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George du Maurier: Trilby - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleTrilby
authorGeorge du Maurier
translatorMargarete Jacobi
year1897
firstpub1897
publisherRobert Lutz
addressStuttgart
titleTrilby
pages447
created20100401
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Vingt ans après.

Porthos-Athos, alias Taffy Wynne, sitzt beim Frühstück (seiner Frau gegenüber) an einem kleinen Tisch in der Glashalle der ungeheuern Karavanserei auf dem Boulevard des Italiens in Paris. An der nämlichen Stelle hat er eines Tages, vor mehr als zwanzig Jahren, mit 419 dem Laird und dem kleinen Billy gesessen, als es zu dem ärgerlichen Auftritt mit Svengali kam.

Auf dem Schauplatz hat sich nicht viel verändert. nur befinden sich mehr Amerikaner unter der Gesellschaft aus aller Herren Ländern. Fortwährend fahren Droschken, Mietswagen und Omnibusse vor: es ist noch dasselbe Kommen und Gehen, und gerade wie damals steht ein stattlicher alter Mann in Kniehosen, schwarzem Samtrock und schwarzseidenen Strümpfen – der vielleicht die nämliche Goldkette trägt – auf den Marmorstufen, um die Gäste zu begrüßen oder zu entlassen. – Wo mögen nur diese prachtvollen alten Franzosen wachsen? – Vielleicht in Deutschland, wo alle guten, großen Kellner herkommen.

Das Wetter ist auch ebenso schön. Im Hof des Grand Hotel ist immer schönes Wetter. Der Laird würde sagen: ›Man versteht sich dort besser auf dergleichen‹.

Taffy trägt einen kurzen Bart, der stark ins Graue spielt. Der Ausdruck seiner blauen Augen ist mild und freundlich; zwar ebenso offenherzig wie früher, aber nicht mehr zornig, sondern gutmütig und geduldig. Er hat an Umfang zugenommen, ist viel breiter und stärker geworden, aber das schöne Ebenmaß der Glieder und seine athletische Gewandtheit fallen noch immer angenehm auf, mag man ihn in der Ruhe sehen oder in der Bewegung. Seine Kleider sitzen vortrefflich, doch sind sie nicht neu, sondern 420 nur gut gebügelt, gebürstet und ausgeklopft, sogar an manchen Stellen fein gestopft.

Er wird auch einmal einen prachtvollen alten Mann abgeben, wie man sie im Grand Hotel anstellt. Dabei sieht er aus, als könnte man sich in allen großen und kleinen Dingen felsenfest auf ihn verlassen. ›Ein Wort ein Mann‹ steht ihm im Gesicht geschrieben, und wie er aussieht, so ist er auch.

Ja, Taffy ist ein Ehrenmann, inwendig und auswendig, vom Scheitel seines Hauptes (das anfängt, etwas kahl zu werden) bis zur Sohle seiner Füße (die weder sehr klein, noch sehr zierlich gestiefelt sind – ex pede Herculem)!

Das ist immer das erste, was die Leute von Taffy sagen – und auch das letzte. Vielleicht kommt das daher, weil er nicht gerade übermäßig geistreich ist. Aber der Mensch kann auch nicht alles zugleich sein.

Porthos war ein wenig schwer von Begriffen – und Athos auch, glaube ich; desgleichen sein Sohn, der getreue Vicomte von Bragelonne – bon chien chasse de race! Auch Wilfred von Ivanhoe, der Enterbte, und Edgar, der Lord von Ravenswood; sogar Oberst Newcome, dessen Andenken unsterblich ist. Und wir lieben sie doch alle und wünschen, ihnen ähnlich zu sein in Freud und Leid.

Taffys Frau gleicht ihm in vieler Beziehung gar nicht, aber (zum Glück für beide) in anderer Art wieder sehr. 421 Sie ist klein und hübsch, hat dunkles, welliges Haar und sehr zierliche Hände und Füße; ungemein lebhaft ist sie, anmutig in Mienen und Geberden, und durchaus nicht schwer von Begriffen. Im Gegenteil, sie faßt alles, was um sie her vorgeht, rasch auf, beobachtet es mit dem größten Interesse und weiß stets allerlei darüber zu sagen, aber nie zu viel. Sie gehört offenbar zu der nicht sehr zahlreichen, aber allezeit hochgepriesenen Schwesterschaft der Herzensbezwingerinnen.

Schon vor mehr als einem Vierteljahrhundert hatte sie dem tapfern Taffy ihr Herz geschenkt, als sie damals im Atelier auf dem Platz St. Anatole des Arts mit ihrer Mutter am Krankenbette des kleinen Billy weilte – aber sie hatte ihre Liebe keinem Menschen gestanden. Tout vient à point pour qui sait attendre!

Das ist ein treffliches Sprichwort und hat sich schon manchmal bewährt. Auch in Blanche Bagots Fall war es eingetroffen.

 

Vor Jahren hatte Taffy einmal eine schreckliche Nacht gehabt, die er sein Lebtag nicht vergessen konnte. Er lag in seinem Zimmer in der Jermyn-Straße in tiefem Schlummer, denn er war ganz erschöpft. Der Gram ermüdet mehr als alles andere und bringt bleischweren Schlaf.

An jenem Tage hatte er Trilby zu ihrer Ruhestätte im Friedhof von Kensal Green begleitet. Auch der kleine Billy, 422 der Laird, Antoine, der Grieche und Durien (der dazu aus Paris kam), waren unter den Leidtragenden, nebst vielen vornehmen und berühmten Leuten – Briten sowohl wie Fremden – eine zahlreiche und glänzende Trauerversammlung. Sämtliche Zeitungen des In- und Auslandes berichteten über die Totenfeier der größten Sängerin unserer Zeit. Es war der würdige Schluß für ihre kurze aber ruhmreiche Laufbahn gewesen, während welcher sie aller Welt Freude bereitet hatte.

