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Gutenberg > Karl (Leberecht) Immermann >

Tristan und Isolde

Karl (Leberecht) Immermann: Tristan und Isolde - Kapitel 11
Quellenangabe
typepoem
authorKarl Immermann
titleTristan und Isolde
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
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Die Meerfahrt

So wie das Gärtchen, engst umhegt,
Der kräuterkund'ge Mann belegt
Mit Keimen, Körnern, Senkern, Knollen,
Die alle Erdengürtel zollen,
Wie er der Lilie nahe bringt
Den Stachelcactus, und zu Rosen
An ein Spalier Rhabarber schlingt,
Und Indien's Mohne mit Mimosen
Vom Cap der Hoffnung setzt ins Beet,
Wo Pfeffer bei dem Zucker steht –

Wie er nicht ladet zu dem Schmause
Die Augen mit der Blumen Strauße,
Darin der Duft sich Düften mischt,
Der Schmelz am Schmelze sich erfrischt,
Drin schlanke Schmeichelranken langen
In voller Kelche Nachbarbrust,
Von denen Blätter voll umdrangen
Den Flor, der auf den Ranken fußt –
Nein, jedes einzeln will er kennen
Ergründen und bei Namen nennen –

So pflanzen Himmelsgeister wohl
Auf schmälste Beete Palm' und Kohl,
Rhabarberbitter, Rosenflammen
Und guten, übeln Duft zusammen.
»Wen? Was?« – Je nun, wir selber sind
Mein' ich, die Gartenexemplare:
Der König und das Bettelkind,
Der Pontifex in der Tiare;
Es lernet höhere Kräuterkund'
An uns der obern Forscher Bund.

Und um zu treiben sie bequemlich,
Muß fassen eng und dicht ein nämlich
Quartier, was wol am liebsten mied'
Einander, sich durch Meilen schied'.
Es hilft nichts! – All die tollen Käuze,
Zu nah, gedrangsam eingepfercht,
Mitunter fast am selben Kreuze
Die Arm' in Schmerzen ausgezwergt,
Trotz ihres Dünkels, trotz des morschen
Auf Freiheit, sind nur für das Forschen

Der Geister Pflanzen, eingesetzt.
»Hört ihm nicht zu! Er lästert jetzt.«
Betbruder, sieh durch Glas und Brille
Nur immer deine hölzerne Grille,
Die Gott zum guten Manne macht
Und Menschenschicksal zum Exempel!
Wirst doch da droben ausgelacht,
Wirst nummerirt, kriegst deinen Stempel
An's Brettchen, Geister senken dich
Als einen fremden Wegerich

Weltkindern uns dicht an die Seiten,
Studiren deine Trockenheiten,
Indeß wir lustig, närrisch, grün,
In unsrer Dummheit mindstens blühn.
Wie mir der Einfall da gekommen?
Wie so was kommt! – Seht nur das Schiff,
Von klarer stiller Flut umschwommen,
Scharlachgeschmückt, gelbwimplicht! Griff
Nicht Geisterhand von Himmelswarten
Stark in die Welt, und schuf zum Gerten

Botanischen, sein eng Verdeck?
Denn eine Sammlung trägt der Fleck,
Der kleine, mancherleister Leute:
Die Schirasrose bei'm Gekräute,
Das mag ein Mauerpfeffer sein,
Die Nachtviole bei – Nun ende,
Lied, solche Gleichnißschwindelei'n,
Fall in gesetzten Gang und wende
Metapherlos zu Menschen dich!
Der Mensch sich stets nur selber glich.

Isolde sitzt in sich versunken
Am Spiegel, richtet nur, wie trunken
Bisweilen ihre Blicke groß
Zum Himmel. In den grünen Schooß
Des Meeres läßt sie dann sie fallen,
Abgründlich tief. Es ist, als ob
Sie schiede von den Dingen allen,
Wenn sie die Augen senkt' und hob;
Sie war wie göttliches Entsagen,
An Wunsch und Hoffnung arm und Klagen.

Tristan war auch wie umgekehrt.
Sein Scherz versiegte. Nicht bescheert'
Geschichtchen mehr der Lippen Plaudern.
Er nahte nur mit scheuem Zaudern,
So viel die Höflichkeit befahl,
Dem Sessel der Prinzessin, weihte,
Ihr Dienste zwar, indessen stahl
Er sich, sobald es ging, bei Seite,
Griff einen einzelnen Accord,
Warf dann die Laute wieder fort.

Es schwiegen Tristan und Isolde
Vom Morgen bis zum Abendgolde.
Desto geschwätzter war der Reihn
Der eingeschifften Hoffräulein.
Miß Ellinor, Miß Kitty, Betty,
Sie sprachen fast den ganzen Tag,
Wenn nicht die kleine schwarze Pretty
Der Unterhaltung siegreich pflag.
Die dreie mußten unterliegen
Vor der, ließ sie das Zünglein fliegen.

Wovon sie sprachen? Schwere Frag'!
Ich weiß es nicht. Horcht selber nach,
Wenn junge Töchter, Schwestern leise
Sich wispern was im Mädchenkreise.
Zu flüchtig ist selbst für den Vers
Der Redehauch von schönen Dämchen,
Der ätherschillernde Commerce
All' ihrer Freudchen, ihrer Grämchen,
Der Elfentanz, womit beschwingt
Die Wörtchenkett' ein Nichts umringt.

