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Töte sie!

Balduin Groller: Töte sie! - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorBalduin Groller
titleTöte sie!
publisherVerlag des Vereins der Bücherfreunde
year1892
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20151104
modified20160809
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Zwölftes Kapitel.

Fürst Mönchsdorf, der Präsident des Turf-Klubs, saß bei Urbany im Zimmer. Er zündete eine ihm angebotene Zigarre umständlich an und überlegte dabei, wie er sein Sprüchlein vorbringen sollte. Urbany sah es ihm an, daß er etwas auf dem Herzen habe, und er wartete schweigend, bis sein Gast der Verlegenheitspause ein Ende machen werde. Es schien ihm zwecklos, durch einige gleichgiltige Redensarten abzulenken von der zu erwartenden Hauptsache.

»Sage 'mal, Urbany,« begann endlich der Fürst, indem er prüfend das Deckblatt seiner Cigarre besah, »darf man ein offenes Wort mit dir reden, ein ehrliches, offenes Wort, und wenn es auch gerade kein angenehmes sein sollte für dich?«

Urbany bedeutete ihm durch eine Gebärde, daß er sprechen möge.

»Die Sache ist nicht so einfach,« fuhr der Fürst fort, und er strich sich mit der Hand über die hohe Stirne und ließ dann seine Finger an seinem stattlichen blonden Kotelettebart hinabgleiten. »Durchaus nicht einfach, und ich riskiere dabei, daß du sterbensbös wirst auf mich, aber schließlich – es giebt Fälle, wo man als Freund und Edelmann, und ganz besonders als Freund, die Pflicht, ja wohl die Pflicht, hat, zu sprechen.«

Urbany trommelte ungeduldig mit den Fingern auf der Tischplatte.

»Die Ehre meiner Freunde,« setzte der Fürst bedächtig fort, »ist mir ebenso heilig wie meine eigene, und wenn du mir auch zürnen solltest, Urbany, es war für mich doch Ehrenpflicht, mit dir zu reden.«

»So rede,« ermunterte ihn Urbany, »ich erteile dir im vorhinein Absolution!«

»Also gerade heraus: Urbany, wie steht es mit deiner Frau?«

Urbany wollte aufspringen, aber er bezwang sich. Einen Augenblick überlegte er, sein Gegenüber drohend ansehend, ob er ihm verbieten solle fortzufahren, aber dann hielt er es doch für unklug und für unwürdig, dem Strauße gleich den Kopf zu verstecken bei nahender Gefahr.

»Was soll die Frage?« entgegnete er. »Sage, was du zu sagen hast, und ohne Umschweife. Denn jetzt, nachdem du einmal so begonnen, mußt du reden.«

»Du darfst nicht auffahren, Urbany,« sprach der Fürst langsam und jedes Wort abwägend weiter. »Ich bin als Freund zu dir gekommen, um eine wichtige Sache in aller Ruhe mit dir zu besprechen. Ich hatte meine Gründe, so zu fragen. Du verweigerst zwar die Antwort, gut, aber das enthebt mich nicht der Pflicht, dir reinen Wein einzuschenken. Ich habe diese Pflicht als dein Freund und – als der Präsident unseres Klubs. Du begreifst?«

Urbany hörte aus diesen bedächtigen Worten etwas wie eine Drohung heraus, und er sah dem Fürsten so stolz und von oben herab ins Auge, daß dieser verwirrt den Blick senkte.

»Verstehe mich nicht falsch, lieber Freund,« lenkte der Fürst ein.

»Die Gründe!« rief Urbany kurz und bestimmt.

»Ich bin bei ihnen. Es war am Tage der Trial-Stakes – ich beglückwünschte dich zu der ›Gräfin‹, sie lief ein großes Pferd, als sie das Rennen im Canter landete – du gabst Rawlinson gerade die letzten Instruktionen für den Ritt, – sie haben sich für die speedige Stute großartig bewährt –«

»Erzähle mir nicht von den Rennen!« unterbrach ihn Urbany mit stets wachsender Ungeduld.