Plötzlich wurde unten an der Hausthür geläutet, als ob Feuer ausgebrochen sei. Taffy schreckte aus dem Schlaf empor und hörte jemand im Dunkeln hastig die Treppe herauf stolpern, auf den Stufen ausgleiten und gegen das Geländer anprallen. Im nächsten Augenblick stürzte der kleine Billy ins Zimmer: »O Taffy, Taffy,« rief er, »ich ver–ver–liere den Verstand, es ist alles aus mit mir – ich komme um.«

»Bewahre doch, alter Junge – warte nur, ich will erst Licht machen.«

»O Taffy – seit vier Nächten habe ich kein Auge zugethan. Sie ist ge–ge–stor–ben, mit Sven– Sven– Sven– verflucht, ich bringe es nicht heraus – mit dem Namen des rohen Menschen auf ihren Lippen! es war als riefe er ihr aus dem Grabe zu. Sobald sie sein Bild sah, war sie wieder ganz bei Sinnen; sie hat ihn so lieb gehabt, daß sie alle andern darüber vergaß. Jetzt ist sie 423 geradeswegs zu ihm gegangen – um wieder seine Sklavin zu sein – in einem andern Leben – ihm zu helfen schönere Musik zu machen als je – zu singen was er will. O Ta–ta–Taffy, o, o, halte mich, halte mich – ich falle . . . .«

Taffy fing den kleinen Billy in den Armen auf, und die alte jammervolle Geschichte, die vor fünf Jahren gespielt hatte, begann von neuem. Im Laufe dieser Erzählung hat aber wirklich schon allzuviel von Krankheit die Rede sein müssen, ich will daher so wenig wie möglich von dem langen Leiden des armen kleinen Billy sagen. Er erholte sich langsam und kam nie wieder völlig zu Kräften; mit seinem künstlerischen Schaffen war es aus, bald verfiel er in Abzehrung und starb noch jung an Jahren, aber mit ruhiger, männlicher Fassung und wunderbarer Ergebung. Das Erdendunkel wandelte sich in Himmelslicht, die Nacht ward zum Morgen verklärt.

Wie schuldlos auch sein kurzes Leben gewesen war, wie reich an glänzenden Hoffnungen und Thaten, so machte ihm doch die Art, wie er von der Welt Abschied nahm, noch weit mehr Ehre. Er erschütterte dadurch einen gewissen unfehlbaren Pfarrer in allen Fasern seines Gemüts und veranlaßte ihn, still zu stehen und zum erstenmal gründlich nachzudenken. Als der Pfarrer sich zuletzt niederbeugte, um seinem toten jungen Freund noch einmal die reine weiße Stirn zu küssen, brach es ihm fast das Herz und 424 große Thränen stürzten ihm aus den Augen, wie sie selbst der kleine Billy nie im Leben geweint hatte.

Aber das alles ist viel zu traurig, um ausführlich darüber zu schreiben.

Am Krankenbette des kleinen Billy in Devonshire war Taffys Liebe zu Blanche Bagot erwacht. Als alles vorüber war, wartete er nur noch wenige Monate, dann fragte er an, ob sie seine Frau werden wolle. Ein Jahr darauf fand die Hochzeit statt und sie wurden ein liebendes Paar. Für Frau Bagot bildet die glückliche Verheiratung ihrer Tochter den einen Lichtpunkt in ihrem Leben, der sie für allen Gram und Kummer entschädigen muß, den ihr das Schicksal beschieden hat.

Im ersten Jahr nach der Hochzeit waren Blanches Gefühle vielleicht wärmer als die ihres Gatten. Der schöne, unbewußte Liebesblick (bei dem alle Frauenaugen einander vollkommen gleichen) leuchtete Taffy entgegen, so oft er sie ansah und erfüllte sein Herz mit Beschämung und einem sonderbaren Gefühl seiner eigenen Unwürdigkeit.

Dann wurde ihnen ein Knabe geboren und der Liebesblick fiel auf das Kind; der gute Taffy sah, wie der Blick an ihm vorüberflog und empfand eine ohnmächtige, komische Eifersucht, die ihn schmerzte und quälte, trotzdem sie so lächerlich war. Ein zweiter Knabe kam und ein dritter, auf denen nun der Liebesblick der Mutter ruhte, und nur der Abglanz desselben fiel noch auf ihren Vater. Der 425 aber fing den Blick auf und ließ ihn jetzt aus seinen eigenen Augen auf die Gattin herableuchten. Und da keine Tochter kam, blieb sie ihr ganzes Lebenlang im Alleinbesitz dieses freundlichen, liebevollen Sonnenstrahls.

Sie sind nicht sehr reich. Taffy leistet noch immer Großes als Turner und Jäger; als Maler hat er weniger Erfolg, und wenn er seine Bilder nicht verkauft, so kommt das schwerlich daher, daß sie für den Geschmack des Publikums zu gut sind. Er selbst giebt sich darüber keinen Täuschungen hin; daß seine Frau es zuweilen thut – möchte ich nicht bestreiten. Von allen Kunstpfuschern, die ich kenne, ist keiner so wenig eingebildet – und mir sind viel ärgere Pfuscher als Taffy vorgekommen.

Ich wollte nur, ich könnte seinen Vetter, Sir Oscar, nebst dessen fünf Söhnen umbringen (die Wynnes sind alle reich an männlichem Nachwuchs), desgleichen die siebzehn Enkel und vierzehn Vettern, die zwischen Taffy und dem Freiherrntitel nebst den dazu gehörigen Gütern stehen. Dann wäre er ›Sir Taffy‹, und wir dürften die liebe Blanche Bagot (von ehedem) ›Mylady‹ nennen. Ich gestehe, daß es mir durchaus keine Gewissensbisse machen würde, ein solches, echt Shakespearesches Menschenopfer zu vollziehen.

