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George du Maurier: Trilby - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleTrilby
authorGeorge du Maurier
translatorMargarete Jacobi
year1897
firstpub1897
publisherRobert Lutz
addressStuttgart
titleTrilby
pages447
created20100401
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünfter Teil.

Ein Intermezzo.

»Einst macht' ich mein Herze auf, weit, weit,
Daß herein konnt' ziehen die Frühlingszeit; –
Jetzt herrscht drin ein Winter strenger Art,
Der hat es verschneit und zu Eis erstarrt.
Ach, könnte ich doch in fröhlicher Hast
Vom Herzen schütteln die Winterlast!«
       

Als Taffy und der Laird in das Atelier auf dem Platz St. Anatole des Arts zurückkehrten, um dort ihr altes Leben von neuem anzufangen, beschlich sie ein ganz unbeschreibliches Gefühl der Vereinsamung und Verlassenheit, das sich nicht wieder abschütteln ließ, wie auch die Zeit verging.

Die beiden Hauptpersonen des Kreises, Trilby und der kleine Billy, hatten doch wohl einen allzumächtigen Zauber ausgeübt. Nach dem vertraulichen Umgang, den die vier zusammen gepflogen, schien es sehr schwer, nun ohne sie weiter zu leben.

»O es war eine so wunderschöne Zeit, wenn sie auch nicht lange gedauert hat!« Diese Worte aus Trilbys 220 Abschiedsbrief fanden in den Herzen der beiden Freunde einen traurigen Wiederhall.

Das ist nun einmal die Schattenseite unseres Verkehrs mit liebenswürdigen Menschen, daß es uns so schrecklich sauer fällt, sie zu entbehren, nachdem wir uns einmal an ihre ganze Art und Weise gewöhnt haben.

Sind sie aber nicht nur liebenswürdig, sondern auch natürlich, anhänglich, klug, treu und aufrichtig wie Trilby und der kleine Billy, so entsteht durch ihren Weggang eine Lücke in unserm Leben, die nichts auszufüllen vermag; besonders wenn sie noch Genie haben wie der kleine Billy und so eigenartig sind wie Trilby im Denken, Reden und Thun.

Nichts war unverändert geblieben. Sogar das Fechten und Boxen wurde ganz nachlässig betrieben, nur noch aus Gesundheitsrücksichten, und schon begann eine dünne Fettschicht sich über die Hügel und Thäler auf Taffys gewaltigem Oberarm zu lagern.

Dodor und l'Zouzou kamen nicht mehr so oft zu Besuch, nun der reizende kleine Billy samt seiner reizenden Mutter und noch reizenderen Schwester fort war; auch Carnegie, Antoine, Lorrimer, Vincent und den Griechen sah man höchst selten. Gecko kam gar nicht mehr. Sie vermißten sogar Svengali, trotzdem sie ihn nicht hatten ausstehen können.

Ein Stutzflügel, auf dem niemand spielt, ist ein trübseliges, grämliches Möbel – alle Töne und Erinnerungen 221 sind darin begraben; er gleicht einem Mausoleum, oder einem großen, schwarzen Sarg auf der Tragbahre. Deshalb schickte man ihn mit la petite vitesse als Frachtgut nach London zurück, wie er gekommen war.

Allmählich wurden Taffy und der Laird ganz tiefsinnig und mutlos. Sie frühstückten jeden Tag im Café de l'Odéon und bekamen die guten Omeletten dort förmlich satt; der rote Wein fiel ihnen aber auf die Nerven und stieg ihnen in Kopf und Gesicht, so daß sie sich schläfrig fühlten, bis es Mittagszeit war. Dann wachten sie auf, zogen sich anständig an und speisten sehr vornehm im Palais Royal, der Passage Choiseul oder der Passage des Panoramas, für drei Franken, drei Franken fünfzig, sogar für fünf Franken die Person, und gaben dem Kellner jeder einen halben Franken Trinkgeld. Ins Theater gingen sie fast alle Abend und kamen meist in einer Droschke zurückgefahren, wobei sie Havannas rauchten, das Stück zu fünfundzwanzig Centimes – fünf Sous – zwanzig Pfennig!

Mit der Zeit fingen sie sehr kleinlaut an, die gute Gesellschaft zu besuchen, in Frack und weißer Halsbinde, wie Lorrimer und Carnegie. Sie machten sich auch am Hinterkopf den Scheitel in der Mitte und kämmten ihr Haar nach vorn, wie es damals englische Sitte war. Nicht lange, so abonnierten sie auf ›Galignanis Messenger‹, ließen sich in den Cercle Anglais aufnehmen, der nur aus britischen 222 Philistern vom reinsten Wasser bestand, und gingen am Sonntagmorgen zum Gottesdienst in die Rue Marboeuf.

Zu Ende des Sommers war ihre Demoralisation endlich so groß geworden, daß sie einsahen, es könne unmöglich noch länger so fortdauern. Sie beschlossen ihr Atelier aufzugeben, Paris zu verlassen und den Winter über nach Düsseldorf zu gehen, wo (wie der Laird, der dort ein Jahr zugebracht hatte, aus Erfahrung wußte) englische Maler, die sich nicht überarbeiten wollen, einen angenehmen Aufenthalt finden.

Schließlich ging Taffy zur Kirmes nach Antwerpen, um den modernen flämischen Trunkenbold getreu nach der Natur zu malen, und der Laird reiste nach Spanien, mit der Absicht, dort wirkliche Toreadore zu studieren.

Ich will nur gleich hier erwähnen, daß die ›Stierkämpfe‹ des Laird, welche in Schottland so großen Absatz gefunden hatten, so lange er sich begnügte, sie im Atelier von St. Anatole des Arts anzufertigen, weder gefielen noch verkauft wurden, nachdem er in Madrid und Sevilla gewesen war. Er beschloß daher, römische Kardinäle und neapolitanische Pifferaris aus dem Kopfe zu malen, und hatte solches Glück damit, daß er, um sich den Markt nicht zu verderben, die beabsichtigte Reise nach Italien aufgab.

Statt dessen ging er nach Algier, wohin Taffy ihm nachkam, um algerische Juden nach dem Leben zu malen (die er nicht verkaufte); dann brachten sie ein Jahr in 2231 München zu, ein Jahr in Düsseldorf, einen Winter in Kairo u. s. w.

Während der ganzen Zeit ließ Taffy, der alles au grand sérieux nahm – besonders die Rechte und Pflichten der Freundschaft – den regelmäßigen Briefwechsel mit dem kleinen Billy nicht einschlafen. Dieser hinwiederum erzählte in seinen ausführlichen und sehr unterhaltenden Antworten viel aus seinem Londoner Leben, das in einer Reihe von künstlerischen und gesellschaftlichen Triumphen bestand, deren er jedoch nur mit aller Bescheidenheit erwähnte. Nach seinen Briefen zu urteilen, hätte man glauben können, er sei der glücklichste und zufriedenste Mensch auf Gottes Erdboden.

Es war damals in England eine sehr günstige Zeit für junge, vielversprechende Künstler; eine Zeit des Umschwungs und der Fortentwicklung. Neue Schulen wurden gegründet, alte zu Fall gebracht – der heftig hin und her wogende Kampf ums Dasein ließ nur den wirklich Tüchtigen am Leben, so daß man hoffen durfte, der endliche Sieg werde allein dem Begabtesten zu teil werden.

Unter den vielen Berühmtheiten jener Periode nehmen zwei Namen einen bedeutenden Platz ein. Ihre Träger erfreuten sich unmittelbarer und dauernder Anerkennung, ja, der Einfluß, den sie auf ihre Zeitgenossen ausübten, hat seine Wirkung noch heutigen Tages nicht verloren.

Die Welt wird die beiden ungewöhnlich begabten jungen Künstler, Frederic Walker und William Bagot, so 224 bald nicht vergessen. Sie wurden damals immer zusammen genannt, oder einander entgegengestellt, gerade wie man sich gewöhnt hat Thackeray mit Dickens, Carlyle mit Macaulay, Göthe mit Schiller zu vergleichen. Man weiß, daß dies eine Thorheit ist, und kann doch der Versuchung nicht widerstehen. Was nutzt es wohl, die Rose mit der Lilie zu vergleichen?

Das Beste, was die Kunst in England während der letzten dreißig Jahre in der Ölmalerei, im Aquarell, mit Tusche und Kreide geleistet hat, verdankt sie ohne Zweifel dem Vorbild und der Anregung jener beiden jungen Genies. Wenn sie auch echte Söhne ihres Landes und ihrer Zeit waren, blieben sie doch immer eigenartig, empfingen ihre Eindrücke unmittelbar von der Natur selbst und ließen sich weder durch neue noch durch alte Meister beeinflussen. Sie gründeten selber Schulen, statt sich den bestehenden anzuschließen, schrieben sich ihre eigenen Gesetze und wurden zu Gesetzgebern für viele.

Alle Gebiete beherrschten sie in gleicher Vollkommenheit: Landschaften, Figuren, Vögel, Vierfüßler, Fische. Man erinnere sich nur an F. Walkers ›Laden des Fischhändlers‹, und an W. Bagots buntscheckige Ferkelchen mit dem ehrwürdigen schwarzen Mutterschwein und dem rosigen, fetten, unförmlichen, watschelnden Papa. Wie viel Kraft, Zartheit und tiefe Empfindung trifft man hier vereinigt; wie erstaunlich ist die Anmut und Leichtigkeit der Ausführung! 225 Jedes der beiden Werke ist vollendet in sich; sie sind himmelweit von einander verschieden und ergänzen sich doch auf das wunderbarste.

Merkwürdigerweise waren die Künstler auch im Äußern nur wenig verschieden. Beide klein, schlank und schön gebaut, mit zierlichen Händen und Füßen; immer gekleidet wie die Lilien auf dem Felde, obgleich sie mit solchem Eifer arbeiteten und spannen. Beide hatten edle, regelmäßige Gesichtszüge und wußten sich durch ihr natürliches, einnehmendes Wesen rasch die aufrichtigste Zuneigung aller Kreise zu erwerben.

Que la terre leur soit légère!

Wessen Namen größer ist, vermag niemand zu sagen. Ich glaube ihre Ruhmessäulen waren von ganz gleicher Höhe, Dicke und Breite, gerade wie ihr eigener Wuchs. Nur darin unterschieden sie sich von den beiden zarten Gestalten, daß es nach meinem Ermessen die höchsten und dauerhaftesten Säulen in den Kunstgefilden der unsterblichen toten Meister sind, die unsere neue Zeit aufzuweisen hat.

 

Die Kunst des kleinen Billy und sein Ruhm als Maler, kommen für unsere Geschichte jedoch nur soweit in Betracht, als sie Einfluß auf sein Leben und seinen Charakter übten.

