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Töte sie!

Balduin Groller: Töte sie! - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorBalduin Groller
titleTöte sie!
publisherVerlag des Vereins der Bücherfreunde
year1892
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20151104
modified20160809
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Erstes Kapitel.

War das ein Aufsehen in Wien, – der Graf Rudolf Urbany hatte die Fritzi Wildauer geheiratet!

Das war so rasch gegangen; kein Mensch hatte vorher eine Ahnung davon. Die Gesellschaft hatte vorher nicht Zeit gehabt, sich mit dem Gedanken an diese Ehe vertraut zu machen, sich auf das Ereignis vorzubereiten, die entsprechenden Prophezeiungen loszulassen und auf Erfahrungen gegründete Berechnungen darüber anzustellen, wie lange die Geschichte wohl dauern werde.

Die Fritzi Wildauer! Na, unbegreiflich war es ja am Ende nicht, aber doch – wer hätte daran gedacht! Und gerade den Urbany hatte sie sich zu angeln verstanden, – ja, die Schauspielerinnen! Aber er, der Urbany, er war doch kein jugendlicher Springinsfeld mehr, den man so leicht um den Finger wickelt; auch so alt war er nicht, daß man bei ihm eine Thorheit so einfach und bequem hätte entschuldigen können. Gerade den Urbany, – so ein verteufeltes Frauenzimmer! Dumm ist sie nicht gewesen, die Fritzi Wildauer, das wollte jeder längst gewußt und gesagt haben, aber daß sie den Urbany d'rankriegen werde, das konnte doch niemand voraussehen.

Man hatte längst aufgehört, den Urbany noch als Heiratskandidaten anzusehen, und zwar nicht nur das große Publikum, das ja die ganze Geschichte eigentlich gar nichts angeht, sondern auch die zuständigen Instanzen, die hochadeligen Mütter heiratsfähiger Töchter. Nicht einmal in seiner Gegenwart wären sie auf ihn verfallen in ihren Zukunftsträumen und Kombinationen für ihre Töchter. Wenn ein Kavalier einmal auf die Vierzig lossteuert, ohne sich noch fürs Leben gebunden zu haben, dann hört er auf, sowohl bei den unteren Instanzen der Töchter, wie bei den höheren der Mütter ein Gegenstand des Interesses zu sein. Der ist ja doch nicht mehr zu bekehren, wozu nutzlose Mühe an ihn verschwenden? Graf Rudolf war, wenn auch nicht schon vierzig, so doch seine sechsunddreißig Jahre alt. Als Träger eines großen Namens und als Besitzer eines großen Vermögens hatte er schon in jungen Jahren die Aufmerksamkeit der öffentlichen Meinung auf sich gelenkt. Seit anderthalb Jahrzehnten war sein Name aller Welt geläufig. Dieser Name stand in der Zeitung unter den Personalnachrichten, wenn sein Träger eine Reise antrat oder von einer solchen zurückkehrte. Seine »Farben« gehörten auf dem Turf zu den populären; man kannte ihn als einen Mäcen, der mittellose Talente gerne unterstützte und förderte; man wußte, daß er Liebhaber und verständnisvoller Sammler von Gemälden sei; man kannte seine Vorliebe fürs Theater, und man war darüber einig, daß es bei Sammlungen für wohlthätige Zwecke ein Gebot der Klugheit sei, seinen Namen als den ersten oder doch wenigstens als einen der ersten auf die Liste zu bekommen. Man wußte alles, nur das Eine hat niemand wissen oder auch nur vermuten können, daß die Naive des *-Theaters den sonst so verständigen und so besonnenen Mann zu einer solchen Dummheit verleiten werde!

