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Nikolai Wassiljewitsch Gogol: Tote Seelen - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorNikolai Gogol
titleTote Seelen
seriesAusgewählte Werke in zwei Bänden
volumeErster Band
publisherAlbert Langen / München
yearo.J.
translatorKorfiz Holm
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140225
projectid78a3758b
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Achtes Kapitel

Tschitschikows Bauernkäufe wurden zum Stadtgespräch. Man redete, man stritt, man tauschte Meinungen aus, ob es denn überhaupt geraten wäre, Bauern zur Übersiedlung zu kaufen. Bei diesen lebhaften Debatten erwies es sich, daß viele Leute vorhanden waren, die sich in solchen Dingen großer Sachkunde berühmen durften.

»Natürlich,« sagten manche, »das ist schon so, darüber läßt sich gar nicht streiten: der Boden in den südlichen Provinzen ist ohne Zweifel gut und fruchtbar. Aber was fangen denn die Bauern Tschitschikows dort an, wenn sie kein Wasser haben? Und Flüsse gibt es einfach keine dort.«

»Der Wassermangel sagt noch gar nichts, Stepan Dimitrijewitsch, das wär' das Wenigste. Aber so eine Übersiedlung ist überhaupt eine gewagte Sache. Man kennt doch unsre Bauern: da sitzen sie auf unbekanntem Boden und sollen ihn bestellen, und haben dabei nichts von dem, was sie doch brauchen, – weder Hof, noch Hütte. Sie laufen ohne weiteres fort, so sicher, wie zweimal zwei nach Adam Riese vier ist. Sie brennen durch, – dann soll sie einer suchen!«

»Nein, Aleksé Iwanowitsch, Sie müssen schon gestatten, daß ich da andrer Meinung bin. Es ist ein Irrtum, wenn Sie glauben, daß Tschitschikows Leibeigene durchbrennen werden. Der richtige Russe ist zu allem fähig und akklimatisiert sich überall. Und schicken Sie so einen nach Kamtschatka, – wenn er nur warme Handschuhe bekommt, dann schlägt er seine Arme zehnmal kräftig über der Brust zusammen, damit das Blut in Fluß kommt, und greift zur Axt und baut sich munter eine neue Hütte.«

»Aber, Iwan Grigorjewitsch, du übersiehst die Hauptsache: bedenk doch erst, was Tschitschikows Leibeigene für Leute sind! Vergiß das eine nicht: kein Gutsbesitzer verkauft doch Bauern, die was taugen! Da möchte ich doch meinen Kopf verwetten: die Leute Tschitschikows sind Diebe und Trunkenbolde der allerschlimmsten Art, faul wie die Sünde und noch aufsässig dazu.«

»Gewiß, gewiß, das ist auch meine Meinung: bestimmt verkauft kein Gutsbesitzer Bauern, die nur das geringste taugen, und Tschitschikows Leibeigene sind ohne jeden Zweifel Säufer. Aber dabei muß man doch bedenken, daß eben darin die Moral von der Geschichte liegt, daß darin die Moral von der Geschichte recht eigentlich beschlossen ist: jetzt sind sie Taugenichtse, aber wenn sie erst auf den neuen Boden kommen, da können sie trotzdem die besten Arbeitsleute werden. Man hat ja Beispiele genug dafür; das kann man jeden Tag beobachten, und solche Fälle sind ja auch historisch nachgewiesen.«

»Ganz ausgeschlossen!« sagte der Inspektor der staatlichen Fabriken. »Sie dürfen überzeugt sein, daß das vollkommen ausgeschlossen ist. Für Tschitschikows Leibeigene gibt es da zwei fürchterliche Feinde. Der erste Feind, – das ist die Nachbarschaft Kleinrußlands, wo, wie bekannt, der Branntweinhandel frei ist. Sie können Gift drauf nehmen: in zwei Wochen sind sie total versoffen und auf dem Wege zum Delirium. Der zweite Feind ist, daß der Bauer sich bei der Übersiedlung sicher an die Landstreicherei gewöhnt. Da müßte Tschitschikow schon selbst bei Tag und Nacht ein Auge auf sie haben, er müßte sie stramm halten ohne Gnade und wegen jeder Kleinigkeit den größten Krach vollführen. Und es genügt nicht, daß er sich in dieser Sache etwa auf andere verläßt, – persönlich muß er diese Bande, sobald es irgend nottut, mit Maulschellen und Fußtritten traktieren.«

»Warum in aller Welt soll Tschitschikow sich selber damit plagen, Maulschellen auszuteilen? Dafür gibt es doch Verwalter.«

»Ja, schaffen Sie mal einen her! Das sind ja alles Schwerverbrecher.«

»Wenn der Verwalter ein Halunke ist, dann ist der Herr bloß selber schuld, weil er sich nicht genügend um die Wirtschaft kümmert.«

»Sehr richtig!« riefen mehrere. »Versteht der Herr nur etwas von der Wirtschaft, und kennt er sich ein bißchen mit den Leuten aus, – dann ist auch der Verwalter gut.«

Doch der Inspektor wendete hiergegen ein, fünftausend Rubel koste ein tüchtiger Verwalter mindestens. Wogegen wieder der Direktor sagte, man fände leicht schon für dreitausend Rubel einen. Worauf dann der Inspektor schroff entgegnete: »Wo soll so einer sitzen? Wohl in Ihrer Nase?« Worauf dann wieder der Direktor sagte: »In meiner Nase nicht! Sie finden aber ohne Schwierigkeit genug davon in unserm Kreis. Zum Beispiel: Pjotr Petrowitsch Samoilow. Das wäre der gegebene Verwalter, der Tschitschikows Leibeigene im Zaune halten könnte!«

Viele der Herren dachten sich sehr lebhaft in unseres Helden besondere Situation hinein und waren einfach tief erschüttert angesichts der Schwierigkeiten, die sich für ihn aus der Verpflanzung von Bauern in so großer Zahl nach unbekannten Gegenden ergeben würden; sie hatten Sorge, daß es unter so aufgeregten Elementen, wie es die Bauern Tschitschikows doch wären, selbst zu einer förmlichen Revolte kommen könnte. Doch hierzu sagte der Polizeimeister, daß er Revolten nicht befürchte. Dafür sei der Landrichter da, der schon die nötigen Befugnisse in Händen hätte. Er brauchte sich nicht erst persönlich zu bemühen; wenn er an seiner Stelle auch bloß seine Mütze zu den Bauern schickte, so würde das genügen, die Bande völlig einzuschüchtern und an den Ort zu jagen, wo sie Tschitschikow hin haben wollte.

Nun wurden Vorschläge darüber ausgetauscht, auf welche Art man wohl am besten die Neigung zu Revolten dämpfen könnte, die man bei den Leibeigenen unseres Helden als ganz selbstverständlich ansah. Man war darin verschiedener Meinung. Der oder jener redete einer beinahe übertriebenen militärischen Strenge und unbarmherziger Zucht das Wort; so mancher andere war ganz im Gegenteil für sanftere Methoden. Der Postmeister zum Beispiel fand, daß Tschitschikow hier heilige Pflichten übernommen hätte, – er könnte seinen Bauern so etwas wie ein Vater werden, er könnte, wie er das ausdrückte, die helle Glut der Aufklärung in ihren Herzen schüren. Und dies gab ihm Gelegenheit, das Lancastersystem für gegenseitigen Unterricht mit hohem Lobe zu bedenken.

So redete und debattierte die ganze Stadt. Und manche trieb ihr gutes Herz, auch Tschitschikow persönlich mit wohlweisem Ratschlag auf den Leib zu rücken. Es gab darunter Menschenfreunde, die dafür waren, er solle seine Bauern zur Sicherheit durch Militär an ihren neuen Wohnsitz eskortieren lassen. Tschitschikow dankte herzlich erfreut für jeden Rat und sprach die Hoffnung aus, sich seiner, wenn es die Gelegenheit erfordere, mit Vorteil zu bedienen. Nur das soldatische Geleite erklärte er für gänzlich überflüssig; denn seine Bauern wären friedlich von Natur und siedelten aus freien Stücken so gern in die chersoner Gegend über, daß irgend so etwas wie Aufruhr und Revolte bei ihnen völlig ausgeschlossen sei.