Kein Ende war des Lustgeschreies,
Fiel etwas vor am Borde, sei es,
Daß ward gesprenget wider Glut,
Daß ein Matros' verlor den Hut.
Mit matten Flossen auf die Bohlen
Plumpt' eines Tags ein fliegender Fisch,
Das gab ein Fest! Sein Athemholen
Und Krümmen umstanden die Dämlein frisch.
Für einen Vogel hielt ihn Betty,
Für einen Frosch die schwarze Pretty,

Der stets besonnenen Ellinor
Kam er fast wie ein Eidex vor,
Und Kitty sprach, daß man entdeckte
Noch nie, was da sich jappend streckte.
Nichts weiter als ein Fliegfisch! sagt'
Ein Bootsknecht trocknen Angesichtes.
Da ward von Allen herzlich gelacht
Ob dieses Schelms, des Lügenwichtes,
Der ihnen machen wollte weiß,
Daß fliegen könnt', was Fisch doch heiß'.

Das Lachen, Schwatzen, Scherzen, Possen
Hat Donegalen oft verdrossen,
Der an dem Bugspriet saß bei Gin
Und rechnet' emsig her und hin
Mit Kreid' auf einem schwarzen Brette,
Wie viel sich wol in Marke's Burg,
Da wohlfeil man dort leben hätte,
Erkobern ließ das Jahr hindurch.
Die Fräulein störten im Addiren
Recht übel jezuweil den Iren.

Grollt' an dem Bugspriet Aerger nur,
So stöhnte Kummer auf dem Flur
Des untern Schiffsraums. Denn der kühle
Lord Stonycraft, de la Vapüle
Graf Moor, sie waren schwer bedrängt,
In diese Einsamkeit verzogen,
Weil sich auf ihren Geist gesenkt
Beim Schaukeln von Hiberniens Wogen
Die Ahnung, daß nach ihnen breit'
Harpyenkrall'n die Seekrankheit.

Graf Moor sprach ernsten Tones: Immer
Wird mir im Unterleibe schlimmer!
Lord Stonycraft lag auf der Bank,
Und rief: Wer gibt mir einen Trank?
Wie kam's, so scholl das Wort von Mooren,
Daß hinwärts ich blieb ganz zurecht?
Der Lord: Weil, als wir hinwärts fuhren,
Ich nicht vorher so stark gezecht!
Nach Art der Leute, welche kränklich,
Sprach Jeder nur von sich bedenklich.

Was sonst das Schiff an Dienern trug
Und Mägden, sang sich was, stand, frug
Die Mannschaft um der Riffe Namen,
Bei denen sie vorüber kamen.
Doch zwischen dieser Müß'gen Rott',
Der Lords seekränkelndem Bezeigen,
Gin's, Donegals Verdruß, dem Spott
Und Schwätzeln in der Fräulein Neigen,
Gejauchz' und Stöhnen, Murr'n und Sang,
Wozu die ruh'ge Welle klang,

Schlich still einher Brangane, denkend
Nur an das Heimliche, das lenkend
Unüberwindlich, einen Bund
Auf heil'gen Sakramentes Grund
Befestigen soll. – Wer vor der Menge
Zu bergen hat, was ernst und groß,
Ist wie ein Träger, durchs Gedränge
Des Marktes schreitend. Kein Getos
Irrt ihn; wie er gerufen würde,
Er hört's nicht, denkt nur seiner Bürde.

Stumm bleibt Brangane, höret kaum
Spricht wer mit ihr. Doch durch den Raum
Auch fragend ihre Blicke gehen,
Ob man ihr wol was angesehen?
Sie fürchtet immer den Verrath
Von ihren eignen stillen Mienen,
Und flüstert: Wär' in Marke's Staat
Der zweite Tag doch erst erschienen,
Der Tag nachher! – In Sorgen müht
Sich ab ihr ängstliches Gemüth,

Und würde, wäre sie beachtet,
Entdecken grade, was umnachtet
Verbleiben muß. Doch Keiner schaut
Sich um nach ihr im Schiffe laut.
Die ersten Tag' hindurch bemerket
In ihrer Angst sie nicht einmal
Tristan, zu hohem Ernst gestärket,
Isold's erhabnen Augenstrahl,
Dann aber fallen ihr doch Beide
So mehr nur auf trotz eignem Leide.

Sich zu zerstreun, beruhigt was,
Trat sie zum Stuhl, drauf Tristan saß,
Und frug: Mein Herr, die finstern Blicke
Wie stimmen sie zu Eurem Glücke?
Krank kamet Ihr, und geht geheilt,
Habt eine Königin erwonnen,
Seid ein gepriesner Sieger, eilt
Zum frohen Gruß der Heimatssonnen,
Und scheint so trüb'. Was für'n Gedank'
Beschwert Euch denn und macht Euch krank?

Jerusalem! sprach Tristan. – Staunen
Ergriff Brangan' ob solchen Launen.
Sie rief: Das geht mir mühsam ein
Zu denken Euch im Heiligenschein.
Und Tristan sagte: Nun erduld' ich
Scherz, den ich selber unbequem
Versprudelt sonst. Ein Herze schuldig
Sehnt sich in mir nach Bethlehem,
Froh werd' ich sein, wenn ich im Bade
Des Jordans mich der Sünd' entlade.

Nein, sagt mir nur, was ficht Euch an?
Frug die befremdete Brangan'.
Der umgekehrte Wildfang rufte:
Leichtsinnig war ich wol! Zum Schufte
Gebar mich nicht der Mutter Noth,
Der frech den Stachel widerlöcket,
Und ruhig ißt sein Sündenbrod,
Und sich umpfählet und umblöcket
Mit starrer Frechheit, ob die Hand,
Die himmlische, an diese Wand

Der Seelenhärt' auch deutlich klopfet!
Im Brause war mein Ohr verstopfet,
Da hört ich nicht das Pochen. – Ruh'
Der Meerfahrt trug's der Seele zu.
Das ist ein Anblick zum Zerknirschen,
Wenn Welle nach der Welle jagt,
Und all das endelose Pirschen
Doch nie von wahrer Beute sagt!
So wälzt ein leer und taub Geflute
Sich durch das Herz, das nur dem Muthe

Der Abenteuer kahl und schaal
Erschloß den götterlosen Saal.
Konnt' ich in dieser Still', entgegen
Des ew'gen Elementes Regen
Das prediget: Sei nicht, wie ich,
Verharren wol in meiner Stumpfheit?
Mußt' ich nicht endlich fassen mich,
Nachdem getastet meine Dumpfheit
Dahin und dorthin stets gehascht
Nur Schatten, Taumelwein ernascht?

