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Nikolai Wassiljewitsch Gogol: Tote Seelen - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorNikolai Gogol
titleTote Seelen
seriesAusgewählte Werke in zwei Bänden
volumeErster Band
publisherAlbert Langen / München
yearo.J.
translatorKorfiz Holm
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140225
projectid78a3758b
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Elftes Kapitel

Es fügte sich indessen nichts, wie es in Tschitschikows Programm gelegen hatte. Erst erwachte er viel später, als er es sich vorgenommen halte, – dies war der erste ernsthafte Verdruß. Nachdem er aufgestanden war, ließ er Petruschka nachsehen, ob die Halbchaise angespannt und alles fertig für die Reise sei; jedoch der Diener brachte den Bescheid, es wäre noch nicht angespannt, und gar nichts wäre fertig, – dies war der zweite ernsthafte Verdruß. Er wurde furchtbar wild und krempelte schon vorsorglich den Ärmel auf, um Selifan den wohlverdienten Denkzettel zu geben; zugleich war er aufs äußerste gespannt, was dieser Sünder wohl für faule Ausreden erfinden werde. – Über ein Kleines trat auch richtig Selifan zur Tür herein, und sein Gebieter hatte das Vergnügen, ganz genau die Redensarten zu vernehmen, die wir von der Dienerschaft zu hören pflegen, wenn wir schnell verreisen wollen.

»Ja aber, gnädiger Herr, man muß die Pferde erst beschlagen lassen.«

»Ach, du Schweinehund! Du Lümmel! Konntest du mir das nicht früher sagen? Was? Du hast wohl keine Zeit gehabt?«

»Zeit hätt' ich schon gehabt ... Ja, gnädiger Herr, und dann das eine Rad, – da muß ein neuer Reifen 'rum. Die Straßen sind doch jetzt so ausgefahren von dem vielen Lastfuhrwerk ... Und dann meld' ich gehorsamst: auch das Bockgestell ist wackelig, – das hält kaum bis zur zweiten Poststation.«

»Du Schuft!« schrie Tschitschikow. Er schlug bedrohlich in die Hände und trat so nah an Selifan heran, daß der aus Angst vor einem unwillkommenen Geschenk einige Schritte rückwärts wich und seinen Kopf zur Seite duckte. »Du willst mich wohl ermorden? He? Du willst mich wohl mit kaltem Blut abmurksen? He? Auf offener Straße umbringen willst du mich wohl, du Räuberhauptmann du, du abgefeimter Schweinehund, du Walroß, du verfluchtes! Was? Sitzt man hier nicht drei Wochen schon auf einem Fleck, he, was? Nicht einen Ton hat er gesagt, der Lüdrian! Und jetzt im letzten Augenblick kommt er gerannt! Wo ich schon auf dem Sprunge steh' und will in den Wagen steigen, schmeißt du Kerl mir Knüppel vor die Beine, was? Hast du das nicht vorher gewußt? Du hast es ganz genau gewußt, he, was? Na, Antwort! Hast du es gewußt? He? Was?«

»Schon ...« räumte Selifan gesenkten Hauptes ein.

»Und warum hast du mir dann nichts gesagt, he, was?«

Hierauf erwiderte Freund Selifan kein Wort; gesenkten Hauptes schien er zu sich selbst zu sprechen: – Nein, wie komisch es doch manchmal in der Welt hergeht: ich hab's gewußt und habe nichts gesagt!

»Scher dich hinaus und hol den Schmied! Und daß mir in zwei Stunden alles fertig ist! Zwei Stunden! Hast du mich verstanden? Sonst ... sonst mach' ich Suppenfleisch aus dir!« Ja, unser Held war in der hellsten Wut.

Der Kutscher wandte sich zur Tür, um den Befehl seines Gebieters zu vollziehen, doch machte er noch einmal Halt und sagte:

»Übrigens, gnädiger Herr, den Tigerschecken sollte man, bei Gott, verkaufen, gnädiger Herr. Er ist ein Aas von einem Gaul; Gott schütze einen vor dem Pferd, es hält einen bloß auf.«

»Ja, selbstverständlich! Ja, ich renn' gleich auf den Markt und schlag' ihn los!«

»Wahrhaftig, gnädiger Herr, er sieht nur nach was aus, und ist dabei ein heimtückisches Biest; so was von einem Gaul hab' ich in meinem ganzen Leben ...«

»Schafskopf du! Wenn ich das Pferd verkaufen will, verkauf' ich es schon selbst. Jetzt fängt der Kaffer noch zu denken an! Ich sag' es dir im Guten: bringst du mir jetzt nicht gleich die Schmiede her, und ist nicht in zwei Stunden alles fertig, dann haue ich dir eine in die Fresse, daß du selbst es nicht mehr unterscheiden kannst, ob das auf deinem Hals da ein Gesicht ist oder nicht! Troll dich! Hinaus mit dir!«

Und Selifan verschwand.