All das Gerede aber zog für Tschitschikow die angenehmsten Folgen nach sich, die er sich irgend wünschen konnte, – Fama erklärte ihn schlechthin für einen Millionär. Nun hatten die Bewohner der Provinzialhauptstadt, wie wir ja aus dem ersten Kapitel dieses Buches wissen, unseren Helden schon ohnehin von Herzen liebgewonnen, – auf Grund so freundlicher Gerüchte gewannen sie ihn noch viel lieber. Um ihnen übrigens nichts Falsches nachzusagen, – sie waren sämtlich brave Leute, sie lebten unter sich im besten Einvernehmen, in Frieden und in Freundschaft, und ihr Verkehrston war angefüllt von Biederkeit und Wärme: »Mein alter Freund und Kupferstecher Ilja Iljitsch ...!« – »Du, hör mal, Antipator Sacharjewitsch, mein Heißgeliebter ...!« – »Das lügst du glatt in deinen Hals, Iwan Grigorjewitsch, mein süßer Schneck ...!« Und was den Postmeister betraf, so pflegte man ihn oft im Scherz zu fragen: »Parlewuh frangßeh, Herr Postmeister?« – Kurzum, es machte fast den Eindruck, als ob sie allesamt nur eine größere Familie wären. Es gab auch Leute von der feinsten Bildung in der Stadt. So kannte der Gerichtsdirektor die »Ludmilla« Schukowskis auswendig, die damals noch den vollen Schmelz der Neuheit an sich trug, und wußte viele Stellen aus dem Poem ganz meisterhaft zu rezitieren, zum Beispiel die berühmten Verse: »Es ruht der Wald, es schläft das Tal ...« Das Wörtchen »horch« ließ er so zart verhauchen, daß man das Tal ganz einfach schlafen sah; um diesen Eindruck zu verstärken, schloß er dabei auch noch die Augen. Der Postmeister hingegen befaßte sich vielmehr mit philosophischen Problemen und las mir großem Eifer bis an die mitternächtige Stunde in den »Nachtgedanken« von Young und in dem »Schlüssel zu den Naturgeheimnissen« von Eckartshausen. Er machte sich auch längere Exzerpte aus den genannten Werken, – zu welchem Zweck, das wußte allerdings kein Mensch. Im übrigen war er ein Mann von Witz und außerdem ein Drechsler schöner Worte, dem alles daran lag, die Rede, wie er selbst es nannte, etwas stattlich »aufzutakeln«. Und seine Rede takelte er besonders durch Anwendung der mannigfachsten Flickwörter auf, wie etwa: »Ach lieber Himmel, wie es eben so ist, wenn man es recht betrachtet, müssen Sie nämlich wissen, verstehn Sie, stellen Sie sich vor, gewissermaßen, sozusagen,« und so fort; des weitern takelte er seine Rede sehr wirksam durch ein schlaues Blinzeln des rechten Auges auf, wobei er gleichzeitig das linke zukniff, was seinen fein satirischen Bemerkungen noch eine ganz besondre Schärfe lieh. Doch auch die andern Herren waren mehr oder weniger gebildet: der eine las die Werke Karamsins, der andre den »Moskauer Courier«, der dritte las hingegen überhaupt nie eine Silbe. Manch einer war ein Schlafsack, der immer einen Fußtritt haben mußte, bevor er etwas tat; manch einer war ein richtiges Murmeltier und lag sein Leben lang nur auf der faulen Haut, so daß es überflüssige Mühe war, ihn anzutreiben, – nichts in der Welt vermochte ihn zu wecken. Was nun die äußere Erscheinung betrifft, so wurde schon berichtet, daß sie als stattliche und wohlgestalte Leute wirkten, – da gab es keinen Schwindsuchtskandidaten. Es waren Männer von der Statur, die Frauen in vertrauten Schäferstündchen zu Kosenamen hinreißt, wie: »Mein Wonnekloß, mein Dickerchen, mein Knödel, mein Pummelchen, mein süßer Pamps ...!« Im ganzen durften sie als wirklich nette Leute gelten und als gastfrei von Natur, – wer einen Löffel Suppe in ihrem Kreis zu sich genommen oder dort gar einen Abend lang am Kartentisch gesessen hatte, war schon ihr bester Freund, – zumal wenn sich's um einen Mann von so bestrickenden Eigenschaften und Manieren handelte wie Tschitschikow, der in der Tat die Kunst, den Leuten zu gefallen, meisterlich verstand. Man hatte ihn hier in der Stadt so liebgewonnen, daß er nicht wußte, wie er sich aus den Armen seiner neuen Freunde reißen solle; ein jeder bat ihn dringend: »Eine Woche, nur eine kleine Woche noch verweilen Sie bei uns, Herr Tschitschikow!« Kurzum, man trug ihn auf den Händen.

Weitaus am stärksten aber war der Eindruck, den Tschitschikow (höchst sonderbarerweise) den Damen der Stadt N. in ihre Seelen prägte. Um dieses halbwegs zu erklären, müßte man zunächst wohl allerlei von diesen Damen sagen; man müßte, wenn der Ausdruck mir gestattet ist, ihr inneres Wesen mit pastosem Farbenauftrag porträtieren; doch hierbei tut sich der Verfasser schwer. Das erste Hemmnis ist für ihn sein abgrundtiefer Respekt vor den Gemahlinnen so hoher Würdenträger, das zweite Hemmnis ... Hm, das zweite Hemmnis ist eben – die Schwierigkeit der Aufgabe an sich. Die Damen von N .... Ach Gott, es ist mir schlechterdings unmöglich, weil ich einmal zu schüchtern bin. Was an den Damen der Stadt N. besonders in die Augen sprang, war eine ... Nein, es ist dich wie verhext, – ich kann die Feder fast nicht heben, als wäre der Gänsekiel mit Blei gefüllt. Na also, geben wir es auf! Von ihrem innern Wesen soll ruhig ein andrer das Porträt entwerfen, der stärkere und reichere Farben auf der Palette hat als ich! Ich sage bloß zwei Worte von ihrem Äußeren und von den Dingen, die an der Oberfläche liegen. Die Damen der Stadt N. waren in hohem Grade »kultiviert«, und darin darf man sie allen Damen auf der ganzen Welt als Muster vor die Augen stellen. Was angemessenes Benehmen, guten Ton und seine Etikette, was Kenntnis der verzwicktesten gesellschaftlichen Nuancen und der intimsten Kleinigkeiten der allerneuesten Mode angeht, – da durften sie sich selbst den Damen von Petersburg und Moskau mindestens gewachsen fühlen. Geschmackvoll angezogen, rollten sie in modischen Kaleschen durch die Stadt, nie ohne Diener in prächtiger Livree mit goldnen Tressen hintenauf. Eine Visitenkarte, mochte der Name auch nur schlechtweg auf eine Treff-Zwei oder ein Carreau-Aß geschrieben sein, war ihnen in der Tat ein Kultusgegenstand. Um einer schäbigen Visitenkarte willen hatten sich kürzlich erst zwei Damen, die eng befreundet und dazu Kusinen waren, völlig miteinander überworfen, – weil eine von den Damen eine Visite der andern nicht erwidert hatte. Wie sehr sich auch nachher die beiden Ehemänner mitsamt der übrigen Verwandtschaft um ihre Aussöhnung bemühten, – es war umsonst, – man mußte einsehn, daß alles hier auf Erden möglich ist, und bloß das eine nicht: zwei Damen zu versöhnen, von denen eine die Visite der andern nicht erwidert hat. So blieben also die zwei Damen »auf gespanntem Fuße«, wie man das in N. zu nennen pflegte. Oft führte auch die Rangordnung bei Tisch zu leidenschaftlich bittern Szenen, so daß sich selbst die Ehemänner dadurch genötigt sahen, in edel ritterlicher Aufwallung für ihre Frauen einzutreten. Duelle freilich entstanden dadurch nicht, weil sie ja alle Gott sei Dank Zivilbeamte waren, – statt dessen suchte man sich gegenseitig, wo es irgend ging, die Ehre abzuschneiden, was ja bekanntlich sehr viel bösere Wunden schlagen kann als ein Duell. Im Punkt der Sitte waren die Damen von N. sehr streng, ein heiliger Eifer gegen Unmoral und lockeres Benehmen erfüllte ihre Seelen, und jeder Schritt vom Wege wurde schonungslos verurteilt. Geschah trotz alledem doch hie und da, wie man zu sagen pflegt, »was andres«, – nun, dann geschah es wenigstens in aller Heimlichkeit, so daß kein Ärgernis gegeben wurde. Man wahrte das Gesicht. Dies tat sogar der Ehemann, der etwa merkte, daß ihm von seiner Frau »was andres« widerfuhr, – er zog sich klüglich auf den altbewährten Grundsatz zurück: »Dem Reinen ist alles rein«. Schließlich sei noch das eine nicht vergessen, daß sich die Damen der Stadt N., genau wie viele Petersburger Damen, der allergrößten Feinheit und Wohlanständigkeit in Worten und in Ausdrücken befleißigten. Sie sagten nie: »Ich schnäuze mich, ich schwitze, ich spucke aus,« sondern statt dessen etwa: »Ich soulagiere mir die Nase, ich bediene mich meines Taschentuchs.« Für ordinär und ungebildet im höchsten Grade hielt man es, zu sagen: »Der Teller da, dies Glas da stinkt,« man konnte das nur fein umschrieben so andeuten: »Der Teller da führt sich schlecht auf.« Zur weiteren Veredlung unserer Muttersprache tat man summarisch gut die Hälfte aller russischen Wörter in Acht und Bann; deswegen mußte man sich zum Ersatz ausgiebig des Französischen bedienen. Und damit war's nun freilich ganz was anderes: in dieser Sprache durfte man unbedenklich Worte brauchen, die die verpönten russischen an Deutlichkeit weit übertrafen. – Das wäre wohl so ziemlich alles, was von den Damen dieser Provinzialhauptstadt zu sagen ist, wenn man sich an die Oberfläche hält. Natürlich, wenn man tiefer in ihr Inneres blicken wollte, dann gäbe es noch mancherlei ... Doch scheint es zweifellos gewagt, den Damen gar zu tief ins Herz zu blicken. Beschränken wir uns lieber auf die Oberfläche und kommen wir zur Sache!

Im Anfang hatten sich die Damen der Stadt N. nicht eigentlich sehr viel mit Tschitschikow beschäftigt, wenn seinen angenehmen Umgangsformen von ihrer Seite aus auch alle Gerechtigkeit geschah. Aber sobald sie nun erfuhren, daß er ein Millionär sei, entdeckten sie mit einemmal noch eine Menge sonstiger Vorzüge an ihm. Dies soll durchaus nicht heißen, daß die Damen der Stadt N. so furchtbar »interessiert« gewesen wären. Der Klang des Wortes Millionär erregte sie weit stärker als eigentlich der große Geldbeutel, der sich dahinter barg. Und übt dies Wort nicht einen rätselhaften Zauber auf Schurken, auf Philister und auf bessere Menschen, – kurzum, auf jeden ohne Ausnahme? Ein Millionär hat mehr Gelegenheit als andere Leute, die nackte, jedes Zwecks entkleidete Erbärmlichkeit zu sehen, die nicht einmal durch Eigennutz erklärt wird. Manch einer weiß genau, daß er von diesem reichen Mann nie etwas haben wird, daß ihm das kleinste Anrecht fehlt, von ihm nur einen Groschen zu erwarten, – macht nichts: er läuft ihm in den Weg, wo es sich irgend tun läßt, und grinst ihn an und zieht den Hut vor ihm, er buhlt um eine Einladung für ein Diner, zu dem der Millionär geladen ist. – Fern liegt es mir, unhöflich zu behaupten, daß unsere Damen etwas von dieser Art Erbärmlichkeit besessen hätten, – trotzdem vernahm man neuerdings in manchen Boudoirs das Urteil, Tschitschikow sei zwar kein Musterbild von Schönheit, aber er sähe immerhin so aus, wie es für einen Mann das Richtige wäre; noch dicker freilich dürfte er nicht werden, – er sei jetzt gerade auf der Grenze. Es wurde sogar eine Stimme laut, die die Gelegenheit benutzte, den dünnen Männern einen Hieb zu geben und voll Bosheit zu bemerken, sie sähen Zahnstochern viel ähnlicher als richtigen Menschen. – Die Toiletten der Damenwelt erfuhren allerhand verschönernde Ergänzungen. In den Manufakturgeschäften gab es eine heftige Drängelei; es war der reinste Korso, – so viele Kutschen fuhren an den Läden vor. Die Ellenreiter staunten einfach: da hatten sie verschiedene Stoffe auf den Messen eingekauft, die längere Zeit schon des zu hohen Preises wegen wie Blei auf den Gestellen lagen, – nun gingen sie auf einmal reißend ab und waren wie im Handumdrehn vergriffen. Eine sehr hübsche Dame kam zum Hochamt in den Dom mit einem solchen Reifrock unter ihrem Kleide, daß sie allein die halbe Kirche füllte. Der Polizeiwachtmeister vom Dienst sah sich genötigt, das gemeine Volk bis in die Vorhalle zurückzudrängen, – sonst hätte ja die Robe der Gnädigen zerknittert werden können.

