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Töte sie!

Balduin Groller: Töte sie! - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorBalduin Groller
titleTöte sie!
publisherVerlag des Vereins der Bücherfreunde
year1892
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20151104
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Viertes Kapitel.

Eines Abends erhielt die Wildauer während der Vorstellung ein Billet in ihre Garderobe und ein Etui mit einem Paar funkelnder Brillant-Boutons. Auf der Karte – es war die des jungen Buschendorf – stand mit Bleistift gekritzelt die Bitte, nach dem Theater mit ihm in größerer Gesellschaft das Souper einnehmen zu wollen. Die »größere Gesellschaft« war unterstrichen, um die Einladung möglichst unverfänglich erscheinen zu lassen. Fritzi überlegte eine Weile und ließ dann durch den Boten melden, daß sie kommen werde.

Die Vorstellung war zu Ende, und Fritzi kleidete sich um, aber so langsam wie noch nie. Frau Schönchen, ihre Gesellschafterin, mahnte zur Eile; eine solche Zeitvertändelung war sie von Fritzi gar nicht gewöhnt.

»Es ist spät, Kind,« drängte die alte Dame, »wir müssen trachten, in die Federn zu kommen!«

»Ist es kalt draußen, Schönchen?«

»Oh, sehr! Wir haben einen ordentlichen Dezemberfrost. Deine Pelzjacke wird dir gut thun. Es ist sehr kalt!«

»Das ist gescheit, Schönchen!«

»Warum soll denn nun das wieder gescheit sein, wenn's draußen kalt ist?«

»Weil – da lies,« und sie gab ihr Buschendorfs Karte.

»Ich verstehe die ganze Sache nicht,« sagte die alte Frau, nachdem sie die Karte mit Zuhilfenahme einer Brille entziffert hatte.

»Nun – weil der kleine Buschendorf schon seit einer Stunde mit seinem Wagen beim Bühnenausgang wartet. Das ist doch sehr hübsch, daß der jetzt draußen so friert. Nicht wahr?«

»Man muß ihn wegschicken!«

»Oh, nein, Schönchen, ich fahre ja mit ihm!«

»Fritzi, mache keine Dummheiten. Die Leute reden dann wieder.«

»Das thun sie so wie so. Das bin ich gewöhnt, und ich mache mir nichts daraus. Nachsagen können sie mir doch nichts!«

»Aber, du wirst doch nicht –?!«

»Was nicht –, Schönchen?«

»Nichts, verzeih', – den Buschendorf fürchte ich nicht.«

»Ich auch nicht! Also du fährst jetzt allein nach Haus.«

»Gut, aber ich gehe nicht früher schlafen, als bis du kommst. Ich warte mit dem Thee.«

»Die wartet mit dem Thee, wo ich zu einem Souper eingeladen bin, und wo ›Orchideen‹ gefeiert werden sollen! Das ist großartig!«

»Und ich warte dennoch; denn du bleibst doch nicht dort!«

Mit diesen Worten knöpfelte die alte Frau den obersten Knopf an Fritzis Pelzjacke zu, und dann schlüpfte sie hastig aus der Garderobe, um den nächsten »Schnellfahrer« anzurufen, der sie in die Gegend ihrer Wohnung bringen konnte. Der »Schnellfahrer« ist nämlich ein Omnibus; ein anderes Gefährt gönnte sich Frau Schönchen nicht, wenn sie allein, will sagen, ohne Fritzi zu fahren hatte.

Inzwischen beeilte sich Fritzi noch immer nicht sehr. Der Gedanke, daß ihr glühender Verehrer sich da draußen in der Winterkälte nun etwas abkühle, schien ihr offenbar vielen Spaß zu machen. Als sie endlich auf die Straße hinaustrat, konnte der junge Buschendorf eine Bewegung der Ungeduld nicht unterdrücken, aber sein Unmut legte sich bei ihrem Anblick sofort. Fritzi sah in ihrer Pelzjacke und mit ihrem kecken Pelzkäppchen doch zu reizend aus.

»Gott sei Dank!« rief Buschendorf sie erblickend aus.

»Es hat etwas lange gedauert?« fragte Fritzi unschuldig.

»Etwas!«

»Sie Armer! Sie haben wohl recht gefroren?«

»Dafür ist jetzt der Sonnenschein da!« erwiderte Buschendorf galant.

»Dafür werden wir Sie jetzt schön in den Wagen hineinsetzen, Herr Graf. Da werden Sie doch etwas gegen die Nachtluft geschützt sein.«

»In den Wagen? Natürlich! Wohin denn sonst?«

»Natürlich! Wohin denn sonst? Steigen Sie nur ein, Herr Graf!«

»Nach Ihnen, mein Fräulein!«, und er hielt ihr ritterlich den Wagenschlag.