»Ich möchte gern wissen, wie der Engländer sein Herz verloren hat und möchte die Geschichte seiner ersten Liebe hören!«

226 »Frage ihn doch.«

»Frage du ihn lieber!«

Das waren Bouchardys und Popelards Worte gewesen, als der kleine Billy zum erstenmal in Carrels Atelier erschien. Antwort auf diese Frage zu geben ist die Aufgabe unserer Erzählung.

 

Ein hübscher, wohlerzogener, fein gekleideter und berühmter junger Mann findet sehr leicht Einlaß in der Londoner Gesellschaft und braucht nicht erst anzuklopfen. Man hätte aber lange nach jemand suchen können, der hübscher, gebildeter, vom Geschick begünstigter und anscheinend glücklicher war als der kleine Billy. Seine Fehler verzieh man ihm leicht, und alle Welt pries seine Tugenden.

Als Taffy und der Laird, nach vier oder fünf Wanderjahren durch fremde Länder, eines Tages in London eintrafen, fanden sie ihn in seinem schönen Atelier in Fitzroy Square, an das sich mehrere behagliche Wohnräume anschlossen. Reizende Studien zu angefangenen Bildern und zahllosen Skizzen schmückten die Wände. Alle Möbel, Nippessachen und bric-à-brac waren aufs geschmackvollste ausgewählt; weder ausländische Tapeten und Vorhänge, farbenprächtige orientalische Draperien und Teppiche, noch der Stutzflügel von Collard, fehlten in diesem Künstlerheim.

Auf der Staffelei stand ›Die Monduhr‹, dies unsterbliche Gemälde, das zwar eben erst begonnen, aber 227 bereits von Moses Lyon, dem reichen Kunsthändler, angekauft war. So unverdrossen und angestrengt arbeitete niemand, wie der kleine Billy, doch gönnte er sich auch zur rechten Zeit die nötige Ruhe und Erholung.

Der große Spiegel auf seinem Kaminsims steckte voll von Einladungskarten und zarten, duftenden Briefchen, auf denen manche Adelskrone prangte; denn seine eingebildete Abneigung gegen stolze Herzöge, Freiherrn und Grafen hatte er längst überwunden (wie wir das alle früher oder später zu thun pflegen, wenn wir in der Welt vorwärts gekommen sind); auch gegen ihre Frauen, Schwestern, Töchter und Cousinen hatte er nichts mehr einzuwenden, noch weniger als gegen ihre Mütter und Tanten. Trotz seiner zarten Jugend lief er Gefahr (zum Schaden seiner Kunst), einer jener Allerweltsfreunde zu werden, wie ihn gefühlvolle Frauen, die nicht wissen, was sie mit ihrer Zeit anfangen sollen, so schwärmerisch lieben – der Mann mit dem platonischen Herzen (das Raum hat für viele), ein Ritter der Damen, ihr Vertrauter und Beschützer, den weder Gatten noch Brüder fürchten; ein zartfühlender, harmloser Dilettant Amors, der zierliche Schäfer, der dans le pays du tendre wohnt, und nie weiter kommt.

Die Gattin überhäuft ihn mit Schmeicheleien, der Gatte schenkt ihm sein Vertrauen – von Gefahr aber ist keine Rede, sagt man – und das freut mich.

Der eine liebt seine Geige (oft leider auch die seines Nächsten) nur um der süßen Melodien willen, die er ihr entlocken kann – seine Liebe ist eigennütziger Art.

Ein anderer, der kein Spielmann ist, kann doch auch eine Geige lieben: er freut sich an ihrem Ebenmaß, ihrer Farbe, ihrer Zierlichkeit, an der feinen Maser, dem schlanken gewundenen Hals, der schönen Vorder- und Rückseite; er liebt die Geige sozusagen um ihrer selbst willen. Er kann sich eine ganze Galerie solcher Instrumente anlegen, denen er seine unschuldige Neigung schenkt – einen förmlichen Harem – ohne auch nur einen Ton von Musik zu verstehen, oder hören zu wollen. Er nimmt sie vom Nagel herunter, stäubt sie ab, streichelt sie, zieht die Schrauben an, klimpert darauf herum – pizzicato – hängt sie wieder hin, nennt sie mit den süßesten Schmeichelnamen: viol, viola, viola d'amore, viol di gamba, violino mio, flüstert ihnen seine kleinen Sorgen zu, und lauscht auf das seelenvolle Getön ihrer kaum hörbaren Antworten, das den Klängen einer feuchten Äolsharfe gleicht. Aber nie rührt er die Saiten, nie gleitet sein Bogen darüber hin, um einen Wohllaut – oder Mißton – darauf zu wecken. Und wer möchte behaupten, daß er nicht klug ist in seinem Geschlecht? Es ist eine altmodische, philiströse Vorstellung, daß Geigen zu nichts anderem da sind, als um auf sich spielen zu lassen; sie selber fangen jetzt an, sich dagegen aufzulehnen, und ganz mit Recht, wie mich dünkt.

Auf solche harmlose Art stand der kleine Billy in 229 freundschaftlicher Beziehung zu mancher schönen Dame de par le monde. Auch warfen ihm die weniger glücklichen Kunstgenossen wohl gar höchst ungerechterweise sein ›Strebertum‹ vor; denn nichts verdrießt den Bruder Thunichtgut und den Philister so sehr, als wenn die sogenannten Großen der Erde – das heißt alle die kleinen vornehmen Herren und Damen dieser kleinen Welt – plötzlich vertrauten Umgang mit uns pflegen. Das eifersüchtige Bruderherz fühlt sich dadurch verbittert und gedemütigt; selbst Ruhm und Erfolg verzeiht es uns leichter.

Ist denn die bloße Gönnerschaft eines hohen Herrn schon ein so kostbares Gut – ein Glorienschein, ein Ruhmesglanz? – O ihr armen Menschen!

»Ein elender Zigarrenstumpf, ein Stück Orangenschale,
Von eines Prinzen Fuß berührt, wird schön mit einem Male!«

Der kleine Billy war kein Streber – im Gegenteil, er hatte Mühe sich seiner Haut zu wehren. Die Großen und Vornehmen überschütteten ihn mit Beweisen von Gunst und Gastfreundschaft, sie machten förmlich um die Wette Jagd auf ihn. Zuerst nahmen sie ihn ganz für sich ein, und sie sind ja auch oft sehr liebenswürdig, diese huldvollen, gnädigen, leutseligen, gutgelaunten Halbgötter, deren Sitten so einfach und so natürlich sind – oft viel besser als ihre Sittlichkeit. Sie verstehen es meisterhaft im Golde zu waten, ohne daß ihnen etwas davon anklebt; den Reichtum 230 tragen sie mit Anmut und Würde, und die Besitzlosigkeit mit noch größerem Anstand. Das sind Tugenden, die unsere neue Geldaristokratie, die jüdische wie die christliche, erst noch zu lernen hat. Zur Zeit will sie sich überall nach vorn und nach oben drängen, und sich mit den Ellenbogen Platz machen, sowohl daheim als auf Reisen.

Bald aber entdeckte der kleine Billy, daß man viel in ihrer Gesellschaft sein kann und doch nie zu ihresgleichen gezählt wird, falls man nicht etwa eins ihrer sitzengebliebenen, häßlichen Küchlein ehelicht, und sich dadurch zu einer Art Anhängsel von ihnen macht. Aber selbst dann bettet sich der fremde Eindringling nicht immer auf Rosen, habe ich mir sagen lassen.

Nicht lange, so merkte er, daß ihm an ihrer Gesellschaft nicht das mindeste gelegen war, besonders nicht um solchen Preis; er sah zu viel von ihnen, und der Umgang verlor seinen Reiz, wie das stets der Fall ist. Sie waren nicht etwa alle von einer Sorte. Es gab gute, schlechte und mittelmäßige Leute darunter, die nicht einmal sehr wählerisch waren, wem sie ihre Gunst zuwandten, denn sie zogen manchen sonderbaren Kauz in ihre Kreise, nur um sich eine kleine Kurzweil mit ihm zu machen. Solches launenhafte Gönnertum brachte weder Ruhm noch Ehre; auch an Beispielen ihrer Treulosigkeit fehlte es nicht.

Kurz er glaubte zu bemerken, daß der Adel ebenso klug, freigebig, höflich und gebildet, ebenso engherzig, 231 unverschämt, prahlerisch, roh und gemein, ebenso hübsch oder häßlich, ebenso anmutig oder ungeschlacht, ebenso bescheiden oder eingebildet sein kann wie die übrigen Stände, die höheren so gut wie die niederen.

Schöne junge Mädchen, welche in ihren Malstunden kleine Landschaften mit einer epheubewachsenen Ruine im Mittelgrund gepinselt hatten, sprachen mit ihm sachverständig über Malerei de pair à pair, als ständen sie ganz auf derselben künstlerischen Stufe und wären auch nicht zu stolz dies anzuerkennen, trotz der gesellschaftlichen Kluft, die zwischen ihnen gähnte.

Von Zeit zu Zeit eroberte ihn eine freundliche alte Dame durch ihre Güte, Liebenswürdigkeit, Erfahrung und zarte weibliche Teilnahme, wie die verwitwete Lady Chiselhurst, oder eine liebreizende junge Dame entzückte ihn durch Schönheit, Witz, Gutherzigkeit und schwesterliches Interesse an all seinem Thun und Treiben, wie die Herzogin von Towers, die ihn unwillkürlich immer an Trilby erinnerte, obgleich sie so reich und vornehm war.

Aber gerade solche liebe Leutchen, junge wie alte, mit noch höheren Idealen, waren auch in weniger erhabenen Sphären zu finden, und obendrein leichter zugänglich, weil die unübersteigliche Kluft nicht dazwischen lag. Dort war von Gönnerschaft keine Rede; man brachte dem Künstler nur Hochachtung, warme Anerkennung und wohlthuende Lobsprüche entgegen.

232 So geschah es denn, daß der kleine Billy die hohen Herrschaften überdrüssig bekam, noch ehe sie seiner müde wurden. Wie unglaublich und unnatürlich das vielen auch erscheinen mag, ihm ersparte es manches Mißvergnügen. Er ließ sich bei den glänzenden Abendgesellschaften und sonstigen Zusammenkünften nicht mehr sehen, außer in zwei oder drei Häusern, in denen man ihm besonders wohlgesinnt war und ihn um seiner selbst willen stets willkommen hieß – z. B. bei Lord Chiselhurst in Piccadilly, wo die ›Monduhr‹ einige Jahre lang ihre Heimstätte fand, bis man sie nach ihrem letzten und besten Ruheplatz in der Nationalgalerie brachte; oder bei Baron Stoppenheim in Cavendish Square, der viele reizende kleine W. B. gezeichnete Aquarellbilder an Ehrenplätzen auf seinen golddurchwirkten Wandtapeten hängen hatte; oder in der prachtvoll eingerichteten Junggesellenwohnung des Kunsthändlers Moses Lyon. Der kleine Billy war nämlich ein ausgezeichneter Geschäftsmann (das muß ich zu meinem Leidwesen bekennen, obgleich es sich für einen Romanhelden durchaus nicht paßt). Jener homöopathisch verdünnte Tropfen des alten, guten, orientalischen Blutes, der ihm in den Adern floß, gestattete ihm nicht, seine Preise herunterdrücken zu lassen. Er blieb stets bei der Stange und beharrte durch dick und dünn auf der ersten Forderung.

