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Töte sie!

Balduin Groller: Töte sie! - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorBalduin Groller
titleTöte sie!
publisherVerlag des Vereins der Bücherfreunde
year1892
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20151104
modified20160809
projectidcfe5f9cb
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Achtes Kapitel.

Der Bau wurde unverzüglich in Angriff genommen; er sollte im nächsten Frühjahr zur Übergabe an die Herrin fertig sein. Da durfte keine Zeit verloren werden. Täglich saß Rummel mit Fritzi zusammen; sie überlegten gemeinsam, faßten Beschlüsse, die dann mit der größten Beschleunigung ausgeführt wurden.

Fritzis Stimmung besserte sich dabei zusehends. Sie ward heiterer und lachte nun wieder wie ehedem, – ihr Verhältnis zu ihrem Manne besserte sich freilich nicht. Sie war zwar nicht mehr so gereizt wie früher, aber sie entfremdete sich ihm allmählich immer mehr. Urbany hatte in Wien den Verkehr mit Frau Maria von Reineck wieder aufgenommen, und bei seinem arg getrübten Eheleben war ihm dieser Verkehr mit der schönen, vornehm empfindenden Frau lieb und wert geworden. Von seinen Besuchen bei ihr hatte Fritzi Kenntnis erhalten, und sie sponn sich nun in Vorstellungen ein, die das Verhältnis zu ihrem Manne nicht besser gestalten konnten. Sie sprach von Frau Maria nur in den gehässigsten Ausdrücken, und sie machte auch vor Urbany kein Hehl aus ihrer Verachtung vor dieser »Person«. Urbany ließ Fritzi reden und schwieg dazu. Sie sahen sich fast nur bei den Mahlzeiten, und bei diesen ging es meist sehr einsilbig zu, und gewöhnlich hatte Frau Schönchen allein die Kosten der Unterhaltung zu tragen. Urbany hatte sich, verwundet von dem ihm unerklärlichen Gehaben Fritzis auf sich selbst zurückgezogen. Es kam zwar nie mehr ein Wort der Ungeduld über seine Lippen, aber auch nie mehr ein zärtliches. Er blieb sich immer gleich in kühler Abgemessenheit, und wie er auch Fritzi noch immer liebte, so hatte er doch einen solchen Abscheu vor Zank und Streit und stürmischen Scenen im Hause, daß er den Zustand, wie er sich bis dahin herausgebildet hatte, das qualvolle Fremdthun vor einander viel lieber ertrug, als daß er ein Glück herbeigewünscht hätte, das zwischen Zank und Streit gebettet gewesen wäre. Für den Zank fehlte ihm das Organ; es war ihm nicht gegeben, rasch und stürmisch aufzuwallen, nur dann ebenso rasch diese Wallung zu vergessen und sich einer zärtlichen Regung zu überlassen. Er ging nicht aus sich heraus, wenn er gereizt ward, sondern zog sich noch mehr auf sich zurück. Diese kühle Zurückhaltung verletzte Fritzi mehr als alles andere, und wenn er ihr nun mit stets unerschütterlicher Ruhe und Ausgeglichenheit begegnete, da fühlte sie, wie in ihr der förmliche Haß gegen ihn sich hob, und sie atmete auf, wenn sie ihn nicht mehr sah.

Andrerseits kam in ihrem täglichen Verkehr mit Rummel, was kommen mußte. Ein Mann und eine schöne Frau verkehren so nicht mit einander, ohne daß eines oder das andere oder beide Teile an den Klippen eines solchen Verkehrs scheiterten oder wenigstens in ernste Gefahr des Scheiterns gerieten.

Zuerst war es Fritzi, die unbedacht ein Wort sprach, das wie ein unheilkündendes Flämmchen zwischen ihnen aufschoß. Erbittert gegen Urbany und gefangen genommen von dem Reize des künstlerisch angeregten täglichen Verkehres mit Rummel sagte sie diesem einmal:

»Wie schön wäre es doch gewesen, Rummel, wenn du mich genommen hättest!«

Das war das blaue Flämmchen, das aus dem aufgehäuften und langer Hand vorbereiteten Zündstoff aufzuckte. Rummel übersah die Gefahr mit einem Blick. Das Blut wich ihm aus den Wangen. Fritzi hatte ein unbedachtes Wort gesprochen, sie wußte vielleicht nichts von der Gefahr, oder sie spielte mit derselben wie ein thörichtes Kind. Er aber sah im Geiste den verheerenden Brand, er fühlte die Flammen ihm über den Kopf schlagen. Das Wort hatte in seiner Seele gezündet, und der grelle Feuerschein warf ein loderndes Licht auf eine zukünftige Entwickelung der Dinge über wahnsinnige Entzückung zu schmählicher Ehrlosigkeit, zu moralischem Bankerott.