Tschitschikow selber mußte es am Ende inne werden, wie lebhaft er die weiblichen Gemüter beschäftigte. Denn eines Tages fand er bei der Heimkehr in den Gasthof einen Brief vor, – woher er kam, von wem er stammte, das war unmöglich zu ergründen. Der Kellner meldete geheimnisvoll, es hätte ihn jemand gebracht, doch wer der Überbringer wäre, sei ihm verboten worden, mitzuteilen. Der Brief begann sehr resolut mit diesen Worten: »Geschehe, was da will: ich muß Dir schreiben!« Des weiteren wurde festgestellt, daß es so was wie eine tiefgeheime Sympathie der Seelen gebe; dieser erschütternd neuen Wahrheit war als Bestärkung eine Reihe Punkte angehängt, die eine halbe Zeile füllten. Es folgten einige Gedanken von so unzweifelhafter Richtigkeit, daß ich mich nicht enthalten kann, sie abzuschreiben: »Was ist das Leben? – Nur ein Tal des Jammers und der Tränen! Was ist die Welt? – Nur ein Gewimmel seelenloser Dutzendmenschen!« So im Vorübergehn erwähnte die Schreiberin noch, daß sie die Briefe ihres lieben, ihr schon seit fünfundzwanzig Jahren entrissenen Mütterleins mit heißen Zähren netze, und flehte Tschitschikow beweglich an, mit ihr in eine Einöde zu fliehen, für ewig fort aus dieser dumpfen Stadt, in deren Mauern ein freier Mensch nicht atmen könne. Der Schluß des Schreibens atmete die ehrlichste Verzweiflung und tönte in die Verse aus:

»Zwei Turteltäubchen führen
Dich an mein kühles Grab.
Dann wird dein Herz es spüren.
Daß ich mich totgeweint hab'!«

Die letzte Zeile hinkte zwar ein bißchen stark; aber was hatte das zu sagen? Der Brief war ganz im Geiste jener Zeit. Er trug nicht Unterschrift noch Datum. In einer Nachschrift war bemerkt, daß unseres Helden Herz die Schreiberin erraten müsse. Und morgen abend auf dem Ball beim Präsidenten, da würde sie zu finden sein.

Tschitschikow war wirklich beinah erregt. Die Anonymität vor allem gab diesem Briefe etwas so Verführerisches und weckte seine Neugier auf eine Art, daß er ihn noch zwei-, dreimal durchlas und dann sagte: »Na ... würde mich schon interessieren, wer das geschrieben haben mag!« Die Sache ging ihm ernstlich nach, – er konnte eine Stunde lang an gar nichts anderes denken. Doch schließlich zuckte er die Achseln und sprach mit schiefgelegtem Kopf: »Im Grunde ist der Brief doch reichlich überspannt!« Und hierauf falzte er, wie sich von selbst versteht, den Bogen sorgfältig zusammen und legte ihn in die Kassette zu einem Konzertprogramm und einer Vermählungsanzeige, die dort seit sieben Jahren schon in nie gestörter Ruhe lagen. Über ein kurzes brachte ihm dann in der Tat ein Bote des Regierungspräsidenten die Einladung zum Ball. Derartige Feste gehören in Provinzialhauptstädten ja nicht zu den Seltenheiten. Wo's einen Präsidenten gibt, da gibt's auch Bälle. Sie sind das beste Mittel für das Haupt des Kreises, sich bei den Adligen beliebt und angesehen zu machen.

Tschitschikow schob alle unnützen Allotria beiseite und konzentrierte seine ganze Kraft darauf, sich für den Ball bezaubernd herzurichten. Wir kennen ja die Gründe, die ihn zu solchem Eifer stachelten und trieben. Vielleicht hat seit Erschaffung dieser Erde noch nie ein Mensch solch eine Menge Zeit für seine Toilette aufgewendet. Fast eine volle Stunde verbrachte unser Held allein mit der Betrachtung seines Antlitzes im Spiegel. Er setzte probeweise die mannigfachsten Mienen auf: erst eine gemessen stolze, dann eine von Respekt erfüllte, die durch ein leises Lächeln abgemildert wurde, dann eine noch respekterfülltere, bei der das Lächeln gänzlich in Hochachtung erstorben war ... Er machte vor seinem Spiegelbild Verbeugungen und murmelte dazu was Unverständliches, das täuschend nach Französisch klang, wiewohl er vom Französischen nicht den geringsten Schimmer hatte. Er kokettierte neckisch mit sich selber, blinzelte verwegen unternehmend, spitzte die Lippen voller Schelmerei und zeigte sich sogar diskret die Zunge. Du lieber Gott, was tut ein Mensch nicht alles, wenn er mit sich allein ist und das Bewußtsein hat, ein schöner Mann zu sein, und dabei überzeugt sein darf, daß ihn bestimmt kein anderer durchs Schlüsselloch belauscht! Zuletzt gab er sich einen leichten Backenstreich, rief seinem Spiegelbilde zu: »Hör auf, du kleiner Mops!« und zog sich an. Aber auch während er damit beschäftigt war, blieb er die ganze Zeit in strahlend froher Laune. Er knöpfte seine Hosenträger an und band sich die Krawatte und machte gleichzeitig die schönsten Kratzfüße, die elegantesten Verbeugungen. Selbst einen Entrechat versuchte er, obgleich er schon von Jugend auf kein Tänzer war. Infolge dieses Entrechats kam die Kommode fast ins Wackeln, und eine Bürste fiel vom Tisch ...

Tschitschikows Erscheinen auf dem Ball verursachte bei aller Welt die größre Sensation. Man stürzte ihm entgegen. Manch einer hatte noch die Karten in der Hand, manch einer war gerade mitten in der besten Unterhaltung und sagte eben: »Darauf erwiderte das Kreisgericht ...« Doch was das Kreisgericht erwidert hatte, blieb ein Geheimnis, denn der Erzähler eilte, bei der Begrüßung unseres Helden nicht zu spät zu kommen. »Herr Tschitschikow! Sieh da, Herr Tschitschikow! Ah, lieber Tschitschikow! Verehrrester Herr Tschitschikow! Mein guter Tschitschikow! Da sind Sie ja, Herr Tschitschikow! Da ist ja unser Tschitschikow! An meine Brust, mein lieber Tschitschikow! Ach, geben Sie ihn frei, – ich muß den teuern Tschitschikow doch auch umarmen!« Tschitschikow wanderte aus einer Umarmung in die andre. Er hatte sich kaum aus den Armen des Gerichtsdirektors losgemacht, da fand er sich schon in den Armen des Polizeimeisters; der legte ihn dann in die Arme des Physikus, als nächster kam der Branntweinpächter an die Reihe, wieder als nächster der Stadtbaumeister ... Und der Regierungspräsident, der bei den Damen stand, in einer Hand eine Devise aus einem Knallbonbon und in der andern ein Bologneserhündchen, ließ bei dem Anblick unseres Helden beides fallen, worüber der kleine Hund ein gräuliches Gequiek erhob, – kurzum, die Lust und Freude beim Anblick Tschitschikows war allgemein. Es gab im ganzen Saale kein Gesicht, das nicht geleuchtet hätte vor Vergnügen, oder doch wenigstens von einem Abglanz des Vergnügens der anderen. – Man konnte dabei an die Mienen denken, die die Beamten einer Kanzlei bei der Besichtigung durch einen von auswärts zugereisten höheren Vorgesetzten zeigen. Wenn sich der erste Schreck gelegt hat und sie merken, daß seine Exzellenz im allgemeinen nicht unzufrieden ist, und wenn sich schließlich der Gestrenge selber zu einem kleinen Scherz herabläßt, das heißt, mit liebenswürdigem Lächeln ein paar halblaute Worte hinwirft, – o, dann strahlt ihm dieses Lächeln schon verdoppelt aus den Gesichtern der Beamten wider, die ihm am nächsten stehen; aus vollem Halse lachen die Entfernteren, die kaum etwas von dem erhorchen konnten, was er sagte; und selbst der Polizist, der ganz im Hintergrunde an der Ausgangstür postiert ist, der nie in seinem Leben noch gelächelt, der erst vor zwei Minuten draußen dem frechen Volk die harte Faust gezeigt hat, – selbst dieser Polizist verzieht, nach den allmächtigen Gesetzen des Reflexes, sein Gesicht zu einem Lächeln, das freilich eher wirkt, als reize ihn ein kräftiger Schnupftabak zum Niesen.