Es machte ihm das größte Vergnügen, so viel Geld zu erwerben, als er irgend konnte, um mit wahrhaft 233 fürstlicher Freigebigkeit reiche Geschenke an seine Mutter und Schwester zu senden, deren Verhältnisse sich nach seinem raschen Erfolg wesentlich geändert hatten. Einen großmütigeren Sohn und Bruder gab es nicht, als den kleinen Billy mit dem erstarrten Herzen, das nicht mehr im stande war, zu lieben.

 

Zuweilen, um sich von all der Pracht auszuruhen und die unteren Strömungen des Londoner Lebens kennen zu lernen, suchte er wohl auch die im äußersten Osten gelegenen Stadtteile auf. In Whitechapel, den Docks, Ratcliffe Highway, Rotheshithe war er bald allgemein bekannt, entdeckte mancherlei, was ihn interessierte, und befreundete sich dort mit den Schiffsarbeitern, Zollwächtern, Abladern, Theerjacken und ähnlichen Leuten, so gut wie mit den Bewohnern von Bayswater, Belgravia oder Bloomsbury.

Mit besonderer Vorliebe beteiligte er sich an den ›Singsangs‹ oder freien Zusammenkünften, bei denen die Arbeiter nach ihrem schweren Tagwerk Erholung fanden. Dort saß man um einen Tisch herum, der mit zinnernen Bechern und Gläsern voll schäumenden Biers besetzt war; man rauchte, trank, und jeder, der singen konnte, gab ein Lied zum Besten. Keiner der Gäste wußte sich hier so rasch heimisch und beliebt zu machen wie der kleine Billy; niemand sang schönere Lieder oder brachte bessere Toaste aus wie er; nicht einmal Dodor oder l'Zouzou hätten ihn 234 darin übertreffen können. Dabei war er so froh und heiter, und benahm sich ebenso höflich und ungezwungen unter diesen einfachen Menschen, wie in den prächtigen Gesellschaftsräumen der Großen, wo fürstlich bezahlte Sänger sich hören lassen, Künstler am Flügel die Begleitung spielen, und die Unterhaltung während des Gesangs ruhig weiter geht.

So wuchs sein Mitgefühl für die Menschen im allgemeinen mehr und mehr, und entschädigte ihn gewissermaßen dafür, daß er es verlernt hatte, sich einzelnen mit besonderer Wärme anzuschließen. Denn zu einer engeren Freundschaft ließ er es niemals kommen; alle Versuche, sich ihm vertraulich zu nahen, scheiterten an seiner Zurückhaltung; er wies sie zurück, weil er fühlte, daß er sie nicht erwidern könne. Mancher schwärmerische Bewunderer seines Talents und seiner persönlichen Liebenswürdigkeit kam zu der Überzeugung, daß er, bei all seinen Gaben, doch herzlos und launenhaft sei und ebenso schnell bereit eine Beziehung wieder zu lösen, wie er sie angeknüpft hatte.

Und doch war ihm nur im Zusammensein mit andern Menschen recht wohl. Er fühlte sich auf der Dampffähre so glücklich wie auf dem Yachtschiff eines Millionärs; ein Sitz auf der engen Bank des gefüllten Omnibus war ihm ebenso lieb wie die Polsterkissen des vornehmen Herrschaftswagens. Ihm lag nur daran, den warmen Pulsschlag seiner Mitmenschen in unmittelbarer Nähe zu fühlen; auch vor der Berührung einer schwarzen, schwieligen Hand 235 scheute er nicht zurück. Diese große, weite, herzgewinnende Menschenliebe spiegelt sich, nach meiner Ansicht, in allen seinen Werken wieder.

Im ganzen zog er jedoch bald die Gesellschaft der besten und klügsten Männer seines eigenen Standes, jeder anderen vor. Er verkehrte am liebsten mit denen, welche sich durch besondere Gaben und hohe Bildung in ihrem Beruf hervorthun, mit den Arbeitern auf den verschiedenen Geistesgebieten, die er für das Salz der Erde hielt und zu denen er sich gleichfalls rechnete.

Auf die Dauer kann sich der Mensch doch nur unter seinesgleichen wahrhaft heimisch fühlen – und sollte er zur Verbrecherklasse gehören – nirgends sonst werden wir so aufrichtig willkommen geheißen, so herzlich aufgenommen und zum Bleiben genötigt, wenn wir uns nur einigermaßen angenehm machen und man Ehre mit uns einlegen kann. Selbst unser Andenken wird von unsern Standesgenossen am längsten bewahrt, falls wir überhaupt im Gedächtnis der Menschen weiter leben.

Wenn der kleine Billy Ruhe und Erholung brauchte, so suchte er sie von nun an in den Häusern derer, die, wie er, auf einer Lebensreise voll Arbeit, Mühe und rastlosen Strebens (der scheinbar glücklichsten, die es giebt), einmal Halt machen wollten, um sich an den frischen Wassern und im kühlen Schatten einer Oase zu erquicken. Man wohnte dort zwar nicht in goldenen Zelten, aber 236 Speise und Trank wurden gut und reichlich geboten und die Unterhaltung drehte sich um mehr als um den Hof, die Jagd, das Pferderennen und enge Parteipolitik, oder um die gefeiertste Schönheit, die neueste Verlobung oder Entführung in der vornehmen Welt. Dort spielten die größten lebenden Künstler zu ihrer und anderer Freude viel schöner als in Konzerten für schweres Geld, man hörte ihrem Vortrag mit Verständnis, unter lautlosem Schweigen zu und zollte ihnen den aufrichtigsten Dank.

Es gab damals – und giebt, Gott sei dank, auch heute noch – einige solche Häuser in London. Der kleine Billy hatte dort Zutritt und badete sich mit Wonne in den Fluten des Wohllauts, in dem Strom des klugen Gesprächs, im Meer der weiblichen Bewunderung. Er vergaß dabei manchmal sogar seine Herzenserstarrung, dies chronische Übel, an dem er litt, und für das kein Doktor eine Erklärung oder Heilung wußte. Mit der Zeit hatte er sich darein ergeben, wie man thut, wenn man taub, blind oder gelähmt ist, denn der Zustand dauerte jetzt fast fünf Jahre unverändert fort. Dann und wann kam es ihm im Traum einmal so vor, als habe er seine verlorene Liebesfülle für Mutter, Schwester, Freund, wiedergewonnen; gerade wie der Blinde zuweilen träumt, daß ihm sein Augenlicht zurückgegeben sei. Jedesmal aber erweckte ihn die übergroße Freude, die er dabei empfand, wieder zur traurigen Wirklichkeit, bis er zuletzt auch im 237 Schlaf sich stets bewußt blieb, daß er nur träume, so oft er dies kostbare Gut von neuem zu besitzen meinte. Dann that er was er konnte, um nicht aufzuwachen; er strich diese Nächte im Kalender rot an und erinnerte sich ihrer noch lange.

Nirgends aber fühlte er sich glücklicher als in Gesellschaft der großen Chirurgen und Ärzte, die sich für sein sonderbares Leiden interessierten. Denn, wenn Leute wie der kleine Billy krank werden, so thun die großen Doktoren (wie die großen Musiker) aus bloßer Liebe und Güte mehr für sie als für die Fürsten dieser Welt, die ihnen viele tausend Goldstücke als Honorar bezahlen und sie mit Ehren überhäufen.

 

Unter allen ihm bekannten Häusern in London war keins angenehmer und gastfreier als das des großen Bildhauers Cornelys. Der kleine Billy war dort so beliebt, daß er ohne weiteres seine beiden Freunde, Taffy und den Laird gleich am ersten Abend nach ihrer Ankunft in die Gesellschaft mitbringen konnte.

Vorher aber speisten die drei miteinander in dem reizenden kleinen französisch-italienischen Gasthaus in der Nähe von Leicester Square, wo sie Bouillabaisse aßen (man denke sich des Lairds Entzücken!) und spaghetti und poulet rôti, was gar nicht dasselbe ist wie ein gebratenes Huhn. Den Salat durfte Taffy selbst mischen, und sie 238 rauchten ihre Zigarren gleich an Ort und Stelle, sobald sie fertig gegessen hatten – wie das in den guten alten Pariser Tagen ihre Gewohnheit gewesen.

Das war eine glückliche Mahlzeit für Taffy und den Laird. Sie hatten ihren kleinen Billy wieder, scheinbar ganz unverändert, noch ebenso anhänglich, teilnehmend und zärtlich, und gar nicht eingebildet. Er wußte über so viele Dinge zu sprechen, die für sie neu waren und ungemein interessant. Sie ihrerseits hatten auch mancherlei zu erzählen, aber sie redeten nicht viel von Paris, aus Furcht, Gott weiß was für alte Geschichten wieder aufzurühren.

Mitten in diesem fröhlichen Beisammensein alter langgetrennter Freunde, machte sich leider des kleinen Billy traurige Gemütskrankheit wieder auf so qualvolle Weise bemerklich, als hätten ihn vergiftete Pfeile getroffen. Er mußte unwillkürlich denken, daß Taffy doch sehr dick geworden wäre und ein ganz sonderbarer Kleinigkeitskrämer; und daß der Laird ein rechter Schwätzer sei, so kopflos, so ohne Saft und Kraft! Wie gierig sie beide die Speisen verschlangen und dabei rot wurden bis über die Ohren; wie plump und gewöhnlich sie aussahen, wie ihre Gesichter glänzten! Würde es ihn wohl auch nur im geringsten betrüben, wenn sie im nächsten Augenblick vom Schlage getroffen, tot unter den Tisch fielen? – Dann zeigte er sich womöglich noch anhänglicher, teilnehmender und zärtlicher; denn das waren ja alles nur Symptome seiner 239 unheimlichen Krankheit, an der er so wenig Schuld hatte wie jemand, den der graue Staar befällt.

Er sah auch im Spiegel sein eigenes Bild, und kam sich neben dem herkulischen Taffy und dem wohlbeleibten Laird von Cockpen vor wie ein elender Knirps, wie eine jämmerliche, verkommene Mißgeburt. Was war er denn auch anderes als ein erbärmlicher Stümper, der sein Handwerk nur betrieb, um die Menge zu unterhalten, und gewaltig überschätzt wurde. Bilder hatten ja überhaupt keinen Wert, mochten sie gut oder schlecht sein, außer für die Narren, die sie malten, die Händler, die sie kauften, und die ungebildeten, geldstolzen Müßiggänger, die sie bezahlten, um sie bei sich an die Wand zu hängen, weil das Mode war.