»Also deine Gemahlin war für einige Minuten ohne Begleitung. Sie stand da im Aktionärraum und stieß mit ihrem Sonnenschirm winzige Löcher in den Sand um ihre winzige Fußspitze, – ein entzückendes Bild! – Sei nur nicht ungeduldig, ich bin schon bei der Sache. – Da machte es sich nun, daß gerade der junge Buschendorf, in einer Kolonne aufmarschiert mit den drei Andritz-Mädeln, denen er den Hof machte, an ihr vorbeimarschierte. Das folgende hat man nun allerdings sehen müssen! Der Buschendorf erblickt die Gräfin, deine Gemahlin, hebt die Hand ein bischen, nicht einmal bis zum Hut hinauf, und ruft, offenbar um den Andritz-Mädeln eine Freude zu bereiten, in unglaublich legerem Ton zu ihr hinüber: »Grüß dich Gott, Fritzi!« Weißt, Urbany, die Gräfin, deine Gemahlin ist ja früher einmal wirklich Schauspielerin gewesen, aber das ist ja jetzt längst vorbei, jetzt ist sie deine Gemahlin, und – ich gebe dir mein Wort, – nicht einmal eine Ballettänzerin aus der vierten Quadrille grüßt man so. Man grüßt sie eben entweder gar nicht, oder man grüßt sie anständig.«

»Erzähle weiter!« bat Urbany mit merkwürdiger Ruhe.

»Na, du kannst dir denken, daß ich wütend war, wie ich das gesehen habe. Eine solche Unverschämtheit ist mir ja überhaupt noch nie vorgekommen. Die Komtesseln blickten starr nach deiner Frau hin, eigentlich durch sie durch, – denn sie war ihnen Luft. So hören manchmal junge Mädchen nicht, wenn zufällig in ihrer Gegenwart etwas Unziemliches gesprochen wird, was sie nicht hören sollen.«

»Und meine Frau? Was that sie?«

»Oh, die war einfach großartig in jenem Moment! Sie hob nur den Kopf etwas, um sich erstaunt umzusehen, ob denn wirklich jemand im Aktionärraum sei, den man so grüßen dürfe, – denn für sie konnte der Gruß unmöglich bestimmt sein. Für sie war wieder der Buschendorf – Luft!«

»Buschendorf ist ein alberner Junge!«

»Das sage ich auch; die Geschichte ist aber noch nicht aus!«

»Noch nicht aus?«

»Nein, das Beste, d. h. das Schlimmste, kommt erst noch!«

Urbany hörte sehr ruhig zu. Was immer auch kommen mochte, das sah er jetzt schon, auf der richtigen Fährte war doch kein Mensch, und das war das Wichtigste.

»Ich überlege also,« sprach der Fürst weiter, »einige Tage, – du weißt, Urbany, ich bin ein langsamer Denker, ein schlechter Starter, aber dann ein zäher Finisher, – ich überlege also einige Tage, ob ich dir nicht von dem Vorgefallenen Mitteilung machen müsse, da wies sich Buschendorf im Klub mit einem Rendez-vous aus, das ihm deine Frau bewilligt hatte.«

»Unsinn!« sagte Urbany kurz und ohne die geringste Gemütsbewegung zu verraten.

»Ich hätte es auch nicht geglaubt, wenn – wenn sich eben Buschendorf nicht ausgewiesen hätte. Ich habe das Billet mit eigenen Augen gesehen!«

»Ein Billet von meiner Frau?«

»Von deiner Frau!«

»Was enthielt es?«

»In aller Form die Bestimmung eines Stelldicheins.«

»Aber das ist doch alles helllichter Blödsinn!«

»Ich habe die Karte selbst gesehen. Die Handschrift kann ja gefälscht gewesen sein, – aber so etwas thut Buschendorf doch nicht. Bei der Angabe der Stunde war noch ausdrücklich bemerkt, daß du nicht zu Hause sein würdest.«

Urbany starrte vor sich hin. Wie flink Fritzi dabei war, die Feder in die Hand zu nehmen! Eine Frau, die Grundsätze hat im Betrügen und Erfahrung dazu, die schreibt nicht. Schon wieder ein Brief, ein Zeugnis von ihrer Hand! Er mußte lächeln über ihre enorme Ungeschicklichkeit. Das versöhnte ihn fast mit ihr.

