande sonnerhellt
Aufwächst des Meeres Wunderwelt.
Die seltsamlichen stillen Pflanzen
Im Nassen deckt die Kläre bloß,
Die heimlichen Korallenschanzen
Sie weisen frei ihr Zackenschloß,
Und Muscheln stehn wie glanz'ge Gemmen
An allen Zacken, allen Stämmen.

Da drunten tief im letzten Raum
Sprießt braun empor von Tang der Baum,
Und legt sich aus in busch'ge Garben,
Strahlend von warmen gelben Farben;
Hier quillt es wie ein blauer Hut
Von einem runden Riesenschwamme,
Dort flockt's wie Milch, da tropft ein Blut,
Da zuckt durch zottelnd Fließ die Flamme,
Das strecket Rosendolden her,
Das hängt wie goldne Trauben schwer.

Hier strebt's empor, die Purpurceder,
Dort schließet es als Palm'! Als Feder,
Als Fächerfeder da, bestickt
Mit Silberschmelz es wehend nickt.
Dazwischen ästeln sich die Reihen
Der Madreporen und Korall'n,
Die wie ein Wald von Hirschgeweihen,
Wie Sterne die, zur Flut gesall'n,
Der Wald ein frohes Roth, die Sterne
Ein Weiß gleich Elfenbeines Kerne.

Und kleines Glasgehäuse blinkt,
Wo sich ein Knoten wulstig schlingt,
Smaragdne, amethystne Schnecken
Des Tanges Ringe schmückend decken.
Gold, Demantglanz und Purpur satt,
Tief dunkel Blau, Orangenglühen,
Korngarbe, Fächer, Palmenblatt,
Und Zaserslocken, Flammensprühen
Wallt in der Flut, beryllenrein,
Als Amphitriten's lust'ger Hain.

In diese Wunder, nicht zu schildern,
In diese Welt von Meeresbildern
Versunken blicket ein das Paar,
Und schweiget lang. Dann streicht das Haar
Isolde von der Wange, richtet
Sich sanft empor, erröthend ruft
Ihr holder Mund: Da ist gedichtet,
In Himmelslichtern abgestuft,
Der Liebe Loos, der Liebe Segen,
Sich tief in unser Herz zu prägen.

Was ist's da unten? Fasern, Dust!
Und strahlt wie Gottes Gartenlust.
Ein wenig Staub und Kalk! Gebäude
Des Höchsten scheint's, erbaut zur Freude
Des Ew'gen selber. – Mein Tristan,
Weil es die reine Wog' umspület,
Die klare Flut ihr Werk gethan,
Licht in den fahlen Dust gewühlet,
Der dünnsten Faser Muth gemacht,
Drum triumphirt's in solcher Pracht.

Was ist das Leben? Staub geringe,
Gemeines Wesen, dürft'ge Dinge!
Warum denn glänzt um uns das All?
Und tönt Musik aus rauhstem Schall?
Es hat sich göttlich ausgegossen
Die heil'ge Flut um unser Sein,
Jeglichem Staub sein Herz erschlossen,
Mit Licht umschmücket, was gemein,
Entzündet niedriges Getriebe
Zur Glorie im Meer der Liebe!

Drum lass' die Seelen, Liebster, ganz
Uns tauchen in den nassen Glanz,
Verschwimmen in dem süßen Gleichniß!
Ach! wären wir doch auch Ereigniß
Wie das da drunten! Wallen, Schein,
Grüngoldne Kühle! Frei, gelöset!....
Sie flüstert's kaum.... Und er fällt ein
Mit gleichem Flüstern.... Land! so stößet
Das Schiffsvolk aus den Ruf. Und: Land!
Schreit es von Top und Bram und Wand.

Land! – Gräßlich! Land! – – da ragt die Veste
Die Düne von Cornwall! Auf's Beste
Auch von dem Sonnenlicht bedacht,
Grün auch von Büschen überlacht!
Da liegt sie, weicht nicht, kein Gebilde
Der Seefei, wie es Schiffer sahn
Entstehen, schwinden, Wahngefilde,
Luftspiegelung, Fata Morgan' –
Breit, sandig, kieselhart, Beschwerde
Des Raums! Cornwall, und Marke's Erde.

Schon kann man Haufen Volkes sehn
Um Stangen weiße Tücher drehn
Und winken. Schon berührt ein Streifen
Das Ohr vom Schall der Cymbeln, Pfeifen.
Schon zeigen weiß' und rothe Roß'
Erprangend Ritter, hochgeschmückte,
Sie alle aber sind nur Troß
Vor dem, den fast das Gold erdrückte
Auf seinem Schimmel hoch und stark:
Er ist der Bräut'gam, König Mark'.

Im Schiffe wenden sich die Köpfe
All' gen Cornwall! Ein arm Geschöpfe,
Die Magd Brangan' alleine stürzt
Zitternd vom Haufen, welchem würzt
Die Lustbegier, bald auszusteigen
Den Augenblick, und der nur steht
Dahin, wo sich die Dünen zeigen.
Ihr Merken von dem Schiffe flieht
Zu Lande; Keiner würd' es lassen,
Möcht' Einer auch an Bord erblassen.

