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Töte sie!

Balduin Groller: Töte sie! - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorBalduin Groller
titleTöte sie!
publisherVerlag des Vereins der Bücherfreunde
year1892
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20151104
modified20160809
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Fünfzehntes Kapitel.

Du kommst ja wie ein Übelthäter hereingeschlichen, Fritzi,« sagte Urbany von seinem Schreibtische aufblickend, als Fritzi etwas zaghaft ins Zimmer getreten war.

»Ich habe auch ein schlechtes Gewissen, Rudolf!«

»Ah? Also beichten!«

»Ein sehr schlechtes, und du wirst sehr böse sein!«

»Ich werde nicht böse sein.«

»Wie kannst du das sagen, Rudolf, bevor du weißt, was ich angestellt habe?«

Urbany konnte das ruhig versprechen. Neben der einen großen Hauptsache, die ihn nun schon seit Wochen, all sein Sinnen erfüllend, bewegte, konnte es für ihn in der That nur noch Nebensachen geben. Was auch kommen konnte, es mußte nichtig erscheinen im Vergleich zu dem, was er trug und was sein Lebensglück untergraben hatte, im Vergleich zu dem Bewußtsein, daß er Fritzis Liebe verloren hatte. Sie sollte es aber nicht erfahren, was in ihm vorging, und kein Mensch auf der Welt.

Fritzi setzte sich zu ihm an die Seite des Schreibtisches und legte ihre Hand auf seinen Arm. Urbany sah sie an, und sein Herz zuckte schmerzlich zusammen. Wie sie wieder schön war, und doch wie anders als früher! Das Goldhaar leuchtete wie ehedem, die blühende Gesichtsfarbe war da wie ehedem, und in blendender Frische hob sich wie ehedem der weiße Nacken von dem leichten schwarzen Spitzenkleide, das sich schmeichelnd um ihre edlen Formen legte, und doch war sie anders und schöner als ehedem. In den Augen lag es, aus welchen jetzt eine frauenhafte Milde ihr sanftes Licht ergoß. Sie war eine andere geworden; Urbany mußte an die bezähmte Widerspenstige denken. Sie war nun sanft und gut; die Liebe allein hat das Wunderwerk zu vollbringen vermocht, aber es war nicht die Liebe zu ihm!

»Ich habe deine Güte mißbraucht, Rudolf,« begann Fritzi nach einer Pause der Sammlung wieder. »Du wirst mir nicht verzeihen können, es sieht zu häßlich aus!«

»Du bereitest mich auf große Dinge vor, Fritzi; um so angenehmer wird dann die Enttäuschung für mich sein, wenn es dann doch nichts ist. Also, ohne Umschweife –«

»Ich muß doch noch Umschweife machen, weil ich mich mit der Wahrheit nicht heraustraue. Bedenke eines, Rudolf: ich war krank, lange bevor ihr mich zu Bette gebracht habt. Es war mir damals alles auf der Welt so gleichgiltig, und das Liebste war mir verhaßt. Rudolf, du warst mir verhaßt!«

»Und jetzt bin ich dir wenigstens nicht verhaßt!« konnte sich Urbany nicht enthalten auszurufen.

»Oh, Rudolf! Du trägst mir nach, wie ich damals war. Wüßtest du –« sie hielt inne auf eine ungeduldige Bewegung von seiner Seite und drückte das Taschentuch an die Augen. »Nein, Rudolf,« fuhr sie, ihre Bewegung unterdrückend, fort, »ich will dir keine Rührscene machen. Ich weiß, du liebst das nicht. Aber denke jetzt daran, daß ich jetzt nicht mehr so bin wie früher, nicht so gedankenlos und so leichtsinnig!«

»Sprich dich getrost aus, Fritzi!«

»Du wolltest mir ein Haus schenken; das sollte ganz mir gehören.«

»Ich wollte? Ich habe es gethan. Das Haus ist fertig; ich werde dir den Schlüssel übereichen. Du kannst es beziehen, wann du willst.«

»Ich werde es nicht beziehen, oder es soll wenigstens nicht mein Eigentum sein.«

»Was gehen denn nun wieder für Gedanken durch deinen Kopf?«

»Sieh, es ist zu häßlich, wie ich mich benommen habe! Du erlaubst, daß ich mir einen Palazzo bauen lasse; du bestimmst eine große Summe dafür, und ich –«

»Nun?«

»Und ich treffe Anordnungen und bestelle ins Blaue hinein, gewissenlos und ohne Überlegung, ja, Rudolf, ohne Überlegung, also es war wenigstens keine selbstsüchtige und habgierige Absicht dabei, und verbrauche viel, viel mehr, als du ohnedies schon großmütig genug gewährt hattest.«

Urbany nahm die Rechnungen, die sie mitgebracht hatte, und sah sie aufmerksam durch, sich mit dem Bleistift die Gesamtsumme der einzelnen Rechnungen notierend, um sie sodann zu addieren.