Unser Held stand jedem liebenswürdig Red' und Antwort und fühlte sich dabei in sehr gehobener Stimmung, förmlich in einem leichten Rausche; er verbeugte sich nach rechts und links, ein wenig unbeholfen, wie es seine Art war, und doch so nett und so manierlich, daß alle sich bezaubert fühlten. Die Damen schlossen sich um ihn zum Kranz und führten ganze Wolken von Wohlgerüchen aller Art mit sich: die eine roch nach Rosen, die andere nach Märzenveilchen, die dritte war getränkt mit würzigem Resedaduft; Tschitschikow hob die Nase und schnupperte entzückt. Gekleidet waren diese Damen mir auserlesenem Geschmack. Atlas, Musselin und Nessel von so diskret gedämpften Modefarben, daß unsere Sprache keine Namen dafür hat, – so raffiniert erwies sich der Geschmack der holden Frauen. Bandschleifchen und Bukettchen waren in malerischster Unordnung über die Kleider hingestreut; um diese Unordnung hervorzubringen, hatte so manche von den Schönen sich gar sehr den Kopf zerbrechen müssen. Der leichte Kopfputz schwebte sozusagen auf den rosigen Ohren; es war, als ob er rufen wolle: – Hei, ich flieg' davon! Nur schade, daß ich meine schöne Dame nicht mit mir in die Luft entführen kann! – Die Büsten waren geschnürt und zeigten herrlich stramme, angenehme Formen (hierbei sei darauf hingewiesen, daß die Damen der Stadt N. recht üppig waren, doch sich so geschickt zu schnüren wußten und sich so anmutig bewegten, daß man von ihrer Dicke nichts bemerkte). Alles an ihrer Toilette war diktiert von Überlegung und dem klügsten Zielbewußtsein: Hals und Schultern wurden genau so weit entblößt, wie es dem Zweck entsprach, und keinen Zoll breit weiter; jede Dame zeigte von ihren Herrlichkeiten gerade nur das Stück, daß ihrer Meinung nach geeignet war, die Männer wahnsinnig zu machen. Die übrigen Regionen wurden mit äußerstem Geschmack verschleiert: eine Rüsche aus Tüll, weit zarter noch als jenes luftige Gebäck, das man »Baiser« nennt, umhüllte zephyrleicht den Hals, oder es lugten unter den Achselbändern jene plissierten kleinen Paravents aus Glasbatist hervor, die man sehr treffend »Diskretiönchen« nennt. Mit solchen »Diskretiönchen« verdeckt man vorn wie hinten alles, was keinen Mann mehr wahnsinnig zu machen in der Lage ist, und schürt zugleich den Glauben, unter ihnen berge sich eben das, was jeden Mann zur Raserei entflammen müsse. Die langen Handschuhe trug man nicht ganz bis an die Ärmel in die Höh gezogen, sondern man ließ mit klüglicher Berechnung ein Stückchen der berückend prallen Oberarme frei; bei einigen der Damen waren die Glacés sogar beim Anziehn vor der Fülle des Inhalts aufgeplatzt, – kurzum, wohin man sah, da stand mit unsichtbarer Schrift geschrieben: – Nicht wahr, das schmeckt nicht nach Provinz? Das schmeckt nach Weltstadt, schmeckt ganz einfach nach Paris! – Nur selten tauchte inmitten all der Eleganz ein Häubchen auf, wie man es nirgends sonst auf dieser Welt erblickt hat; oder eine Pfauenfeder, die allen Vorschriften der Mode Hohn sprach, wenn sie auch ihrer Trägerin sehr gut gefiel. Nun, ohne das geht es nicht ab, – Provinzstadt bleibt Provinzstadt; an irgendeiner Stelle kommt doch der Pferdefuß hervor.

Tschitschikow stand froh erregt den Damen gegenüber und dachte sich in seinem Sinn: – Und welche mag nun die Schreiberin des Briefes sein? – Er streckte neugierig den Kopf vor, aber ihn verwirrte diese Fülle von Armen, Aufschlägen, von Ärmeln, Schleifen, durchsichtigen Fichus und Kleidern. Die Tänzer traten zum Galopp an und sausten durch den Saal. Die Frau des Postmeisters, der Kreisrichter, dann eine Dame mit hellblauer Feder, eine Dame mit schneeweißer Feder, ein Fürst Tschipchaichilidsew aus Grusien, ein höherer Beamter aus Petersburg, ein höherer Beamter aus Moskau, Monsieur Coucou, ein richtiger Franzose, Herr Perchunowski, Herr Berebendowski, – das alles tauchte nacheinander aus dem Gewühl und flog vorüber ...

– Herrgott, bei all den Weibern soll der Kuckuck wissen, wer das geschrieben hat! sprach Tschitschikow zu sich und wich den Tänzern aus. Doch als die Damen auf den Stühlen längs den Wänden Platz genommen hatten, da ließ er wiederum die Blicke schweifen und wollte in den Gesichtern und den Augen lesen, wer ihm den Brief geschrieben hätte; aber aus den Gesichtern und den Augen ließ sich nichts entnehmen. Denn jede von den Damen zeigte so ein gewisses Etwas im Gesicht, so ein diskretes Einverständnis ...! – Nein, sagte Tschitschikow zu sich, die Weiber, – das ist schon so ein Kapitel ... – Er machte eine resignierte Bewegung mit der Hand. – Es ist umsonst, ein Wort darüber zu verlieren! Da soll's doch einer unternehmen, bloß dies verzwickte Lächeln, dies ganz geheime Blinzeln zu beschreiben, – nein, das beschreibt kein Mensch! Schon ihre Augen, ohne all das andre, sind so ein grenzenloses Reich, – wenn einer sich da drin verirrt, ist er verloren und verschollen! Und keiner wirft ihm einen Strick zu, der ihn wieder herausziehn kann! Man soll es nur versuchen, auch nur den Glanz von Weiberaugen zu beschreiben; feucht ist er, samten, süß, weiß Gott, was er noch sein kann: hart, weich, matt, trunken hingegeben, oder auch gar nicht trunken und trotzdem gefährlicher als trunken, – er schneidet dir ins Herz und spielt auf deiner Seele wie ein Fiedelbogen. Nein, um die Frauen zu bezeichnen, gibt es kein Wort, – verfluchte Zierliesen, das ganze weibliche Geschlecht, und weiter nichts.

Pardon! Ich fürchte, unser Held hat da ein Wort gebraucht, das dem Jargon der Gasse entsprungen ist. Aber was soll man machen? Wer russisch schreiben muß, hat es recht schwer. Und wenn in einem Buch einmal ein Wort aus dem Jargon der Gasse auftaucht, ist nicht der Autor daran schuld, – die Schuld trägt nur der Leser, und insbesondere der Leser aus unserer haute volée. Von ihm hörst du ja nie ein Wort, das ehrlich russisch ist, statt dessen aber viel mehr deutsche und französische und englische, als du begehrst, und noch dazu in tadelloser Aussprache, – französisch reden sie mit elegantem Schnarren durch die Nase und englisch in dem Tone eines Vogels, der zum Sprechen abgerichtet ist; sie sehn sogar wie ein gelehrter Vogel dabei aus und finden jeden komisch, der die Art von Miene nicht zustande bringt. Von russisch wollen sie nichts wissen; und packt sie doch einmal der Patriotismus, dann bauen sie sich allerhöchstens aus ihrem Sommersitz ein Gartenhaus im heimatlichen Stil. So sind die Leser aus der russischen haute volée, und ihnen tun es die andern nach, die auch zur haute volée gerechnet werden möchten! Und anspruchsvoll sind sie dabei ...! Vom Schriftsteller verlangen sie den strengsten, korrektesten und adeligsten Stil, – kurz sie verlangen, daß die Muttersprache ganz von selber plötzlich aus den Wolken falle, gefeilt und fein poliert, und sich den Leuten fertig zum Gebrauch auf ihre faulen Zungen lege, damit ein jeder nur sein Mundwerk aufzutun und wohlgesetzte Worte über seine Lippen ausströmen zu lassen brauche. – Ganz ohne Zweifel ist das weibliche Geschlecht ein schwieriges Kapitel, aber wenn ich ganz ehrlich sein darf, liebe Leser, muß ich gestehen, daß auch ihr kein leichteres Kapitel seid.

Tschitschikow fand es je länger, je unmöglicher, herauszubringen, wer von den Damen den bewußten Brief geschrieben hätte. Denn jede Dame, die er schärfer prüfend in die Augen faßte, reagierte sofort mit einer Miene, die sanfte Hoffnungen und süße Qualen aus das Herz des armen Sterblichen herniedertauen ließ. So gab er es am Ende auf und sprach zu sich: – Es ist umsonst! Ich werd' es nie erraten! – Aber das störte seine gute Laune nicht. Er tauschte mit den Damen sehr beredt und zwanglos Komplimente und trippelte mir kleinen Hahnentritten auf die und jene zu, – kurz, er benahm sich ganz wie einer von den älteren Schwerenötern, die geschäftig auf hohen Hacken um die Damenwelt herumscharwenzeln, und die der Volksmund mit Humor »Karnickelhengste« nennt. Er trippelte und drehte sich nach rechts und links und schrieb beim Kratzfußmachen mit den Stiefelspitzen zierliche Schnörkelchen und Fragezeichen auf den Boden. Die Damen waren einfach weg und fanden ihn nicht nur ausnehmend nett und liebenswürdig, – nein, sie entdeckten auch in seinen Zügen ganz ernstlich etwas Hoheitsvolles, ja, mehr noch, etwas heldisch Martialisches; und dafür haben ja die Frauen, wie man weiß, viel übrig. Ein paar von ihnen kamen um seinetwillen fast in ernste Differenzen. Man hatte beobachtet, daß er sich meist dicht an der Türe aufhielt; und mehrere der Damen bemächtigten sich darum in heimtückischer Überrumpelung der Stühle, die zunächst der Türe standen. Gelang nun einer dies Manöver, dann fehlte nicht viel daran, daß eine der enttäuschten Nebenbuhlerinnen ihr den fürchterlichsten Auftritt machte. Fast jede von den Schönen hätte ums Leben gerne dort gesessen und fand infolgedessen das Benehmen der Flinkeren, die ihr zuvorgekommen waren, ekelerregend zudringlich und schamlos.