Brangane trifft zur andern Seit'
Ein kläglich und unsäglich Leid.
Zwei ros'ge Wangen sind erblichen,
Zwei blaue Auge rückgewichen
Tief in die Höhlen, glanzlos starrt
Auch nach der Küste hin entsetzlich
Ein todter Blick! So rauh, so hart
Hat nie ein Glücke unersetzlich
Zerstört die tück'sche Teufelsklau':
Tristans Geliebt' ist Marke's Frau!

Sie starrt erstorben! Tristan knirret
Dumpf mit den Zähnen, stampft; es irret
Sein Aug' am Himmelsdach umher,
Und wüthend wirft ins heitre Meer
Die wilde Faust den prächtigen Reiher
Von dem Barette, grimm zerpflückt.
Des Reichs Baron, des Oehmes Freier,
Der Sohn, durch Vatergunst beglückt,
Der Trost dem Greis im Greisenstuhle
Ist seiner Base, Kön'gin Buhle.

Brangane rührt Isolden, spricht:
Ein Wort o Herrin! diese bricht
In Schluchzen aus, das nicht will enden.
Dann weist sie mit den zarten Händen
Hin nach der Düne, rufet: Da!
Und sagt nichts weiter. Worte trügen
Die Lasten nicht, so dieses Da!
Bekennt von grausen Lebenslügen,
Entdeckt in ungeheuren Wehn!
Ein weiblich Herz wird es verstehn.

Drauf hebt sie sich unheimlich heiter,
Und spricht: Hier glühen keine Scheiter,
Die retten an des Ganges Strand
In Feu'r und Dampf der Treue Band.
Doch wallt um uns ein kühl Erretten,
Die Zeugin unsres Bund's, die Flut!
Wohlauf, mein Tristan! Aus den Ketten
Des großen Elends – hast du Muth!
Faß mich und dich, und lass' uns wahren
Die Treue bei der Tiefe Schaaren!

Siehst du die schönen Götter nicht,
Der Nymphen liebliches Gesicht?
Sie tanzen fröhlich! Lockend schwenken
Sie Kronen, die sie woll'n uns schenken!
Das Leben brach uns auf zum Tag,
Nun dräut der Tod, der ernste Treiber!
Auf Tristan, hüten wir vor Schmach
Die treuen Seelen, reinen Leiber!
Hinunter groß und stolz und hehr
Zu Göttern in dem heil'gen Meer!

Sie breitet ihre Arme. Weinend
Stürzt Tristan ihr zu Herzen, einend
Zum letztenmal! ruft er, Kuß
Mit Kuß vor dem erhabnen Muß.
Sie schreiten vor zum Rand', es fallen
Ins Meer Barett und Schlei'r, sie sind
Bereit und fertig.... ruhig wallen
Die Wogen und der sanfte Wind
Treibt sacht das Schiff.... Schon klirr'n mit lose
Ankern und Ketten die Matrosen,

Um beizulegen; das Gepäck
Unruhig rücken sie vom Fleck,
Indessen Schönheit, Reize, Jugend
Verzweifeln, nach dem Tode lügend!
Denn sie beschlossen's.... Da fällt hin
Auf ihre beiden Knie Brangane,
Halt! rufet sie. – Sie halten inn'
Mit Schreiten auf des Deckes Plane.
Was hemmst du? fragt Isolde, weißt
Du andre Wege? Sei gepreist,

Wenn du sie kennest, denn das Leben
Ist schön, vom Minneglanz umgeben.
Ich kenn' sie nicht. Befehl' ich rück
Die Flucht vor Marke's Bett, kann Glück
Mir keimen aus der Mutter Zorne?
Geschändet bin ich dort und da,
Getränket aus dem bittern Borne,
Der ferne quillet, quillet nah.
Hier graust mich an des Königs Kammer,
Und dort im Mutterfluch der Jammer.

Brangane stöhnt: Wahr, was Ihr sprecht!
Nicht hemme denn dies letzte Recht!
Versetzt Isolde. Wisse, Treue:
Ich könnte leichter ohne Scheue
Die weiche Hand in Siedequell'n
Ausstrecken, und mich in dem Nachen
Zu wilden wüthenden Stromesschnell'n
Am kochenden Wassersturze machen –
Strom ist es oben, unten Rauch,
Verwesten Gottes Duft und Hauch –

Ich könnte eher in den Trichter
Des Berges steigen, wo ein dichter,
Ein schwefelblauer Brodem deckt
Roth Lavakochen, nicht versteckt
Jedoch den Sud im Abgrundskessel –
Als daß ich könnte, diesem Mann
Verbunden durch die stärkste Fessel
So je die ernste Göttin spann,
Sein Herz, sein Leben, sein Gefühle,
Liegen auf König Marke's Pfühle.

Gib Raum demnach! – Nein! rufet, nein!
Brangane, und zum dritten nein!
Wund hat die Arme sich gerungen,
Blut ist ins Auge ihr gedrungen
Vor Todesschmerz. Krampfhaft umfaßt
Sie der geliebten Herrin Hüfte,
Und spricht erröthend, dann erblaßt:
Seid keine Kost der trau'rgen Grüfte,
Ihr süßeste Frau! Gehört dem Tag!
Ich dulde lieber für Euch Schmach.

