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Töte sie!

Balduin Groller: Töte sie! - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorBalduin Groller
titleTöte sie!
publisherVerlag des Vereins der Bücherfreunde
year1892
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20151104
modified20160809
projectidcfe5f9cb
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Dreizehntes Kapitel.

Buschendorfs Zeugen hatten dem Fürsten, gar nicht bedenkend, wie respektswidrig das sei, einfach ins Gesicht gelacht, als er, auf die Schwere des Falles verweisend, darauf bestehen zu müssen erklärte, daß geschossen werde. Die Pistole als Waffe in einem Duell, bei dem Urbany mitthun sollte, – der Gedanke war in der That komisch. Das hieß verlangen, daß man hilfreiche Hand zu einem Morde biete. Der Fürst hatte gut darauf hinweisen, daß der Beleidiger sich das wohl früher hätte überlegen müssen, daß dem Beleidigten – und sie waren übereingekommen, daß das Recht des Beleidigten Urbany zukomme – die Wahl der Waffen zukomme. Die gegnerischen Vertreter erklärten einmütig und ohne Besinnen, daß sie lieber ihre Mission mit einem entsprechenden Protokoll in die Hände ihres Auftraggebers zurücklegen wollten, als sich dazu herbeilassen, zu einem solchen Zweikampfe ihre Zustimmung zu geben. Und die Zeugen waren mit ihrer Weigerung im Rechte.

Urbany war ein Pistolenschütze, der sich einer europäischen Berühmtheit erfreute. Er war der einzige ernsthafte Nebenbuhler Schulhofs, mit dem er auf der Wiener Schießstätte auf sechshundert Schritte nach der Scheibe um die Wette schoß. Er war neben dem Maler Canon der einzige Schütze in Österreich, der, auf den Jagden des Kronprinzen, selbst die Gemse mit der Pistole anging. Und er traf sie gewöhnlich aufs Blatt, und von jedem solchen Schusse mußte der hohe Jagdherr, wenn er nicht selbst mit anwesend war, telegraphisch verständigt werden.

Der Fürst wendete zwar ein, daß auch Canon, ebenfalls ein Champion im Pistolenschießen, kurz vorher ein Pistolenduell mit dem Maler Stiegler bestanden und dabei seinen Mann gefehlt habe, aber die Analogie ließ man nicht gelten. Canon sei ein leidenschaftlicher, aufgeregter Mensch, während Urbany bekanntlich durch nichts auf der Welt aus seiner Ruhe gebracht werden könne.

Der Fürst fuhr noch am Abende bei Urbany vor, um ihm kleinlaut zu vermelden, daß es ihm nicht gelungen sei, Pistolen durchzusetzen, und daß er das Zugeständnis eines Kampfes auf Säbel bis zur Kampfunfähigkeit eines der beiden Teile habe machen müssen.

»Selbstverständlich war an Schießen nicht zu denken,« erwiderte Urbany. »Ich möchte der Sache um keinen Preis eine tragische Wendung geben. Der Bursche soll nicht bemitleidet, sondern womöglich ausgelacht werden. Ich muß die Lacher auf meine Seite bringen, wenn die Sache für uns unschädlich verlaufen soll. Auch mit Säbeln ist die Partie noch ungleich genug, aber ich habe dabei doch das Gefühl, etwas wie eine Rute in der Hand zu haben, um ihn zu züchtigen.«

»Buschendorf ist um gute zehn Jahre jünger als du!« bemerkte der Fürst.

»Aber er ist ein verlebter, kraftloser Bursch. Wie soll ich die Sache nur anstellen, um ihn möglichst harmlos matt zu setzen.«

»Die Bedingungen lauten bis zur Kampfunfähigkeit!«

»Ganz gut. Ich könnte ihn eine Viertelstunde zuschlagen lassen und nur ruhig parieren. Er ist dann so müde, daß er nicht mehr weiter kann und entschieden kampfunfähig ist.«

»Das geht denn doch nicht!« erlaubte sich der Fürst einzuwenden.

»Oder es ließe sich anders machen. Ich könnte ihn mit der flachen Klinge und mit dem Rücken der Klinge braun und blau schlagen, ohne ihm auch nur einen Tropfen seines kostbaren Blutes abzuzapfen.«

»Wenn du durchaus einen Spaß dabei haben mußt, so hau' ihm das Nasenspitzel oder ein Ohrwaschl weg,« riet der Fürst gutmütig.

