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Stanislaw Przybyszewski: Totenmesse - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDe profundis und andere Erzählungen
authorStanislaw Przybyszewski
year1990
publisherIgel Verlag
addressPaderborn
isbn3-927104-04-3
titleTotenmesse
pages7-41
created20040216
sendergerd.bouillon
firstpub1893
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Auf dem Grunde meiner Seele liegt ein finsteres, schauerliches Geheimnis von einer wahnsinnigen, satanischen, schwarzen Messe, in der das sterbende Geschlecht sich austobte mit seiner zerstörenden Agonie und Todeskrämpfen, als es zum letzten Mal das δος μοι που οτω war und mich aus meinen Angeln hob.

Und so will ich es preisgeben; preisgeben den Triumph der epileptischen Brunst, noch einmal alles durchleben in einer Intensität, als ob es heut geschehen wäre, noch einmal schwelgen im Genüsse meines geschlechtlichen Vampirtums, und noch einmal mich empfinden als das übermächtige Geschlecht, das mein Gehirn als dummes, lächerliches Spielzeug gebrauchte.

Ich weiß nicht, ob es Traum war oder Wirklichkeit; ich weiß nicht, ob es nur das halluzinatorische Bild von einer Idee war oder umgekehrt die Geburt von Ideen aus vielleicht ererbten, a priori in mir liegenden Bildern.

Die Linien des Tages fließen in die der Nacht hinüber; über dem hellen Mittag ruht die große, blutrote Scheibe des Mondes, und in dem Wasser des abgründigen Brunnens spiegeln sich am lichten Tage Millionen von Sternen in mitternächtiger Finsternis.

Mein Gott! Vielleicht war es nur das psychische Epiphänomen von physischen Zerstörungsakten, von alkoholischem Delirium, von Fieberhitze oder – aber das ist ja gleichgültig.

Jedenfalls hab' ich ihn erlebt, den Todeskampf meines Geschlechtes.

Ich saß regungslos da, die Faust tief in den Mund gesteckt, mit hervorquellenden Augen, mit schmerzhaft verzerrter Gesichtsmuskulatur, ein brutales Raubtier.

Etwas mußte ich in mir zerstören, mit meinen Zähnen in das Innere beißen, tief, langsam, immer tiefer; behutsam es abreißen, damit der Schmerz stärker, langsamer, grausamer wäre; mit den langen, spitzen, scharfen Zähnen mußte ich es tun.

Seit zwei Tagen schlief ich nicht; ich aß nicht. Ich trank nur reinen Spiritus, weil meine Geschmacksnerven stumpf geworden waren und ihre Leitung nach dem Rachen unterbunden war.

Ich war beinahe lustig.

Meine Gefühle bewegten sich in wunderbarem Takt zu einer schauerlich-gespenstisch-tiefen, wüsten, starren Musik mit dem Gesichte eines altmexikanischen Götzenbildes.

Jeder Ton war wie ein Stück geschmolzenen Metalls, das in eine fürchterliche Hitze geriet und in das Spektrum meiner Seele niedertropfte und dort eine Linie zeichnete.

Ich hörte die Musik nicht, ich empfand sie deutlich als ein großes, endloses Spektrum mit grellen, ganz naiv grellen Farben.

Es erinnerte mich an die Farben, mit denen ich einen assyrischen Löwen bemalt sah.

Es wunderte mich nur, daß ich das Ultraviolett ganz deutlich empfand, aber nicht als Farbe, sondern übersetzt in eine Rückwärtswelle, in ein Etwas, das sich immerfort in regelmäßiger, rhythmischer, ganz deutlicher Rückwärtsbewegung befand und nicht schwinden wollte.

Ich hatte beinahe die Empfindung, daß ich betrunken und die Koordination meiner Bewegungsmuskulatur ausgeschaltet sei.

Ich sah die Musik in brennenden, lichterlohen, ätzenden, großen Flammenfarben; ursprünglich dachte ich an ein Gangrän, so schmerzte mich die Glut zuweilen. Zuweilen fühlte ich Nichts, und dann empfand ich ein Sinken und Sinken und griff verzweifelt um mich, um wieder hochzukommen, um mich wieder heraufzuarbeiten.

Nur Das verstand ich nicht, wie ich es mit den Zähnen packen und herausreißen könnte; es war da, ich wußt' es ganz genau, und ich mußte es 'raus haben – ja! das, woran ich diese dunkle Erinnerung hatte, ohne mich besinnen zu können, was es war.

Es war ganz finster, und an den Scheiben weinte still, lautlos in sich hinein der Regen.

In mir das Spektrum wurde intensiver, brennender; es setzte sich um in eine endlose Reihe differenzierter Schmerzgefühle.

Jeder Tonstrich wurde zu einem besonderen Schmerzgefühl.

Eine feine, lange Reihe mit deutlichen, durchsichtigen Fingern und ganz spitzen Krallen.

Sie stachen wie dünne, bis zur Weißglut erhitzte Nadeln in mein Gehirn hinein, in regelmäßig wechselnden Zwischenräumen, ganz so wie die Nadeln auf einer Leierkastenwalze in die Tonplattenskala stechen.

Und jede brachte einen neuen Schmerzenston hervor.

Zuweilen war es mir, als ob die Nadeln zu Orgelpfeifen wurden, auf denen irgend etwas in den unglaublichsten Hundertundzwanzigsteln eine grauenhafte, gräßliche Symphonie der Qualen spielte, eine orgiastische Cadenza von brutalen Leidensdelirien.

Ich schrie auf wie ein Tier, mit der Bauchmuskulatur glaub' ich, denn plötzlich empfand ich in der Nabelgegend einen fürchterlichen, stechenden Schmerz.

Ich schrie noch einmal, noch stärker; ich mußte schreien. Ich verdoppelte absichtlich die Stärke meiner Anstrengung; ich freute mich darüber; absichtlich tat ich es.

Mein Bewußtsein verlor mich niemals, nicht einmal das wissenschaftliche Bewußtsein; ich dachte ja noch immer in wissenschaftlichen Symbolen.

Aber schreien mußte ich.

