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George du Maurier: Trilby - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleTrilby
authorGeorge du Maurier
translatorMargarete Jacobi
year1897
firstpub1897
publisherRobert Lutz
addressStuttgart
titleTrilby
pages447
created20100401
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Achter Teil.

»La vie est vaine:
  Un peu d'amour,
Un peu de haine . . . .
  Et puis – bonjour!
 
»La vie est brève:
  Un peu d'espoir,
Un peu de rêve . . . .
  Et puis – bonsoir!«
       

Nach dem Ausspruch des Arztes bei der Totenschau war Svengali am Herzschlag gestorben. Man hatte auch festgestellt, daß durch die Wunde, welche ihm Gecko beigebracht, sein Leiden weder verschlimmert, noch der Tod beschleunigt worden war; trotzdem verurteilte der englische Gerichtshof den kleinen Geiger zu sechsmonatlicher Zwangsarbeit. Taffy besuchte ihn noch einmal im Gefängnis, in der Hoffnung, über vieles Aufschluß von ihm zu erhalten, mußte aber unverrichteter Sache wieder abziehen.

Über sein Verhältnis zu den Svengalis und ihre Beziehungen zu einander beobachtete er das hartnäckigste Stillschweigen.

386 Als er erfuhr, daß Madame Svengali unheilbar krank und irrsinnig sei, brach er in Thränen aus und rief: »Ah, pauvrette, pauvrette - ah monsieur, - je l'aimais tant, je l'aimais tant! il n'y a pas beaucoup comme elle, Dieu de misère! C'est un ange du Paradis.«

Weiter war nichts aus ihm herauszubringen.

Es dauerte geraume Zeit, bis Svengalis Angelegenheiten nach seinem Tode geordnet waren. Letztwillige Verfügungen hatte er nicht getroffen. Seine alte Mutter und zwei seiner Schwestern kamen aus Österreich gereist, um die Erbschaft anzutreten. Man wartete auch auf seine Frau, von der er immer so komische Geschichten erzählt hatte, aber sie kam nicht. Ihr Ladengeschäft am Rhein, sie selbst und ihre drei Kinder waren nur Gebilde seiner Phantasie gewesen, mit denen er sich und andere vergnügte.

Seine Hinterlassenschaft betrug dreitausend Pfund, welche ›die Svengali‹ bis auf den letzten Heller für ihn erworben hatte, nebst den noch viel größeren Summen, die bereits verausgabt waren. Von dem baren Geld erhielt Trilby nichts; nur der Schmuck und die Kleider, die er ihr geschenkt hatte, blieben ihr Eigentum. Für ihren Anzug war er stets verschwenderisch bedacht gewesen, und auch zahllose Wertgegenstände, die sie von Kaisern, Königen und den Reichen und Vornehmen der Welt zum Andenken erhalten, fanden sich vor. Dies waren die Kostbarkeiten, von denen Trilby bisher geglaubt hatte, daß sie der alten Martha gehörten.

387 Martha war bei Trilby geblieben, pflegte sie mit der zärtlichsten Sorgfalt und bewies ihr eine fast abgöttische Verehrung, wie sie etwa eine Mutter für ein schönes, reich begabtes Kind empfindet, das dem Tode nahe ist.

Denn, daß Trilbys Tage gezählt waren, erkannte man nur allzudeutlich, wenn auch niemand die Natur ihres Leidens verstand.

Bald war sie sogar zu schwach, um sich im Krankenstuhl ausfahren zu lassen: sie blieb den ganzen Tag über auf dem Sopha oder dem Lehnsessel in ihrem schönen, lustigen Wohnzimmer, wo ihr Martha Gesellschaft leistete. Dort empfing sie jeden Nachmittag ihre drei lieben alten Kameraden, bewirtete sie mit Kaffee und bat sie, ihre Zigaretten zu rauchen, wie in früherer Zeit. Es war die größte und einzige Freude, die sie noch hatte. Mit kummervollem Herzen beobachteten die Freunde den raschen Verfall ihrer Kräfte, und doch erschien Trilby ihnen von Tag zu Tag schöner. In dem blassen abgezehrten Gesicht trat die vollendete Form der Züge wieder mehr hervor, und ihre Haut war vom zartesten, durchsichtigsten Weiß.

Oft nahmen ihre Augen den alten schalkhaften Glanz wieder an, wenn die trois Angliches bei ihr waren. Die kindliche Heiterkeit ihrer Mienen war dann zärtlich und rührend zugleich, es spiegelte sich darin solche herzliche Zuneigung für sie und eine so innige Liebe zum Leben. Wer hätte dieses holdselige Bild je wieder vergessen können! –

388 Die Freunde wußten, daß sie die wehmütige Erinnerung daran für alle Zeiten in treuem Gedächtnis bewahren würden.

Trotz aller Schwäche war die arme Trilby noch immer sehr lebhaft in ihren Bewegungen; oft fiel ihnen ein, was für ein starkes thatkräftiges Mädchen sie noch vor wenigen Jahren gewesen, und sie betrachteten sie mit dem tiefsten Mitgefühl und aufrichtiger Bruderliebe. Der unvergleichliche, immer wechselnde Klang ihrer süßen Stimme, wenn sie plauderte oder lachte, erfüllte sie mit Wonne, fast ebenso wie damals, als Trilby im Saal der Baschi-Bozuks den ›Nußbaum‹ sang.

Manchmal kam auch Lorrimer zum Besuch, oder Antoine und der Grieche. Es war eine heitere kleine Künstlergesellschaft. Lorrimer, der Laird, Antoine und der kleine Billy machten damals, jeder auf seine Weise, die schönen Studien von Trilbys Kopf in Kreide und Bleistift, welche jetzt alle Welt kennt. Wie sprechend ähnlich waren sie alle und doch wie verschieden von einander! Trilby, vue à travers quatre tempéraments.

Vielleicht hatte sich die arme Trilby in ihrem Leben nicht so glücklich gefühlt wie an diesen Nachmittagen, im Kreise der lieben Menschen, welche in ihrer teuern Muttersprache von den schönen alten Tagen im lustigen Paris plauderten. Dann genoß sie die Gegenwart und dachte nicht an die Zukunft.

389 Aber später – in den dunkeln Stunden der Nacht – schreckte sie häufig aus irgend einem Traum auf, der sie mit heitern Erinnerungsbildern umgaukelt hatte, und ihr trauriges Geschick trat ihr klar vor die Seele. Die Gewißheit, daß ihr bald kein neuer Morgen mehr leuchten und der Tod sie mit seiner Eisenhand berühren werde, erfüllte sie mit Grauen. Sie schmeckte das Sterben in all seiner Bitterkeit, und wenn die furchtbare Qual des Gedankens sie übermannte, daß sie für immer scheiden müsse, hätte sie laut aufschreien mögen, oder aus dem Bette springen und mit gerungenen Händen im Zimmer hin und her gehen.

