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Töte sie!

Balduin Groller: Töte sie! - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorBalduin Groller
titleTöte sie!
publisherVerlag des Vereins der Bücherfreunde
year1892
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20151104
modified20160809
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Neuntes Kapitel.

Die Gesellschaft hat eine feine Witterung für den Erfolg so gewagter Experimente, wie nach ihrer Ansicht Urbany eines angestellt hatte, und Urbany selbst nahm einen zu sehr in die Augen springenden Platz in dieser Gesellschaft ein, als daß nicht die eingehendsten Verhandlungen über den Ausfall seines Experimentes gepflogen werden sollten. Namentlich bei Buschendorfs und in den Salons der Markgräfin Andritz verfolgte man den Verlauf der Dinge in Urbanys Ehe mit ganz besonderer Aufmerksamkeit. Man sah sehr scharf in diesen Kreisen. Denn wenn es wahr ist, daß die Liebe blind ist, so wird es wohl auch wahr sein, daß die Gehässigkeit gute Augen hat. Zu einer unfreundlichen Gesinnung hatte man aber in jenen Häusern vollberechtigte Gründe.

Die Markgräfin hatte – es mag das allerdings ein Fehler von ihr gewesen sein – Urbany niemals als einen Heiratskandidaten betrachtet, aber wenn er den von ihm nicht erwarteten Schritt schon that, wenn er schon wirklich heiratete, da wäre es doch schon entschieden angemessener und in jedem Betracht räsonnabler gewesen, wenn er eine ihrer drei Töchter genommen hätte. Man durfte natürlich von solchen Gedanken nichts merken lassen, aber Urbanys Ehe »als manquierte Menage« bezeichnen, es als öffentliches Geheimnis erklären, daß sie es sei, das durfte man, ohne sich auch nur die geringste Blöße zu geben.

Bei Buschendorfs konnte die Stimmung schon darum keine günstige sein, weil beide, Buschendorf Vater und Sohn, ebenfalls ihre Gründe hatten, verstimmt zu sein, d. h. verstimmt waren sie nicht einmal mehr. Denn das Gefühl der ursprünglichen Verstimmung löste sich bald zu wirklichem Wohlgefallen um, als sie im Hause der Markgräfin erfuhren, wie es mit den albernen Glückshoffnungen Urbanys schief gegangen sei. Der jüngere Buschendorf hatte seine Gründe, einen tiefen Groll gegen Fritzi zu hegen; denn sie hatte ihn schmählich blamiert und lächerlich gemacht, und wenn er ihr auch das hätte nachsehen können, so gab es doch noch etwas, was er nicht verzeihen konnte. Sie hatte sein Verlangen geweckt, um ihn schließlich zu verhöhnen. Das wurmte den verlebten jungen Menschen, das hielt seine Bosheit rege, um so reger, als er ihr vorläufig in keiner Weise Luft machen konnte.

Zur besonderen Befriedigung der geehrten hochadeligen Mitwelt gab es in der so viel besprochenen Ehe Urbanys ja auch den gewissen »Dritten«, und das war der Maler Rummel. Man wußte zwar noch gar nichts, aber denken konnte man sich wenigstens vieles, und auch das war schon ein Trost. Insbesondere war es Buschendorf sen., der das Instrument der Vermutungen, der sehr begründeten Vermutungen, mit staunenswerter Geschicklichkeit spielte. Wenn man bedenkt, daß er auf Rummel nicht gut zu sprechen sein konnte, wird man begreifen, daß er sein Instrument nicht nur mit Virtuosität, sondern auch mit Liebe spielte. –

Während so die große Welt sich in allerlei Vermutungen, in freundlichen Befürchtungen und unfreundlichen Hoffnungen erging, lag Fritzi im düsteren gräflich Urbanyschen Familienpalais krank darnieder und schwebte zwischen Leben und Tod. Die außerordentlichen seelischen und körperlichen Aufregungen waren die Vorläufer einer Frühgeburt gewesen, die sie an den Rand des Grabes brachte. Der berühmte Gynäkologe, der wieder zu Rate gezogen wurde, gab nun der Meinung Ausdruck, daß die Sache überhaupt nicht gut ausgehen konnte, und daß er die nun eingetretene Katastrophe längst vorausgesehen und vorausgesagt habe. Zum Glücke bewährte er jetzt am Krankenbette selbst doch seine vielberühmte Tüchtigkeit und Erfahrung. Es gelang seiner Kunst, das Lebensflämmchen der jungen Frau, das mehr als einmal am Auslöschen war; zu erhalten, aber es währte lange Wochen und Monate, ehe sie als endgültig gerettet angesehen wurde.