Mir war, als ob ich eine Zange, eine feine, dünne Zange an die gangränöse Seite angelegt hätte, die ich mit den Zähnen nicht erfassen konnte; und nun zog ich langsam an ihr, ganz langsam – o, es war eine wüste Wollust.

Ja, das war es: ruckweise mußte ich ziehen.

Ich kam in Ekstase.

Nun mußt' ich mich noch schlagen; mit Keulenschlägen gegen den Schädel, so, daß Splitter herumflögen; einen fürchterlichen Schlag gegen die Lambdanaht, dann wird der Hinterschädel wegfliegen und das Kleinhirn wird freigelegt.

Aber nein – nein – nein: – viel feiner mußte ich es tun, grausamer, raffinierter.

Plötzlich zitterte ich am ganzen Leibe: die ultraviolette Rückwärtswelle setzte eine fürchterliche Brandung in Szene, ich wurde förmlich nach hinten gezogen, geschleppt, gerissen, wie wenn ich starke Stöße gegen die Brust bekäme.

Ich wußte, was es bedeute, aber ich wagte es nicht zu denken; ich durfte es nicht wissen, und ich wußte es selbstverständlich ganz gewiß nicht – nein, nein, nein!

Ich sprang auf; ich war ganz lustig; ich tanzte und pfiff, pfiff einen schrillen, einzigen, langen Ton.

Ich richtete meine ganze Seele auf ihn; ich horchte auf ihn, streichelte ihn, modellierte, liebte ihn, schuf aus ihm eine Landschaft, so wollig wie ein weiter Tuchmantel aus feinen ultravioletten Farben; ich wickelte mich in ihn ein. Es war ein bißchen traurig, aber das war die Traurigkeit eines Kindes, wenn es ausgeweint hat; tausend lustige Engelsäugelein lachten hinein – ganz, ganz kindlich.

Es war auch ... ein ... klein ... wenig – – kalt.

Ich schrie wahnsinnig auf.

Die Brunst nach den weichkalten Totenhänden überkam mich; eine Brunst, schauerlich, gräßlich. Sie überwucherte mich, sie umraste mich mit apokalyptischen Flügeln, und ich mußte sie tot machen, sie bekämpfen, hypnotisieren, wieder in den Schlaf einlullen mit langer, wohlgesetzter Rede, schöner, wissenschaftlicher Rede.

Ich stand auf, ich reckte mich lallend empor mit majestätisch dozierenden Gebärden:

Sie ist wie eine Zelle, die erkrankt. Sie wächst, schwillt an, Blutgefäße wachsen in sie hinein, sie produziert Gift, sie schreitet zurück bis in den mystischen Abgrund, wo sie zum sexuellen, autonomen Organismus wird, und sie vermehrt sich in einer zerstörenden, satanischen Brunst, sie wächst sich aus in dem Machtgefühle ihrer brutalen Hysterie, und alle Lebenssäfte saugt sie an sich, sie zwingt den Blutumlauf in sich zu gipfeln, sie zieht die Leukozyten aus den Blutbahnen heraus und tränkt sie mit ihrem Gifte und zwingt sie den Giftstoff in den ganzen Körper zu verschleppen, und nun kommt die scheußliche Orgie von geschlechtlicher Schweinerei, die wüste Symphonie der syphilitischen Infektion! –

Der Schweiß rann mir von der Stirne, kalter, feuchter Schweiß; ich hatte die Empfindung, die ich oft bekam, wenn ich in den Anatomiesaal trat an kalten Wintertagen und die Leichen beim Sezieren betastete.

Alles war in Ordnung in meinem Gehirn.

In der Agonie meiner Angst geriet ich in ein Stadium physiologischen Hellsehens; ich hörte alle meine Adern klopfen, ich hörte die Arbeit des Stoffwechsels, und ratlos sah ich zu, wie es wuchs, wahnsinnig, maßlos, in außereuropäischen Dimensionen.

Ich zerteilte mich; wie der Kapitän eines untergehenden Schiffes stand ich auf der Höhe der Kontrollstation meines Bewußtseins und sah dem Kampfe zu.

Jetzt mußte ich aber eingreifen, und instinktiv fing ich an zu sprechen, laut, schreiend, zusammenhanglos, um mich zu betäuben.

Und aus dem inhaltlosen Wüste meiner Sprache vernahm ich nur ein wütend höhnendes:

Huh, huh! Ich bin das Luder von Nana, ich setze mich auf den Muffat und reite auf ihm und schreie:

Huh, huh! Wioh, mein Pferdchen, wioh!

Und immer deutlicher und deutlicher fühlte ich die Totenhände; wie lange Stangen streckten sie sich mir aus irgend einer Höhle entgegen. Mein Gehirn produzierte mit einer übermenschlichen Halluzinationskraft diese Hände. Immer deutlicher fühlte ich ihren Druck; wie eiserne Spangen umklammerten sie meine Hände, sie bohrten sich in sie hinein, sie zogen und rissen an mir, ruckweis, und ich fühlte, wie mein Körper abwechselnd widerstrebte und nachgab und nach hinten fallen wollte, Ruck für Ruck. Ich wurde gerissen, gezogen, geschleppt, gezerrt, Schritt für Schritt, in ohnmächtigem Widerstand, bis ich in das Nebenzimmer hineinfiel.

Im Scheine einer Totenkerze lag ein totes Weib.

Der Docht war ausgebrannt; das Licht flackerte und warf spielende Schatten auf ihr Gesicht.

Ich hockte hin, und in den Haarwurzeln empfand ich deutliche Prickelgefühle, wie Nadelstiche auf der ganzen Haut.

Es war etwas in ihren Zügen, das mich zog zugleich und bannte. Auf dem mit Lichtern und Schatten wie ein Tigerfell gesprenkelten Gesichte sah ich eine schauerliche Vision: weit aufgerissen ein Klapperschlangenmaul mit eigentümlich hin und her züngelnder Zunge. Ich hörte deutlich ein Zischen, vielleicht war es mein eigenes.

Auf einmal kauerte ich nieder wie ein angeschossenes Wild; ich wollte in mich versinken, mich in mir selbst verstecken, aber sehen mußt' ich es durchaus.