Tschitschikow war sehr mißgestimmt und schmiß vor Zorn den Säbel hin, den er im Wagen bei sich führte, um das Banditenpack der Landstraße in heilsamem Respekt zu halten. Reichlich eine Viertelstunde lang stritt er sich dann noch mit den Schmieden, bis sie handelseinig wurden. Denn die Schmiede waren, wie das bei den Leuten ihres Handwerks so der Brauch ist, abgebrühte Schurken. Als sie merkten, daß die Arbeit eilig war, verlangten sie das Sechsfache des reellen Preises. Ob unser Held sich auch erhitztre und sie Spitzbuben, Gauner, Straßenräuber nannte, ob er sie an die Strafen mahnte, die sie einst am Tag des ewigen Gerichts dafür empfangen würden, – ganz umsonst, die Schmiede wahrten einen eisernen Charakter. Keinen blutigen Groschen ließen sie herunter und brauchten für die Arbeit außerdem statt zwei Stunden fünfeinhalb.

Derweil verlebte Tschitschikow die wonnevolle Zeit, von welcher jeder, der auf Reisen geht, ein Lied zu singen weiß: der Koffer ist gepackt, im Zimmer treiben sich nur noch ein Endchen Bindfaden, ein paar Papierfetzen und sonstiges weggeworfene Zeug herum; du bist nicht unterwegs und kannst doch auch nicht mehr in Ruhe auf dem Stuhle sitzen; du trittst ans Fenster hin und schaust den Leuten zu, die unten durch die Straße gehn. Sie sprechen eifervoll von ihrem kümmerlichen Schacherkram und sehen töricht neugierig für einen Augenblick zu dir herauf und setzen ihren Weg gemächlich fort, was dich, den armen Reisenden, der nicht vom Flecke kommt, nur mit noch größerer Ungeduld erfüllt. Alles, was du auch siehst, ekelt dich an: der schmutzige Hökerladen dort, das alte Weib im Hause gegenüber, das so häufig an sein Fenster tritt und dessen dürftige Gardinen lüpft. Du magst es nicht mehr sehen, aber schaust doch immerfort hinaus. So lehnst du da, verlierst dich einen Augenblick ins Träumen und musterst schon im nächsten wiederum mit stumpfer Interessiertheit alles, was da draußen geht und steht. Oder du mordest eine Fliege, die vor dir am Fenster summt und mit dem Kopf am Glase trommelt. Klatsch, da hast du sie zerquetscht ...

Zu guter Letzt nimmt jedes Ding ein Ende; die ersehnte Stunde schlug: es war alles bereit, das Bockgestell des Wagens hielt nun wieder fest, der neue Reifen schlang sich um das Rad, die Gäule waren getränkt, die räuberischen Schmiede zählten die leicht verdienten Rubelscheine, wünschten dem verehrten Herrn gehorsamst eine gute Fahrt und machten sich davon. Schon war auch angespannt, Petruschka legte zwei Franzbrote, eben aus dem Ofen kommend und noch heiß, auf unseres Helden Wagensitz, auch Selifan verstaute einiges an Mundvorrat in die dafür bestimmte Tasche vorn am Bock, und – Tschitschikow trat aus dem Haus. Der Kellner in dem uns so gut bekannten halbtuchnen Rock zog höflich seine Mütze. Das gesamte Personal des Gasthofes, vereint mit dem Gesinde aller Fremden, die zur Zeit dort wohnten, kam herzu und hielt Maulaffen feil, – kurzum, es fehlte nichts von dem, was eine solche Abfahrt hergebrachterweise mit sich bringt. Tschitschikow stieg in seine Chaise, jenen Wagen, wie ihn wohlgesetzte Hagestolze bei ihren Fahrten über Land verwenden; und dies Gefährt, das nun so lange in der Stadt gestanden hatte und dem lieben Leser sicher schon unendlich langweilig geworden ist, rasselte endgültig zum Tor des Gasthofes hinaus.

– Gott sei gepriesen! dachte unser Held und schlug ein Kreuz. Der Kutscher knallte mit der Peitsche. Petruschka, der bis dahin auf dem Tritt gestanden hatte, schwang sich auf den Bock und setzte sich neben Selifan. Tschitschikow rückte sich auf der grusinischen Reisedecke zurecht und stopfte sich das Lederkissen in das Kreuz, wobei die beiden heißen Franzbrote recht üble Quetschungen erlitten. Und wieder ratterte und wackelte der Wagen, dank dem Pflaster, welches, wie wir wissen, sonderbare Federkraft besaß. Dumpf brütend ruhte unseres Helden Blick da draußen auf den Häusern, Mauern, Zäunen, Straßen, die desgleichen wackelten und langsam, langsam hergezogen kamen und – verschwanden. Weiß der liebe Gott, ob er sie je in diesem Erdenleben wiedersehen würde!