Durch mehrere Wochen war vor dem gräflichen Palais Stroh gestreut, auf daß kein Laut von dem Weltlärm in den halbdunklen Raum dringe, in welchem ein blühendes, junges Leben sich verzweifelt wehrte gegen die eisige Umarmung des Todes. Frau Schönchen und Urbany wechselten ab in den Nachtwachen bei der Kranken. Wie die Frauen im Dulden, wie im Unglück überhaupt, stärker sind als die Männer, so trug auch Frau Schönchen den langen anstrengenden Dienst um die Kranke leichter als Urbany, der von jeher gewohnt war, sich viel im Freien in forcierter Bewegung und jedem Wetter trotzend zu bethätigen.

Während der Krankheit Fritzis brachte er es nicht über sich, das Haus zu verlassen, es wäre denn höchstens auf eine Stunde gewesen, um einmal wieder einige Atemzüge in frischer Luft zu thun. Die ehedem gebräunte Gesichtsfarbe wich nun einer durchgeistigten Blässe, und in jenen kummervollen Wochen geschah es, daß ihm die ersten leichten Silberflocken in den Bart und auf das Haupthaar gerieten.

Franz Rummel kam täglich, um sich Nachricht von dem Befinden der Kranken zu holen. Zu ihr konnte er nicht gelassen werden, aber Urbany gab ihm immer selbst die Nachricht, und dann blieb Rummel täglich wohl eine Stunde bei Urbany sitzen und erzählte ihm von den Dingen, die in der Welt vorgingen. Der tägliche Verkehr und der gemeinsame Kummer brachte die beiden Männer einander immer näher, und zu dem früheren guten Einvernehmen zwischen dem Mäcen und dem Künstler, trat nun auch, ohne jenes zu beeinträchtigen, ein auf gegenseitige Wertschätzung und gegenseitiges Vertrauen gegründetes Verhältnis warmer persönlicher Freundschaft.

Der Bau erlitt durch die Erkrankung Fritzis keine Unterbrechung. Ihre wichtigsten Wünsche kannte ja Rummel bereits, und so konnte denn die Arbeit fortgesetzt werden, bis der früh hereinbrechende Winter die Einstellung derselben erzwang.

Fritzi war eine geduldige Kranke. Von ihrer früheren Reizbarkeit schien auch die letzte Spur weggetilgt. Sprechen durfte sie nach der Weisung des Arztes lange nicht, aber wenn sie ihren Blick auf Urbany ruhen ließ, dann lag in ihrem Auge so viel Milde und Güte und eine so beredte Bitte um Verzeihung für alles Leid, das sie ihm angethan und auch jetzt noch durch ihre Krankheit anthue, daß er beglückt im Geiste jene selige Zeit wiederkehren sah, die in der Erinnerung an sein bisheriges Leben herausfunkelte wie ein Demantstein aus einer purpurnen Sammetunterlage. Was krankhafte Verstimmungen geschieden hatten, die wirkliche, ernste Krankheit fügte es wieder zusammen, was jene verdorben hatten, diese machten es wieder gut.

»Bist du mir wieder gut, Rudolf?« fragte einmal Fritzi mit leiser Stimme.

»Ich war dir immer gut, Fritzi, und jetzt bin ich's mehr als je.«

»Du bist zu gut für mich, Rudolf. Ein anderer hätte mich schon längst weggejagt. Verdient hätte ich's.«

»Fritzi, du bist närrisch!«

»Ich war's. Es war etwas Fremdes, etwas Krankes, etwas Böses in mir. Ich hätte dich vergiften können, Rudolf!«

»Du sollst jetzt nicht so viel reden, und solche Dummheiten schon gar nicht. Erst gesund werden, dann werden wir schon wieder herumstreiten miteinander. Ein bisserl streiten schadet gar nichts, wenn man sich nur sonst gut ist.«

»Aber Rudolf –«

»Nicht mehr reden, schön schlafen!«

»Rudolf?!«

»Schlafen! Aufs Kommando folgen! Achtung! Eins, zwei, drei – los! Schlafst schon?«