Es kam ihm alles ganz gleichgiltig vor. Hätte eine Bombe unter ihrem Tisch gelegen und der brennende Zunder dicht daneben, es wäre ihm kaum der Mühe wert gewesen, seine Freunde vor der Gefahr zu warnen, oder seinen eigenen Stuhl beiseite zu schieben.

Gerade deshalb aber sprach er mit so viel Wärme und Lebhaftigkeit und war so voller Witz und Laune, daß Taffy und der Laird innerlich staunten über den günstigen Einfluß, den sein Erfolg und die erweiterte Lebenserfahrung auf ihn gehabt hatten. Sie priesen sein glückliches Los und spürten ordentlich einen leisen Anflug von Neid in ihrem warmen, liebevollen Herzen.

Seltsamerweise hörten sie in einer kleinen Pause des 240 Gesprächs, entre la poire et le fromage, wie ein Fremder an einem Nebentisch (wo es ziemlich lärmend zuging) plötzlich ausrief: »Mais quand je vous dis que j' l'ai entendue, moi, la Svengali! et même qu'elle a chanté l'Impromptu de Chopin absolument comme si c'était un piano qu'on jouait! voyons!....«

»Farceur! la bonne blague!« unterbrach ihn ein anderer, und dann wurde die Unterhaltung so laut und allgemein, daß nichts mehr zu verstehen war.

»Svengali! Wie komisch, daß gerade der Name auftaucht,« bemerkte Taffy. »Was wohl aus unserm Svengali geworden sein mag?«

»Er hat auch das Impromptu von Chopin gespielt; es ist mir noch gut erinnerlich. Ein sonderbares Zusammentreffen!« meinte der kleine Billy.

Aber sie sollten an jenem Abend noch mehr Sonderbares erleben – es kommt oft alles zusammen. –

Nachdem unsere Freunde den Kaffee getrunken und noch einen Likör darauf gesetzt hatten, steckten sie ihre Zigarren an und fuhren in einer Droschke zu Cornelys in die Abendgesellschaft.

Sir Louis Cornelys wohnt, wie jedermann weiß, auf dem Campden-Hügel in einem Schloß mit vielen Fenstern. Mag er aber herausschauen aus welchem er will, so hat er immer nur die Aussicht auf den eigenen Garten. Trotz seiner achtzig Jahre arbeitet er noch ebenso fleißig wie 241 sonst, und seine Hand hat nichts von ihrer Geschicklichkeit verloren. Aber er macht kein so glänzendes Haus mehr wie zu jener Zeit, in der sein Ruhm als Gastgeber fast seinem Künstlerruhm gleichkam. Als seine schöne Frau starb, zog er sich von der Welt zurück; er verläßt jetzt seine Besitzung nur noch, um seines Amtes an der Kunstakademie zu walten und einmal im Jahre bei der Königin zu speisen.

In den fünfziger Jahren war das jedoch ganz anders. Damals gehörte sein Haus, Winters und Sommers, zu den angenehmsten und geselligsten in ganz London. Er machte den gastfreisten Wirt und Lady Cornelys mit ihren reizenden Töchtern die liebenswürdigsten Wirtinnen, die man sich vorstellen kann. Jeden Samstag, an den Gesellschaftsabenden, während der Londoner Saison, konnte man dort wahrhaft himmlische Musik hören, wenn alle die ausländischen Singvögel über den Kanal gekommen waren, um in der britischen Hauptstadt goldene Ernten zu halten.

Zu einem solchen Musikabend im Mechelen-Haus fuhren nun Taffy und der Laird unter dem Schutz des kleinen Billy. Am Eingang des großen Conzertsaals wurden sie von einem stattlichen Herrn im Sammetkäppchen, mit grauem Bart und Haar und geistvollen Augen empfangen. Ihm zur Seite stand eine griechische Matrone von strahlender Schönheit, in so reiche, herrliche Gewänder gekleidet, daß die Freunde vor ihr auf die Kniee gesunken wären, wie bei dem überwältigenden Anblick orientalischer Fürstenpracht, 242 hätte sie nicht der einfache, herzliche Willkommen, den sie ihnen bot, daran gehindert.

Kaum in den Saal getreten, schüttelten sie sich schon die Hände mit Lorrimer, Antoine und dem Griechen – welche Kinn- und Backenbärte trugen, an die seit fünf Jahren kein Scheermesser gekommen sein mochte. Allein zu überschwänglichen Begrüßungen war jetzt keine Zeit. Ein donnernder Akkord erklang plötzlich vom Klavier her; es entstand tiefe Stille, man hätte eine Stecknadel zu Boden fallen hören, und dann sangen Signor Giuglini und die wunderbare Adelina Patti das Miserere aus Verdis berühmtester Oper, zum Entzücken aller Anwesenden. Eine Ausnahme machten nur solche, die, sich sehr erhaben dünkend, auf die italienische Musik und das bloße Virtuosentum mit Geringschätzung herabsahen, weil sie eben Mendelssohns Briefe gelesen und falsch verstanden hatten.

Als die Nummer vorüber war, zeigte der kleine Billy seinen Freunden alle anwesenden Berühmtheiten, vom Premierminister bis herunter zu dem Schreiber dieser Geschichte, der sich sehr freute sie wiederzusehen, mit ihnen von alten Zeiten zu plaudern und sie den reizenden Töchtern des Hauses und andern schönen Damen vorzustellen.

Dann trug Roucouly, der große französische Bariton, Duriens Lieblingslied vor:

»Plaisir d'amour ne dure qu'un moment;
Chagrin d'amour dure toute la vie...
«

Seine Stimme paßte nur noch für den Konzertsaal; er 243 sang aber eben so göttlich schön, wie er, zur Zeit seiner höchsten Blüte, an jenem Christabend, dessen sich die drei Freunde so gut erinnerten, ›Noël, noël‹ in der Madeleine gesungen hatte.

Dann folgte ein Violinsolo des jungen Joachim, schon damals, wie auch heute noch, der größte Geigenspieler seiner Zeit; darauf ein Klaviersolo von Klara Schumann, der einzigen, die ihm ebenbürtig ist. Wer die Musik bisher nur als angenehmen Zeitvertreib betrachtet hatte, oder als einen oberflächlichen Sinnenkitzel, an denen der Geist keinen Anteil hat, ward hier eines Besseren belehrt. Dies Spiel war zugleich eine wohlverdiente Zurechtweisung für alle Virtuosen, die durch ihren hinreißenden Vortrag den Meister, welcher die Musik erdacht hat, vor dem kleineren Künstler zurücktreten lassen, der sie verdolmetscht.

Denn diese beiden, in ihrer Art einzigen Musiker, ließen es den Hörer nie vergessen, daß es Sebastian Bach war, den sie spielten, mit größter Vollkommenheit, ohne dabei an sich zu denken. Wer kein Verständnis für Bach hatte, dem wurde die Zeit ein wenig lang.

Wer aber ein Bachkenner war (oder es sich einbildete, oder dafür gelten wollte), paßte bei dieser Gelegenheit auf wie ein Schießhund; seine Versunkenheit und Verzückung, der unverwandte, fast steinerne Blick, mit dem er den Tönen lauschte, verriet seine ernste Auffassung und sollte die Oberflächlichen beschämen; ganz ebenso wie vorhin seine Zerstreutheit und Gleichgültigkeit bei den Trillern und Läufen 244 der Signora Patti und bei Roucoulys hübschen kleinen französischen Künsteleien.

Das Reizendste an diesen wunderschönen Musikabenden war aber, daß man die Gäste nicht wie in den meisten Konzerten gleich Sardinen einschachtelte. Es waren ihrer verhältnismäßig nur wenige und ausgewählte, sie konnten sich daher zwischen den Stücken frei bewegen und mit ihren Freunden unterhalten. Man verlor sich in die andern Räume, wo es unendlich viel Schönes zu sehen gab, oder lustwandelte draußen im Park bei Mondenschein, Sternenglanz oder dem Licht chinesischer Lampen.

Die Oberflächlichen konnten dort sitzen und nach Herzenslust lachen, plaudern und kokettieren, während drinnen Bach gespielt wurde. Die ernsten Musikkenner aber schritten in tiefsinnigem Gespräch durch die dunkeln Baumgänge und Wäldchen, wo sie das französische und italienische Getriller nicht zu hören bekamen. Sie priesen wohl statt dessen den berühmten Zola, Guy de Maupassant oder Pierre Loti und verkündeten im schönsten Englisch den Niedergang der englischen Litteratur, der Kunst, der Musik und aller Einrichtungen ihres Vaterlandes.

Denn jene großen Geister, die nichts anderes als klassische Musik hören und nur klassische Bilder sehen können, lesen nicht etwa auch ausschließlich klassische Bücher in den verschiedenen Sprachen. Shakespeare, Dante, Molière und Goethe sind nichts für sie – damit: darf man ihnen nicht kommen.

245 Es macht auch keinen Unterschied, daß von den drei oben genannten unsterblichen Verfassern französischer Unterhaltungslektüre in damaliger Zeit noch gar nicht die Rede war; sie hatten geistesverwandte Vorgänger, die mir gerade entfallen sind. Aber Namen thun nichts zur Sache – in der Geschichte ist schon alles einmal dagewesen.

Feydeau, oder sagen wir lieber Flaubert, oder meinetwegen Miß Austen (denn wer tot und begraben ist, gilt fast so viel wie ein Franzose, der leichtfertige Bücher schreibt), ferner Sebastian Bach und Sandro Botticelli – damit alle Künste vertreten sind – mußte man in jenen Tagen verstehen und würdigen können (oder wenigstens die Miene annehmen). Diese Namen haben wenig mit einander gemein, aber ihre Verehrer zählten damals zu den Höchstgebildeten in den geistreichen Londoner Gesellschaftskreisen und durften auf die Philister mit Verachtung herabsehen.

Zu sehr später Stunde erschien noch ein großer, schöner, schwarzäugiger Ausländer mit dem Notenheft in der Hand. Seine Ankunft brachte alles in lebhafte Bewegung. »Glorioli ist da,« oder »Ecco Glorioli,« oder »Voici Glorioli!« erscholl es von allen Seiten, bis man ganz nervös davon wurde. Alle schönen Damen, Gesandtinnen, weibliche Berühmtheiten jeder Art, flatterten auf ihn zu und bewillkommneten ihn aufs schmeichelhafteste. Die Baronessen, Komtessen und durchlauchtigsten Prinzessinnen vergaßen ihre Hoheit und Würde, wie Svengali sagen würde.

