Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
George du Maurier: Trilby - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleTrilby
authorGeorge du Maurier
translatorMargarete Jacobi
year1897
firstpub1897
publisherRobert Lutz
addressStuttgart
titleTrilby
pages447
created20100401
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Dritter Teil.

»Par deça, ne dela la mer
Ne sçay dame ni damoiselle
Qui soit en tous biens parfaits telle –
C'est un songe que d'y penser:
Dieu! qu'il fait bon la regarder!
«
       

Ende September, an einem schönen Montagmorgen, gegen elf Uhr, saßen Taffy und der Laird im Atelier ihren Bildern gegenüber. Sie rauchten, sie strichen sich mit der Hand das Knie, und keiner sagte ein Wort. Daß es Montag war, lastete noch schwerer als gewöhnlich auf ihren Lebensgeistern, denn die drei Freunde waren erst am vergangenen Abend von einem achttägigen Aufenthalt in Barbizon und dem Wald von Fontainebleau heimgekehrt. Im Kreise der dortigen Maler, zu denen Millet, Rousseau, Coro, Daubigny zählten, und andere, deren Namen heute schon fast vergessen sind, hatten sie eine entzückende Woche zugebracht. Der kleine Billy besonders, war von dem freien Künstlerleben in Blusen, Holzpantoffeln und riesig großen Panamahüten, so berauscht, daß er sich 116 selbst und seinen Freunden feierlich gelobte, auch er werde sich eines Tages dort ganz niederlassen, den Wald nach der Natur malen, ihn mit den Gestalten seiner Phantasie bevölkern und gesund und froh im Freien hausen. Bei einfachen Bedürfnissen und hohem Streben sollte das ein Götterleben werden!

Endlich brach Taffy das Schweigen: »Mit der Arbeit wird's heut' doch nicht flecken,« sagte er; »ein Gang durch den Luxembourg-Garten nebst einem Imbiß im Café de l'Odéon wäre mehr nach meinem Sinn. Die Omeletten sind dort gut, und der Wein nicht blau.«

»Ich wollte gerade denselben Vorschlag machen,« meinte der Laird.

So zog denn Taffy seine alte Schützenjoppe an und stülpte sich die Cricketmütze verkehrt auf den Kopf, mit dem Zipfel nach innen. Der Laird aber setzte den zerknitterten Strohhut auf, welchen sie bei ihrem Einzug im Atelier vorgefunden hatten, und schlüpfte in Taffys alten Überrock, der ihm bis auf die Hacken herabhing. So angethan schlenderten sie in den warmen Sonnenschein hinaus nach Carrels Atelier, denn sie wollten den kleinen Billy von der Arbeit fortlocken, damit er sich mit ihnen der Faulheit, Gefräßigkeit und allgemeinen Demoralisation ergebe.

Kaum aber hatten sie die enge, turmbegrenzte Rue Vieille des Trois Mauvais Ladres betreten, als der kleine Billy selbst ihnen entgegen kam. Er trug Malkasten und 117 Feldstaffelei in der einen und seine kleine Reisetasche in der andern Hand; der Hut saß ihm auf dem Hinterkopf, sein Haar sträubte sich nach allen Richtungen, er sah blaß aus und schien ganz außer sich zu sein.

»Großer Gott, was ist denn geschehen?« rief Taffy.

»O – o – o – sie sitzt bei Carrel!«

»Wer denn, wer?«

»Trilby! vor alle den rohen Kerlen! Ich machte nur die Thür auf, und da sah ich sie. Es war als hätte mir jemand mit der Faust vor die Stirn geschlagen, so prallte ich zurück. Nein, nie setze ich wieder einen Fuß in das verfluchte Loch! Ich gehe nach Barbizon und male den Wald. Das wollte ich euch nur sagen. Lebt wohl.«

»Halt, warte noch einen Augenblick – bist du denn ganz von Sinnen?« fragte Taffy und hielt ihn fest.

»Laß mich los, Taffy – bei Gott, ich muß fort – in einer Woche komme ich wieder – aber halte mich nicht auf – hörst du, laß mich gehen!«

»So nimm doch Vernunft an – ich komme mit!«

»Bewahre – ich gehe allein – ich will allein sein – laß mich los – ich muß fort!«

»Keinen Schritt – erst gieb mir dein Ehrenwort – schwöre mir, daß du schreiben wirst, sobald du dort ankommst, und uns jeden Tag Nachricht geben, bis zu deiner Rückkehr. Das schwöre!«

»Ja, ja – auf mein Wort – schwöre dir's! 118 – So – nun Gott befohlen – am Sonntag bin ich zurück – lebt wohl!« – Und fort war er.

»Aber was in aller Welt soll denn das heißen?« fragte Taffy verblüfft.

»Mir scheint, er ist vor Schrecken ganz aus dem Gleichgewicht geraten, als er Trilby dort bei Carrel in ihrer Verkleidung, oder mangelhaften Bekleidung, hat sitzen sehen. Ein komischer kleiner Kerl! – Aber, über Trilby muß ich mich auch wundern. Sie sollte doch so etwas nicht thun, noch dazu, wenn wir gerade auswärts sind! Wie ist ihr das nur in den Kopf gekommen? Noch nie zuvor hat sie in einer Malschule gesessen. Ich dachte, sie wäre nur des alten Carrels Modell und Duriens.«

Eine Zeitlang gingen sie schweigend weiter.

»Weißt du – ich fürchte, der thörichte Junge hat sich in sie verliebt – das wäre entsetzlich!«

»Mir ahnt schon längst das Schreckliche, daß sie sich in ihn verliebt hat.«

»Eine unerhörte Geschichte!« meinte Taffy.

In tiefem Brüten versunken, setzten sie ihren Weg fort; je mehr sie aber nachdachten und alle Einzelheiten erwogen, desto mehr wurde ihnen die Vermutung zur Gewißheit.

»Da haben wir uns eine schöne Suppe eingebrockt,« sagte der Laird. »Aber bei der Suppe fällt mir ein – wollten wir nicht zum Essen gehen?«

119 Das thaten sie, waren aber so aus dem gewohnten Geleise, daß Taffy ganz gedankenlos drei Omeletten aß, während der Laird zwei halbe Flaschen Wein trank und Taffy drei. Sie wagten sich nicht wieder in das Atelier zurück, aus Furcht, Trilby möchte sie dort aufsuchen, und spazierten den Nachmittag über höchst unglücklich in den Straßen umher.

Daß Trilby sich in der Malschule zum Modell hergab, war aber so zugegangen:

Carrel hatte plötzlich den Einfall bekommen, er wollte eine Woche lang dort im Verein mit seinen Schülern nach dem Modell malen, damit sie ihm zusehen und es ihm wo möglich nachmachen könnten. Von Trilby aber hatte er sich als besondere Gunst erbeten, daß sie ihm bei diesem Versuch sitzen möchte. Dem großen Carrel war sie so ergeben, daß sie ihm jeden Gefallen gethan hätte. Sie erklärte sich daher gleich bereit und fand sich am Montag morgen pünktlich ein. Carrel stellte sie nach der berühmten Figur aus Ingres Gemälde ›La Source‹. die einen Steinkrug auf der Schulter trägt; dann machten sich alle an die Arbeit und es herrschte eine feierliche Stille im ganzen Raum. Kaum fünf Minuten waren vergangen, da platzte der kleine Billy herein; er sah sie, riß die Augen weit auf, zog die Schultern in die Höhe und stand wie versteinert. Dann streckte er abwehrend die Arme aus, wandte sich und ergriff die Flucht.

120 »Qu'est ce qu'il a donc, ce Kleinerbili?« fragten ein paar Schüler verwundert; (man nannte ihn allgemein bei seinem Spitznamen).

»Er wird wohl etwas vergessen haben,« meinte Barizel; »vielleicht seine Zähne zu putzen, oder sich den Scheitel zu machen.«

»Am Ende hat er gar sein Gebet vergessen!«

»Hoffentlich kommt er bald wieder,« sagte der Meister. Und der Zwischenfall ward nicht weiter erörtert.

Trilby jedoch fühlte sich sehr dadurch beunruhigt; sie sann hin und her, was es wohl zu bedeuten haben möchte.

Zuerst überlegte sie sich's auf Französisch, – dem Französisch des Quartier latin: Sie hatte den kleinen Billy acht Tage lang nicht gesehen, und sich gefragt, ob er vielleicht krank wäre. Bei dem Gedanken, daß er sie malen würde – natürlich schöner als alle andern – hatte sie sich gefreut. Wenn er nur bald wieder käme, damit keine Zeit verloren ginge!

Dann erwog sie es auf Englisch in ihrem Haupte – auf Englisch, wie man es im Atelier von St. Anatole des Arts sprach – ihres Vaters gutes, reines Englisch. Da schoß es ihr plötzlich wie ein Blitz durch den Kopf, sie fühlte ein Prickeln in Händen und Füßen, kalter Schweiß bedeckte ihre Stirn und Schläfen.

Das Gesicht des kleinen Billy war sehr ausdrucksvoll, und sie hatte scharfe Augen.

121 Konnte es möglicherweise sein Gefühl verletzt haben, sie dort sitzen zu sehen?

Er war sehr eigen in manchen Dingen, das wußte sie wohl; auch fiel ihr ein, daß weder er, noch Taffy, noch der Laird, je den Wunsch geäußert hätten, ihre Figur zu malen, worauf sie doch mit Vergnügen eingegangen wäre. Der kleine Billy hatte stets stillgeschwiegen, wenn sie erwähnte, sie habe für ›alles mit einander‹ Modell gestanden, wie sie es nannte, und hatte ein sehr ernstes, fast trauriges Gesicht gemacht.