Er lachte bei jenem Worte erzwungen auf und hatte noch Geistesgegenwart genug, der Sache eine scherzhafte Wendung zu geben. Rummel war kein Heiliger, und wohl manchmal munkelte man in der Stadt von den Aventuren des Lieblingsmalers der Wiener Frauen, aber hier lagen die Verhältnisse doch ganz anders als sonst bei etwaigen »Erfolgen«. Hier verband ihn ein freundschaftliches Verhältnis mit dem Gatten dieser Frau; hier hatte ihm der Gatte ein schrankenloses Vertrauen entgegengebracht, und hier spielte noch etwas mit herein, was in seinen Augen einem Verrate den Stempel ganz besonderer Erbärmlichkeit aufgedrückt haben würde. Er stand gewissermaßen im Solde Urbanys. Er war kein billiger Maler; für die Deckengemälde, an welchen er jetzt schon mit leidenschaftlichem Eifer arbeitete, war ihm ein Vermögen als Kaufpreis ausgesetzt. Er sollte einen großmütigen Mann um sein Vertrauen betrügen, den Freund hintergehen, ihm die Ehre rauben und von ihm dann noch scheffelweise das Geld nehmen, das ging ihm, so sehr er auch sonst ein Lebemann war und den Grundsätzen eines solchen huldigte, denn doch wider die redliche Mannesnatur.

Er sah das Verderben vor sich, und es erschütterte ihn; es erschütterte ihn, weil er seiner selbst nicht mehr sicher war, er fühlte es, daß er es nicht war.

Mit blitzartiger Geschwindigkeit waren ihm diese Gedanken durch den Kopf gesaust, aber er behielt doch Besonnenheit genug, um wenigstens mit einer schalen, scherzhaften Wendung zu antworten.

»Wir hätten uns ja doch in den ersten vierzehn Tagen die Haare ausgerauft!« sagte er.

Fritzi sah ihm in die Augen.

»Das ist doch nicht deine Meinung,« entgegnete sie ruhig.

»Fritzi, du darfst mich nicht so ansehen.«

»Warum nicht?«

»Du darfst nicht. Schließlich bin ich ja doch nur ein Mann!«

»Nun – und? Willst du mir verbieten, dich anzuschauen?«

»Ja, ich verbiet' es dir!«

»Schaut doch die Katz' den Kaiser an, da werde ich doch wohl auch dich ansehen dürfen, du großer Mann!«

»Du verstehst mich falsch, Fritzi, und mit Absicht. Du weißt, daß ich es nicht so meinte.«

»Wie hast du es denn gemeint?«

»Das weißt du ganz gut. Ich sagte, daß ich nur ein Mann bin, und das ist leider ein ganz elendes Machwerk der Schöpfung.«

»Man muß die Werke der Schöpfung nehmen, wie sie kommen!«

»Weißt du, was ein Mann ist?«

»Ich glaube, – so ungefähr!«

»Bilde dir nicht ein, daß du es weißt; ich will es dir sagen. Ein Mann, und sei er der beste, ist unzurechnungsfähig, wenn eine schöne Frau will. Für ihn ist keine Dummheit dumm genug, keine Gemeinheit erbärmlich genug, daß er sie nicht beginge, – wenn eine schöne Frau will.«

Fritzi sah erstaunt, fast erschreckt über eine solche Sprache zu Rummel auf; dieser aber, die Wirkung seiner Worte bemerkend und zufrieden mit derselben, fuhr fort:

»Sieh' mich an, Fritzi, in meiner ganzen Größe, zu jeder Erbärmlichkeit bin ich sehr leicht zu haben, sehr leicht – wenn eine schöne Frau will!«