246 Sie brauchten nicht lange zu bitten, denn schon stand Glorioli auf dem Podium und sein Pianist saß am Klavier, ihn zu begleiten. Er hielt ein Notenblatt in der Hand, warf aber keinen Blick hinein. Statt dessen liebäugelte er mit den schönen Damen und lächelte ihnen zu. Dann öffnete er die dicken, bärtigen Lippen ein wenig, feuchtete sie mit der Zunge an, und nun strömten aus seinem Munde die entzückendsten Töne, die jemals die Kehle von Mann, Weib oder Knaben hervorgebracht hat. Er konnte singen wie er wollte: tief und hoch, stark und leise. Daß er die Oberflächlichen bezauberte, versteht sich von selbst; aber auch die ernstesten Musikkenner fühlten sich gefangen, überrumpelt, in Staunen und Begeisterung versetzt, erschüttert, überwältigt, gereizt, geneckt, gequält, bis sie sich verlocken ließen, alle Verstellung aufzugeben und sich ihrem natürlichen Entzücken zu überlassen.

Sebastian Bach aber (den alle wirklich großen Musiker so aufrichtig verehren, und dem von so vielen Musik-Unverständigen mit Affektation gehuldigt wird), geriet einstweilen gänzlich in Vergessenheit. Am begeistertsten von allen zeigten sich jedoch die beiden berühmten Künstler, die an jenem Abend Bach gespielt hatten. Denn ihr Gesichtskreis war weit und allumfassend, ihre Bewunderung aufrichtig; sie erkannten das wirklich Schöne, in welcher Form es auch gegeben wurde.

Es war nur ein kleines einfaches Lied, das Glorioli sang, eine leichte, wunderhübsche Melodie, die fast so gut 247 ist wie die Worte, die ihr untergelegt sind und die Alfred de Musset verfaßt hat. Ich liebe sie so sehr, daß ich der Versuchung nicht widerstehen kann, sie hierher zu setzen, als hätte ich sie eben selbst gedichtet, bloß weil es mir ein förmlicher Genuß ist, sie niederzuschreiben:

Bonjour, Suzon, ma fleur des bois!
Es-tu toujours la plus jolie?
Je reviens, tel que tu me vois,
D'un grand voyage en Italie!
Du paradis j'ai fait le tour -
J'ai fait des vers - j'ai fait l'amour...
  Mais que t'importe!
  Mais que t'importe!
Je passe devant ta maison:
  Ouvre ta porte!
  Ouvre ta porte!
    Bonjour, Suzon!

Je t'ai vue an temps des lilas,
Ton coeur joyeux venait d'éclore,
Et tu disais: 'Je ne veux pas,
Je ne veux pas qu'on m'aime encore.'
Qu'as-tu fait depuis mon départ?
Qui part trop tôt revient trop tard.
  Mais que m'importe!
  Mais que m'importe!
Je passe devant ta maison:
  Ouvre ta porte!
  Ouvre ta porte!
    Bonjour, Suzon!

Als Glorioli das Lied anfing, während er es sang und nachdem es aus war, thaten einem alle übrigen Sänger leid. Es sang auch niemand mehr an jenem Abend; Glorioli war 248 müde und wollte nicht, die andern aber hatten weder Mut noch Selbstlosigkeit genug, um sich nach ihm hören zu lassen.

Vielleicht erinnern sich einige meiner Leser noch an diesen wunderbaren Singvogel, der, obgleich nicht Musiker von Beruf, sich doch herbeiließ, für ein Honorar von hundert Guineen, die vornehme Welt in ihren Salons durch seine Kunst zu entzücken. Noch schöner aber sang er im Kreise seiner Freunde, um ihnen und sich ein Vergnügen zu machen. Denn Glorioli, der größte, stattlichste und vornehmste Jude, den ich je gesehen habe – einer von den Sephardim (oder den Seraphim) kam aus Spanien, wo er jüngerer Teilhaber der berühmten Weinhandlung von Moralés, Peralés, Gonzalés und Glorioli in Malaga war. Er reiste für die eigene Firma, sein Wein war gut und er verkaufte viel in England. Mit seiner Stimme erwarb er sich jedoch weit mehr Gold in dem Monat seines dortigen Aufenthalts, denn es gab Weine von gleicher Güte, ja sogar bessere, aber eine solche Stimme war nirgends in der Welt zu finden.

Dem kleinen Billy war sein Gesang zu Kopfe gestiegen wie der feurigste Wein, er sprach noch Tage und Wochen lang von nichts anderem. Auch drückte er seine Freude und Dankbarkeit auf so überschwängliche Weise aus, daß der große Sänger eine förmliche Neigung für ihn faßte (besonders da er erfuhr, dieser schwärmerische Jüngling sei einer der hervorragendsten englischen Maler). Um 249 ihm seine ganz besondere Hochachtung zu beweisen, teilte er ihm im Vertrauen nach dem Abendessen mit, daß in jedem Jahrhundert zwei menschliche Nachtigallen geboren würden – nur zwei: eine männliche und eine weibliche. Er, Glorioli, sei die männliche Nachtigall des neunzehnten Jahrhunderts.

»Das glaube ich wohl. Wer aber ist denn die weibliche Nachtigall, die Ihre Genossin sein sollte?« fragte der kleine Billy.

»Ah, mon ami... zuerst war es die kleine Alboni, bis vor ein paar Jahren die kleine Adelina Patti erschien, und jetzt ist es La Svengali

»La Svengali?«

»Oui, mon fy! Eines Tages werden Sie sie hören – et vous m'en direz des nouvelles!«

»Sie können doch unmöglich behaupten wollen, daß sie eine bessere Stimme hat als Madame Alboni?«

»Mon ami, ein Apfel ist eine treffliche Frucht, bis man eine Pfirsich geschmeckt hat. Die Stimme der Alboni ist der Apfel, die der Svengali die Pfirsich; ich versichere es Ihnen auf mein Ehrenwort! Aber, bah! die Stimme ist Nebensache; ihre Wirkung ist das Unglaubliche. Es läuft dem Hörer kalt den Rücken herunter, er möchte wahnsinnig werden, die heißen Thränen stürzen ihm aus den Augen. Ah! die Thräne! mon fy! tenez! alles vermag ich, nur das nicht! – Ce n'est pas dans mes cordes! Ich 250 kann nur Liebesglut entzünden! Aber la Svengali!... Und dann, wenn man noch ganz gerührt ist – hurrr! . . . – da bringt sie einen zum lachen! Ah! le beau rire! faire rire avec des larmes plein les yeux - voilà qui me passe!... Mon ami, als ich sie hörte, gelobte ich mir, keinen Ton mehr zu singen – es kam mir zu abgeschmackt vor. Einen ganzen Monat lang habe ich den Schwur gehalten – und Sie wissen: Je sais ce que je vaux, moi!«

»Sie sprechen gewiß von der Svengali!« sagte Signor Spartia herzutretend.

»Oui, parbleu! Haben Sie sie gehört?«

»Ja, letzten Winter, in Wien,« erwiderte der berühmteste Singlehrer der Welt »J'en suis fou, hélàs! Ich glaubte, ich verstünde eine Stimme auszubilden, bis ich die Schülerin des Erzschurken Svengali hörte. – Er soll sie geheiratet haben, sagt man.«

»Des Erzschurken Svengali!« rief der kleine Billy. . . . »das ist am Ende der Svengali, den ich in Paris gekannt habe – ein berühmter Klavierspieler, mit dem ich befreundet war!«

»Jawohl, das ist er! auch une fameuse crapule (sauf vot' respect); sein eigentlicher Name ist Adler; seine Mutter war eine polnische Sängerin und er ist im Leipziger Konservatorium ausgebildet. Ein wunderbarer Künstler, ein Singlehrer sondergleichen – einer Frau diesen Gesang beizubringen – und solch' einer Frau! belle comme un 251 ange - mais bête comme un pot. Ich versuchte mit ihr zu reden, aber sie kann nichts sagen, als: ›jawohl‹ oder ›doch‹ oder ›nein‹ oder ›so‹! kein Wort englisch, französisch oder italienisch. Und doch singt sie in diesen Sprachen – ganz göttlich, sage ich Ihnen. Es ist ›il bel canto‹, den die Welt nach hundert Jahren wieder zu hören bekommt . . .«

»Was für eine Stimme hat sie denn?« fragte der kleine Billy.

»Sie beherrscht alle Stimmlagen, die eine Frauenstimme überhaupt umfaßt – drei, vier Oktaven. Und was für Töne! Menschen, die keinen Begriff von Musik haben, fangen an vor Freuden zu weinen, sobald sie nur den Mund aufthut. Alles was Paganini mit seiner Geige ausrichten konnte, bringt sie durch ihre Stimme zu Wege. Und dieser Wohllaut! Un vrai baume!«

»Ich möchte gleich wetten, daß Sie von der Svengali sprechen,« nahm jetzt Herr Kreutzer, der berühmte Komponist, das Wort. »Quelle merveille, hein? Als ich sie im Winterpalast zu St. Petersburg hörte, gerieten die Damen alle ganz außer sich, nahmen ihre Perlen und Diamanten ab, gaben ihr den Schmuck, knieten vor ihr und küßten ihre Hände. Sie aber sagte kein Wort, sie lächelte nicht einmal. Die Männer schneuzten sich in den Ecken des Saales und besahen die Bilder an den Wänden, damit man ihre Rührung nicht merken sollte – ich selber machte es ebenso, und der Kaiser auch!«

252 »Sie reden wohl im Scherz?« sagte der kleine Billy.