»Ich nicht,« sagte Fritzi, »ich werde auf dem Bocke sitzen!«

Das hochgeborene Gesicht des Herrn Grafen zeigte in diesem Momente keinen besonders geistreichen Ausdruck.

»Auf dem Bo–, Sie verzeihen, mein Fräulein, – das geht denn do–, Sie werden doch nicht beim Ku–.«

»Beim Kutscher? Nein. Der muß mit zu Ihnen in den Wagen; ich werde kutschieren!«

So 'was war doch zu dumm; aber der junge Buschendorf wußte sich nicht zu helfen. Anders that sie's nicht, und so war es doch immer noch besser als gar nicht.

Der Kutscher wurde also zu dem Herrn Grafen ins Coupé hineingesteckt, während jener darüber philosophierte, daß er sich die Geschichte eigentlich doch etwas anders vorgestellt hatte. Fritzi kletterte auf den Bock und nahm die Zügel in die Hand; ein kleiner Deuter mit der Peitsche, und gehorsam setzten die beiden russischen Traber ein in die gewohnte scharfe Gangart. Auf der Straße blickten die verspäteten Passanten und die Rayonsposten der k. k. Sicherheitswache erstaunt zu der ungewohnten Erscheinung auf dem Bocke auf.

Wenige Minuten nach dem Start parierte Fritzi mit kurzem, mächtig rasselndem Finish das Gefährt vor dem hellerleuchteten Portal des Restaurants, das ihr als Endziel bezeichnet worden war. Der Portier öffnete dienstfertig den Schlag, um zuerst den Herrn Kutscher und dann den Herrn Grafen aussteigen zu lassen. Fritzi sprang ohne Hilfe vom Bock und warf die Zügel dem etwas verdutzt dastehenden Kutscher zu.

Als dann Fritzi am Arme Buschendorfs das hellerleuchtete, für die Gesellschaft eigens gemietete Gemach betrat, da wurden beide mit großem Hallo empfangen. Irgend einer aus der Gesellschaft hatte am Thore die seltsame Art, in welcher der Wagen besetzt war, bemerkt und war vorausgeeilt, um die große Mär brühwarm als Erster zu erzählen.

Die Gesellschaft, die da an einem langen luxuriös gedeckten Tische beisammen saß, bot einen festlichen Anblick; etwa ein Dutzend Herren, meist Kavaliere, es fehlten auch die vorgeschritteneren Altersklassen nicht, und ebensoviele Damen, diese allerdings durchgängig jung und hübsch und funkelnd von Diamanten und kostbaren Toiletten.

Fritzi erhob den Arm, wie um den Lärm, mit dem man sie begrüßte, zu beschwören, und als das nicht half, rief sie laut in das Getöse:

»Ich möchte 'was sagen!«

Die Damen, es waren durchwegs Ballerinen aus den hinteren Quadrillen mit fünfzehn Gulden Monatsgage und kleine Schauspielerinnen siebzehnten Ranges von den Vorstadtbühnen, mitten unter ihnen, wie ein gütiger Vater, auch Arnold Wellmer, der große Mann und berühmte Held und Charakterspieler, – die Damen also wurden neugierig und schafften Ruhe.

»Hört, hört!« schrieen sie, und es ward still.

»Graf Buschendorf,« begann Fritzi, noch immer an der Thüre stehend, »scheint versprochen oder gewettet zu haben, daß er mich hierherbringen werde.«

»Oh, welche Idee!« beteuerte Buschendorf, die Hand aufs Herz legend.

»Es scheint so,« fuhr Fritzi fort. »Nun, – ich bin keine Spielverderberin. Hier bin ich!« (Stürmischer minutenlanger Beifall.)

»Bravo, bravo! Hoch! Hoch!« schrieen insbesondere die Ballerinen.

»Aber –« fuhr nun Fritzi fort, sich speziell an die Ballerinen wendend.

»Ein Aber? Hört! Hört!«

»Aber – meine Damen, Sie werden selbst zugeben, daß ich in diese Gesellschaft nicht hereingehöre!«

Das war stark! Die Entrüstung ist eine allgemeine. Das ist doch wirklich großartig, was sich die Wildauer einbildet, und was sie sich herausnimmt.

Der allgemeinen Entrüstung gegenüber stand aber Fritzi sehr unerschrocken da.