Nun war es mit einemmale in der Zeitung zu lesen; du lieber Himmel, gab das ein Aufsehen und ein Gerede! Der Ärger war vorwiegend. Die Aristokraten ärgerten sich über die Thatsache selbst und dann auch darüber, daß sie nicht besser unterrichtet gewesen seien als der zwar größere, aber doch nicht blaublütige Teil der Menschheit. So etwas ist doch beschämend. In den Kreisen, in welchen man sich für das Theater interessierte, und in welchen Kreisen interessiert man sich dafür in Wien nicht, sah man sich ebenfalls ärgerlich und betroffen an. Man hört doch sonst das Gras wachsen, und nun konnte so etwas geschehen, ohne daß man eine Ahnung gehabt hätte. Man fühlt sich ja ganz unsicher, erschüttert in dem Besitzstand seines guten Rechtes, alles zu wissen, was Schauspielerinnen und Primadonnen angeht. Wie soll man noch unter Leute gehen, wenn man davon nichts gewußt hat. –

In den Redaktionen gingen heillose Donnerwetter über die Häupter der armen schuldlosen Reporter nieder. Wozu sind sie denn auf der Welt, wenn sie nicht mehr wissen als andere Leute? Über so einen Fall muß erst die offizielle Anzeige kommen, um von ihm zu erfahren, da hört doch einfach alles auf, und eine solche Schlamperei war überhaupt noch nie da. Vorher nichts und nachher nichts, – denn auch nachher war nichts Näheres zu erfahren; das junge Paar war sofort nach der Trauung abgereist, – und das wollen Journalisten, große Schriftsteller sein! Wenn eine Revolution ausbricht, werden die Herren wahrscheinlich auch erst auf die offizielle Anzeige warten. Eine große Kunst ist es, so ein Berichterstatter zu sein! Das Publikum will Näheres erfahren, und wenn nicht noch mindestens hundertundzwanzig Zeilen über die Geschichte ins Abendblatt kommen, so soll doch ein heiliges Kreuzdonnerwetter in die ganze löbliche Redaktion einschlagen.

Alle Beteuerungen der schwergeprüften Berichterstatter, daß nichts zu erfahren gewesen sei, daß auch die anderen Blätter nicht mehr wissen und auch nicht mehr gebracht haben, helfen nichts. Da muß etwas geschehen, das Publikum will unterrichtet sein. Das heißt nicht den Skandal pflegen, denn von Skandal ist ja hier nicht die Rede; es heißt auch nicht Privatverhältnisse aufdecken, denn beide Persönlichkeiten haben der Öffentlichkeit angehört, die eine durch ihre gesellschaftliche Stellung, die andere durch ihre Kunst. Und dann soll ihnen ja nicht wehe gethan werden, das Publikum soll nur zu seinem Rechte kommen.

Die verschiedenen Gewitter waren nicht ohne Eindruck geblieben, sie hatten befruchtend gewirkt. Die Abendblätter hatten mindestens je ihre hundertundzwanzig Zeilen, Biographisches, Anekdotisches, Kritisches. Die nächsten Morgenblätter brachten Reminiscenzen, – man half sich, so gut es ging. Durch alle Artikel zog sich aber ein warmer und herzlicher Ton des Wohlwollens und der Sympathie. Man konnte sehen, Rudolf Urbany und Fritzi Wildauer waren allerseits wohlgelitten. –

Zu den Mitgliedern des Wiener Eislaufvereins zählt von einigen Mitgliedern des kaiserlichen Hauses herab alles, was darauf Anspruch erhebt, zur guten Gesellschaft in Wien zu zählen. Der Eislaufplatz liegt fast im Mittelpunkte der Stadt, der Stephansturm, dieses eigentliche Zentrum von Wien, grüßt aus der Nachbarschaft herüber; der Platz liegt so bequem, und der Eislauf ist ein so schönes Vergnügen, kein Wunder, daß da, wenn nur die sorgsam, fast mit wissenschaftlicher Gründlichkeit gepflegte Eisdecke stark genug ist, den ganzen Tag über bis tief in die Abendstunden hinein, während welcher das elektrische Licht die matte Wintersonne ablöst, das regste Leben herrscht.