»Ja!«

»Gut ist's, brav bist!«

»Rudolf?«

»Was denn?«

»Ich möcht' noch 'was sagen.«

»So sag's, aber dann schlafen!«

»Ja. Ich wollte nur sagen, daß das Streiten häßlich ist. Ich werde nie, nie wieder mit dir streiten. Nur das habe ich noch sagen wollen.«

»Du bist meine brave Fritzi!«

»Noch etwas möchte ich sagen, Rudolf!«

»Jetzt bist aber nicht mehr die brave Fritzi. Dafür wirst du, wenn du wieder gesund bist, ins Winkerl gestellt.«

»Oh, Rudi, ich möchte so gern mit dir plauschen!«

»Du bist ein dummes Mädel; eine gescheite Frau benimmt sich nicht so. Du mußt jetzt schlafen, hörst du?«

»Noch etwas laß mich sagen, bitt' schön!«

»Gut, aber dann wird abgeläutet, und es heißt: Hallo, hallo, Schluß!«

»Da schau, wie ich mager geworden bin. Du wirst gar nichts mehr an mir haben!«

»Wirst du augenblicklich den Arm schön unter die Decke geben! Das fehlte noch, daß wir uns jetzt erkälten! Ich hab' schon gesagt, was du bist!«

»Ein dummes Mädel?«

»Ja!«

»Hoho! Du großer Geist! Ein Mädel liegt so da!«

»Schlafen! Fratz, nichtsnutziger!«

»Ich schlaf' schon!« –

Es ward nun wieder lichter in dem düsteren Palais, da Fritzi ihre Laune wiederfand; das Seinige that dazu freilich auch der junge Vorfrühling, der ab und zu einen lichten Strahl in das hohe Gemach sandte, gleichsam als freundlichen Gruß für die Genesende. Aber langsam ging es noch immer mit der armen Fritzi. Als sie das erste Mal mit ärztlicher Erlaubnis »aufstehen« sollte, das will sagen, als ihr gestattet wurde, das erste Mal ein Viertelstündchen auf dem Lehnstuhle sitzend zuzubringen, da mußte sie den Versuch dazu mit einer tiefen Ohnmacht bezahlen, die sie aufs neue schwächte und sie wieder um viele Tage zurückwarf.

Der Versuch mußte mehrmals wiederholt werden, ehe er gelang, aber es ging gut vorwärts, als er einmal gelungen war. Die jugendlichen Lebenskräfte regten sich wieder und, nachdem sie durch böse Mächte so lange gebunden gehalten waren, rangen sie nun selbst wacker mit gegen die Nachzügler der großen, verheerenden Krankheit. – Fritzi saß so im Lehnstuhle, als sie Rummel nach langer Zeit zum erstenmal wiedersah. Sie lächelte ihm freundlich zu und streckte ihm die feine, weiße, ach, so abgemagerte Hand entgegen.

»Oh, Rummel,« rief sie ihm mit noch immer schwacher Stimme entgegen, »dieses Mal hat nicht viel gefehlt, – mit einem Fuße stand ich schon im Grabe!«

»Denke daran nicht, Fritzi! Du mußt vorwärts blicken, – die Aussicht ist schöner!«

»Sie ist schöner. – Bist wieder vernünftig geworden, Rummel?«

»Ja, Fritzi! Mußt nicht bös sein auf mich! Ich hab' dich schon lang um Verzeihung bitten wollen. Ich muß nicht recht bei mir gewesen sein, wie ich dir die vielen Dummheiten gesagt hab'.«

»Was soll ich dann sagen? Ich war ja wirklich krank, viel früher, als wir alle es gewußt haben. Wenn mich da ein Richter verurteilt hätte, Rummel, – es wäre Justizmord gewesen. Denn ich war wirklich unzurechnungsfähig.«

»Um so vernünftiger hätte ich sein müssen, und ich war noch der viel größere Trottel!«

Fritzi lachte auf, und es klang wieder so hell und so fröhlich, wie seit langer, langer Zeit nicht; dann sah sie nachdenklich zu Rummel hinüber und rief ihn endlich an:

»Du, Franzi?«

»Willst was, Fritzi?« entgegnete Rummel, sich dienstbereit erhebend, um einen etwaigen Wunsch unverzüglich zu erfüllen.