Was habt Ihr, frug Brangan', gesündet?
Ich habe, sprach Tristan, begründet
Auf Schwanke, Ränke, tollen Trug
Den ältsten Bund, den unser Buch
Mit heil'ger Zeugenschaft verbriefend,
Vom Herren selber heißt gesetzt!
So hat die Lippe lügentriefend
Der Wahrheit Uranfang verletzt,
Das Licht, das nimmer untersinket,
Stets wie der Polstern droben blinket.

Nicht kann ich beten, mich castein,
Doch Thatenreu' soll mich befrein.
Nicht hindern kann ich das Verhängniß,
Doch stiften in mir selbst Empfängniß,
Des Heiles! – Soll ich in die Pfalz
Des Oehmes treten als ein Gecke?
Soll ich der Frau, die mir den Hals
Geheilt, den wunden, sein zum Schrecke?
Bouillon entrollte sein Panier,
Ihn such' ich auf, mit rother Zier

Des Kreuzes auf dem Herzen. Fället
Der Anker vor den Dünen, stellet
Sich unser Schiff gen Cornwalls Sand,
So kniet mein Fuß, es küßt die Hand
Der Königin mein Mund demüthig,
Dankt ihr und bittet zu verzeihn;
Er bittet, daß sie wolle gütig
Zum Streiter mich des Grabes weihn,
Daß sie mir an das Zeichen hefte,
Wegweiser für verirrte Kräfte.

Er schwieg und sie. Was für ein Spruch
Paßt, wo so tief wer in sich schlug?
Sie seufzte nur, daß er die schwierigen
Thathandlungen sucht' fern in Syrien,
Wo jede Pfleg' ihm so weitab,
Hieb ihm ins' Haupt ein Damascener.
Doch ging sie still von ihm, begab
Sich dann voll guten Will'ns zu Jener,
Die auf zum Himmel Blicke warf,
Und in das Meer. – Des Trost's bedarf,

So flüsterte Brangan', die Fraue.
'S ist zu entschuld'gen, daß ihr graue
Das Rosenroth, das Lilienweiß
Zu kälten an des Greisen Eis.
Isold' sah eben nach dem Meere,
Die Wang' holdselig aufgestützt.
Brangane stieß sie an, um Lehre
Und Trost zu geben, wie er nützt
Prinzessinnen, die sich verbinden
Entgegen Herz und Flut und Winden.

Und wissend wohl, was drunten stand
Im Schrein, um was sich Scharlach wand,
Sprach sie: O theure Herrin, scheue
Nicht allzusehr das Band, das neue!
Der Liebe hat noch Niemand klar
Ihr Wunderwesen abgelauschet.
Schon Manche, bang am Traualtar,
War andern Tages wie vertauschet.
Du irrest, sprach Isold'. Aus Furcht
Schaut nicht mein Aug' ins Meer durchfurcht,

Nicht zu dem Himmel, sonnenleuchtend.
Siehst Thränen du, mir Wimpern feuchtend?
Siehst du die Wangen fiebernd? Hört
Dein Ohr mein Herz zum Schlag empört,
Beflügelter, als wenn ich Tränke
Und Balsam armen Kranken gab?
Nicht düstre Wolken gehn, ich denke,
Die Stirne mir hinauf, hinab;
Ich fühle mich durchsonnt von Wahrheit,
Und mich durchströmt ein Meer von Klarheit.

Nur Abschied nehm' ich, ernsten nur,
Von Meer und Himmel, Licht, Natur,
Weil mich in Zukunft soll'n durchlichten
Die Sonnen einzig hoher Pflichten.
Weil mich die Welt und ihre Pracht
Nicht wenden soll durch Tagesgrüße
Vom Schauen in die heil'ge Nacht,
Darin der Herr wusch niedre Füße!
Noch einmal blick' ich in den Glanz,
Und will dann sein der Dürft'gen ganz,

Der Wunden, Lahmen und Geschwächten
Im engsten Bann von strengsten Rechten.
Die Liebe kenn' ich nicht. Wie mag
Ich trauern denn, daß mir der Tag,
Der zum Gemahle macht des Greisen
Die Königstochter Irlands, nicht
Die Myrthe wird, die flücht'ge, weisen,
Gewelkt, so wie die Hand sie bricht?
Denn Liebe, sagt man, ist nur Hoffen,
Und wird gewährt, vom Tod betroffen.

Nur Darben ist sie. Am Genuß
Verflattert sie. Der erste Kuß
Erstickt die Kindische. Vom Stören
Der Welt um nichts mußt' ich das hören.
Drum preis' ich meines Lebens Stern!
Seltsam geführet, soll mir's glücken,
Daß ich empfang' in Mark' den Herrn,
Nicht eines Fanten süße Tücken.
Daß wie der obern Lichter Gang
Mein Tag sich ordnet lebenslang.

Mark schreckt mich nicht. Werd' ich ihm Schwester
Wie seinem Alter ziemt, so fester
Wahrhaftig wird der Name sein,
Reiner als Girr'n von Liebelein. –
Mit Andacht hörte zu die Zofe
Den Worten der Gebieterin,
Und klagt' im Still'n, daß nur bei Hofe
Erwachse ein so schöner Sinn,
In ihrem Stande nie Entsagen
Abtödte Lust an Kusses Plagen.