Die Leitung zwischen mir und dem Totengesichte war so stark, daß ich deutlich fühlte, wie mächtige galvanische Ströme mir die Augen ausfraßen; aus meiner Kehle fühlte ich eigentümliche Laute sich reißen, mühsam, qualvoll, in wilder Geburt.

Meine Lippen spitzten sich unwillkürlich zu einer prustenden Bewegung: ich machte es der Totenmaske nach.

Es sind Leichengase, schrie etwas in mir.

Nein! sie spricht, sie spricht, – Herrgott, sie spricht!

Und sie sprach.

In diesem Moment stürzte ich auf den Boden und fiel in ein brütendes Sinnen. Ich hörte nur noch ihre Stimme, die von sehr weit herkam.

Alles wich zurück; ich saß mit ihr in einem hellen Café, in einem mystischen Clair-obscur.

– Mein Gott, wie ich dich liebe! Alles, alles an dir lieb' ich; deinen eigentümlichen, schleppenden Gang, als ob dich deine Beine nicht mehr tragen wollten; deine schmalen, langen, aristokratischen Füße liebe ich, und deine Hände.

Und die Form deiner Augen liebe ich, und deinen Mund; Alles, alles.

Und wenn du spielst, so hast du ganz, ganz eigentümliche Bewegung in den Händen; du haust hinein in die Tasten mit einer Wucht und Macht, als ob dein sterbendes Geschlecht dort säße, wie du sagst.

Nur deine Haare pflegst du nicht; man muß sie doch bürsten.

Sie sah mich ganz lustig an; aber ich war müde, satt, und Ekel fraß an mir.

– Du, was ist dir?

– Nichts!

Sie sah mich ängstlich an und schmiegte sich an mich.

– Liebst du mich? fragte sie und streichelte mein Haar.

– Vielleicht; ich weiß nicht mehr.

Ich rückte meinen Stuhl ganz sachte von ihr weg. Sie starrte mich an, mit derselben entsetzlichen Angst im Blick, wie mein alter Hund mich ansah, als ich ihn totschießen wollte, weil er nicht mehr zu gebrauchen war.

Ich stützte meinen Kopf auf die Marmorplatte des Tisches und stierte in das Wasserglas, um sie nicht zu sehen beim Sprechen:

– Siehst du, wenn man degeneriert ist und krank, dann weiß man niemals um seine Zustände; sie verändern sich nämlich fortwährend, jetzt noch Liebe und Glück und im selben Augenblick Haß und Ekel –

Ich wollte sie ansehen, aber ich konnte nicht.

– Du? –

– Was?

Es klang hart; wie aus einer zerbrochenen Metallglocke kam es heraus.

– Du bist doch vernünftig, du bist auch alt genug, ich muß dir offen alles sagen ...

Sie schwieg.

– Kennst du die Kreuzersonate von Tolstoi; ich meine Das mit dem geschlechtlichen Haß und Das mit dem Ekel; verstehst du?

Ich fühlte, wie ihr Körper zitterte, wie sie in sich zusammensank.

Und nun wurde ich seltsamerweise brutal; ich fühlte Freude an ihrer Qual, ich spürte etwas von Lustmordinstinkten in mir.

Ich sprach ganz kalt und klar, beinahe zynisch.

– Siehst du, ich quäle mich; ich habe mich von Anfang an gequält. Wie du die erste Nacht bei mir bliebst und, todmüde wie du warst, einschliefst, habe ich Traumexperimente mit dir gemacht. Ich stand auf, – Herrgott, dein Leib war mir so gleichgültig, so unendlich gleichgültig; ich nahm eine Wasserkanne und goß Wasser in eine Schüssel, immer stärker, immer stärker, bis du erschrocken erwachtest. Ich fragte dich liebevoll, was du geträumt hättest, und ich freute mich, daß dein Gehirn mit solcher Exaktheit und Präzision auf den Außeneindruck geantwortet hatte. Du weißt es wohl noch, du träumtest, daß in deiner Vaterstadt ein Feuer ausgebrochen wäre und die Leute mit Wasser und Löscheimern kämen.

Ich fühlte ihre Augen starr auf mich gerichtet, daß sie mich körperlich berührten.

Jetzt mußte ich einen entscheidenden Schlag führen:

– Herrgott, du konntest mir kein Glück geben, und jetzt. ... Hör' mal, ich bin ganz brutal, aber – ich kann's nicht mehr aushalten, ich empfinde dich als eine Last. ...

In diesem Augenblicke sah ich sie am Ausgang hinter der Portière verschwinden.

Ich sank in mich zusammen und starrte das Glas an:

Sie ist gegangen – fort ... fort ...

In meinem Gehirne fing es an zu dämmern.

Ich empfand Angst, unerhörte Angst; ich fuhr auf, sie zu suchen. Plötzlich riß ich mich empor; die ganze Vision, die mein Gehirn spontan, vielleicht in ein paar Sekunden der Ohnmacht produziert hatte, war verschwunden.

Wieder sah ich das Weib auf dem Totenbette liegen.

Ich suchte den Kausalnexus zu knüpfen zwischen dem Café und dem Totenbette; vergebens. Nur eine steigende Angst, gemischt mit einer orgiastischen, qualvoll bangen Brunst nach ihr, wollte mir die Brust zersprengen.

Und das tote Gesicht sprach in wechselnder Kerzenlichtsprache, und sah mich an mit lüsternen, üppigen Augen.

Und immer stärker fühlte ich, wie die Hyänenbrunst sich in mir reckte; und in der unerhörten Intensität des wachsenden Tieres reintegrierte sich mein Gehirn.

Jetzt wußte ich genau, daß ich sie berühren mußte; nur noch die Sanktion meines Gehirnes fehlte dazu.

Und mein Gehirn hatte Mitleid mit mir.

Ich erinnerte mich plötzlich, daß nach einer alten Sage auf dem Grunde des Totenauges der letzte Todeskampf zu sehen sei.

Das mußte ich sehen, das große Lebensrätsel auf dem Grunde des Totenauges, die wüste Brautnacht, in der sich Tod und Leben paaren.

