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Gutenberg > Karl (Leberecht) Immermann >

Tristan und Isolde

Karl (Leberecht) Immermann: Tristan und Isolde - Kapitel 10
Quellenangabe
typepoem
authorKarl Immermann
titleTristan und Isolde
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
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Mittagszauber

Vom Hafen, wo der Wimpel fliegt
Des Schiffes, das die Welle wiegt,
Und dessen Segel Winde streicheln,
Gelind ins Meer den Kiel zu schmeicheln,
Vom Zwinger, draus geschäftig-laut
Die Träger nach der Ufertreppen
Das Gut der stolzen Königsbraut
In Packen roll'n, in Kasten schleppen,
Vom Vorsaal und vom Fraungemach,
Drin Lebewohl mit O! und Ach!

Die Fräulein, so Isold' geleiten,
Den Bleibenden zum Schmerz bereiten;
Von des gewölbten Saales Flur,
Darin Lord Stonycraft, Graf Moor
Den letzten Humpen leeren traulich
Mit ihrer neuen Freunde Schaar,
Und Tristan lächelnd und beschaulich
Zum Fenstereck' gegangen war,
Dort, weil er müde vom Bankette,
Zu spielen mit dem Reih'rbarette;

Von all dem Lärmen und Gebraus
Im Hafen, Zwinger, Saal und Haus,
Vom Packen, Rennen, Fragen, Schicken,
Vom Scheidetrunk, vom Abschiedsnicken,
Von Trennungsschmerzes lauten Weh'n
In summenden Volkes Bienenschwarme,
Schleich, trautes Lied, auf sachten Zeh'n
Mit leise vorgestrecktem Arme
Durch jenes dunkeln Ganges Zeil'
Dich in des Schlosses fernsten Theil,

Der weit von den bewohnten Flügeln
Sich einsam strecket zwischen Hügeln.
Man heißet ihn den Celtenbau.
Sie meiden ihn. Im Abendgrau
Durchklingt es ihn wie Lachen, Weinen.
Es huscht darin. Die Sage spricht,
Man sehe Nachts bei rothem Scheinen
Im Fenster oft ein fremd Gesicht.
Die Kön'gin geht zu stillen Thaten
Allein in diese Kemenaten.

Die Thür weh' auf, mein Lied! Schlüpf ein!
Denn dir darf nichts verborgen sein.
Du schwebest nun im hohen Zimmer;
Sag' an, was siehst du in dem Flimmer
Der Mittagssonne? Wände kahl,
So seltsam ernst, so still beglänzet.
Die Kön'gin steht im leeren Saal,
Und ihre greise Stirn bekränzet
Ein heil'ges Mistelkranzgewind,
Umflechtend grün die goldne Bind'

Im weißen Haar, das frei und lose
Hinunterhängt zu Leib und Schooße.
Aus weitem Faltenschwarzgewand
Streckt sich hervor die magre Hand,
Sie gießet ein die Funkelwelle
Des besten Firneweins zum Grund
Des Silberbechers, welcher helle
Den Schein wirft auf die Tafel rund,
Das einzige Gereide dorten.
Was braut sie hinter fernen Pforten?

Da starrt kein wüster Teufelskram;
Ihr Blick ist groß und wundersam.
Sie sinnet, horchet dann zur Seiten,
Und von dem Gang naht leises Schreiten.
Brangane tritt herein voll Schreck
Und stocket zögernd an der Thüre.
Nur näher, spricht die Kön'gin, weck'
In deinem Busen Muth und führe
Dich also, wie dir hat vertraut,
Auf die dein Auge zagend schaut.

Weil du verständig weißt zu schweigen,
Die treuste bist im Fräuleinreigen,
Darum befahl ich dich anher
Mir beizustehen. Gänzlich leer
Ist, glaube mir, dein blödes Zagen;
Die heil'ge Mistel kränzet mich,
Die nimmer böse Hexen tragen,
Die Binde schmückt mich priesterlich,
Sie zeuge dir, daß um verruchte
Handreichung nicht ich dich ersuchte.