Während sie das alles bedachte, wurde sie bald blaß, bald rot, und je mehr ihr der Gedanke zur Gewißheit wurde, desto qualvoller erschien er ihr.

Dies neugeborene Gefühl der Scham zerwühlte und zerriß ihr Inneres mit namenlosem Weh, es bereitete ihr Schmerzen, wie sie solche ihr Lebenlang noch nie empfunden hatte.

»Was fehlt dir, Kind, bist du krank?« fragte Carrel, der ihr sehr wohlgesinnt war, schon als kleines Mädchen hatte sie ihm gesessen. (Sein Bild in der Galerie du Luxembourg ›1'Enfance de Psyché‹ ist nach ihr gemalt.)

Statt der Antwort schüttelte sie nur den Kopf, und die Arbeit ging weiter.

Auf einmal ließ sie den Steinkrug fallen, der in tausend Stücke zerbrach, bedeckte ihr Gesicht mit den Händen und begann heftig zu schluchzen. Vor aller Augen stand sie so da und weinte wie ein großes Kind – ›La source aux larmes.

122 Carrel sprang auf und half ihr vom Tritt herunter. »Was hast du denn, mein armes, liebes Kind? So sage mir's doch!«

»O ich weiß nicht – ich weiß nicht – mir ist nicht wohl – ich bin krank – ich will nach Hause!«

Ängstlich um sie besorgt, half man ihr beim ankleiden. Carrel ließ eine Droschke holen und fuhr selbst mit nach ihrer Wohnung. Unterwegs schmiegte sie sich weinend an ihn, und gestand ihm alles, so gut sie konnte. Monsieur Carrel traten dabei die Thränen in die Augen und er wünschte zu Gott, er hätte ihr nie zugeredet, Modell zu stehen, weder an diesem Tage noch früher. Tieftraurig dachte er an seine furchtbare Verantwortlichkeit (er hatte selbst erwachsene Töchter), und kehrte in das Atelier zurück. Schon eine Stunde später war ein anderes Modell herbeigeschafft und ein neuer Steinkrug, so daß die Arbeit wieder in Gang kam.

Trilby aber lag in trostloser Verzweiflung den ganzen Tag über auf dem Bett, auch noch den nächsten Tag und den darauf folgenden. Sie überdachte ihr vergangenes Leben. Reue und Scham bereiteten ihr Qualen, mit denen verglichen der Schmerz in ihren Augen eine wahre Erleichterung für sie schien. Er stellte sich diesmal sehr heftig ein und peinigte sie länger und schrecklicher als je zuvor; allein mitten in ihrem Elend erkannte sie doch, daß Seelenschmerzen die allerschlimmsten sind.

123 Zuletzt faßte sie den Entschluß, an einen der trois Angliches zu schreiben, und wählte den Laird. Mit ihm stand sie auf vertraulicherem Fuße als mit den beiden andern, denn er war zwar ein schlauer Schotte, aber doch so leutselig und freimütig gegen jeden, dem er wohlwollte, daß man unwillkürlich Zutrauen empfand. Auch hatte sie ihn während seiner Krankheit gepflegt und ihn oft vor dem ganzen Atelier voller Leute gestreichelt und geküßt. Sie that das sogar, wenn sie mit ihm allein war und hatte es immer höchst natürlich und selbstverständlich gefunden, etwa wie ein Kind, das einen geliebten jungen Onkel oder älteren Bruder liebkost. Der gute Laird besaß zwar einen fast unerschütterlichen Gleichmut, aber doch stellten Trilbys unschuldige Freundschaftsbezeugungen ihn manchmal auf eine starke Probe. Gegen Taffy nahm sie sich nie solche Freiheiten heraus, und sie wäre lieber gestorben, als es bei dem kleinen Billy zu thun.

Der Brief, den sie an den Laird schrieb, war zwar nicht fehlerfrei, ließ aber deutlich erkennen, daß ihre Rechtschreibung sich sehr gebessert hatte, seit sie nächtlicher Weile so fleißig in den geborgten Büchern las. Er lautete:

»Lieber Freund! Ich bin sehr unglücklich. Neulich saß ich bei Carrel, Rue des Potirons, als der kleine Billy hereinkam, aber sofort wieder umkehrte und vor Entsetzen und Widerwillen davonlief.

»Es stand alles in seinem Gesicht geschrieben.

124 »Monsieur Carrel hatte mich darum gebeten. Er hat mir von Kind auf viel Freundlichkeit erwiesen, und ich würde ihm alles zu Gefallen thun – nur das niemals wieder.

»Er selbst war auch da.

»Noch nie habe ich etwas darin gefunden, Modell zu stehen; schon als Kind that ich es für M. Carrel. Mama befahl es mir, und ich mußte ihr versprechen, Papa nichts davon zu sagen. Ich war bald ebenso gewohnt den Leuten zu sitzen, als Besorgungen für sie zu machen, ihre Wäsche zu waschen und ihre Kleider zu flicken. Papa hätte auch nicht gern gesehen, daß ich das alles that, obgleich wir das Geld sehr nötig brauchten, und er hat es nie erfahren.

»Ich habe auch andern für alles mit einander gesessen – M. Gérôme, Durien, den beiden Hennequins und Emile Baratier; für Hände und Füße sehr vielen Leuten und für die Füße allein nur Charles Faure, André Besson, Mathieu Dumoulin und Collinet. Sonst niemand.

»Es kam mir ebenso natürlich vor, Modell zu stehen, als wenn ich ein Mann wäre. Aber jetzt ist mir der Unterschied ganz klar geworden.

»Auch andere schreckliche Dinge habe ich gethan, wie Sie gewiß gehört haben – man weiß es ja im ganzen Quartier. Baratier und Besson, Durien nicht, was auch die Leute sagen. Sonst niemand, das schwöre ich – außer Mamas Freund, der alte Monsieur Penque, gleich zu Anfang.

»Jetzt möchte ich am liebsten sterben vor Scham und 125 Kummer, wenn ich daran denke. Denn das ist viel schlimmer als Modell zu stehen; auch wußte ich ganz genau, daß ich unrecht that und kann mich nicht entschuldigen – nein, nicht im geringsten. Freilich giebt es auch andere, die gerade so schlecht sind, und doch sieht sie kein Mensch im Quartier deshalb mit scheelen Augen an.

»Wenn Sie mit mir brechen wollen, und Taffy und der kleine Billy, so glaube ich wirklich, ich werde vor Kummer den Verstand verlieren. Ohne Ihre Freundschaft wäre mir das ganze Leben verleidet. Mir ist Ihr kleiner Finger, lieber Sandy, mehr ans Herz gewachsen, als irgendein Mensch – Mann oder Frau – den ich je gekannt habe; und Taffys kleiner Finger, und der des kleinen Billy ebenso.

»Was soll ich nur anfangen? Ich wage mich nicht auf die Straße, aus Furcht, einem von Ihnen zu begegnen. Wollen Sie nicht zu mir kommen?

»Nie im Leben will ich wieder Modell stehen, nicht einmal für Hände und Gesicht. Ich werde wieder blanchisseuse de fin bei meiner alten Freundin Angèle Boisse, die ihr gutes Auskommen hat in der Rue des Cloîtres Ste. Pétrouille.

»Nicht wahr, Sie werden mich besuchen? Bitte thun Sie es doch! Ich bleibe den ganzen Tag zu Hause, bis Sie kommen. Oder, wenn es Ihnen lieber ist, will ich Sie irgendwo treffen; sagen Sie nur wo und wann. Oder ich kann auch zu Ihnen ins Atelier kommen, wenn Sie ganz gewiß allein sind.

126 »Bitte, lassen Sie mich nicht lange auf Antwort warten; Sie machen sich keinen Begriff davon, wie unglücklich ich bin!

»Ihre Sie immer liebende, getreue Freundin

Trilby O'Ferrall.«

Den Brief schickte sie durch einen besonderen Boten, und kaum zehn Minuten später war der Laird schon bei ihr. Sie streichelte ihn und küßte ihn und weinte dabei, bis dem Laird selbst das Wasser in die Augen trat; aber statt in Thränen zu zerfließen, fing er an zu lachen, was viel besser zu ihm paßte und auch weit tröstlicher war. Als er ihr dann so freundlich zuredete und sich auf so einfache, natürliche Weise mit ihr besprach, veränderte sich ihr Aussehen, über das er zuerst förmlich in Schrecken geraten war, zusehends. Sie hatte ihr früheres Selbst schon beinah wiedergewonnen, als er ihre Kammer in der Rue des Pousse-Cailloux verließ.

Das Stübchen unter dem Dach, mit der schrägen Wand und dem Mansardenfenster, war so rein und sauber gehalten, als würde es von einer frommen Klosterschwester bewohnt. Reseda und Kapuzinerkresse blühten draußen auf dem Fensterbrett und blaue Winden rankten sich drinnen um die Scheiben.

Als sie so neben ihm saß auf dem schmalen, weißen Bett, und seine von Farben und Terpentin entstellte Hand umfaßt hielt, die sie von Zeit zu Zeit streichelte und küßte, 127 hatte er recht väterlich mit ihr gesprochen – wie er Taffy nachher berichtete – und sie gescholten, daß sie so thöricht gewesen war, nicht gleich nach ihm zu schicken, oder ins Atelier zu kommen. Er sagte ihr, wie sehr er, und sie alle, sich freuen würden, wenn sie das Modellstehen ganz aufgeben wollte. Etwas Schlimmes sei eigentlich nicht dabei, aber es wäre doch viel besser so. Vor allem aber hätte es ihn ganz glücklich gemacht, daß sie sich vorgenommen habe, in Zukunft nie mehr vom geraden Wege abzuweichen. Der kleine Billy sei nach Barbizon gegangen und werde eine Weile fortbleiben, aber sie müsse versprechen, gleich heute mit ihm und Taffy zu speisen und das Essen selbst zu kochen. Als der Laird dann fortging, um sein Bild ›les Noces du Toréador‹ weiter zu malen und noch beim Abschied zu ihr sagte: »à ce soir donc, mille sacrés tonnerres de nong de Diu!« – da gab es keinen glücklicheren Menschen als sie im ganzen Quartier latin: sie hatte gebeichtet und Vergebung gefunden!