»Jetzt will ich dir was sagen, Rummel,« entgegnete Fritzi mit bebenden Lippen. »Ich finde, daß die Erbärmlichkeiten begangen werden, auch wenn die Frau, meinetwegen die schöne Frau, nicht will. Du hast soeben eine infame Erbärmlichkeit begangen!«

»Fritzi!«

»Ach, lasse du mich jetzt reden! Ach, du unglücklicher Joseph! Wie er sich vor der schlimmen Potiphar fürchtet! Er ist so furchtbar unschuldig, und nun hat er eine wahnsinnige Angst, daß ich, ich ihn in den Pfuhl der Gemeinheit herabziehen könnte. Und das sind meine Freunde, die so mit mir reden!«

»Bist fertig, Fritzi?«

»Ja; wir zwei haben ausgeredet miteinander!«

»Noch nicht ganz, Fritzi; erst muß ich dir doch noch sagen, was besser ungesagt hätte bleiben sollen, weil es uns von einander scheiden wird. So wisse denn, daß ich dich liebe, wie ich noch nie ein Weib geliebt habe. Vielleicht verstehst du mich besser, wenn du das weißt. Ich hätte meiner Seele Seligkeit verschrieben dafür, dich einmal im Arm halten zu dürfen. Auch das sollst du wissen; jetzt sollst du alles wissen. Vielleicht lachst du mich aus, – und das wäre das Allerklügste. Es war schön bei dir und mit dir, hab' Dank dafür, Fritzi; und – lache mich aus. Leb wohl, Fritzi!«

Er schritt langsam zur Thür hinaus, ohne den Kopf zu wenden. Fritzi sah ihm entgeistert nach, sie rief seinen Namen, er hörte sie nicht mehr. Da ließ sie die angstvoll erhobenen Arme auf den Tisch sinken, begrub ihr Antlitz in denselben und überließ sich einem konvulsivischen Ausbruch des Schmerzes. Es war, als sollte sich nun aller Schmerz und alle Bitterkeit, die während der letzten Wochen und Monate ihr Herz erfüllt und ihr jede Freude vergällt hatten, in einem mächtigen Strom entladen. Fritzi schrie auf in ihrem Leid, und sie schluchzte und stöhnte, als sei ihr das Liebste auf der Welt begraben worden. Wie von einem Dämon getrieben lief sie durch das Zimmer, und ihr thränenüberströmtes Antlitz trug den Ausdruck verzweifelter seelischer Zerrissenheit. Es waltete in ihr sichtlich jene grauenvolle dunkle Macht, welche von den ernsten Männern der Wissenschaft, wenn sie die Leiche einer Selbstmörderin vor sich liegen haben, um die Todesursache gerichtsordnungsmäßig festzustellen, als ein Zustand aufgehobener Willensfreiheit und Zurechnungsfähigkeit bezeichnet wird.

Unordentlich und wirr hing ihr das Haar über die Stirne und den Nacken, die großen, schwarzen, einst so fröhlichen Augen glühten; fieberische Schauer gingen durch ihren Leib, und sie mußte sich setzen, da sie sich nicht mehr aufrecht erhalten konnte. Nun sah sie sich sitzen auf dem Lehnstuhle vor ihrem Schreibtisch; sie riß ein Blatt aus ihrer Mappe und schrieb in fliegender Hast die folgenden Worte:

»Komm' und hole mich! Rette mich aus Not und Verzweiflung! Ich will mit dir leben oder mit dir sterben. Mag alles zusammenbrechen, ich liebe dich!«

Und als sie das geschrieben, ließ sie die Arme kraftlos sinken, und von neuem ergoß sich ein Thränenstrom über ihr Antlitz. Und so fand sie Urbany, der in diesem Augenblick das Zimmer betrat.