Ängstlich und zitternd vor Erregung hing Fritzi mit den Augen an seiner Miene.

»Es ist furchtbar viel!« rief sie hastig. »Aber etwas läßt sich ja doch noch gut machen. Das teure Palais soll wenigstens dir bleiben. Daran ist gar nicht zu denken, daß es mir gehören soll. Es sieht nur so schmählich aus, daß ich deine Großmut mißbraucht und ausgebeutet habe für meine egoistischen Zwecke, aber das wollte ich wirklich und wahrhaftig nicht. Sei nicht bös, Rudolf, lieber Rudolf, ich werde gewiß nicht wieder so leichtsinnig sein, ich werde sparen, Rudolf, wo ich nur kann, um wenigstens etwas wieder gut zu machen und hereinzubringen. Ich werde für mich gewiß nichts mehr verlangen; du wirst sehen, Rudolf, nur sei nicht bös, ich bitt' dich, sei nicht bös!«

Während Fritzi sich so in eine immer tiefere Erregung hineinsprach, schien Urbany gar nicht auf sie zu hören: er notierte mit seinem Bleistift und rechnete.

»Ich weiß, wie's beim Bauen zu gehen pflegt,« sagte er ruhig, nachdem er glücklich die Gesamtsumme herausgerechnet hatte. »Daß ich auf eine Überschreitung des Voranschlages gefaßt war, magst du daraus ersehen, daß ich bei der Industrie-Bank für den Bau das Doppelte des vorher bestimmten Betrages hinterlegt habe. Die Überraschung ist also für mich nicht gar so groß, als du glaubst. Was auch darüber noch hinausgeht, erklärt sich ebenfalls leicht. Zunächst ist der Architekt ein tüchtiger Künstler, aber ein Anfänger, und die verhauen sich bei den Überschlägen immer. Dann hast du da einige kostspielige Anordnungen getroffen, die im ursprünglichen Plane nicht waren, die ich aber doch billigen muß. Stark fällt ins Gewicht, daß nachträglich für die ganze Fassade echtes Material vorgeschrieben wurde. Das war nur vernünftig und stilgerecht. Putz und Mörtel hätte sich bei diesem reizenden Kunstwerk sehr schlecht gemacht. Hätte ich etwas dreinzureden gehabt, ich hätte auch für die edle Steinfassade votiert. Wir haben gewisse moralische, gesellschaftliche und künstlerische Verpflichtungen, und zu diesen gehört auch eine Steinfassade bei diesem Bau.«

»Rudolf, du bist nicht böse?!«

»Beruhige dich, ich bin es nicht. Die Sache ist erledigt.«

»Aber wenigstens wirst du das Palais für dich behalten?«

»Ebenso gut könntest du mir eines deiner Spitzenkleider schenken. Was fange ich mit einem Boudoir an? Etwas anderes ist ja das ganze Schlößchen nicht.«

»Oh, Rudolf, was bist du für ein Mann! Was muß ich anstellen, um dich außer Fassung zu bringen?!«

Urbany schwieg. Er wußte es, was ihn aus dem Gleichgewichte bringen konnte, und sie hatte es auch schon angestellt. Er hatte bisher alles sorgsam und mit unbeugsamer Energie und Selbstbeherrschung seinem einmal gefaßten Plane entsprechend vorbereitet, und die Dinge lagen nun günstig für den Abschluß. Kein Mensch hatte eine Ahnung von dem, was er mit sich herumtrug; jetzt wollte er Ende machen; denn – das fühlte er – lange würde seine Selbstbeherrschung nicht mehr vorhalten.