'S ist Freitag, und der Flammenschritt
Der hohen Sonne im Zenith
Entzündete, was in dem Trunke,
Den ich bereite, glüh' als Funke.
Das höchste Wunder, dessen Kraft
Ein innerlichstes Herz entbindet,
Quillt nicht in schlimmer Kräuter Saft
Am Kreuzweg, die man Nächtens findet;
Es läßt sich treffen nur und fahn,
Wenn Mittags träumt der alte Pan.

Anjetzo träumt er. Leise, leise
Gehn wir auf unsre Suche-Reise!
Mark ist ein Greis, Isold' ist jung,
Da muß ich stiften Festigung
Des Bundes trotz dem weiß' und blonden
Gelocke durch die tiefste Kunst.
Schon lange harrte ich, seit Monden
Auf ächt' und rechter Stunde Gunst;
Sie schlug. Ich geh'; du aber fasse
Den Becher, folge mir, und lasse

Dich unterwegs durch Nichts zerstreun,
Was Sonne zeugt im Haus des Leu'n!
Um alle Heil'gen! ruft Brangane,
Welch Schreckniß droht? – Du bist im Wahne,
Antwortet ihr die Königin.
Nicht werden Larven, ungestalten,
Nicht Spuk-Gespenster her und hin
Vor dir die wirren Tänze halten.
Nein, holdester Gesichter Schau,
Verkörperte Seufzer jeder Frau,

Die allersüßesten Lieblichkeiten,
Sie können's sein, die zum Verleiten
Vielleicht sich gaukelnd zeigen. Doch
Dich irre nichts! den Becher hoch
In deiner Hand, mit festem Fuße
Tritt du in meine Spuren ein,
Blick weg von aller Zauber Gruße,
Und hüte diesen edeln Wein.
Ich suche für sein Gold, das klare,
Die Würze jetzt, das Unnennbare.

Die Kön'gin geht voran. Es bebt
Noch stets Brangane, doch sie hebt,
Gezwungen von der Herrin Willen,
Den Becher auf. Hinab die stillen
Und dunkeln Stufen eines Gangs
Steigen die Frauen Beid'; es spottet
Der Widerhall, gewohnt des Klangs
Schon lange nicht im Gang, verrottet,
Mit hohlem Schalle nach dem Tritt,
Und thut, als gingen Viele mit.

Brangane schöpft mit tiefem Zuge
Da draußen Athem. In die Fuge
Wirft sie der Pforte Riegel ein;
Sie sind nun in dem sonn'gen Frei'n.
Die Kön'gin thut sich auf zum Wandern
Durch ernste, menschenleere Stell'n,
Von einer Sendung bis zur andern
Durchmessen sie die Hügelwell'n,
Darin kein Mensch, kein Thier, kein Schatten
Begegnet, sie sich selbst nur hatten.

Denn zwölf Uhr Mittag ist's. Und grad
Zum Scheitel klomm am Himmelspfad
Das Tagsgestirn. Senkrecht beglühte
Sein Strahlen, was sich draußen mühte.
Schwanger von Hitze ist die Luft,
Sie treibt ein Zittern und ein Kräuseln,
Das doch in Läubern, Halmen ruft
Hervor kein Regen und kein Säuseln:
Nichts rühret sich in Wies' und Feld,
Die Sense ward bei Seit' gestellt.

Denn Sonne trieb von der Beschwerde
Im Korn den Mäh'r zu seinem Herde.
Den Boten, der sich hasten will,
Zwingt sie, am Krug zu rasten still;
Sie hängt dem Fuhrmannspferd zum Maule
Den weißen Schaum, der Kärner setzt
Die Hacke auf, dem müden Gaule
Vergönnet er den Halt für jetzt.
Als sie die Zeugen so entjaget,
Steht auf seltsames Ding und taget.