»Graf Urbany!« nahm sie wieder das Wort. »Sie gehören eigentlich auch nicht da herein. Wollen Sie mich nach Hause bringen? Sonst thut's wohl Freund Rummel?«

Beide genannte Herren sprangen auf, um sich der Wildauer zur Verfügung zu stellen. Urbany winkte aber dem Maler ab und stand im nächsten Augenblicke neben ihr.

»Wir können gehen,« sagte Fritzi. »Doch halt! Damit ich nichts vergesse! Graf Buschendorf widmet da etwas für die Schönste und die – Willigste!«

»Nicht für die Frömmste?« fragt Rummel.

»Meinetwegen auch für die Frömmste!« erwidert Fritzi, und damit langt sie Buschendorfs Diamanten aus dem Täschchen ihrer Pelzjacke und wirft die glitzernden Steine achtlos, wo sie hinfallen könnten, in die Luft, daß sie gegen den krystallnen Lustre klirren. Noch ein »'n Morjen, meine Herrschaften!«, und draußen war sie mit Urbany.

»Ein göttlicher Abgang!« sagte begeistert Wellmer, der große Mann.

Vor dem Thore winkte Urbany seinen Kutscher heran, aber Fritzi legte ihre Hand auf seinen erhobenen Arm und sagte, daß sie lieber zu Fuß gehen möchte.

»Wie du willst, Fritzi,« entgegnete Urbany, ihr seinen Arm reichend. Dem Kutscher wurde bedeutet, daß er langsam nachzufahren habe.

»Ja, Fritzi,« fuhr er dann fort, »daß ich nicht vergesse! Du hast mich da soeben vor allen Leuten sehr förmlich mit ›Sie‹ angeredet. Das ist wider die Verabredung – oder gilt die Verabredung nichts mehr?«

»Sie gilt, Rudolf, für dich wenigstens gilt sie und für Rummel. Im übrigen schäme ich mich jener abgeschmackten Freundschaftsbündnisse. Es war die Idee des großen Wellmer. Er war so furchtbar gerührt, als wir sein Jubiläum feierten, und er regte da die Verbrüderung aller Festteilnehmer an. Mit was für Leuten habe ich da ›Brüderschaft‹ getrunken! Mit diesen wollte ich dich da drin nicht gleichstellen, absichtlich nicht!«

»Recht hast gehabt, Fritzi! Ich danke dir. Hast dich übrigens brav benommen bei der Bande dort.«

»Ich hätte vielleicht gar nicht hineingehen sollen, aber, schau', ich habe in meinem Leben schon so viele Dummheiten gemacht, daß es auf eine mehr oder weniger nicht mehr ankommt.«

»Das war nicht dumm, was du gethan hast, Fritzi!«

Sie waren in der frischen Nachtluft rüstig gegangen, und nach wenigen Minuten standen sie vor dem Hause, in dem Fritzi wohnte.

»Gute Nacht, Rudolf,« sagte Fritzi stehen bleibend, »und ich danke dir noch, daß du mit mir gegangen bist! Thut's dir leid, daß ich dich dort herausgeholt habe? Du kannst ja jetzt zurückgehen!«

»Es thut mir nicht leid, und zurückgehen kann ich auch nicht mehr.«

»Warum denn nicht?«

»Weil sich das nicht schickt.«

»Die Leute dort fragen nicht danach, was sich schickt.«

»Die Leute wissen es auch nicht. Ich selbst habe das Gefühl, daß es ungehörig wäre.«

»Die Erkenntnis kommt etwas spät,« sagte Fritzi lachend.

»Du verstehst mich falsch, Fritzi, – aber zu Erklärungen ist es zu spät und zu kalt. Du wirst dich erkälten, wenn wir hier noch länger so stehen.«

Er ging zum Thore und läutete den Hausmeister aus dem Schlafe.

»Du fällst jetzt mit deinem Nachtmahl durch, du Armer!« sagte Fritzi.

»Wenn du mir nichts zu essen giebst, – dann allerdings!«

»So komm'!« erwiderte sie mit raschem Entschluß und betrat mit ihm das inzwischen geöffnete Haus. »Ein schlechtes Geschäft machst du jedenfalls. Dort hättest du gute Sachen bekommen und hier – wer weiß, was mir die Schönchen hergerichtet hat, und nun auch davon nur die Hälfte!«

Frau Schönchen machte große Augen, als sie die beiden in den kleinen, aber wohnlich und mit Geschmack eingerichteten, nun hell erleuchteten und angenehm durchwärmten Salon Fritzis eintreten sah.