An einer Ecke mußte seine Chaise halten, weil ein Leichenzug daher kam, der die Straße ihrer ganzen Länge nach ausfüllte. Tschitschikow beugte sich hinaus und befahl Petruschka, nachzufragen, wer da wohl beerdigt würde. Siehe da, es war der Staatsanwalt, den man zu Grabe trug. Peinlich betroffen, drückte sich unser Held in eine Wagenecke und zog geschwind das Schutzleder vor sein Gesicht. Der Kutscher aber und Petruschka nahmen andächtig die Mützen ab und interessierten sich dafür, wer alles mit im Zuge ging und fuhr, und zählten ganz genau die Leute und die Kutschen. Tschitschikow hatte ihnen streng befohlen, daß sie sich ja niemand zu erkennen geben und nicht etwa einen von den Dienern und den Kutschern grüßen sollten, die sie kannten. Selber spähte er verstohlen, doch mit Neugier durch das Guckloch in dem Leder, und er sah: dem Sarge folgten mit entblößten Häuptern alle Würdenträger der Stadt N. Tschitschikow empfand erst die Besorgnis, daß sein Wagen Aufsehen erregen könnte; alle aber dachten an ganz andre Dinge. Ja, sie pflegten nicht einmal das muntere Salongeplauder, das doch sonst in Leichenzügen üblich ist. Ihre bohrenden Gedanken waren auf die eigenen Angelegenheiten konzentriert: sie dachten ernst darüber nach, wie sich der neue Oberpräsident einführen, wie er wohl sein Amt auffassen, und wie er sich wohl als Vorgesetzter zu den Untergebnen stellen würde. Hinter den Würdenträgern, die zu Fuß dem Sarge folgten, rollten eine Menge Kutschen her, aus deren Fenstern Damen in geputzten Trauerhüten schauten. Mundwerke und Hände dieser Damen waren in beständiger Bewegung, – sie für ihr Teil unterhielten sich sehr angeregt. Wahrscheinlich redeten sie auch vom neuen Oberpräsidenten, und besonders von den Bällen, die er geben würde; sicher schwirrte es da nur so in der Luft von ihren ewigen Festons und Spitzenfalbeln. Ihren Kutschen folgte dann noch eine Reihe leerer Droschken, damit war der Zug zu Ende; unser Held sah endlich wieder freie Bahn vor sich. Er schob das Schutzleder zurück, stieß einen tiefen Seufzer aus und sagte sinnend: »Ja, der Staatsanwalt! Er lebte seine Zeit und ist jetzt tot! Wenn man dem Kreisblatt Glauben schenken soll, dann trauern seine Untergebenen und die Menschheit tief um ihn, den ehrenfesten Bürgen dieser Stadt, der seinen Kindern ein so guter Vater war und seiner Frau ein Mustergatte. Na, und was sie sonst noch an prachtvollen Redensarten in die Zeitung schreiben werden: daß ihm die Witwen und die Waisen glühende Dankestränen weihen, und so fort. Besieht man ihn sich aber in der Nähe, macht man kühl die Probe aufs Exempel, großer Gott, dann war an ihm wohl nur das Eine auffällig, daß er sehr buschige Augenbrauen hatte.« Tschitschikow rief seinem Kutscher zu, er solle schneller fahren, und sprach dabei zu sich: »Es freut mich immerhin, daß mir der Leichenzug begegnet ist, – ein Leichenzug soll Glück bedeuten.«

Die Chaise bog derweil in immer ödere Straßen ein. Schließlich sah man weithin nichts mehr als lange Plankenzäune, die bereits das Ende der Stadt N. ankündigten.

Und siehe da, hier hört das Pflaster auf, da ist der Schlagbaum schon, die Stadt liegt hinter uns, – vorwärts zu neuer Fahrt! Und wieder fliegen rechts und links die ewigen Begleiter der Landstraße vorbei, – Werstpfähle, Poststationen, Ziehbrunnen, Planwagen, graue Dörfer mit Teemaschinen, Weibern und gesunden bärtigen Bauernkerlen, die Hafersäcke auf den Schultern schleppen; manchmal ein Vagabund in durchgelaufnen Bastsandalen, der schon achthundert Werst so vor sich hinmarschiert; luftig gebaute Städtchen mit hölzernen Hausiererständen, Mehltonnen, Bastsandalen, Wasserkringeln und anderem wohlfeilen Kram; Schlagbäume in den Landesfarben, Brückchen, an denen ewig ausgebessert wird, unübersehbar ebenes Land zur Rechten und zur Linken, der Reisewagen eines Krautjunkers, vielleicht auch ein Soldat auf einem Gaul vor einem geschlossenen grünen Munitionskarren, welcher die Inschrift trägt: Soundsovielte Batterie der und der Feldartilleriebrigade; grüne, gelbe und frischgepflügte schwarze Ackerstreifen, die grell die weite Steppe unterbrechen, die Töne eines Liedes in der Ferne, dunstblaue Kiefernwipfel, halbverwehter Glockenklang, und Krähen, zahllos wie die Fliegen, und rings der grenzenlose Horizont ...