»Weil wir nun einmal so beisammensitzen,« begann er nach einer Weile zu Fritzi, »so können wir gleich noch eine andere Sache in Ordnung bringen, die mir am Herzen liegt.«

Er nahm dabei ein Aktenbündel aus seinem Schreibtisch und legte es vor sich hin. Fritzi sah seinem Thun mit Spannung zu.

»Die Geschichte des Hausbaues zeigt,« fuhr er fort, »daß du – ich mache dir keinen Vorwurf, Fritzi, – daß du doch noch wirthschaften lernen mußt. Ich glaube, daß du das besser lernen wirst, wenn du einmal mit der Sorge eines eigenen Besitzes belastet sein wirst.«

»Ich werde es jetzt auch so können, Rudolf; ich verspreche es dir!«

»Besser ist besser! Du wirst vielleicht auch mehr Freude daran haben, wenn du ganz selbstständig wirst verfügen können. Es war von mir eine – vielleicht verzeihliche – Unterlassungssünde, daß ich daran nicht gleich bei unserer Hochzeit gedacht habe. Du mußtest in jeder Beziehung würdig ausgestattet werden.«

»Ich habe niemals daran gedacht, Rudolf!«

»Aber meine Pflicht wäre es gewesen, daran zu denken. Das soll also jetzt gut gemacht werden. Du sollst nun dein eigenes Vermögen haben, mit dem du standesgemäß auskommen kannst. Übrigens will ich mich ja auch nicht loskaufen. Sollte es dir einmal doch nicht recht zusammengehen, nun dann bin ich ja immer noch da, und du wirst immer darauf rechnen können, daß, was mein ist, auch dir gehört.«

Er begann nun die Papiere zu entfalten, aber Fritzi legte ihre Hand auf seinen Arm.

»Sind denn alle diese Umständlichkeiten notwendig, Rudolf?« fragte sie gepreßt.

»Sie sind notwendig!« erwiderte Urbany ernst. »Also das neue Haus geht in deinen freien Besitz über. Es liefert kein Erträgnis und verursacht nur Kosten für die Instandhaltung des Gebäudes und des Parkes, aber es ist doch damit für die Wohnung gesorgt. Ferner gehen in deinen Besitz zu freier Verfügung über das große Zinshaus in der Herrengasse, dessen Jahreserträgnis hier auf diesem Bogen genau spezifiziert ist, ferner ein Posten von Wertpapieren, deren Liste auf diesem zweiten Bogen verzeichnet ist. Endlich ist dir hier durch diese Schrift der lebenslängliche Fruchtgenuß der Herrschaft Berzova zugeschrieben. Dabei merke nur eins: Was in deinen freien Besitz übergeht, geht über bedingungslos; du kannst es – ich weiß, du wirst es nicht, – du kannst es verthun und verkaufen, verschenken und vermachen, wie du willst. Anders ist das mit der Herrschaft Berzova, von der du nur den Fruchtgenuß hast. Da kannst du nur über das Erträgnis schalten und walten, das Gut selbst darfst du aber nicht veräußern, es muß nach meinem und deinem Tode wieder zurückfallen an den Urbanyschen Familienbesitz. Willst du nun Einsicht nehmen in diese Papiere? Sieh sie aufmerksam durch und sage mir ungescheut, wenn du noch irgend einen Wunsch auf dem Herzen hast.«

Fritzi nahm die Papiere in die Hand und sah sie flüchtig an.

»Die sind ja sogar schon gestempelt!« sagte sie, in den Bogen blätternd.

»Natürlich! Das mußte sein. Gestempelt und notariell beglaubigt; alles in schönster Ordnung!«

»Wirklich? Und fehlt gar nichts mehr daran?«

»Nicht das Mindeste. Die Dokumente sind rechtskräftig.«

»Na, dann ist's ja gut,« sagte Fritzi ruhig, indem sie langsam einen Bogen nach dem andern zerriß. »Es war nur schade um das schöne Papier und um die teuren Stempelmarken!«

»Fritzi! Was thust du?«

»Vielleicht ist mir all das zu wenig!« antwortete sie, die Achsel zuckend. Sie war sehr bleich geworden, blieb aber äußerlich ruhig.