Tschitschikow unterhielt sich so ausgezeichnet mit den Damen, oder vielmehr die Damen unterhielten ihn so ausgezeichnet und überschwemmten ihn mit einem solchen Schwall von geistreichen und seinen Doppelsinnigkeiten, die alle nur mit Mühe zu enträtseln waren, daß ihm der helle Angstschweiß auf die Stirne trat. Darüber hatte er versäumt, die Frau des Hauses zu begrüßen, was doch vor allem seine Anstandspflicht gewesen wäre. Das fiel ihm erst mit Schrecken wieder ein, als ihn die Präsidentin, die schon ein Weilchen dicht bei ihm stand, an seine Säumigkeit erinnerte. Die Präsidentin schüttelte mit heitrer Schelmerei den Kopf und sagte lächelnd: »O, Herr Tschitschikow, Herr Tschitschikow, so einer sind Sie also ...!« Silbe für Silbe kann ich das, was sie dann weiter sagte, ganz unmöglich wiedergeben und stelle darum nur das eine fest: sie plauderte graziös und liebenswürdig ganz auf die Art, wie sich die Damen und die Kavaliere in den vom allerfeinsten Ton erfüllten Salongeschichten unserer mondänen Novellisten auszudrücken pflegen, – sie fragte scherzhaft vorwurfsvoll, ob Tschitschikow von neuen Freunden so völlig in Beschlag genommen sei, daß er die alten ganz vergessen hätte und gar kein Platz, kein noch so kleines und bescheidenes Eckchen mehr in seinem ungetreuen Herzen für sie aufgehoben sei. Hastig fuhr unser Held herum und wollte der Präsidentin eben eine Antwort geben, die sicherlich nicht schlechter ausgefallen wäre als irgendeine von den blendenden Repliken, durch die in unseren mondänen Erzählungen die eleganten Leutnants von der Garde, die Swonski, Linski, Lidin, Gremin, den Leser in Erstaunen setzen, – jedoch, da Tschitschikow die Augen hob, verstummte er und war wie vor den Kopf geschlagen.

Die Präsidentin stand nicht allein vor ihm, – an ihrem Arme hing ein junges Mädchen, das sechzehn Jahre zählen mochte, rosig und blond, mit feinen, regelmäßigen Zügen in dem bezaubernden Oval des lieblichen Gesichtes, das jedem Künstler als ein Idealmodell zur schönsten der Madonnen dienen konnte. Wie selten sieht man ein Gesicht von dieser Art in unserm Rußland, wo doch alles gern in die Breite geht: die Berge und die Wälder und die Steppen, die Backen und die Münder und die Füße. Es war dasselbe blonde Mädchen, das Tschitschikow schon unterwegs auf seiner Flucht vom Gute Nasdrjows getroffen hatte, damals, als durch die Schläfrigkeit der Kutscher oder die Dösigkeit der Gäule die beiden Reisewagen ineinander gefahren waren und die Geschirre sich so fest verheddert hatten, daß Gevatter Mitai und Gevatter Minai die Sache mühevoll in Ordnung bringen mußten. – Tschitschikow war völlig konsterniert, – er brachte kein vernünftiges Wort hervor und stotterte sinnlose halbe Sätze vor sich hin, wie sie ein Gremin, Swonski, Lidin niemals in den Mund genommen hätten.

»Sie kennen meine Tochter wohl noch nicht?« sagte die Präsidentin. »Sie kommt gerade aus dem Pensionat!«

Unser Held erwiderte, er hatte durch einen unverhofften Zufall bereits das Glück gehabt, dem gnädigen Fräulein zu begegnen; dann versuchte er noch einiges hinzuzufügen, aber es wurde nichts Gescheites daraus. Die Präsidentin sprach ein paar liebenswürdige Worte und führte ihre Tochter schließlich anderen Bekannten in einem andern Teil des Saales zu; doch Tschitschikow stand völlig wie erstarrt und rührte sich nicht vom Fleck. So glich er einem Mann, der fröhlich aus dem Haus getreten ist, um zu flanieren und sich vergnügten Blicks im Freien umzuschauen, dann aber plötzlich halt macht, weil es ihn durchzuckt, er müsse irgend was vergessen haben. Dümmer wirkt nichts in dieser Welt als solch ein Mensch: wie weggeblasen ist auf einmal die Heiterkeit aus seinen Zügen; er plagt sich mörderlich, herauszubringen, was er vergessen haben könnte. Ist's wohl das Taschentuch? – Nein, nein, das steckt ganz richtig in der Tasche. Ist es das Geld? Nein, nein, das Geld steckt gleichfalls in der Tasche. Er hat doch sicher alles bei sich, und trotzdem flüstert ihm ein böser Geist ins Ohr, er müsse irgend was vergessen haben. Zerstreut und wie betäubt streift er mit einem Blick die Menge, die schön geputzt an ihm vorüberflutet, die Wagen, die ihm in schlankem Trab entgegenkommen, die Tschakos und Gewehre des Regiments, das zum Paradeplatz marschiert, die Ladenschilder, – er sieht das alles, und wird es doch nicht eigentlich gewahr. – So abwesend stand nun auf einmal auch Tschitschikow den Dingen, die um ihn waren, gegenüber. Und dabei bombardierten ihn zarte Damenlippen mit hundert schelmischen Bemerkungen und Fragen, die ganz einfach überströmten von Liebenswürdigkeit und Witz: »Dürfen wir armen Erdenmenschen wohl so weit in unserer Kühnheit gehen, uns zu erkundigen, was Ihren Geist so stark beschäftigt?« – »Wo liegen jene seligen Gefilde, in die Ihre Gedanken entflattert sind?« – »Kann man den Namen der Glücklichen erfahren, die Sie in dieses holde Tal der Träume fortgelockt hat?« – Doch Tschitschikow beachtete die Fragen kaum, und die so anmutig gesetzten Worte verhallten wirkungslos, wie Steine, die ins Wasser plumpsen. Er trieb die Unmanier so weit, daß er die Damen stehen ließ und auf die andere Seite des Saales hinüberging, um nach der Präsidentin und ihrer Tochter auszuschauen. So billigen Kaufes aber gaben die Damen ihn nicht frei; denn jede einzelne war fest entschlossen, alle ihre großen Kanonen abzufeuern, die unser Herz so sicher treffen, alle ihre ganz speziellen Reize aufzubieten. Ich kann es nicht verhehlen, daß manche Damen – und ich sage hier mit Absicht: manche; denn alle sind gewiß nicht so –, daß also manche Damen eine kleine Schwäche haben: wenn irgend was an ihnen ganz besonders hübsch ist – sei es die Stirn, sei es der Mund, sei es der Arm –, dann glauben sie, es müßte dieser Vorzug aller Welt so auf den ersten Blick ins Auge springen, daß jeder sagt: »Seht nur, seht nur, wie klassisch ihre Nase ist!« oder: »Nein, diese klargeformte Stirn, – entzückend!« Und hat gar eine schöne Schultern, dann ist sie unbedingt aus tiefster Seele überzeugt, daß alle jungen Männer, wenn sie vorübergeht, sich in die Ohren flüstern: »Himmel, seht diese fabelhaften Schultern an!«, und daß sie alles andere – ihr Gesicht, das Haar, die Stirn, die Nase – neben den Schultern einfach nicht bemerken, und wenn sie es am Ende doch bemerken, für völlig nebensächlich halten. Das ist nun mal der Standpunkt mancher Damen. – Und jede von den Damen hatte es sich mit einem heiligen Eide zugeschworen, heute beim Tanz so hinreißend wie möglich auszusehen und dabei das, was ihr spezieller Reiz war, in dem allerhöchsten Glanz zu zeigen. Die Frau des Postmeisters ließ, wenn sie Walzer tanzte, den Kopf so hingegeben schmachtend auf die linke Schulter hangen, daß sie in der Tat von einem Hauch des Überirdischen umwittert war. Eine sehr liebenswürdige andre Dame, die mir dem festen Vorsatz hergekommen war, gar nicht zu tanzen, weil dem, wie sie sich taktvoll ausdrückte, eine » Incommodité«, mir anderen Worten: ein Hühnerauge am rechten Fuß, im Wege stand, weshalb sie in Plüschstiefelchen zu Balle hatte fahren müssen, – diese sehr liebenswürdige Dame hielt es schlechtweg nicht auf dem Stuhle aus und tanzte trotz ihren Plüschstiefelchen doch einige Touren, damit die arrogante Postmeisterin nicht gänzlich überschnappe.