Scham und Reue aber, Bekenntnis und Vergebung, hatten in ihr ein ganz neues, fremdes Gefühl der Selbstachtung wachgerufen. Bisher hatte sie nur stets peinlich darauf gehalten, äußerlich von untadeliger Sauberkeit zu sein; die größte Reinlichkeit war für sie ein Genuß. Ach, sie war zugleich eine der Hauptbedingungen ihres niedern Berufs! Jetzt kannte sie aber noch eine andere Art der Sauberkeit, und wollte nun und nimmermehr aufhören, sie zu pflegen. Die schreckliche Vergangenheit konnte sie freilich nie vergessen, aber sie hoffte doch, ihr späteres Leben würde dieselbe wenigstens insoweit auslöschen, daß andere sich vielleicht nicht mehr daran erinnerten.

Die Mahlzeit an jenem Abend war ein sehr denkwürdiges Erlebnis für Trilby. Nachdem sie Messer und Gabeln, Teller und Schüsseln aufgewaschen und in den Schrank gestellt hatte, setzte sie sich zu ihrem Nähzeug. Nicht einmal eine Zigarette wollte sie rauchen; das erinnerte sie zu sehr an Dinge und Auftritte, die ihr jetzt ein Greuel waren. Nein, für Trilby O'Ferrall gab es keine Zigaretten mehr.

Sie sprachen mit einander vom kleinen Billy, und so erfuhr sie zum erstenmal etwas von seinem früheren Leben, von der Art wie er aufgewachsen war, von seiner Mutter, seiner Schwester und den Menschen, mit denen er verkehrt hatte. Auch von seiner Zukunft redeten die Freunde, und sie fühlte sich bald stolz gehoben, bald tief niedergedrückt, als sie vernahm, was für ein großes, seltenes Genie er war, und welches herrliche Los sie ihm prophezeiten. Ruhm und Reichtum würden ihm bald winken, wie sie nur wenigen Sterblichen zu Teil werden; falls nämlich das Glück ihn begünstigte und nicht irgend ein Hindernis ihm in den Weg trat, um seine Entwicklung, seine Aussichten, seine glänzende Laufbahn zu hemmen. Sie hörte das alles, und dachte mit Stolz ^n ihn und mit tiefer Demut an ihre 129 eigene Niedrigkeit. Wie konnte sie denn hoffen jemals sich auch nur die Freundin eines solchen Mannes zu nennen? Würde sie aber vielleicht einmal seine Magd sein dürfen – seine treue, demütige Magd? –

 

Erst nach einem Monat kam der kleine Billy aus Barbizon zurück, so braun gebrannt, daß die Freunde ihn kaum wiedererkannten; als sie aber die Skizzen sahen, die er mitgebracht hatte, rissen sie die Augen weit auf.

Das niederschmetternde Gefühl ihrer eigenen Unbedeutendheit verlor sich in der Bewunderung dieser Kunstwerke und in der Liebe und Hochachtung für den Künstler.

Der kleine Billy, so jung und zart, so schwach an Körper, so stark an Geist, mit dem warmen Herzen, der kunstfertigen Hand, dem scharfen Auge und der wunderbar schnellen Auffassung – das war ihr Meister, der auf den Thron erhoben werden mußte, zu dem sie aufblicken, vor dem sie sich neigen wollten in unaussprechlicher Verehrung, an dem sie zu Schutz und Trutz hängen würden ihr Leben lang.

Als Trilby nach der Arbeit um sechs Uhr ins Atelier kam, rief er: »Grüß Gott, Trilby!« und schüttelte ihr die Hand; sie aber wurde bleich, ihre Lippen bebten und sie sah mit einem so feuchten, sehnsüchtigen, unersättlichen Blick demütigster Verehrung zu ihm herab (das mußte sie, bei ihrer ungewöhnlichen Größe), daß der Laird seine schlimmsten Befürchtungen bestätigt fand. Bei dem Blick aber, 130 den der kleine Billy zu ihr emporsandte, durchzuckte eine ähnliche Besorgnis Taffys männlichen Busen.

Dann gingen die drei Freunde mit einander beim père Trin zu Tische und Trilby kehrte nach ihrer blanchisserie de fin zurück. Tags darauf zeigte der kleine Billy seine Arbeiten Carrel, und der Meister forderte ihn auf, das angefangene Bild ›der Krug geht zu Wasser‹ in seinem Privatatelier fertig zu malen. Bebend vor stolzer Freude nahm der junge Mann diese unerhörte Gunst mit ehrfurchtsvoller Dankbarkeit an.

So geschah es, daß man eine Zeit lang im Atelier auf dem Platz St. Anatole des Arts, sowohl von dem kleinen Billy als von Trilby wenig zu sehen bekam; eine blanchisseuse de fin hat keine Zeit, lange von ihrem Bügeleisen fortzubleiben. Nur beim Essen trafen sie öfters zusammen. Am Sonntagmorgen aber, kam Trilby wie gewöhnlich, um dem Laird sein Weißzeug nachzusehen und zu flicken, ihm die Socken zu stopfen und für seine sonstigen kleinen Bedürfnisse zu sorgen. Das war immer ein glücklicher Tag für sie. Das Fechten und Boxen, das Klavierspielen und Geigen wurde nach wie vor betrieben. Am Sonntagnachmittag ging es dann meist sehr lebhaft in dem Atelier her – ganz nach gewohnter Weise.

Mit jeder neuen Woche bemerkten die Freunde immer deutlicher, daß in Trilby eine große Veränderung vorging. Sie sprach nicht mehr so kauderwelsches Französisch, außer 131 wenn ihr zufällig irgend ein Kraftausdruck entschlüpfte, auch war sie nicht mehr so drollig und lustig, und doch schien sie sich noch glücklicher zu fühlen als früher.

Im Gesicht war sie magerer geworden, so daß ihre Backenknochen sichtbar wurden, die, wie ihr übriger Knochenbau (besonders an Stirn, Kinn und Nasenrücken) eine dem Auge so wohlgefällige Form hatten, daß Trilbys Schönheit dadurch auf ganz wunderbare Weise gewann.

Gegen Ende des Sommers verlor sie auch die Sommersprossen, da sie sich weniger im Freien aufhielt; sie ließ ihr Haar wachsen und steckte es in einem Knoten am Hinterkopf fest, wodurch ihre kleinen, platt anliegenden Ohren zum Vorschein kamen – gerade an der rechten Stelle, sehr weit nach hinten und ziemlich hoch; der kleine Billy selbst hätte sie nicht vorteilhafter anbringen können. Ihr etwas zu breiter Mund nahm einen bestimmteren und zugleich lieblicheren Ausdruck an, und ihre großen britischen Zähne waren so weiß, daß sogar die Franzosen nichts dagegen einwenden konnten. Aus ihren Augen aber strahlte ein milder Glanz, den man noch nie darin gesehen hatte; sie leuchteten wie zwei graue Sterne, wie Doppelsterne, oder vielmehr wie Planeten, die einer neuen Sonne ihren Schein verdanken, denn das stille, sanfte Licht war nur zum Teil ihr eigenes.

Jedes neue Geschlecht liebt einen andern Schönheitstypus. Damals schwärmte man für die aristokratischen Damen 132 mit der hohen Stirn, dem länglichen Gesicht, dem gebogenen Näschen, dem weichen Kinn mit dem Grübchen, dem kleinen herzförmigen Mund, und den abfallenden Schultern, über welche lange Schmachtlocken herabhingen – die Lady Arabellas und Clementinas, Musidoras und Medoras! – Möglich, daß dieser Geschmack noch einmal zu uns zurückkehrt; Schreiber dieser Zeilen hofft das aber nicht mehr zu erleben.

Trilbys Typus würde heutzutage viel mehr bewundert werden, als in den fünfziger Jahren, und ihre Photographie an allen Ladenfenstern stehen; aber damals hatte man so ganz andere Begriffe von Schönheit, daß alle, die ihrem Liebreiz so bereitwillig huldigten, sich kaum erklären konnten, wie das zugehe. Überdies war sie viel zu groß für ihr Geschlecht, ihren Stand, ihre Zeit, und vor allem für das Land, in dem sie lebte. Sie brauchte zu einem tapfern Gendarm kaum in die Höhe zu sehen, und der war doch fast so groß wie ein dragon de la garde, der hinwiederum beinah das Maß des gewöhnlichen englischen Polizisten hat. Aber eine Riesin war sie deshalb noch keineswegs.

Eines Tages sagte Taffy zum Laird: »Weißt du, ich möchte meinen Kopf verwetten, daß unter allen Mädchen, die ich kenne, keins so hübsch ist wie Trilby. Sie sieht ganz wie eine große Dame aus, die sich als Grisette verkleidet hat; zu Zeiten sogar wie eine vergnügte Heilige. Ich finde sie reizend. Wenn sie mich so umarmte wie dich, 133 beim Zeus, ich ertrüge es nicht. Es würde zu einem Trauerspiel führen – vielleicht brächte ich den kleinen Billy um.«

»Ach was,« meinte der Laird, »glaubst du denn, ich bilde mir ein, daß, wenn sie mir mit so recht schwesterlicher Zärtlichkeit die langen Arme um den Hals legt, diese Liebkosung eigentlich mir gilt?«

»Und dabei ist sie so durch und durch echt,« fuhr Taffy fort; »zuverlässig, wahrhaft und aufrichtig wie ein Mann. Auch was sie unsereinem sagt, hört sich so angenehm an. Das ist irländisch, glaube ich. Schmeicheln thut sie auch nicht, es ist immer alles wahr.«

»Ah, das ist schottisch,« rief der Laird lachend, und drehte sich nach dem kleinen Billy um, aber der war verschwunden.

