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Töte sie!

Balduin Groller: Töte sie! - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorBalduin Groller
titleTöte sie!
publisherVerlag des Vereins der Bücherfreunde
year1892
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20151104
modified20160809
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Elftes Kapitel.

Alle guten Geister des Frohsinns und des Glückes hatten wieder das Urbanysche Haus verlassen. Als Rudolf jenes verhängnisvolle Blatt mit Fritzis Schriftzügen gefunden hatte, da steckte er es zu sich, nachdem er sich von der ersten Betäubung erholt hatte, und zog sich auf sein Zimmer zurück. Es wäre ihm unmöglich gewesen, seine Frau in jenem Augenblicke wiederzusehen und ihre Begrüßung entgegenzunehmen. Er schloß sich ein, um über sich selbst, über die tausend Gedanken, die in verzweifelter Hast durch sein Gehirn rasten, ins klare zu kommen, um mit allem fertig zu werden, was ihn erfüllte und ihn so namenlos unglücklich machte.

So verbrachte er den Rest des Tages und die ganze endlos lange Nacht, die schwerste und die bitterste, die das Leben ihm bis dahin beschieden hatte. Er war im Kerne seiner Mannheit getroffen; die grimmige, hämische, häßliche Eifersucht hatte Macht über ihn gewonnen. Es war ein ihm neues Gefühl, und es kam so mächtig über ihn, daß es ihn gleich zu vergiften drohte. Ein redliches Vertrauen hatte bis dahin den Untergrund seiner ganzen Natur gebildet, und nun schien ihm die Grundlage und die Lebensbedingung für sein ganzes Sein entzogen. Seine Natur war aus den Angeln und aus dem Gleichgewicht gehoben, er kannte sich selbst nicht mehr, und all die entsetzlichen Vorstellungen, die in wilder Jagd vor seinem Geiste auftauchten, sie wollten ihm so fremd, so seltsam erscheinen, als sei gar nicht er es, dessen Haupt sie entsprossen seien. – Wie er aber auch sann und seinen Geist zermarterte, um da eine ehrliche Lösung für die schmähliche Wirrnis zu finden, er sann und überlegte aus der Grundstimmung des Unglücks heraus und in dem Bewußtsein, daß alles, was licht und freundlich war in seinem Leben, vernichtet sei für alle Zeit.

Über alle Not und Schande hob sich aber ein Gefühl des Stolzes. Man hat sein Glück zerstört, – wohl bekomme es ihnen! – aber man wird nicht auch seine Würde untergraben können. Wie leicht schien es ihm, die treulose Frau zu strafen, den elenden Verführer zu züchtigen, zu töten, – wie leicht und wie verlockend, aber er fühlte, daß er seine Besonnenheit bewahren müsse, und daß er nicht das thun dürfe, was lockend sei, sondern was die ruhige, unerbittliche Erwägung ihm vorschreibe. Lockend, und ach, wie verlockend war ja auch die Schmach und die Entwürdigung. Das entehrte Weib in Gnaden wieder aufnehmen, weiter mit ihm leben, als sei nichts geschehen, das schien ihm früher immer als der Gipfel männlicher Erbärmlichkeit, und mit Ekel wandte er sich ab, wenn ihm solche Verhältnisse begegneten, sei es im Leben, sei es im Roman oder auf dem Theater. Und nun sah er mit Grauen, wie die verworfenste Erbärmlichkeit auch für ihn noch eine zauberische Anziehungskraft hatte, wie sie ihn lockte mit verführerischen Bildern und süßen Gaukeleien. Ja, es lockte ihn mit dämonischer Kraft, sich demütigen und treten zu lassen wie ein Hund, es lockte ihn, Schande und Schmach auf sein Haupt zu häufen, verworfen zu sein und verachtet, um nur bei ihr, mit ihr sein zu dürfen; denn er liebte diese Frau, und das war ihm nie klarer zum Bewußtsein gekommen als nun, da er sie sich verloren sah.