Der Platz ist immer überfüllt, und auch das hat, man sollte es nicht glauben, sein Gutes gehabt. Weite Touren sind auf dem beengten Platze nicht zu machen, und im Schnelllauf kann man sich der Menschenmenge wegen nicht üben. Diese Übelstände sind daran die Schuld, daß sich das entwickelte, was in Fachkreisen als »Wiener Schule« weltberühmt geworden ist. Den geübteren Läufern und Läuferinnen mußte es auf die Dauer langweilig werden, eingekeilt in den eintönigen Zug der »Patzer« und der Eisflöhe, wie die ganz jungen und kleinen hoffnungsvollen Eiskünstler und -künstlerinnen benannt werden, den Kreislauf mitzumachen. Sie zogen sich also in das Innere des Platzes zurück, retteten sich dort einen kleinen freien Kreis und verlegten sich auf den Kunstlauf. So entstand aus der Not eine Tugend. Durch die Umstände förmlich gedrängt zum Figurenlauf, brachten es die Wiener Vertreter und Vertreterinnen desselben darin zu einer Vollendung, wie sie sonst in der ganzen Welt nicht wieder zu finden ist. Es ist ein Genuß, der geradezu ein Kunstgenuß genannt werden kann, diesen Übungen zuzusehen. Und nun erst, wenn die Militärmusik da ist, und sie ist sehr oft da, auch außer der Zeit, da sie von Vereinswegen bestellt ist, da sich fast täglich Freiwillige, die es thun können, finden, die sie bezahlen, und wenn dann getanzt wird! Kein Ballet, und sei es noch so pompös ausgestattet, vermag einen so wahrhaft künstlerischen Eindruck hervorzurufen wie dieser Tanz auf dem Eise. Wie da die Tänzerinnen über die spiegelglatte Fläche hinschweben, als würden sie von einem Lufthauch getragen; wie sie sich in vollendeter Anmut wiegen und neigen, – es ist rein, um die ältesten Ballerinen vor Neid zum Platzen zu bringen. Da mühen sich diese Jahrzehnte, oh, viele Jahrzehnte, wir wissen es, um ihren Fußspitzentanz und ihre Pas zur höchsten Vollendung zu bringen, und da tauchen, wenn wir bei dem gefrorenen Wasser den Ausdruck brauchen dürfen, die jüngsten und hübschesten Tänzerinnen dutzendweise auf, die eine sinnberückende Grazie im stahlbeschwingten Tanze entfalten, wie sie auf der Bühne niemals auch nur annähernd so vollendet gesehen worden ist.

In den Mittagstunden trifft sich der hohe Adel auf dem Eislaufplatze, und da tanzen die Komtessen ihren Reigen. Sie tanzen nicht besser, als die bürgerlichen Schönen Wiens, aber auch nicht schlechter. Sie halten gut zusammen in enger Kameradschaft. Das beugt der Zersplitterung vor und erhöht das Vergnügen, man bleibt halt doch am liebsten unter sich. Ein wichtiger strategischer Grundsatz erscheint da förmlich auf den Kopf gestellt: man marschiert vereint und schlägt getrennt. Die Plänkeleien vor der ganzen Front sind ungefährlich, eine entscheidende Eroberung wird doch nur im Einzelkampfe gemacht.

Die »Banda« spielte die verführerischsten Walzer, und doch – merkwürdig! – die Komtessen dachten dieses Mal gar nicht an das Tanzen; sie hatten zuviel miteinander zu plauschen. Sie plauschten viel und sie plauschten lang. Die Bedienten in den langen Livreeröcken am Ufer mit dem unterschiedlichen Pelzwerk auf den Armen froren schon gottsjämmerlich und hüpften von einem Fuß auf den andern, was sich für einen richtigen Herrschaftsdiener nicht einmal recht schickt. Denn so einer hat im Bewußtsein seiner Würde immer möglichst regungslos zu sein. Aber der neueste Skandal – hier galt Urbanys Heirat wirklich für einen Skandal – war doch zu interessant. Die jungen Herren der Aristokratie standen herum und machten verlegene Gesichter. Urbany hatte ihnen bisher als das Muster eines tadellosen Kavaliers gegolten, und nun so etwas! Was ließ sich da sagen? Die Mütter und die Tanten der Komtessen, ihre ganze Ehrengarde stand ebenfalls mit da, und alle, alle miteinander standen unter dem Banne der großen Neuigkeit.