Wenn man genötigt ist, seinen ersten Helden sterben zu lassen, so ist die Versuchung groß, wenigstens dem Helden Numero zwei alle Reichtümer zuzuwenden, die sich nur ausdenken lassen – ihm nicht nur einen Titel zu 426 verleihen, sondern auch ein Schloß mit großem Park, außer einer schönen Frau und lieben Kindern! Aber meine Wahrheitsliebe erlaubt mir das leider nicht, um so mehr, als ich überzeugt bin, daß die Leutchen ohne das alles ebenso glücklich sind.

Sie haben wenigstens Geld genug, um eine Woche in Paris zuzubringen, noch dazu im Grand Hôtel! Zwei ihrer Söhne sind jetzt auf der Schule in Harrow (wo auch ihr Vater seine Erziehung genossen hat), und der dritte ist eben, zur Freude der Eltern, in die vorbereitende Anstalt aufgenommen worden.

Es ist ihr erster Ausflug seit der Hochzeitsreise, und sie hatten eigentlich mit dem Laird verabredet, daß er sie begleiten sollte.

Aber der gute Laird von Cockpen (der jetzt ein berühmtes Mitglied der Kunstakademie ist) denkt eben daran, seine eigenen Flitterwochen zu halten. Er ist nach Schottland gereist, um Hochzeit zu feiern. Seine Erwählte ist eine kluge und hübsche Landsmännin von ihm, die im Alter zu ihm paßt und die er schon als kleines Mädchen in kurzen Kleidchen gekannt hat. Es ist eine Vernunftheirat, die, auf gegenseitiger Zuneigung und Achtung begründet, sicherlich sehr glücklich ausschlagen wird. Vielleicht sitzen die Neuvermählten schon zwei Wochen später an demselben kleinen Ecktischchen im Hof des Grand Hôtel, die junge Frau lacht über alles, was ihr Gatte sagt, und so leben sie vergnügt mit einander bis an ihr seliges Ende.

427 So steht es mit d'Artagnan, dem Helden Numero drei. Auf deine Gesundheit, lieber Sandy Mc Allister! Du schlauster, lustigster und behaglichster aller Schotten! Du feinster, zartester und phantasiereichster aller britischen Maler! Ich trinke auf dein und deiner Familie Wohl, langes Leben und fröhliches Gedeihen.

 

So sind denn Taffy und seine Frau allein ausgezogen auf ihre zweite Hochzeitsreise im Hochsommer ihres Lebens; sie sind auch ganz zufrieden, daß es sich so gefügt hat. Wenn bei einem Ehepaar die eine Hälfte zu unterhalten versteht und die andere sich leicht unterhalten läßt, sind sie die beste Gesellschaft für einander.

Die beiden benutzen ihre Zeit gut und lassen sich nichts entgehen. Sie haben schon im Quartier latin die alten, wohlbekannten Plätze besucht und sind sogar durch die Portiersfrau (es ist nicht mehr Madame Vinard) auf Gefälligkeit in das Atelier eingelassen worden. Von den jetzigen Inhabern, zwei amerikanischen Malern, die sie mitten in der Arbeit finden, werden sie mit kalter Höflichkeit empfangen.

Das Atelier ist funkelnagelneu angestrichen und sieht höchst anständig aus. Trilbys Fuß, mit dem Gedicht unter Glas und Rahmen, ist verschwunden; an seiner Stelle steht ein schönes Bücherbrett. Die neue Portiersfrau ist erst seit einem Jahr da und hat nie etwas von Trilby gehört; 428 von den Vinards weiß sie nur, daß sie reich und glücklich sind und irgendwo im südlichen Frankreich leben: Monsieur Vinard ist Schultheiß des Ortes geworden. Que le bon Dieu les bénisse, c'étaient de bien braves gens!

Dann sind Herr und Frau Taffy in einem offenen, zweispännigen Wagen durch das Bois de Boulogne nach St. Cloud gefahren, und nach Versailles, wo sie im Hotel des Réservoirs gefrühstückt haben – parlez-moi de ça! – nach St. Germain und nach Meudon. Dort sind sie in der loge du garde champêtre (einem neuen) eingekehrt. Sie haben auch den Salon besucht, den Louvre, die Porzellanfabrik in Sèvres, die Gobelins, das Hotel Cluny, den Dom der Invaliden mit Napoleons Grab, haben ein halbes Dutzend Kirchen gesehen, darunter Notre Dame und die Sainte Chapelle. Bei Dodors haben sie in ihrer reizenden Villa in der Nähe von Asnières zu Mittag gegessen, bei den Zouzous in dem prachtvollen Hôtel de la Rochemartel und bei Duriens im Parc Monceau. (Bei Dodor fanden sie die Küche am besten, bei Zouzou am schlechtesten; bei Durien war die Gesellschaft und die Unterhaltung so gut, daß sie ganz vergaßen auf das Essen zu achten – das war wirklich schade). Die kleinen Dodors sind allerliebst und auch die kleinen Duriens. Was Zouzous Kinder betrifft, so hat er keine – und das ist ein wahres Glück.

Sie haben auch Madame Chaumont im Théatre des 429 Variétés gesehen und Sarah Bernhardt, Coquelin und Delaunay im Théatre Français; und in der Oper haben sie Lasalle gehört!

Heute ist ihr letzter Tag, da wollen sie nur noch auf den Boulevards herumschlendern, Einkäufe machen, irgendwo frühstücken ›sur le pouce‹, noch einmal nach dem Bois de Boulogne fahren, um tout Paris zu sehen, früh zu Mittag essen (bei Bignon oder im Café des Ambassadeurs) und zum Schluß ihres wohlangewendeten Tages in das neue Theater – les Mouches d'Espagne – auf dem Boulevard Poissonnière gehen, wo Madame Cantharidi in den Petits Bonheurs de Contrebande auftritt. Es soll ein sehr lustiges und anständiges Stück sein – komisch, aber nicht gemein. Sie wissen das von Dodor, der es mit seiner Frau drei- oder viermal gesehen hat.