Ich hatte nur den einen Gedanken, der über mein Gehirn hinausging, der mit dem spitzen Ende in den Grund des Totenauges griff und dort mit dem andern Pol zusammenstieß; die Leitung war geschlossen. Ich fühlte Funken in mein Auge springen, deutliche, blaßgrüne, elektrische Funken.

Die Drähte der Leitung brannten an den Polen ab, sie wurden immer kürzer, ich mußte immer näher rücken; wie eine Pantherkatze schlich ich langsam an die Leiche heran, – ich war dicht an ihr.

Mit irren, keuchenden Fingern suchte ich das Lid zu heben; ich zitterte und flog an allen Gliedern; ein fürchterlich verzerrtes Wollustgrinsen lag auf dem Gesichte.

Mich überkam ein geschäftiges Treiben. Ich hob das Lid mit kunstgerechtem Griffe langsam hoch, geschäftsmäßig, wie bei der Augeninspektion; aber meine Finger glitten das Gesicht herab, sie betasteten es, ein Fieberparoxysmus überkam mich, ich arbeitete mit autonomen Gliedern, ich hatte die Empfindung, daß mein Kopf mir durch das Fenster flöge, und ich lachte und schrie und fühlte meine eignen Laute auf mich zurückprallen, wie Steinwürfe, – ich küßte ihr Gesicht, ich riß und sog an ihr, und plötzlich biß ich mich mit geifernden Lippen, wie ein Vampir, schrill in ihre Brust hinein.

Und ich zog und zerrte an dem toten Fleische, und ein Lachen, drin ein jeder Muskel meines Leibes in wilden Erethismen aufschrie, würgte mich im Halse, und plötzlich – fuhr ich taumelnd zurück.

Es geschah etwas Fürchterliches.

Das tote, blutende Weib reckte sich in fürchterlicher Majestät im Sarge auf, und mit weit ausholender Armbewegung, mit jäher, fürchterlicher Wucht stieß sie mich mit beiden Fäusten in die Brust.

Bewußtlos flog ich weit weg.

*

Außen wurde zu Innen, das Schauen zum Scheinen, Lust zu einer ätzenden Lauge, Schmerz zu einer eklen Spinne, die das Herz ansticht und ihm das Blut aussaugt, Wohlbehagen zur stinkenden Pfütze.

Und Du? Wo bist du? – Lebst du? bist du tot? ich weiß es nicht. In meinem Gehirne sind Lücken und Löcher; zwischen den einzelnen Bewußtseinsepisoden fehlt es am Kausalzusammenhang.

Übrigens – das ist ja ziemlich gleichgültig.

Jetzt handelt sich's nur darum: Was nun?

Aber im vollen Ernste: was nun? –

Und wenn es doch einen Gott gibt? Wenn die Seele unsterblich ist, und die katholische Kirche am Ende doch die alleinseligmachende Gnade verleihen kann?

Ja, ja, ja: die katholische Kirche! Die Allmutter, die Isis, der siebente Schöpfungstag des Geschlechtes mit den brünstigen Offenbarungen ihrer Schwangerschaftshysterie, der ins Jenseits ausgewachsene Pan-Uterus, der die ganze Welt umfängt und übertrieft mit seinen blutigen Flimmerfasern.

Und wenn die wahnsinnige sexuelle Sehnsucht kommt nach den ursprünglichsten Geschlechtsmysterien, wo man große Geheimnisse schaute, die verloren gegangen sind, Mysterien, die man noch vielleicht mit einem Monerenleib empfinden konnte, aber niemals mehr mit differenzierten Sinnesorganen: wo soll sich diese verzweifelte Sehnsucht austoben, wenn nicht in dem Schöpfungsakt der physiologischen Erinnerung an seine ersten Entwicklungsstadien, wenn nicht in der Gemütsorgie, die nur die Kirche geben kann, im mystischen Dunkel, in Weihrauchwolken, die alle Lebensfunktionen in der Sexualsphäre gipfeln lassen, in den barbarischen, übergewaltigen Orgeltonwogen, die das zarte moderne Gehirninstrument aus dem Gleichgewicht bringen, in der ganzen Umgebung, wo vier Kulturen auf einander gepfropft und raffiniert-naiv an einander gekittet sind.

Wie sich dann die Reduktion des Gehirnes allmählich vollzieht, wie das Gehirn extensiv wird, daß die Seele rast und an die Grenzen der epileptischen Starrsucht kommt!

Aber naiv, ganz naiv, ganz unbewußt müßte das genossen werden.

Die Epilepsie ist sonst da, die künstliche Fallsucht des modernen Geistes, aber es fehlt an der psychologischen Form, in der man sich als Einheitswesen empfindet, sich mit seinen körperlichen Äußerungen identifizieren kann.

Es fehlt der einheitliche Glaube.

Der Glaube an Charcot und der Glaube an die göttliche Weihe der Besessenheit –

der Glaube an Kant-Laplace und an die Erschaffung der Welt in sieben Tagen –

der Glaube an die Gotteskindschaft Christi und an die Weisheit Darwins und Strauß-Renan's –

der Glaube an die unbefleckte Empfängnis Mariae und an die primitivsten Tatsachen der Embryologie –

nein! es geht nicht.

Es gibt keinen Ausweg.

Ekel ...

Wie zwei Gangränherde wachsen meine Impotenz und der intensive Ekel sich entgegen und begegnen sich in ihrem Zerstörungswerk.

Wie unterirdische Quellen, die aus unablässigen Regengüssen stammen, sickern sie unaufhörlich durch die tiefsten Schichten meiner Seele, alles auflösend, auslaugend, zerfressend.

Wie das brutale Licht der Mittsommersonne zersetzen sie mir, vergiften sie mir den Nährstoff der Erde, in der ich wurzle, und dörren mir das Chlorophyll aus allem, was diesem Boden entsprossen ist.

Und so wurde das Gold zu Kupfer entwertet, und die schönsten Hoffnungen zerbröckelt und zertrümmert; die Gedanken verloren ihre Expansivkraft und sanken zu zusammenhanglosen Reflexen herab; die glück- und lebensreiche Welt der Dinge wurde zum wesenlosen, unbestimmten Symbol, grau in grau auf eine kalte Glaswand hingehaucht; das taghelle, sonnensatte Sehen zur kranken Halluzination, – und du – ja Du – du wurdest mir zu einer weiblichen Zentaurin mit Sphinxgesicht und struppigen Haaren, die dir tief in deine Stirn herabgewachsen sind, und mit den feinen Adelszügen meiner Mutter.