»Nun sage selbst, Urbany,« nahm der Fürst das Wort wieder auf, »ob es nicht meine Pflicht war, mit dir zu reden?«

»Gewiß, gewiß,« gab Urbany bereitwillig zu, »und ich bin dir sehr zu Dank verpflichtet.«

»Was gedenkst du nun zu thun? Es ist selbstverständlich, daß du auf mich zählen darfst.«

»Ich danke dir. Was ich zu thun gedenke? Zunächst will ich Klarheit bringen in diese ungeheure Albernheit, dann wollen wir weitersehen.«

Er drückte auf den Elfenbeinknopf an der Tischecke und rief dem sofort eintretenden Lakaien entgegen:

»Ich lasse die Gräfin herüberbitten; Se. Durchlaucht Fürst Mönchsdorf sei zu Besuch da.«

Der Fürst fuhr erschreckt auf, als der Lakai lautlos verschwunden war.

»Du wirst doch um Gottes Willen nicht in meiner Gegenwart eine Scene machen wollen?! Urbany, bedenke, was du thust, und verliere den Kopf nicht!«

»Sei beruhigt, ich werde den Kopf nicht verlieren, und ich werde keine Scene machen. Wir werden erfahren, was an der Sache ist, und es ist mir sehr angenehm, daß du dabei bist, wenn wir meine Frau jetzt mit dieser Affaire überfallen. Du wirst gleich selbst beurteilen können, ob sie uns anlügen und sich durch irgendwelche erdichtete Ausreden aus der Schlinge ziehen will.«

»Ich finde es doch grausam, – in Gegenwart eines Dritten –«

»Im Gegenteil,« antwortete Urbany stolz, »es wäre grausam, ihre Rechtfertigung nicht in Gegenwart eines Zeugen entgegenzunehmen.«

»Wie du glaubst,« räumte der Fürst ein, den Schultern und den Augenbrauen einen Ruck nach oben gebend.

Fritzi trat ein, und der Fürst begrüßte sie ehrfurchtsvoll, aber im geheimen betrachtete er sie doch mit jenem verdoppelten Interesse, das nun einmal die Männer jenen Frauen widmen, bei deren Reputation nicht alles ganz in der Ordnung ist.

»Komm her, Fritzi,« sagte Urbany in seiner freundlichen und ruhigen Art, »setze dich zu uns. Wir haben eine kleine Auseinandersetzung mit einander. Sage, was hast du mit dem jungen Buschendorf?«

Der Fürst saß ganz erschrocken da, als er wahrnahm, wie Urbany so ganz ohne Umschweife und ohne alle diplomatische Kunst auf den Kern der Sache einging. Fritzi sah erstaunt auf und richtete unwillkürlich einen Blick auf den Fürsten.

Urbany verstand die stumme Beredsamkeit dieses Blickes, und er beantwortete auch gleich die Frage, die sich in demselben ausdrückte.

»Ich weiß,« sagte er, »es würde sich besser ziemen, solche Erörterungen unter vier Augen zu pflegen, aber ich habe einen besonderen Grund zu wünschen, daß auch Se. Durchlaucht, unser Freund, aus erster Hand die Wahrheit in dieser Sache erfahre. Also sprich dich getrost aus.«

Im ersten Augenblick wollte sich der alte stolze Trotz in Fritzi regen, und sie wollte jede Antwort verweigern, aber es war nur ein Augenblick; es war das letzte Aufflackern einer Flamme, die sie selbst schon erloschen gewähnt. Dann erlosch sie wirklich, – Fritzis Trotz war dahin; die Leiden hatten ihn gebrochen, und nun hatte sie kein anderes Ziel mehr als zu dulden, in stiller Ergebung zu tragen, was ihr das Schicksal auferlegt. Urbanys Wesen hatte sich geändert; das war ihr Kummer, und der Kummer hatte sie milde gestimmt. Sie wollte lieber alles über sich ergehen lassen, als ihren Mann nun noch zu reizen und gegen sich aufzubringen.