Madame Cantharidi ist, wie jedermann weiß, eine hochbegabte aber sehr häßliche alte Frau von fleckenlosem Ruf, mit ganz ausgesungener Stimme. Sie ist die ehrwürdige Mutter einer großen Schar sehr wohlerzogener, schon erwachsener Kinder, die aber ihre Mutter (und Großmutter) nie auf der Bühne gesehen haben – nicht einmal die Söhne. Ihr vortrefflicher Vater (der Frau und Kinder vergöttert), hat das unter keiner Bedingung zugeben wollen.

Im Privatleben ist sie ganz die feine Dame, aber auf den Brettern – seht sie nur einmal, dann versteht 430 ihr sicherlich, warum das Pariser Publikum so für sie schwärmt. Sie ist die echte und wahre Verkörperung des modernen esprit gaulois, über den der gute Rabelais, glaube ich, erröten und sich im Grabe umwenden würde.

Die Liebe und dankbare Verehrung ihrer chers Parisiens verdient sie im vollsten Maße. Während des ganzen Empire hat sie ihnen Kurzweil bereitet, im année terrible ist sie ihr Trost und ihre Stütze gewesen und in der darauf folgenden Zeit ihr Hauptvergnügen bis zum heutigen Tag.

Möchte Madame Cantharidi noch immer auf ihrem Posten in den Mouches d'Espagne sein, wenn einst die Helden von der Revanche zurückkehren! Sie wird dann ihre komische alte Stimme erheben, um mit ihnen zu krähen, oder sie vielleicht wieder zu trösten – je nachdem die Sache ausfällt. Lachen werden sie jedenfalls, ob sie Sieger sind oder Besiegte.

Frau Taffy ist im Französischen nicht sehr bewandert. Man muß mit der Sprache ganz vertraut sein (und mit vielen andern Dingen), um den feinen Witz in Madame Cantharidis Spiel (und Zwischenspiel) aufzufassen.

Aber Madame Cantharidi hat einen so komischen Gesichtsausdruck und so drollige Bewegungen, daß Frau Taffy sich jedesmal vor Lachen ausschütten möchte, wenn die kleine alte Dame auf die Scene kommt. Sie lacht so herzlich, daß ein guter Pariser Bourgeois sich umwendet und zu 431 seiner Gattin sagt: »V'là une jolie p'tite Anglaise qui n'est pas bégueule au moins! Et l'gros boeuf avec les yeux bleus en boules de loto - c'est son mari sans doute! il n'a pas l'air trop content par exemple, celui-là!«

Der gute Taffy (der ausgezeichnet Französisch kann) ist nämlich ganz entrüstet und sehr böse auf Dodor, der ihnen geraten hat, in die Mouches d'Espagne zu gehen. Er will, sobald der erste Akt aus ist, in aller Stille mit seiner Frau verschwinden.

Einstweilen faßt er sich in Geduld, und in seiner Entrüstung lacht er nicht einmal mehr bei den Stellen, die nur komisch sind und nicht gemein. Statt dessen beobachtet er einen kleinen, weißhaarigen Mann im Orchester, der ihm bekannt vorkommt, trotzdem er bis jetzt nur seinen Rücken gesehen hat. Er begleitet eben Madame Cantharidi, die ein Lied voll sehr derber Komik zu singen hat, auf seiner Geige und spielt so meisterhaft, so wunderschön, daß der laute Beifall des Publikums ihm ebensosehr gilt, als der Sängerin.

Jetzt wendet der Violinist etwas den Kopf; sein Profil wird sichtbar und Taffy erkennt ihn.

Nach kurzer Überlegung reißt Taffy ein Blatt aus seinem Notizbuch und schreibt in ganz regelrechtem Französisch:

»Lieber Gecko! – Sie werden sich ohne Zweifel noch an Taffy Wynne erinnern und an den kleinen Billy und des kleinen Billy Schwester, die jetzt Frau Taffy Wynne 432 ist. Wir verlassen morgen Paris und möchten Sie sehr gern vorher wiedersehen. Wollen Sie nicht nach dem Theater mit uns im Café Anglais zu Abend essen? Wenn Sie kommen können, nicken Sie nur mit dem Kopfe, und es wird Sie mit Freuden erwarten

Ihr herzlich ergebener

Taffy Wynne.«

Den zusammengefalteten Zettel giebt er einem Logenschließer für ›le premier violon - celui qui a des cheveux blancs.

Gleich darauf sieht er, wie Gecko das Briefchen erhält, es liest und eine Weile darüber nachsinnt.

Dann sieht sich Gecko im Theater um, Taffy winkt ihm mit dem Taschentuch und sein Blick begegnet dem des premier violon, der mit dem Kopfe nickt.

Der erste Akt ist aus. Herr und Frau Wynne verlassen das Theater. Er erklärt ihr, weshalb, und sie ist ganz bereit, ihm zu folgen, da sie eben anfing, sich recht unbehaglich zu fühlen, ohne doch zu wissen, was ihr an der lebhaften Madame Cantharidi eigentlich mißfällt.

Sie gehen nach dem Café Anglais, lassen sich ein kleines, behagliches Zimmer im Entresol geben, das auf den Boulevard hinaussieht, und bestellen ein gutes Abendessen, Fricassé, Hummer-Mayonnaise, noch ein paar andere erlesene Gerichte und Chambertin von der besten Sorte. Wenn es ein Fest gilt, nimmt Taffy alle solche Dinge sehr 433 genau, und es kommt ihm auf die Kosten nicht an. Porthos ist äußerst gastfrei und liebt ein gutes, reichliches Mahl und Athos trinkt gern guten Wein.