»Auch das ist nicht das Richtige; es wird sich übrigens schon etwas finden.«

»Also morgen früh um sechs Uhr in der Reitschule!«

»Abgemacht!«

Urbany geleitete den Fürsten zur Treppe, und als sie an Fritzis Thüre kamen, schrie er mit lauter Stimme in den Hof hinunter: »Der Janos soll mir morgen in aller Früh um neun Uhr die Rappen einspannen.«

Der Fürst lächelte verständnisinnig und empfahl sich.

Pünktlich um sechs Uhr früh fand sich die Gesellschaft an dem vereinbarten Orte zusammen; es war eine außer Dienst gesetzte Reitschule, die ihrer bequemen Lage wegen von den Mitgliedern des Turf-Klubs gerne zum Schauplatze der Austragung ihrer Ehrenhändel gewählt wurde. Man war da ungestört, das Licht war ein gutes, und der ursprünglich etwas zu tiefe Boden war an einer passenden und ausreichend großen Stelle festgestampft, so daß die beiden Kombattanten weder mit dem Fuße einsanken, noch Gefahr liefen auszugleiten.

Urbany hatte sich heimlich wie ein Dieb aus seinem Palais fortgestohlen, um auch nicht durch das geringste Geräusch seinen frühen Aufbruch zu verraten. In der Reitschule fand er bereits seine zwei Zeugen, den Fürsten und den langen Györy, einen Husaren-Rittmeister, vor; auch Buschendorf war mit zwei Zeugen, Mitgliedern des Turf-Klubs, schon zur Stelle, ebenso Doktor Schwarz, ein älterer, ziemlich brummiger Regimentsarzt, der im Turf-Klub als »Hausarzt« für solche Fälle galt.

Nachdem die beiden Gegner es sich bequem gemacht hatten und mit entblößten Oberkörpern, den Säbel in der Hand, antraten, da ward es allen Teilnehmern noch einmal zum Bewußtsein gebracht, was sie ja ohnedies schon gewußt hatten, daß da nämlich ein sehr ungleicher Kampf ausgefochten werden solle. Urbanys mächtige, breite Brust und seine sehnigen Arme mit ihrem gut durchgebildeten Muskelspiel machten neben den weißen und weichen Formen von Buschendorfs Oberleib und neben der schlaffen Muskulatur seiner schwammigen und dabei nicht einmal dicken Arme einen nur um so kraftvolleren Eindruck.

Der übliche, von dem Fürsten, als dem Leiter des Zweikampfes, angestellte Versöhnungsversuch, ward kaum beachtet. Er war ja auch nur der Form halber und nur ganz obenhin angestellt worden. Nachdem die beiden Gegner die an sie gerichtete Frage, ob sie bereit seien, bejaht hatten, erscholl das Kommando »los!«

Das Kommando war noch nicht verklungen, als sich Buschendorf auch schon mit großer Heftigkeit auf seinen Gegner stürzte, und ihn durch die leidenschaftliche Hast der geführten Hiebe zu überrumpeln suchte. Dabei befolgte er nur getreulich die ihm für den Kampf mit auf den Weg gegebenen Instruktionen seiner Zeugen. Diese Taktik war auch eine ganz vernunftgemäße. Wenn es in diesem Kampfe für Buschendorf eine Chance des Erfolges geben sollte, so war das nur im ersten Stadium desselben und gleichsam nur als Überraschungserfolg denkbar. An Kraft und Ausdauer fehlte es dem jungen Manne; die Ermüdung mußte bei ihm sehr bald eintreten, zumal da es von Urbany bekannt war, daß er über ein ansehnliches »Stehvermögen« gebiete, und es ihm eigentlich erst recht wohl werde, wenn er eine halbe Stunde geschlagen habe und dabei warm geworden sei.

Urbany wies die ungestümen Angriffe seines Gegners mit kurzen blitzschnellen Paraden ab, dabei blickte er ihm wohlwollend in die Augen, ihn gleichsam ermunternd, etwa wie ein Fechtmeister einem stürmisch, aber ganz ohne Erfolg dreinschlagenden Anfänger Mut zuspricht. Nur zu, wenn es auch jetzt nichts nützt, es wird mit der Zeit doch schon werden!