Eh' meine Königin soll sterben,
Eh' will ich selber gern verderben –
Da wird nicht weiter nachgefragt,
Bin ja nur eine niedre Magd;
Mein Schatz, mein Kleinod,' meine Blüte
Soll hin für Euch zum Tode gehn,
Doch Treue adelt das Gemüthe,
Das Wappen wird den Schimpf bestehn.
Lebt! Lebet als Herrn Tristan's Eigen!
Treu' rettet Euch in Nacht und Schweigen.

*

Nachgesang

Weit in die Bahn trug dich das Roß der Musen,
Mein Lied, mach Halt, sieh um dich und gib Achtung
Auf deine Wieg' in deines Vaters Busen!

Aus Zeitenwettern, aus des Kampfs Umnachtung,
Darein die Parze stürzt des Edlen Seele,
Erringt der Dichter endlich die Betrachtung.

Sie ist ein Strom, deß Spiegel ohne Fehle,
Sie ist ein Strom, in dem die Welle flutet
Zu klar und stolz, als daß sie was verhehle.

Viel wird uns aufgelegt und zugemuthet,
Bevor dies heil'ge Wasser bricht im Sitze
Des zartsten Seins, das schmerzlich oft geblutet.

Ich klagt' um Könige, die vor dem Blitze
Der Geister in Gewissensängsten zagen,
Statt treu zu stehen an der Bildung Spitze!

Den König soll'n des Zelters Hufe tragen
Als Herzog vor den ebenbürt'gen Rittern,
Die der Geschichte große Schlachten schlagen.

Die Kronen wanken, wenn die Träger zittern,
Man färbt den Purpur nicht, zu hüll'n die Blöße,
Im Machtspruch ist der Feigling auszuwittern.

Ich klagte um ein Volk... doch nicht entblöße
Die Wunden ferner! Lieg' um sie die Binde
Und decke zu die Spuren arger Stöße!

Denn leise schlich auf sanftem Fuß gelinde
Mir in das Herz ein Trösten unzerstörbar,
Wie Rosenduft, gebracht vom Abendwinde.

An meiner Wiege rief der Genius hörbar
Und küßte mich: Du wardst gemacht zum Schauen!
Dein Glaub' ist ewig und dein Wahn verzehrbar.

Drum ging ich endlich ein in das Vertrauen,
Drum trockneten zuletzt Verzweiflungsthränen,
Darum erblickt' ich ein unsterblich Bauen.

Die Welt, die heil'ge, baut ein treulich Sehnen,
Ein Tempel ist die Welt, kein Berg der Scherben,
Ja! sagt die Wahrheit, und das Nein ist Wähnen

In diesem Licht erlebt' ich göttlich Sterben;
Es hatten Wünsche, Hoffnungen hinieden
Oft Furien gleich gehetzt mich ins Verderben.

Nun aber stillte sie ein Gott zum Frieden,
Wie Pallas einst mit goldner Redeblüte
Aus den Erinnen schuf die Eumeniden.

Und wenn mir dunkel, was das Leben brüte,
Und steht zu fern sein Antlitz, daß ich's fasse,
So hilft zur Schwichtigung mir eine Mythe.

Es gab ein Heil'genbild, das über'm Maße
Jedwedes war, der zu ihm mochte gehen
In die Kapelle auf der Andacht Straße.

Denn, mochte nun der Kleinste vor ihm stehen,
Stehn, den das Volk um seine Größe priese,
Sie mußten kleiner als das Bild sich sehen.

Nicht war es vor dem kleinen Mann ein Riese,
Nein, höher nur als er um wen'ge Zolle,
Doch vor dem Riesen stand's als Ueberriese.

Das Leben predigt, das gestaltenvolle,
Heut mittler Art, Koloß am andern Tage:
Mit meiner Größe mißt sich nur der Tolle!

Ich ward gesetzt, daß ich euch überrage,
Ich ward gesetzt, daß ich von seiner Kleinheit
Dem Allerkleinsten, Allergrößten sage.

Und wer die Predigt hört in Herzensreinheit,
Der kauft den Segen, den er hielt in Pachtung
Und wird mit ihm zur liebevollsten Einheit.

Das ist, vernehmt! die selige Betrachtung,
Vor der hinweg der öde Schwaden rauchet,
Der uns geschieden von der Dinge Achtung.

Aus ihr, mein Lied, bist du emporgetauchet,
Dann hast du badefrische, gläuz'ge Glieder,
Von Tropfen funkelnde, zum Tanz gebrauchet.

In sie, mein Lied, tauchst du dich ewig nieder,
Und kühlst in ihr das heiße Blut am Herzen,
Und holst aus ihr die jungen Kräfte wieder.

Weil ich so ernst geworden, darf ich scherzen,
Weil ich so heiter, darf das Roß der Musen
Mich tragen durch die Wildniß grimmster Schmerzen
Denn Alles kann und darf ein freier Busen.

* * *

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