Statt dessen verharrte sie still und regungslos, wie eine arme furchtsame Maus in der Falle, um nur ja die gute alte Martha nicht zu wecken, die vor Müdigkeit eingeschlafen war und neben ihr schnarchte.

Nach einer oder zwei Stunden gingen diese Schauer jedoch meist vorüber; das Entsetzen schwand und machte einer standhaften Ergebung Platz, die sich wie heilender Balsam auf ihr wundes Herz legte. Ein stiller Friede kam über sie und ihr alter unerschrockener Mut kehrte zurück.

Bald sank sie wieder in Schlummer und fühlte sich noch glückseliger im Traume wie zuvor, bis die treue Martha sie mit einem liebevollen Kuß weckte und ihr das Frühstück brachte. Der neue Morgen schenkte ihr neue Freude und die heitere Zuversicht, daß sie, obgleich schwach und dem Tode verfallen, doch noch ihres Lebens froh 390 werden könne, so lange ein ganzer Tag vor ihr lag, auf den sie hoffen durfte.

 

Zu Trilbys höchster Überraschung trat eines Tages Frau Bagot zu ihr ins Zimmer, die auf den dringenden Wunsch des kleinen Billy aus Devonshire gekommen war, sie zu besuchen.

Die zierliche kleine Dame sah blaß aus und zitterte an allen Gliedern, als Trilby aufstand und ihr mit ängstlichem, verlegenem Lächeln die Hand entgegenstreckte. Im ersten Augenblick konnten beide kein Wort sprechen. Frau Bagot blieb wie festgewurzelt an der Thür stehen und blickte bewegten Herzens auf die furchtbar veränderte Trilby. Konnte dies wirklich das Mädchen sein, welches sie damals so sehr gefürchtet hatte?

»Ach,« rief Trilby endlich mit bebenden Lippen, »nun habe ich Ihnen mein Versprechen doch nicht halten können, wie ich wollte. Aber es ist ja alles ganz anders gekommen und jetzt brauchen sie keine Angst mehr vor mir zu haben.«

Frau Bagot, die sich ebenso leicht von ihren Gefühlen beherrschen ließ, wie ihr Sohn, hörte kaum den Klang von Trilbys Stimme, als sie auch schon zu ihr eilte und sie in ihre Arme schloß. »O mein liebes Kind, mein armes, liebes Kind!« rief sie, in Thränen ausbrechend. Unter Küssen und Liebkosungen geleitete sie sie wieder zu ihrem bequemen Stuhl, und war mit mütterlicher Sorgfalt um sie bemüht.

391 »Ich habe Sie stets bewundert,« sagte sie, »und jetzt liebe ich Sie von ganzem Herzen!«

»Es ist sehr gütig von Ihnen, das zu sagen,« versetzte Trilby mit feuchten Augen. »Sie hielten mich damals für eine listige, gefährliche Person, aber das bin ich nie gewesen. Von Anfang an wußte ich, daß ich keine passende Frau für Ihren Sohn wäre und wollte ihn deshalb nicht heiraten. Es war sehr thöricht von mir, ihm zuletzt doch noch mein Jawort zu geben; auch habe ich es gleich bitter bereut, das kann ich Sie versichern. Die Versuchung war im Augenblick zu groß – ich konnte nicht widerstehen.«

»O bitte, bitte, sprechen Sie nicht mehr davon! Sie haben sich nicht das Geringste vorzuwerfen – das weiß ich schon längst – zu meiner tiefen Beschämung. Tag und Nacht haben Sie mir im Sinn gelegen. Verzeihen Sie einer armen Mutter ihre Eifersucht. Man muß Sie ja lieben! Welcher Mann wäre wohl imstande, sich dagegen zu wehren, welche Frau könnte Ihnen ihr Herz verschließen. O vergeben Sie mir!«

»Ich – Ihnen vergeben? Aber Frau Bagot, wie käme ich dazu? Ich bin nur froh, daß Sie mir verziehen haben, denn das ist die Hauptsache. Damals habe ich Ihren Sohn so lieb gehabt, wie es nur menschenmöglich ist. Auch jetzt liebe ich ihn sehr, aber auf ganz andere Weise; mehr in der Art, wie Sie ihn lieben, glaube 392 ich. In meinem ganzen Leben habe ich niemand gesehen, der ihm gleichkommt – nirgends in der Welt! Wie stolz müssen Sie auf ihn sein – welche Mutter wäre das nicht? – Kein Mädchen ist gut genug für ihn. Ich hätte es mir schon zur Ehre gerechnet, seine niedere Magd zu sein; das habe ich ihm oft gesagt, aber er wollte nichts davon wissen in seiner Herzensgüte. Er dachte immer erst an die andern und dann an sich. Und wie reich und berühmt er geworden ist! Ich habe es wohl gehört und mich darüber gefreut. Es macht mich glücklicher, als wenn ich selbst Ruhm und Reichtum erworben hätte, das können Sie mir glauben.«

Wie seltsam klang das aus dem Munde der Svengali, von deren Lob und Preis noch ganz Europa widerhallte, während sie selbst die Erinnerung an ihre glänzenden Triumphe verloren hatte. Überall beklagte man ihre schwere Krankheit und trauerte um ihren nahen Tod, welchen die fortlaufenden Berichte über ihr Befinden voraussehen ließen. Kein fürstliches Haupt hätte mehr öffentliche Teilnahme erregen können.

Frau Bagot wußte natürlich, welche sonderbare Form Trilbys Irrsinn angenommen hatte und hütete sich wohl, den Gedanken, welche sie bewegten, Worte zu verleihen. Sie hörte es schweigend mit an, wie die arme Geisteskranke, die Meisterin des Gesanges, die Königin der Nachtigallen, sich selbst vergessend, den Ruhm ihres Sohnes pries.