»Ein später Gast, Frau Schönchen, nicht wahr?« redete sie Urbany an. »Und eigentlich so unschicklich, ich komme heute aus den Unschicklichkeiten gar nicht heraus!« Er erzählte ihr hierauf Fritzis Thaten und Erlebnisse des heutigen Abends. »Wir haben uns doch großartig tugendhaft benommen,« schloß er, »und nun verdirbt sie den ganzen Effekt, indem sie mich heute noch zu sich hereinläßt!«

Frau Schönchen traf geschäftig zwar, aber innerlich nicht allzu aufgeregt die nötigen Anordnungen, um den beiden das Mahl zu rüsten. Sie waltete im Hause mehr wie eine Mutter denn als Gesellschafterin. Es war auch kein gewöhnliches Dienstverhältnis, in welchem sie zu Fritzi stand. Fritzi hatte während eines Gastspieles am Dresdner Hoftheater bei ihr Unterkunft gefunden. Allein, wie sie war, hatte sie nicht in einem Hôtel Wohnung nehmen wollen, und auf ihrer Suche nach einer passenden Behausung und Verpflegung war sie zufällig an Frau Schönchen geraten, eine verwitwete Majorin, welche ihre ihr kärglich zugemessenen Einkünfte nicht ohne Erfolg dadurch zu erhöhen bemüht war, daß sie aus ihrer im Hinblick auf den angestrebten Zweck gewählten und eingerichteten Wohnung eine kleine Familienpension machte. Bei jener Gelegenheit nun verliebte sich Frau Schönchen förmlich in Fritzi, und auch diese, die nach dem kurz vorher erfolgten Tode ihrer Eltern ganz allein auf der Welt stand, schloß sich der neu gewonnenen, um so vieles älteren Freundin mit warmer Herzlichkeit an. Durch dieses neue Freundschaftsbündnis war in die durch und durch solide und in sich gefestete Natur der alten Dame etwas wie ein abenteuerliches Element gekommen. Sie löste ihre Wirtschaft auf, verkaufte ihre Habseligkeiten und zog mit Fritzi als deren Gesellschafterin, Wirtschafterin und mütterliche Beraterin in die Welt.

Das späte Mahl, das nun die drei da zu sich nahmen, war nicht allzu üppig. Frau Schönchen nannte Sachsen ihre Heimat, und in Sachsen hält man nicht große Stücke auf das Tafeln, ja es dürfte kaum ein Land zu finden sein, in welchem Einfachheit und Mäßigkeit im Essen mehr zu Hause wäre.

»Bist satt?« fragte Fritzi ihren Gast, als das bescheidene Mahl zu Ende war.

»Vollkommen,« erwiderte Urbany, und – »es war vorzüglich!« fügte er mit einem Kompliment für Frau Schönchen hinzu.

»Dann – desto besser!« fuhr Fritzi fort. »Denn wir kriegen nichts mehr. Und jetzt darfst du dir auch eine Zigarre anzünden.«

»Erlaubt es Frau Schönchen auch?« fragte Urbany ritterlich auch die alte Dame, und als diese lächelnd nickte, fuhr er in bester Stimmung fort: »Also ganz wie zu Hause! könnte ich sagen, aber es wäre nicht wahr und zu wenig gesagt. So gut habe ich es zu Hause nicht, lange nicht. Ich bin allein zu Hause, ganz allein, und bin mir selbst kein guter Gesellschafter. Fritzis Gesellschaft ziehe ich meiner eigenen vor. Ich bin nicht dumm, Frau Schönchen, nicht wahr?«

»Du Rudolf!« schnitt Fritzi diese Erörterungen ab. »Du mußt mir noch etwas aufklären. Es ist ja recht schön und lieb von dir gewesen, daß du lieber mit herauf zu mir gekommen bist, als noch einmal – dorthin zu gehen, aber wissen möchte ich's doch, warum du das gethan hast?«

»Das nennt man fishing for –«

»Compliments. Ich weiß; aber darum ist's mir nicht zu thun. Ich möchte es wissen.«

»Sehr einfach, – ich bin lieber bei dir als – dort!«

»Das kann ich glauben und auch nicht. Sehr wahrscheinlich klingt es nicht!«

»Aber, Fritzi!«

»Du konntest nicht gut anders sagen. Ganz eigentlich habe ich auch nicht das, sondern etwas anderes wissen wollen. Du hast nicht gesagt, daß du nicht zurückgehen wollest, sondern daß du nicht könnest.«

»Ganz richtig!«

»Nun, das verstehe ich nicht. Man ist entweder ein Moralheld, und dann geht man dort überhaupt nicht hin, oder man ist es nicht, wie Ew. Hochgeboren, und dann ist es schon einerlei, ob man um zehn oder um zwölf Uhr hingeht!«

»Also ich bin ein Mensch ohne Moral! Frau Schönchen, Sie haben es gehört!«

»Das habe ich nicht gehört, Herr Graf,« erwiderte Frau Schönchen abwehrend.