»Mein Freund, ich scherze nie, wenn ich von Musik spreche. Wenn Sie sie erst einmal selbst gehört haben, werden Sie mir beipflichten, daß es zweierlei Klassen von Menschen giebt, welche singen; zu der einen gehört die Svengali – zu der andern alle übrigen Sänger.«

»Singt sie denn aber auch gute Musik?«

»Ich weiß nicht. Alles was sie singt ist gut. An die Lieder denkt man nicht, nur an die Sängerin. Jeder gute Sänger, der ein schönes Lied singt, erfreut seine Zuhörer; aber ich möchte lieber eine Tonleiter von der Svengali hören, als das schönste Lied der Welt – und wenn es mein eigenes wäre – von jemand anderem. So mögen die großen Italiener im letzten Jahrhundert gesungen haben. Die Kunst war verloren gegangen und ist neu entdeckt worden von ihr. Sie muß wohl gesungen haben noch ehe sie sprechen konnte, sonst hätte sie nicht Zeit gehabt alles zu lernen was sie weiß, denn sie ist noch lange nicht dreißig Jahre alt. Im Oktober singt sie in Paris, Gott sei Dank, und nach Weihnachten werden wir sie hier in Drury Lane hören. Julien zahlt ihr zehntausend Pfund.«

»Wahrhaftig, das muß wohl dieselbe sein, die ich vor zwei oder drei Jahren in Warschau gehört habe,« ließ sich der junge Lord Witlow vernehmen. Es war beim Grafen Siloszech. Der hatte sie auf der Straße singen hören. Ein großer, schwarzbärtiger Kerl begleitete 253 sie auf der Guitarre und ein kleiner Zigeuner geigte dazu. Eine schöne Frau! – das lange, blonde Haar fiel ihr fast bis zu den Knieen herab – aber erzdumm! Siloszech ließ sie bei sich singen; es war um rasend zu werden. Jeder schenkte ihr was er hatte, Uhren, Diamantknöpfe, goldene Vorstecknadeln. Weiß der Himmel, ich hatte so etwas noch nie erlebt. Von Musik verstehe ich nichts – könnte kaum unsere Nationalhymne von ›Lang, lang ist's her‹ unterscheiden, wenn die Leute nicht aufstünden und die Hüte abnähmen. Aber es packte mich wie alle übrigen. Ich gab ihr ein kleines silbernes Riechfläschchen, das ich eben erst für meine Frau gekauft hatte – bei Gott, das that ich, und war doch ganz jung verheiratet. Es muß wohl der besondere Klang ihrer Stimme sein, der es einem anthut.«

Der kleine Billy hörte das alles und kam zu der Überzeugung, daß das Leben doch noch nicht ganz freudenleer für ihn sei, da ihm die Aussicht blieb, eines Tages die Svengali zu hören. Jedenfalls wollte er sich vorher noch keine Kugel durch den Kopf jagen.

 

Es war schon lange nach Mitternacht. Die Baronessen, Komtessen, durchlauchtigsten Prinzessinnen (und andere Damen von geringerem Rang), fuhren in Wagen und Droschken nach Hause, und die Wirtin ging nebst ihren Töchtern zu Bett. Wer zum stärkeren Geschlecht gehörte 254 und gern noch länger ausblieb, speiste noch einmal zu Abend, rauchte und plauderte, bis der Sonntagmorgen über den Campden-Hügel stieg und in das Mechelen-Haus durch alle Fenster hereinschaute. Als Taffy und der Laird im Tagesgrauen heimwärts gingen, hörten sie das Gezwitscher der erwachenden Vögel, und erfrischten sich in der kühlen dämmernden Frühe. Es war ihnen, als hätten sie Jahre durchlebt seit dem gestrigen Abend und die beste Londoner Gesellschaft kennen gelernt. Dann aber überlegten sie, daß sie die meisten Berühmtheiten doch nur von weitem gesehen hatten; sie konnten sich nicht vielen Leuten vorstellen lassen, dazu reichte die Zeit nicht, und so hatten sie sich etwas fremd und unbehaglich gefühlt. Schließlich war es für sie doch nur ein mäßiges Vergnügen gewesen. Droschken gab es auch nicht; sie hatten zu enge Stiefel an und waren entsetzlich müde.

 

Die Saison war vorüber, die fremden Singvögel davongeflogen, der Sommer nahte seinem Ende. Der kleine Billy hatte die ›Monduhr‹ in die Kunsthandlung von Moses Lyon geschickt, und fand es nun an der Zeit, auf etwa einen Monat nach Devonshire zu gehen, um seiner Mutter und Schwester einen Besuch zu machen. Er war ja ihr Sonnenschein, der Stolz und die Freude ihres Lebens.

So fuhr er denn an einem schönen Augustmorgen nach dem großen Westbahnhof, der mir der liebste in ganz London 255 ist, außer denjenigen, wo man die Fahrkarten nach Frankreich löst und darüber hinaus.

Der kleine Billy hatte den Westbahnhof so gern, daß er zuweilen einen Spaziergang dahin machte, nur um des Vergnügens willen, die Reisenden abfahren zu sehen. Sie folgten der Sonne, sie gingen den verschiedensten Freuden und Schmerzen entgegen, und er beneidete sie um jede Freude und jeden Schmerz, die sich nicht nur den Sinnen bemerklich machen, wie ein Stück Kuchen, eine hübsche Melodie, ein schlechter Geruch oder Zahnweh.

Er nahm seinen Platz rückwärts und auf der Schattenseite in der zweiten Klasse ein, (in unsern demokratischen Zeiten wäre er dritter Klasse gefahren). Mit Reiselitteratur war er wohl versehen, er hatte ›Silas Marner‹ bei sich und Darwins ›Entstehung der Arten‹ (das er zum drittenmal las), etwas leichtere Unterhaltungslektüre und die neueste Nummer des Punch. Wie glücklich wäre er gewesen, hätte sich nur aus seinem Hirn das kleine Knötchen oder Klümpchen geronnenes Blut wegschaffen lassen, welches sein Gefühlsvermögen lähmte.

Ließ sich denn etwas Schöneres denken, als nach Hause zu reisen, zu der besten Mutter, der liebevollsten Schwester von der Welt; nach dem reizenden Städtchen am Seestrande, wo noch andere liebe Leute ihn erwarteten, zum Beispiel Alice, die schöne Alice mit dem goldbraunen Haar, die Freundin seiner Schwester, das einfache, züchtige, fromme 256 Mädchen aus seinen Knabenträumen. Er selbst fühlte sich so gesund, so voller Leben und Thatkraft wie je zuvor – bis auf jene unselige kleine Gehirnverhärtung, die ihm alle Freude verdarb.

Wenn er nicht Silas Marner las, oder nach der vorüberfliehenden Landschaft zum Fenster hinaussah, beobachtete er voller Anteil seine Mitreisenden der Reihe nach, und beneidete sie alle miteinander. Den dicken, alten, kurzatmigen Philister mit der Kartoffelnase, welcher aufs liebevollste für seine häßliche, kränkliche Tochter besorgt schien; die alte Dame, die sich noch heimlich die Augen trocknete, bei der Erinnerung an den Abschied von ihren Großkindern auf dem Bahnhof (diese hatten, wie Enkel pflegen, eine wunderbare Fassung bewahrt); den schwindsüchtigen Pfarrer ihm gegenüber am Fenster, dessen Frau an seiner Seite saß und nur für ihn zu sorgen und zu denken schien. Ihre sanften Augen mochten wohl seine Trost- und Hoffnungssterne sein, denn er wandte immer wieder den Kopf, um in sie hineinzuschauen und neue Kraft zu schöpfen. Glücklich der Mann, dem solche Sterne leuchten!

Der kleine Billy trat der Frau seinen Fensterplatz ab, damit der arme Kranke sie bequemer ansehen konnte, ohne sich umzuwenden. Auch erwies er sich seinen Mitreisenden noch auf andere Art gefällig und nützlich, wie er das immer that, so daß sie ihn alle lieb gewannen, wie einen alten Freund, bevor noch ihr Reiseziel erreicht war. Gern hätten 257 sie gewußt, wer dieser liebenswürdige, freundliche, hilfreiche junge Mann, dieser feine, zierliche kleine Prinz wohl sein möge, der so modisch gekleidet war und doch zweiter Klasse fuhr und so rücksichtsvoll an andere dachte. Sie hielten ihn für ein sehr glückliches Menschenkind und vertrauten ihm in sechs Stunden mehr von ihren Sorgen an, als manchem alten Freund in Jahresfrist.

Er aber erzählte ihnen nichts von sich – sein eigenes Selbst war ihm ja nur zur Last – und sie blieben über ihn im Dunkeln.

Als er endlich ankam – er war der letzte, welcher ausstieg – empfingen ihn Mutter und Schwester am Bahnhof mit dem schönen kleinen Ponywagen, den er ihnen kürzlich geschenkt hatte. Auch Alice war mitgekommen, und bei der Begrüßung sah sie ihn einen kurzen Moment, völlig unbewußt, mit Liebesaugen an – ein Blick, den man in langen, langen Jahren nicht wieder vergißt, und den nur der erkennt, welchem er gilt. Man sagt, daß bei diesem blitzartigen Aufleuchten alle Frauenaugen einander vollkommen gleichen; deshalb kam es dem kleinen Billy während des Bruchteils einer Sekunde so vor, als hätte Alice ihn mit Trilbys Augen angesehen, oder mit seiner Mutter Augen, wie er sie sich aus der Kindheit erinnerte.

Fast hätte ihn das Wonnegefühl durchbebt, nach dem ihn schon so lange dürstete. In der nächsten Sekunde vielleicht wäre sein Übel geheilt gewesen, und der kleine 258 Billy hätte sein altes Erbgut wiedergewonnen, sein Königreich der Liebe!

Was kann doch ein schönes Auge alles sehen und wiederspiegeln – auch das Auge eines Hundes, eines Rehs, eines Maultiers, selbst einer Eule! Kein Stern, kein Edelstein ist diesem Juwel vergleichbar!

Und wenn nun durch diesen Spiegel die ganze unendliche Schöpfung tief hineinstrahlt in ein reines, jungfräuliches Herz, das sie umfaßt, sich zu eigen macht, erwärmt, durchdringt, verklärt, und alle Strahlen in einen Punkt vereinigt, um sie mit Liebesgefühl erfüllt, durch Iris und Pupille in irgend ein nahes, mitfühlendes Herz zu ergießen – welch ein Lebenselixir ist das!

Ach, warum muß solcher Kronjuwel je seinen Glanz verlieren und blind werden!

Doch so trüb und blind wird das Auge nie, daß es nicht nach vorwärts und rückwärts blicken kann, nach innen und nach oben, in Thränen zerfließen und doch nicht sterben! Und das ist ja eben der größte Jammer dabei. Aber – wie überflüssig scheint diese ganze Abschweifung (die mir noch dazu Mühe gemacht hat). Warum bin ich nur so ganz vom Wege abgewichen?!

Glaubt nur:

»Und wenn ihr nach des Lieds Bedeutung mich wollt fragen,
So kann ich euch nur dies zur Antwort sagen:
Ich weiß es nicht, trali, ich weiß es nicht, trala!
An Nancy denk' ich, mein Herz ihr schenk' ich, trali, trala!«
.   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .

259 »Wie wunderhübsch Alice geworden ist, Mutter; ich finde sie ganz reizend, und so allerliebst in ihrem Wesen; aber, sie war ja immer ein allerliebstes Mädchen!«

Das sagte der kleine Billy am Abend zu seiner Mutter, während sie im Garten saßen und die silberne Mondsichel ins Meer sinken sahen.