Sogar Svengali entdeckte die merkwürdige Verwandlung, die mit ihr vorgegangen war. »Ach, Trilby, wie schön du bist,« sagte er an manchem Sonntagnachmittag; »es ist um wahnsinnig zu werden; ich möchte dich anbeten! So dünn gefällst du mir noch viel besser; du hast einen so herrlichen Knochenbau! Warum antwortest du denn nicht auf meine Briefe? Was – du liest sie nicht einmal? Donnerwetter! Daran habe ich nicht gedacht: die Grisetten vom Quartier latin können ja gar nicht lesen und schreiben. Sie lernen nur den cancan tanzen, mit dem kleinen schmutzigen Affen- und Lumpengesindel, das sie Männer nennen. 134 Sapperment, wir werden den Kerlen einmal zum Tanze aufspielen, wir Deutschen. Bum, bum! werden wir machen, noch besser als der Kellner im Café de la Rotonde - hein? Und die Grisetten im Quartier latin sollen uns Wein einschenken – fotre betit fin blanc, wie der Affe von einem Dichter, der verrottete, verfluchte de Musset sagt, ›der eine so herrliche Zukunft hinter sich hat‹! Bah! Du kennst ihn ja gar nicht, ihren Monsieur Alfred de Musset. Wir haben auch einen Dichter, daß du's weißt, Trilby! Sein Name ist Heinrich Heine. Wenn er noch am Leben ist, so wohnt er hier in Paris, in einer kleinen Straße bei den Champs Elysées. Er liegt den ganzen Tag im Bett und sieht nur noch mit einem Auge, wie die Gräfin Varnhagen, ha, ha! Die französischen Grisetten betet er an; er hat auch eine von ihnen geheiratet; Mathilde heißt sie, und hat ›süße Füße‹ wie du. Dich würde er auch bewundern, und alle deine schönen Knochen einzeln zählen, denn er macht ebenso gern einen Spaß, wie ich. – Ja, ja, du wirst noch ein herrliches Skelett abgeben, und in ganz kurzer Zeit obendrein, weil du deinem Svengali nicht zulächeln willst, der dich bis zum Wahnsinn liebt! – Also du verbrennst seine Briefe, ohne sie zu lesen? Schon gut! Du sollst einen hübschen kleinen Glaskasten von Mahagoniholz für dich ganz allein im Museum der École de Médecine haben; dann wird Svengali kommen, in seinem neuen Pelzrock, mit einer großen Havanazigarre im Munde. Er wird 135 die schmutzigen carabins alle zur Seite schieben und dir durch die Augenhöhlen in deinen dummen, leeren Schädel sehen; deine Nase ist nur noch ein Knochengerüst; sie hat weder Spitze noch Flügel; durch die Nasenlöcher guckt man in den hohen Resonanzboden und in den Mund mit den zweiunddreißig großen englischen Zähnen, und zwischen deinen Rippen hindurch kann man in den weiten Brustkorb sehen, wo die Lunge von starkem Leder einmal gewesen ist. ›Ach‹ sagt Svengali, ›wie schade, daß sie nur so viel Musikverständnis gehabt hat, wie ein großer Kater!‹ Dann betrachtet er alle deine Knochen, bis herunter zu den jämmerlich zerbröckelnden Füßen und sagt: ›Sie war doch eine rechte Thörin, Svengalis Briefe nicht zu beantworten!‹ Die schmutzigen carabins aber sollen –«

»Kein Wort weiter, Sie gottloser Kerl, sonst schlage ich Ihnen alle Knochen im Leibe zu Brei!«

So ließ sich der jähzornige Taffy vernehmen, der zugehört haben mußte. Svengali aber ging ans Klavier und spielte Chopins Trauermarsch himmlischer als je zuvor. Wenn er an die bekannte pianissimo-Stelle kam, flüsterte er Trilby jedesmal zu: »Das ist Svengali; er kommt und sieht dich an, wie du daliegst in deinem Glaskasten von Mahagoniholz.«

Svengalis boshafte Phantasien, über die man so leicht hinwegliest, wenn man sie gedruckt sieht, klangen ganz grauenhaft in seinem deutsch-polnischen Französisch. Er stieß sie 136 mit einem heisern, krächzenden, rauhen Kehllaut hervor, fletschte seine großen gelben Zähne, wie ein knurrender Köter, und ließ die schweren Lider über seine frechen, schwarzen Augen herabfallen.

Außerdem begleitete er die süße, schwermütige Melodie noch mit dämonischen Gebärden, welche ausdrücken sollten, daß er gerade in dem Skelett alle Knochen zähle und mit grimmem Wohlgefallen betrachte. Kam er bis zu den Füßen, so erreichte sein schauerlicher Realismus einen solchen Grad, daß er fast komisch wirkte. Aber Trilby überlief es eiskalt; sie hatte keinen Sinn für dergleichen Scherze. Er kam ihr vor, wie ein greulicher Unhold, der gleich einem Alp drohend über ihr schwebte, und Macht hatte, sie zu ersticken und zu zermalmen, sobald Taffy (der ihn allein bezwingen konnte), ihr nicht beistand. Sie träumte sogar noch öfter von ihm, als von Taffy, dem Laird und dem kleinen Billy.

 

Ohne irgend welche bedeutende Veränderungen oder Erlebnisse, angenehm, ruhig, einförmig, verstrich die Zeit bis Weihnachten.

Der kleine Billy sprach wenig von Trilby, und auch sie erwähnte ihn selten. Jeden Vormittag war man im Atelier wie gewöhnlich bei der Arbeit, und allerlei Bilder wurden begonnen und fertig gemalt. Der Laird schickte seine kleinen spanischen Stiergefechte, in denen sich aber 137 der Stier nie blicken ließ, nach seiner Vaterstadt Dundee, wo sie verkauft wurden. Taffy ließ seine kleinen tragischen Lebensbilder des Pariser Elends – Verhungerte, Ertrunkene, Selbstmörder, die sich vergiftet oder durch Kohlendampf erstickt hatten – in der ganzen Welt herumziehen, und verkaufte sie nicht.

Der kleine Billy malte die ganze Zeit über in Carrels Privatatelier. Wenn sie sich alle beim Essen trafen, sah er zufrieden und glücklich aus, schien aber zerstreut und noch weniger gesprächig als sonst. Er war von den dreien immer am schweigsamsten gewesen, mehr geneigt zuzuhören, oder seinen eigenen Gedanken nachzuhängen.

Am Nachmittag war ein ewiges Kommen und Gehen, die Thür stand nicht still. Es wurden Turnübungen gemacht, gefochten und geboxt; Taffy ließ den Gegner die Kraft seiner Muskeln fühlen, auf die jeder Athlet hätte stolz sein können.

Unter den gelegentlichen Besuchern des Ateliers waren einige höchst liebenswürdige und bedeutende Menschen, die seitdem in England, Frankreich und Amerika berühmt geworden sind – oder mit Tod abgegangen, in die Ehe getreten, ins Elend geraten, vielleicht auch zu Ehre und Ansehen gelangt.

Da hier eine Pause in meiner Geschichte eintritt, weiß ich nichts Besseres zu thun, als von den wichtigsten Persönlichkeiten kleine Skizzen zu entwerfen, denn mir ist augenblicklich zu Mute, wie dem Zugführer einer 138 französischen Eisenbahn, der langsam fährt, weil sich vor ihm ein großer, gewundener Tunnel aufthut, an dessen anderm Ende er kein Licht sieht.

Möglich, daß meine kleinen Charakterschilderungen künftigen Biographen noch eines Tages von Nutzen sein können. Doch sollen sie auch meinen eigenen Zwecken dienen, wie der Leser bald einsehen wird.

Durien zum Beispiel, Trilbys wärmster französischer Verehrer pour le bon motif, war ein Sohn des Volkes, ein ausgezeichneter Bildhauer und trefflicher Mensch in jeder Beziehung – er war so vollkommen, daß sich über ihn weniger sagen läßt, als über alle andern. Bescheiden, einfach, genügsam, von strengen Sitten und unermüdlichem Fleiß, lebte er nur für seine Kunst, und auch ein wenig für Trilby, die er gar zu gern geheiratet hätte. Er war Pygmalion, sie Galathea – aber ihr Marmorherz wollte sich durchaus nicht für ihn erwärmen.

Durien besitzt jetzt eins der schönsten Häuser im Park Monceau; seine Frau und seine Töchter gehen geschmackvoller gekleidet als alle übrigen Pariser Damen, er ist ein sehr glücklicher Mensch; doch wird er die arme Galathea nie ganz vergessen:

»La belle aux pieds d'albâtre - aux deux talons de rose!«

Vincent, ein Yankee und Student der Medizin, betrieb die Arbeit so eifrig, wie das Vergnügen.

139 Er ist heute einer der größten Augenärzte der Welt; die Europäer fahren über den Ozean, ihn zu konsultieren. Wenn er selbst einmal zur Erholung die Überfahrt macht, muß er inkognito reisen, wie die Fürstlichkeiten, weil er sonst vor lauter Arbeit zu keinem Vergnügen kommen würde. Seine Töchter sind so schön und talentvoll, daß mancher englische Herzog vergebens nach ihnen schmachtet. Ihre Hauptbeschäftigung während der Herbstferien besteht darin, dem britischen Adel Körbe auszuteilen. Wenigstens liest man das in der Tageschronik, und es kommt mir ganz wahrscheinlich vor. Die Liebe ist nicht immer blind; falls sie es aber ist, wäre Vincent ganz der Mann dazu, ihr den Staar zu stechen.