Natürlich waren auch alle einig in der Verurteilung des Grafen Rudi Urbany, nur die Fürstin Melanie, die ja immer etwas Besonderes haben mußte, und die mit ihrer Exzentrizität trotz ihrer bereits schon im Westen befindlichen Lebenssonne doch noch immer als das enfant terrible der österreichischen Aristokratie galt, nur sie verteidigte mit ihrem rauhen und dann gelegentlich doch wieder schrillen Organ den viel angefeindeten Grafen.

»Rudi Urbany ist alt genug,« rief sie in den Chorus, »um nach seinem Kopfe handeln zu können. Ich sage –«

Man erfuhr vor der Hand nicht, was sie sagen wollte. Denn im nächsten Momente erhielt sie einen Stoß, der sie bedenklich ins Wanken brachte. Eine Schlittschuhläuferin war unversehens an sie angefahren, und sie hatte alle Mühe, sich vor einem Fall zu bewahren.

»Madame haben es sehr eilig!« rief die Fürstin unwillig der Attentäterin zu, indem sie sich den in seiner Stellung erschütterten Hut wieder gerade richtete.

»Madamen haben es immer eilig!« rief die Angeredete, ein munteres Wiener Kind, schlagfertig zurück, indem sie weiter ihre Bogen zog.

Über diese Antwort hatte die Fürstin eine ungeheure Freude, gerade weil die Mütter und die Tanten lange Gesichter machten. Da hatten die Komtessen wieder einmal etwas gehört, was sie nicht hören sollten. Es mußte also rasch wieder abgelenkt werden.

»Was sagen Ew. kaiserliche Hoheit dazu?« wandte sich die Markgräfin Andritz, die noch immer berühmt schöne Mutter dreier berühmt schöner Töchter, an einen Erzherzog, der gerade zur Gruppe getreten war.

Seine kaiserliche Hoheit der Erzherzog sagte über den Fall Urbany das Klügste, was er in seiner Stellung sagen konnte, nämlich nichts. Er begnügte sich damit, nur zu lächeln und mit der Achsel zu zucken. Fürstin Melanie hatte wieder eine Freude. Denn das stumme Lächeln Sr. kaiserlichen Hoheit enthielt eine unverkennbare Lektion für die Markgräfin. Wie wenig taktvoll war es doch von der Markgräfin gewesen, Se. kaiserliche Hoheit in dieser delikaten Sache zur Parteinahme pressen, förmlich an die Wand drücken zu wollen, und wie taktvoll war dagegen die wortlose Zurechtweisung. Recht ist ihr geschehen, der Markgräfin! Ihr Hochmut war durch die vielen ihr und ihren schönen Töchtern dargebrachten Huldigungen doch nachgerade unerträglich geworden.

Der Erzherzog mochte die allgemeine Stimmung für eine harmlose Unterhaltung nicht für so günstig gefunden haben wie sonst und nahm bald Abschied von den sich tief verneigenden Herrschaften. Die Zurückgebliebenen konnten sich aber noch immer nicht von der Erörterung der großen Tagesfrage trennen.

»Urbany hat sich fangen lassen.«

»Ja wohl, mit Kotzen und mit Stricken fangen lassen,« erklang es aus dem Kreise.

»Er hat sich einfach übertölpeln lassen,« meinte eine der Tanten.

»Es mag nicht allzuschwer gewesen sein,« sagte ein Komteßchen, das reizende Stumpfnäschen rümpfend.

»Für besonders scharfsinnig habe auch ich ihn nie gehalten,« stimmte eine andere junge Aristokratin zu.

»So gescheit wie unsere übrigen jungen Herren ist Urbany immer noch!« schlug die Fürstin Melanie zurück.

»Ich bitte Sie, Fürstin,« nahm nun die Markgräfin wieder das Wort, »er ist nicht gar so jung, wir haben als Kinder zusammen gespielt, und ich bin reif für Großmütterrollen.«

Die Fürstin biß sich auf die Lippen. Die Markgräfin hatte mit einem zweischneidigen Schwert gefochten. Sie hatte sich alt gemacht, erstens, weil die Welt wußte, daß die Fürstin noch um volle fünf Jahre älter war als sie. Die hochgeborenen Damen können von ihrem Alter nichts herunterlügen; denn da ist der Gothasche Kalender, der nicht schmeichelt, und der niederträchtig genau ist. Wenn sie also schon so alt ist, wie alt mußte erst die Fürstin sein! Und zweitens hatte sie den Urbany alt gemacht, eigentlich um zu zeigen, wie jung sie sei.