393 Im Atelier des kleinen Billy in Fitzroy Square, von wo Frau Bagot eben herkam, hatte sie Taffy unermüdlich beschäftigt gesehen, die zahllosen Briefe und Telegramme zu beantworten, die von allen Orten und Enden eintrafen. Denn der gute Taffy hatte sich zu Trilbys Geheimschreiber und homme d'affaires gemacht – natürlich ohne daß sie darum wußte. Das Amt war nicht etwa ein Ruheposten, aber er besorgte alles gern. Täglich mußte er eine Menge Besucher empfangen und ihnen Rede stehen; von allen Seiten liefen teilnehmende Erkundigungen und Beileidsbezeugungen ein; fast sämtliche gekrönte Häupter verlangten Nachricht. Musiker in bedrängten Umständen baten die große Sängerin um Hilfe und Unterstützung – Künstler und andere Geistesgrößen schrieben in Ausdrücken aufrichtiger Bewunderung; uneigennützige Leute boten ihre Dienste an. Auch sehr eigennützige Anfragen erfolgten, ob die Sängerin nicht hier oder da auftreten wolle, sobald sie wieder hergestellt sei u. s. w. u. s. w. Das alles war auf Englisch, Deutsch, Französisch, Italienisch, auch in ganz unverständlichen Sprachen abgefaßt; viele Zuschriften mußten unbeantwortet bleiben. Es gewährte Taffy ein fast boshaftes Vergnügen, Frau Bagot seine sämtlichen Obliegenheiten auseinanderzusetzen.

Ohne Unterlaß kamen Wagen vorgefahren, die Thür des kleinen Billy stand nicht still: Lord und Lady Palmerston lassen sich erkundigen – der Lord Oberrichter 394 möchte wissen – der Dekan von Westminster und viele andere vornehme und berühmte Leute erlauben sich anzufragen, ob in Madame Svengalis Zustand noch keine Besserung eingetreten ist.

Das waren natürlich nur Kleinigkeiten; aber die kleine Frau Bagot kam aus einem kleinen Ort in Devonshire und hatte bis jetzt nur Herz und Sinn für den kleinen Billy gehabt, der ihre ganze Welt ausmachte. Zum erstenmal entdeckte sie nun, daß es noch etwas anderes auf Erden gab als ihren berühmten Sohn.

Deshalb machte ihr auch alles, was sie im Atelier sah und hörte, einen tiefen Eindruck, und erfüllte sie mit ehrfurchtsvoller Scheu vor solchem Weltruhm. Wer wollte ihr das verdenken?

Madame Svengali, der alles zu Füßen lag, war ja niemand anders als das schöne Mädchen, dessen sie sich so gut erinnerte, das sie einst von oben herab behandelt, dem sie mit wenigen Worten den Laufpaß gegeben, und das sich ihrer Entscheidung so rasch und demütig gefügt. Jahrelang hatte sie ihr im Herzen gegrollt – weshalb – o weshalb nur?

Der armen Frau Bagot wurde bald heiß bald kalt; sie hätte in die Erde sinken mögen vor Scham und vergaß darüber fast, daß sie ja ganz in ihrem Recht gewesen und daß ›la grande Trilby‹ keine passende Frau für ihren Sohn war.

395 Sehr kleinmütig schickte sie sich an, Trilby ihren Besuch zu machen und fand eine arme Geisteskranke, die noch viel demütiger war als sie selber und sie um Verzeihung bat. – Hatte sie ihr denn überhaupt etwas zu verzeihen? –

Die Leidende hatte ganz vergessen, daß sie die größte Sängerin der Welt war, eine Künstlerin sondergleichen. Dagegen erinnerte sie sich mit Scham und Reue, daß sie einst gewagt hatte (nach endlosem Drängen und wiederholter Weigerung, aus reiner unüberwindlicher Neigung) den – leidenschaftlichen Bitten eines kleinen Kunstschülers – Frau Bagots Sohn – Gehör zu geben, der fast noch ein Knabe war, kaum mehr besaß als sie selbst, ihr nichts zu bieten hatte und noch gänzlich unbekannt war.

Während sich die allzu zärtliche Mutter diese Verhältnisse klar machte und ins Gedächtnis zurückrief, vergaß sie mit einemmal den Unterschied der Stände und ihre eigenen strengen Grundsätze.

Wie rührend und herzgewinnend erschien ihr Trilbys Schönheit noch im Verwelken: der unaussprechliche Liebreiz, der ihrem ganzen Wesen, ihrem Blick, ihrer Stimme eigen war, wurde durch die Krankheit noch erhöht; auch ihre harmlose Kindlichkeit, ihr völliges Selbstvergessen hatte etwas ungemein Fesselndes und Anziehendes für Frau Bagots empfängliches Gemüt. So dauerte es denn nicht lange, bis die ›schöne bleiche Lilie‹, wie sie Trilby nannte, ihr so sehr ans Herz gewachsen war, daß sie sich kaum mehr 396 erinnerte, aus welchem zweifelhaften Boden die Lilie ihre Nahrung gesogen und unter wie viel Moder und Fäulnis, bei wie viel wechselnden Geschicken, sich auf dem schlanken Stengel die weiße, duftende Blüte entfaltet hatte.

So übten Anmut, Schönheit und körperliche Schwäche, vereint mit liebenswürdiger Einfachheit und Natürlichkeit ihren unwiderstehlichen Zauber aus. Und der Weltruhm that vielleicht auch das Seinige dazu.

Denn Frau Bagot war im Grunde nur eine kluge kleine Frau aus dem höheren englischen Bürgerstande, mit allen Vorurteilen und hergebrachten Begriffen über Wohlanständigkeit – eine Erzphilisterin, trotz ihrer künstlerischen Triebe und Anlagen. Jahrelang hatte sie Trilby – höchst ungerechterweise – für eine leichtfertige und gefährliche Sirene gehalten – für eine unzüchtige und zügellose Tochter der Hethiter und die besondere Feindin ihres Hauses. »Eine Wäscherin, ein Modell, und weiß der Himmel was sonst noch,« das waren ihre eigenen Worte gewesen.

Sie hatte Trilby nicht einmal singen gehört – und doch saß sie jetzt, so gut wie alle andern – Gelehrte, Ungelehrte, Künstler und Laien – bewundernd und anbetend zu ihren Füßen.

Es kommt unsereinem wirklich ganz komisch vor, wenn man es recht überlegt.

 

Frau Bagot ging nicht nach Devonshire zurück; sie blieb bei ihrem Sohn in Fitzroy Square und verbrachte 397 den größten Teil ihrer Zeit damit, Trilby Gesellschaft zu leisten, um so viel sie konnte zu ihrer Erheiterung und Zerstreuung beizutragen. Unmerklich wollte sie ihre Gedanken zum Himmel lenken und ihr den Abschied vom Leben erleichtern.

Trilby hatte eine so wohlthuende Art, mit Wort und Blick für alle kleinen Dienste zu danken, daß man ihr gern jeden Wunsch an den Augen abgesehen hätte, nur um ihren Dank recht oft zu hören. Auch erzählte sie ebenso drollig wie früher und wußte viel von ihrem Wanderleben zu berichten, trotz der seltsamen Lücken in ihrem Gedächtnis, die vielleicht – hätte man sie nur ausfüllen können – voll der interessantesten Erlebnisse gewesen wären.