Und mit den Hufen der Hinterbeine hast du einen Stern vom Himmel gerissen, daß er herunterfiel und zischend in den Stillen Ozean versank, und mit den Vorderfüßen greifst du über den Rand des Erdballs hinaus, des lächerlichen Erdballs, um mich hinauszutragen in die Unendlichkeit des Kosmos, wo der Raum zur Chimäre wurde und die Zeit sich in den Schwanz beißt, weil sie sich nicht ausdehnen kann.

Und ich wälze mich auf dir und umfasse deinen Hals und sauge mich an deine Jungfraunbrust fest und trinke aus deinen Venen die mit Blut gemischte Muttermilch.

O, trag mich hinaus – hinaus, wo zerbröckelte Welten einsam herumirren und auf einander platzen –

wo dichte Strahlengarben der Sterne einander leise berühren, an einander niederfließen und mit lichter, daunenweicher, zitternder Harmonie die Welt durchtönen –

auf irgend einen Punkt hinaus, wo die Anziehungskräfte der Sonnen sich aufheben und ich Schwere und Gewicht und alle Beziehung zu Raum und Zeit und Mittelpunkt verliere –

mit sehnsuchtjauchzenden, sternenbrünstigen Flügeln hinaus, wo meine Größe auf ein lächerlich Atom zusammenschrumpft –

auf etwas Atmosphärenloses hinaus, wo meine Formen verschwinden, wo ich mit dem All zusammenfließe und mich wie ein lavaflüssiger Meteor in den kosmischen Ozean stürzen kann –

hinaus zum Trotz dem dummen Gesetz der Erhaltung von Kraft und Materie –

hinaus in die auf- und niederflutende Rhythmik der Äthermolekeln –

auf einen Millionenjahre von der Erde entfernten Stern hinaus, wo ich mich hinlegen kann und ausruhen und tausend Jahrhunderte nicht länger empfinde als einen Moment und die Entfernung zur Erde nicht weiter fühle als die Dogmenspitze des Urelements auf der ich die Welt aufspießen und in die Sonne schleudern will, damit sie sich dort reinige und in ein Nichts, ein goldenes Sonnennichts erlöse.

Aber nicht mal das vermag sie mehr; selbst da noch bleibt sie als ein Fleck, ein Sonnenschlacken kleben.

Aber nur hinaus, hinaus, damit ich nicht brutal mich selbst zerstören muß!

Wie ein Lichtschein will ich, durch tausend Medien gebrochen, von tausend Flächen zurückgeworfen, in meine Uridee zurückversinken, aus der ich geworden bin.

Wie ein Strahl, der auf die Straße fiel und von ihr emporschreckt, ihrer feuchten, schmutzigen Wärme satt, will ich wieder zu der Ursonne hin, die mich hinausgeschickt hat, Glück und Freude den Menschen zu bringen. ...

Nur nicht in die Erde zurück: zum Fraß den Würmern, zu einer ekelhaften Kopulation mit Anorganisch-Organischem, zu neuem kranken Leben durch tausende von Stoffwechselformen hindurch!

O, wie das gräßlich ist!

Und doch – es muß geschehen.

*

Jetzt beginnt die Agonie; es geht zu Ende.

– Wie war es doch?

Ich lag im Bette; hinten am Kopfe fühlte ich wie angenagelt das endlos weite Bewußtsein, daß ich nun ein Ende machen müßte.

Es war wie ein unentwirrbarer Knäuel in meinem Gehirn, der in Vibration unter unausstehlicher Hitze geriet, in wahnsinniger Lust, sich selbst zu entwirren, sich in lange, feine, dünne Gedankenfäden auszuspinnen.

Dann kam's wie eine Flutwelle, in starren Krampfzuckungen, über die sich eine Schlangenlinie von Unruhe nach oben wälzte, die immer dicker und schwerer und schwärzer wurde, immer schneller nach oben, immer heftiger, bis sie sich zur wilden Jagd entrollte, einer unsagbaren Agonie der Todesangst, wo das Gehirn auseinandergehen, sich selbst entfliehen und wie ein Stück einer geborstenen Welt in weiten, zentrifugalen Kreisen in idiotischer Tarantella um die Sonne tanzen will.

Und so wurde wieder Ruhe.

Ein leises, weiches, laues Behagen. Eine verzückte Schwärmerei, die sich auf tief-dunkelblauen, mit zerfließendem Gold verbrämten Kräuselwellen wiegte.

Und plötzlich kam ein Starrkrampf.

Das Gehirn geriet in einen tollen Veitstanz, und mit einem wilden Ruck wurde ich vom Bett emporgeschnellt.

Ich fuhr auf. Die Gesichtsmuskeln verzerrten sich so, daß sie schmerzten, und die weit aufgerissenen Augen wollten qualvoll aus den Höhlen heraus:

Da stand ich selbst in der Ecke, einen Revolver an der Stirn, und sprach mit fliegender, fiebernder Hast:

Du tust es nicht! du tust es nicht! nein, um Gotteswillen nein, du tust es nicht! –

Ich atmete tief auf:

Herrgott, das war ja nichts, gar nichts, – das war ja nur mein Überzieher, der am Nagel hing.

Ich legte mich erschöpft hin, setzte mich wieder auf, nahm meinen Kopf in beide Hände, umkrallte ihn ganz fest, sodaß mich noch die Haut schmerzt.

Unbewußte, banale, nicht gewollte Assoziationen zuckten auf; die Flutwelle löste sich in einzelne Tropfen, die sich ganz lang dehnten, als fielen sie von einem Tropfenzähler nieder, und verschwanden wieder – eins – zwei – drei – vier; ich habe sie alle gezählt, und ich habe die Empfindung des Glucksens gehabt.

Nur Eins schimmerte durch, brach sich Bahn in der wilden Gedankenflut:

Du tust es nicht! –

Und dieser Gedanke fing an zu fischen und zu angeln in dem trüben Strom, und kokettierte so lange bis ein anderer Gedanke an den Köder biß:

– Ja, und dann – tust du's erst recht!