Bis das Theater aus war, blieben sie in dem Café an der Westecke der Boulevards, nicht weit von der großen Oper, wo es immer sehr lustig zugeht. Sie saßen an einem der kleinen Tische draußen, studierten das Pariser Leben und versparten ihren Appetit auf das Nachtessen.

Um halb zwölf Uhr erschien Gecko, sehr bescheiden und demütig. Er sah alt aus – wenigstens zehn Jahre älter, als er wirklich war; nach seiner gebückten Haltung zu urteilen, mußte die Last des Lebens wohl für seine Schultern zu schwer gewesen sein und ihn zu Boden drücken.

Nachdem er Frau Taffy die Hand geküßt hatte, schien er nicht übel Lust zu haben, auch Taffys Hand zu küssen, so gerührt war er über das Wiedersehen und so dankbar für die Einladung zum Abendessen. Er war zutraulich und anhänglich wie ein treuer Hund; man mußte ihm auf der Stelle gut sein, schon wegen seiner Einfachheit und Aufrichtigkeit, die noch ebenso goldecht war, wie früher.

Zuerst konnte er vor Aufregung kaum essen, aber Taffys gutes Beispiel, die unbefangene Herzlichkeit von Taffys Frau und ein paar Gläser Chambertin brachten ihn bald in eine behagliche Stimmung und weckten den schlummernden und nur allzu großen Appetit des armen Menschen.

Sie teilten ihm mit, daß der kleine Billy gestorben 434 sei, und er war tief gerührt, als er erfuhr, was seinen Tod verursacht hatte. Dann sprachen sie von Trilby.

Gecko zog die Uhr aus seiner Westentasche, drückte ehrfurchtsvoll die Lippen darauf und rief: »Ah! c'était un ange! un ange du Paradis! Fünf Jahre habe ich mit ihnen zusammen gelebt und o – diese Güte! Dio Maria! Immer hieß es: Gecko hier – Gecko da – ›armer Gecko, wie leid thut es mir, daß Du Zahnweh hast‹, oder: ›Du siehst so blaß und müde aus, Gecko, das macht mich ganz unglücklich. Soll ich Dir ein Glas Maitrank bringen?‹ oder ›Gecko, Du issest die Artischoken à la Barigoule so gern – sie erinnern Dich an Paris, das hast Du einmal gesagt; ich weiß jetzt, wo man Artischoken bekommt und kann sie Dir à la Barigoule zubereiten, dann wollen wir sie heute, morgen und die ganze Woche lang alle Tage zu Mittag essen.‹ Und das thaten wir.

»Ach, ihre himmlische Güte war mir tausendmal lieber, als alle Artischoken à la Barigoule . . .

»So war sie immer für alle besorgt – auch für Svengali und die alte Martha. Mit ihrer eigenen Gesundheit ging es schlecht – sie fühlte sich nie wohl – toujours souffrante.

»Dabei war sie es, die uns alle erhielt – oft sogar in Pracht und Luxus.«

»Und was für eine ausgezeichnete Künstlerin ist sie geworden!« rief Taffy.

435 »Jawohl – aber das kam alles von Svengali. Er war der größte Künstler, den ich je gesehen habe. Glauben Sie nur, Monsieur – Svengali war ein Zauberer, ein Dämon: Früher hielt ich ihn für einen Gott. Er hat mich auf der Straße gefunden, wo ich mir mit meiner Fiedel ein paar Kupfermünzen verdiente. Da reichte er mir die Hand, nahm sich meiner an und lehrte mich alles, was ich weiß – und doch konnte er mein Instrument nicht einmal spielen.

»Seit er tot ist, habe ich sehr viel verlernt. Das englische Gefängnis ist schuld daran; es hat mich heruntergebracht und für immer zu Grunde gerichtet. Ach, quel enfer, nom de Dieu (pardon Madame)! Ich tauge nur noch dazu, die Begleitung in den Mouches d'Espagne zu spielen, wenn die alte Cantharidi singt:

V'là mon mari qui r'garde!
Prends garde! Ne m'chatouille plus!

Man braucht nicht viel ob-ligato zu so schönen, so erhabenen Versen, hein?

»Und dies Lied singt man jetzt in ganz Paris; in demselben Paris, das außer sich war vor Begeisterung, als Trilby den ›Nußbaum‹ von Schumann im Saal der Baschi-Bozuks sang. Sie haben es gehört, nicht wahr? Nun, dann urteilen sie selbst.«

Dabei versuchte der arme Gecko, spöttisch zu lachen wie Svengali, ein Lachen voller Hohn und Bitterkeit – und es glückte ihm beinahe.

»Aber weshalb haben Sie denn Svengali verwundet? – nach ihm mit – mit dem Messer gestoßen?«

»Ah, monsieur,, ich konnte mich schon lange kaum mehr bezwingen. Er strengte Trilby zu sehr an, es mußte sie umbringen – zuletzt war es auch ihr Tod. Und er schalt und schimpfte sie – ganz abscheulich – und einmal in London schlug er nach ihr. Er schlug sie auf die Finger mit dem Taktstock – da fiel sie auf die Kniee und weinte.

»Monsieur, ich würde Trilby gegen eine Lokomotive verteidigt haben, die mit grande vitesse daherkam, gegen meinen eigenen Vater, gegen den Kaiser von Österreich – gegen den Papst! und ich bin doch ein guter Katholik, Monsieur. Ich würde für sie auf das Schaffot gestiegen sein und zur Hölle gefahren!«

Dabei bekreuzte er sich inbrünstig.