In solcher Mittagsbrüteschwül'
Ergriff mich oft ein Schau'rgefühl.
Mir wurde dann im todten Schweigen
So abgeschieden, fern und eigen!
Wenn über Feld als Schüler jung
Ich schritt mit meinem Reiseranzen
Durch Korn und Wiesenniederung,
Durch Birkenholz und Tannenpflanzen,
So träumt' ich wol, daß Räthsel mich
Begrüßen müßten sichtbarlich.

Im Korne zwischen seinen Aehren
Durchschlich es mich besonders. Kehren
Die mannichfaltigsten Gesicht'
Aus ihm hervor die Blumen nicht?
Steht es nicht wie des Waldes Mauer,
Und ladet zum Verborgnen ein?
Und lebt doch nur so kurze Dauer,
Die Ernte kommt, es fällt der Hain
Der schlanken Halmen, darauf sauset
Der Wind in Stoppeln, wo nichts hauset.

Im Mittagsbrande, glühend stumm,
Da gehen Mittagsgeister um,
Nicht mit den Ketten klirr'nd beschwerlich,
Zwar lustig oft, doch meistens ehrlich.
Es hat am treuen, goldnen Licht
Satan sein schwarzes Spiel verloren,
Aus Schieferschlüften aber bricht,
Auf Bergeshalden wird geboren
Manch Etwas, das als Blum', als Stein
Bringt Unordnung zur Welt herein,

Doch göttlich–süße! Zu dem Grabe
Kann's führen, aber sel'ge Habe
Nimmt der Entschlafne, nimmt sein Du,
Sein Liebes, mit zur ew'gen Ruh. –
In solchen Mittagswunderzeiten
Da höret wol ein Sonntagssohn
Erstaunet plötzlich ganz vom weiten
Den himmlisch sanftsten Glockenton,
Es scheint zu lauten vom Gebirge,
Und droben steht doch keine Kirche.

Vom Strome geht die Frau nach Haus,
Mit Fischen, kühl gedeckt, zum Schmaus,
Und an dem Steig, den Berg herunter
Ruft es auf einmal: Höre! munter
Von einer Eiche grünem Ast.
Sie blickt empor, ein Vöglein sitzet,
Ein weißes drauf; im Andern fast
Wie eine Schwalbe, auch geschlitzet
Den Schweif' wie die. Es gibt ihr Lehr',
Die sie vergessen hinterher.

Dort in der Hütte ist es einsam,
Weil zu Verschwägerten gemeinsam
Die Eltern ausgegangen sind;
Marlieschen wiegt das kleine Kind.
Da schleicht ein alt Graumütterchen
Durch Sonnenstäubchen an den Herd.
Es kostet Kindes Fütterchen,
Dann ist es weg wie fortgekehrt.
Marlieschen speist das Klein'; es lachet –
So gut war's ihm noch nie gemachet.

Bergmännchen kochen um die Stund',
Ein Rauch entsteigt dem Höhlenspund.
Der arme Pflüger, dessen Mühe
Nicht fertig wurde in der Frühe,
Er pflügt und seufzt im Mittagsschweiß:
Ihr freilich braucht nicht Brod zu suchen!
Den Pflugsterz wend't er, da liegt weiß
Ein Tüchlein und darauf ein Kuchen
In frischer Furche. Angehört
Sein Seufzer ward, und ihm bescheert.

Nicht immer freilich läuft's so nahrhaft
Und artig ab. Das ist ein wahrhaft
Geschichtchen auch, daß Einer ging
Am Wasser durch, und darin fing
Es an Geniese zum Erstaunen.
Er rief: Gott helf! Da lacht' es grell.
Ein Andrer fand am Weg 'nen braunen
Ganz kleinen Mann – Der weinte hell
Zu Boden liegend – hob aus Mitleid
Ihn auf und bracht' ihn keinen Schritt weit,

So hockt' ihm auf das bös' Kerlein
Und ritt den Mann zu Dorf hinein.
Dann sprang es ab, war eine Wurzel;
Ganz müde war vom kleinen Purzel
Der Mann, das Reitroß des Kobolds. –
Der arme Schäfer traf es besser,
Der Schatten sucht' im grünen Holz.
Er schnitt sein Käs und Brod; das Messer
Fiel aus der Hand ihm, und er bückt'
Es aufzuheben sich. Entzückt