Überdies wurde sie nie müde von dem kleinen Billy zu reden und zu hören, und das war für Frau Bagot ein ganz unerschöpfliches Thema.

Gelegentlich kamen sie auch auf die Erinnerungen aus ihrer Kinderzeit zu sprechen. Frau Bagot entdeckte einmal in einem Schubfach ein altes, verblichenes Daguerrebild, das eine Frau mit schottischer Mütze darstellte, die einen so lieblich schönen und frommen Gesichtsausdruck hatte, daß man die Augen kaum wieder von dem Bildnis abwenden konnte. Es war Trilbys Mutter.

»Erzählen Sie mir doch etwas von Ihrer Mutter!«

Trilby sah das Bild lange schweigend an. »Die arme Mama,« sagte sie endlich. »Sie war noch viel, viel 398 hübscher als ihr Porträt. Vor ihrer Verheiratung war sie demoiselle de comptoir – das ist nämlich ein Schenkmädchen – in der Rue du Paradis Poissonnière bei den Montagnards Écossais – wo viele Männer einsprachen, um zu trinken und zu rauchen, ohne sich hinzusetzen. Das war natürlich keine gute Stelle.

»Papa liebte sie von ganzem Herzen, obschon sie doch nicht seinesgleichen war. Sie wurden auf der Gesandtschaft getraut, in der Rue du Faubourg St. Honoré.

»Die Eltern der armen Mama hatten gar nicht geheiratet. Ihre Mutter war die Tochter eines Schiffers auf dem Loch Neß in der Nähe von Drummadrochit, einem kleinen Ort am See; ihr Vater aber war ein Edelmann – Oberst Desmond, der mit vielen vornehmen Leuten in England und Irland verwandt ist. Er hat sehr schlecht an meiner Großmutter gehandelt, denn er gab sie und meine arme Mama – seine eigene Tochter – dem Elend preis. Das war doch eines Edelmannes recht unwürdig, nicht wahr? – Weiter weiß ich nichts von ihm.«

Dann erzählte sie von ihrem Pariser Leben, das so glücklich hätte sein können, wäre ihr Vater nicht dem Trunk verfallen; vom Tode ihrer Eltern, von dem kleinen Jeannot und anderes mehr. Frau Bagot hörte diesen offenherzigen Mitteilungen, die so vieles erklärten, was ihr bisher in Trilbys Wesen unbegreiflich gewesen war, mit Rührung und Interesse zu. Es ergab sich unter anderem daraus 399 daß sie eine Verwandte der berühmten Herzogin von Towers war. Sicherlich würde diese hochherzige und gütige Dame die arme Trilby mit Freuden in ihre Arme geschlossen haben, hätte sie nur gewußt, wie sehr das arme Kind des Schutzes bedurfte. Die Herzogin war einmal, nur um sie singen zu hören, von Paris nach Wien gereist, aber leider vergeblich – die Svengalis hatten sich gerade nach Petersburg begeben.

Frau Bagot brachte Trilby viele gute Bücher und las ihr vor. Dr. Cummings Schriften über das baldige Ende der Welt und ähnliche Werke, deren Inhalt als tröstlich gilt für Menschen, welche die Erde bald verlassen müssen; ›des Pilgers Lauf‹, viele fromme Flugblätter und dergleichen mehr.

Trilby war so dankbar, daß sie geduldig und aufmerksam zuhörte. Nur zuweilen huschte es wie ein schwaches, belustigtes Lächeln über ihr Gesicht und sie spitzte die Lippen, als wollte sie ›Oh maïe, aïe!‹ ausrufen.

Zur Belohnung für ihre freundliche Fügsamkeit las ihr Frau Bagot dann ein Kapitel aus David Copperfield vor, und das war ein himmlisches Vergnügen.

Die beste Unterhaltung und den größten Spaß bereiteten Trilby jedoch John Leechs ›Charakterbilder aus dem Leben‹, die eben erschienen waren. Sie kannte von seinen Zeichnungen bis jetzt nur, was ihr im Atelier in irgend einer Nummer des Punch zufällig zu Gesicht 400 gekommen war. Ohne zu ermüden betrachtete sie die Bilder immer wieder von neuem und lernte dadurch das englische Leben besser kennen als aus irgend einem andern Buch, das sie je gelesen. Ihr herzliches Lachen klang dabei oft so melodisch, als sänge sie das Allegro aus dem Impromptu von Chopin.

Eines Tages sagte sie mit bebenden Lippen: »Ich wundere mich immer darüber, weshalb Sie nur so himmlisch gut zu mir sind, liebe Frau Bagot. Hoffentlich haben Sie nicht vergessen wer ich war und was für ein Leben ich geführt habe. Sie wissen doch, daß ich kein achtbares Mädchen gewesen bin?«

»O liebes Kind – frage mich nicht . . . ich kümmere mich um das alles nicht mehr. Was du auch sonst gewesen sein magst, ich weiß jetzt nur, daß du meine arme, geduldige, kranke Tochter bist – die sicherlich mehr Unrecht erlitten als begangen hat. Ich gäbe alles in der Welt darum, könnte ich einigermaßen wieder gut machen was ich dir zugefügt habe – durch meine Ungerechtigkeit – mein falsches Urteil. Aber, hättest du auch einen Mord begangen, ich glaube wahrhaftig, ich müßte dich dennoch lieben. Du bist so wunderbar – man kann dir nicht widerstehen. Hast du wohl in deinem ganzen Leben irgend jemand gekannt, der dir nicht gut war?«

Trilby traten die Thränen in die Augen vor Freude über diese schmeichelhaften Worte. Sie dachte ein wenig 401 nach und sagte dann offen und freimütig: »Nein, nicht daß ich wüßte; mir fällt niemand ein. Aber ich mag wohl sehr viele Menschen vergessen haben, mit denen ich früher zusammenkam.«

 

Einmal teilte Frau Bagot Trilby mit, ihr Schwager, Thomas Bagot, möchte sie gern einmal besuchen und mit ihr reden.

»Ist das der Herr, der mit Ihnen in Paris war, den ich im Atelier gesehen habe?«

»Jawohl.«

»Nicht wahr, er ist ein Prediger? Wovon will er denn mit mir reden?«

»Ach, mein liebes Kind . . . .« stammelte Frau Bagot.

Trilby schwieg eine Weile, dann sagte sie: »Wahrscheinlich werde ich bald sterben. O ja, ich weiß es wohl. Es ist kein Zweifel mehr.«

»Liebe Trilby, wir Menschen sind alle in der Hand des großen, gnädigen Gottes,« erwiderte Frau Bagot, während ihr die Thränen über die Wangen liefen.