Der erste Gang nahm ein Ende, ohne daß Urbany einen Angriff gemacht oder auch nur zu einem Hiebe ausgeholt hätte. Buschendorf ließ ermüdet und atemlos den Arm sinken, worauf die Zeugen halt! geboten. Nachdem sich Buschendorf dann, so gut es ging, erholt hatte, begann der zweite Gang, und es schien, daß er genau so verlaufen sollte wie der erste. Nicht nur Urbanys Gegner, auch alle Sekundanten begannen schon ungeduldig zu werden. Urbany war aus der Defensive nicht herauszulocken, und so wird doch ein Zweikampf nicht geführt, und wie soll man da zu einer halbwegs anständigen Kampfunfähigkeit der einen oder der anderen Partei kommen!

Buschendorf fühlte seine Kräfte aufs neue schwinden; sein Angesicht war von der Anstrengung und der Aufregung hochgerötet. Er machte noch einen verzweifelten Ausfall und rief dazu keuchend seinem Gegner zu:

»So schlag' doch zu, in Teufels Namen!«

»Mit Vergnügen,« entgegnete Urbany, während sich ein grimmiges Lächeln um seine Lippen legte. Dann machte er, einem Panther vergleichbar, einen gewaltigen Satz auf seinen Gegner zu. Dieser, ohnedies wesentlich kleiner als Urbany, fuhr bei dem mächtigen Sprung Urbanys erschreckt zusammen und ließ die Kniee einknicken, indem er zugleich die Schultern vorschob und den Leib einzog. Urbany stand nun in seiner unmittelbarsten Nähe; er richtete sich zu seiner vollen Höhe auf und ließ von obenherunter die Klinge zweimal heruntersausen wie eine Rute, mit der ein Schuljunge gezüchtigt wird.

Buschendorf ließ den Säbel fallen und griff mit beiden Händen rückwärts nach einem Körperteil, an dessen Gefährdung er im vorhinein – die Sache mochte ausgehen, wie sie wollte – nicht im entferntesten gedacht hatte. Er stand nun da, ein Bild des Jammers, ein Häuflein Unglück, und seine weiße Hose, in welcher er sich zum Duell gestellt hatte, zeigte sofort die blutigen Spuren der empfangenen Züchtigung.

»Halt!« kommandierte nun der Regimentsarzt, der sich rascher gefaßt hatte als die über den unerwarteten Ausgang verblüfften Zeugen, die zudem sich alle Mühe gaben, die Weihe des feierlichen Momentes nicht dadurch zu entheiligen, daß sie in ein lautes Gelächter ausbrachen. Urbany grüßte ernsthaft mit der Klinge seinen Gegner, warf sie dann fort und begann, sich anzukleiden.

»'runter die Hose!« kommandierte Doktor Schwarz weiter, der nun sich als den Herrn der Situation betrachtete.

Buschendorfs Zeugen vollzogen an ihm das scharfe Kommando des Regimentsarztes und legten ihren Klienten auf den Bauch. Der Regimentsarzt trat hinzu und besah sich den Schaden.

»Ach, du meine Güte!« rief er, das Nähzeug hervorholend. »Da brauche ich ja eine Nähmaschine! Zugeschnitten wäre, also jetzt kommt die Schneiderarbeit.«

Er setzte sich rittlings auf Buschendorfs Rücken und begann sofort mit seiner Schneiderarbeit. Buschendorf machte ein bitteres Gesicht dazu.

»So, Herr Graf!« sagte der Regimentsarzt, als er den letzten Stich gemacht hatte, »jetzt geben Sie nur acht, daß Sie sich nicht auf mein Kunstwerk setzen! Guten Morgen, meine Herren!«

Er hatte seine Pflicht gethan, er konnte nun gehen. Auch Urbany empfahl sich und eilte davon, um noch rechtzeitig in sein Palais zu kommen. Er traf auch dort richtig in dem Momente ein, als Fritzi auf den Fußspitzen in sein Zimmer schlich, fest entschlossen, es unter keiner Bedingung zuzugeben, daß er sich um einer solchen Dummheit willen in einen Zweikampf einlasse.

* * *

 

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