Ihr klagendes Gedankenspiel
Brach aber bald ein Lärmen viel
Von Galerien und Segeln, Masten.
Wer oben war, der that sich hasten
Nach einer Seite, schaut' und rief:
Welch hübsches Eiland! Wirklich schwankte
Das Schiff zu einer Insel, lief
In eine Bucht, die lustig prangte,
Von üpp'gen Wiesen reich umsäumt
Im Hügelkranze, schön bebäumt.

Tristan sah hin und sagte lächelnd:
Die Nonnen-Insel! – Sanft sich fächelnd
Mit Zweigen thaten im Sonnenbrand
Auch wirklich an eines Hügels Rand
Zwei weiß' und schwarze Nönnchen schreiten.
Was ist es mit den Nonnen? frug
Der Fräulein Mund. Begebenheiten,
Wie hier zu künden waren, trug
Tristan zu sagen kein Gelüste,
Er sagte, daß Brangane wüßte

Von seiner Haft her in Dublin
Der Nonnen Schicksal. – Alles schien
Voll größter Lust hier auszusteigen,
Und in dem grün anmuth'gen Schweigen
Der Wiesenhügel auf dem Grund
Des festen Landes zu vertreten
Die Füße, unter denen rund
Die Meereswelle mit dem stäten
Gewälze schon seit Tagen rollt'.

Und fragend sahn sie nach Isold'.
Isolde sprach: die Schiffer mögen
Entscheiden, ob wir an hier legen.
Die Schiffer sagten: Nur so kurz,
Bis wir dort nah am Felsensturz
Ein Tönnchen schöpfen Quellenwasser.
Der Wind ist gut, das Wetter hell,
Da heißt's: Voran! daß uns kein nasser
Blitzdonnerhagel schnell' und prell'
Noch unterwegs! – Isold' erklärte
Für thöricht, wer den Leuten wehrte.

Doch aus dem tiefen Raum des Schiffs
Wankten empor, höchst schwach, Begriffs,
Gefühls, Bewußtseins fast entblößet,
Die schlaffen Züge aufgelöset,
Grüngelblichen Gesichts, verdorben
Im Colorit, so schien's, auf lang,
Abscheu um Lippen, wo gestorben
Für ewig die Triebe nach Speis' und Trank,
Der Welten ganze Noth in sich:
Wankten die Lords, sehr jämmerlich.

Und stellten sich grade vor Isolden,
Wie Scheuchen vor den Stamm, den holden,
Deß Krone schwellenden Segen hält,
Wenn nun der Landmann Scheuchen stellt.
Und sprachen: Mit der größten Freude,
Hoheit, erfüllen wir unsre Pflicht,
In diesem schrecklichen Gebäude
Jedoch das Herz im Leibe bricht,
Drum lasset uns Vergunst erkaufen
Am Land ein wenig zu verschnaufen!

Sie senkten kläglich Kopf und Ohr,
Und Unheil stand', so schien's, bevor.
Isold', erbarmend, hat entboten
Nach dieser Klag' der Minneboten
Sogleich den ersten Schiffersmann
Zu ihrem Stuhle. Diese Leiden,
So sprach die güt'ge Lippe, kann
Ich hilflos sehen nicht der Beiden.
Verweilen wir den halben Tag,
Euch heile Landluft nach und nach!

Kopfschüttelnd freilich, doch gehorchend
Ging nun die Mannschaft, rasch besorgend
Die Klötz' und Balken, Plankenstück'
Zum Uebergange, zu der Brück'.
Isolde blieb auf ihrem Stuhle;
Brangane frug, ob sie nicht auch
Sich woll' erquicken am Gebuhle
Der sanften Inselluft am Hauch,
Der würz'gen Wiesen? Und mit Lachen
Versetzt' Isold': Ich will hier wachen

Des Schiffs. – Die seltne Heiterkeit
Ergriff sie wol, weil Einsamkeit
Sie nun verhoffen durfte, herzlich
Gewünscht im Lärmen oft, ihr schmerzlich.
Brangane sagte: Also muß
Ich gleicherweise hier verweilen.
Die Kön'gin sprach: Wenn mein Entschluß
Dir Urlaub gibt die Luft zu theilen,
Was hält dich hier? Was hast du? Nie
Sah ich dich so! Brangane! Wie?

Nichts Hab' ich! rief Brangan' verlegen,
Geängstigt von des Herzens Schlägen
Ob ihrer Heimlichkeit, und nach
Ging sie den Andern, die, dem Hag
Des engen Schiffes gern entwichen,
Einzeln, gepaart, kränklich, gesund
Am Land schon sprangen, schritten, schlichen
Mit lautem oder stillem Mund.
Sie hielt sich zu den alten Kranken
Und stützte deren müdes Wanken.

Herr Tristan war der Letzte, der
Das Schiff ließ zögernd, menschenleer.
Er ging nur, weil Isolden's Auge
Ihm sagte, daß kein Zeug' ihr tauge
Zur Aufheitrung. Doch als er stand
Mit ernstem Gruß noch an der Brücke,
Da sah er, daß sie sich gewandt,
Als suchten Entbehrtes ihre Blicke.
Er trat zu ihr und frug: Was fehlt?
Kann ich es schaffen, so befehlt.

Sie sprach: Ich mag den Wunsch auch missen;
Mich dürstet, wenn Ihr's wollet wissen.
Gleich spähte Tristan nach labendem Naß,
Da, dort, ihn dürstet' auch etwas.
So blieb er im Schiff. – Brangan' inzwischen
War von den Fräuleins ganz umkreist,
Die flehten, ihnen aufzutischen
Der Nonnen Schicksal. Daß gespeist
Der Kinder Neugier werd', verhehlte
Sie nicht, was Tristan einst erzählte.