»Nein, ich will nichts, bleib' nur sitzen. Ich habe nur sagen wollen, daß wir von der häßlichen Geschichte dem Rudi nichts erzählen wollen.«

»Natürlich nicht!«

»So natürlich ist das durchaus nicht! Es gehörte sich eigentlich, daß man ihm beichtet, aber es macht ihm vielleicht Unruhe, Kummer oder Ärger, – und das ist die Geschichte doch nicht wert, – nicht wahr? Auch glaubt er dann am Ende, daß mehr dahintersteckt, als wir ihm verraten wollen.«

»Es ist besser, nichts zu sagen. Ich wäre zu sehr blamiert!«

»Daraus würde ich mir nicht so viel machen, mein lieber Freund, aber wenn er sich Kummer, unnötigen, überflüssigen Kummer oder Verdruß machen würde, das würde mich kränken. Du kennst ihn nicht so wie ich, Rummel. Weißt du, das ist wirklich ein Mensch, vor dem man Respekt haben muß. In den Monaten, wo er da an meinem Bette gesessen ist, habe ich das erkannt. Er ist ein Mann, Rummel, und wir zwei, du und ich, wir können uns vor ihm verstecken!«

Rummel nickte still zu diesen Worten; sie waren zwar nicht sehr erbaulich für seine Eigenliebe, aber er hatte in der letzten Zeit selbst Urbany erst recht kennen gelernt, und sein Urteil deckte sich vollständig mit dem von Fritzi abgegebenen.

Es waren beglückende Feste für Urbany, als er nach der langen Haft die ersten Ausfahrten mit Fritzi machen durfte. Das erste Mal und noch das zweite und dritte Mal fuhren sie im geschlossenen Wagen, aber die Urbanysche Equipage war bekannt in Wien, und in der Hauptallee wandten die Leute die Köpfe, als sie die Livreen des gräflich Urbanyschen Hauses wieder auftauchen sahen. Und als dann gar Fritzi im offenen Wagen an der Seite ihres Mannes gesehen wurde, heiter wie in früheren Tagen und schöner denn je, frisch aufblühend wie eine junge Rose, da gab es gar viel zu reden. Das sollte eine verfehlte Ehe sein! Was doch die Klatschbasen da wieder einmal zusammengeschwefelt hatten! So sehen Leute nicht aus, die sich nicht vertragen. Die Buschendorfs und die Andritz fingen an, sich zu schämen und zu ärgern. Sie fanden es äußerst abgeschmackt und durchaus nicht comme il faut, sich jetzt noch, nach mehr als einjähriger Ehe, förmlich als Liebespaar aufzuspielen. Das war entschieden mauvais genre, – übrigens von einer gewesenen Schauspielerin nicht anders zu erwarten, aber er, der Urbany, der jetzt so sein glückseliges Gesicht spazieren führt, der sollte doch wissen, was sich gehört.

Inzwischen zerbrach sich aber Urbany den Kopf nicht darüber, was sich schickt, oder besser, was seine Standesgenossen ärgern könnte oder nicht, sondern gab sich ganz dem neugewonnenen, dem Tode abgerungenen Glücke hin. So sehr er aber auch aufging in der seligen Freude über sein neues Glück, es machten sich nun doch auch die Pflichten seines großen Besitzes geltend. Seit Monaten hatte er sich um gar nichts anderes auf der Welt gekümmert als um die teure Kranke, und mit Freuden hätte er all seine Besitztümer geopfert, hätte er ihr dadurch Erleichterung des Übels oder gar die Befreiung von demselben erkaufen können. Nun war es aber hohe Zeit, daß er nach dem Rechten sah. Er war ein Mann der Ordnung, und er hatte es immer mit seinen Pflichten als Majoratsherr ernst genommen.

Jetzt, da Fritzi wieder in voller Jugendfrische prangte, durfte er an die Abreise denken. Drei Wochen wollte er ausbleiben, um auf seinen Gütern persönlich Nachschau zu halten. Es war die erste Trennung in seiner Ehe, und Fritzi vergoß beim Abschied manche bittere Thräne. Er tröstete sie lächelnd und sagte ihr, daß sie in seiner Abwesenheit sehr viel zu thun haben werde. Sie müsse wieder stark werden wie früher und gesund wie eine Sennerin.