»Ach William, mein Herzenssohn, du ahnst ja gar nicht, wie glücklich es deine arme, alte Mutter machen würde, wenn du Alice lieb gewännest – und was für eine Freude wäre das auch für Blanche!«

»Du lieber Himmel, Mutter . . . . Alice ist nicht für meinesgleichen! Sie muß einen schönen jungen Gutsbesitzer haben, eine Hünengestalt mit Vollbart und vielen Hufen Landes! . . .«

»Nein William, glaube mir, du bist keiner von denen, die vergeblich um Liebe werben. Wüßtest du nur, wie viel sie von dir hält; fast noch mehr als deine eigene Mutter!«

 

In jener Nacht träumte er von Alice. Er liebte sie, wie man ein schönes gutes Mädchen lieben soll; doch selbst im Schlaf verlor er nicht das Bewußtsein, daß es nur ein Traum sei. Aber es war ein köstliches Gefühl, und er that was er konnte, um nur nicht aufzuwachen. Diese Nacht mußte im Kalender rot angestrichen werden. Im Traum hatte ihn Alice geküßt und ihn auf immer von seinem Gehirnleiden befreit. Als er jedoch am nächsten Morgen 260 erwachte, ach, da war das alte Übel wieder da und er fühlte, daß ein Traumkuß ihn nimmermehr heilen würde; – das konnte nur ein wirklicher Kuß von Alices reinen Lippen vollbringen.

Er dachte an sie als er aufstand und während er sich anzog und frühstückte. Wie schön war sie doch, wie unschuldig, wie wohlerzogen, wie sorgfältig auf den Weg geleitet, den sie gehen sollte – man hätte sich keine idealere Gattin wünschen können . . . . war es denn möglich, daß sie für ihn, für solchen Knirps, eine Neigung faßte?

Bei seiner Bewunderung der schönen Form, schien es ihm unbegreiflich, daß eine Frau, die Augen im Kopfe hatte, je über den Mangel körperlicher Vorzüge beim Manne hinwegsehen könne, um irgendwelcher geistiger Gaben und Kräfte willen. Er hatte griechischen Schönheitssinn, schwärmte für eine Athletengestalt und war überzeugt, alle Frauen ohne Ausnahme – besonders alle Engländerinnen – sähen mit denselben Augen wie er.

Einstmals war er eitel und schwach genug gewesen an Trilbys Liebe zu glauben (während doch Taffy neben ihm stand, kalt und unempfindlich, aber den Göttern des Olymps vergleichbar), und Trilby hatte ihn beim ersten Wink, beim ersten Wort aufgegeben, trotzdem er wie wahnsinnig an ihr hing.

Wäre es Taffy gewesen, sie hätte ihn nicht fahren gelassen, pour si peu. Leute wie Taffy brauchen bloß den 261 kleinen Finger zu rühren oder zu pfeifen . . . . aber Taffy hatte nicht einmal gepfiffen.

Er dachte immer noch an Alice und glaubte, um so recht mit Muße an sie denken zu können, müsse er hinaus auf die Düne gehen, wo die Schafe weideten. So nahm er denn seine Pfeife und seinen Darwin und schlenderte im Morgensonnenschein den grünen Heckenweg hinunter, an der hübschen Kirche vorbei – der Pfarrkirche von Alices Vater. Vor der Thür saß Alices Hund und wartete geduldig auf seine Herrin. Er war ihm sehr zugethan und bewillkommnete ihn mit großer Wärme.

Der kleine Billy dachte an Thackerays zartempfundenes Gedicht:

»Sie kommt, – sie ist da, – vorbei
Ist sie geeilt schon, – sei
Der Himmel mit ihr!«

Dann ging er in Begleitung des Hundes nach einer Bank am Klippenrande, von der aus man Alices Fenster sehen konnte. Sie hieß im Volksmund ›die Bank der Verliebten‹.

»O der Blick – der Blick – der Blick! Aber hat mich nicht Trilby ebenso angesehen? – In der Grafschaft Devon giebt es viele Taffys!«

Er setzte sich nieder, rauchte und sah auf das Meer hinaus. Noch hatte die Sonne (die im Osten stand) nicht den blendenden Glanz darüber ausgegossen, welcher dem Wasser die wundervolle saphirblaue, mit Purpur und 262 Dunkelgrün durchschossene Färbung raubt, in die es sich dann und wann in der Morgenfrühe an dieser schönen Küste taucht.

Ein frischer Westwind trieb die großen Wellen langsam dem Ufer zu, und die schaumgekrönten Kuppen spiegelten ihr zartes Weiß in den blauen Fluten. Der Himmel war ganz wolkenlos, nur der Rauch eines fernen Dampfers zog sich wie ein dünner, schwarzbrauner Streifen über den Horizont; hier und da glänzten kleine weiße Segel, und stattliche Schiffe zogen vorüber . . .

Der kleine Billy bemühte sich nach Kräften, alle diese Schönheit nicht nur zu erkennen, sondern sie auch im Herzen zu empfinden – wie er es als Knabe so oft gethan – und wohl zum tausendstenmal verwünschte er seine Gefühllosigkeit.

Warum ließen sich nur alle diese Äther- und Wasserwellen nicht in ebenso mächtige Schallwellen verwandeln! Nur Töne waren noch imstande, sein Gefühl zu erregen; diese einzige Freude war ihm geblieben – aber ach, er verstand nur Bilder zu malen und war kein Musiker.

Alices Hund, der ihn lieb hatte, schaute ihm mit den klugen, zärtlichen Augen ins Gesicht, und der kleine Billy deklamierte dem guten Tyras allerlei Verse aus seinen Lieblingsdichtern vor. Das war bei ihm zur Gewohnheit geworden, wenn er nicht Selbstgespräche hielt.

»Brecht, brecht, brecht,
Ihr Wellen am Klippenstrand!«

Das Gedicht pflegte sich jeder, der auf dieser Bank saß, 263 laut oder leise vorzusagen, außer einigen altmodischen Leuten, die bei:

»Wälze deine Wogen, blauer Ozean!«

stehen geblieben waren. Wer sich der neusten Bildung befliß, deklamierte nur noch Robert Browning, dessen Stern damals zu steigen begann, und wer ganz ungebildet war, schwieg einfach still – und empfand desto mehr.

Tyras hörte schweigend zu.

»Weißt du, Tyras: das Beste, was man thun kann, ist die See zu malen; wohliger aber ist es noch, darin zu baden, und am allerwohlsten fühlt sich, wer auf ihrem Grund gebettet liegt. Wie würde dir das behagen:

Bei Schlangen und Molchen, ohne Schrein
Im Schlamm der Tiefe begraben sein . . .«

Tyras wedelte verständnisvoll mit dem Schwanz, wandte den Kopf bald auf die eine, bald auf die andere Seite und sah seinem Freunde unverwandt fragend ins Gesicht.

,.Wie aufmerksam du mir zuhörst, Tyras. Du bist doch ein recht wohlerzogener Hund!« sagte der kleine Billy und rief dann in den zärtlichsten Tönen:

»Alice, Alice, Alice!«

Tyras gab einen hohen, weichen Nasenlaut von sich, mit seiner Kopfstimme, obgleich er von Natur einen tiefen Bariton hatte und mächtige volle Brusttöne, die ganz kriegerisch klangen.

»Deine Herrin ist eine Pfarrerstochter, Tyras, und 264 deshalb ein noch größeres Rätsel als die anderen Frauen in dieser unverständlichen Welt. Wäre mein Herz nicht mit Wachs verklebt, wie die Ohren der Gefährten des Odysseus, als sie bei den Sirenen vorüberschifften – du wirst doch von Odysseus gehört haben, Tyras – der hatte auch einen treuen Hund – wenn mein Herz nicht mit Wachs verklebt wäre, so würde ich deine Herrin unendlich lieb haben; vielleicht willigte sie auch ein mich zu heiraten, wenn ich um sie anhielte – der Geschmack ist oft wunderbar. Ich weiß, ich würde ihr ein guter Ehemann sein, dazu kenne ich mich genügend – ich würde sie glücklich machen, und auch zwei andern Frauen die größte Freude bereiten.

»Was mich persönlich betrifft, Tyras, so macht es keinen großen Unterschied, welche Frau ich nehme, wenn sie nur gut und hübsch ist. Du glaubst mir nicht? Warte nur, bis du auch so ein Leiden hast wie ich – nur ein Eiterbläschen, ein Klümpchen geronnenes Blut, kaum so groß wie ein Stecknadelknopf, in irgend einer Nervenzelle! – Und solche Kleinigkeit, ein solches Nichts ist schuld an all meinem Elend und macht mir das ganze Leben zur Last. Tag und Nacht möchte ich es verfluchen!

»Und es bedarf nur eines ebenso winzigen Dinges, eines geringen Anstoßes, um es fortzuschaffen, sagt man.

»Dieses winzige Ding aber, dieses Sandkorn, das doch kostbarer ist als ein Diamant, besitzt Alice ganz allein 265 auf der weiten Welt. Sie nur hat das Mittel, das mich jetzt noch heilen kann; durch ihre Hand, ihre Lippen, ihre Augen – ich fühle es – kann ich genesen. Es hat mir letzte Nacht geträumt! Sie schaute mich an, nahm meine Hand – meine beiden Hände – küßte mich auf die Augen, auf den Mund, und sagte mir, wie sehr sie mich liebe! Ein wunderschöner Traum! Das Blutklümpchen zerfloß wie eine Schneeflocke, und ich hatte mein altes Selbst wieder – nach vielen, vielen Jahren – nur durch den Kuß einer reinen Jungfrau!

»Noch nie im Leben haben mich unschuldige Frauenlippen geküßt, außer die meiner Mutter und Schwester – und die zählen beim Küssen nicht mit.

»O ich weiß, sie wird mir Heilung bringen, die süße Samariterin! Ganz plötzlich werde ich alles wiederhaben, gerade wie in meinem Traum. Dann wollen wir drei uns zusammen freuen und glücklich sein . . .

»Aber, deine Herrin ist eine Pfarrerstochter und glaubt alles was man sie von klein auf gelehrt hat, gerade wie du. Das hoffe ich wenigstens. Und es ist mir lieb an ihr – und an dir auch.

»Sie hat ihrem Vater geglaubt – wird sie mir auch glauben, obgleich ich so ganz anders denke wie er? Und wenn sie es thut, wird es gut für sie sein – wird sie nicht irre werden an ihrem Vater? O, es ist schlimm, wenn man den Glauben an seinen Vater verliert und das 266 Vertrauen auf ihn. Es ist ein großes Unglück, Tyras, das zu erleben, und entweder an seiner Aufrichtigkeit zweifeln zu müssen oder an seinem Verstande. Denn er hat (mit Hilfe der Mutter) uns das Beste gelehrt, was er selber weiß, wenn er ein guter Vater war – bis ein anderer kommt und uns noch Besseres lehrt – oder Schlimmeres!

»Und dann weiß man nicht mehr, welche von den früheren Lehren wahr sind und welche falsch. Wie soll man die Spreu von dem Weizen unterscheiden? . . .