*

Der steinerne Fingerzeig

In einem Lande, weiß nicht, wo es lieget,
In einem Kloster, weiß nicht, wie es heißt,
Von einem Orden, weiß nicht, wer gefüget
Der Regel Kette und sie fest geschweißt,
Zwei Nonnen lebten; weiß nicht, wenn ihr früget,
Die Heiligen, so ihre Taufe preist.
Zwei Ritter aber liebten die zwei Nonnen,
Auch die zu nennen ward mir nicht vergonnen.

Die Nonnen waren ein schmuck' Schwesternpaar,
Die Ritter auch ein Paar von Brüdern eben,
Die Schwestern gleichen Wuchses ganz und gar,
Von nämlichem Habit und Schlei'rgeweben,
Die Brüder, an Gestalt unähnlich zwar,
Doch gleich in ketzerischem Sinn und Leben,
Weßhalb ihr strudelnd Herz die Braut' erkor
Des Himmels, als sie dies' im hohen Chor

Einst knieen sahn. Im Dunkel sind die Namen
Der Schwestern und der beiden Brüder mir,
Drum rufe ich mit Zahlen nur die Damen,
Und bei den Herren hört dasselbe ihr,
Die Nonnen heiß' ich Eins und Zwei, benamen
Will ich die Ritter also Drei und Vier.
Die Sach' stand so: Drei liebte Eins die Nummer
Und Vier empfing von Zwei den Herzenskummer.

Erglühten Drei und Vier, so blieben Eins
Und Zwei nicht Schnee in ihren Ordensröcken,
Und Amor wußte bald trotz keuschen Scheins
Den Scepter in das Kloster auszustrecken.
Das fordert von euch Mädchen denn wol Keins –
Denn wir sind unter uns – ich soll entdecken
Wie man zum Sehen kam, vom Sehn zum Kuß:
Dies sagt euch euer eigner Genius.

Genug, man sprach sich, wechselt' Brief am Gitter,
Und zur Entführung reifte bald der Plan.
Drauf kamen eines Nachts die beiden Ritter
Mit Rossen und Strickleitern zum Altan;
Ein tosendes und finsterndes Gewitter
Schien auch dem Unternehmen zugethan,
Denn ungehört bei Donners Roll'n entschlüpften
Den Zell'n die Nonnen; ungesehen knüpften

Die Ritter ihre Leitern an das Dach
Des Klosterheil'gen, vor dem Altan stehend.
Hinunter stiegen in des Wetters Krach
Die Nönnchen, den Gelübden gern entgehend
Bei'm Schein der Blitze, welche Schlag auf Schlag
Den Augen halsen nach den Stricken spähend,
Dann nach den Rittern, die mit Liebesgier
Sie küßten, schweigend sagten: Wir sind hier.

Doch da ereignet sich ein gräulich Zeichen,
Als Jeder nun die Nonn' zu Rosse hebt!
Ein Blitzstrahl knallt, die Finsternisse weichen
Dem Licht, das fahl die Gegend überschwebt!
Der Klosterheil'ge, der zu solchen Streichen
Die Leiter halten mußt', er regt sich, lebt,
Und reckt wie drohend auf von Stein den Finger –
Darob erschraken sehr die armen Dinger;

Denn deutlich sahn sie nun, daß der Patron
Mit der Frau Oberin war einverstanden,
Die Reue faßt' ihr zagend Herze schon,
Sie strebeten zurück nach ihren Banden.
Stockdunkel war es wieder. Jene flohn;
Die Ritter nach! Sie griffen, was sie fanden,
Wovon sie, da nachließen jetzt die Blitz',
Erkannten freilich keine Zehenspitz'.

Drauf, trotz dem steinern' Fingerzeige, jaget,
Das Brüderpaar hinweg mit seinem Raub.
Es war nur Augentäuschung, also saget
Zum Sündentroste sich ihr Frevelglaub'.
Auf einer Straße haben nicht gewaget
Zu reiten unsre Diebe. Mit Verlaub
Der Schönen, so entfremdet ihrem Orden,
Ritt drei nach Süden, Viere ritt nach Norden.

Doch als der Morgen glänzet, wird es klar,
Mit manchen Dingen scherzen sei gefährlich;
Im thau'gen Thale bietet sich nun dar,
So scheint es, Wonne nach dem Ritt beschwerlich,
Glüh'nd machen sie die Liebsten Schleiers baar,
Und – schrein! die Nonnen schrein! das ist erklärlich
Denn, kaufte statt der Speise man den Rauch,
So bricht der Schrecken guter Sitte Brauch.

Die Ritter irrte Nacht und frühes Düster,
Die Nonnen saßen auf dem Sattel vorn,
Sahn sich nicht um. Kein Wort, ja kein Geflüster
Hat zeitig noch den Mißverstand entworr'n.
Als Morgenluft nun riecht der Rosse Nüster,
Und Licht bescheint, was lichtscheu ward erkor'n,
Lacht höhnisch an der Glanz der Schreckenssonne
Im Arm Jedwedes die vertauschte Nonne.

Drei liebte Eins und hatt' im Arme Zwei,
Vier liebte Zwei, und raffte Eins die Nummer;
An Jedem hing des Andern Freudenschrei,
Schatz und Idol, ihm selbst der herbste Kummer!
Der Ritter Klage brach hervor ganz frei,
Der Nonnen Schmerz war mehr ein leiser, stummer.
Nun strebte Jeder zwar nach dem, was sein,
Doch jetzt ward klar der Fingerzeig von Stein.