»Ich habe dem Buschendorf geschrieben, er solle mich besuchen«, antwortete sie einfach auf Urbanys Aufforderung.

»Ah?!« rief Urbany erstaunt.

»Aha!« dachte sich der Fürst.

»Ich habe ihm auch geschrieben,« fuhr Fritzi ruhig fort, »er möchte kommen, wenn du nicht zu Hause seiest.«

»Aber, das ist doch seltsam,« nahm Urbany das Wort, »das bedarf doch einer Aufklärung.«

»Ich wollte nicht, daß du etwas davon erführest, Rudolf.«

»Warum denn nicht, in aller Welt?!«

»Ich dachte, du würdest dich vielleicht ärgern, und ich wollte dir den Verdruß ersparen. Du hättest vielleicht eine große Affaire daraus gemacht, und dazu war mir dieser Mensch doch nicht gut genug.«

»Ah?!« rief jetzt der Fürst erstaunt.

»Aha!« dachte sich Urbany.

»Ich traute mir schon selber zu,« fuhr Fritzi fort, »allein und ohne deine Hilfe mit ihm fertig zu werden.«

»Das war nicht ganz klug und vielleicht etwas unvorsichtig gehandelt, Fritzi. Doch weiter, – laß uns den ganzen Zusammenhang wissen.«

»Du weißt, daß Buschendorf mich schon vor meiner Verheiratung duzte, ebenso wie du selbst. Wenn er nun Taktgefühl gehabt hätte, so hätte er sein Vorrecht fallen gelassen in dem Momente, da ich deine Frau wurde; statt dessen machte er von diesem Rechte auch noch weiterhin einen recht unbescheidenen Gebrauch. Als nun noch dazu kam, daß er mich neulich auf dem Rennplatze mit ganz ungehöriger Vertraulichkeit grüßte, da glaubte ich, mit dem Menschen einmal selber reden zu müssen, um ihm meine Meinung zu sagen. Schreiben konnte ich ihm ja doch nicht alles, was ich sagen wollte, und dich wollte ich um keinen Preis in diese abgeschmackte Angelegenheit verwickeln.«

»Aber ich bin doch dein natürlicher Beschützer!«

»Wo ich mir nicht selber helfen kann, aber diesem Menschen fühlte ich mich doch noch gewachsen, und er ist doch wirklich zu unbedeutend, als daß du seinetwegen hättest behelligt werden sollen.«

»Diese Auffassung ist vielleicht nicht ganz richtig. Doch wie ging's weiter, ist er gekommen?«

»Er war hier, und ich habe ihm meine Meinung gesagt.«

»Erzähle uns auch das, Fritzi.«

»Zunächst verbot ich ihm, mir noch weiterhin du zu sagen, und dann untersagte ich ihm, mich überhaupt noch jemals zu grüßen.«

»Und – er?«

»Er versuchte es, sich mit einigen albernen Scherzen aus der Schlinge zu ziehen.«

»Und dann?«

»Dann habe ich ihn hinausgeworfen.«

»Hinausgeworfen?!«

»Ich läutete dem Diener und befahl ihm, diesem Herrn den Hut zu reichen. Ich hätte ihn die Treppe hinunterführen lassen, wenn er nicht sofort freiwillig gegangen wäre.«

Urbany sah zu dem Fürsten hinüber; dieser erhob sich und sagte, Fritzi die Hand küssend, »Frau Gräfin, mein Kompliment! Sie haben eine großartige Haltung gezeigt!«

Urbany lächelte ihr zu; es that ihm doch wohl, daß Fritzi vor dem Dritten da, dem Fremden, sich so gut behauptet hatte. Der Fürst würde nun den Ruf ihrer Musterehe nur noch fester begründen, und um so sicherer würde dann niemand auf den wahren Grund der Trennung kommen.

