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Töte sie!

Balduin Groller: Töte sie! - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorBalduin Groller
titleTöte sie!
publisherVerlag des Vereins der Bücherfreunde
year1892
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20151104
modified20160809
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Vierzehntes Kapitel.

Urbany hatte erreicht, was er durch das unvermeidlich gewordene Duell erreichen wollte. Ganz Wien lachte auf Kosten des jungen Buschendorf, und keinem Menschen fiel es ein, nach einer tragischen Ursache des Duells zu forschen. Jedenfalls dachte niemand daran, daß irgend ein Ungemach in Urbanys Ehe den Anlaß zu dem Zweikampfe geboten habe. Niemand konnte das glauben, da Urbany sich nun mehr als je mit seiner Gattin in der Öffentlichkeit sehen ließ.

Die Zeitungen hatten Berichte von dem Duell gebracht, und die Witzblätter hatten sich des dankbaren Stoffes bemächtigt. Es hieß, der junge Graf Buschendorf werde seinen Sitz im Herrenhause nicht so bald einnehmen, er habe seine Gründe dafür, die nicht ausschließlich politischer Natur seien. Es wurden Illustrationen veröffentlicht, aus welchen der junge Buschendorf im Kreise von aristokratischen Damen dargestellt war, die ihm alle in der liebenswürdigsten Weise zuredeten, er möchte sich doch setzen. Ein anderes Bild zeigte einen Schusterjungen, den sein Meister über das Knie gelegt hatte, um seine Kehrseite bequem zu bearbeiten, und darunter stand zu lesen: »Das neueste Duell!«

Urbany konnte nun beruhigt seine weiteren Pläne verfolgen. Die Hauptsache war erreicht, Fritzis Person war nicht in den Bereich der Diskussionen gezogen worden. In seltsamer Verkehrung aller logischen Begriffe hätte er sich für entehrt gehalten, wenn seine Frau als die Schuldige angesehen worden wäre, und da ihm ein Zusammenleben mit ihr auf die Dauer als eine Unmöglichkeit erschienen war, traf er alle Anstalten, sich selbst als den schuldigen Teil hinzustellen. Es gehört mit zu unseren gesellschaftlichen Verschrobenheiten, daß sie Urbanys Auffassung als die natürliche erscheinen läßt. Die Welt verzeiht es einem Manne viel leichter, wenn er betrügt, als wenn er betrogen wird. Er gedachte nun ein aufsehenerregendes Verhältnis mit einer jener Damen einzugehen, es war ihm gleichgiltig mit welcher, aus deren Mitte ihn einmal Fritzi herausgeholt hatte.

Das alles schien ihm so notwendig und so selbstverständlich, daß er dabei auf seine eigene Stimmung gar keine Rücksicht nahm, obschon sie traurig genug war, aber seine Stimmung ging nur ihn allein an, und seine Handlungen hatte er einzurichten für das Urteil der Welt. Es war in seinem Innern etwas gerissen, die Lebensfreudigkeit war dahin, aber den Kummer wollte er hegen in späterer Zeit bis an das Ende seiner Tage. Für jetzt galt es nur, die Welt zu täuschen.

Er machte sich auch darüber keine Gedanken, ob er Fritzi liebte oder haßte, auch das kam jetzt nicht in Betracht. Sie mußten von einander gehen, ohne daß die Welt den wahren Grund erfahren durfte. Auch das hob er sich für später auf, darüber klar zu werden, ob er sie liebte oder haßte. – In Wahrheit war es weder das Gefühl des Hasses oder der Rache, noch auch jetzt mehr die peinigende Empfindung der Eifersucht, was ihn erfüllte, es war vielmehr nichts anderes als der kategorische Imperativ seines Ehrbegriffes, der ihm gebot, die Gemeinschaft mit dieser Frau aufzuheben.

Eifersucht und Zorn hatten sich gelegt, nur der kategorische Imperativ war lebendig in ihm. Er konnte nicht eifern und nicht zürnen. Daß er in gemeinem Sinne nicht betrogen war, das wußte er; dazu kannte er Fritzi auch zu gut; aber es hatte genügt, ihn im besten Kerne seiner Mannheit zu treffen, als er erfuhr, daß sie ihre tiefste Liebe nicht ihm, sondern einem anderen Manne zuwende.