Und beide Gedanken kamen sich näher und näher, und umarmten sich, und setzten sich auf ihre Schwänze, und bäumten sich ganz hoch, und verflochten sich; und mit weit zurückgebogenen Köpfen starrten sie einander an, – lange, durchdringend, und lächelten sich dann verständnisinnig in die Augen.

Ja, und dann – war's getan.

Mein Schicksal ist besiegelt.

So werde ich stehen, so die Pistole anlegen, so werde ich fiebernd sprechen: du wirst es nicht tun! du tust es nicht! – und gleich zugleich ein Ruck, ein Jüngstentageslicht im Auge, ein Knall – und es ist getan.

Ein Zittern überlief meinen Körper, das Herz schlug unregelmäßig, und an den Schläfen hörte ich das Blut in ungestümer Hast an meine flachen Hände klopfen.

Die Unruhe wuchs, eine entsetzliche Angst nestelte auflösend an dem geschlossenen Zirkel meiner Gedanken, etwas wollte mich auf die Kissen niederdrücken, mein Leib krümmte sich unwillkürlich, um diesem Etwas nachzugeben, aber auf einmal fühlte ich ein Widerstreben, ich richtete mich gewaltsam, schmerzhaft auf und – sank in mich hinein.

Ich brütete; starr, dumpf, gedankenlos.

Ich wußte nur, daß ich mit Etwas zu Ende kommen, Etwas zu Ende denken müsse, wovor ich entsetzliche Angst hatte.

Auf einmal griff ich in Todesangst mit beiden Händen den Bettrand: auf dem Fußboden kroch, auseinanderfließend, ein Lichtschein.

Der gräßliche Schreck war so lähmend, daß ich einen Augenblick das Bewußtsein verlor.

Als ich zu mir kam, besann ich mich, daß man wohl im gegenüberliegenden Hause eine Lampe angezündet habe.

Ein Gefühl unendlicher Entlastung überkam mich; ich wurde fast fröhlich.

Aber dann besann ich mich, daß ich doch nur deshalb fröhlich wäre, weil der Lichtschein meinen Willen, der sich auf etwas Andres konzentrieren sollte, zersplittert hatte.

Kalter Schweiß trat mir auf die Stirn; das Gefühl, mich wieder dieser Qual ergeben zu müssen, fraß mit steigender Angst an meinem Gehirn.

Ich kroch aus dem Bette, mühevoll, mit schwerem Kopf; ein Schwindel drohte mich zu Boden zu werfen, ich setzte mich auf die Bettkante, stützte die Ellenbogen auf die Knie, legte meine Stirne in die Hände und ließ das Blut nach dem Gehirn zufließen.

Namenloses Mitleid überkam mich; heiße, große Tränen rollten über meine Wangen, und mir schien, daß an meinen Beinen etwas niederlaufe – mich fröstelte wohl. Damals konnte ich mich nicht besinnen, was es wohl wäre; es war mir auch gleichgültig – oh ja.

Ich weinte auch nicht Befreiungstränen, ich weinte und sang; sang, wie ein wilder Indianerhäuptling das düstre Grablied an dem Rand des eigenen Grabes singt.

Wie lange ich so saß, weiß ich nicht mehr.

Plötzlich fühlte ich ein eisiges Gefühl; nach langem Sinnen projizierte ich dies Kältegefühl in die Fußsohlen.

Also stand ich, und wollte etwas haben.

Ach so!

Ich suchte eine Zigarette.

Und alles schien vorbei zu sein.

Ich rauchte mir die Zigarette an, bekleidete mich, riß das Fenster auf, und stand lange, lange, in majestätischer, übermenschlicher Ruhe, am Fenster.

Ich dachte an nichts; ich reckte mich nur immer höher, immer breiter, in der grandiosen Majestät meiner Ruhe, in dem düsteren, maniakalischen, übermächtigen Willen nach Untergang.

Eine Kindheitserinnerung zuckte plötzlich durch mein Gehirn.

Ich sah mich in einer Dorfkirche. Es war ganz düster. Kerzen brannten in trübem Schimmer, wie Glutaugen, die vergebens den dichten Schleier des Weihrauchs, den der Priester der heiligen Monstranz gespendet, zu durchbrechen suchten. Sie bohrten sich zur Hälfte hindurch und verschwammen alsdann und tränkten und sättigten den Weihrauchnebel mit lichtem Gold.

Eine ansteckende Krankheit raffte die Hälfte des Dorfes dahin, und jeden Abend sammelte sich das Volk in der Kirche und warf sich ganz lang auf den Boden, und stöhnte qualvoll, im Schweiß der Todesangst gebadet, zu Gott.

Und dann erhob sich ein wilder, ächzender Gesang, in dem das Herz sich in blutenden Zuckungen vom Leibe riß, ein keuchender Gesang, den ein roher, physischer Wille zum Leben wie eine Sturzlawine über eine riesenhafte Fläche ausspannte, jeden Augenblick bereit, die ganze Masse zu zertrümmern und zu begraben.

Und in den körperlichen, grausigen Refrain: Herr, errette uns! mischten sich Glockenklänge und Orgelbrausen der Jüngstengerichtsschrecken und das tierische Wiehern der Kranken – und plötzlich fing das Volk, in wilder Verzweiflung, laut, wahnsinnig an zu schluchzen, und es rang die Hände, und warf sich in die Brust, und schrie, schrie unaufhörlich in der schauerlichen Agonie der Todesangst nach Gott.

Und als der alte, graue Priester den Altar mit beiden Händen umklammerte und das Schluchzen seinen Körper hin- und herwarf, da kam ein unbeschreiblicher Massenwahnsinn über das Volk.

Ich höre nur noch ein brüllendes Gewieher von Stimmen; ich sehe eine satanische Walpurgisnacht mit den unerhörtesten Torturen der Angst.

Mich faßte ein entsetzliches Grauen vor dieser nackten Lebensbrunst, ein Grauen vor dieser epileptischen Todesangst, und willenlos, erstarrt, zitternd wiederholte ich unaufhörlich:

Herr, errette uns!