»Aber Svengali – liebte er sie denn nicht auch?«

»O ja, monsieur, quant à ça, leidenschaftlich. Aber sie liebte ihn nicht, wie er wollte. Sie liebte Kleinerbili, Monsieur! Kleinerbili, der Bruder von Madame. Und ich glaube, Svengali wurde zuletzt zornig und eifersüchtig. Er war wie umgewandelt, seit er nach Paris kam. Vielleicht erinnerte ihn Paris an Kleinerbili und war auch schuld daran, daß Trilby immer an ihn denken mußte.«

»Aber wie hat er es nur zu Wege gebracht, daß sie so singen lernte? Sie war doch ganz unmusikalisch – so lange wir sie kannten?«

437 Gecko schwieg eine Weile; Taffy füllte sein Glas, gab ihm eine Zigarre und zündete sich selbst eine an.

»Monsieur, freilich, das ist wahr – sie hatte wenig Gehör. Aber eine Stimme besaß sie, wie es nie eine zweite geben wird. Svengali wußte das; er hatte es längst entdeckt. Auch Litolff war es aufgefallen. Eines Tages hörte Svengali, wie Litolff zu Meyerbeer sagte: die schönste weibliche Stimme von ganz Europa steckte in der Kehle einer englischen Grisette, die den Bildhauern des Quartier latin Modell stände, aber unglücklicherweise hätte sie kein musikalisches Ohr und brächte keinen einzigen richtigen Ton heraus. – Sie können sich denken, wie Svengali sich ins Fäustchen lachte – es ist mir ordentlich, als sähe ich ihn.

»Wir nahmen sie beide in die Lehre – drei Jahre lang – morgens, mittags und abends – sechs, acht Stunden den Tag. Es brach mir fast das Herz, sie so abgearbeitet zu sehen. Jeder ihrer Töne wurde einzeln vorgenommen, und sie hatten gar kein Ende, einer war immer schöner als der andere – Sammet und Gold, Blumen, Perlen, Diamanten, Rubinen – Honigseim und Tautropfen – Pfirsiche, Orangen und Zitronen! en veux-tu en voilà! – alle Gewürze und Wohlgerüche des Paradiesgartens! – Wir lehrten sie, wie sie die Töne erzeugen und gebrauchen sollte – Svengali mit seiner kleinen Flöte und ich mit der Geige. Sie war ein phénomène, monsieur. Jede Note konnte sie aushalten, so lange Svengali wollte, 438 und alle Gefühle ausdrücken, je nach der Art, wie Svengali sie anschaute. Man mußte weinen, man mußte lachen, man glaubte, der Ton, den sie gerade sang, sei sicherlich der schönste und ergreifendste, den man je gehört hatte. Aber so war es mit allen ihren Tönen; jeder einzelne hatte so viele verschiedene Klangfarben, wie das Glockenspiel von Notre Dame. Sie sang chromatische Läufe und Tonleitern aufwärts und abwärts viel rascher, besser und gleichmäßiger, als Svengali sie auf dem Klavier spielte; und erst ihr Triller – ach, der war wundervoll, wie ein paar Zwillingssterne! Sie hatte den tiefsten Alt und den höchsten Sopran, der je an eines Menschen Ohr geklungen ist. Ihresgleichen ist noch nie dagewesen und wird nie wieder geboren werden. Und nur zwei Jahre lang hat man sie öffentlich bewundern dürfen!

»Erinnern Sie sich noch an ihre kühnen Läufe und plötzlichen Pausen – an die Sprünge von der Dunkelheit ins Licht und wieder zurück – von der Erde zum Himmel! Wie sie emporschoß und dahinglitt wie eine Schwalbe – eine Möve im Flug und die Töne schleifte à la Paganini? es war, um wahnsinnig zu werden! Keine andere Sängerin in der Welt dürfte das wagen! Es kam von Svengali . . . er war ein Hexenmeister.

»Und wie sie aussah, wenn sie sang – wissen Sie es noch? Die Hände auf dem Rücken, den lieben, schönen schmalen Fuß auf dem kleinen Schemel, ihr langes, 439 aufgelöstes Haar und das freundliche Lächeln, so mild und gütig, wie die Madonna. Ach, bel ucel di Dio, man hätte vor Liebe weinen mögen, wenn man sie nur ansah (c'était à vous faire pleurer d'amour, rien que de la voir)! Trilby war ja zugleich die lieblichste Nachtigall und der reizendste Paradiesvogel!

»Ich sage Ihnen, ihr war nichts zu schwer – jeden Ton brachte sie heraus, wenn es ihr Svengali nur einmal gezeigt hatte – er war der größte Meister auf Erden. Und was sie gelernt hatte, das konnte sie. Et voilà!«

»Wie merkwürdig,« sagte Taffy, »daß sie an jenem Abend in Drury Lane so plötzlich den Verstand verloren hat und alles vergaß. Vermutlich hatte sie es mit angesehen, wie Svengali ihr gegenüber in der Loge gestorben ist, und das brachte sie von Sinnen.«

Darauf erzählte Taffy dem kleinen Geiger von Trilbys Schwanengesang vor ihrem Tode und von Svengalis Bildnis. Doch Gecko hatte das alles von Martha gehört, die nun auch schon seit mehreren Jahren tot war.

Gecko saß eine Weile nachdenklich da, rauchte weiter und sah bald Taffy, bald dessen Frau an. Endlich raffte er sich mit Gewalt zusammen und sagte: »Monsieur, sie hat nie den Verstand verloren – auch keinen Augenblick.«

»Was? Sie wollen doch nicht behaupten, daß sie uns alle betrogen hat!«

»Non, monsieur! Betrogen hat sie in ihrem Leben 440 keinen Menschen, das konnte sie gar nicht. Sie hatte alles vergessen – voilà tout!«

»Unsinn, Freund, man vergißt doch nicht eine solche –«

»Monsieur, hören Sie mir zu. Sie ist tot; Svengali ist tot und Martha auch. Ich aber habe ein gutes kleines Leiden, das mich bald umbringen wird, Gott sei Dank – und ohne viele Schmerzen.