»Dann bin ich am Ende doch ein moralischer Mensch!«

»Das habe ich nicht gesagt!« rief Fritzi dazwischen. »Antworten sollst du auf meine Frage!«

»Gut, es läuft aber auf ein Kompliment für dich hinaus!«

»Thut nichts; ich werde tapfer Stand halten.«

»Und dann – du weißt es ohnedies, was ich zu sagen habe!«

»Möglich; aber hören will ich's.«

»Also – in Gottes Namen! Ich bin nämlich ein freier Mann, oder ich halte mich wenigstens dafür, der thun und lassen kann, was ihm beliebt, soweit natürlich die Gesetze nichts dareinzureden haben.«

»Richtig!«

»Ich kann also auch meinen Verkehr nach meinem Belieben wählen. Ich darf, wenn es mir gerade gefällt, auch mit – jenen dort verkehren, und es hat mir da niemand etwas dreinzureden, wenn ich mir diesen Luxus gestatte.«

»Sehr richtig!«

»Ich kann auch mit dir verkehren, – wenn du es nämlich gestattest.«

»Oh, ich bitte, es ist mir eine Ehre!« erwiderte Fritzi, sich ceremoniös verbeugend.

»'s ist gut; bedecken Sie sich!« entgegnete Urbany mit gut gegebener Herablassung. »Also ich kann verkehren, wo und wie ich will. Weißt du, was eine Antithese ist?«

»Ja.«

»Nun, jene Gesellschaft und du, – ihr seid Antithesen!«

»Ich fange an zu glauben, daß du nicht weißt, was eine Antithese ist!«

»Wohl möglich. Was ich aber meine, weißt du?«

»Ja.«

»Also ich kann mit jenen verkehren, oder mit dir, – aber nicht durcheinander; das schiene mir unanständig und beleidigend für dich. Du verstehst mich, Fritzi?«

Fritzi reichte ihm die Hand über den Tisch, erwiderte aber nichts. Das Gespräch begann nun überhaupt zu stocken.

»Ein Engel geht durchs Zimmer!« sagte einmal Frau Schönchen in ihrer stillen freundlichen Weise nach einer solchen längeren Pause.

Urbany warf einen Blick auf Fritzi und sagte wie vor sich hin:

»Er geht nicht!«

Fritzi erwiderte seinen Blick und strich sich dann mit der Hand über die Augen.

»Du bist schläfrig, Fritzi,« sagte Urbany, »es ist Zeit, daß ich gehe.«

Fritzi legte ihre Hand auf seinen Arm.

»Bleib',« sagte sie, »es ist so schön!«

Urbany lachte.

»Du bist so genügsam, Fritzi, und ich erfülle meine Pflicht so schlecht!«

»Welche Pflicht?«

»Euch zu unterhalten. Ich müßte euch jetzt alles Mögliche vorplaudern, daß ihr euch nicht langweilt, und ich habe es auch so schön gefunden!«

»Was?«

»Das Schweigen und das Träumen.«

»So wollen wir jetzt eins träumen!« rief Fritzi, und sie lehnte sich auf den Sessel zurück und sah zur Decke empor. Urbany lehnte sich auch zurück und heftete seinen Blick auf sie.

Frau Schönchen lehnte sich auch zurück und – das Alter machte seine Rechte geltend – schlummerte sanft nach einer Minute. Die beiden andern bemerkten das auch gleich, und sie tauschten einen Blick des Einverständnisses, und in dem Blick lag ein stilles Lachen.

»Fritzi!« flüsterte Urbany nach einer Weile ganz leise.

»Was willst?« antwortete sie in derselben Weise.

»Ich möchte 'was sagen!«

»Still! Jetzt wird geträumt. Man träume!«

»Ich träume so schön!«

»Ruhe!«

Und es ward wieder still, und sie träumten weiter. Nach einer Weile unterbrach Fritzi das Schweigen.

»Rudolf!« flüsterte sie.

»Was willst, Fritzi?«

»Was hast sagen wollen vorhin?«

»Das sag' ich jetzt nicht!«

»Recht hast!«

Und es ward wieder still, und sie träumten wieder weiter, d. h. Fritzi ließ ihre Blicke an der Decke ruhen, während Rudolfs Augen auf ihr haften blieben.

»Ich möchte es aber gerne wissen!« sagte wieder nach einer Weile Fritzi ganz leise, ohne Unterlaß zur Decke emporblickend.