»Ich danke dir, Fritzi,« rief Urbany darauf seiner Gemahlin zu. »Deine Mitteilungen waren uns sehr wichtig und sehr interessant; nicht wahr, Mönchsdorf, sehr interessant?!«

Der Fürst beeilte sich, durch lebhaftes Kopfnicken seine Zustimmung zu erkennen zu geben.

Fritzi fühlte, daß ihre Anwesenheit nicht länger gewünscht werde, und zog sich wieder zurück. Bei der Thüre hemmte sie noch einmal den Schritt, und es drängte sie, ihren Mann wiederholt zu bitten, die abgethane Sache nun auf sich beruhen zu lassen, aber dann überlegte sie doch, daß er ungeduldig und ärgerlich werden könnte, und sie beschloß, ihre Bitte erst, wenn der Gast sich entfernt haben würde, vorzubringen.

»Nun? Wie findest du das?« fragte Urbany den Fürsten, als Fritzi die Thüre hinter sich geschlossen hatte.

»Eine beispiellose Büberei! Der Mensch wird hinausgeworfen, – ich bitte, hinausgeworfen! – und er thut so, als wenn er ein süßes Rendez-vous gehabt hätte. Da hört doch alles auf!«

»Vieles läßt sich durch Dummheit entschuldigen –« begann Urbany nachdenklich.

»Ach, lasse mich aus mit der Dummheit! Der Kerl ist gar nicht so dumm, wie er sich stellt!«

»Vieles! Aber es steckt in dem Vorgehen doch auch so viel Nichtswürdigkeit, daß die ihm wirklich zuzurechnenden Milderungsumstände seiner nicht gewöhnlichen Dummheit ihm dieses Mal nicht zu gute gerechnet werden können.«

»Was gedenkst du zu thun, Urbany?«

»Das überlege ich gerade.«

»Ich glaube, daß das nicht mehr zweifelhaft sein kann!«

»Ich bin noch durchaus nicht einig mit mir!«

Der Fürst blickte erstaunt auf. Urbany war noch nicht einig mit sich! Es ist doch unglaublich, wie die Leute in eigenen Angelegenheiten oft den Kopf verlieren! Urbany, so ein klarer Kopf sonst, war hier noch nicht einig mit sich. Der Fürst fühlte sich als Freund – er war heute schon drinnen in den Freundesmissionen, – er fühlte sich also als Freund verpflichtet, dem Grafen zu Hilfe zu kommen.

»Du wirst dich doch mit ihm schlagen müssen, Urbany!« sagte er mit wohlwollender Mahnung.

»Darüber denke ich eben nach.«

»Bei gewissen Dingen darf es kein Nachdenken geben,« sprach der besorgte fürstliche Freund. »In allen Ehrenfragen darf es kein Besinnen geben, – da muß man den geraden Weg fortgehen – usque ad finem

»Natürlich!« erwiderte Urbany zerstreut und dachte weiter nach.

»Ich bin sonst nicht für das unbedingte Losgehen um jeder Albernheit willen. Wir haben in der letzten Zeit auch viel Malheur gehabt. Denke nur, wie der arme Prinz Chlodwig zu Rodaun – es war doch schade um den guten Jungen, – und der junge Lubinsky, – du kennst ja die tragischen Fälle so gut als ich. Ich bin also durchaus nicht für das Raufen um nichts, aber wo die Ehre gebietet, da darf es kein Überlegen geben!«

Urbany fühlte sich von dem Geschwätz seines fürstlichen Gastes etwas gelangweilt. Er war zwar auch nicht fremd den Anschauungen der aristokratischen Gesellschaft, in welcher er lebte, aber über die Leutnants-Ehrbegriffe von zweifelhafter Reife, die den Fürsten noch mit solcher Andacht erfüllten, fühlte er sich doch einigermaßen erhaben.

»Es wird doch nicht anders gehen«, sagte Urbany nach einer Weile der Überlegung; »ich werde mich mit ihm schlagen müssen.«

»Natürlich!« pflichtete der Fürst eifrig und aus ehrlicher Überzeugung heraus bei.