Damals jedoch schrieb er für uns allesamt Rezepte, befühlte und behorchte uns aus rein persönlichem Interesse; ließ sich die Zunge zeigen, sagte uns was wir essen, trinken, thun und lassen sollten und wo von allem das Beste zu haben sei.

Zum Beispiel: Einmal nachts wachte der kleine Billy ganz in Schweiß gebadet auf und glaubte, er müsse sterben. Ihm war den Tag über schon elend zu Mute gewesen, und er hatte keinen Bissen zu sich genommen. Mühsam kleidete er sich an und schleppte sich bis nach Vincents Wohnung.

»O Vincent, Vincent, mit mir geht's zu Ende,« rief er und fiel fast bewußtlos auf das Bett. Vincent untersuchte ihn sorgfältig und befragte ihn über mancherlei. Dann 140 zog er seine Uhr aus der Tasche und that folgenden Ausspruch: »Hm! schon halb vier – das ist spät – aber immerhin – sag' einmal, kleiner Billy, weißt du, wo die Gemüsehalle ist, über'm Fluß drüben?«

»Jawohl! Was für ein Gemüse soll ich denn –«

»Hör' mir zu: Gerade dahinter sind zwei Restaurants, Bordier und Baratte; sie stehen die ganze Nacht offen. Geh' dorthin, laß dir ein tüchtiges Abendessen geben, und stopfe in dich hinein soviel du irgend kannst. Es giebt Leute, die meinen, bei Baratte speise man besser: ich ziehe Bordier vor. Mein Rat ist, du versuchst es erst bei Bordier und dann bei Baratte. Aber es ist keine Zeit zu verlieren; mach' daß du fort kommst!«

So bewahrte er den kleinen Billy vor einem frühen Grabe.

 

›Der Grieche‹ zählte kaum sechzehn Jahr, sah aber zehn Jahre älter aus, war sechs Fuß hoch, konnte noch stärkeren Tabak vertragen als Taffy und hatte eine große Fertigkeit im Anrauchen von Pfeifenköpfen. Seiner Gutmütigkeit wegen war er in St. Anatole des Arts sehr beliebt. Er galt als der Kapitalist des befreundeten Kreises, war äußerst freigebig, voller Herzenswärme und angenehm im Umgang. Man nannte ihn Poluphloisboiospaleapologos Petrilopetrolicoconose – so hatte ihn der Laird getauft, weil sein eigentlicher Name viel zu lang und viel zu gut für 141 das Quartier latin war – er erinnerte an die griechischen Inseln und Sapphos glühende Liebeslieder.

Was der Grieche im Quartier latin lernen wollte, wußte niemand. Französisch schwerlich, denn das sprach er wie ein Eingeborener. So oft aber seine Pariser Bekannten ihr Zigeunerleben nach London verpflanzten, wurden sie nirgends gastfreier aufgenommen, bewirtet und verpflegt, als in dem dortigen, wunderschönen Haus seiner Eltern.

Dieser Prachtbau, jetzt des Griechen Eigentum, hat eine Einrichtung, wie sie für einen Millionär und Großwürdenträger der Stadt paßt. Sein Bart ist jetzt grau, aber noch heute kann er ebenso lebhaft, lustig und gastfrei sein wie in den alten Pariser Tagen; nur raucht er keine Pfeifenköpfe mehr an.

 

Carnégie kam ganz frisch von der Universität herüber, wollte sich der Diplomatenlaufbahn widmen und in Paris echtes Französisch lernen. Er verbrachte die eine Hälfte seiner Zeit bei seinen englischen Freunden, auf dem rechten Seineufer und den Rest bei Taffy, dem Laird und dem kleinen Billy auf dem linken. Vielleicht ist er deshalb nicht Gesandter geworden. Er ist Dekan einer Landgemeinde, und spricht das schlechteste Französisch, das ich je gehört habe, so oft er irgend Gelegenheit dazu hat.

Meiner Meinung nach geschieht ihm das ganz recht.

Er liebte den Adel sehr, kannte auch einige Lords 142 (wenigstens gab er sich das Ansehen), sprach viel von ihnen und kleidete sich so fein, daß selbst der kleine Billy sich in seiner Gegenwart unbehaglich fühlte. Nur Taffy in dem abgeschabten Sammetrocke, und der Laird in Taffys altem Überzieher, der ihm bis auf die Fersen hing, wagten es, mit ihm im Garten des Luxembourg bei der Musik umherzuschlendern, ja sie bestanden sogar darauf, ihn unterzufassen.

Sein Backenbart war noch länger, dichter und blonder als Taffys. Aber bei dem bloßen Anblick eines Fechthandschuhs wurde ihm übel.

 

Der blondhaarige Antoine, ein Schweizer, den wir ›le roi des truants‹ oder den faulen Lehrling nannten, war trotz aller seiner unverbesserlichen Streiche, einer der besten und liebenswürdigsten Menschen, der je ein freies Künstlerleben geführt hat. Man verzieh ihm alles, wie weiland François de Villon, à cause de ses gentillesses.

Vom Wert des Geldes hatte er nicht den entferntesten Begriff; er steckte immer in Schulden, weil er, so lange sein Beutel voll war, alles was eigentlich seinen zahllosen Gläubigern gehörte, nach rechts und links an seine Freunde austeilte. Er war, wie Svengali, reich an Witz und Humor, und ein ganz vorzüglicher, eigenartiger Künstler, dabei (im geraden Gegensatz zu dem Deutschpolen) durchaus nicht eingebildet, voll Zartgefühl und echter Geistesgröße; der treueste, selbstloseste Freund und der lustigste Gesellschafter von der Welt.

143 Sobald er keinen Heller mehr in der Tasche hatte, suchte er sich im ärmlichsten Winkel von Paris irgend eine elende Dachkammer, um dort sein letztes Stündchen zu erwarten. In reizenden deutschen, französischen oder englischen Versen – denn er war ein großer Sprachkenner – verfaßte er eine rührende Inschrift für sein Grabmal; noch einen trüben Blick warf er auf die Pariser Schornsteine, fühlte sich verlassen von Freunden, Verwandten, sogar von der Geliebten seines Herzens; benetzte seine harte Brotrinde mit bittern Thränen und legte sich nieder, um elendiglich zu verhungern.

Während er so dalag und vergebens auf seine Erlösung wartete, machte er zum Zeitvertreib ganz allerliebste Randzeichnungen für seine Grabschrift. Eine Anzahl solcher Blätter finden sich noch heute im Kunsthandel und werden mit Gold aufgewogen. Inzwischen durchsuchten seine Freunde und Verwandten ganz Paris nach ihm. Ward er endlich in seinem Versteck aufgefunden, dann hatte die Not ein Ende. Im Triumph ging es zum père Marcas in der Rue du Ghette, wo die schöne, illustrierte Grabschrift für zwanzig, fünfzig, ja selbst für hundert Franken verkauft wurde, und dann – Vogue la galère! Das alte Leben fing wieder von vorne an, so lange das Geld reichte . . . e poi, da capo!

Jetzt wird sein Name in der alten und neuen Welt gepriesen; das Land, das er sich zur Heimat erkoren, ist 144 stolz auf den Glanz seines Ruhmes. Er aber blickt von der hohen Warte, auf der er steht, gern zurück auf seine faule Lehrzeit, auf die vergangenen Tage der Armut und des Mangels – le bon temps, où l'on était si malheureux!

Als Witzemacher ist er so berühmt geworden, daß die Leute zuerst lachen, und dann fragen, was der Spaß eigentlich zu bedeuten habe. Auch giebt es für unsereinen kein besseres Mittel, um den eigenen unschuldigen Witzen Beifall zu verschaffen, als wenn man hinzufügt: ›wie Antoine zu sagen pflegte‹.

Der Verfasser dieser Zeilen hat das oft versucht.

Macht man aber zufällig einmal wirklich einen guten Witz, der im Munde der Leute weiter lebt, so bekommt man ihn sicherlich nach Jahren mit dem Zusatz wieder zu hören: ›wie Antoine zu sagen pflegte‹.

 

Lorrimer, der fleißige Lehrling, hat es auch zu hohen Ehren gebracht. Er ist eine Säule der Kunstakademie und wahrscheinlich – wenn er solange lebt – ihr künftiger Präsident. Hoffentlich erreicht er diese Würde aber noch in vielen, vielen Jahren nicht, das ist gewiß auch sein eigener Wunsch.

Groß, mager, rothaarig, mit hübschen Gesichtszügen, war er ein eifriger, unermüdlich fleißiger, junger Kunstenthusiast, der in unnatürlichem Bildungstrieb allerhand belehrende Bücher las. An den Vergnügungen des Quartier 145 latin fand er keinen Geschmack, sondern brachte seine Abende mit Händel, Michelangelo und Dante daheim zu, auf dem rechten Seineufer, wo alle achtbaren Leute wohnen. Manchmal ging er auch glatt gescheitelt, in Frack und weißer Halsbinde, in irgend eine feine Gesellschaft.

Trotz aller dieser Mängel aber, und trotz seiner untadeligen Führung als Kunstschüler, war er doch ein prächtiger Kamerad und der liebevollste, hilfreichste und teilnehmendste Freund von der Welt. Möge es ihm wohl ergehen, und er noch lange leben!

Antoine und Lorrimer hatten damals keine hohe Meinung von einander, obgleich sie auf dem vertrautesten Fuße standen. Aber sie hielten auch beide vom kleinen Billy nicht viel, der doch ohne Frage den höchsten Gipfel des Ruhmes erreicht hat, zu dem sich ein bloßer Bildermaler überhaupt aufschwingen kann.