Fritzi befolgte seine Befehle. Von Tag zu Tag nahm sie zu an Kräften, und alle Welt war darüber einig, daß sie jetzt noch schöner und blühender sei als vor ihrer Heirat. – Der Bau war wieder in Angriff genommen worden, und er ging nun seiner Vollendung entgegen. Fritzi erschien täglich am Bauplatz, dann fuhr sie mit Frau Schönchen in den Prater oder sonst ins Freie in der schönen Umgebung von Wien. Die Zeit wurde ihr nicht lang, obschon sie sich aufrichtig und herzlich nach ihrem Manne sehnte. –

Von freudiger Erwartung getrieben und ungeduldig wie ein Bräutigam trat Urbany nach der schwer ertragenen dreiwöchentlichen Trennung die Heimreise an. Er hatte Fritzi seine Ankunft nicht angezeigt; er wollte sie überraschen. Wie schön hatte er sich das Wiedersehen ausgemalt! Er wird ohne Anmeldung in ihr Zimmer treten, sie wird ihm an die Brust fliegen, er wird sie herzen und küssen. Ein seliger Mann, dem ein solches Wiedersehen winkt!

Der Zufall war seinen schönen Träumen nicht günstig. Er betrat mit klopfendem Herzen Fritzis Zimmer – sie war nicht zu Hause, sie war mit Frau Schönchen ausgefahren. Er seufzte auf. Schade! Es wäre so schön gewesen. Er setzte sich in den Lehnstuhl an ihrem Schreibtisch und stützte den Kopf in die Hand. Sollte er da warten? Dazu hatte er die Geduld nicht. Nein, er konnte die Zeit noch benützen, ein Versäumnis gut zu machen. Er wollte ihr Blumen bringen zur Begrüßung. Der Sicherheit halber wollte er ihr aber doch eine Zeile zurücklassen.

Er öffnete die Schreibmappe, da fiel ihm ein beschriebenes Blatt entgegen. Er wollte es zurückschieben, um ein unbeschriebenes Blatt zu suchen, aber er hatte im Fluge Fritzis Handschrift erkannt. Fritzis Hand hatte auf jenem Blatt geruht, und deshalb war es ihm nicht mehr bedeutungslos, es zog ihn an, und er las. Er starrte auf das Blatt, und sein Antlitz verfärbte sich. Es wurde ihm schwarz vor den Augen, und er griff sich an die Stirne; er war betäubt, als hätte ihn ein Keulenschlag getroffen.

Was er da las, das war der verzweiflungsvolle Aufschrei innerer Verstörtheit, den Fritzi an Rummel richten wollte in der letzten Stunde, bevor sie die schon lange in ihr wühlende Krankheit niederwarf.

Urbany kannte den Zusammenhang nicht. Er sah nur sein Glück in jähem Sturz zertrümmert, unwiederbringlich verloren am Boden liegen. In seiner Abwesenheit mußte sich dieser für alle Zeit entscheidende Wechsel vollzogen haben, und er fluchte seiner Abwesenheit nicht. Ein Glück, das auf so schwachen Füßen stand, war nicht wert, künstlich und notdürftig erhalten zu werden. In seiner Abwesenheit, so schloß er, hatte die unreine Leidenschaft die zwei Menschen erfaßt, denen er so vertraut hatte!

Ein Gefühl des Ekels stieg in ihm auf, so mächtig und so furchtbar abscheulich, daß er sich von Grauen erfüllt schüttelte, und mit dem Ekel zugleich ein Zorn, der mit Wollust eine Welt vernichtet hätte.

Der Griff eines Papiermessers war in seine Faust geraten, er wußte nicht wie. Er suchte sich zu besinnen, wie das Messer in seine Hand gekommen sei. Dort lag eine Zeitung, die mit dem Messer ausgeschnitten worden war, und aus der menschlichen Doppelnatur heraus, die noch in der furchtbarsten Erregung den Sinn oft auch noch auf das Nichtigste zu lenken vermag, warf er einen Blick auf das Zeitungsblatt, und er las sogar, wenn auch wie verloren, einen Satz mitten heraus aus einer längeren Theaterkritik. Der Satz lautete: »Dumas freilich hat ein sehr bequemes Rezept dafür: ›Töte sie!‹«

* * *

 

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