Trilby sah gedankenvoll zum Fenster hinaus; nach einer langen Pause murmelte sie leise vor sich hin: Après tout, c'est pas déjà si raide, de claquer! J'en ai tant vu, qui ont passé par là! Au bout du fossé la culbute, ma foi!

»Was hältst du da für ein französisches Selbstgespräch, liebe Trilby? Dein Französisch ist so schwer zu verstehen.«

402 »O bitte, entschuldigen Sie! Ich dachte nur, daß das Sterben gar nicht so schwer sein muß. Ich habe es so oft mit angesehen und so viele Menschen bis zum Tode gepflegt: Papa, Mama und Jeannot, auch Angèle Boisse's Schwiegermutter und Colin Maigret, einen armen Steinklopfer, der im Impasse des Taupes St. Germain wohnte. Er war in der Rue Vaugirard von einem Omnibus überfahren worden und man mußte ihm beide Beine über dem Knie abnehmen. Sie schienen alle nicht sehr betrübt, daß sie sterben müßten und fürchteten sich gar nicht vor dem Tode. Ich fürchte mich auch nicht. –

»Die armen Leute haben keine Angst zu sterben und die Reichen sollten das auch lernen. Es wäre gut, sie von Kind an darauf vorzubereiten, damit sie den Tod verachten und verlachen können, wie die Chinesen, die sich – wie man sagt – oft totlachen möchten, während der Henker ihnen den Kopf abschneidet. Es ist nun einmal der Lauf der Welt und wird keinem erspart – wer braucht sich da zu fürchten!«

»Aber das Sterben ist nicht alles, mein Kind. – Bist du denn bereit vor Gottes Angesicht zu treten? Hast du nie an das künftige Gericht gedacht und den Zorn deines Schöpfers, wenn du als unbußfertige Sünderin stirbst?«

»Wie sollte denn das zugehen? Ich habe ja mein Lebenlang bereut, was ich Unrechtes gethan habe. Auch erwartet keinen von uns Zorn und Verdammnis – selbst den Verworfensten nicht. Il y aura amnestie générale; 403 Papa hat mir das gesagt und er ist ein Pfarrer gewesen wie Herr Bagot. Ich denke oft an Gott und liebe ihn sehr. Wir Menschen brauchen etwas Vollkommenes, das wir verehren und zu dem wir aufblicken können.

»Manche Leute glauben freilich nicht einmal an das Dasein Gottes. Der père Martin zum Beispiel – aber von dem will ich gar nicht reden, der war nur ein chiffonnier und zählt nicht mit.

»Durien aber, der Bildhauer, der sehr klug ist und ein vortrefflicher Mensch, sagte einmal zu mir:

»›Vois-tu, Trilby – ich fürchte sehr, daß Er wirklich nicht lebt, le bon Dieu. Das macht mich schrecklich unglücklich, denn ich verehre Ihn von ganzem Herzen. Bei jedem Werk, das ich anfange, denke ich immer, wie schön es wäre, könnte ich Ihm nur damit gefallen.‹

»Auch ich selbst habe oft gedacht, wie himmlisch es sein müßte, wenn man malen, Musik machen oder schöne Gedichte schreiben könnte, bloß zu Gottes Wohlgefallen.

»Einmal, an einem heißen Nachmittag, saßen wir alle im Hof draußen, vor dem Laden der mère Martin und tranken Kaffee mit Bastide Lendormi, einem alten Invaliden von der Vieille Garde, der nur ein Bein, einen Arm und ein Auge hatte und dem jedermann gut war. Da kam Mimi la Salope, die bei den Malern Modell stand, aus dem Leihhaus gegenüber, und der père Martin rief sie herbei, gab ihr eine Tasse Kaffee und bat sie, uns 404 etwas vorzusingen. Sie sang ein Lied von Béranger, vom großen Napoléon, worin es heißt:

»Parlez-nous de lui, grand' mère!
Parlez-nous de lui!
«

»Sie muß es wohl sehr schön gesungen haben, denn der alte Bastide Lendormi fing an zu weinen, und als père Martin ihn damit neckte, sagte er:

»›C'est égal, voyez-vous! – wer so singt, der betet!‹

»Damals dachte ich, wie schön es wäre, wenn ich singen könnte wie Mimi la Salope, und ich denke das heute noch – nur um zu beten!«

»Was, Trilby, wenn du singen könntest wie – aber nicht doch – fast hätte ich vergessen – – Sage mir, Trilby – betest du denn nie zu ihm, wie andere Leute beten?«

»Auf den Knieen, mit gefalteten Händen und in bestimmten Worten, meinen Sie? – Nein, nur selten. Sind denn nicht die Gedanken sehr oft Gebete? Man betet auch, wenn man sich schämt und traurig ist über ein Unrecht, das man gethan hat, und wenn man sich freut, eine Versuchung überwunden zu haben; oder wenn man dankbar ist für einen guten Tag, an dem man vergnügt sein darf, ohne daß es irgend jemand schadet. Und wenn man sucht, sich aufzuraffen, nachdem man alles verloren hat, was einem das Leben lieb machte – ist das etwa kein Gebet? Ich glaube sogar ein sehr gutes. Es kann Gebete ohne Worte geben, gerade wie es Lieder ohne Worte 405 giebt, denke ich; und Svengali sagte immer, die Lieder ohne Worte wären die besten.

»Es kommt mir auch gar so erbärmlich vor, immer um etwas zu betteln. Man erhält die Dinge, die man haben möchte, doch darum nicht schneller.

»La mère Martin betete immer sehr viel und le père Martin lachte darüber, aber seine Wünsche gingen doch öfter in Erfüllung als ihre.

»Ich habe einmal mit ganzer Seele gebetet, daß Jeannot nicht sterben möchte.«

»Aber wie steht es denn mit deiner Reue, Trilby? Wie demütigst du dich denn vor Gott, wenn du nicht auf den Knieen um Vergebung flehst?«

»Wie? Ja, das weiß ich nicht recht. Ich will Ihnen einmal sagen, was das Schlechteste und Erbärmlichste war, das ich je gethan habe . . .« (Frau Bagot wurde es etwas ängstlich zu Mute.)

»Ich hatte Jeannot versprochen, mit ihm am Palmsonntag nach St. Philippe du Roule zu gehen, um den abbé Bergamot predigen zu hören. Aber Durien, der Bildhauer, forderte mich auf, mit ihm und Mathieu, einem Studenten der Rechte, und einer gewissen Victorine Letellier nach St. Germain zu fahren, wo gerade irgend ein Jahrmarkt war. Da ging ich am Sonntagmorgen zu Jeannot und sagte ihm, daß aus unserer Verabredung nichts werden könnte.

