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Träumereien an französischen Kaminen

Richard von Volkmann: Träumereien an französischen Kaminen - Kapitel 18
Quellenangabe
authorRichard von Volkmann
titleTräumereien an französischen Kaminen
publisherHesse & Becker Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180703
projectid156c38b2
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15. Wie sich der Christoph und das Bärbel immer aneinander vorbei gewünscht haben

Das mag nun schon geraume Zeit her sein, daß einmal der liebe Gott – wie er es oft zu tun pflegt – sagte: »Du, Gabriel, mach einmal die Luke auf und guck runter! Ich glaube, es weint was!« Der Gabriel tat, wie ihm der liebe Gott befohlen, hielt sich die Hand vor die Augen, weil's blendete, sah überall umher und sagte endlich: »Da unten ist eine lange grüne Wiese; an dem einen Ende sitzt das Bärbel und hütet die Gänse, und am andern der Christoph und hütet die Schweine, und weinen tun sie alle beide, daß einem das Herz im Leibe weh tut.« – »So?« sagte der liebe Gott; »geh weg, Langer Daß der Engel Gabriel sehr lang ist, weiß jeder., damit ich selbst zusehen kann.«

Wie er nun selbst zugesehen hatte, fand er es gerade so, wie es der Gabriel gesagt.

Daß aber der Christoph und das Bärbel beide so kläglich weinten, hat sich so zugetragen: Der Christoph und das Bärbel hatten sich beide sehr lieb; denn eins hütete die Gänse, das andere die Schweine, und sie paßten also gut zusammen, weil nämlich der Stand kein Hindernis machte. Sie nahmen sich denn vor, sie wollten sich heiraten, und meinten, dazu wär's gerade genug, daß sie sich so lieb hätten. Aber die Herrschaft war anderer Meinung. So mußten sie sich denn mit dem Brautstande zufriedengeben. Weil aber Ordnung zu allen Dingen nütz, und das Küssen bei Brautleuten eine gar wichtige Sache ist, waren sie übereingekommen, daß sieben Küsse morgens und sieben Küsse abends eine gute Zahl wären. Eine Zeitlang ist es denn auch ganz gut gegangen, und immer waren zur rechten Zeit die sieben richtig und voll. Am Morgen aber des Tages, wo diese Geschichte sich zugetragen hat, eben da es zum siebenten Kusse kommen sollte, waren dem Bärbel seine Lieblingsgans und dem Christoph sein Lieblingsferkel wegen des Frühstücks uneinig geworden, also, daß sie sich gar hart anließen und beinahe schon zu Tätlichkeiten übergingen. Da mußten sie es, um den Streit zu schlichten, bei der falschen Zahl lassen. Wie nun beide nachher so einsam und weit voneinander am Wiesenrande saßen, fiel ihnen ein, daß es doch sehr schlimm sei, und fingen an zu weinen, und weinten immer noch, als der liebe Gott selbst zusah.

Der liebe Gott meinte anfangs, ihr Leid würde sich mit der Zeit wohl von selbst geben; als aber das Weinen immer ärger wurde und dem Christoph sein Lieblingsferkel und dem Bärbel seine Lieblingsgans auch schon begannen, schier traurig zu werden und ganz sauertöpfische Gesichter zu machen, sprach er: »Ich will ihnen helfen! Was sie sich am heutigen Tage nur immer wünschen mögen, soll in Erfüllung gehen.«

Die zwei hatten aber nur einen Gedanken; denn wie so eins nach dem andern schaute, und konnten sich doch nicht sehen, denn die Wiese war lang und in der Mitte ein Busch, dachte der Christoph: ›Wenn ich doch drüben bei den Gänsen wäre!‹ und das Bärbel seufzte: »Ach, wäre ich doch bei den Schweinen!«

Auf einmal nun saß der Christoph wirklich bei den Gänsen und das Bärbel bei den Schweinen; und doch waren sie wieder nicht beieinander, und die falsche Zahl konnte immer noch nicht richtig gemacht werden.

Da dachte der Christoph: ›Das Bärbel wird mich wohl haben besuchen wollen‹, und das Bärbel dachte: ›Was gilt's, der Christoph ist andersrum zu mir 'rübergegangen!‹ – ›Ach, wär' ich doch bei meinen Gänsen!‹ – ›Ach, wär' ich doch bei meinen Schweinen!‹ –

Da saß nun wieder das Bärbel bei den Gänsen und der Christoph bei den Schweinen, und so ist es den ganzen Tag über immer umschichtig fortgegangen, weil sich die beiden stets aneinander vorbei gewünscht haben. So fehlt denn der siebente Morgenkuß des Tages heute noch. Der Christoph wollte ihn zwar selbigen Abends, als sie beide, todmüde gewünscht, nach Hause kamen, nachholen, aber das Bärbel meinte, es helfe nun doch nichts mehr, und die Unordnung sei nimmer wieder gutzumachen. –

Als aber der liebe Gott sah, daß sich die beiden immer so aneinander vorbei wünschten, sprach er: »Da habe ich etwas Gutes angerichtet. Aber, was ich gesagt habe, habe ich gesagt! Dagegen kann nun weiter nichts helfen!« So hat er sich denn vorgenommen, nie wieder Liebesleuten ihre Wünsche so ohne weiteres in Erfüllung gehen zu lassen, sondern sich immer erst zu erkundigen, was sie denn eigentlich haben wollten. Später aber soll er einmal im Vertrauen zum Gabriel gesagt haben: es wäre doch recht schade, daß ihre Wünsche so gar selten von der Art wären, daß er sie gewähren dürfe; und als ich mich vor langer, langer Zeit einmal in ähnlichen Angelegenheiten an ihn wandte, tat er gar nicht, als wenn er es hörte. Nachher erzählte mir der Gabriel diese Geschichte; da konnte ich mich freilich nicht mehr wundern.

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