Dieses Bewußtsein beherrschte ihn ganz und gar, und in diesem Gefühl ging jedes andere unter, Zorn und Eifersucht ebenso wie jede Hoffnung. Wohl regte sich manchmal der glühende Wunsch in ihm, den Urheber seiner Leiden und seiner all sein Mannesgefühl niederdrückenden Zurücksetzung durch einen gewaltthätigen Angriff aus der Welt zu schaffen, zu kämpfen mit ihm in heißem Grimm, wie auf stillem Waldesgrund der starke Hirsch kämpft mit dem Nebenbuhler, der ihm seine Herrlichkeit im Revier streitig machen will, aber es fehlte ihm die Siegesfreudigkeit zu einem solchen Kampfe. Denn es winkte kein Lohn aus diesem Streite. Was er hätte gewinnen können, das war unwiederbringlich dahin, und was er verloren, das konnte ihm kein Kampf gewinnen.

Auch gegen Fritzi hegte er kein Gefühl des Hasses oder der Rache. Sie hatte ihm vor dem Altare Treue geschworen, und ihre ewige Liebe hatte nun allerdings ein sehr rasches Ende gefunden, aber er täuschte sich keinen Augenblick über die Natur eines solchen Schwures. Er sagte sich, daß auf Liebes-Schwüre, auch wenn sie vor dem Altare abgelegt worden sind, kein Verlaß sei. Der ehrliche Wille kann uns abhalten von einer unrechten That, aber er kann nicht einen Panzer bilden gegen ein Gefühl, das uns beschleicht.

Urbany machte sich den Fall mit einer Nüchternheit und einer Ruhe klar, als wenn er selbst gar nicht persönlich an demselben beteiligt gewesen wäre. Zwei blutjunge Menschen stehen vor dem Altare. Der Priester hält ihnen eine Rede, und dann liest er ihnen etwas vor, was sie gewöhnlich beide nicht verstehen. Dann sagt »Er«, meist mit überflüssigem Stimmaufwand, ein energisches, etwas prahlerisch klingendes Ja! Und »Sie«, sie spricht dasselbe Wort, aber sie lispelt es nur leise. Und nun soll mit einem Male alles für ewige Zeiten abgethan, erledigt und abgeschlossen sein! Ah, man predigt nicht Sitten- und Zuchtlosigkeit, wenn man sich da einmal die Dinge etwas näher besieht. Von dem jungen Manne weiß man, daß er ein flatterhaftes Herz hat, und daß er bisher eine ziemliche Abwechslung in die Gegenstände seiner Neigung zu bringen wußte. Von der jungen Dame weiß man nichts, und wenn man etwas wüßte, würde man es nicht sagen, allein es ist nicht ausgeschlossen, daß sie, in allen Ehren vielleicht, doch schon von verschiedenen anderen, als gerade dem Ideal geträumt hat, das nunmehr im schwarzen Frack ihr zur Seite steht. – Beide haben nun das Wörtchen Ja gesprochen; haben sie damit aber auch von Grund aus ihre ganze Natur zu ändern vermocht? Sollen sie nun dadurch für alle Zeit und Ewigkeit gefeit sein wider jede weitere Anfechtung des Blutes, des Temperamentes, der Leidenschaft? Ja, sie sollen es sein, aber sie sind es nicht. Die ganze menschliche Natur ist ein einziger Protest gegen die Annahme, daß durch eine mehr oder minder ceremoniöse Handlung so fundamentale Umwandlungen ganzer Individualitäten hervorgerufen werden könnten. Die Anfechtungen bleiben nicht aus, sie können nicht ausbleiben. Bei gegenseitiger Liebe und Wertschätzung und bei einem rege erhaltenen Pflichtgefühl werden sie allerdings wenig zu bedeuten haben, aber es wäre Verblendung, zu glauben, daß nun der menschliche Herzschlag ein anderer geworden sei. Das Menschenherz kommt nicht eher zur Ruhe, als bis es seinen letzten Schlag gethan, und das edelste Weib ist so wenig wie der vortrefflichste Mann vor tiefen inneren Erschütterungen bewahrt, die der Natur der Sache nach einen illegitimen Charakter haben. Dafür sind wir Menschen, also von aller Vollkommenheit weit entfernt. Man hat gut sprechen zu seinem Herzen: Du sollst nicht, du darfst nicht! Es kehrt sich nicht daran und schlägt doch höher auf, wenn der Fall danach ist, und damit ist der Eid- und Treubruch vollzogen, und die entsprechende Unterlage für die Eifersucht bei dem anderen Teile ist gegeben.