Rußland! Mein Reußenland! Ich sehe dich! Bin ich gleich fern von dir auf fremder Wunderflur, – ich sehe dich! Arm, locker nur besiedelt, ungastlich schaust du drein. Da schrecken und ergötzen unsern Blick nicht kühne Wunder der Natur, bekrönt von kühnen Wundern hoher Kunst, auch Städte nicht mit fensterreichen, schimmernden Palästen, auf Felsengrund erbaut, mit Efeuranken dicht besponnen, von schöngeformten Bäumen überschattet, umsprüht vom ewigen Regenstaub der Wasserfälle. Nicht wirft der Wanderer das Haupt in das Genick, die Felsentrümmer zu bestaunen, die bis zum fernen Gipfelgrat hinauf wild dräuend überhangen, als ob sie stündlich in die Tiefe stürzen wollten. Nicht leuchten durch der Aquädukte mehrstöckig hochgetürmte Bogenreihen, um die sich Reben, Efeu und ungezählte Millionen wilder Rosen schlingen, – nicht leuchten durch das dunkle Bogenwerk die dauerbaren Linien der besonnten Berge, die ihre Gipfel in den Silberglanz des Äthers heben. So flach und steppenöde liegst du da, mein Reußenland. Gleich winzigen Maulwurfshaufen, kaum sichtbar heben sich die niederen Städte aus deiner weiten Ebenen Einerlei. Kein holder Zauber schmeichelt hier den Sinnen. Und dennoch, welche unergründlich geheimnisvolle Kraft zieht mich zu dir? Warum tönt immerfort dein Sang in meinem Ohr, der wehmutvolle Sang, der überall ob deinen Weiten klingt, so lang du bist, so breit du bist, von Meer zu Meer? Was will der Sang? Was sagt er mir? Er lockt, er schluchzt, er packt mich tief. Es dringen seine Töne mit weher Zärtlichkeit in meine Seele und schlagen Fesseln um mein Herz. Rußland! Mein Reußenland! Was forderst du von mir? Was für ein unzerreißbar starkes Band schlingt sich von dir zu mir? Warum schaust du mich heischend an? Und warum heftet, was in dir lebt und webt, die Augen strenger Erwartung voll auf mich? – Noch steh' ich zweifelnd, ohne mich zu rühren, und schon beschattet eine Wolke schwarz mein Haupt, mit schweren Regengüssen schwanger; und mein Gedanke stirbt vor deiner Grenzenlosigkeit. Was kündet diese ungeheure Weite? Soll hier, auf deinem heiligen Boden, dereinstens der Gedanke auferstehen, der keine Grenzen kennt, wie du kein Ende hast, mein Reußenland? Soll hier der Held geboren werden? Hier hat er Platz, kann wachsen und sich rühren. Und dräuend dehnt sich rings der ungeheure Raum, und seine furchtbare Gewalt erschüttert meiner Seele Tiefen; ein Feuer, nicht von dieser Welt, entbrennt in meinen Augen ... Welch überirdischer Wunderglanz! Welch eine Weite öffnet sich dem Blick! Rußland! Mein Reußenland! ... »Halt, halt, du Rindvieh!« schrie Tschitschikow und meinte Selifan.

»Ich zieh' dir eins mit meiner Plempe über!« schrie ein berittener Feldjäger, der ihnen im Galopp entgegenkam, ein Kerl mit ellenlangem Schnauzbart. »Mach die Augen auf, verfluchter Satansbraten, – das ist ein kaiserlicher Wagen!« Ein donnergleiches Rasseln, eine Wolke von Staub, – schon ist das Dreigespann vorbei, verschwunden wie ein Traum.