Ließ er im Gras das Messer liegen,
Denn einer blauen Blume Wiegen
Wiegt' ihm ins Herz die Seligkeit,
Macht' ihm die Brust von Träumen weit,
Die feinen Stecken ihm zum Scepter
Und schufen seinen Hut zur Krön',
Und wandelten die Bäum', als lebt' er
Im Königsschloß von Babylon.
Die Blume nahm er – doch verweile
Nicht bei dem Schäfer, Lied, und eile

Der Kön'gin nach! Ihr blitzend Aug'
Schaut grade vorwärts. Korn und Strauch
Durchmißt sie, steigt empor die Hügel,
Glutzitternde. Wie Kranichs Flügel
Die Triebe führen aus der Bahn,
Die Stab und Säule nicht gewiesen,
Nach Landen, die noch nimmer sahn
Des Vogels Blicke; also stießen
Vorwärts der weisen Frauen Seel'
Geheime Führer ohne Fehl.

Was hat sie dort dem Specht genommen,
Der eben war zum Neste kommen? »Die Springwurzel erhält man dadurch, daß man einem Grünspecht sein Nest mit einem Holz zukeilt; der Vogel, wie er das bemerkt fliegt alsbald fort, und weiß die wunderbare Wurzel zu finden, die ein Mensch noch immer vergeblich gesucht hat. Er bringt sie im Schnabel und will sein Nest damit wieder öffnen, denn hält er sie vor den Holzkeil, so springt er heraus, wie vom stärksten Schlage getrieben. Hat man sich versteckt und macht nun, wie er herankommt einen großen Lärmen, so läßt er sie erschreckt fallen; man kann aber auch nur ein weißes oder rothes Tuch unter das Nest breiten, so wirft er sie darauf, sobald er sie gebraucht hat.« Deutsche Sagen von den Gebrüdern Grimm.
Er fliegt ihr nach und schreit und lärmt,
Wie wenn er um 'nen Raub sich härmt.
Sie hält's verborgen unter'm Schleier,
Es schwächt wol seine Kraft der Tag,
Nicht kümmert sie der grüne Schreier,
Und unverrückt dem Ziele nach
Geht sie in dem gewiesnen Gleise
Und singet eine tiefe Weise:

                 »Als Gott der Herr gehoben
                 Die Fraue aus dem Mann,
                 Da hat er ihr von droben
                 Den Athem zugethan,

                 Den er dem Erstgemachten
                 In Gnaden eingehaucht,
                 Und Beide sind vom sachten
                 Gottwehen durchgesaugt.

                 Als Eins im Andern spürte
                 Nun gleichen Hauches Fluß,
                 Da lechzt' ihr Mund, erkürte
                 Den ersten Liebeskuß.«

Sie schweigt, denn hinter ihr Brangan'
Schreit auf vor Freuden, weil ihr nahn
Zwei Kindlein, wie sie nie gesehen
So schön auf nackten Füßchen stehen.
Mit Lächelblick sie winken ihr,
Sie zeigen ihr Kornblumenhänge,
Verweilen will sie. Fort von hier!
Rufet die alte Kön'gin strenge.
Phantome sind's der Sommerglut!
Brangane folgt mit Zögermuth.

                 »Die düstern Erdenschranken
                 Stehn zwischen du und du,
                 Sie sperren die Gedanken
                 Des Ein' und Andern zu.«

                 Doch ward gestürzet nieder
                 Die Schrankenwand von Koth,
                 So strömet hin und wieder
                 Die Liebe bis zum Tod.

                  Keins kann vom Andern bleiben,
                 Das schrankenlos gesehn
                 Im Anderen das Treiben
                 Von Gottes Athemwehn.«

Sie schweigt, denn wieder schreit frohlockend
Brangane auf. Noch süßer lockend
Nahn der vier nackte Kinderlein
So lieb und zart, so schön und sein,
Mit solchem sanften Wink und Grüßen,
Die Haare gelb so blumenvoll,
So Unschuldsreiz von Kopf zu Füßen,
Daß all ihr Mädchenherze schwoll.
Fort! ruft die Alt' in strengem Muthe,
Nur Schemen sind's der Roggen-Drute.