Eine edle Natur wird den stillen Kampf gegen die innere illegitime Erschütterung, so schmerzensreich und qualvoll er auch sein mag, aus eigener Kraft zu Ende führen. Es ist eine zwecklose, ja zweckwidrige Grausamkeit, sie noch mehr zu peinigen und zu verwunden, indem mit brutaler Rücksichtslosigkeit und mit schonungsloser Härte ans Licht gezerrt wird, was im stillen Dunkel und schweigend am ehesten verwunden wird.

Urbany hatte gut, alle Argumente aneinander zu reihen, um sich in Fritzis Seelenzustand zu versenken, um ihr Gefühl zu erklären und zu entschuldigen; darüber kam er doch nicht hinaus, daß er in der Hauptsache verspielt habe. Sie mag unschuldig sein oder sträflich, sie liebte ihn nicht mehr, sie hatte ihre Liebe einem andern zugewandt, und damit war sein Glück dahin. – –

Fritzi hatte die Geschichte von Urbanys Zweikampf durch Rummel erfahren, der sie wieder in der Zeitung gelesen hatte. Nun, da alles vorbei war, sprach die Angst und Sorge um ihren Gatten nicht mehr mit, und es blieb für sie nur das schmerzliche Gefühl, daß er ohne Rücksichtnahme auf ihre Bitten, auf ihre Sorge, auf ihre Liebe seinen Weg gegangen war. In früheren Tagen, so versuchte sie es sich einzureden, wäre es wohl anders gewesen. Sie war nun überzeugt, daß er ihr entfremdet war, und immer mehr schwand ihr die Hoffnung, ihn je wieder für sich zurückgewinnen zu können, und das Herz wurde ihr dabei immer schwerer.

Tag und Nacht grübelte sie über die Ursachen seiner Erkaltung und Entfremdung. Wenn sie sich auch hundertmal vorsagte, daß sie selbst schuld daran gewesen sei, so konnte sie ihre endgiltige Beruhigung dabei doch nicht finden. Als sie ihm das Leben so mutwillig verbitterte, – nein, nicht mutwillig, denn damals war sie krank, krank an Leib und Seele, – da war er ja noch immer gut und liebevoll mit ihr. Mit Rührung erinnerte sie sich daran, wie er sie gepflegt hatte in den Tagen ihrer Krankheit, und dann war auf einmal doch die Erkaltung gekommen. Sie wußte nicht, wie sich nun ihr ferneres Leben gestalten sollte, aber sie war entschlossen zu dulden in Ergebung und Milde und ihr Los zu tragen, wie es auch fallen möge, in Demut. Denn wenn auch seine Liebe erloschen war, die ihrige war in all' diesen Läuterungen erst recht erwacht, und nun erst hatte ihre Liebe die rechte, dauernde Grundlage gewonnen in der Verehrung, welche ihr seine der ihrigen überlegene Persönlichkeit in dem nahen Verkehre abgewonnen hatte; und wenn sie nun für ihn weiter sorgen, ihn weiter still mit ihrer Liebe umgeben konnte, so hatte ihr Leben ja doch seinen ernsten und bedeutungsvollen Inhalt.

In ihren stillen Kummer mischte sich aber zu jener Zeit eine sehr widrige Erregung, welche eine Eröffnung in ihr hervorrief, welche ihr durch Rummel gemacht worden war. Der Bau war vollendet, der Palast, ein wahres Juwel in jeder Hinsicht, vollkommen eingerichtet. Beim Abschluß der Rechnungen zeigte sich aber, daß die Voranschläge in ganz außerordentlicher Weise überschritten worden waren. Mehr als das Dreifache dessen war nun erforderlich, was Urbany für den Bau ausgesetzt hatte. Fritzi war ganz fassungslos darüber, und sie machte sich die bittersten Vorwürfe über den Leichtsinn, den sie in dieser Sache bethätigt hatte.

Wie hatte sich doch ihr ganzes Wesen in wenigen Wochen geändert! Alle die kapriziösen und kostspieligen Anordnungen, die den Bau so unverhältnismäßig verteuert hatten, ganz abgesehen davon, daß auch der jugendliche, mehr künstlerisch als geschäftsmännisch veranlagte Architekt, sich bei seinen Aufstellungen sehr wesentlich verrechnet hatte, sie stammten alle aus einer früheren Periode. Sie selbst war inzwischen eine andere geworden, und der frühere Leichtsinn war längst entflohen.

»Du hättest mich zurückhalten sollen,« sagte sie vorwurfsvoll zu Rummel, als ihr dieser die Schlußabrechnung vorlegte. »Du hättest der Gescheitere sein müssen!«

»Ich begreife es selbst nicht, wie wir uns da haben hineinreiten lassen!« erwiderte dieser selbst ganz bestürzt über die unangenehme Überraschung.