Landstraße, – welch ein wundersames Wort, es winkt, es lockt, es trägt dich in ein Zauberland. Und eine solche Straße selbst, – wie ist sie schön! Ein klarer Tag, das Herbstlaub leuchtet von den Bäumen, die Luft geht kühl ... Du wickelst dich recht fest in deinen Reisemantel, ziehst deine Mütze über beide Ohren und drückst dich tief und mollig in die Wagenecke! Noch einmal rinnt ein hastiger Kälteschauer dir durch die Glieder, doch dann umfängt dich das Behagen guter Wärme. Die Gäule traben munter fort ... Verführerisch legt sich der Schlaf auf deine Sinne, die Augen fallen zu ... Schon halb entrückt hörst du, wie ganz von fern, das alte Lied »Nicht weißer Schnee«, das Hufgetrapp, das Räderrasseln; und unversehens schnarchst du laut und drückst den Wagennachbarn an die Wand ... Da du erwachst, sind fünf Stationen schon vorbeigeflogen. Mondschein in einer fremden Stadt; Kirchen mit alten Holzkuppeln und spitzen schwarzen Glockentürmen; dunkle Blockhäuser und hellgetünchte Steingebäude; Streifen von Mondschein hier und dort, als hingen weiße Laken an den Mauern nieder und wären auf das Pflaster hingespreitet; schief schneiden rabenschwarze Schatten in das Licht; wie gleißendes Metall, so schimmern droben die vom Gestirn der Nacht beglänzten Schindeldächer; und nirgendwo ein Mensch zu sehen, – alles schläft. In Einsamkeit verloren irgendwo ein niedres Fenster, dahinter noch ein Lämpchen brennt: vielleicht ein kleiner Mann, der sich das einzige Paar Stiefel flickt, vielleicht ein Bäcker, der seine Semmeln in den Ofen schiebt, – was kümmert's dich! Doch diese Nacht! Ihr himmlischen Gewalten, welch eine Nacht tut sich da droben auf! Die Luft, der ferne, hohe Himmel, der seinen bodenlosen Abgrund über deinem Haupte öffnet, geheimnisreich, hellklingend, leuchtend! ... Doch kalt haucht dir der nächtigen Stunde Atem auf die Lider und lullt dich ein, schon schlummerst du, und weißt nichts mehr, und schnarchst, – verdrießlich ruckt dein armer Nachbar mit der Schulter, weil dein Gewicht ihn ohne Schonung an die Wand quetscht ... Und von neuem wachst du auf, – jetzt liegen vor dir Feld und Steppe; weiter nichts; nur flaches, wüstes, offnes Land. Ein Werstpfahl sticht dir in die Augen und ruft dir seine Ziffer zu. Der Morgen naht; am bleichgewordnen kalten Horizont glänzt still ein blasser Streifen Gold; frischer und schneidiger geht jetzt der Wind, – du wickelst dich erschauernd fester in den warmen Mantel. Prächtige Kälte! Prächtiger Schlaf, der dich aufs neue sanft umfängt! ... Ein Ruck, und wieder fährst du aus dem Schlummer. Die Sonne lacht schon hoch am Firmament. »Langsam, langsam!« ruft eine rauhe Stimme. Der Wagen rasselt einen steilen Hang hinab: Drunten ein breiter Damm, ein breiter Teich, der in der Sonne glänzt wie ein polierter Kupferkessel, ein Dorf, die Hütten locker auf den Hang verstreut; drüben das Kreuz der kleinen Kirche leuchtet wie ein Stern ... Du hörst der Bauern munteres Geschwätz, ein toller Hunger wühlt in deinen Eingeweiden ...

Herrgott, wie schön ist doch zu rechter Zeit solch eine weite, weite Fahrt! Wie oft hab' ich als ein Verzweifelnder, als ein Ertrinkender danach gegriffen, und jedesmal hat sie mich gütig herausgerissen und gerettet. Und wieviel wunderbare Pläne formten sich, welch holde Dichterträume, welche Fülle der Gesichte erwuchsen mir auf solcher Fahrt!

Und auch, was Tschitschikow empfand, wie er jetzt so dahinfuhr, war nicht lauter schnöde Prosa. Doch sehn wir einmal zu, was er empfand! Zunächst empfand er überhaupt gar nichts und sah bloß immer hinter sich, um sich zu vergewissern, daß er wirklich aus der Stadt hinaus war. Und als sich dann nichts mehr von ihr blicken ließ, als keine Schmiede mehr und keine Mühle, noch sonst etwas von dem, was auf die Nähe einer größeren Siedelung schließen läßt, in seine Augen fiel, und als die Erde selbst die weißen Türme ihrer Kirchen in sich eingeschlungen hatte, – von da an sah er nur noch seinen Weg und was zu beiden Seiten dieses Weges lag. Die Provinzialhauptstadt war ihm beinah aus dem Gedächtnis weggewischt, als sei er bloß vor langer Zeit einmal, in fernen Kindertagen, flüchtig durch sie hingefahren. Und aber über eine Weile sah er auch seinen Weg nicht mehr, die Augen fielen ihm gemächlich zu, sein Kopf sank auf das Kissen nieder ...