Sowohl Lorrimer als Antoine sind sehr glücklich und mit sehr schönen Frauen verheiratet – vermutlich schon Großväter. Sie bewegen sich in der besten Gesellschaft, ›la haute‹ wie es in der französischen Zigeunersprache hieß – worunter man, so viel ich weiß, Herzoge, Grafen und Fürstlichkeiten versteht, und alle, denen sie gewogen sind und die ihnen wohlwollen. Wenn Lorrimer und Antoine sich in jenen Kreisen begegnen, stürzen sie einander vermutlich nicht gleich in die Arme, sie reden auch nicht mit Vorliebe von der guten alten Zeit. Ich glaube nicht 146 einmal, daß ihre Frauen in freundschaftlichem Verkehr stehen. Unsere Frauen haben alle nicht viel Umgang mit einander, nicht einmal Taffys Frau mit der des Laird.

O Orestes! O Pylades!

O alle ihr jungen, mittellosen, unberühmten, unzertrennlichen Freunde, von achtzehn, neunzehn, zwanzig, selbst fünfundzwanzig Jahren, die ihr eure Gedanken und Kassen mit einander teiltet, die ihr einer des andern Kleider trugt und stets bereit wart, für den Freund Bürgschaft zu leisten, seine Pfeifen zu rauchen, seinem Liebchen mit Achtung zu begegnen, seine Geheimnisse zu bewahren, seine Späße weiter zu erzählen, seine Uhr zu versetzen und das daraus erlöste Geld zusammen zu verjubeln; die ihr Nächte lang an des Freundes Krankenbette saßet, einander in Kummer und Enttäuschung durch stumme männliche Teilnahme zu trösten verstandet – wartet, bis ihr vierzig Jahre alt seid!

Oder auch nur bis der eine oder der andere von euch irgend einen Gipfel erstiegen hat – und wäre er noch so klein! – Oder bis ihr ein Weib genommen und einen eigenen Herd gegründet habt! –

Alles ist schon einmal dagewesen, auch dies ward schon oft gesprochen, und es giebt nichts Neues unter der Sonne. »Mai tuh ceci ee ni ici ni lah,« würde der sprachkundige Laird sagen.

 

Dodor war ein hübscher junger Gardedragoner – ein Gemeiner, nichts für ungut – mit bartlosem Gesicht, 147 rosenroten Wangen, schlanker Taille und Füßen, die für eine Dame schmal genug gewesen wären; merkwürdigerweise sprach er das Englische ganz wie ein Engländer.

Sein Freund Gontran, alias l'Zouzou, war Korporal bei den Zuaven. Beide kannten Taffy vom Krimkrieg her und kamen oft in die Ateliers des Quartier latin, wo sie sich von den Grisetten und Modellen bewundern ließen und diese ihrerseits bewunderten, besonders Trilby.

Sie galten in ihren Regimentern als schwarze Schafe, (les plus mauvais sujets) erfreuten sich aber trotzdem einer besonderen Gunst bei Kameraden und Vorgesetzten, vom Obersten herunter.

Oft waren sie zum Korporal oder Brigadier befördert worden, um tags darauf wegen grober Ungebührlichkeiten wieder zu Gemeinen degradiert zu werden, infolge ihrer zu ausgelassenen Freude über die Rangerhöhung.

Furcht und Neid, Bosheit, üble Laune oder Verstimmung kannten sie nicht; nie thaten, sprachen oder dachten sie etwas Gehässiges; ihre einzigen Feinde waren sie selber.

Je nach der Gesellschaft, in die sie gerieten, und deren Sitten sie nachahmten, war ihr Benehmen tadellos oder ganz verwerflich – sie waren die reinen Chamäleons.

Immer zeigten sie sich bereit, ihr letztes Zehnsousstück unter sich oder mit andern zu teilen, (nur schienen sie nie eins in der Tasche zu haben). Ebenso gern würden sie auch ein Zehnsousstück mit uns geteilt haben, das andern 148 gehörte; sie boten uns die Zigarren ihrer Freunde an, luden uns ein, bei diesen zu speisen, traten gegen uns, oder für uns ein – wie es gerade kam. Aller Gram und Kummer, alle Angst und Schande, die sie ihren Angehörigen bereiteten, wurde reichlich aufgewogen durch den endlosen Spaß und die köstliche Unterhaltung, welche andere Leute von ihnen hatten.

Wahrlich sie führten einen netten Tanz auf! Aber unsere drei Freunde vom Platz St. Anatole (die den Spielmann nicht zu bezahlen brauchten), waren ihnen trotzdem sehr zugethan, besonders dem Dodor.

An einem schönen Sonntagnachmittag, als der kleine Billy seine Charakterstudien nach dem Leben auf dem festfrohen, lustigen Schauplatz der Fête de St. Cloud betreiben wollte, begegneten ihm Dodor und l'Zouzou, die ihm vergnügt zuriefen:

»Nous allons joliment jubiler, nom d'une pipe!«

Sie bestanden darauf, daß er ihre Belustigungen mitmachte und bezahlte, – als da sind Karussels, Schaukeln, der Riese, der Zwerg, der starke Mann, die dicke Frau – der sie den Hof machten und dafür hinausgeworfen wurden, weil man glaubte, sie hätten ernstliche Absichten – und die wilden Tiere, die sie neckten und reizten, bis die Polizei sich ins Mittel legte. Dann folgten al fresco Tänze, die wildesten, ausgelassensten Cancans; bis zufällig ein Sekondelieutenant oder Gendarm in Sicht kam, worauf sie ganz zierliche und ehrbare Schritte machten, en maître d'école, 149 wie sie es nannten, zum unaussprechlichen Jubel der stets wachsenden, ungeheuern Menge, während das anständige Publikum sich empört abwandte.

Der kleine Billy mußte Arm in Arm mit ihnen gehen und immer englisch sprechen, sobald ihnen eine achtbare englische Familie mit Töchtern entgegen kam. Es entzückte den Dragoner, wenn die schönen Töchter Albions ihn verwundert anstarrten, weil er ebenso gut englisch sprach wie sie – ein seltener Fall bei einem französischen Soldaten. Auch Zouzou schmeichelte sich damit, für einen Engländer gehalten zu werden, obgleich er nichts sagen konnte, als die paar Worte: I will not, I will not! die er in der Krim aufgeschnappt hatte und regelmäßig wiederholte, sobald er in Hörweite einer jungen, hübschen Engländerin kam.

Der kleine Billy fühlte sich unter diesen Umständen nicht sehr glücklich. Er war kein Stutzer, aber doch ein anständig erzogener junger Brite der höheren Bürgerklasse; es konnte ihm daher nicht angenehm sein, sich vor seinen schönen Landsmänninnen an einem Sonntagnachmittag Arm in Arm mit zwei gemeinen französischen Soldaten sehen zu lassen, die noch dazu die schlimmsten Thunichtgute waren.

Später fuhren sie oben auf dem Omnibus mit einer bunt zusammengewürfelten Gesellschaft nach Paris zurück. Die beiden muntern Krieger machten sich sofort allgemein beliebt, besonders bei den Frauen und Kindern, aber leider 150 nicht durch ihr anständiges, gebildetes und vornehmes Betragen. Der kleine Billy beschloß, nie wieder einen Vergnügungsausflug mit ihnen zu machen.

Sie aber ließen nicht von ihm ab, gingen mit ihm durch dick und dünn und begleiteten ihn den ganzen Weg bis zum Quartier latin; über den Pont de la Concorde und die Rue de Lille im Faubourg St. Germain. Diesen Stadtteil liebte der kleine Billy sehr. Besonders entzückte ihn der Anblick der prächtigen alten Paläste, der Hotels des alten französischen Adels; das heißt, ihre Außenseite, mit den hohen Säulenportalen, welche über den steingeschnitzten Wappenschildern alte, ruhmvolle Namen aus der Weltgeschichte trugen: Hôtel de Dieses, Hôtel de Jenes, Rohan-Chabot, Montmorency, La Rochefoucault-Liancourt, La Tour d'Auvergne. Hier pflegte er in romantische Träumereien zu versinken über die längst vergangene und vergessene Ritterzeit, in der jene Namen eine Rolle gespielt hatten. Er war nämlich einigermaßen bewandert in der französischen Geschichte und las mit Vorliebe Froissard, St. Simon und den geistreichen Brantôme.

Gegenüber einer der schönsten und ältesten dieser Eingangspforten, die er ganz besonders bewunderte, blieb er stehen, ›Hôtel de la Rochemartel‹ stand in verblichenen Goldbuchstaben über einem ungeheuren Steinwappen, und er begann Zouzou von den großartigen Verhältnissen und der architektonischen Schönheit des Gebäudes vorzuschwärmen.

151 »Parbleu!« rief Zouzou, »connu, farceur! – Dort bin ich geboren; am sechsten März 1834 um fünf Uhr morgens, habe ich da das Licht der Welt erblickt. Ein Glückstag für Frankreich, hein?«

»Dort geboren! – Nicht möglich – vielleicht im Portierstübchen?«

In diesem Augenblick wurden die beiden großen Thorflügel zurückgeschlagen, ein Schweizer in Livree erschien und bald darauf ein offener zweispänniger Wagen, in dem zwei ältere und eine jüngere Dame saßen.

Entrüstet sah der kleine Billy, wie die beiden unverbesserlichen Menschen militärisch grüßten und die Damen sich ernst und steif verbeugten. Als eine von ihnen aber zufällig noch einmal zurückblickte, warf ihr Zouzou sogar, zu des kleinen Billy Entsetzen, einen Handkuß zu.