»Das ist ein ganzer Roman, aber ein schlechter,« säuselte wieder eine der Tanten sanft.

»Ich sehe nichts Romanhaftes dabei,« entgegnete nun wieder die Fürstin. »Solche Geschichten sind doch in unseren Kreisen sehr alltäglich.«

»Ach, nicht doch!« wehrte die Tante sanft ab.

»Sehr alltäglich!« wiederholte die Fürstin mit scharfer Betonung, und damit hatte die Markgräfin wieder ihren Hieb weg. Denn es war bekannt, daß ihr eigener Bruder eine Tänzerin geheiratet hatte – und was für eine!

»Er hat sich unmöglich gemacht durch diese Heirat,« erklärte eine der anwesenden Anstandsdamen, die den Ausfall der Fürstin nicht verstanden hatte, »jene Person wird nirgends empfangen werden.«

»Ich werde sie empfangen,« sagte die Fürstin sehr bestimmt, um die ganze verehrliche Gesellschaft zu ärgern.

»Durchlaucht haben immer eine gewisse Vorliebe für das Absonderliche gehabt,« mischte sich ein eleganter alter Herr, eine abgethane diplomatische Größe ins Gespräch, mit Geschick für seine immerhin scharfe Bemerkung einen sehr gutmütigen und wohlwollenden Ton wählend.

»Das Absonderliche ist meist auch interessanter und bedeutender als das Gewöhnliche!« lautete die Antwort, die sich jeder auslegen konnte, wie er wollte.

»Leugnen Sie nicht, Durchlaucht, daß unser Urbany da wirklich eine Dummheit gemacht hat,« fuhr der Diplomat fort, der aus der Antwort der Fürstin nichts Besonderes für sich herausgefunden hatte, oder der es für angezeigt hielt, nichts für sich herausfinden zu wollen.

»Jeder Mensch hat das Recht,« entgegnete die Fürstin, »in seinem Leben eine Dummheit zu machen. Wer von uns hätte sie nicht gemacht?«

»Ein schönes Recht!«

»Ein gutes Recht. Allerdings wird von diesem Recht manchmal ein allzu unbescheidener Gebrauch gemacht.«

»Das dürfte hier der Fall gewesen sein.«

»Möglich, – aber jedenfalls hat Urbany, wenn er eine Dummheit gemacht hat, sie auf eigene Gefahr und Unkosten und zu eigenem Schaden gemacht. Das pflegt nicht immer der Fall zu sein,« fuhr die Fürstin erbarmungslos fort.

Die Markgräfin glaubte nun doch Sr. Excellenz, dem abgethanen, dem Gott sei Dank abgethanen Diplomaten zu Hilfe kommen zu sollen und lenkte durch eine Zwischenbemerkung ein und ab. Am meisten kam aber Sr. Excellenz doch das Wetter zu Hilfe. Es war zu kalt, noch länger so dazustehen, die Komtessen hatten alle schon rote Nasen, und dann wurde es ihnen endlich doch zu fad, auf einem Fleck zu bleiben, wo die Militär-Musikbanda so verführerische Tanzweisen spielte. Den jungen Herren war die Geschichte schon längst zu fad geworden. Die jugendlichen Paare flogen nun wieder in rhythmischem Schwung dahin; die Mütter und Tanten sahen sich plötzlich isoliert und zogen sich wieder auf ihre Observationsposten in den geheizten Glassalon zurück.

Am Morgen hatten die Zeitungen die Vermählungsnachricht gebracht, und am Mittag hatte sie schon jene Kommentare gefunden, die hier kurz angedeutet wurden, aber das war noch lange nicht alles. Die wichtigsten Kreise, in welchen sich Urbany zu bewegen pflegte, gelangten erst in den Abend- und Nachtstunden dazu, sich mit der befremdlichen Thatsache abzufinden und Stellung zu ihr zu nehmen.