Dies alles aber hatte auf Tschitschikow nicht die gewünschte Wirkung. Er spürte gar nichts von den Zauberkreisen, die die berückenden Geschöpfe um ihn zogen, – bald stellte er sich auf die Zehen und spähte über die Köpfe der Tanzenden hinweg nach seiner reizenden Blondine, bald ging er zu dem gleichen Zweck fast in die Kniebeuge. Endlich entdeckte er sie glücklich, – sie saß bei ihrer Mutter, auf deren Haupte hoheitsvoll so etwas wie ein Türkenturban, geschmückt mit einer Reiherfeder, schwankte. Es sah wahrhaftig aus, als wolle Tschitschikow die schöne Maid im Sturme nehmen. War es ein lenzliches Gefühl, das ihn beflügelte, oder hatte ihm einer einen Schubs versetzt, – genug, er stürzte mit wilder Energie und ohne jede Rücksicht vorwärts. Er gab dem Branntweinpächter einen Rippenstoß, daß er ins Straucheln kam; zum Glück erhielt er sich mit knapper Not noch auf den Füßen, – sonst hätte er wohl viele Paare in den Sturz verwickelt. Der Postmeister wich unserm Helden erschrocken aus und blickte ihm mit einem Staunen nach, dem sich ein leiser, leiser Schimmer von Ironie gesellen mochte. Doch Tschitschikow sah von dem allen nichts, – er sah nur weit dahinten die Blondine, die sich den einen langen Handschuh überstreifte und wohl sicher darauf brannte, bald im Takte der Musik dahinzufliegen. In ihrer Nähe tanzten, abseits vom übrigen Gewühl, vier Paare eine feurige Masurka, die Hacken stampften auf den Boden, und ein aktiver Stabshauptmann arbeitete mit Leib und Seele, mit Armen und mit Beinen und exekutierte so verzwickte Pas, wie sie ein andrer nicht einmal in seinen kühnsten Träumen fertig brächte. Tschitschikow huschte, ernstlich gefährdet von den Hacken der Tänzer und der Tänzerinnen, vorbei an der Masurka und steuerte gerade auf die Präsidentin und ihre Tochter los. Doch als er vor sie hintrat, war er doch befangen; er trippelte durchaus nicht mehr so flott und schwerenöterhaft wie ein »Karnickelhengst«, er kam sogar ins Stottern und rührte seine Glieder ziemlich linkisch. Ich will gar nicht behaupten, es hätte sich in unserm Helden wirklich ein Gefühl geregt, für das der Name »Liebe« zu verwenden wäre; mir scheint es vielmehr ziemlich zweifelhaft, ob solche Herren von mittlerer Statur, die zwar nicht dick, doch auch nichts weniger als mager sind, die Fähigkeit, sich richtig zu verlieben, überhaupt besitzen. Dennoch erlebte Tschitschikow etwas ganz Eigentümliches, etwas, was er sich selber nicht erklären konnte. Ihm war, nach seiner eignen späteren Beschreibung für einige Minuten so, als sei der ganze Ball, mit allem Lärm und Stimmenschwirren, ihm völlig ferngerückt, als spielten die Trompeten und die Geigen irgendwo hinter den sieben Bergen; alles versank in Nebelgrau und wirkte wie ein lässig hingestrichner Landschaftshintergrund auf einem Ölgemälde. Und von dem nebelhaften und neutralen Hintergrund hob sich mit festem Umriß nur die Gestalt der reizenden Blondine: das holde Eirund ihres Köpfchens und ihr Wuchs, so schlank, wie ihn nur junge Mädchen zeigen, die erst vor kurzem aus dem Pensionat entlassen sind, ihr schlichtes weißes Kleid, das sich so leicht und keusch um ihre jungen Glieder schmiegte und deren reine Linien ahnen ließ. Sie glich wahrhaftig einem kunstvoll aus Elfenbein geschnitzten Nippfigürchen; sie ganz allein stand weiß und gleichsam durchscheinend inmitten dieser trüben, schwer massiven Menschenmenge.

Ja, so etwas kommt vor auf Erden: sogar Leute vom Schlage Tschitschikows verwandeln sich für ein paar Augenblicke ihres Daseins wohl in Dichter, – wenn »Dichter« dafür kein zu großes Wort ist. Eines läßt sich nicht bestreiten: unser Held benahm sich ganz wie ein blutjunger Mann, ja fast wie ein Husarenleutnant, und fühlte sich auch so. Ein Stuhl zur Linken seiner Schönen stand leer, – hoppla, da saß er schon. Im Anfang wollte das Gespräch nicht recht in Schwung kommen, aber allmählich machte es sich besser; er plauderte sogar ganz flott, jedoch ... Hier muß ich leider zu meinem lebhaften Bedauern einflechten, daß wohlgesetzte Herren von Stand und Rang und Ansehen sich in der Unterhaltung mit dem weiblichen Geschlecht leicht etwas schwerfällig erweisen. In solchen Dingen sind die Leutnants Meister, und höchstens etwa noch ein jüngerer Rittmeister. Wie sie es anfangen, das weiß der liebe Gott. Ihr munteres Geplauder ermangelt jedes tieferen Gehalts, aber die jungen Damen schütteln sich dabei vor Lachen auf dem Stuhl; und das ist doch der Zweck der Übung. Ein Staatsrat aber redet weiß der Kuckuck was für kluge Dinge; er teilt der Dame mit, daß Rußland ein Reich von ungeheuerm Flächenraume sei, oder er sagt ihr eine Schmeichelei, die er ganz ohne Zweifel mit vielem Scharfsinn ausgeklügelt hat, die aber trotzdem reichlich löschpapieren riecht; und macht er einen Witz, so lacht er selbst darüber viel herzlicher als seine schöne Nachbarin. – Ich glaube, hiernach wird es meinem lieben Leser wohl nicht weiter wunderlich erscheinen, daß die entzückende Blondine bei dem Geplauder unseres Helden bald verstohlen gähnen mußte. Doch Tschitschikow bemerkte nichts davon, – er sprudelte von Anekdoten über, mit denen er schon oft an andern Orten viele Leute trefflich unterhalten hatte, zum Beispiel in der Provinz Simbirsk den Herrn Bespetschni und dessen Tochter Adelaide nebst dreien ihrer Schwägerinnen, Maria, Alexandra und Adelheid; in der Provinz Rjäsan den Gutsbesitzer Perekrojew; in der Provinz Pensa den Herrn Pobedonoßni, seinen Bruder Pjotr, und seine Schwägerin Katherina nebst deren Nichten Emilia und Rosa; in der Provinz Wjätka einen Herrn Pjotr Warßonofjewitsch und dessen Schwägerin Pelageja nebst ihrer Nichte Sofja und deren Pflegeschwestern Sonja und Maklatura ...

Die andern Damen fanden solch ein Benehmen einstimmig unerhört. Eine von ihnen strich eigens dicht an Tschitschikow vorbei, um ihm das klar zu machen; sie streifte seine Angebetete sogar herausfordernd mit ihrem weiten Reifrock und wußte dabei dem geblümten Schal, den sie um ihre Schultern trug, so einen Schwung zu geben, daß er mit einem Zipfel das junge Ding zufällig ins Gesicht traf. Im gleichen Augenblick entschlüpfte hinter dem Rücken unseres Helden zwei zarten Frauenlippen nebst einer Wolke süßen Veilchenduftes eine verletzend boshafte Bemerkung. Er aber überhörte das entweder, oder er stellte sich doch taub. Und dies war wenig klug von ihm; denn was die Damenwelt von einem Manne denkt, bedeutet immerhin recht viel für ihn. Er sollte das zu seinem Schaden einsehen, – nur leider Gottes erst nachher, als es zu spät war.

Gerechteste Entrüstung dräute aus vielen weiblichen Gesichtern. Und mochte Tschitschikow in der Gesellschaft noch so glänzend angeschrieben, und mochte er auch zehnmal Millionär sein, und mochte ihm auch etwas Hoheitsvolles auf der Stirne liegen, ja, meinetwegen etwas schlechtweg Martialisches, – es gibt nun einmal Dinge, die unsere Damen keinem Mann verzeihen; und steht es einmal so, dann ist sein Urteil unterschrieben! Im allgemeinen sind die Frauen gewiß das schwächere Geschlecht, doch gibt es Dinge, die sie nicht nur stärker machen als den stärksten Mann, sondern stärker als irgend sonst etwas auf dieser Welt. Die schwere, wenn auch unbewußte Kränkung der weiblichen Gefühle durch unsern Helden stellte sogar das gute Einvernehmen der Damen wieder her, das kurz zuvor beim Wettlauf nach den Stühlen beinah in die Brüche hatte gehen wollen. In einigen konventionellen Redensarten, die er ganz harmlos hingeplaudert hatte, erblickte man nachträglich nichts als Spott und Hohn. Das Unglück wollte außerdem, daß einer aus der jungen Herrenwelt Spottverse auf die Tänzer gedichtet und verbreitet hatte, wie es denn ohne das bei Bällen in der Provinz fast niemals abzugehen pflegt. Jetzt schob man diese Stachelreime ganz einfach unserem Helden in die Schuhe. Das stärkte die Entrüstung noch; in allen Ecken standen Damen und tuschelten und sagten unserm armen Sünder höchst ehrenrührige Dinge nach. Und gar die kleine blonde Präsidententochter hatte wahrhaftig nichts zu lachen; sie wurde einfach in der Luft zerrissen, – der Stab war ohne Gnade über sie gebrochen.

Inzwischen aber nahte unserm Helden eine höchst unwillkommne Überraschung. Das hübsche Mädchen gähnte immer noch verstohlen vor sich hin, und er erzählte unermüdlich Anekdoten aus aller Welt und allen Zeiten, wobei er selbst den weisen Griechen Diogenes als Zeugen seiner Bildung aufzubieten wußte, – da stand mit einemmal in einer Tür des Saales kein andrer als – Nasdrjow. Ich weiß nicht, ob er vom Imbißtische herkam oder vom grünen Tisch in einem kleinen Nebenzimmer, wo man bei einem Spielchen saß, das lange nicht so harmlos war wie das gewohnte Whist; ich weiß auch nicht, ob er aus freien Stücken kam oder dem sanften Zwange andrer Leute folgend, – gewiß ist: er betrat den Saal in mächtig aufgekratzter Stimmung und Arm in Arm mit dem Herrn Staatsanwalt, den er vermutlich schon seit einiger Zeit gewaltsam mit sich schleppte. Der unglückliche Staatsanwalt ließ seine Augen unter den buschigen Brauen hilflos im Kreise schweifen, als suche er nach einem Loch, durch das er diesem unwillkommenen tête-à-tête entschlüpfen könnte. Nasdrjows Benehmen war in der Tat kaum zu ertragen. Er hatte sich mit einigen Tassen Tee, nicht ohne sehr viel Rum, gehörig Mut getrunken und log nun wahrhaft unmenschlich. Als Tschitschikow ihn näher kommen sah, entschloß er sich vor Schreck sogar zum Opfer seines schönen Platzes und wollte unverweilt die Flucht ergreifen; denn er versprach sich von der Begegnung mit Nasdrjow nicht eben viel Vergnügen. Zu seinem Unglück aber entdeckte ihn im gleichen Augenblick der Präsident. Der hielt ihn an, erklärte sich entzückt davon, daß Tschitschikow ihm in den Wurf kam, und bat ihn, freundlichst doch das Amt des Schiedsrichters in einem Streit zu übernehmen, der zwischen ihm und zweien von den Damen ausgebrochen war und um die Frage ging, ob Frauen in der Liebe treu zu sein vermöchten. – Derweil war unser Held nun aber leider in das Blickfeld Nasdrjows geraten, und dieser stelzte gerade auf ihn zu.