»Kennen Sie denn die Dame?« fragte er in strengem Ton.

»Parbleu! si je la connais! Es ist ja meine Mutter! Hübsch, nicht wahr? Nur im Augenblick nicht gerade sehr gut auf mich zu sprechen.«

»Ihre Mutter! Wie meinen Sie das? Was hat denn Ihre Mutter in dem vornehmen Wagen und dem großen Hause zu thun?«

»Parbleu, farceur! Sie wohnt dort?«

»Unmöglich! Wer und was ist sie denn?«

»Die Herzogin de la Rochemartel, parbleu.. Die andere ist meine Schwester, und die dritte meine Tante, die 152 Princesse de Chevagné-Bauffremont. Sie ist auch die patronne jener Chic-Equipage, denn meine Tante Chevagné ist Millionärin.«

»Aber so etwas! – Wie heißen Sie denn eigentlich?«

»Wie ich heiße? Sapperment, warten Sie einmal – Gontran – Xavier – François – Marie – Joseph d'Amaury – Brissac de Roncesvaulx de la Rochemartel-Boisségur, wenn Sie nichts dagegen haben.

»Ganz richtig,« bestätigte Dodor, »l'enfant dit vrai!«

»Merkwürdig! Und Sie, Dodor, was ist denn Ihr Name?«

»O, ich bin nur eine unbedeutende Größe und nenne mich kurz und bündig Théodore Rigolot de Lafarce. Aber Zouzou ist ein schrecklich vornehmer Kerl – sein Bruder ist Herzog.«

Unsern jungen Briten aus dem höheren Mittelstande überraschten diese Enthüllungen – deren Wahrheit er nicht bezweifeln konnte – so sehr, daß er kein Wort weiter über die Lippen brachte. Wie gründlich er auch die Aufgeblasenheit des Adels zu verachten glaubte, so blieb doch ein Titel ein Titel – und sogar in Frankreich haben die Herzöge etwas zu bedeuten, wenn sie in Schlössern wie das Hotel de la Rochemartel wohnen.

Dem kleinen Billy stockte der Atem bei der bloßen Vorstellung.

»Denke dir nur,« rief er, sobald er abends wieder mit Taffy zusammenkam, »Zouzous Mutter ist eine Herzogin!«

153 »Jawohl – die Herzogin de la Rochemartel-Boisségur.«

»Das hast du mir ja gar nicht gesagt.«

»Du hast dich nie danach erkundigt. Es ist einer der berühmtesten Namen Frankreichs. Die Familie ist sehr arm, glaube ich.«

»Arm! Du solltest nur das Haus sehen, in dem sie wohnen.«

»Ich bin da gewesen; zu Mittag eingeladen; das Essen war nicht sehr gut. Sie leben meist auf dem Lande und vermieten ihr Schloß. Der Herzog ist Zouzous Bruder, doch gleicht er ihm gar nicht; er ist schwindsüchtig und unverheiratet, der größte Ehrenmann in ganz Paris. Zouzou wird eines Tages Herzog werden.«

»Und Dodor – der ist auch ein großes Tier! de – irgend etwas, wie er sagt.«

»Ja – Rigolot de Lafarce. Er stammt vermutlich von den Kreuzrittern; der Name klingt wenigstens ganz danach, wie so viele andere hier zu Lande. Seine Mutter war eine Engländerin, die den ehrenwerten Namen Brown trug. Er ist in einer englischen Schule erzogen, daher führt er sich vielleicht so schlecht auf und spricht so gut englisch. Seine schöne Schwester ist an einen Offizier bei den Schützen im sechzigsten Regiment verheiratet, Jack Reeve, Lord Reevelys Sohn, ein eigennütziger Mensch. Der arme Dodor! Mit seinem Schwager steht er sich schlecht, und 154 seine Schwester ist das einzige Wesen auf der Welt, an dem er hängt – außer Zouzou.«

 

Ich möchte wohl wissen, ob der herablassende und leutselige Monsieur Théodore – notre Sieur Théodore – jetzt jüngerer Teilhaber der großen Kurzwarenhandlung von Passefil et Rigolot auf dem Boulevard des Capucines, und eine Säule der englischen Kapelle in der Rue Marboeuf – seine Gehilfen und Gehilfinnen sehr hart anläßt, wenn sie am Montagmorgen ein wenig spät ins Geschäft kommen?!

Auch möchte ich wissen, ob der steife, griesgrämige Geizhals und Komunardentöter, der kirchenfromme, liebedienerische Stellenjäger, der himmelnde, großsprecherische alte Geck, Bramarbas und Philister, Monsieur le Maréchal-Duc de la Rochemartel-Boisségur, je seiner Frau, der Maréchale-Duchesse (geborene Hunks aus Chicago) erzählt, wie er eines Tages mit Dodor – doch wir wollen nicht aus der Schule schwatzen.

Der Verfasser dieser Zeilen ist kein vornehmer Laffe. Er schmeichelt sich, ein anständig erzogener alter Brite des höheren Mittelstandes zu sein. Und er schreibt für Leute, die ebensolche alte Philister sind, wie er selbst und aus einer Zeit stammen, da man nicht so wenig Wert auf Titel legte, wie heutzutage. Ach, jetzt wird ja alles, was erhaben und groß und altehrwürdig ist, über die Achsel angesehen!

Deshalb hat er seinen nichtsnutzigen, herzoglichen 155 Zuaven bis zuletzt aufgespart, zum Schluß dieser kleinen Schaustücke, pour la bonne bouche in seinem Zigeunermenu – um es denen schmackhaft zu machen, die auf das gute alte Quartier latin (das jetzt kaum mehr vorhanden ist), von oben herabsehen. Sie glauben, daß es verdientermaßen vom Erdboden vertilgt worden ist, als eine Stätte der Niedrigkeit und der Gemeinheit, wo die Herren Studenten (greuliche Bummler und Schmarotzer) Tag und Nacht nichts Besseres zu thun hatten, als in der alten Baracke ›la chaumière‹ unter das Strohdach zu klettern –

Pour y danser l'cancan,
Ou le Robert Macaire -
Toujours - toujours - toujours
La nuit comme le jour....
Et youp! youp! youp!
Tra la la la la.... la la la!


Weihnachten kam heran.

Es gab Tage, an denen das Quartier latin alle seine Sünden unter einer so dichten Nebeldecke verhüllte, wie sie nur das Themsethal zwischen der Londoner Brücke und Westminster aufzuweisen hat. Die Aussicht aus dem Atelierfenster war völlig verschwunden. Weder die Morgue, noch die Türme von Notre Dame, nicht einmal die Schornsteine auf der andern Straßenseite konnte man sehen, und von dem kleinen mittelalterlichen Türmchen an der Ecke der Rue 156 Vieille des Mauvais Ladres, das den kleinen Billy so sehr entzückte, war keine Spur mehr vorhanden.

Der Ofen mußte vollgestopft werden, bis er rotglühend wurde, bevor man mit den verklammten Fingern den Pinsel halten oder eine Farbenblase ausdrücken konnte; schon um neun Uhr morgens ging man ans Boxen und Fechten, um sich nach dem kalten, frühen Bade Bewegung zu machen und warm zu werden.

Taffy und der Laird machten nachdenkliche Gesichter; sie konnten sich eines traumhaften, kindlichen Gefühls nicht erwehren, und das Herz wurde ihnen weich. Meist sprachen sie über das Christfest daheim, im lustigen England, dem fernen Lande des Weihnachtsgebäcks; und wie schön es um diese Zeit dort sei – zu jagen, zu schießen und sich zu vergnügen bei Spiel und Tanz und Schmaus. Zuletzt bekamen sie förmlich Heimweh und wären am liebsten mit dem nächsten Zug abgereist.

Doch hüteten sie sich wohl, eine solche Thorheit zu begehen. Sie schrieben statt dessen an ihre Freunde in London, daß man ihnen den fettesten Truthahn und den größten Plumpudding schicken sollte, der für Geld und gute Worte zu haben wäre; auch Mince-pies, Stechpalmen und Mistelzweige, kräftige, kurze, dicke englische Würstchen, einen halben Stilton-Käse und einen saftigen Lendenbraten – oder lieber zwei, weil einer nicht reichen würde.

Denn am Weihnachtstag gedachten sie im Atelier einen 157 homerischen Schmaus zu halten – unser Kleeblatt nämlich: Taffy, der Laird und der kleine Billy – und alle ihre lustigen Gefährten einzuladen, die ich eben deshalb im voraus so genau beschrieben habe – Durien, Vincent, Antoine, Lorrimer, Carnegie, Petrolicoconose, l'Zouzou und Dodor.

Die Küche und Aufwartung sollten Trilby, ihre Freundin Angèle Boisse und Monsieur und Madame Vinard besorgen, nebst denjenigen kleinen Vinards, denen man das Geschirr und die Mince-pies anvertrauen konnte. Wenn das noch nicht genug Bedienung war, wollten die Gastgeber selber mitkochen und die Speisen herumreichen.

An das Mittagsmahl sollte sich nach kurzer Zwischenpause sofort das Abendessen anschließen, zu dem man noch andere Gäste laden konnte – außer Svengali und Gecko vielleicht zwei oder drei. Aber keine Damen!

»Frauenzimmer sind nur Spielverderber,« meinte der gefühllose Laird. Er hatte den schnöden Ausspruch einmal auf einem ländlichen Ball im Hochlande gehört.

Wunderschöne Einladungskarten mit den sinnreichsten, von Taffy und dem Laird selbst erdachten Randzeichnungen und Verzierungen, wurden herumgeschickt. (Der kleine Billy hatte keine Zeit, sich daran zu beteiligen.)