                 »Drum, sieht Isold' in Marke,
                 Was Gott in ihn verschloß,
                 Sieht in Isolden Marke,
                 Was Gott in sie ergoß:

                 So kann von Mark' Isolde
                 Ablassen nimmermehr,
                 Und Marke'n ist Isolde
                 Zu ewigem Begehr.

                 Er frischet sich zur Jugend
                 Am Gotteshauch in ihr;
                 Und solches Bundes Tugend
                 Zu wecken, gehen wir.«

Sie schweigt, denn überlaut erklingt
Branganen's Freudenschrei. Es springt
Quer über'n Weg aus blüh'ndem Korne
Ein Dutzend nackter Kinder vorne.
Dem Reigen folgen Stierchen zwei,
Milchweißer Farbe, solche Thierchen,
So klein, daß aus den Gräsern frei
Nicht sahn die Horn der Zwergesstierchen,
Sie ziehn ein Wägelchen, das knackt,
Mit Gärbchen, Bündelchen bepackt

Von Treps und Lolch und Schwindelhaber,
Und andern bösen Wenn und Aber
Der vollen reinen Körnerfrucht.
Zusammen ist das da gesucht
Ganz ordentlich, und hübsch verschnüret
Mit Binschen, und geladen auf,
Das Wäglein aber lenkt und führet
Ein Weibsen, das steht oben drauf
Im Strohhütlein und Schnitterkleidchen,
Im Miederchen; ein Erntemaidchen.

Ein Senslein ruht in ihrem Arm,
Ein Härkchen bei. Ihr scheint so warm,
Das liebliche Gesichtlein brennet,
Als hätt' sie sich recht abgerennet,
Mit ihren Kleinen all den Lolch
Und Treps und Haber auszusuchen.
Dem Mägdlein folgt ein groß Gefolg
Von Männlein, Weiblein. Alle trugen
Senschen und Härkchen, Strohhütlein,
Höschen und Wämmschen, Miederlein.

Ein Zügelchen, so nett und zierlich,
So allerliebst und so manierlich
Hat nie kein sterblich Aug' ersehn!
Es ist ein Treten, Fahren, Gehn,
Ein Trippeln, Hüpfeln, Roll'n der Räder
Quer über'n Weg, und dennoch bleibt
An seinem Plätzchen haften Jeder,
Wie auch das Weibsen eifrig treibt
Die Stierelein, wie um die Schräubchen
Der kleinen Naben wirgeln Stäubchen.

Die Kindchen springen froh voran,
Doch kommen die Beinchen nicht von dann'n!
Die Stierchen stampfen mit den Hüfchen
Ein Fleckchen stets, und zartes Rüschen:
Jühü! zirbt wie zur Schelmerei
Der Kleinen aus des Mundes Röschen.
Die Schnitterchen trippeln nach; vorbei
Kommt aber Nichts, die gelben Höschen
Die blauen Röcklein, Miederchen roth,
Das rennet und krabbelt, als wär' Noth,

Die Erntefracht der Ackerzwergen
Rasch vor dem Wettersturm zu bergen,
Und kommt doch, wie gemalt, Nichts fort!
Ein Bildchen, das sich regt, am Ort
Doch bleibt, und zieht, und doch nicht rücket!
Ein Sommerträumchen, hingehext! –
Es ist die Roggendrut! Die Roggenmuhme, Tremsemutter, das Kornweib, ein im hohen Korne umgehendes elfisches Wesen, ist in den Brechungen der sich vom Urmythus entfernenden Tradition zu einer Kinderscheuche herabgesunken. »Sollte nicht das Umgehen der .... Kornmuhme im Getreide eine wohlthätige Ursache gehabt haben, so daß dieses Wesen dem göttlich verehrten robigo der Römer, der den Brand im Korn verhinderte, vergleichbar wäre?« Jacob Grimm. Die Dichtung hat die Ehrenrettung versucht. Sie pflücket
Was, Unkraut, zwischen Aehren wächst,
Den Treps, den Lolch, den Schwindelhaber,
Und all die bösen Wenn und Aber