Über dem Volke thronte, grausam, lächelnd, der Engel des Todes und bezeichnete die, die sterben sollten, mit einem flammenden Schwert.

War ich darunter?

Aus meinem Kehlkopf ringt sich mühsam ein inbrünstiges, mit dem letzten Funken der Lebenslust aufflackerndes:

Herr, errette uns!

Keine Rettung für mich.

Und ich wurde wieder ruhig.

Ich schaute auf die Erde; sie schlief. Ich sah nach dem Himmel; er war still.

Ein unnennbares Gefühl beschlich mich vor dieser Grabesstille, dieser weiten Kirchhofsruhe.

Es war ein Augenblick, als hätten unsichtbare Priesterhände das Allerheiligste aus dem Tabernakel der Natur hervorgeholt und zeigten es der Welt. Sie sinkt auf ihr Antlitz in starrer Ehrfurcht; erwartungsvoll, mit leisem Beben, in heiliger Verzückung fühlt sie dumpf den mystischen Moment erscheinen, in dem das Brot zum Fleische und der Wein zum Blute werde.

Und jetzt müßten dreimal die Glocken erklingen, jetzt müßte sich ein leises, inbrünstiges Murmeln von kauernden Stimmen des Volkes erheben, und ein Zittern durch die Welt gehen, wie wenn Millionen sich in die Brust werfen:

Sanctus, Sanctus, Sanctus.

Die Erde ist still, der Himmel gähnt Ströme von blausilbernem Sternenlicht herab und alles ruht in tauber Stille, weil Ich der Herr, der alles geschaffen hat, aus dem es alles entstanden ist, Ich König, Ich Gesalbter, Ich Erzpriester das letzte, das heilige Abendmahl einnehme.

Eine tiefe Seligkeit, eine morgenblaue Seligkeit des künftigen Lebens ergoß sich mit weitem Strom in meine Adern; ich fühlte Flügel aus meinen Schultern wachsen; der ewigen Zukunft zujauchzender Gesang riß sich aus meiner Kehle; ich war heiter wie das Sonnenlicht des Südens, das mit dem Meerwasser spielt – da plötzlich überrumpelte mich der lauernde Wahnsinn, mit dem ich so lange gekämpft.

Die Nacht würgt sich mit dem Tage in tödlicher Umarmung, das blutige Rot der Auferstehung wurde von der schwarzen Finsternis der Nacht ertränkt.

Angst und Entsetzen recken sich wie Salzsäulen, die Medusenhäupter mit den gräßlich aufgeblähten Schlangenleibern starr empor gerichtet gegen das Himmelssodoma.

In meinen Augen sprüht ein schwefliger Funkenregen.

Eine weite, flammende Furche zerreißt das himmlische Gewölbe, ein Stern lischt aus, wird rot wie eine flammende Gangränwunde, er bebt, er zittert, er fällt herab und reißt mit mächtigem Ruck eine ganze Sternenkette herab.

Aus dem klaffenden Himmel seh' ich in Schwefelwolken und Feuerlava ein Gesicht hervortauchen mit zusammengekniffenen lasziven Augen, die Lippen geöffnet wie in höchster Wollustekstase, die Haare wie Feuergräben durch den ganzen Himmel hin zerrissen, –

aus dem klaffenden Himmel seh' ich Frauenhände, schrecklich, körperlos, sich nach mir ausstrecken, –

aus dem klaffenden Himmel seh' ich einen apokalyptischen Frauenleib wachsen; in weiten Schlangenlinien stürzt er auf mich zu, er umfängt mich; ich reiße mich los, ich keuche; ich kaure auf dem Boden, blutiger Schaum tritt auf meine Lippen –

Astarte!

Sie holt sich ihr Opfer.

Sie die wüste Foltermagd, die sich an den entsetzlichsten Qualen weidet,

sie, die den Onan neue Wollustorgien erfinden ließ, um ihn nachher den Qualen des Steinigungstodes preiszugeben, –

sie, die ein gläubiges Volk zur Befreiung des heiligen Grabes trieb, um ihm zum Entgelt die Stirn mit dem Märtyrerkranz syphilitischer Geschwüre zu bekränzen, –

sie, die dem Manne das Weib aus den Adern saugt und in verbrecherischer Brunst auf den Mann wirft, –

sie, stärker als die Natur, weil sie die mächtigsten Instinkte irreleitet und ihr Gesicht mit blutschänderischem Sperma befleckt, –

Astarte, Satan – du! –

Auf meinen Lippen fühlt' ich deinen eisigen, unzuchtgeborenen Todeskuß.

Ich bin dem Tode geweiht.

Seele, du meine starke Seele, die du Mir das Geschlecht auffraßest, wo bist du nun?

Wo bist du, Gehirn, – du armes, krankes Gehirn, das du mein Gott, mein Vater werden wolltest in dem Größenwahnsinn deiner Übermacht, wo bist du jetzt, – jetzt, wo du mich gekreuzigt hast, – wo hast du dich verkrochen? –

Wie ein roter, tauber Fleck ist die Sonne über dem Golgathaberge auf dem Himmel angeklebt, Trauerflor ringsum ...

Eli, eli, lama sabachthani ...

*

Durch mein Fenster drängt sich eine Flut brünstiger Schwüle, zeugenden Rausches der Nacht, geiler Jünglingsstimmen, die auf den Straßen die Weibchen locken.

Ich sehe die Natur als eine apokalyptische Apotheose des ewig ragenden Phallus, der in maßlos roher Verschwendung Ströme von Samen über das All ergießt.

Auf meinem Tische steht ein Strauß von Blumen, deren ganzes Leben im Geschlechte gipfelt, die sich mit schamloser Unschuld dem befruchtenden Samen entgegenrecken.

Ich fühle die Wollustzuckungen des Schaffens, ich höre das stammelnde Liebesgeflüster der hermaphroditischen Erde, der heiligen männlichen Jungfrau, bräutlich umhüllt vom Schleier der Nacht.