Verschiedene Weine, Schnäpse und englische Biere bezog man um schweres Geld von M. E. Delevingne in der Rue St. Honoré; auch allerlei Liköre – chartreuse, curaçao, ratafia de cassis und anisette; man sparte keine Kosten.

158 Zum Abendessen bestellten sie Zunge, Schinken, galantines mit Trüffeln, rillettes de Tours, pâtés de foie gras, fromage d'Italie (der nichts mit Käse zu thun hat), saucissons d'Arles et de Lyon, mit und ohne Knoblauch, saure Gelees mit Pfeffer und Salz, kurz alle Gerichte, welche französische Garköche und ihre Frauen aus französischen Schweinen oder andern Vierfüßlern, wildem oder zahmem Geflügel (selbst aus Katzen und Ratten) bereiten können; ferner süße Gelees, Kuchen und verschiedenes Zuckerwerk von dem berühmten Konditor an der Ecke der Rue Castiglione.

Den ganzen Tag über wässerte ihnen der Mund nach alle den köstlichen Dingen. In unsern entarteten Zeiten würden wir beim Anblick oder Geruch derselben keinen solchen Hochgenuß empfinden, aber im Rückblick auf dieses Fest läuft einem noch heute das Wasser vor Wehmut im Munde zusammen. Hélas! ahimé! ay de mi! eheu! οίμοι – kurz und gut: o weh! Endlich habe ich den richtigen Ausdruck gefunden!

Es war Weihnachtsabend. Die Sendung aus London – Braten, Plumpudding, Mince-pies zum sattessen – bis jetzt nicht eingetroffen – aber das hatte noch gute Weile.

Die trois Angliches speisten wie gewöhnlich beim père Trin, spielten Billard und Domino im Café du Luxembourg und faßten ihre Seelen in Geduld, bis es Zeit war, zur Mitternachtsmesse in die Madeleine zu gehen, wo Roucouly, der berühmte Bariton von der Opéra Comique, Adams herrliches Noël singen sollte.

159 Auf allen Straßen strömte die Menge zum Réveillon. Es war eine schöne, klare Frostnacht; der Vollmond eben im Abnehmen, der Spaziergang eine köstliche Erfrischung. Sie gingen auf den Quais am linken Flußufer entlang, über die Brücke und den Platz de la Concorde; dann die von Menschen wimmelnde Rue de la Madeleine hinunter, bis zu dem, von griechischen Säulen getragenen Gotteshaus, das immer so heidnisch-weltlich, so schmuck, so freundlich und neumodisch aussieht.

Glücklich brachen sie sich Bahn durch die andächtige Menge, bis sie Platz zum stehen und knieen gefunden hatten. Dann folgten sie dem ergreifenden Gottesdienst mit gemischten Empfindungen, wie es echten Briten von freisinnigen und aufgeklärten religiösen Überzeugungen zukommt, jedoch ohne die unvermischte Geringschätzung der streng orthodoxen Engländer (die sicherlich in hellen Haufen zugegen waren).

Bald jedoch schmolzen ihre empfänglichen Herzen vor Wehmut und Rührung bei den Klängen der wundervollen Musik, die ihre Sinne ebenso gefangen nahm, wie die der übrigen Anwesenden.

Denn, Schlag zwölf begann die Orgel zu spielen, und die schönste Stimme, welche in ganz Frankreich zu finden war, sang die Worte:

»Minuit, Chrétiens! c'est l'heure solennelle
Où l'Homme-Dieu descendit parmi nous!
«

Eine große Welle religiöser Andacht kam auf den kleinen Billy zugeströmt und überflutete ihn ganz; sie nahm 160 ihm den Boden unter den Füßen fort, brachte ihn aus dem Gleichgewicht, raubte ihm alles Selbstbewußtsein und ertränkte ihn in dem großen, brandenden Meer der Liebe – der Liebe zu Welt und Menschen, im Leben und Sterben, der unendlichen Liebesfülle für alles, was war und ist und sein wird – ein weites Gebiet, selbst für das Herz des kleinen Billy.

Und ihm war, als strecke er die Arme aus nach Liebe, nach der Liebe einer ihm vor allen andern teuern Gestalt, die hoch aufgerichtet vor seinen Augen stand und auch ihm die Arme entgegenstreckte im gleichen, nicht zu stillenden Verlangen. Es war nicht die dornengekrönte Duldergestalt, denn sie trug die Züge eines Weibes; doch nicht die der heiligen Jungfrau, der Mutter unseres Herrn und Heilands.

Es war Trilby, Trilby, Trilby! eine arme gefallene Sünderin, die sich verirrt und fast verloren hatte im Schlamm der verderbtesten aller Städte. Trilby, die schwach und sterblich wie er, der Vergebung so sehr bedurfte! Aus ihren grauen Taubenaugen strahlte ihm eine grenzenlose Liebe entgegen, die ihn tief beschämte; denn er wußte wohl, daß diese unerschöpfliche Liebesquelle sein eigen sei und ewig bleiben würde, mochte auch kommen, was da wolle.

»Peuple, debout! Chante ta délivrance!
Noël! Noël! Voici le Rédempteur!
«

So sang jener volle, tiefe, metallreiche Bariton, daß es klang und schwoll und wiederhallte, hoch über Orgelton und Weihrauchduft und über der ganzen Welt – bis vor 161 dem Donnerschall der frohen Botschaft von Liebe und Versöhnung das All zu erbeben schien.

Wenigstens kam es dem kleinen Billy so vor, der stets unter dem Einfluß der Musik in eine gesteigerte Gefühlserregung geriet; die menschliche Singstimme besonders besaß eine große Macht über ihn, und drang ihm bis ins innerste Herz – wenn es auch nur eine Männerstimme war.

Und nur die großartigste, erhabenste und gewaltigste Stimme vermag einer solchen Botschaft den würdigen Ausdruck zu verleihen. Sie ist ja der Inbegriff und der innerste Kern alles Segens, welcher der gesamten Menschheit zu teil geworden ist.

Der kleine Billy kehrte in jener Nacht in sehr erhobener Stimmung nach dem Hotel Corneille zurück; so stolz und demütig zugleich wie er sich noch nie gefühlt.

Aber ach, wir sind der Spielball niedriger, alltäglicher, gemeiner Erdendinge!

Auf der Schwelle saß Ribot, einer seiner Hausgenossen, dessen Zimmer gerade unter seinem eigenen lag. Er rauchte zwei Zigarren auf einmal, und war so betrunken, daß er die Klingel nicht finden konnte. Aber die Stimme hatte er noch nicht verloren; er sang aus vollem Halse, doch nicht das Noël von Adam. Er war auch nicht zum Réveillon in der Kirche gewesen.

Mit Hilfe eines schläfrigen Kellners brachte der kleine Billy den Trunkenbold in sein Zimmer, zündete ihm das 162 Licht an, befreite sich aus seinen zärtlichen Umarmungen und überließ es ihm, sich nach Gefallen auf dem Boden herumzuwälzen.

Als er im Bett lag und trachtete, sich die hohen und tiefen Gemütsbewegungen des Abends zurückzurufen, hörte er unten den Saufbruder umherstolpern und sein sinnloses Gebrüll fortsetzen:

                  »Allons, Glycère!
                  Rougis mon verre
Du jus divin, dont mon coeur est toujours jaloux...
                  Et puis à table
                  Bacchante aimable
Enivrons-nous! Les g-glougloux sont des rendezvous!...«

Dann hörte das Singen eine Weile auf und man vernahm andere Töne, wie an Bord eines Kanaldampfers. Ein richtiges glouxgloux!

Nun ergriff den kleinen Billy die Angst, der Betrunkene könnte vielleicht seine Bettvorhänge anstecken, und das vertrieb ihm vollends alle himmlischen Gefühle für diese Nacht . . .

Ganz außer sich vor Furcht, Ekel und Entrüstung lag unser Held mit offenen Augen da, strengte seinen Geruchsinn an, um sofort zu merken, wenn Kattun oder Musselin in Brand geriete, und fragte sich, wie nur ein gebildeter Mensch – denn Ribot war Student der Rechtswissenschaft – sich so zum Tier erniedrigen könnte? Es war eine Schmach und Schande, eine Entwürdigung sondergleichen. Leute wie Ribot verdienten keine Vergebung, nicht einmal 163 am Weihnachtsfest. Er wollte sich bei der Wirtin, Madame Paul, beklagen, wollte Ribot hinauswerfen lassen, oder selbst gleich am nächsten Morgen ausziehen! Zuletzt schlief er doch ein vor lauter Gedanken an alles, was er thun wollte – und auf so schmähliche und lächerliche Art endete der Réveillon für den kleinen Billy.

Am nächsten Morgen führte er wirklich Klage bei Madame Paul, kündigte jedoch die Wohnung nicht und bestand auch nicht auf des Mieters Ausweisung. (Ribot war, wie er ohne jegliches Mitleid vernahm, ›bien malade ce matin‹). Doch äußerte er sich mit großer Strenge über das Betragen jenes Herrn, und wie gefährlich es sei, einem Betrunkenen in einem kleinen Schlafzimmer mit Kattunvorhängen ein brennendes Licht anzuvertrauen. Ohne seine Dazwischenkunft hätte Ribot die Nacht auf der Thürschwelle zubringen müssen, und damit wäre ihm nur sein Recht geschehen! Er war wirklich erhaben in seiner tugendhaften Entrüstung, trotz seines mangelhaften Französisch. Madame Paul aber fühlte sich ganz zerknirscht an Stelle ihres sündhaften Mieters, und brachte die wortreichsten Entschuldigungen vor. So fing denn der kleine Billy seinen einundzwanzigsten Weihnachtstag wie der Pharisäer an, und dankte Gott, daß er nicht war wie Ribot!

 

 

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.