406 »Er weinte so bitterlich darüber, daß ich schon dachte, ich wollte die Spazierfahrt aufgeben und lieber nach St. Philippe gehen, wie ich versprochen hatte. Da kamen aber gerade Durien, Mathieu und Victorine vorgefahren, und ich stieg zu ihnen ein. Den ganzen Tag war mir elend zu Mute und nichts machte mir Vergnügen.

»Wir fuhren in einem zweispännigen, offenen Wagen, den Mathieu bestellt hatte; Jeannot hätte prächtig auf dem Bock neben dem Kutscher sitzen können und wäre niemand im Wege gewesen. Aber ich wagte nicht, es vorzuschlagen, weil sie nichts davon erwähnten, und ich fürchtete, sie hätten keine Lust, ihn mitzunehmen. Jeannot sah uns fortfahren, und ich konnte es nicht übers Herz bringen, mich noch einmal nach ihm umzusehen. Das Traurigste aber war, als Durien etwa auf halbem Wege sagte, es wäre recht schade, daß ich Jeannot nicht mitgebracht hätte, und auch den andern that es hinterher leid.

»Das ist jetzt sechs oder sieben Jahre her, aber ich glaube, ich habe fast täglich daran gedacht; manchmal fiel es mir sogar mitten in der Nacht ein.

»Ach, und als Jeannot im Sterben lag, und als er tot war – wie hat mich da erst die Erinnerung an den Palmsonntag gequält!

»Was soll denn Reue und Buße sein, wenn das keine war?«

»O Trilby, so ist's nicht gemeint. Du lieber Himmel, 407 das ist ja gar nichts. Wer schlüge einem kleinen Kinde nicht einmal eine Bitte ab! – Ich denke an viel schlimmere Dinge – im Quartier latin – als du den Malern und Bildhauern Modell standest . . . . Bei deiner Schönheit und Anmut mußt du doch . . .«

»Ich weiß, ich weiß . . . . o ja, das war greulich, und ich habe mich furchtbar vor mir selber geschämt. Auch war es nicht einmal lustig oder angenehm. Nichts hat mir Vergnügen gemacht, bis ich Ihren Sohn kennen lernte und Taffy und den lieben Sandy Mc Allister. Aber ich habe damit doch keinen Menschen betrogen, getäuscht oder gekränkt – hat jemand darunter gelitten, so war ich es ganz allein.

»Wenn ein Mädchen so etwas thut, muß es schon hier auf Erden schwer genug dafür büßen, das weiß Gott! Man verzeiht es ihr nur, wenn sie eine russische Kaiserin ist, wie Katharina die Große, oder eine vornehme Dame, wie es deren so viele giebt, oder ein großes Genie, wie Madame Rachel und George Sand.

»Wäre das nicht gewesen, und hätte ich niemals als Figurenmodell gesessen, dann würde ich mich für gut genug gehalten haben, Ihren Sohn zu heiraten – obwohl ich nur blanchisseuse de fin war – erinnern Sie sich, das war auch Ihre Meinung.

»Er wollte sein Lebenlang in Barbizon wohnen und Bilder malen; aus der großen Welt machte er sich gar nichts. Ein solches Leben wäre gerade recht für mich 408 gewesen und er hätte eine gute Frau an mir gehabt, das weiß ich gewiß. Die meisten Malerfrauen dort sind Wäscherinnen oder etwas dergleichen; kein Mensch kümmert sich darum und ihre Ehen sind oft sehr glücklich.

»So bin ich doch wahrhaftig für mein Unrecht schwer genug bestraft worden; freilich habe ich es auch reichlich verdient.«

»Bist du denn eigentlich einmal konfirmiert worden, Trilby?«

»Ich glaube kaum – ich erinnere mich wirklich nicht mehr.«

»Du meine Güte! Weißt du denn wenigstens etwas von unserm lieben Heiland, von der Menschwerdung, der Sündenvergebung, der Auferstehung? . . .«

»O ja – das habe ich alles gewußt. Sonntags ließ mich Mama immer den Katechismus lernen. Darauf hielt sie mit großer Strenge, was sie auch sonst versäumt und verfehlt haben mag, die arme Mama. Es kam mir alles sehr verwickelt vor. Aber Papa sagte, ich solle mir den Kopf nicht zerbrechen, sondern nur versuchen gut zu sein. Gott würde am Ende schon alles zum Besten lenken – für die ganze Menschheit und jeden einzelnen von uns. Das klingt doch sehr vernünftig, nicht wahr?

»Wenn ich gut wäre, sagte Papa, brauchte ich mir keine Sorge darüber zu machen, was die Priester lehrten. Er sei selber ein Pfarrer gewesen, und wisse Bescheid.

409 »Leider bin ich nicht sehr gut gewesen, das kann ich nicht leugnen. Aber Gott weiß, wie oft und wie bitterlich ich es bereut habe. Auch jetzt noch fühle ich Reue darüber. Vor dem Tode fürchte ich mich aber ganz und gar nicht; im Gegenteil, ich sterbe gern. Wenn auch der arme Papa nicht glücklich gewesen ist, glaube ich doch, daß er recht gehabt hat. Er war der klügste und beste Mann, den ich je gekannt habe, außer Taffy, dem Laird und Ihrem lieben Sohn.

»Es wird keiner von uns in die Hölle kommen – hat er mir versichert – die Hölle, die wir für uns und andere auf Erden bereiten, ist schon allein schlimm genug. Die Eltern, pflegte er zu sagen, wären für ihre Kinder verantwortlich; er und Mama für mich – seine Eltern für ihn, die Großeltern für diese und so immer rückwärts bis auf Noahs Zeiten und weiter zurück. Gott aber sorgt für uns alle.

»Papa riet mir, immer zuerst an andere zu denken, wie es Taffy thut und Ihr Sohn; mich vor nichts zu fürchten, keine Lüge zu sagen und mäßig im Trinken zu sein, dann würde ich auf dem rechten Wege bleiben. Aber ich bin trotzdem manchmal auf den falschen Weg geraten, es war aber nicht Papas Schuld, sondern nur Mamas und meine eigene. Das habe ich gewußt und es ist mir schon währenddem jämmerlich zu Mute gewesen, und auch nachher. Aber ich zweifle gar nicht, daß mir vergeben 410 wird – o nein, ich weiß es gewiß – und auch alle andern können Vergebung finden, selbst die schlechtesten Menschen, die je gelebt haben. Giebt man ihnen in der künftigen Welt nur Verstand genug, um ihre ganze Schlechtigkeit auf Erden zu erkennen, so ist das schon eine reichliche Strafe für alles, sollte ich meinen. Auf diese Art ist die Sache ganz einfach, nicht wahr? Und wenn es nun gar keine künftige Welt gäbe – was ja auch nicht undenkbar ist – dann wäre die Sache noch viel einfacher.