»Ich war auch darauf gefaßt,« sagte Urbany, dem es vielleicht noch niemals so schwer geworden war, seine Ruhe zu behaupten, wie jetzt, da er sie so ruhig sah. »Auf irgend eine Narrheit war ich gefaßt von dir, und darum habe ich die Dokumente gleich in zwei Exemplaren ausfertigen lassen.«

»Desto besser; versuche es, sie mir ein zweites Mal vorzulegen!«

»Ich betrachte sie als rechtsgiltig, auch wenn du jetzt nicht in der Laune bist, sie entgegenzunehmen.«

»Ja, ja, Rudolf, betrachte sie nur, wie du willst, aber vergiß nicht, daß zu solchen Geschäften doch immer zwei gehören, – und ich für meine Person mache solche Geschäfte nicht!«

»Geschäfte?! Fritzi, ich verstehe dich nicht!«

»Um so besser verstehe ich aber dich, Rudolf. Mit mir muß man deutsch reden und muß man ehrlich reden. Jetzt aber warst du unehrlich mit mir, zum erstenmal allerdings, seit ich dich kenne, aber häßlich war es doch! Du sagtest, du wollest dich nicht loskaufen, und du willst es doch.«

»Fritzi, du solltest wissen, daß ich ein Wort auch halte, wenn ich es einmal gegeben habe.«

»Ach, ja, du bist ja ein Kavalier! Und als Kavalier handelst du ja auch jetzt. Was du mir jetzt da zumutest, ist keine Schenkung, sondern –«

Fritzi drückte das Taschentuch vor die Augen und drängte die Thränen gewaltsam zurück: sie durfte vor ihm nicht weinen, jetzt nicht!

»Sondern?« fragte Urbany.

»Rudolf, Rudolf! Muß das sein?«

»Antworte auf meine Frage. Was soll es sonst sein, wenn nicht eine Schenkung?!«

»Es soll eine Schenkung sein – ja, der Form nach, aber es ist eine Deckung oder ein Vorwand für etwas anderes.«

»Weiter! Wofür?«

»Für die – Scheidung!«

Fritzi hatte das Wort hastig hervorgestoßen und sah ihm nun geradeaus und fest in die Augen. Er hielt ihren Blick aus und sagte dann, schwer atmend:

»Und wenn es das wäre?«

Fritzi war mit ihrer Selbstbeherrschung zu Ende; schluchzend neigte sie ihr Haupt und ließ es auf den Tisch sinken. Urbany war tief bewegt, als er sie so sah, aber es konnte ihn nun nichts mehr in seinem Entschlusse wankend machen.

»Beruhige dich, Fritzi,« redete er ihr zu. »Wir wollen ein andermal von der Sache weitersprechen.«

»Oh, Rudolf! Was habe ich dir gethan, daß du mich so grenzenlos elend machst?«

»Schicken wir uns in das Unvermeidliche, Fritzi, ohne gegenseitige Vorwürfe und Anklagen!«

»Nein, ich schicke mich nicht darein, so nicht!« rief Fritzi, sich aufraffend und sich die Thränen trocknend. »Ich lasse mich so nicht fortschicken, nicht so abfertigen! Du brauchst nicht zu erschrecken,« fügte sie mit Bitterkeit hinzu, »ich will auch nicht bei dir bleiben, wenn du mich nicht mehr magst. Ich gehe, aber ich gehe, wie ich gekommen bin. Ich will nicht von der Welt beneidet und dabei elender sein wie der letzte herrenlose Hund auf der Straße!«

»Fritzi!«

»Ich sage dir, ich will nicht! Dieses Kavaliervergnügen wirst du dir nicht kaufen können!«

»Fritzi!« schrie Urbany noch einmal, und dieses Mal drohend aufspringend und mit dem Fuße stampfend.

»Nein und nein und tausendmal nein! Drohe mir, schlage mich, wenn du willst, – es wird doch nicht sein. Du warst der Kavalier und möchtest es bleiben vor der Welt, aber auch ich will vor der Welt bleiben, die ich war. Du bist meiner überdrüssig und schickst mich nun fort. Das kannst du thun, aber bezahlen kannst du mich nicht! Kaufen konntest du mich nicht; da that der Kavalier ein übriges und heiratete mich, und nun soll die Bezahlung kommen, die Abfertigung, eine anständige Abfertigung, dafür ist man ja Kavalier, und das ist man der Welt schuldig. Ich bin aber nicht deine abgedankte Geliebte, die man versorgt, wenn man sie fortschickt. Dadurch will ich mich wenigstens von einer solchen unterscheiden, daß ich keine Vergütung annehme. Lasse mich jetzt reden, unterbrich mich nicht! Freilich, ich bin deine Frau und ich habe Rechte! Ich will aber diese Rechte nicht, ich verzichte auf sie! Es ist eine Erbärmlichkeit von dir, daß du mich so fortschickst. Mache du das mit dir aus, aber verlange nicht, daß ich dir noch zu der Glorie der Großmut und der Edelherzigkeit verhelfe, indem ich mich von dir fürstlich beschenken lasse!«