Der vollen, reinen Körnerfrucht,
Das Schnittermaidchen emsig sucht.
Sie schafft so fleißig wie der Bauer,
Dem seine Zinsen werden sauer.
Im Korne geht sie um und senst
Mit ihren kleinen Hintersassen
Was röthlich, bläulich unnütz glänzt,
Danieder in des Roggens Gassen;
Dann harken sie's und bansen's schwer
Dem Wäglein auf, dem Stiergefähr,

Das seitwärts hält, vor dem's Gespännchen
Abfüttert dann und wann ein Männchen
Mit einem Kichererbsenblatt,
Die Stierlein haben davon satt
Auf ein Paar Stunden. Woll'n sie trinken,
Schöpft in der Blum', die Fingerhut
Geheißen ist, von Feldquells Blinken
Das Männel einen Eimer gut,
Schleppt sich damit und gibt dem Joche
Den Labetrunk der Arbeitswoche.

So mäht geheim' die Roggendrut,
Wenn Pan zu Mittag träumen thut,
Doch schafft sie so nur auf den Breiten,
Die frommer Leute Frucht bereiten,
Der Leute, welche beten, eh'
Sie sä'n, und treiben keinen Wucher,
Wo aber einer geizet zäh'
Und ist ein Schwörer und ein Flucher,
Da wendet sie die Deichsel ab
Und streut wol gar als schlimme Gab'

Auf seine Felder Klettensamen,
Setzt Quecken, Mehlthau, welchen nahmen
Die Händchen von des Frommen Halm,
Streicht sie den Aehren auf. Ein Qualm
Erhebt sich aus den gelben Wellen,
Wo das Gespenstlein also schad't;
Doch wo sie nützet, ei, da schwellen
Die Blüten froh der Roggensaat
Daher, dahin, wie Glockenspiele
Gehängt an allerzärtste Stiele.

Und ist das Wägelchen bepackt
Mit Gärbchen, Bündchen, daß es knackt,
Stellt sie sich drauf und fährt nach Hause
Die Ernte ein. Wo ihre Klause?
Was sie mit solcher Ernte macht?
Das soll sie, seh' ich sie, gestehen.
Für jetzo ist's zu viel gefragt,
Drum duldet noch der Neugier Wehen!
Begegnet ihrem Heimzug was,
Mann oder Weib, so treibt sie Spaß,

Wie mit Brangange sie vollführte,
Die nicht sich von der Stelle rührte,
Weil Roggendrütchen, unbewegt,
Mit ihrem Zug den Weg verlegt.
Jenseit des Zuges frug die Alte,
Die Königin: Was hemmet dich?
Ach, rief Brangane, Herrin, schalte
Mit mir nicht schlimm! Ich fürchte mich
Das Wägelchen hier umzustoßen,
Zu treten Einen dieser Großen,

Von denen in der Tasch' bequem
Ich sechs Personen mit mir nähm'.
Die Kön'gin wandte sich und reichte
Branganen über dieses leichte
Fuhrwerkchen hin die kräft'ge Hand,
Daß unter beider Arme Knoten
Wie unter einem Thore stand
Das Weiblein auf den tauben Schoten.
Dann rief die Alt': Hinweg du Scherz!
Sie zog Branganen, deren Herz

Erbebte, daß sie den Geschöpfchen
Verletzte Hals und Bein und Köpfchen!
Doch wunderbar! Ihr zitternd Knie
Schritt vorwärts ungehemmt, als wie
Durch dünne Luft und Sonnenscheinen.
Sie stieß an keines Wagens Rad,
Sie hörete nicht Schrei noch Weinen,
Es rauscht auch keines Gärbchen's Blatt.
Hindurch, sah sie zurück. Nur Flimmer
Sah sie von Luft in Sonnenschimmer.