»Ah, der chersoner Gutsbesitzer, unser chersoner Gutsbesitzer!« rief er und lachte, daß ihm seine frischen, rosenroten Backen einfach wackelten. »Na? Tüchtig Tote eingekauft?« Dann wandte er sich an den Präsidenten und schrie aus vollem Hals: »Sie wissen wohl noch gar nicht, Exzellenz, daß er mit toten Seelen handelt? So wahr ein Gott im Himmel lebt! Du, Tschitschikow, ich will dir etwas sagen, in aller Freundschaft selbstverständlich – wir sind hier alle deine Freunde, auch Exzellenz, nicht wahr –: wenn ich die Macht besäße, dann müßtest du am nächsten Galgen baumeln, beim allmächtigen Gott; denn da gehörst du hin!«

Tschitschikow wußte nicht, wo er sich eigentlich befände. Nasdrjow fuhr fort:

»Na, so etwas Verrücktes, Exzellenz ...! Er sagt ganz kalt zu mir: ›Verkauf mir deine toten Seelen!‹ Ich hab' mich ja kaput gelacht! Und wie ich jetzt hier in die Stadt komm', da erzählt mir alle Welt, er hat für drei Millionen Rubel Seelen zur Übersiedlung eingekauft, der Kerl! Sehr interessante Übersiedlung das! Von mir hat der Halunke Tote kaufen wollen. Ich sag' dir bloß das eine, Tschitschikow: du bist ein ganz verdächtiger Schweinepriester! Bist du, jawohl! Das muß auch Exzellenz bestätigen. Du, Staatsanwalt, hab' ich nicht recht?«

Den Staatsanwalt und Tschitschikow und auch den Präsidenten brachte die widerliche Szene in die äußerste Verlegenheit. Sie standen stumm und wußten nichts zu sagen. Das aber störte den halbtrunkenen Nasdrjow nicht im geringsten und er sprach unbekümmert weiter:

»Du bist schon eine Nummer, lieber Freund ...! Ich geh' dir einfach nicht vom Leib, bevor ich weiß, wozu du tote Seelen kaufst. Hör, Tschitschikow, du solltest dich doch wirklich schämen! Du hast doch keinen bessern Freund als mich, – das weißt du selbst! Auch Exzellenz kann es bezeugen ... Du, Staatsanwalt, ist's nicht die reine Wahrheit? Also, Exzellenz, Sie haben keinen Schimmer, wie wir zwei beide aneinander hängen. Hier stehe ich! Und wenn Sie mich nun auf der Stelle fragen: ›Nasdrjow, auf Ehre und Gewissen: wen hast du lieber, deinen Vater oder den Kerl, den Tschitschikow?‹, dann sag' ich ohne weiteres: ›Tschitschikow!‹ Gott ist mein Zeuge! Komm, mein süßer Schneck, ich kleb' dir einen Kuß in deine Physiognomie! Na, Tschitschikow, sei nicht so spröde; laß mich dir einen innigen Baiser auf deine Lilienwange drücken!«

Es wurde nichts aus dem geplanten »Baiser«, – Nasdrjow verspürte einen Rippenstoß, daß er beinahe hingeflogen wäre. Man drehte ihm empört den Rücken zu und achtete nicht mehr auf sein Geschwätz. Doch hatte er die Kunde von den toten Seelen so laut herausgebrüllt und dazu so verrückt gelacht, daß jedermann bis in die fernsten Ecken wußte, worum es sich hier handelte. Diese Geschichte war sehr merkwürdig, – dumm staunend glotzte alles mit zu Stein gewordenen Gesichtern vor sich hin. Tschitschikow sah viele von den Damen heimliche Blicke tauschen und recht höhnisch dazu lächeln. Zwiespältige Gefühle beherrschten die Gesellschaft; die Situation war mehr als peinlich. Zwar kannte man Nasdrjow als nicht mehr ganz normalen Lügner und war es von ihm gewohnt, daß er harmlosen Leuten nur aus purem Übermut und ohne Grund und Sinn die tollsten Dinge in die Schuhe schob, aber wir Menschen sind in dieser Hinsicht sonderbar: trag einem Sterblichen das albernste Gerücht zu und laß es nur was Neues sein,– bestimmt erzählt er's ohne Säumen gleich einem andern Sterblichen, und sei es auch, um bloß das Wort daran zu knüpfen: »Erstaunlich, wie man solche Lügen nur erfinden mag!« Der zweite Sterbliche hört so was gern und ist genau der gleichen Meinung: »Selbstverständlich eine dumme Lüge!' Und flugs macht er sich auf und sucht nach einem dritten Sterblichen, dem er die Sache brühwarm weitergibt, worauf dann beide mit der edelsten Entrüstung einstimmen in den Ruf: »So was von dummer Lüge!« Auf die Art wandert das Gerücht mit Windeseile durch die ganze Stadt, und alle Sterblichen in ihrem Weichbild zerreißen sich den Mund darüber, solange diese Neuigkeit noch etwas Neues ist, und dann erklären sie den Klatsch für gänzlich unglaubwürdig, – schade um jedes Wort, das man darauf verschwende.

So abgeschmackt im Grunde die widerwärtige Szene war, – sie hatte unserm Helden seine gute Laune sichtbarlich verdorben. Das törichte Gerede eines Narren kann auch den weisen Mann zuweilen ernsthaft stören. Tschitschikow empfand ein starkes Unbehagen, – es war genau das peinliche Gefühl, wie wenn ein Mann mit wundervoll gewichsten Stiefeln unversehens in eine schmutzige Jauchenpfütze tritt. – Zu ärgerlich, zu ärgerlich! sprach er in sich herein. – Was sollte er nur tun, um die Geschichte zu vergessen? Vielleicht, daß ihn ein Whistpartiechen auf vergnügtere Gedanken brächte ... Doch auch am Kartentisch ging heute alles schief: er spielte zweimal gedankenlos die fremde Farbe an, ja, er vergaß, daß er als dritter Mann nicht stechen durfte, und überstach ganz gegen jede Regel mit großem Schwung die Karte seines eigenen Partners. Der Präsident begriff es einfach nicht, wie ein so guter, ja, man durfte ruhig sagen, feiner Spieler derartige Böcke schießen könnte, – ihm den Pique-König abzumurksen, auf den er sich verlassen hätte wie auf den lieben Gott ...! Natürlich wurde unser Held vom Präsidenten, vom Polizeimeister, sowie vom Postmeister mit seiner seltsamen Zerstreutheit aufgezogen: er wäre sicherlich verliebt, man wisse ja, wie leicht verwundbar er am Herzen sei, und ahne, wessen Pfeil in seinem Busen stecke. Tschitschikow gab sich die größte Mühe, die Witze, die man machte, witzig und lächelnd zu parieren, doch aufgemuntert fühlte er sich nicht.

Auch späterhin beim Abendessen gelang es ihm trotz allem guten Willen nicht, die frohe Laune wiederzugewinnen. Und dabei hatte er die netteste Gesellschaft, und von Nasdrjow war nichts mehr zu erblicken, – man hatte ihn schon lange an die Luft gesetzt, weil sein Benehmen auch den Damen schließlich zu skandalös erschien. Er hatte sich beim Kotillon mitten im Saal auf das Parkett gesetzt und alle Tänzer an den Frackschößen gezupft, und das stieß in den Augen der Weiblichkeit dem Faß denn doch den Boden aus. – Man war bei Tische sehr vergnügt; all diese Leute an der langen, mit Girandolen, Blumen, Süßigkeiten und Weinflaschen besetzten Tafel strahlten von ungezwungener Fröhlichkeit. Befrackte Zivilisten, Offiziere, Damen, – kurz alle Welt gefiel sich in einem Überschwang von Liebenswürdigkeit, daß es bald nicht mehr schön zu nennen war. Die Herren konnten schlechterdings nicht ruhig sitzen bleiben, sondern rissen der Dienerschaft die Schüsseln aus der Hand, um sie den Damen zu servieren. Ein Oberst präsentierte seiner Dame den Saucennapf verwegen auf der nackten Säbelklinge. Die Herren von gesetztem Alter, bei denen unser Held saß, debattierten mit Leidenschaft und steckten nach jedem saftigen Wort auch einen saftigen Bissen in den Mund, Fisch oder Fleisch, das sie sehr ausgiebig mit Senf bestrichen. Sie stritten über Dinge, die das Interesse Tschitschikows sonst immer stark in Anspruch nahmen; doch heute glich er einem Mann, der einen weiten Weg gemacht hat und sich todmüde und zerschlagen fühlt, – nichts dringt ihm deutlich zum Bewußtsein, und alles dünkt ihn fremd und gleichgültig. Er wartete nicht einmal, bis die Hausfrau die Tafel aufhob, und fuhr viel früher heim, als es gewöhnlich seine Art war.