Der starke Mann, den noch nie jemand die Herrschaft über sich selbst verlieren sah, hier in der Einsamkeit der Nacht, biß er sich die Lippen wund, um seine innere Bewegung zu meistern, und er konnte es doch nicht. Schließlich sank sein Haupt schwer nieder auf den Arm, den er vor seinem Tische sitzend auf die Platte desselben gelegt hatte, und von keinem Sterblichen gesehen rannen ihm die Thränen in den Bart, die ersten, die er seit den Tagen seiner Kindheit vergossen – Urbany weinte. – –

Über alles Leid hinaus machte sich aber auch in der tiefsten Erschütterung bei ihm doch immer wieder das Gefühl für seine Ehre und für seine persönliche Würde geltend. Er war ein Aristokrat, und er war mit den Vorurteilen eines solchen aufgewachsen, es konnte für ihn, auch wenn ein falscher Ehrbegriff in Frage kam, niemals einen Moment des Zauderns geben, wie nun hier, wo nicht ein Standesvorurteil, sondern die allgemein menschliche, jedem Manne eingeborene Empfindung für Ehre und Schande so grausam erregt ward.

Es mochte verführerisch sein, alles zu tragen, nur um sie nicht ganz verlieren zu müssen, an der sein Herz mit so qualvoller Hingebung hing, es war ihm dennoch keinen Augenblick zweifelhaft, daß nun die Trennung erfolgen müsse, und nicht darüber grübelte er, ob die Trennung überhaupt stattfinden, sondern wie sie vollzogen werden solle.

Den Gedanken, sie zu strafen, die ihm alles zerstört, was Freude war in seinem Leben, den hatte er gleich aufgegeben; den hatte er nicht einmal ernstlich gefaßt. Auch die Wollust, die für ihn in der Vorstellung lag, ihren Mitschuldigen die ganze vernichtende Wucht seines Grimmes und seiner Rache fühlen zu lassen, wies er von sich. Er durfte keinen Schritt thun, durch welchen die leiseste Handhabe zu einem Argwohn für die Welt gegeben werden konnte. Kein Schatten durfte auf die Ehre seiner Frau fallen; denn dieser Schatten hätte seine eigene Ehre befleckt. Kein Mensch, auch die beiden Schuldigen nicht, durften jemals ahnen, daß er Kenntnis habe von dem Verrate. Es war seine Entwürdigung, wenn ein Mensch davon erfuhr, und er war entschlossen, sein Leben nicht weiter zu tragen, wenn seine Schande ruchbar werden sollte.

Ein sofortiger Bruch hätte gewaltiges Aufsehen machen und die Welt auf die richtige Spur leiten müssen. Erst mußte Rummel von Wien weggebracht werden. Urbany hatte Verbindungen mit dem englischen Hofe. Er konnte es einrichten, daß der Maler dorthin berufen, dort mit Arbeiten überhäuft und Monate – vielleicht ein Jahr lang festgehalten würde. Erst wenn dieser von der Bildfläche verschwunden sein, und kein Mensch mehr in Wien an ihn denken würde, sollte die Scheidung erfolgen, zu welcher Urbany selbst den offenkundigen Anlaß bieten würde. Es wird immer und in jedem Betracht besser sein, wenn er vor der Welt als der Schuldige erscheint. Die Gesellschaft wird sich darüber leichter beruhigen, und jedenfalls bleibt ihm das beschämende Mitleid erspart und die noch beschämendere Genugthuung der ganz Klugen und Wohlwollenden, die da alle es im vorhinein werden gewußt haben wollen, daß eine solche Verbindung nie und nimmer habe zu einem guten Ende führen können. Das Ende war freilich auch so kein gutes, aber die Gesellschaft wird sich leichter dabei beruhigen, und die Gesellschaft wird ihm leichter verzeihen, wenn er der Schuldige ist, als wenn er unschuldig wäre. Er kannte die Gesellschaft, und er beurteilte sie richtig. –

Als er am nächsten Morgen Fritzi wiedersah, da bedurfte er all seiner seelischen Kraft, um nicht wild und verzweifelt hervorbrechen zu lassen, was in ihm tobte. Jede Spur der überstandenen Krankheit war getilgt; ihre Erscheinung war blühender und glänzender denn je, und ein Zug frauenhafter Milde war in das Bild geraten statt des früheren kecken Jugendmutes, der ihr sonst wohl aus den Augen strahlte. Und nie war sie verführerischer gewesen als nun, da sie bei der ersten Begrüßung ihm gegenüberstand, scheu und zitternd und mit Thränen in den Augen. Sie hatte schon am Abende vorher erfahren, daß er zurückgekehrt sei und zugleich auch, daß er sich eingeschlossen habe und niemanden, auch sie nicht, zu sich lassen wolle. In banger Sorge hatte auch sie die Nacht durchwacht; sie hatte das Gefühl, daß ein Unglück, ein großes Unglück geschehen sei, und sie ward gemartert durch die grausame Ungewißheit.