Im Allgemeinen wußte zur Genüge
Der Eine um des Andern Reiseziel,
Sie machten also ihre Rosse flügge
Dahin; doch weil es Jedem so gefiel,
So war der Ritt nach Florenz und nach Brügge
Nur wieder ein erneutes Schicksalsspiel,
Sie kamen an, fort war die wahre Wonne,
Und Jedem blieb die Last, die falsche Nonne.

Ihr Leben ward ein toller Irrezug,
Gehetzt von Leidenschaft und Fieberdrange;
Wofür das Herz von Vier entzücket schlug,
Hing wie ein Alp an Drei, gepreßt und bange,
Und umgekehrt. Sonst hatten Glücks genug
Die beiden Brüder auf dem Wandelgange,
Dies aber sollte grad' ein Zeichen sein
Vom Nachdruck jenes Fingerzeigs von Stein.

Denn großen Lärmen schlug der Klosterorden
Ob der Entführung frechem Wagestück,
Doch der bekutteten Verfolger Horden
Entzog sie stets ein wunderbares Glück,
Blind gleichsam sind die schärfsten Augen worden,
Es sah die Ritter nicht der sehnd'ste Blick,
Aus tausend Faßlichkeiten heil entronnen,
Gelangten sie nur nie zu ihren Nonnen.

Oft ritt der Ein' von Abend in die Stadt,
Aus der der Andre just gesprengt nach Morgen,
Es kam sogar, daß beide Paare hat
Dieselbe Herberg' in der Nacht geborgen.
Vier läßt vor Tag die trau'rge Lagerstatt,
Nachher erfährt es Drei, der blieb in Sorgen,
Erfährt, wer da gewesen! So prägt' ein
Sein Strafurtheil der Fingerzeig von Stein.

Hätt' Wankelmuth in ihnen, leicht beweglich
Auf neuer Neigung Flüsterwort gelauscht,
Dem Winde folgend, der sonst Männer täglich
Wehnd und verwehend, wie bekannt, durchrauscht,
Wär' ihr Geschick noch worden ganz erträglich,
Sie hätten dann die Neigungen getauscht.
Das Schlimmste war, daß ewig treu entbronnen,
Die Liebe sie nie gewechselt zu den Nonnen.

Endlich fällt ihnen ein, daß wol noch so
Am besten quitt sie werden von dem Harme:
Nämlich, der Eine läßt am Rhein, am Po
Der Andre seine Bürde aus dem Arme.
Jetzt suchen sich die Brüder, treffen froh
Einander irgendwo im Menschenschwarme,
Und weinen, küssen sich, und denken fein
Sich aus was wider'n Fingerzeig von Stein.

Herzbruder, sagte Drei zu Vier, ich sprenge
Nun gleich zum Po, wo weilt mein liebes Eins,
Wohl, Bruder, sagte Vier, ich eil' in Bänge
Zur trauten Zwei am Ufer Vater Rheins;
Gesagt, gethan. Eil' kürzt des Weges Länge,
Kaum essen sie, ein rascher Becher Weins
Erquickt sie unterwegs! Jetzt ward gesponnen
Der Plan, der endlich schafft die werthen Nonnen.

Doch welcher Schreck ergreift sie, die verschanzt
Sich schon gewähnet gegen alle Stöße!
Am Rheine blüht die Nonne, Po-gepflanzt,
Die Rhein'sche seufzet in Turins Getöse;
Vor ihren florumhüllten Blicken tanzt
Der Boden bei dem Schlag von solcher Größe:
Stärker als alle Liebesraserein
Ist, fühlen sie, ein Fingerzeig von Stein.

Sie fragen, hören. Von dem Po getrieben
Hat die das Zittern vor der nahnden Pest,
Und eines Wollüstlings verfolgend Lieben
Ist es, was die nicht an dem Rheine läßt,
Sie flohn einander zu, doch mit Betrüben
Gelangten Beide nur ins leere Nest –
Klar, schrecklich klar! Der Himmel hat gewonnen
Die Schlacht, und gönnet Räubern keine Nonnen!

Zugleich nun fassen einen Endbeschluß
Weit von einander die mißrathnen Paare,
Natürlich durch ein Wunder. Strenge Buß'
Will jede Nonne thun im nächsten Jahre
Auf einer wüsten Insel, und zu Fuß
Will jeder Ritter hin nach Rom, um wahre
Beicht' abzulegen, möglichst zu befrein
Sich aus dem Bann des Fingerzeigs von Stein.

Jedwedes Paar fährt ab, fährt, denkt wie eigen!
Zu einer Insel, nämlich dieser da,
In einer und derselben Stunde steigen
Die Schwestern aus; die Brüder, sich so nah,
Die sehn sich nicht, denn östlich, westlich weichen
Die Schiff in See, so wie die Fahrt geschah:
Hier büßen nun die beiden Klosternonnen,
Sie werden schwerlich je der Ritter Donnen.

*

Branganen hören die vier Fräulein
Mit größer Theilnahm' an und weihn
Dem steten Suchen, nimmer Finden
Ein zartes, reges Mitempfinden.
Kaum war das letzte Wort gesagt,
So stießen sie schon auf die Nonnen,
Die sich mit Zweigen kühlten, sacht
Spazieren gingen in der Sonnen.
Ihr Antlitz wies ein stilles Leid
Und eine sanfte Traurigkeit.

Man grüßte freundlich mit Gefühle
Die lieben Kinder, die zur Kühle
Von ihrer Zelle luden ein
Branganen, die Lords, die Hoffräulein.
Sie waren nicht so ganz verlassen
An diesem abgelegnen Fleck,
Denn in zwei strohernen Hütten saßen
Zwei alte Diener, nicht mehr keck,
Doch rüstig noch zu Fahrt und Reise
Nach festem Land um Kost und Speise.