»Ich will Ihnen ein Geheimnis verraten:

»Es hat zwei Trilbys gegeben. Die eine Trilby, die Sie gekannt haben, konnte keine Note singen. Sie war ein Engel aus dem Paradies – dort weilt sie jetzt. Aber sie konnte ebenso wenig singen, wie ich bei einem Wettrennen den Preis davontragen könnte. Sie hat nie gelernt, die Töne von einander zu unterscheiden – eine Geige kann doch nicht allein spielen! – Erinnern Sie sich noch, wie sie ›Ben Bolt‹ sang, an dem Tage, als sie zum erstenmal in das Atelier auf dem Platz St. Anatole des Arts kam? Das war drollig, hein? à se boucher les oreilles. Nun sehen Sie, das war Trilby, Ihre Trilby! Das war auch meine Trilby – und ich liebte sie, wie man die einzige Geliebte, die einzige Schwester, das einzige Kind liebt – sie war eine Märtyrerin auf Erden und jetzt ist sie – Heilige im Himmel. O diese Trilby genügte mir vollkommen!

»Das war auch die Trilby, welche Ihren Bruder geliebt hat, Madame, o, und von ganzem Herzen! Ihr armer Bruder wußte nicht, wieviel er verloren hat, denn ihre 441 Liebe war so unendlich groß, wie ihre Stimme und gerade so voll Mitgefühl und himmlischer Holdseligkeit. Sie hat mir erzählt, wie alles zugegangen ist! – Ce pauvre Kleinerbili, ce qu'il a perdu!

»Aber dann auf einmal – prrr – schnell – presto – im Nu – mit einer Bewegung seiner Hand über sie hin – einem Blick seines Auges – einem Wort – konnte Svengali sie in die andere Trilby – seine Trilby – verwandeln – die alles thun mußte, was er wollte . . . mit glühenden Nadeln hätte man sie stechen können, sie würde nichts gefühlt haben . . . .

»Er brauchte nur zu sagen: ›Dors!‹ und sie war wie aus Marmor gehauen, ohne Bewußtsein. Diese Trilby brachte wundervolle Töne hervor – aber nur die Töne, die er haben wollte, sonst keine. Sie dachte, was er dachte, wünschte, was er wünschte und liebte ihn, weil er sie dazu zwang, mit einer Liebe, die nicht wirklich war, nur künstlich gemacht – nichts als seine Eigenliebe, nach außen gekehrt – à l'envers – – die wie aus einem Spiegel wieder auf ihn zurückstrahlte . . . un écho, un simulacre, quoi! pas autre chose!... etwas so Wertloses! es machte mich nicht einmal eifersüchtig!

»Das war die Trilby, die er singen lehrte – und – und ich half ihm dabei – Gott im Himmel verzeih mir's! Sie war nur eine Gesangmaschine, eine Spieluhr, ein Musikinstrument, eine Stradivariusgeige – eine Flöte von 442 Fleisch und Bein – nichts als eine Stimme – Svengalis inwendige Stimme, mit der er Musik machte. Denn, um zu singen wie die Svengali, Monsieur, müssen zwei da sein: eins muß die Stimme haben und das andere sie zu gebrauchen wissen . . . Als Sie den ›Nußbaum‹ von ihr hörten und das Impromptu, da war es Svengali, der mit ihrer Stimme sang, gerade so, wie Joachim seine Geige nimmt und eine Chaconne von Bach darauf spielt . . . Was weiß denn Joachims Geige von Sebastian Bach oder von seiner Chaconne? . . . il s'en moque pas mal, ce fameux violon!...

»Und was wußte denn unsere Trilby von Schumann oder Chopin? Ganz und gar nichts. Nußbäume und Impromptus hätten sie nur gelangweilt; sie würde den Gähnkrampf davon bekommen haben . . . Wenn Svengalis Trilby ihre Lieder sang, oder zu singen schien – dann war unsere Trilby gar nicht vorhanden . . . unsere Trilby schlief den Zauberschlaf . . . eigentlich war sie tot.

Ah, monsieur... ich habe Svengalis Trilby singen hören in Palästen, vor Fürsten und Königen, wie noch nie ein Weib auf Erden gesungen hat . . . ich habe gesehen, wie Kaiser und Prinzen ihr die Hand küßten, Monsieur, und ihre Frauen und Töchter sie weinend in die Arme schlossen.

»Ich habe gesehen, wie man ihr die Pferde ausspannte und vornehme Herren sie bis nach dem Hotel zogen . . . Fackelzüge und Singchöre begleiteten sie und man schrie 443 Vivat und Gloria! Die ganze Nacht hindurch brachte man ihr Ständchen unter ihrem Fenster . . . Sie wußte nichts davon – sie hörte nichts, fühlte nichts, sah nichts – sie verneigte sich nur nach rechts und nach links, wie eine Königin.

»Ich habe sie auf meiner Fiedel begleitet, als sie noch auf der Straße sang, bei Jahrmärkten, Volksfesten und auf der Kirchweih . . . die Leute, die sie hörten, gerieten ganz außer sich . . . einmal fiel Svengali in Ohnmacht vor lauter Aufregung; da wachte unsere Trilby plötzlich auf und begriff nicht, was mit ihr vorgegangen sein konnte . . . Wir schafften ihn nach Hause, brachten ihn zu Bett und überließen ihn Marthas Pflege. Dann ging ich mit Trilby Arm in Arm durch die ganze Stadt: wir holten einen Arzt und machten Einkäufe. Das war die glücklichste Stunde meines Lebens!