»Du weißt es ja so!«

»Wie kann ich das wissen?«

»Du weißt es!«

»Vielleicht irre ich mich.«

»Das werden wir ja gleich sehen. Also – was habe ich sagen wollen?«

»Oho! du wärst gescheit! Ah, daraus wird nichts!«

»Ich hätte so gerne gesehen, ob du richtig raten kannst!«

»Nein, nein! Ich kann nicht raten. Sag's!«

»Ich will aber nicht!«

»Gut; dann bin ich bös!«

»Ich auch!«

»Ich mache mir aber nichts daraus, Rudolf!«

»Ich mir auch nichts!«

»Gut; wir sind also jetzt alle zwei bös. Jetzt können wir wieder ruhig weiter träumen.«

Und wieder ward es still, bis Rudolf wieder das Schweigen brach:

»Fritzi?«

»Was denn?« hauchte sie kaum hörbar.

»Bist noch bös?«

»Ja!«

»Sehr?«

»Sehr!«

Die Träumerei ging wieder los, bis dann wieder Fritzi zu flüstern begann:

»Rudolf?«

»Was denn?«

»Bist noch immer bös?«

»Ja wohl!«

»Sehr?«

»Sehr!«

»Recht hast!«

»Das freut dich natürlich!«

»Natürlich!«

»Fritzi, du bist ein Ungeheuer!«

»Ein Unge– was?!«

»–heuer, ein Ungeheuer! Verstehst nicht deutsch?«

»Ungeheuer – das ist ungeheuer!«

»Was denn sonst?«

»Ich danke!«

»Oh, ich bitte! Es ist gerne geschehen.«

»Und weißt du, was du bist, Rudolf?«

»Ich bin nicht neugierig.«

»Ich will dir's aber sagen,« und sie neigte sich zu ihm und begann, ihm leise ins Ohr zu flüstern: »Du bist –«

Er erfuhr nicht, was er ist. Bei Fritzis Bewegung, als sie sich vorneigte, hatte ein Glas geklirrt, Frau Schönchen war aufwachend zusammengefahren, die beiden aber waren auseinandergefahren.

»Ich wollte mich gerade verabschieden, Frau Schönchen,« rief Urbany sich rasch fassend. »Es ist spät geworden.«

Er küßte der alten Dame ritterlich die Hand und verabschiedete sich sodann, etwas zögernd, wie es schien, von Fritzi.

»Gute Nacht, Rudolf,« sagte diese, und es war, als träume sie noch oder schon wieder, als sie ihre Hand eine Weile in der seinigen ruhen ließ.

Das Dienstmädchen leuchtete dem späten Gast die Treppe hinunter; Frau Schönchen räumte etwas schlaftrunken den Tisch ab, zählte noch einmal das Silberzeug, das nun noch in die Küche kommen sollte, um gereinigt zu werden. Fritzi stellte sich vor den Spiegel, hob die Hände zum Kopf und zog sich den großen Schildpatt-Kamm und sodann die Nadeln aus dem Haar, das nun in reicher Goldflut ihr über die Schultern bis weit hinab über die Hüften fiel. Da – klopfte es noch einmal an der Thür. Die beiden Frauen sahen sich erstaunt an, und Frau Schönchen ging zu öffnen.

Urbany stand vor der Thüre und neben ihm das Dienstmädchen, noch immer die brennende Kerze in der Hand; sie waren schon unten im Hausflur gewesen und waren dann wieder umgekehrt.

»Darf ich noch einmal auf einen Augenblick hinein, Frau Schönchen?« fragte Urbany vom Vorzimmer herein.

Frau Schönchen öffnete die Thüre, und Urbany trat ein.

»Hast 'was vergessen, Rudolf?« fragte Fritzi, sich das Haar aus dem Gesicht streichend.

»Ja, Fritzi, ich wollte dir doch noch etwas sagen.«

»Es war höchste Zeit, Rudolf,« sagte Fritzi lachend, und sie schüttelte dabei ihre goldene Mähne. »Da sieh' mich an, wie ich ausschau; in voller Abrüstung begriffen; eine Minute später, und ich weiß nicht, wie weit wir sind!«

Urbany warf Frau Schönchen einen bittenden Blick zu; sie verstand ihn und verließ still das Zimmer.