»O kniee und bete ruhig weiter, schöne Heilige! Ich will dir gewißlich nicht den Glauben an deinen Vater nehmen – weder an den Vater auf Erden, noch an den Vater im Himmel!

»Ja, da kniet sie in der Kirche, beugt das schöne Haupt über die gefalteten Hände, und ihre Gewänder fallen anmutig um sie her: ich sehe es deutlich vor mir.

»Tief drinnen aber in dieser Umhüllung ist das arme, sanfte, rührende Ding von Fleisch und Blut, das liebe, schwache Geschöpf mit dem großen Herzen und dem kleinen Hirn, das Weib, das so liebenswert und so gebrechlich ist. Niemals sich selbst genug, immer vertrauend und sich anlehnend – wie oft habe ich es gemalt; ich kenne es auswendig und liebe es – ach ich liebe es unaussprechlich! Wer nicht Maler oder Bildhauer ist, wird solche reine und erhabene Liebe nie begreifen können.

»Ja, da kniet sie und bringt Lob und Preis, wie 267 sich's gebührt, oder klagt ihren Kummer demütiglich. Vielleicht betet sie auch für mich. Sie glaubt, daß ihr armes Bitten droben erhört wird. Das Unmögliche wird geschehen, denn sie fleht ja so innig um die Erfüllung ihrer Wünsche. Sie glaubt – sie glaubt – was glaubt sie nicht alles. Tyras? –

»Nun, wenn sie an mich zu glauben vermag, so kann sie dreist auch alles andere glauben. Warum nicht?

»Ich bin entschlossen, mir selber untreu zu werden, um des lieben Mädchens willen, hörst du! Ich will neben ihr knieen, morgens und abends und den ganzen Sonntag lang, wenn sie es wünscht. Was thäte ich nicht für die einzige schöne Frau, die an mich glaubt? Auch diesen Glauben will ich bei ihr ehren, und mein Bestes thun, damit sie nie irre an mir wird. Wie könnte ich ein so kostbares Gut verschleudern! . . .

»Mit Alice, deiner und meiner holden Herrin, Tyras, ist also alles in bester Ordnung.

»Aber was soll ich mit Alices Papa anfangen? Da liegt der Hase im Pfeffer!

»Ist es unter irgend welchen Umständen erlaubt, einem erwachsenen Mann ein X für ein U zu machen? Selbst wenn er ein Pfarrer ist und mein künftiger Schwiegervater? Das ist eine recht heikle Gewissensfrage.

»Wenn ich bei ihm um die Hand seiner Tochter anhalte, was sich nicht umgehen läßt, und er mich nach 268 meinem Glaubensbekenntnis fragt, wie er ohne Zweifel thun wird – soll ich ihm da die Wahrheit sagen?

»Nein, ich lüge einfach durch dick und dünn – das muß ich – das will ich – das geht keinen Menschen etwas an. Mit dieser Lüge stifte ich größeren Nutzen als wenn ich die Wahrheit spräche und mache nicht nur ein paar Menschen glücklich, die es wohl verdienen, sondern obendrein auch mich selbst und das liebste Mädchen von der Welt. Der Zweck heiligt die Mittel, das ist meine einzige Entschuldigung. Dabei ist meine Lüge so ungeheuerlich, daß ich für immer daran genug haben werde; ich brauche mein Lebtag keine zweite zu sagen.«

Hier sprang Tyras plötzlich in die Höhe und schoß wie ein Pfeil davon. Er hatte eine ihm wohlbekannte Gestalt aus dem Pfarrhaus kommen sehen.

Der Pastor war ein großer, starker, wohlansehnlicher Mann, von Wetter und Wind gebräunt; er sah noch jung aus, freundlich, höflich, weltklug, scharfsichtig, etwas pomphaft und sehr gebieterisch, wie jemand, der nicht viel von tiefsinniger Forschung hält und dem ein junger strenggläubiger Landedelmann und Jagdfreund, mit reichem Gut und hohem Wuchs, tausendmal lieber ist, als alle Maler in der Christenheit.

»Jetzt gilt's,« dachte der kleine Billy. Es war ihm etwas unbehaglich zu Mute; Alices Vater erschien ihm größer und würdevoller als je, und wie die verkörperte Strenge und Pünktlichkeit.

269 »Willkommen in der Heimat, lieber Apelles! Wir haben alle Ursache stolz auf unsern Künstler zu sein. Erst gestern abend wünschte der junge Lord Archibald Waring, er wäre nur halb so talentvoll wie Sie: Er malt nämlich mit Leidenschaft und möchte am liebsten gleich selber Maler werden. Für den alten, guten Marquis ist das ein förmlicher Kummer.«

Nach dieser schmeichelhaften Anrede blieb der geistliche Herr vor dem kleinen Billy stehen und schüttelte ihm die Hand. Eine Weile sahen sie zusammen aufs Meer hinaus, und der Pastor machte die hergebrachten Bemerkungen über die blaue, graue und grüne Färbung der See; über ihre Schwermut und ihre Tücke.

»Wer schifft getrost auf deiner Flut,
Du unergründlich Meer!«

»Wir beide wohl nicht,« sagte der kleine Billy und so wandten sie der See den Rücken und schritten landeinwärts.

Das Gespräch kam bald in Fluß; sie sprachen behaglich über Landwirtschaft, Gartenbau und ähnliche harmlose Dinge; denn sie kannten einander schon seit vielen Jahren; der Pastor war sogar eine Zeitlang der Lehrer des kleinen Billy gewesen.

In aller Freundschaft hatten sie so einen schmalen, bewaldeten Hohlweg erreicht. Da stand der Pastor plötzlich still und sah dem Maler voll ins Gesicht.

270 »Was für ein Buch haben Sie da in der Hand, William?« fragte er streng.

»Dies Buch? – ja so – die ›die Entstehung der Arten‹ von Charles Darwin. Ich – ich habe es – sehr g–g–gern – lese es schon zum drittenmal – und f–f–finde es sehr gut. Es erklärt einem manches, wissen Sie.«

Nach einer Pause kam die noch strengere Frage:

»In welche Londoner Kirche gehen Sie am häufigsten, William, besonders zum Abendgottesdienst?«

Der kleine Billy wurde sehr verlegen; alle Selbstbeherrschung verließ ihn.

»Ich – ich – gehe gar nicht mehr zum Gottesdienst,« stammelte er, »weder morgens, mittags noch abends. Schon längst habe ich es aufgegeben, die Kirche zu besuchen. Ich gestehe Ihnen das ganz offenherzig, und will Ihnen auch sagen warum . . .«

Sie gingen weiter und ihr Gespräch drehte sich um die wichtigsten Gegenstände; es führte unglücklicherweise zu einer sehr ernstlichen Entzweiung – an welcher wahrscheinlich alle beide die Schuld trugen – und endigte am Ausgang des bewaldeten Hohlwegs in völlig unerwarteter, höchst peinlicher und beklagenswerter Weise.

Als sie nämlich ins Freie traten, war der Maler feuerrot, der Priester aber leichenblaß. Er warf sich in die Brust und richtete sich in seiner ganzen Höhe und 271 Würde auf, während der gerechte Zorn ihm aus den Augen sprühte. »Herr,« rief er mit drohend erhobener Stimme, »Sie sind ein – sind ein – ein Dieb – ja, ein Dieb, Herr! Sie wollen mir meinen Heiland rauben! Ich bitte mir aus, daß Sie nie wieder einen Fuß über meine Schwelle setzen!«

Der kleine Billy verbeugte sich. »Wenn es sich um Schimpfwörter handelt, so will ich Ihnen nur sagen, daß Sie – daß Sie – ein ganz – aber nein, Sie sind Alices Vater – und was Sie sonst noch sein mögen, muß auf sich beruhen. Das kommt davon, wenn man einem Pfarrer die Wahrheit sagen will. Ich habe die Ehre, Ihnen guten Morgen zu wünschen.«

So steif, als hätten sie jeder eine Elle verschluckt, trennten sich die beiden in entgegengesetzter Richtung, während Tyras in der Mitte stand und trostlos bald der einen, bald der andern verschwindenden Gestalt nachschaute.

Der kleine Billy aber hatte sich überzeugt, daß er sich ebenso schlecht aufs Lügen verstand, wie aufs Fliegen. Er heiratete die schöne Alice nun doch nicht, und wer weiß, ob sich das nicht sowohl zu ihrem wie zu seinem Heil so gefügt hat. Aber es herrschte große Trübsal im Hause Bagot viele Tage lang, und ein zärtliches, frommes und reines Mädchenherz grämte sich noch lange Monate hindurch vergebens.

Das Beste und Schlimmste an der Sache war, daß viele Jahre später der gute Pastor plötzlich, infolge einer 272 glücklichen Spekulation mit irländischem Bier sehr reich wurde – was nicht vielen Pfarrern geschieht, die sich mit Aktien und Dividenden befassen. Gleichzeitig begann er jedoch ernstlicher als früher über manche Dinge nachzudenken (wie es sich für einen Geschäftsmann schickt); wenigstens erzählt man sich das in Nord-Devonshire, und die Geschichte ist nicht ganz unglaublich – soll sogar schon öfter dagewesen sein. Aus kleinen Zweifeln wurden große. Er entzweite sich mit dem Bischof, mit dem Dekan, sogar mit seinem ›armen guten alten Marquis‹, welcher starb, bevor eine Versöhnung zu stande kommen konnte. Endlich hielt er es für Gewissenspflicht, aus der Kirche auszutreten, die für ihn zu eng geworden war, und siedelte mit Hab und Gut nach London über, um wenigstens freier atmen zu können. Dort aber befiel ihn eine große Unruhe. Die geistliche Oberherrschaft war ihm zur zweiten Natur geworden. Er war zu sehr gewöhnt, besonders den Frauen durch seine gewichtige Persönlichkeit, seine hohe, ernste Stirn, seine anmutigen Handbewegungen und den Wohllaut seiner Stimme Eindruck zu machen, und konnte sein Amt nicht entbehren. So trat er denn zu den Unitariern über und wurde bald einer der beliebtesten Prediger dieser Sekte.

Seine Tochter Alice blieb jedoch dem alten Glauben treu und heiratete einen ehrwürdigen Archidiakonus der Hofkirche, welcher ihrer gerade noch habhaft wurde, als sie nahe daran war, sich Rom in die Arme zu werfen. Ihre 273 Ehe war weder glücklich noch unglücklich – un ménage bourgeois, ni beau ni laid, ni bon ni mauvais. Und so wurden denn leider die Bande religiöser Übereinstimmung, welche für die innige Zusammengehörigkeit der Familien so wichtig sind, zwischen Vater und Tochter zerrissen; der Zwiespalt der Herzen trennte sie von einander. Ce que c'est que de nous!... Es ist ein wahrer Jammer!

Darum hören wir auch nichts weiter von der schönen Alice mit dem goldbraunen Haar.

 

 

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