Der wohlgeneigte Leser kennt ja das Gasthofzimmer mit der Kommode vor der Seitentür und mit den Küchenschaben, du neugierig aus allen Ecken lugen. Dort ließ sich Tschitschikow in einen ziemlich aus dem Leim gegangenen Sessel fallen und mußte sich gestehen: auch seine Stimmung war völlig aus dem Leim. Ein dumpfes Unbehagen bedrückte ihm das Herz, er fühlte sich inwendig leer und hohl. »Der Teufel soll den Narren holen, der die Bälle erfunden hat!« rief er in hellem Zorn. »Die haben einen Grund, vergnügt zu sein. Mißernte, Hungersnot herrscht im Bezirk, – sie aber tanzen! Wie sich die Weiber herrichten mit ihren Fähnchen, – ja, das nenn' ich auch was Schönes! Bedeutet schon etwas, wenn so ein Frauenzimmer für tausend Rubel Zeug um sich herumhängt! Dafür darf dann der Bauer Steuern zahlen, und, was noch schlimmer ist, dafür wird mehr als einer von unseren Beamten zum Halunken! Weiß man denn nicht, warum so einer, der unentwegt den Biedermann markiert, sich jeden Tag bestechen läßt? Sein Weibchen braucht einen Schal, braucht eine Robe, oder wie die gottverdammten Höllenfetzen heißen! Ja, und warum? Damit ihr nicht ein andres, genau so lüderliches Mensch nachsagen kann, sie wäre weniger fein angezogen als die Postmeisterin! Und dafür schmeißt man tausend Rubel auf die Straße! – Was? Ein Vergnügen soll ein Ball sein? Ein richtiger Dreck ist so ein Ball und einfach wider die russische Natur und Sitte! Versteh's der Satan, wie man auf solchen Unsinn kommt: ein mündiger, erwachsener Mensch erscheint auf einmal im schwarzen Frack, zurechtgezupft, geschnürt womöglich, und zappelt mit den Beinen! Bei der Francaise spricht so einer wohl mit seinem Visavis von wichtigen Geschäften und hüpft zugleich wie ein verrückter junger Ziegenbock von einem Fuße auf den andern ... Und alles bloß Nachäfferei, – nichts andres! Weil der Franzos mit vierzig Jahren genau so kindisch ist, wie er mit fünfzehn war, muß es bei uns natürlich auch so sein! Nein, weiß der liebe Gott, wenn ich von einem Balle komm', hab' ich doch immer einen Moralischen ich schäme mich, daß ich mich dazu hergegeben habe. Der Kopf ist einem dann so leer, wie wenn man sich mit einem eiteln Weltmann unterhalten hat, – so einer weiß von allem was zu sagen, er tändelt oberflächlich über alles hin, und was er redet, hat er aus Büchern aufgeschnappt, es klingt sehr schön und amüsant, und ist doch unverdautes Zeug; da unterhalt' ich mich wahrhaftig lieber mit einem schlichten Budiker, der nichts als sein Geschäft kennt, das aber gründlich und genau, – davon hab' ich doch mehr als von dem tönenden Geschwätz. Nimmt mich doch Wunder, wem so ein Ball was geben kann? Gesetzt sogar, ein Dichter wollte den Narrenkram beschreiben, genau so, wie er ist, – das müßte sich im Buch nicht weniger albern machen als in der Wirklichkeit. Wo soll da eigentlich so etwas wie Vergnügen stecken? Muß man das nicht beinah unsittlich nennen, oder soll das am Ende sittlich sein? Der Teufel kenne sich da aus! Man pfeift darauf und klappt den Schmöker zu!«

Dies harte Urteil fällte Tschitschikow über den Ball an sich, als Einrichtung; doch hatte insgeheim sein Zorn gewiß noch einen anderen Grund. Der Ball war Nebensache, – er ärgerte sich vielmehr darüber, daß er so dumm hereingefallen war, daß er vor aller Welt eine so klägliche Figur, eine so sonderbare, zweifelhafte Rolle hatte spielen müssen. Freilich, wenn man es kühl vernünftig ansah, erkannte man ja wohl, daß eines Narren Rede so gut wie nichts bedeutete, zumal das Wichtigste, der Kern der Sache, rechtens in aller Form geregelt war. Aber der Mensch ist nun einmal ein wunderliches Wesen: unserem Helden lag doch viel am Urteil und der guten Meinung seiner Zeitgenossen, die er so stolz verachtete, und die er Tagediebe und hohle Gecken schalt. Sein Zorn war umso größer, als er es sich bei näherer Überlegung kaum verhehlen konnte, daß er zum Teil wohl selber an der Sache schuld war. Wenn er trotz dieser dämmernden Erkenntnis sich selbst nicht gar zu hart verurteilte, wird ihm das kein Vernünftiger übelnehmen. Wer unter uns fühlt sich denn von der kleinen Schwäche frei, daß er die eigene Person nachsichtig schont und seine Wut statt dessen an einem von den lieben Nächsten ausläßt, an seinem Kammerdiener oder einem Untergebenen, der ihm gerade in die Quere kommt, an seiner Frau, oder im schlimmsten Fall an einem Stuhl, der dann durchs ganze Zimmer an die Wand fliegt und seine Lehne oder ein paar Beine einbüßt, – geschieht ihm recht, er soll nur merken, was für eine Wut wir in uns haben! Auch Tschitschikow fand bald den lieben Nächsten, auf dessen Buckel sich alles laden ließ, was ihm der Ärger eingab. Und dieser Nächste war Nasdrjow. Herrgott, wie der von allen Seiten hergenommen wurde! Ausdrücke von solcher Saftigkeit hört sonstwohl höchstens ein schurkischer Gemeindevorsteher, oder ein Postkutscher, der einem weitgereisten, mit allen Wassern gewaschenen Stabshauptmann in die Finger fällt, oder gar einem General, der außer vielen Schimpfworten, die durch die häufige Benutzung klassisch geworden sind, auch gänzlich neue zu versenden hat, die seine eigene Phantasie im Handumdrehn erfindet. Der ganze Stammbaum Nasdrjows ward schonungslos zerpflückt, auch seine Ahnen, die längst im Grabe moderten, bekamen ihr gerüttelt Maß zu hören.

Schlaflos und in verdrießlichen Gedanken saß Tschitschikow auf seinem harten Sitz und überhäufte Nasdrjow und seine nähere und weitere Verwandtschaft mit wilden Schmähungen; das Talglicht brannte düster, sein Docht war schon ein langes Stück verkohlt, so daß die Flamme beinah am Erlöschen war; herein durchs Fenster sah blind die finstere Nacht, doch harrte schon die blaue Dämmerung des Augenblicks, das Dunkel abzulösen; fern krähte hie und da ein Hahn; die Stadt lag tief im Schlaf, nur irgendwo noch ging vielleicht, in seinen Friesmantel gehüllt, ein armer Teufel von unbekanntem Stande und Beruf, weil er's nicht besser wußte, den schlimmen Weg, den unser lockeres Russenvolk nur gar zu gründlich ausgetreten hat ... Doch während unser Held so brütend saß, bereiteten am anderen Rand der Stadt sich Dinge vor, die seine widerwärtige Lage noch viel widerwärtiger gestalten sollten. Dort rasselte durch abgelegene Straßen und durch enge, stille Gassen ein auffälliges Gefährt, bei dessen Anblick man wohl zweifeln konnte, wie man es am zutreffendsten benamsen solle. Es war kein Landauer, keine Kalesche und auch keine Halbchaise, es glich von allen Dingen auf der Welt am meisten einem pausbäckigen und aufgeschwollenen Kürbis mit vier Rädern. Die Backen dieses Kürbisses, die noch geringe Spuren einer gelblichen Lackierung zeigten, schlossen schlecht, weil ihre Schlösser nebst den Klinken schadhaft waren; man hatte sie mit Bindfaden verfestigen müssen, daß sie notdürftig zusammenhielten. Der Kürbis war nun mit kattunbezogenen Kissen von jeder Form und Größe vollgestopft; dazwischen staken Beutel, gefüllt mit Brot, mit Semmeln, Schrippen, Wasserkringeln aus gebrühtem Teig. Eine Hühner- und eine Salzpastete bekrönten diesen Berg von Nahrungsmitteln. Und hinten auf dem Tritt hing eine Mannsperson dienenden Standes, mit grauen Bartstoppeln, in einer Joppe aus hausgemachtem Tuch, – einer von jenen angejahrten Männern, die man bei uns zulande »Burschen« nennt. Das Knarren und Gequiek der Eisenklammern und der rostigen Schrauben schreckten am anderen Rand der Stadt – wird man es überhaupt für möglich halten? – sogar den Nachtwächter aus seinem Schlaf. Er griff zur Hellebarde und schrie, im Halbschlaf noch, aus vollem Hals: »Wer da?« Doch er bemerkte bald, daß keine Seele da war, und daß nur in der Ferne irgendwo ein Wagen rasselte, – so fing er denn auf seinem Mantelkragen ein flinkes kleines Tier und machte ihm beim Lichte der Laterne mit seinem Daumennagel den Garaus. Nach dieser Hinrichtung wurde seine Hellebarde sorgsam wieder an die Wand gelehnt, und er entschlummerte von neuem, treu den Gelübden seines Ritterordens. – Die Pferde vor der alten Kutsche stolperten in einem fort über die eigenen Vorderfüße, – sie waren nicht beschlagen und kannten außerdem das komfortable Pflaster der Provinzialhauptstadt nur mangelhaft. Die Rumpelchaise bog ein paarmal um die Ecke und landete zum Schluß in einer Seitengasse neben der kleinen Nikolaikirche, wo sie vor dem Gehöft des Oberpfarrers hielt. Ein Dienstmädchen in Kopftuch und gestricktem Seelenwärmer sprang aus dem Wagen und ballerte mit beiden Fäusten so kräftig wie ein Mannsbild an das Tor (der Bursche in der Joppe aus hausgemachtem Tuch schlief auf dem Trittbrett wie ein Toter und wurde erst nachher an seinen Beinen von dem Postament, darauf er stand, herabgezogen). Drinnen erhob sich wütendes Gebell, die Pforte öffnete den Rachen und verschlang zu guter Letzt, wenn es ihr auch nicht leicht fiel, das schwerfällige Reisemöbel. Die Kutsche ratterte auf einen engen Hof, den Brennholzstapel, Hühnerställe und Verschläge noch verengerten. Hierauf entstieg dem Wagen eine Dame; und diese Dame war die Kollegiensekretärin und Gutsbesitzerin Karobotschka. Die brave Alte war nach der Abfahrt unseres Helden sofort in eine große Angst verfallen, daß er sie doch vielleicht beschwindelt haben könnte. Sie tat drei Nächte lang kein Auge zu, und dann entschloß sie sich, trotzdem die Pferde nicht beschlagen waren, schleunigst in die Stadt zu reisen,– sie wollte sich genau erkundigen, wie im Augenblick der Preis für tote Seelen stand, und ob sie nicht – was Gott verhüten möge – eine Dummheit gemacht und ihre gute Ware um ein Drittel des regulären Wertes losgeschlagen hätte.

Was ihre Ankunft in der Stadt für Folgen nach sich zog, mag der geneigte Leser aus der Unterhaltung sehen, die schon am nächsten Morgen zwischen zwei Damen der Gesellschaft stattfand. Diese Unterhaltung ... Aber nein, – mir scheint, für diese Unterhaltung dürfte wohl ein neuer Abschnitt meiner Dichtung unbedingt am Platze sein.

 

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