»Ah! Also etwas Geheimnisvolles?« rief Fritzi, die den Blick aufgefangen hatte und die sich nun zurechtsetzte, um die Mitteilung entgegenzunehmen. »So, jetzt setz' dich her zu mir und red'!«

»Fritzi, ich hab' dich nur fragen wollen, ob du mir gut bist?«

»Rudolf, du bist ein großartiger Mensch! Das hast mich fragen wollen?«

»Ja!«

»Und so etwas vergißt er! Und an so etwas erinnert er sich erst auf der Stiege! Da hört doch Alles auf!«

»Fritzi, du mißverstehst mich!«

»Aber nein! Es ist ja sehr schön von dem Herrn Grafen, daß ihm die gute Idee noch eingefallen ist! Bei einem Haare – und er hätte es vergessen, und nun säße ich da! Ich habe mich noch schön zu bedanken.«

»Fritzi, was bist du doch für ein dummes Kind! Aber schönes Haar hast du,« und er ließ die Goldflut spielend durch seine Finger gleiten. »So ein Rhinozeros bin ich ja doch nicht, daß mich erst der esprit d'escalier auf eine solche Idee bringen müßte.«

»Ja wohl, so sind die Rhinozerosse. Sie haben sich von jeher durch bedeutenden Aufwand von esprit d'escalier ausgezeichnet!«

»Also von etwas vergessen haben ist nicht die Rede. Die Frage hat mich so ganz erfüllt, daß ich kaum einen anderen Gedanken fassen konnte, und auch heute den ganzen Abend habe ich an nichts Anderes gedacht, und während wir vorhin so schön träumten, hatte ich mir fest vorgenommen, heute Nacht noch einmal alles recht, recht gut zu überlegen, um dann morgen mit dir zu reden.«

»Nun – und?«

»Und da überfiel mich beim Weggehen der Gedanke, daß es doch eigentlich schmählich sei von mir, da erst noch lange überlegen zu wollen, und daß ich mich dann morgen ganz gewiß bis in die Haut hinein schämen würde, daß ich mir da noch eine Bedenkzeit vorbehalten hätte, und da bin ich denn lieber gleich umgekehrt, – und da bin ich nun!«

»Das nennt man – so – mit beiden Füßen zugleich hineinspringen.«

»Nenn's, wie du willst, Fritzi!«

»Rudolf! Auf diese Art, genau so werden alle dummen Streiche gemacht!«

»Ich bin kein Knabe, Fritzi, und kein verführter Jüngling. Also jetzt nimm dich zusammen, Fritzi, und antworte auf meine Frage!«

»Auf welche Frage?«

»Ob du mir gut bist?«

»Oho! So wird das nicht gemacht. Ich soll reden und mich vielleicht blamieren, ohne daß ich weiß, wie's bei dir steht. Das ist nicht die Ordnung!«

»Fritzi, du weißt es ja!«

»Ich weiß nichts!« entgegnete sie und lehnte sich weit auf ihrem Sitz zurück.

»Fritzi, du weißt es!«

»Ich weiß es nicht!«

»Dann muß man dich belehren! Also du bist ein nichtsnutziger, ein süßer Fratz, und ich habe dich unsinnig lieb!« Und damit drückte er sie wild an sich und packte sie dann mit beiden Händen am Kopfe und bedeckte ihr erglühendes Antlitz mit stürmischen Küssen.

»Weißt du es jetzt?« hauchte er ihr ins Ohr. »Und wird es so gemacht? Ist das die Ordnung?«

Fritzi sah aus dem Gewirr ihrer goldenen Haare zu ihm empor, und ein seliges Lächeln lag auf ihren Zügen, während Thränen aus ihren großen Kinderaugen drangen.

»Also jetzt weißt du's, Fritzi,« fuhr Urbany fort. »Was antwortest du nun?«

»Ach, Rudolf!« rief Fritzi aufgelöst, und jetzt schlang sie ihre Arme um seinen Hals. »Ja, ich bin dir gut, ich bin dir gut.«

»Also dann sind wir ja einig. Wann machen wir Hochzeit?«

»Wann du willst!«

»Laß sehen,« sagte Urbany, und er nahm dabei einen kleinen Kalender aus seiner Brieftasche. »Also am – ja so, der Kalender ist ja in einigen Tagen abgelaufen, und einen neuen habe ich noch nicht. Also in vier Wochen, am 21. Januar. Einverstanden?«

Fritzi nickte ihm zu.

»Abgemacht; am 21. Januar wird geheiratet,« setzte Urbany fort. »Und bis dahin, – keinem Menschen etwas sagen!«

»Ja, ich bitte dich, keinem Menschen!«

»Die Leute sollen auch ihre Überraschung haben.«

»Ja, die Überraschung!« seufzte Fritzi. »Was wirst du auszustehen haben, du Armer!«

»Ja, ich bin sehr zu bedauern!«

»Ich sage es im Ernst, Rudolf! Was werden deine Leute sagen?«

»Ich habe keine ›Leute‹!«

»Deine Verwandten!«

»Meine Verwandten sind zwei Schwestern, beide verheiratet, die eine in Siebenbürgen, die andere in London. Die finden alles für gut, was ich thue; die werden auch mit meiner Frau gut sein.«