Nun stand sie vor ihm, gewärtig der Aufklärung, und die Thränen schossen ihr in die Augen, als er sie mit erzwungenem Lächeln begrüßte und sich mit nichtssagenden Klagen über Kopfschmerzen ausredete, die ihn gezwungen hätten, sich zurückzuziehen. Im Innersten gekränkt über den Mangel an Vertrauen, der ihr da so unverhüllt an den Tag gelegt wurde, wollte sie sich wortlos zurückziehen, aber bevor sie noch bei der Thüre war, überwältigte sie das unerwartete Leid, das ihr nun geworden war statt des so freudig und so heiß ersehnten Glückes, das seine Wiederkehr bringen sollte.

Sie sank vor der Thüre auf einen Stuhl und brach in krampfhaftes Schluchzen aus. Urbany trat zu ihr hin. Was auch in ihm vorgehen mochte, er konnte ein Weib, er konnte sie nicht weinen sehen.

»Mußt dich nicht so aufregen, Fritzi,« sagte er, und – die menschliche Natur ist unergründlich – es vibrierte ein Ton von Zärtlichkeit dabei in seiner Stimme. »Mußt dich nicht aufregen, wir brauchen beide ruhig Blut.«

»Was ist geschehen, Rudolf?!« rief Fritzi unter Thränen und die Hände ringend. »Dir ist ein Unglück widerfahren, und du verschweigst es mir. Rudolf, rede, sprich, sage, was geschehen ist. Lasse mich meinen Teil tragen!«

»Du machst dir unnötige Sorgen, Fritzi, es ist nichts.«

»So speist man nicht einmal ein Kind ab, Rudolf! Wenn du mich liebst – oh, das ist's, du liebst mich nicht, nicht mehr; sonst müßtest du anders sein mit mir. Rudolf, laß mich nicht nur dein Spielzeug sein, lasse mich wissen, daß ich deine Frau bin. Glaube, daß ich auch den Ernst des Lebens kenne. Gieb mir die Hälfte deines Kummers und deiner Sorgen zu tragen. Was es auch sei, Rudolf, wir werden es tragen!«

Urbany zuckte schweigend die Achsel. Wenn das Komödie war, so war sie nicht schlecht gespielt!

»Ich wiederhole dir, daß es nichts ist,« sagte er ruhig. »Dringe nicht weiter in mich, die ganze Sache ist's nicht wert. Ich darf auch einmal verstimmt sein, ohne daß man das gleich so tragisch zu nehmen braucht.«

»Verstimmt nennst du das?« entgegnete nun Fritzi mit schmerzlicher Bitterkeit. »Drei lange Wochen habe ich dich nicht gesehen. Wie habe ich die Stunde unseres Wiedersehens ersehnt, und –«

»'s ist gut, Fritzi,« unterbrach er sie kurz und schroff. »Keine Scenen! Ich liebe das nicht.«

Fritzi trocknete ihre Thränen und erhob sich.

»Rudolf,« sagte sie sich noch einmal bezwingend, »dir ist ein Unglück zugestoßen, und du sagst es nicht. Hast du Verluste gehabt?«

»Nein!«

»Rudolf, verbirg's nur nicht. Wir sind vielleicht verarmt. Rudolf, ich würde es leicht tragen, wenn du gut bist mit mir. Ich bin es von früher her gewöhnt, arm zu sein, und du wirst dich mit mir hineinfinden, du wirst sehen. Das ist nicht das größte Unglück, wahrhaftig nicht.«

»Du phantasierst, Fritzi,« entgegnete Urbany ungeduldig. »Ich habe von keinem Unglück zu berichten. Wir fahren nachmittag zusammen in den Prater oder in die Freudenau zum Rennen, das wird dich auf andere Gedanken bringen.«

»Noch eins lasse mich fragen, Rudolf,« fuhr Fritzi beharrlich fort. »Habe ich dir etwas gethan? Sollte ich etwas begangen haben, so mache mich aus, aber dann sei wieder gut. Gern und mit Absicht habe ich dir ja nicht wehe gethan, Rudolf, und wenn es unabsichtlich geschah, kann es ja nicht unverzeihlich sein. Ich weiß, ich habe dich gequält und dir das Leben verbittert, aber da war ich krank, und da war mir alles zuwider auf der Welt, und ich dachte, du hättest mir das schon verziehen in meiner langen Krankheit. Und wenn es noch das ist, – du wirst sehen, ich werde es wieder gut machen. Ich werde geduldig sein und nicht mehr so trotzig und so mürrisch, ich bin ja wieder gesund, und es thut mir nichts mehr weh. Du wirst sehen, ich werde wieder brav sein. Verzeih' mir, Rudolf, und sei wieder gut!«

Sie sah ihm dabei bittend und demütig in die Augen, und durch den Wolkenflor des Kummers wollte schon die Sonne des Glückes einen voreiligen Strahl senden. Er konnte ja nicht starr und unbewegt bleiben, wenn sie so bat, wo sie es so ehrlich meinte mit ihrer Bitte.