Er sah sie mit tiefer Ergriffenheit, und er stand vor ihr wie ein Schuldiger. In all den Tagen, die die Kluft zwischen ihm und seiner Frau nur immer mehr erweitert hatten, hatte er an alles Mögliche gedacht, an Fritzis Lust am Unfrieden, an ihre sonstigen Fehler, an seine zerstörten Hoffnungen, an das zu wahrende Decorum und Gott weiß, an was noch, nur an eines hatte er nicht gedacht, daß bei alledem auch Fritzi leide, daß sie tief unglücklich sein müsse. Mag auch sie selbst die Ursache ihres Unglückes gewesen sein, unglücklich war sie; das hätte er bedenken und sich immer gegenwärtig halten sollen. So hatte er immer nur daran gedacht, sich nichts zu vergeben; anstatt ihr trotz alledem und alledem aus warmer Teilnahme heraus mit herzlichen Worten zu begegnen, hatte er sich durch seine kühle Zurückhaltung bequem und lieblos selber in Sicherheit gebracht.

Jetzt, da er sie so verstört, als ein Bild grenzenlosen Jammers sah, fiel ihm sein Verhalten und sein Unterlassen schwer aufs Herz. Er fühlte sich schuldig und machte sich Gewissensbisse. Fritzi war ja leidend, sie war krank, das war offenbar; er hätte nie und nimmer die Geduld verlieren dürfen! Das hatte er sich so nicht vorgestellt. Er wähnte, daß Fritzi verstockt und trotzig und pochend darauf, daß sie im Rechte und er im Unrechte sei, ihre Tage verbringe; daß sie so leide, so namenlos unglücklich sei, wie er sie nun fand, das hatte er sich nicht klar gemacht.

Bewegt trat er auf sie zu und faßte ihre Rechte, während sie mit der Linken, ohne daß er darauf geachtet hätte, das eben beschriebene Blatt unter die Mappe schob. Aus ihren noch thränenumflorten Augen sandte sie ihm einen feindseligen Blick zu, aber der harte, trotzige Ausdruck dieser Augen milderte sich und wurde weicher, als sie hörte, wie er sanft und liebevoll auf sie einsprach. Er klagte sich vor ihr an; er bat sie um Verzeihung für das Leid, das er ihr angethan, er flehte um ein freundliches Wort von ihr. Er schwor ihr, daß es nur Mißverständnisse sein konnten, welche eine Entfremdung zwischen ihnen herbeigeführt hätten. Er legte seine Hand auf ihr Haupt und streichelte ihr Haar, wie er es früher wohl gethan, er sagte Worte der Liebe wie früher, nur inniger noch und eindringlicher. Er bat um ihre Nachsicht, und bat um ein Wort der Liebe von ihr.

Fritzi hatte still dagesessen und zu ihm aufgeblickt, verloren, wie zu einem unfaßbaren Wunder. Die Berührung seiner Hand hatte auf sie gewirkt wie ein milder Segen, aber die Beruhigung hielt nicht vor. Wieder ging ein Zittern durch ihren Körper, wieder hob sich ihre Erregung und steigerte sich ins Maßlose, und sie schluchzte laut auf.

»Rühre mich nicht an, Rudolf!« schrie sie. »Ich bin wahnsinnig, – ich bin schlecht, – und doch – Rudolf, – oh, Rudolf, – ich liebe doch nur dich, – nur dich!« Und hingerissen von einer leidenschaftlichen, krankhaften Erregung warf sie sich ihm wild und stürmisch an die Brust und schlang ihre Arme fest um seinen Nacken.

Er fühlte ihren hastigen Herzschlag an seiner Brust, er fühlte das Beben, das ihre Gestalt durchrieselte, und dann fühlte er, wie ihre Arme sich lösten, wie ihr Kopf schwer zurücksank, und im nächsten Augenblicke hielt er einen willen- und leblosen Körper in den Armen, der langsam an ihm niederglitt, und der in sich zusammenbrach, wie sehr er sich auch bemühte, ihn zu halten.

Urbany trug die Bewußtlose in ihr Schlafzimmer, wo die zu Tode erschrockene Frau Schönchen sich mit ihm in die Sorge um sie teilte. Es wurde sofort ein Wagen um einen Arzt geschickt, und inzwischen natürlich alles aufgewendet, um die Ohnmächtige ins Leben und zum Bewußtsein zurückzubringen. Alle Anstrengungen erwiesen sich aber als fruchtlos. Fritzi lag wie tot da, und in peinlicher Aufregung zählte Urbany die Minuten bis zur Ankunft des Arztes. –

* * *

 

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