Sie schritten Alle zu der Zell'
Gewölbt im Felsen rein und hell.
Zwei Lägerchen von Kräutern streckten
Sich rechts und links, die weiß bedeckten
Leintücherlein sehr ordentlich.
Die alten Diener hatten rohe
Stühle geschnitzt und säuberlich
Den Tisch dazu, auch grüne, frohe
Maien gestellt, und Binsen glatt
Gestreut um jede Lagerstatt.

Reinlich war Altes, sauber drinnen
Um diese art'gen Büßerinnen,
So wie ein Spielzeug blank und neu,
Gleichsam ein Schächtelchen der Reu'.
So höchst einladend, daß die Mädchen
Auch wünschten Nonnen gleich zu sein,
Worauf jedoch sie dumme Käthchen
Brangane schalt, die Nönnelein
Erseufzeten und sprachen: Buße
Gibt leider gar zu viele Muße.

Man that sich nieder, wie man konnt'
Auf ebnem Grunde, nicht gewohnt.
Drauf brachten die Nonnen Zuckerbrödchen,
Für Jeden freilich nur ein Löthchen;
Und Milch in einer blanken Schal',
Bedeckelt vor den argen Fliegen.
Denn für ihr einfach Inselmahl
Hielten sie sich zwei weiße Ziegen,
Gemüse grün aus Sämerein
Auch hatten sie, nur keinen Wein.

Die Gäste ließen sich bewirthen
Mit Freuden von den art'gen Wirthen.
Die Nönnchen aber dankten Gott,
Daß sich einmal Gesellschaft bot.
Milch trank man und vergaß das Essen
Der Zuckerbrödchen nicht deßhalb.
Gesundet waren die Lords indessen,
Ihr Colorit war nicht mehr falb,
In Bildern, ungeheuren, schildert'
Graf Moor, beim Schildern ganz verwildert,

Des furchtbarlichen Gefühles Macht,
Wenn an die Seekrankheit sich sagt,
Bis denn die Uebrigen inständig
Ihn baten, daß er zähm' und bändig'
So giganteske Phantasien,
Zum wenigsten im Lauf der Speisung
Die Güte habe zu verziehn
Mit der erschütternden Nachweisung.
Dagegen sprach mit leichtem Schaur'
Lord Stonycraft, die Milch sei sauer'.

Die Fräulein ließen nicht ab zu quälen
Die Nonnen, haarklein zu erzählen,
Noch tausend, aber tausend Ding',
Wie Dieses kam und Jenes ging.
Die Nonnen, mittheilsam gefällig
Berichteten drauf ihr ganzes Loos;
Da wurd' es leider augenfällig,
Wie doch die Lüg' hinieden groß!
Fast jeder Umstand war verrücket
In der Geschichte, ausgeschmücket.

Es blieb beinahe nur einfach
Ein Fehl, dem Umkehr folgte nach,
Zwar hatten eine kurze Weile
Die Ritter sich getäuscht vor Eile,
Bald aber ward Jedwedem, was
Ihm zugehörte, überliefert.
Als übelangebrachter Spaß
Hat Eins sich gradezu entziffert,
Nämlich der Fingerzeig von Stein,
Auch fuhren sie hieher zu Zwein.

Die Fräulein suchten zwar zu retten
Von Wundern, was nur möglich; hätten
Sie aber auch gehabt die Kraft
Von X, sie hätte nichts geschafft. –
Im Streiten, Fragen, Widerlegen
Schlich sich Brangane still davon,
Sie ahnt' hier noch ein langes Regen,
Des Zungenspiels von Dam' und Nonn',
Drum ging sie, um im Schiff' zu schauen
Nach ihrer lieben hohen Frauen.

Es zierete sie solche Treu,
Daß sie nicht gern und nur mit Scheu'
Isolden ließ allein auf Stunden,
Auf wen'ge selbst. Sie war gebunden,
Recht wie ein Herz, das redlich dient,
Sich bindet an geliebte Häupter.
Kein eigner Sinn und Will' umschient
Es stählern, nein, in holdbetäubter
Ohnmacht umfesselt sieht's den Herrn
Als Licht, sich Schatten, Mond zum Stern.

Gar kurz verließ sie erst Isolden,
Und dennoch sehnte nach der Holden
Ihr Herze sich mit solchem Drang,
Als wär' sie fern schon Jahre lang.
Schnell war der Inselgrund durchschritten,
Sie trat ins Schiff. Da war es stumm.
Niemand zu sehn. »Vermuthlich litten
Sie Strahl und Brand nicht oben, drum
Hat sie gesucht des Raumes Schatten.«
So sprach Brangane, ging die Latten

Der Steig' hinunter zur Cajüt',
Fröhlich und heiter im Gemüth,
Des Inselbildes noch sich freuend,
Der Nönnchen, zierlich Schuld bereuend.
So geht ein Mann, der gerne sinnt,
Des Wegs nicht achtend, in Gedanken,
Und plötzlich starrt er, denn er find't
Sich, wo? – Die sichern Füße schwanken
Hart an dem Abgrund, schwarz und tief,
Zn dem der Fußsteig sich verlief.

Brangane sieht im untern Raume
Isolden nicht. – Gleich einem Traume,
Der ungeheure Schrecken faßt
Und Lasten über jede Last,
Blickt sie, blickt nicht. Es ist ein Streiten
Des Lebens an des Lebens Herd,
Ein Starrkrampf! Ein verzweifelnd Gleiten
Der Blicke, wesenlos, zerstört,
Geht nach dem aufgebrochnen Schreine
Leer von dem Becher mit dem Weine.