»Es ist nicht so natürlich, wie du glaubst«, entgegnete Urbany, »und ich thäte es lieber nicht.«

»Aber, liebster Urbany! Es muß sein, glaube mir und erlaube hier mir, dem Freunde, für dich zu sorgen.«

»Ich sehe es ein, – die Niedertracht ist zu groß; ich darf ihn nicht laufen lassen, – aber ein solcher Gegner!«

»Er ist von gutem Adel, und jeder Kavalier kann sich unbedenklich mit ihm schlagen!«

»Leider! Es ist eine sehr dumme Geschichte. Der Mensch wird förmlich rehabilitiert, und er gewinnt ein gewisses, ganz unverdientes Ansehen, wenn ich mich mit ihm schlage, aber auch das wäre Nebensache. Viel wichtiger ist das Bedenken, daß ich mich da für die Ehre meiner Frau schlagen soll. An diese Ehre darf sich keine Verdächtigung heranwagen. Du siehst, wie der Laffe erbärmlich betrogen hat, um sich ein Ansehen zu geben. Wenn ich mich nun wirklich mit ihm schlage, wer schützt mich davor, daß nicht dieser oder jener im geheimen doch davon munkelt, daß ich als betrogener Gatte einen zureichenden Grund gehabt habe, den Rächer meiner Ehre zu spielen.«

»Ich glaube, daß den Leuten die Lust vergehen wird, sich an dich heranzuwagen.«

»In Gottes Namen denn, mache die Sache ab; morgen früh muß sie erledigt sein. Nimm dir den langen Györy zum Partner, – du findest ihn jetzt beim Billard im Klub, und bringe alles ins reine. Ich erwarte heute abend Nachricht von euch; Entschuldigungen werden nicht angenommen.«

Der Fürst atmete erleichtert auf und empfahl sich.

Kaum hatte er sich entfernt, als auch schon Fritzi wieder bei Urbany eintrat. Sie sah ängstlich zu ihm empor und ward noch verschüchterter, als sie bemerkte, wie er unwillig über ihr Erscheinen die Stirne runzelte.

»Rudolf,« begann sie leise, »ich habe eine Bitte an dich; aber erst sage mir, ob du böse auf mich bist.«

»Weshalb sollte ich böse sein?« erwiderte er lächelnd. »Du hast dich ganz gut benommen.«

»Ich habe es nicht schlimm gemeint, als ich dir die Sache verschwieg. Er ist es wirklich nicht wert, daß du dich mit ihm abgiebst. Und darum wollte ich dich auch jetzt bitten. Lasse den Zwischenfall erledigt sein, wie ich ihn erledigt habe.«

»Er ist so gut wie erledigt.«

»Rudolf, du wirst dich nicht schlagen mit ihm; versprich mir das?«

»Wer spricht von einem Duell? Und dann, Fritzi, – merke wohl auf. Wenn sich je für derlei der Fall ergeben sollte, so muß es ganz ausgeschlossen bleiben, daß da eine Frau sich dazwischen stellt, um etwas verhindern zu wollen!«

»Eine Frau, Rudolf! Ich bin deine Frau! Ich habe ein Recht, dich zu bitten. Rudolf, thue mir das nicht an. Wenn du mich liebst, Rudolf, wenn du mich je geliebt hast –«

Sie konnte nicht weiter und sank schluchzend zu seinen Füßen nieder. Er faßte sie sanft bei der Hand und hob sie auf.

»Du bist ein Kind, Fritzi! Du siehst Gefahren und Gespenster, wo keine sind.« Und damit führte er sie in ihr Zimmer, um sie gleich wieder zu verlassen. Noch einen flehenden Blick wandte sie ihm zu, er aber antwortete mit einem Scherz.

»Und wenn das allergräßlichste wahr wäre, – hältst du so wenig von mir, daß du glaubst, dieser furchtbare Buschendorf werde mich gleich zermalmen?«

* * *

 

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