Der Autor muß gestehen, daß ihm das gerade in den Kram paßt. Auf die Art kann er endlich einmal auf seinen Helden etwas näher eingehen. Der Leser weiß ja selbst, daß uns bisher fast regelmäßig irgend etwas störend dazwischen kam, – bald war's Nasdrjow, bald war's ein Ball, bald waren es die Damen, bald war es dummes Provinzgetratsch, bald wieder eine von den tausend Kleinigkeiten, die uns als Kleinigkeiten erst erscheinen, wenn sie gedruckt im Buche stehn, die aber als sehr ausschlaggebend angesehen werden, wenn sie uns in Wirklichkeit begegnen. Nun aber schieben wir das alles kurzerhand beiseite und gehn geradeswegs auf unser Ziel los!

Wir haben unsere starken Zweifel, ob der von uns erkorene Held das Wohlgefallen des geneigten Lesers zu gewinnen in der Lage ist. Der Damenwelt gefällt er nicht, – das ist uns selber klar. Die Damenwelt verlangt von einem Helden, daß er ohne weiteres vollkommen sei; und weist er nur den kleinsten Makel Leibes oder der Seele auf, dann hat der Autor schon verspielt! Mag er ihm noch so tief ins Innere leuchten, mag er sein Bild noch klarer als ein Spiegel wiedergeben, – darauf wird gar kein Wert gelegt. Schon Tschitschikows Bejahrtheit und besonders seine Korpulenz gereichen ihm zum Nachteil. Korpulenz wird einem Helden keinesfalls verziehn. Die meisten Damen wenden sich natürlich mit Entrüstung ab und sagen: »Pfui, dies Ekel!« Lieber Gott, dies alles weiß der Autor nur zu gut, und dennoch kann er sich nun einmal keine sogenannte »edle Seele« zum Helden seines Werkes wählen. Aber ... vielleicht rauscht es in diesem Buch dereinst von Saiten, die vor mir kein Finger angeschlagen hat, dann weht durch mein Gedicht ein Hauch vom reichen Überschwang der russischen Natur, dann wandelt hier vor euern Augen stolz ein Mann, des Tugend nicht den Göttern weicht, und eine reine Russenmaid, ein Weib, wie es kein andres Land der Erde kennt, ein Spiegel aller Schönheiten der Frauenseele, in Leidenschaft dem Guten hingegeben, voll Opferdrang und frei von Eigensucht. Wie Schemen wirken gegen sie die edeln Seelen andrer Stämme, tot, wie der Buchstabe vor dem lebendigen Wort! So will ich zeugen von der Fülle russischer Herzenskraft, und alle Welt wird es mit Andacht spüren, wie tief das in der Slawenseele gründet, was andrer Völker Geist nur flüchtig streift ...

Doch warum spreche ich von dem, was vor mir liegt? Schlecht steht's dem Dichter an, der längst zum Manne reifte, erzogen von der schweren Hand des Schicksals, ernüchtert von der keuschen Einsamkeit, – schlecht steht's ihm an, sich zu vergessen wie ein junger Fant. Eins nach dem andern! Jeder an seinem Ort, jedes zu seiner Zeit! Und eine edle Seele nehm' ich mir ja dennoch nicht zum Helden. Ich sag' euch auch, warum ich das nicht will. Weil es nun endlich Zeit wird, daß man diese edeln Seelen ein paar Jahre ausruhn läßt. Weil man den Namen »edle Seele« schon zuviel unnützlich führt. Weil man die edle Seele überall zum Zirkuspferd entwürdigt und jeder Autor sie nach Herzenslust durch die Arena tummelt und mit Sporn und Peitsche tothetzt. Weil durch dieses Tothetzen die edle Seele schon dermaßen auf den Hund gekommen ist, daß alles Edle an ihr flöten ging, und daß von ihrer Wohlgestalt nichts übrig blieb als Haut und Knochen. Weil kein Mensch Respekt mehr hat vor edeln Seelen. Nein, es ist die höchste Zeit, daß man nun endlich einmal auch den Gauner aufzäumt. Wohlan, so zäumen wir den Gauner auf!