Den Schrein riß auf 'ne hast'ge Hand,
Den Becher hat sie auch entwandt,
Von dem... wie nenn' ich es?.... gebrauchet
Im Nebel, der um's Räthsel hauchet,
Das Weisheit, Wahnwitz, kleinlich, groß
Im Segen flucht, im Fluchen segnet,
Und weben kann ein Todesloos,
Weil Sonne scheint, statt daß es regnet!
Denn regnet' es, wär nicht allein
Im Schiff geblieben, wer den Wein

Im Schrein gehalten für ein labend
Unschuldiges Getränk zum Abend! –
Brangane schlägt ihr Angesicht...
Ach Gott! ist Alles, was sie spricht.
Sie hält sich stöhnend an den Wänden,
Und wankt hinauf. »Wo ist die Frau
Die Unglückselige?« – Im Blenden
Der Sonne wallt an Stang' und Tau
Dort auf dem Vorderdeck ein Laken,
Ein leichter Schirm, geknüpft mit Haken;

Das Schiffsvolk richtete ihn eh'
Zum Schutze gegen Wetters Weh.
Brangane schleicht von Frost durcheiset
Zu dieser Schirmwand, keucht und reißet
Das dünne Hüllende zitternd.... risch! – –
Da blüht das Wunder, groß und mächtig,
Leer steht der Becher auf dem Tisch,
Und, die entsagend und bedächtig
Jerusalem gesucht, der Pflicht
Sich widmen wollten in Verzicht

Auf Meer und Licht, Natur und Sonne,
Die pflegen Lust und fanden Wonne.
Das heilige gelobte Land
Zwei rothe Lippen sind's, erkannt
Als Gnadentrost von Jünglingsmunde,
Ein Kranker wird da weich gepflegt
Von Weibesarmen, die zum Bunde
Zum engsten, sich um ihn gelegt!
Unlösbar, Brust an Brust gedrungen,
Stehn Tristan und Isold' umschlungen.

Ein lauter, wilder Schrei entfährt
Branganen, jammerdurchgezehrt.
Ohnmächtig sinkt sie, greift bei'm Fallen
Gewaltsam in das Laken. Wallen
Und Reißen, Sturz von Tau und Tuch
Und Stangen, so die Schirmwand halten!
Da stehen frei auf Deckes Bug
Die beiden herrlichen Gestalten,
Frei da vor Sonne, Licht und Meer,
Frei da vor Gott, dem höchsten Seh'r.

Sie hören nicht Branganens Schreien,
Nicht wie die Stangen gefallen seien.
Sie hören nur den Sphärensang,
Den Seel' in Seele himmlisch klang.
Sie denken nach dem Tiefgespräche,
Geführt in seliger Ewigkeit,
Als ihre Geister, wie zwei Bäche
Rannen am Thron vor Welt und Zeit,
Isolde sauget Gott aus Tristan,
Und Gott entküßt Isolden Tristan.

Sie weilen in dem himmlischen Tod.
Gefallen ist die Schrank' aus Koth.
Ihr wonnemüdes Auge blindet
Am Göttlichen, das Jedes findet
In seines Liebsten Eigenthum.
Sich immer inniger zu drücken
An Tristan, ist Isolden's Ruhm,
Und immer fester zu umstricken
Isolden, glühet Tristan, weint,
Daß nicht die Leiber ganz geeint.

Sie sagen Nichts. Nur süßen Schalles
Haucht: Du! bisweilen – das ist Alles –
Von ihm zu ihr, von ihr an ihn,
Wenn sie die Lippen dem Kuß entziehn.
Urbestes woll'n sie offenbaren,
Und können sagen nichts als: Du!
Im Ewigreinen, Ewigklaren
Sehn sie einander jubelnd zu,
Und schenken sich in heil'gen Scherzen
Den Hauch vom liebeschwangern Herzen.

Keins fragt: Ach, woher kam mir dies? –
War nicht der Mensch im Paradies?
Sie fühlen auf leere Tag' und Nächte
Sich in des Paradieses Rechte.
»Es faßte mich mein liebes Mein,
Ich faßte, was mir war entwunden,
Wie könnt' es jemals anders sein?
Und anders wir, als so verbunden?«
So denket stumm Isold', Tristan,
In denen Gegenwart nur rann.

Die holden, die geliebten Sünder
Sie wissen: Wir sind Gottes Kinder! –
»Das ist die Brust, die mir gefällt,
Nichts weiter gibt es auf der Welt.
Wenn mir der Himmel wiederblauet
Aus ihrem Auge, glaub' ich ihm,
Die Gnade, der mein Herz vertrauet,
Ist: Er mit mir und ich mit ihm.
Ich bin in dir zerschmelzt, verronnen,
Und ich in dir erglüht, entbronnen.«

Das ist das schweigende Geschwätz,
Lautlos nach eigenem Gesetz,
Der Liebe so ihr Wort gesprochen
Von Anbeginn durch Aderpochen
Und durch den feuchten Blick, umträumt
Von dunkler Wimper Schattensaume,
Wenn brausend auf die Gährung schäumt
Des Gottestraums im Menschentraume;
Die Rede, die nicht enden mag,
Und überdau're den jüngsten Tag,

Verschonet von des Richters Spruche,
Von seinem Bann und seinem Fluche.
Brangane schrei'nd am Boden liegt –
Sie kümmert's nicht. In Eins geschmiegt,
Schwelgen die Schönen, die Erwählten
Am unerschöpflichsten Genuß!
Dem Kiel der ewiglich Vermählten
Beut ehrerbietig leisern Kuß
Die Feierschaar der Well'n, die wogen
Um's Liebesschiff in großen Bogen.

* * *

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