Am raschesten ging das im Jockey-Klub. Da machte man nicht viele Worte. War es die Scheu davor, im Hause des Gehenkten vom Stricke zu reden – solche fatale Geschichten waren ja doch so oft schon vorgekommen, – oder war es, weil aus gewissen Gründen niemand den ersten Stein aufheben und werfen wollte, – genug, die Sache wurde, so gut es ging, übergangen. Höchstens, daß der eine oder der andere, indem er sich zur Kartenpartie hinsetzte, seine Meinung in das kurze, aber vielsagende Urteil zusammenfaßte:

»Der Esel!«

Viel wortreicher gestalteten sich die Diskussionen im Extrazimmer des Hotels, in welchem sich die Schauspieler des *-Theaters nach der Vorstellung zusammenzufinden pflegten. Wie oft war da Graf Urbany in ihrer Gesellschaft gewesen. Sie erinnerten sich mit Vergnügen daran; denn es ging immer hoch her, wenn er dabei war. Obschon selbst ziemlich schweigsam, liebte er es doch, sich von einer lauten Heiterkeit umbranden zu lassen. Er lächelte nur stillvergnügt mit darein, wenn alles um ihn herum in übermütiger Lustigkeit aufschäumte. Er that, was er konnte, um einer fröhlichen Stimmung zum Durchbruch zu verhelfen. Leopold, der Zahlkellner, verstand den Wink seines Auges. Es wurde aufgetragen, was gut und teuer war, und wenn beim Aufbruch einige aus der Gesellschaft wenigstens der Form halber nach der Rechnung verlangten, so war eine lächelnde Verbeugung Leopolds die einzige Antwort darauf. Es war alles schon geordnet, und ein weiteres Wort wurde darüber nicht verloren.

Schon auf der Bühne, in den Garderoben und hinter den Coulissen hatten sie an diesem Abende, wo es ging, die Köpfe zusammengesteckt, aber zu einer rechten Aussprache war man da doch nicht gekommen. Darum waren sie dieses Mal, Männlein und Weiblein, hastiger noch als sonst beim Abschminken, um nur ja recht rasch in ihr Extrazimmer zu kommen. Ganz ungetrübt war aber auch in diesem Kreise die Freude über den Vorfall nicht. Nicht etwa, daß der Neid sich geregt hätte über das glückliche Los einer Kollegin, – Schauspieler und Schauspielerinnen sind ja bekanntlich vollkommen neidlos! – was sie verdroß, das war die Geheimniskrämerei, die da getrieben worden war. So selbstlosen und diskreten Freunden hätte man sich doch wirklich unbedenklich anvertrauen können.

Der berühmte Held und Charakterspieler, der große Wellmer, war da um einen schönen Effekt gekommen. Wie gut hätte es sich gemacht, wenn der Graf jene liebliche Menschenblume – »liebliche Menschenblume« hatte er sich selbst ausgedacht – aus seiner Hand entgegengenommen hätte. Er betrachtete sich ja nicht nur als den Führer, sondern auch als den väterlichen Freund und Berater jener Künstlertruppe. Seine Stimme hätte dabei gebebt, er hätte eine zitternde Thräne erhabener, männlicher Rührung im Auge zerdrückt – darin war er bedeutend, er hat es bewiesen! –, er hätte den Bräutigam umarmt und die Braut, er hätte sie gesegnet, ja wohl, er hätte sie auch gesegnet, und seinen Freund Hindenberg von der »Morgenpost«, der die Notizen über so ergreifende Momente an die Blätter zu verschicken pflegte, hätte er auch dazu eingeladen, und nun war es doch mit alledem nichts. Er bedauerte das lebhaft; nicht im eigenen Interesse; denn was hätte er davon gehabt? – sondern im Interesse des jungen Ehepaares, das zum eigenen Schaden es unterlassen hatte, sich seiner schätzbaren Mithilfe zu versichern. Er wäre ja dazu zu haben gewesen. Sah er denn aus wie einer, der nicht zu jedem Opfer bereit ist, wenn der Ruf an ihn ergeht, und nun gar für eine Kollegin! Daß die Leute doch nicht begreifen wollen, daß alles, alles in der Welt arrangiert und in Scene gesetzt werden muß! Was haben sie nun von der ganzen Heiraterei? Blitzdumm haben sie es angestellt.