Mit großem Schritte stieg empor
Den Berg die Kön'gin, der verlor
Den Fuß in Feldern unabsehlich.
Sein Gipfel aber blühte fröhlich
Von rother Haide und Saffran,
Daß gelb und roth die Kuppe feuert',
Ein Fels stand drinnen himmelan.
Hier, sprach die Alt', ist eingescheuert
Der höchste Segen, den Natur
In tausend Jahren reifet nur.

Nun kommt sogleich das Ungethüme,
Das heil'ge, wirft das ungestüme
Kleinod des Centri aus dem Mund
Dem Becher ein! – Die Schlange bunt,
Gekrönt mit der Smaragdenkrone,
Sie wohnt im ird'schen Paradies.
Der Felsen dort umfängt die Zone,
Die vor die vier Hauptwasser stieß; 1. Mos. 10. »Und es ging aus von Eden ein Strom, zu wässern den Garten und theilete sich daselbst in vier Hauptwasser.«
Drin schattet noch die Palm' aus Eden
Den Löwen bei dem Lamm, dem blöden.

Die Abgottsschlange aber schlingt
Sich um den Baum, den sie beringt,
Wie Lucifer den myst'schen Reifen
Einst that an Lilith's Finger streifen.
Des steingewordnen Lichtes Kern
Trägt sie in den geweihten Lippen.
Ich habe, was mich macht zum Herrn
Der Schlang', zum Pförtner dieser Klippen,
Sie öffnen sich, wenn ich was zeig',
Und sprech' ich, folgt die Schlange gleich.

Halt fest den Becher und dein Herze!
Dir droht nicht Fahr von Plag' und Schmerze;
Ich hielte selber den Pokal,
Doch eine Jungfrau will die Wahl
Der hohen Heimlichkeit. – Gesprochen
Dies Wort, geht sie zum Felsen hin,
Hält ihm was vor. Als wenn sich Knochen
Verschieben, rucken, kracht es drin,
Es reißt sich der Granit zum Spalte,
Hinein geht die beherzte Alte.

Und alsobald, wie sie hinein,
Schließt sich der zaubermurr'nde Stein.
Brangane schaut umher in Aengsten,
Nun ward ihr doch am allerbängsten,
Da sie allein auf dieser Kupp',
Ihr unbekannt, obgleich so nahe
Dem Schlosse sich der Berg erhub,
Daß man der Schlote Rauchen sahe.
Sie denkt: Ob Fliehen wol mir frommt?
Da kracht der Fels auf's Neu' – es kommt!

Die Augen schließt sie, kalte Hände
Halten empor des Weines Spende
Indem sie stürzet auf ihr Knie,
Dem Schreck erliegend, der Magie.
So blind, so kniend, so über'm Kopfe
Den Becher haltend, in der Brust,
Der eis'gen, kaum noch das Geklopfe
Des Herzens fühlend, unbewußt,
Bewußt zugleich, hört sie ein Schreiten,
Hört sie ein leises, mächt'ges Gleiten.

Das Schreiten ist der Königin,
Das Gleiten kennet nicht der Sinn,
Der ihr noch blieb. Es gleitet leise
Um sie in einem weiten Kreise,
Doch enger zieht der Kreis sich dann,
Und höher steigt um sie das Ringeln.
Wo's kreiset, rauscht der Haidenplan,
Es ist, als spielt' um sie ein Züngeln
Dann steigt es glatt an ihr empor,
Und wie ein Athem streift's ihr Ohr.

Durchaus umschnürt von allen Seiten
Vom Ringelschlich, vom glatten Gleiten,
Ist sie als wie umschränkt vom Haus,
Deß Wände Schreck, deß Innern Graus.
Jetzt hebt sich über ihr ein Schweres
Und stößt des Bechers Deckel auf.
Es fällt und klingt darin! Ach, wär' es,
So flüstert sie – der große Kauf
Des Heimlichen? – Sie höret stöhnen
Die Kön'gin, wie berauscht vom Schönen.