»Aber die Welt, deine Welt! Ich werde nicht empfangen werden. Das ist ja natürlich, und das erwarte ich gar nicht, aber auch du wirst ausgeschlossen sein.«

»Das wird allerdings fürchterlich sein!«

»Jetzt scherzest du darüber, und später wird es dir doch leid thun!«

»Ich werde mich zu trösten wissen, Fritzi! Im übrigen, mein Kind, steht die Sache ganz anders. Mich – uns schließt man nicht aus, wir schließen aus, was uns nicht gefällt!«

»Ach, du lieber Gott! Jetzt fällt mir noch etwas ein! Was machen wir mit der Schönchen? Die Schönchen kann ich nicht fortschicken!«

»Ja, die Schönchen, richtig, die Schönchen,« erwiderte Urbany einen Augenblick nachdenkend. »Frau Schönchen!« rief er dann laut, und als diese darauf in der Thüre zum Nebenzimmer erschien, ging er ihr entgegen, führte sie zu Fritzi und drückte sie dort auf einen Sessel. »Da setzen Sie sich her, Frau Schönchen, und vernehmen Sie die große Neuigkeit: Fritzi will mich zum Manne nehmen. Nicht vom Sessel fallen, Frau Schönchen! Sie nimmt mich wirklich. Nicht weinen, Frau Schönchen! Wir wissen ja, daß Sie's gut meinen mit uns beiden, und darum müssen wir auch hübsch beisammen bleiben und brav zusammenhalten. Sie dürfen nicht fort von uns. Jetzt weinen Sie schon wieder!«

»Das ist noch das frühere, Rudolf,« erläuterte Fritzi.

»Also noch immer, das ist ja noch ärger!« fuhr Urbany fort. »Wir können Sie wirklich nicht weglassen, Frau Schönchen; Sie sind uns unentbehrlich. Denken Sie nur, wenn wir miteinander raufen werden, die Fritzi und ich, und wir werden jeden Tag raufen, – nicht wahr, Fritzi, das ist schon ausgemacht?«

»Ja wohl, Schönchen, das ist schon beschlossen!« bestätigte Fritzi.

»Nun also!« sprach Urbany weiter: »Da müssen wir doch jemanden haben, an dem wir unsern Zorn auslassen können. Sie werden nicht wollen, daß ich meinen Zorn an unserer Fritzi auslasse.«

»Nein, das will die Schönchen nicht!« redete Fritzi dazwischen.

»Die Sache ist also sehr klar und einfach. Es geht gar nicht anders, als daß Sie bei uns bleiben, Frau Schönchen. Und dann! Warum soll denn gerade ich keine Schwiegermutter kriegen, wenn ich heirate? Frau Schönchen, Sie werden unsere Schwiegermutter sein, na, Frau Schönchen, freuen Sie sich!«

»Schönchen, weißt du nun, warum Rudolf zurückgekommen ist?« fragte Fritzi die still vor sich hinweinende alte Frau.

Frau Schönchen wußte es nicht, und wenn sie es auch gewußt hätte, sie hätte es jetzt in ihrer tiefen Ergriffenheit nicht sagen können.

»Er hatte es vergessen,« erläuterte Fritzi, »mir eine Liebeserklärung zu machen, und auf der Treppe ist es ihm erst eingefallen. Da mußte er doch umkehren, nicht wahr?«

»Ja wohl,« gab Urbany ernsthaft zu. »Es hatte mir etwas auf der Zunge gelegen, und auf der Treppe fiel es mir ein. Glauben Sie das, Frau Schönchen?«

»Nein, das glaube ich nicht,« beteuerte Frau Schönchen.

»Siehst du, Fritzi,« rief nun Urbany, »sie ist gescheiter, als wir beide zusammengenommen, und darum muß sie bei uns bleiben. Ich bitte dich, ein gescheiter Mensch muß doch unter uns sein!«

Frau Schönchen erhob sich und küßte Fritzi so recht innig, wie eine Mutter ihr Kind, und dann stand die alte Frau vor Urbany, stockend und verlegen, weil sie nicht wußte, wie sie ihm ihre Gefühle ausdrücken sollte. Da umarmte Urbany die bebende alte Frau und küßte sie, wie ein Sohn seine Mutter küßt, und dann küßte er Fritzi noch einmal, und zwar nicht, wie ein Sohn seine Mutter küßt, und dann leuchtete ihm das Dienstmädchen noch einmal hinunter. Und dieses Mal kehrte er nicht noch einmal um, denn jetzt hatte er nichts mehr vergessen.

* * *

 

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