»Was sollen wir nun thun?« fragte Fritzi weiter.

»Keine Ahnung!«

»Ich getraue mich gar nicht, ihm mit diesen Rechnungen unter die Augen zu treten!«

»Weißt was, Fritzi,« sagte Rummel nach einigem Überlegen. »Ich werde das mit den Rechnungen besorgen; ich werde sie ihm vorlegen. Es wird ein großartiges Donnerwetter geben. Mir wird's weniger thun. Ich reise doch in den nächsten Tagen ab, und den Kopf wird's ja nicht kosten. Wenn sich der Sturm einmal auf mich entladen hat, dann kommst du ja doch besser weg.«

»Du reisest ab; wohin denn?«

»Nach England; ich soll die Königin und einige ihrer Hofdamen malen. Das kommt mir jetzt auch gelegen; der Palazzo ist fertig, – ich will fort von Wien.«

»Was treibt dich denn fort von Wien?«

»Verschiedenes. Mit Urbany verstehe ich mich nicht mehr, ich gehe ihm ganz gerne aus dem Wege, und dann – auch dir, Fritzi!«

»Mir?«

»Ja, auch dir. Du weißt, ich habe mich einmal hinreißen lassen, dir etwas Dummes zu sagen.«

»Ich weiß.«

»Es war etwas Dummes, aber es war und es ist etwas daran. Du bist mir nämlich nach deiner Krankheit zu schön geworden und zu lieb und zu gut!«

»Jetzt nur nicht wieder etwas Dummes!«

»Nein, mit den Dummheiten sind wir fertig, aber ich muß fort. Und da ich nun einmal fort muß, so will ich mich bei ihm in die Bresche legen und ihm die Rechnungen bringen.«

»Nein, Rummel, das kommt mir zu. Es ist nicht das Ungewitter, das ich fürchte, es ist die Sache selbst, über die ich mich kränke. Es war ein unerhörter Leichtsinn! Ich weiß ja nicht, wie reich wir sind, aber man ist sehr reich, wenn man eine Million hat. Nun mache dir die Sache einmal klar. Man kann, wenn man eine Million hat, sich den Luxus gestatten, den vierten Teil derselben für die Errichtung eines schönen Heimes aufzuwenden, aber man ist zu Grunde gerichtet, wenn man drei Vierteile davon für einen solchen Zweck hinauswirft. Anstatt nun, wie es meine Pflicht wäre, für ihn zu wirtschaften, verschleudere ich im Übermut sein Vermögen!«

Rummel lachte.

»Du nimmst die Sache nicht sehr ernst,« sagte Fritzi etwas verletzt.

»Ich nehme sie sehr ernst, aber über deine Besorgnisse muß ich doch lachen. So geschwind ist ein Urbany nicht umzubringen! – Also wer geht zu ihm, ich oder du?«

»Es kommt mir zu, Rummel, mir, seiner Frau.«

»So sei's denn, Fritzi – und viel Glück auf den Weg! Jetzt kann ich auch gleich Abschied nehmen von dir.«

»Wann reisest du denn?«

»Morgen.«

»Und bleibst aus?«

»Ein Jahr mindestens.«

»Leb' wohl, guter Rummel, und denke manchmal an mich!«

»Werd's besorgen,« sagte er mit trockenem Tone, dabei stieg ihm, dem Weltkinde, das sonst nicht so leicht von einem Gefühle übermannt wurde, doch eine Thräne ins Auge.

»Rummel, guter Rummel, was machst du für ein desperates Gesicht?«

»Wie ein abgestochenes Kalb?«

»Das wollt' ich nicht sagen.«

»Wär' auch ein recht bejahrtes Kalb. – Also leb' wohl, Fritzi, und denke du an mich. Dir schadet es nämlich nichts. Für mich wird's aber besser sein, wenn ich dich vergesse. Ich bin nämlich ein alter Esel!«

»Du wirst mir da noch eine ganze Menagerie aufzählen.«

»Krokodil habe ich aber doch noch nicht gesagt, und sieh, da ist gar eine Krokodilsthräne auf deine schöne Plüschdecke gefallen. Habe ich schon Leb wohl! gesagt, und habe ich schon gesagt, daß ich ein alter – ja, das habe ich schon gesagt.«

»Du bist mein guter alter Rummel!«

Rummel wollte noch irgend ein scherzhaftes Wort herausdrücken, aber es ging nicht mehr. Er drückte stumm noch einmal Fritzis Hand, und dann lief er auf und davon.

* * *

 

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