Der große Wellmer hielt es nicht für nötig, seinen ganzen Gedankengang der verehrlichen Corona zu unterbreiten, er begnügte sich damit, sie mit dem Endresultat desselben bekannt zu machen.

Die ganze Gesellschaft befand sich da in einer etwas schwierigen Lage. Wenn der französische Menschenverächter recht hat mit seinem Worte, daß es im Unglück selbst unserer besten Freunde immer etwas giebt, was uns zur Freude oder zur Genugthuung gereicht, so darf man wohl auch auf das Umgekehrte schließen, daß nämlich andrerseits im Glücke unserer Freunde immer auch etwas stecke, was uns Verdruß bereitet. Nun ging es aber doch nicht gut an, einen solchen Verdruß, wenn er wirklich vorhanden gewesen sein sollte, offenkundig zu zeigen. Man tauschte also seine Ansichten auf so unsicherer und unbequemer Grundlage in geschraubter und gewundener Wortfülle aus, ohne doch etwas Rechtes zu sagen. Erst die Seeberger, die große Seeberger, die als letzte in das Zimmer hereingerauscht kam, brachte den richtigen Gefühlston in die Versammlung. Sie hatte an diesem Abende die »Jungfrau von Orleans« gespielt, hinreißend gespielt, und noch ganz durchglüht von dem Feuer und dem Zauber der Schillerschen Dichtung warf sie das tiefempfundene Wort hin:

»Kinder, die Wildauer hat doch ein riesiges Schwein!«

Jetzt war der richtige Ton gefunden, der Bann war gelöst, und nun erst kam die Unterhaltung über das Familienereignis so recht in Fluß. Ja wohl, Familienereignis! Denn die Mitglieder des *-Theaters fühlten sich als Kinder einer Familie, die sich alles Gute von Herzen gönnen. So sind nämlich die Schauspieler. –

Auch im Kasino des Künstlerhauses blieb man an dem Abende länger munter als sonst. Franz Rummel, der bekannte Bildnismaler, der Oberleibmaler der meisten europäischen Höfe, mußte erzählen, und jetzt durfte er es ja. Er war nämlich der Brautführer der Fritzi Wildauer gewesen. Er hatte also zu den Eingeweihten gehört, und er hatte bewiesen, daß er ein Geheimnis zu hüten wisse. Hier ward nun der sensationellen gesellschaftlichen Episode die wohlwollendste und wohl auch verständigste Beurteilung vor allen sonstigen Zirkeln Wiens zu Teil. Wirkliche Künstler lassen sich durch ein rein äußerliches aristokratisches Element nicht so leicht imponieren; davor schützt sie das echte aristokratische Element, das in ihnen selbst ruht, und wären sie auch in einer Bauernhütte geboren. Nur hier war man unbefangen genug, abzuschätzen, auf welcher Seite eigentlich das große Glück sei, und man einigte sich schließlich dahin, daß beide Teile gleichmäßig zu beglückwünschen seien. Man könne seine Freude haben an dem Paare.

»Bei der ganzen Geschichte,« sagte Franz Rummel, »muß ich an Freund Munkácsy denken. Als dieser unter der Ministerschaft Beusts die ›eiserne Krone‹ erhielt und dadurch in den Ritterstand erhoben wurde, da war es Graf Beust, der ihm die erste Gratulationsdepesche sandte. Sie lautete: ›Anläßlich Ihrer Erhebung in den Adelsstand beglückwünsche ich von Herzen – die Aristokratie‹!« – –

Während man sich aber in Wien solcher Art die Köpfe zerbrach über das neuvermählte Paar, saß dieses bereits traulich im herrschaftlichen Schlosse zu Urbanyfalu, einem Gute des Grafen in Ungarn. –

* * *

 

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