Und wie reich er mit goldenen Keimen besät ist! wie tief und dunkel er ist! –

Aber über dieser Schamlosigkeit der Brünste, dieser Apokalypsis der Geschlechtlichkeit, diesem satanischen Evangelium der Sinnenlust –

hoch über Zeugung und Befruchtung, Vergehen und Auferstehen, Oxydation und Reduktion, thront Meine hehre, tiefe, majestätische Ruhe der Sterilität! –

Die Natur erschöpft sich; sie spart schon. Sie kann sich nicht mehr verschwenden wie einst, als die wahnsinnige Pracht der fossilen Flora und Fauna noch keinen menschlichen Geist entzückte; sie arbeitet jetzt – wie die armen Erdenwürmer – menschlich, geizig, nach dem Prinzip des kleinsten Kraftmaßes.

Sie schafft keine Ichthyosauren mehr, keine Riesenmollusken, keine Stigmarien. Lächerliche, kleine, schwache Herdentiere schafft sie jetzt; sie erschöpft sich in den winzigen Bakterien, die ihre mißlungenen Werke gnädig wieder auffressen, – und aus der Erde treibt sie kranke Blumen, in die der altersschwache Boden Giftstoffe liefert.

Über dieser Jämmerlichkeit, über dieser Sparsamkeit und philiströsen Décadence waltet frei, maßlos, verschwenderisch, übermenschlich-expansiv wie Gasgewölk, Meine große, aristokratische Seele in ihrer Grandiosität der Unfruchtbarkeit.

Und so muß sie untergehen, weil sie zu groß und heilig geworden ist und zu königlich, um sich mit dem jämmerlichen, proletarischen Geschlecht zu assoziieren, das nur Kinder zu zeugen im Stande ist – nach dem Prinzip des kleinsten Kraftmaßes.

Über der ganzen Welt, über dieser lächerlichen Mühsal, neue Orgien der Brunst zu schaffen, sich in neuen Entwicklungsformen zu objektivieren,

über den brutalen Grausamkeiten des Geschlechts, das einen Menschen mit einer Gans paart,

über der verbrecherischen Gewissenlosigkeit der Gottnatur, die Wesen auf die Erde setzt zum Wahnsinn und zum Veitstanz einer rohen Spielerei von ewigen Evolutionen –

über all dies herrscht Meine freie, ungeschlechtliche Seele mit ihrer Ruhe der anfangslosen Ewigkeit,

sie, die heilige besiegte Siegerin,

sie, die Allumfassende, Anfang sie und Ende,

sie, der höchste, letzte allgewaltige Ausdruck Meines Stammes,

sie, die sterben muß, weil das Geschlecht es will,

sie, die sterben muß, weil sie selbst es will, weil sie nicht in Schmutz und Ekel leben mag, weil sie sich nach der Reinheit der Auflösung sehnt.

Und so gehe ich, –

gehe hinein in die rückschreitende Metamorphose des Stoffwechsels; freiwillig, von selbst –

»Das Tier, von der Scholle losgelöst, mit inneren Wurzeln, ein automatischer Oxydationsapparat, entnimmt der Pflanze organische Verbindungen, Eiweißkörper, Kohlenhydrate, Fette, Sauerstoff, und gibt sie an Luft und Boden in anorganischer Form zurück.«

»Die Pflanze, an der Scholle haftend, mit äußeren Wurzeln, ein bewegungsloser Reduktionsapparat, entnimmt der Luft und dem Boden anorganische Verbindungen und gibt sie dem Tiere in organischer Form zurück.«

Und so weiter – und so weiter – ohne Ende, der ewige dumme Zirkel in rastlosen Metamorphosen.

Und so leb' du mir wohl.

Du bist aus meinem Gehirn verschwunden, wie ein Blutextravasat, wenn es von Phagozyten resorbiert wird.

Ich habe dich weggestoßen, wie das Eichen die Polarkörperchen wegstößt, sobald es reif wird.

In dir sollte sich die mystische Synthese meiner selbst vollbringen, wo der Herr und der Bauer in mir sich friedlich die Hände reichten,

du solltest meine intimsten Geschlechtskräfte sammeln, beleben und in der Brunst nach neuer Zukunft gipfeln lassen,

du solltest leimen, was von Anfang an in mir zerbrochen war, das eiserne Rückenmark in die weiche Gallertmasse einkeilen,

du solltest die feinsten Saiten in mir rühren, in denen doch vielleicht ein Stückchen meiner Seele in der friedlichen Umarmung des Geschlechtes bräutlich zittert, –

das alles hast du nicht vermocht und bliebst mir fremd.

Aber jetzt: in jenem Augenblick, wo ich doch vielleicht einmal Eines mit dir werde, wo irgend ein Geschöpf die anorganischen Stoffe, in die wir dann zerfallen, in sich aufnehmen wird, um sie irgend einem anderen Wesen organisch wiederzugeben:

wo wir uns finden werden in einem und demselben Pflanzengefäß, auf einer und derselben molekularen Bahn:

jetzt, Liebste, inmitten dieser lächerlich doktrinären Ideen will ich meine Stirn in deinen Schoß legen und will dir deine schönen, langen feinen Hände küssen, – zu deinen Füßen werfe ich die schwere Last meiner Herrschaft über die Welt und alle Kreatur:

ich gebe dir meine Seele zurück.

Du meine über alles geliebte Totenbraut, du mit der unermeßlichen Tiefe Meiner Leere geliebte! –

Ich höre etwas, das tief ist wie die Welt, dunkel ist wie die Nacht und weit ist über alles Seiende hinaus.

Es ist die Sehnsucht nach der Synthese, deren Wonne mich genial gemacht und über alle Menschen gehoben hätte, – die Synthese, die ich vergebens hoffte zu erlangen in Dir.

So nimm zurück meine Seele. Mag sie wieder sich in Deine Formen gießen, um mit dir zurückzukehren in die eine große Uridee, durch die ich dich entstehen ließ.

Kalter Morgenschauer kriecht durch meine Glieder; meine Zeit ist gekommen.

Und wenn der junge, reine, heilige Tag über dem Geschlechtsbett der Natur aufgeht, der junge, weiße Tag, den Ich, der Beherrscher des Daseins, Ich, durch den und in dem alles ist, geschaffen habe, der ohne mich nicht existieren würde, dann bin ich nicht mehr da:

Die rückschreitende Metamorphose kann beginnen ...

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