»Ach, was für Erlebnisse, was für Triumphe, was für Abenteuer gab es während der fünf Jahre mit den beiden Trilbys! Man könnte Dutzende von Büchern damit anfüllen. Die Erinnerung verläßt mich nie – Tag und Nacht denke ich daran . . . selbst wenn ich die alte Cantharidi auf der Geige begleite, muß ich denken, wie oft ich zum Gesang der Svengali gespielt habe . . . das war ein Leben! . . . Und dann heimzukommen zu Trilby . . . zu unserer, zu der wirklichen Trilby . . . Gott sei Dank! Ich habe gelebt und geliebet! . . . Christo di Dio... 444 Du verklärte Schwester im Himmel . . . – O Dieu de misère, ayez pitié de nous...«

 

Die Augen des armen Gecko waren rot, seine Stimme klang scharf und wie von Thränen erstickt, die Erinnerung überwältigte ihn; vermutlich war ihm auch der Chambertin zu Kopfe gestiegen. Er legte die Arme auf den Tisch, begrub sein Gesicht in den Händen, weinte und murmelte in seiner Muttersprache etwas vor sich hin (auf Polnisch vielleicht), als ob er bete.

Taffy und seine Frau waren aufgestanden; sie lehnten am Fenster und sahen auf den verödeten Boulevard hinaus, wo eine Schar von Gassenkehrern schweigsam und geräuschlos beschäftigt war, das Asphaltpflaster zu reinigen. In der dunkeln Nacht leuchteten nur wenige Sterne, ein frischer Morgenwind hatte sich erhoben und rauschte in den Blättern der Sykomoren längs des Boulevards; er kühlte und reinigte die Luft, und das war eine Wohlthat für Paris. Unten fuhr eine Droschke im Schritt vorbei; der Kutscher summte eine Melodie. Taffy rief ihn an. »V'là, monsieur!« antwortete er und fuhr vor.

Taffy klingelte, verlangte die Rechnung und bezahlte. Dann weckte er Gecko, der eingeschlafen war und sagte ihm, wie spät es sei. Der arme kleine Geiger war wie betäubt und etwas im Rausch – er sah noch älter aus, als vorhin – sechzig, siebzig – so alt, wie ein Mensch nur sein 445 kann. Taffy half ihm in seinen Überrock, reichte ihm den Arm, führte ihn die Treppe hinunter, gab ihm seine Visitenkarte, sagte, wie sehr er sich gefreut habe, ihn wieder zu sehen und daß er ihm bei seiner Rückkehr nach England schreiben werde. Ohne Zweifel hat er dies Versprechen gehalten.

Gecko nahm die Mütze von seinem krausen weißen Haar, ergriff Frau Taffys Hand, drückte die Lippen darauf und dankte ihr herzlich für ihren ›si bon et sympathique accueil‹.

Dann schob ihn Taffy in die Droschke und der lustige Kutscher sagte:

»Àh! bon - connais bien celui-là; vous savez - c'est lui qui joue du violon aux Mouches d'Espagne! Il a soupé l'bourgeois; n'est-ce pas, m'sieur? 'petits bonheurs de contrebande', hein?... Ayez pas peur! on vous aura soin de lui! Il joue joliment bien, m'sieur; n'est-ce pas?«

Taffy schüttelte Gecko die Hand und fragte: »Où restez-vous, Gecko?«

»Quarante-huit, Rue des Pousse-Cailloux, au cinquième.«

»Wie sonderbar!« sagte Taffy zu seiner Frau, »wie rührend! Das ist ja die Straße, in der Trilby damals wohnte; auch dieselbe Nummer, dasselbe Stockwerk.«

»Oui, oui,« rief Gecko, sich ermunternd, c'est 446 l'ancienne mansarde à Trilby - j'y suis depuis douze ans - j'y suis, j'y reste!...

Er lachte leise und wohlgefällig vor sich hin.

Taffy sagte dem Kutscher die Adresse und gab ihm ein Fünffrankstück.

Merci, m'sieur! C'est de l'aut' côté de l'eau - près de la Sorbonne, s'pas? On vous aura soin du bourgeois; soyez tranquille - ayez pas peur! - quarante-huit; on y va! Bonsoir monsieur et dame!

Er klatschte mit der Peitsche, rasselte davon und sang:

»V'là mon mari qui r'garde!
  Prends garde!
Ne m'chatouill' plus!
«

Herr und Frau Wynne gingen zu Fuß nach dem nahen Hotel zurück. Sie hing an seinem Arm und schmiegte sich dicht an ihn; es fröstelte sie ein wenig. Die Luft war ordentlich kühl geworden. Ihre Schritte hallten ungewöhnlich laut durch die Stille – tipp tapp, tipp tapp – aber sie schwiegen beide: sie waren müde, schläfrig und in sehr trauriger Stimmung. Beide dachten (mit merkwürdiger Übereinstimmung), daß sie an einer Woche in Paris vollkommen genug hätten. Wie glücklich würden sie sein, schon in wenigen Stunden wieder die Krähen um ihr stilles, englisches Landhaus krächzen zu hören! Dann kamen auch bald die Ferien und sie durften ihre drei lustigen Knaben wieder daheim erwarten!

447 So wollen wir sie denn ihrem nützlichen, gleichförmigen häuslichen Leben überlassen, dem glücklichsten, das ich auf Erden kenne, wenn man, wie sie, ein gewisses Alter erreicht hat und doch noch in den besten Jahren ist.

»Où peut on être mieux qu'au sein de sa famille?«

Das ist der sicherste Zufluchtshafen, den wir erreichen können. Haben wir uns nur erst einmal die Hörner abgelaufen und die Weisheitszähne bekommen, so daß wir nicht mehr danach verlangen, den Mond vom Himmel herunter zu holen, dann lernen wir auch uns begnügen, und brauchen wenig hienieden . . . .

 

Nur etwas Glück, nach Not und Plag',
Nur etwas Lust – dann Guten Tag!
 
Nur etwas Glut, von Lieb' entfacht,
Nur etwas Licht – dann Gute Nacht!
 
Nur etwas Scherz bei allen Sorgen
Der Tageslast – dann Guten Morgen!
 
Nur etwas Hoffnung im Trennungsweh
Auf Wiederfinden – und dann Ade! –

 

Ende.

 

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