Urbany machte einige Schritte zur Thüre und drehte den Schlüssel im Schlosse um; er wollte jetzt vor jeder Störung sicher sein. Dann trat er vor Fritzi hin und faßte rauh ihre Hand; sie sah ihm trotzig ins Gesicht, und ihr vor kurzem noch so bleiches Antlitz glühte nun, und ihre Augen blitzten.

»Fritzi!« rief Urbany mit einer Stimme, in welcher der aufsteigende Groll sich drohend ankündigte. »Dir ziemt eine solche Sprache nicht. Ich verbiete sie dir!«

Fritzi senkte das Haupt, sie mußte sich auch jetzt vor ihm beugen. Sie fühlte, er war ihr Herr.

»Ich dachte,« fuhr er fort, »daß wir uns verstehen würden auch ohne lange und peinliche Auseinandersetzungen. Du verstehst mich nicht, und ich verstehe dich nicht. Wer spielt hier Komödie?«

»Rudolf!«

»Ich will nicht ungerecht sein, – ich habe sie mitgespielt, aber in einer Rolle, die ich mir wahrlich nicht selbst gewählt hatte. Hat es einen Sinn, ist es denkbar, daß zwei Menschen mit und nebeneinander leben sollen, die sich nicht lieben? Ja, es ist denkbar, und es kommt oft genug vor, aber für uns beide ist es nicht denkbar. Ich habe geglaubt, daß wir wenigstens in äußerlicher Ruhe zu dieser Erkenntnis gelangen werden, und daß wir der Welt möglichst wenig Anlaß zum Gerede geben sollten. Eines schönen Tages würde man bemerken, daß die Frau Gräfin auf ihren Gütern lebt, ich auf den meinigen. Niemand sollte einen Grund anzugeben haben als höchstens den: sie haben sich eben doch nicht vertragen können!«

»Aber, Rudolf, du hast mich doch geliebt, warum willst du mich nun verstoßen? Habe Geduld mit mir, Rudolf. Ich will dir alles thun, was ich dir an den Augen absehen kann. Ich werde dich nicht mehr kränken, dich nicht quälen; du wirst sehen, ich werde gut sein. Denn ich liebe dich, Rudolf, ich liebe dich mehr als je. Rudi, verstoß mich nicht!«

»Siehst du, Fritzi, hier ist der Punkt, wo die Komödie aufhören muß!«

»Komödie! Ich verstehe dich nicht!« rief Fritzi schluchzend auf ihren Sessel zurücksinkend.

»Du sagst, du liebst mich?«

»Immer noch tausendmal mehr als mein Leben!«

»Nun, das ist ja sehr hübsch! Und ich bin deiner überdrüssig geworden und will dich jetzt nur auf feine Weise los werden, daß ich dabei nicht den Schein eines Unrechtes auf mich lade?«

»Was soll ich sonst denken?«

»Gut. Ich hatte gehofft, daß es ohne diese Erörterungen abgehen werde, aber nun geht es doch nicht anders.«

Er zog seine Brieftasche heraus und entnahm derselben den Brief Fritzis, den er immer bei sich trug.

»Kennst du diese Handschrift?« fragte er, den Brief Fritzi überreichend.

»Es ist meine Handschrift,« antwortete Fritzi, den Brief betrachtend, und während sie ihn las, mußte sie sich erst mühsam den Zusammenhang ins Gedächtnis zurückrufen, wie man sich die verworrenen Scenen eines halbvergessenen Traumes zusammenzusuchen pflegt.