»Nicht alle Pfarrer der Welt, nicht einmal der Papst in Rom können mich an Papa irre machen, oder mich zwingen, noch an eine besondere Strafe in der Ewigkeit zu glauben, außer dem, was wir alle hier auf Erden schon durchzumachen haben. Ce serait trop bête!

»Wenn Sie es also nicht sehr dringend wünschen, oder Herr Thomas Bagot sich vielleicht beleidigt fühlt, möchte ich nicht mit ihm über solche Dinge reden. Muß es sein, so will ich lieber mit Taffy davon sprechen. Taffy ist sehr klug, obgleich er nicht so viele gescheite Sachen sagt, wie Ihr Sohn, und lange nicht so schön malen kann wie er. Aber ich bin gewiß, er würde Papa recht geben.«

Und wirklich, als der gute Taffy in dieser ernsten Angelegenheit um seine Meinung gefragt wurde, stellte sich heraus, daß er mit dem verstorbenen Michael Patrick O'Ferrall völlig übereinstimmte; der Laird ebenfalls, und 411 der kleine Billy (zur schmerzlichen Überraschung seiner Mutter) nicht minder.

Auch Sir Oliver Calthorpe, Sir Jacob Wilcox, Doktor Thorne, Antoine, Lorrimer und der Grieche teilten seine Ansichten.

Und als in späteren Jahren Frau Bagots Seele von tausend Rätselfragen zerwühlt, von Gram und Kummer durch und durch geschüttelt und zerrissen worden war, bis Zeit und Alter die Schmerzen heilten, und nur noch die Narben sie daran erinnerten, wie tief und schwer die Wunden einst gewesen – da ward auch sie derselben Meinung.

 

An einem denkwürdigen Sonnabend-Nachmittag, als es in der Charlottestraße eben zu dämmern begann, lag Trilby, mit Kissen gestützt, in ihrem hübschen blauen Morgenkleid bequem auf dem Sopha am Kamin.

Sie hatte im Lauf des Tages mit Hilfe des guten Taffy ihr Testament aufgesetzt, um über ihre vielen wertvollen Schmucksachen zu verfügen, die man zusammen wohl auf ein Vermögen schätzen konnte. Es waren lauter Andenken von Leuten, die ihren Gesang bewundert hatten, vom Fürsten bis zum wohlhabenden Bürgersmann; aber wo, wann und von wem sie die einzelnen Kostbarkeiten erhalten hatte, ahnte niemand mehr. Man hatte ihr gesagt, daß es Geschenke wären, die Svengali ihr gemacht habe und sie erinnerte sich auch recht gut an einige solche 412 Gelegenheiten, bei denen seine Gaben von leidenschaftlicher Beteuerungen seiner Liebe begleitet waren. Seine Gefühle für Trilby mußten wohl tief, aufrichtig und beständig gewesen sein, trotzdem sie nicht vermocht hatte, dieselben zu erwidern.

Den größten Teil der Besitztümer hinterließ sie der treuen Martha.

Jedem der trois Angliches vermachte sie einen schönen Ring für seine Braut, wenn er einmal heiratete und die Braut ihn tragen mochte.

Frau Bagot hatte ein Perlenhalsband erhalten und Fräulein Bagot das Sternendiadem. Sehr schöne und kostbare Sachen hinterließ sie den drei Ärzten, die bei ihrer Pflege große Sorgfalt und Hingabe bewiesen hatten und sich weigerten (wie man ihr sagte), ein Honorar für die Behandlung der Madame Svengali anzunehmen. Für Antoine, Lorrimer, den Griechen, Dodor und Zouzou bestimmte sie hübsche Manchettenknöpfe und Krawattennadeln, Carnegie erhielt das kleine silberne Riechfläschchen, das von Lord Witlow stammte; auch die Vinards, Angèle Boisse und andere wurden nicht vergessen.

Geckos Andenken bestand in einer prachtvollen goldenen Uhr und Kette, nebst hundert Pfund und einigen herzlichen Zeilen.

Sie hatte das alles mit Taffy bis ins kleinste beraten und jedes Vermächtnis nach des Empfängers 413 Eigentümlichkeit besonders für ihn ausgesucht. Der geschäftsmäßige Ton, welchen Taffy annahm und der gewissenhafte Eifer, mit dem er auf alle ihre Wünsche einging, war ihr ein Trost und ein Labsal gewesen. Er hatte so ernst und feierlich ausgesehen und keine Mühe gescheut. Freilich konnte sie nicht ahnen, was sein gefühlvolles Herz dabei im stillen erduldete.

Die Urkunde war in aller Form Rechtens unterzeichnet, von den Zeugen beglaubigt und Taffys Obhut übergeben worden. Jetzt lag Trilby still und glücklich da, mit dem Gefühl, daß sie nichts mehr zu thun habe, als die flüchtige Stunde zu genießen und keinen der kostbaren Augenblicke, die ihr noch gegönnt waren, unbenützt vorübergehen zu lassen.

Sie litt weder Körper- noch Seelenschmerzen und war von allen Menschen umgeben, die sie am liebsten hatte – Taffy, dem Laird, dem kleinen Billy und Frau Bagot, während Martha mit der großen Hornbrille in der Ecke saß und strickte.

Trilby horchte, wie immer, auf das Geplauder der Freunde und nahm herzlich teil daran. Ihre liebevollen Blicke schweiften von einem zum andern; mit Worten ließ es sich nicht ausdrücken, wie teuer sie ihr alle waren. Wenn sie sprach, floß ihr Mund über von der Liebe, die in ihrem Herzen thronte, und ihre schwache Stimme klang schöner, weicher und voller als irgend eine andere in dem Zimmer 414 oder in der ganzen Welt – es waren Laute ungewöhnlicher Art, die aus einer andern Sphäre zu stammen schienen.

Ein Karren fuhr unten vor, es klingelte draußen und gleich darauf wurde eine Holzkiste ins Zimmer gebracht.