Langsam von ihr die Ringel fall'n
Allmählich abwärts, langsam wall'n
Von ihr hinweg die glatten Kreise,
Entschnürend sie, erst näher, leise
Dann rauschend ferner durch das Kraut.
Und immer ferner wird's durchschlichen,
Bis endlich sie den Gleitelaut
Erstorben weiß und fortgewichen!
Doch ob erlaubt zu schauen sei?
Das weiß sie nicht, obgleich sie frei.

Die Kön'gin rühret sie. Gewärtig
Spricht sie, ist nun der Zauber, fertig,
Des Dienstes, den du leisten sollst,
Wenn Marke'n du den Frühtrunk holst
Nach seiner ersten Nacht. Dann reiche
Den beiden Gatten diesen Trunk!
Erhebe dich nunmehr und weiche
Von hinnen! In Ermächtigung
Der Mutter handle solcherweise!
Nun Gott befohlen, Glück zur Reise!

Auf springt Brangane. Herrlich blühn
Wie rosenrothes Alpenglühn
Der alten Kön'gin bleiche Wangen –
Nachglanz Entzückens, das vergangen!
Die Sonne läßt den Alpen nach,
Nimmt Urlaub sie, ein hehres Glänzen;
Geheimer Wunder hoher Tag
Umschmücket noch mit seinen Kränzen
Die Greisin, hebt ihr das Genick,
Strahlt von der Stirn, flammt aus dem Blick.

Sie hat den Becher schon gedecket
Mit seinem Deckel. Darauf strecket
Sie aus die Hand zum letzten Kuß.
Brangane küßt sie und ihr Fuß
Geht dann hinab vom Berg mit Schwanken.
Die Kön'gin aber bleibt, versenkt
In ihre schwelgenden Gedanken,
Die Seel' aus Lebens Born getränkt,
Auf Berges Haupt. Am Felsen nieder
Läßt sie tiefsinnend ihre Glieder.

Es braucht nicht, daß zur Stadt sie kam,
Weil sie bereits den Abschied nahm
Von ihrer Tochter früh am Morgen,
Die läßt nun ziehn sie ohne Sorgen.
Brangane langt im Hafen an,
Ein Scharlachlaken um den Becher.
Das Schiff umschaukelt Kahn auf Kahn
Gefüllt mit Menschen. Bäume, Dächer
Sind all' besetzt von treuen Ir'n,
Die der Prinzessin salutir'n.

Trompeten heben an Geschmetter.
Isolde tritt zum Schiff die Bretter,
Im Diadem, wie sich gebührt,
Von beiden alten Lords geführt.
Des Purpurmantels Schleppe tragen
Die Fräulein, welche mit ihr gehn.
Weiß scheint der Hermelin am Kragen,
Silbern des Schillerschleiers Wehn.
Sie tritt ins Schiff, grüßt noch zurücke,
Dann senkt sie züchtig ihre Blicke.

Tristan folgt nach im Reih'rbarett,
Und hüpfet in das Schiff vom Brett.
Dann kommen, die der Fürstin dienen,
Herr Donegal ist auch bei ihnen.
Brangane schleichet hinterher,
Bedacht, wie sie der Kön'gin huldigt
Durch blind Gehorchen. Schon gar sehr
Ward sie vermißt, doch bald entschuldigt,
Weil sie sich selbst des Fehls verklagt,
Und zu vertheid'gen nicht gewagt.

Sie sinnt, der ew'gen Kräfte Blüte
Sicher zu bergen. Zur Cajüte
Trägt sie den heil'gen Zauberwein,
Und setzt ihn dort in einen Schrein.
Doch muß sie etwas erst ins Dunkel,
In's goldne schauen! Blitzend trifft
Ihr Aug' ein göttliches Gefunkel,
Rasch deckt sie zu die Wunder–Gift.
»Hussah!« vom Steu'r, vom Ufer draußen
Es ruckt das Schiff, die Segel sausen.

* * *

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