»An wen ist dieser Brief gerichtet?«

»An Rummel.«

»Es ist gut, daß du wenigstens nicht Ausflüchte versuchst, und daß du ihn nicht verleugnest. Fürchte auch keinen leidenschaftlichen Ausbruch von mir. Ich bin mit der Sache fertig geworden; sie ist abgeschlossen für mich, und damit sind auch die Angelegenheiten zwischen uns beiden erledigt. Ich hätte es auch vorgezogen, dir diesen Brief nicht vor die Augen zu bringen, du siehst nun selbst, es mußte sein. Ich mache dir keine Vorwürfe und gebe dir keine Lehren. Du wirst meinen Namen tragen, und ich weise dich nicht darauf hin, daß er in Ehren getragen werden muß. Denn ich kenne dich und weiß, daß du ihm keine Schande machen wirst. Aber wenn ich auch nicht klage und dir keine Vorwürfe mache, – die Gemeinschaft zwischen uns muß aufhören. Darein wirst du dich finden, und hoffentlich hast du auch jetzt schon eingesehen, welche Berechtigung die Vorwürfe hatten, die du mir gemacht hast.«

Fritzi sah noch immer wie traumverloren auf ihre Schriftzüge, dann strich sie sich mit der Hand über die Stirne, wie um eine böse Vorstellung zu verscheuchen. Sie seufzte tief auf, zeigte sich aber doch viel weniger erregt und betroffen, als es Urbany erwartet hatte, als er ihr das verhängnisvolle Blatt vorlegte.

»Es ist wahr,« sagte sie resigniert, »du hast recht, du mußt mich fortjagen!«

»Ich jage dich nicht fort, Fritzi; wir liquidieren gemeinsam unser Glück. Du hast dich in mir, du hast dich über dich selbst getäuscht. Machen wir einen großen Strich unter unser Glück, es liegt abgeschlossen hinter uns. Es war schön, Fritzi, und ich habe dir noch zu danken für den Sonnenschein, den du in mein Leben gebracht. Es war ein kurzes Glück; vielleicht mußte es kurz sein, weil es zu schön war. Aber nicht ich habe es zerstört, Fritzi, wie du sagtest. Ich hätte dich geliebt und dir deine Liebe gedankt bis zu meinem letzten Atemzuge.«

Urbany saß vor seinem Tische, den Kopf auf die Hand gestützt und in tiefes Träumen versunken; er träumte einem verlorenen Glücke nach.

Fritzi erhob sich still und trat zu ihm heran, ganz nahe, indem sie eine Hand auf sein Haupt legte.

»Rudolf!« rief sie leise.

Urbany regte sich nicht; er hätte jetzt nicht aufgeblickt um alle Schätze der Welt.

»Rudolf«, begann sie wieder, »ich bitte dich nicht um Verzeihung. Denn durch Verzeihen ist da nichts gut zu machen, sondern nur durch Glauben und durch Vertrauen. Glaubst du wirklich, daß ich Rummel liebe und nicht dich?«

Ohne den Kopf zu erheben, deutete Urbany stumm auf den Brief.

»Aber das ist ja Unsinn, Rudolf! Deshalb zerstört man nicht zwei Menschenleben! Sieh mich an, Rudolf!«

Urbany regte sich nicht.

»Sieh mir ins Gesicht, Rudolf!«

Urbany blieb reglos.

Da krallte sich ihr wie unbewußt die Hand, die auf seinem Kopfe ruhte, zusammen, und an den Haaren zog sie sein Haupt empor, daß sie ihm ins Gesicht sehen konnte.

»Du hast geweint, Rudolf!« schrie sie auf, und im nächsten Augenblick hing sie selbst schluchzend an seinem Halse.

Er wehrte sie sanft ab, und sie sank, ihn umschlungen haltend, auf den Teppich zu seinen Füßen nieder, und so blieb sie, während sie nun zu ihm sprach.

»Du liebst mich ja doch, Rudolf, und du willst mich fortschicken! Und ich soll gehen, ich, die ich noch keinen Mann geliebt habe wie dich! Den schrecklichen Brief, den kannst du nicht verzeihen? Weißt du, wann ich ihn schrieb? In der Minute vorher, als ich bewußtlos in deine Arme fiel. Ich war damals krank, todkrank im Herzen und am Leibe. Ich hätte dich damals auch vergiften können. Und wenn du mich fragst: Warum? – Ich weiß es nicht. Wenn du den Brief nicht verzeihen willst, dann durftest du auch nicht verzeihen, als der Arzt meine Körperwärme im Fieber mit vierzig Grad feststellte, oder als er bei mir hundertundzwanzig Pulsschläge in der Minute zählte. Denn das war ebenso unverzeihlich wie der wahnsinnige Brief und der wahnsinnige Haß gegen dich, und ebenso auch ein Symptom der Krankheit. – Rummel hat diesen oder einen andern Brief von mir nie zu Gesichte, nie ein Wort von Liebe von mir zu Gehör bekommen. Er konnte es nicht bekommen; denn ich liebte ihn nicht. Ich phantasierte nur im Fieber davon, daß er mich von dir befreien könnte. – Rudolf, Rudolf, lasse mich nicht büßen für etwas, was du mir nicht anrechnen kannst. Ich liebe ja doch nur dich und werde immer dich und nur dich lieben!«