Auf Trilbys Wunsch packte man sie aus, und eine große Photographie Svengalis unter Glas und Rahmen kam zum Vorschein. Sie stellte ihn in der Uniform seiner eigenen ungarischen Kapelle dar, wie er am Dirigentenpult stand, mit der linken Hand ein Notenblatt umwandte und mit der rechten den Taktstock schwang. Ein ausgezeichneter Wiener Künstler hatte das Bild gemacht; Svengali war sprechend ähnlich und sehr günstig aufgefaßt; da er aus der Photographie heraussah, richtete sich sein Blick gerade auf den Beschauer. Es lag etwas Ehrfurchtgebietendes in Miene und Haltung, und seine großen schwarzen Augen hatten einen strengen, befehlshaberischen Ausdruck.

Martha erblickte kaum das Bild, als sie an allen Gliedern zu zittern begann. Trilby ließ es sich reichen, und ein Ausruf der Verwunderung entfuhr ihr. Sie hatte es noch nie gesehen und besaß überhaupt keine Photographie von Svengali.

Keine Botschaft irgend welcher Art, kein erklärender Brief begleitete das überraschende Geschenk. Nach den Postzeichen zu urteilen, mußte die Kiste ganz Europa durchreist haben, bis sie schließlich nach London kam. Sie war aus irgend einem fernen Ort im östlichen Rußland 415 abgesandt – ein unheilschwangeres Geschick hatte sie aus dem geheimnisvollen Osten, der Geburtsstätte von Pest und Tod, hierhergeführt.

Trilby stützte das Bild gegen ihre Kniee und sah es lange mit unverwandten Blicken an; von Zeit zu Zeit ließ sie eine gelegentliche Bemerkung fallen, wie: »Er war wirklich ein schöner Mann,« oder »die Uniform steht ihm sehr gut. Weshalb mag er sie wohl angezogen haben?«

Die Freunde setzten das unterbrochene Gespräch fort und Frau Bagot bereitete den Kaffee. Als sie Trilby eine Tasse reichen wollte, fand sie sie noch immer in derselben Stellung, wie vorhin; mit großen, weitgeöffneten Augen, die in seltsamem Glanz leuchteten, starrte sie das Bild an.

»Trilby, Trilby, hier bringe ich den Kaffee. Was hast du denn, Trilby – fehlt dir etwas?«

Sie lächelte mit irrem Blick und gab keine Antwort.

Alle standen auf und drängten sich besorgt um sie. Martha wollte in ihrer Angst die Photographie sogleich entfernen, man hinderte sie jedoch daran, weil man nicht wußte, welche Folgen das haben könne.

Taffy klingelte und schickte einen Diener nach Doktor Thorne, der in der Nähe wohnte.

Auf einmal fing Trilby an, ganz leise auf Französisch zu sprechen: »Encore une fois? bon, je veux bien! avec la voix blanche alors, n'est ce pas? et puis foncer an milieu. Et pas trop vite en commençant! Battez bien 416 la mesure - Svengali - que je puisse bien voir - car il fait déjà nuit! c'est ça! Allons, Gecko - donne-moi le ton!«

Dann lächelte sie und schien den Takt anzugeben, indem sie den Kopf ein wenig hin und her bewegte und den Blick fest auf Svengalis Bild geheftet hielt. Plötzlich fing sie an, Chopins Impromptu in Cis-moll zu singen.

Die Töne perlten ihr vom Munde ohne Worte – sie solfeggierte nur und ihre Brust hob sich kaum. Es war als brauche sie keinen Atem bei so geringer Entfaltung ihrer Stimme, deren Klang noch ebenso voll und schön war wie früher; sie hätte das Zimmer, das ganze Haus damit erfüllen und ihre Zuhörer mit einem Strom himmlischer Töne überschütten können.

Welche Meisterin in ihrer Kunst sie war und wie sie ihre Stimme geschult hatte! Sie sang mit einer Leichtigkeit wie andere die Augen öffnen und schließen – kein Mensch hätte ihr das nachthun können.

Vor Verwunderung, Staunen und Schrecken standen alle Anwesenden wie zu Bildsäulen erstarrt. Nur Martha schlug die Hände zusammen und lief zur Thür hinaus mit dem Ruf: »Gott im Himmel! wieder zurück – wieder zurück!«

Genau so hatte Trilby im Saal der Baschi-Bozuks gesungen; nur klang es diesmal noch himmlischer und berückender, weil sie nur mit halber Stimme sang und ihre ganze Seele aus den Tönen sprach.

417 Die vier Zuhörer, welche wie verzaubert um ihr Lager standen, vernahmen wohl den göttlichsten Gesang, der je einem Menschenmunde entströmt ist.

Thränen stürzten Frau Bagot und dem kleinen Billy über die Wangen; Thränen standen dem Laird in den Augen, und auch in Taffys Bart hingen Thränentropfen. Wie damals waren es Wonnethränen, die sie vergossen.

Als nach dem Adagio das rasche Tempo eintrat, wurde der Klang immer schöner und überirdischer, die Stimme reicher und voller, je mehr sich das Tempo nach dem Ende zu beschleunigte. Dann fing sie an zu verhallen und dahinzusterben, bis zuletzt nur noch ein melodischer Hauch übrig blieb. Nun folgte das leise chromatische Aufsteigen bis zum mittleren E – die letzte Rakete, der Scheideblick, den Svengali selbst am Schluß noch hinzugefügt hatte, denn er fehlt in der Klavierausgabe.

Trilby war fertig. »Ça y est-il cotte fois, Svengali?« fragte sie. »Ah! tant mieux, à la fin! c'est pas malheureux! Et maintenant, mon ami, je suis fatiguée - bon soir!«

Ihr Kopf fiel in die Kissen zurück und sie versank in tiefen Schlummer.

Frau Bagot nahm das Bild leise fort; der kleine Billy kniete neben dem Lager, hielt Trilbys Hand in der seinigen und fühlte nach ihrem Puls, den er nicht finden konnte.

418 »Trilby, Trilby,« flüsterte er und legte das Ohr an ihren Mund, um sie atmen zu hören, aber er vernahm nichts.

Gleich darauf faltete sie die Hände über der Brust, stieß einen kurzen Seufzer aus und murmelte mit schwacher Stimme: »Svengali . . . . Svengali . . . . Svengali! . . . .«

Schweigend und schreckensbleich standen alle regungslos um sie her.

Der Doktor kam, legte die Hand auf ihr Herz, das Ohr an ihre Lippen, hob eins ihrer Lider und sah ihr ins Auge. Dann stand er auf und sagte mit vor Bewegung zitternder Stimme: »Madame Svengali hat ausgelitten; alle ihre Schmerzen sind vorüber.«

»Großer Gott, ist sie tot?« rief Frau Bagot.

»Ja; sicher schon seit einigen Minuten – möglich aber auch, daß der Tod bereits vor einer Viertelstunde eingetreten ist.«

 


 

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