Urbany konnte das nicht länger ertragen. Er raffte sich zusammen, gleichsam um alles Böse, das auf ihm lastete, abzuschütteln, und dann verließ er wortlos das Zimmer. Fritzi blickte ihm nach, und ein tiefer Seufzer entrang sich ihrer Brust. Das Glück war dahin, und es galt nun, sich in die neue, schmerzliche Fügung der Dinge zu schicken. Jetzt zum erstenmal seit dem Bestand ihrer Ehe gelangte Fritzi zum vollen Bewußtsein aller ihrer Pflichten als Frau. Das Leben zeigte sich ihr in seiner Wirklichkeit nicht so von einem rosigen Schimmer verklärt, wie sie sich das geträumt hatte, und sie sah nun, daß sie es auch nicht besser haben solle als Tausende und Millionen anderer Frauen.

Urbany liebte sie entweder nicht mehr oder nicht tief und redlich genug, um seine Sorgen mit ihr zu teilen. Auf diese Sorgen hatte sie aber ein Anrecht, und wenn sie die Liebe schon missen sollte, so wollte sie doch seine Achtung erzwingen. Daß ihr das gelingen sollte, das schwor sie sich zu. Den Untergrund für ihre eigene Liebe bildete ein tiefes und festbegründetes Achtungsgefühl für die ehrliche, treue, großherzige Natur Urbanys, und wenn er sie nicht mehr liebte, seine Achtung mußte sie notwendig haben als Grundlage für die eigene Selbstachtung und für alle weitere Existenz. Wenn sie die nicht gewann, dann war sie ihm nur die Mätresse gewesen, die abgedankt wird, wenn man ihrer überdrüssig geworden. Dem Wesen nach standen für sie die Dinge so, wenn auch für die Form durch den Segen der Kirche in ausreichender Weise gesorgt war. Urbany sollte es inne werden, daß er eine Frau im Hause, eine Hausfrau habe, daß es einen guten Geist im Hause gebe, der still und unaufdringlich für ihn sorgt und schafft und waltet.

Und Urbany bemerkte das auch; er spürte es an tausend kleinen Zügen, daß für ihn in stiller, ganz unaufdringlicher, aber liebevoller Art gesorgt wurde, er spürte das Walten der Frau im Hause. Fritzi trug ihren Kummer wie ein unabwendbares Schicksal, und sie trug ihn für sich, still und demütig. Es kam kein Wort der Klage über ihre Lippen, und wenn Urbany sie sah, bemühte sie sich heiter zu scheinen, um ihm sein Heim nicht zu verleiden. Er sah sie jedoch wenig und widmete sich ihr wenig, umsomehr Zeit blieb ihr, für ihn zu denken und zu sorgen im Hause.

Eine schwere Stunde hatte Urbany, als er Rummel zum erstenmal wiedersah. Er brachte es im Verfolge seiner einmal gefaßten Absicht mit übermenschlicher Selbstüberwindung dahin, ihm die Hand zu reichen und möglichst unbefangen mit ihm zu reden, aber Rummel ging doch achselzuckend von ihm und machte sich im stillen seine Gedanken über den doch unausrottbaren Hochmut der Aristokraten, die sich einmal in Vertraulichkeiten gefallen, um sich schließlich dann doch wieder auf das hohe Roß zu setzen. –

So sehr nun auch Urbany jede Gelegenheit mied, mit Fritzi in Berührung zu kommen, so hielt er doch darauf, sich täglich mit ihr in der Öffentlichkeit zu zeigen. Es verging kein Tag, ohne daß er mit ihr in der Hauptallee des Praters oder bei dem Rennen in der Freudenau gesehen worden wäre. Fritzi war immer, seinem Wunsche entsprechend, mit besonderer Sorgfalt toilettiert; er war ihr gegenüber aufmerksam und trug eine heitere Miene zur Schau, und kein Mensch, der die beiden so sah, hätte ahnen können, daß diese zwei Leute ein verdorbenes, zerstörtes Glück spazieren führen.

* * *

 

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