Sie umklammerte ihn immer fester und blickte angsterfüllt zu ihm empor.

»Du sollst alles wissen,« fuhr sie dann fort, sich gewaltsam sammelnd. »Bevor ich jenen Brief schrieb, war Rummel bei mir und sprach damals zum ersten und einzigen Male von seiner Liebe. Ich wies ihn hart ab, als er aber fort war, da überfiel es mich mit der Macht eines Fiebers, daß ich von dir fort müsse, und da schrieb ich den verrückten Brief. Und nie wieder sprach er mir von Liebe; nur heute, da er Abschied nahm, sagte er, er müsse nach England und er ginge gerne, um nicht in meiner Nähe zu sein. Ich ließ ihn ziehen, wie man einen Freund ziehen läßt, aber ich war nicht bewegt. Denn ich hatte ihn nie geliebt. Geliebt habe ich immer nur dich, Rudolf, und du willst mich fortschicken!«

Nun lag seine Hand auf ihrem Haupte, und er wußte nicht, wie das gekommen war.

»Glaubst du,« fragte er nun mit bebender Stimme, »daß wir beide doch noch mit einander fortwirtschaften könnten?«

Fritzi war auf diese Frage aufgesprungen, und nun hing sie an seinem Halse und bedeckte sein Antlitz mit tausend Küssen.

»Du kannst mich ja doch nicht fortschicken, Rudolf! Du kannst nicht, du hast mich doch viel zu lieb!«

»Fritzi, du darfst nicht so an mir hängen, wenn wir mit einander verhandeln sollen!«

»Es hängt sich aber so gut an dir, Rudolf, so gut!« rief sie, ihn nur noch fester an sich pressend. »Schüttle mich ab, wenn du kannst!«

Er konnte es nicht, und er versuchte es auch nicht: er umschlang sie bebend – ein seliger Mann.

»Nun bin ich doch die Gescheitere gewesen, Rudolf,« schwatzte sie glückstrahlend weiter. »Du wärst dumm genug gewesen, mich fortzuschicken. Wirst du mir nun vertrauen? Du darfst es: man darf mir vertrauen!«

»Nur vertrauen?«

»Und lieb haben mußt du mich auch, sonst –«

»Sonst?«

»Sonst gehe ich doch fort!«

»Ich bitt' dich, geh' nicht fort, Fritzi! Ich werde dir vertrauen, und ich werde dich lieb haben, mehr als du begreifen kannst. Du bist ja doch ein herziger Schatz, und ich müßte zu Grunde gehen ohne dich!«

»Jetzt sage mir noch eins, Rudolf. Was bist du nur für ein Mann? Wenn du mich für schuldig hieltst, mußtest du mich umbringen!«

»›Töte sie?!‹« sagte Urbany lächelnd, indem er ihr das merkwürdige Lesezeichen zeigte, und dann erzählte er ihr, wie er es gefunden.

»So einen Wink des Schicksals hätte man eigentlich befolgen sollen, Rudolf!«

»Ich habe ihn auch befolgt, Fritzi. Ich habe mich an das ›Töte sie!‹ gehalten. Ich habe sie getötet, die bösen Gedanken alle und die Eifersucht. Sie sind maustot!«

»Jetzt bekommst du keinen Kuß mehr von mir, Rudolf!«

»Warum denn nicht?«

»Weil ich dir schon so viele gegeben habe; jetzt mußt du mir einen geben. Halt! nicht so hitzig! Das muß schön in Ordnung gehen, und dazu muß ich mich erst schön niedersetzen. Ach, Rudolf! Wie lange habe ich keinen Kuß von dir bekommen! Jetzt werde ich wieder einen bekommen. Ich mache die Augen zu und halte ganz still. – So, – Rudolf!« –

* * *

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