Recht dunkel und bescheiden ist die Herkunft unseres Helden. Seine Eltern waren Edelleute, doch ob es ererbter alter Adel oder ganz gewöhnlicher Beamtenadel war, – das weiß der liebe Gott. Von Angesicht glich Pawel seinen Eltern nicht, wenn man der Base seiner Mutter Glauben schenken darf, die sich zur Zeit seiner Geburt im Haushalt hilfreich zeigte. Dies Fräulein, eine untersetzte winzige Person, ein richtiger Kloß, wie man bei uns zu sagen pflegt, nahm ihn gleich auf den Arm und rief: »Den hätt' ich mir ganz anders vorgestellt. Er sollte seiner Großmama von Mutters Seite ähneln, das stände ihm am besten zu Gesicht; aber der Bursch gleicht eher jedem ixbeliebigen fremden Kerl als dem Papa und der Mama.«

Das Leben schaute unsern Helden anfangs säuerlich und ohne Güte an, wie durch ein trübes, schneeverwehtes Kammerfenster; keinen Freund, nicht einen Spielgefährten kannte seine Kindheit. Ein sehr kleines Zimmer, dessen kleine Fenster nie geöffnet wurden, winters nicht und sommers nicht; der Vater ein kranker Mann in einem langen Rock mit Lammfellfutter, gestrickte Wollpariser an den bloßen Füßen, der ruhelos und ewig stöhnend durch die Stube schlich und jedesmal, wenn er zur Türe kam, in den dort aufgestellten Spucknapf spie; Pawel saß ewig auf der gleichen Bank, die Feder in der Hand, mit Tintenflecken an den Fingern, ja auch an den Lippen, und sah auf die Schreibvorlage, die ihm immerzu die gleiche weise Lehre predigte: »Du sollst nicht lügen, sollst das Alter ehren und sollst die Tugend fest im Herzen tragen.« Rastlos schlorrten und schlurften unterdes die Wollpariser durch die Stube, gar oft erklang – so wohlbekannt und dennoch stets aufs neue schreckerregend – die strenge Mahnung: »Treibst du wieder Allotria?!« Das blieb nie aus, wenn je der Kleine, des ewigen Einerleis der Arbeit müde, an einen Buchstaben ein Häkchen oder Schwänzlein hängte. Und dazu noch – so wohlbekannt und doch der Schmerz stets wieder neu – die langen, dürren Finger, die bei diesen Worten ihm von rückwärts nach dem Ohre langten, es voll Zorn zusammendrehten und empfindlich mit den Nägeln kniffen. – Dies ist das trübe Bild der ersten Kindheit Tschitschikows, von der ihm kaum eine verblaßte Rückerinnerung geblieben ist.

Jedoch in diesem Erdenleben sind die Dinge jähem Wechsel unterworfen, – eines schönen Tages, an dem ersten sonnenwarmen Frühlingsmorgen, als die Bäche, aus der Eiseshaft entronnen, munter rauschten, da stieg Tschitschikow der Vater mit dem Sohn in einen kleinen Bauernwagen, dran ein braungeschecktes Klepperchen gespannt war, ein Vierfüßler von der Sorte, der die Roßkämme bei uns zuland den Ehrennamen »Pferd« nicht gönnen, und die sie verächtlich »Zicke« titulieren. Vorne auf dem Bock saß ein verwachsenes Männchen, das, wenn es nicht grade Kutscher spielen mußte, alle Hausarbeit versah. Dies war der Alterspräsident der einzigen Leibeigenenfamilie, die Tschitschikow der Ältere im Vermögen hatte. Ihre »Zicke« zog die Reisenden zwei Tage über Land. Nachts kehrte man in einem Dorfkrug ein, man setzte über einen Fluß, man nährte sich von kalter Fischpastete und von kaltem Hammelbraten. Erst am dritten Morgen kam man in die Stadt. Den Jungen blendeten die Straßen des kümmerlichen Nests durch ihre Pracht, – er sperrte Mund und Nase auf.

Und dann klabasterte die »Zicke« samt dem Wägelchen in eine Art von Grube, welche der Eingang einer engen Seitengasse war, die talwärts lief und einfach schwamm vor Schmutz. Die »Zicke« mußte sich entsetzlich plagen und zog mit schwerer Mühe ihre Füße immer wieder aus dem Dreck, wobei sie der verwachsene Kutscher und der gnädige Herr in eigener Person durch lautes Hühgeschrei im Gange hielten. Und endlich zog das arme Tier die Reisenden in einen engen Hof am Hügelhang, auf dem vor einem wettergrauen Häuschen rosig weiß zwei Apfelbäume blühten. Hinter diesem Haus gab's einen kümmerlichen winzigen Garten, in dem bloß Ebereschen- und Holundersträucher standen und dazwischen halbversteckt ein Gartenhaus mit Schindeldach und schmalem Mattglasfensterchen. Hier lebte eine Base der Tschitschikows, ein klappriges, uraltes Frauchen, welches aber immer noch an jedem Morgen auf den Markt ging und nachher, wenn es zurückgekommen war, sich seine Strümpfe an der Teemaschine trocknete. Sie strich dem Jungen übers Haar und lobte seine dicken Backen. Hier bei dieser würdigen Dame sollte Pawel wohnen und tagtäglich in die Bürgerschule gehen. Der Vater blieb noch eine Nacht bei ihm und fuhr am nächsten Tage wieder heim. Beim Abschied strömte keine Träne aus den Vateraugen; er gab dem Sohne einen halben Rubel Kupfer in die Hand als Taschengeld und zum Vernaschen und außerdem, was mehr bedeuten will, noch eine Fülle guter Lehren:

»Sieh nur zu, Pawel, mein Sohn, daß du was Rechtes lernst! Treib keine Faxen und Allotria! Vor allem aber merk dir eins: geh deinen Lehrern und in späteren Zeiten deinen Vorgesetzten um den Bart. Wenn du nur deinen Vorgesetzten um den Bart gehst, wirst du, selbst wenn du nicht grade ein besonderes Licht an Wissen bist und Gott dich auch nicht mit zuviel Talent gesegnet hat, dir deinen Weg schon bahnen und leicht alle andern überflügeln. Gib dich nicht viel mit deinen Kameraden ab, – von ihnen lernst du doch nichts Gutes! Und wenn es trotzdem nicht zu vermeiden ist, so halte dich an die, die Geld im Beutel haben, – sie können dir ja bei Gelegenheit von Nutzen sein. Halt keinen frei und lade keinen ein; sieh lieber zu, daß du von andern freigehalten wirst! Vor allem aber achte mir den Groschen und sieh zu, daß du ihn auf die hohe Kante legst! Geld ist noch immer das Verlässigste auf Erden. Bei einem Freunde, einem Bruder, einem Kameraden weißt du nie, ob er dich nicht betrügt und nicht der erste ist, der dich im Unglück sitzen läßt. Der Groschen bleibt dir treu, auch wenn du noch so tief ins Unglück kommst. Der Groschen ist es, der dem Manne seinen Weg bahnt und ihn geradeaus durch Dick und Dünn zum Ziele führt.«

Der kleine Pawel ging vom nächsten Tag an fleißig in die Schule. Durch besonderes Talent für irgendeine Wissenschaft fiel er nicht auf; er zeichnete sich mehr im Fleiß und im Betragen aus. In andrer Hinsicht aber hatte er einen sehr guten Kopf, – einen erstaunlich guten Kopf fürs Praktische. In solchen Dingen wußte er auf Anhieb gleich Bescheid. Er wußte es, getreu dem Rat des Vaters folgend, beim Verkehr mit Kameraden höchst gewandt so einzurichten, daß er immer freigehalten wurde. Er selber schenkte nicht nur niemand etwas, sondern brachte es sogar zuweilen fertig, die Geschenke, die er sich von einem Freunde hatte machen lassen, an den Spender selber wieder zu verkaufen. Als kleiner Junge schon war er charakterstark genug, sich alles Überflüssige zu versagen. Jenen halben Rubel Kupfer, welchen ihm sein Vater bei der Trennung schenkte, gab er nicht etwa aus, – im Gegenteil, er wußte ihn im ersten Jahr bereits durch kluge Transaktionen zu vermehren. Er modellierte einen Dompfaffen aus Wachs, strich ihn mit bunten Farben an und machte ihn mit viel Gewinn zu Geld. Hernach verlegte er sich gleich auf andere Geschäfte, die ebenfalls nicht schlecht zu nennen waren. So ging er auf den Markt und kaufte irgend was von Naschwerk; in der Schule setzte er sich dann zu Jungen, die nach seiner Kenntnis gut bei Kasse waren. Sobald er merkte, daß es einem dieser gut gestellten Kameraden beinahe schlecht vor Hunger wurde, ließ er ihn, scheinbar ganz absichtslos, unter dem Pult die Ecke eines Pfefferkuchens oder die Spitze eines Hörnchens sehn; und war die Gier des anderen entflammt, dann mußte er dem klugen Pawel soviel zahlen, wie es dem der Größe seines Hungers angemessen schien. Zwei volle Monate hindurch befaßte sich unser junger Held daheim rastlos mit dem Dressieren einer Maus, die er in einem engen Holzkäfig gefangen hielt; er brachte sie so weit, daß sie auf sein Kommando Männchen machte, sich auf ein Zeichen niederlegte und auf ein neues Zeichen wieder aufsprang; auch die Maus verkaufte er sehr vorteilhaft. Sowie fünf Rubel beieinander waren, nähte er das Säckchen zu, worin er sie gesammelt hatte, und ging an die Füllung eines neuen Säckchens.

In der Behandlung seiner Oberen und Lehrer erwies sich Pawel beinah noch geschickter. Kein anderer saß beim Unterricht so artig in der Bank wie er. Es ist hier zu erwähnen, daß sein Lehrer ganz besonders viel auf tadellose Stille in der Klasse und auf sittsames Betragen hielt. Gescheite, helle Jungen waren ihm ein Greuel; denn er hatte sie beständig im Verdacht, daß sie ihn hinterrücks verspotteten. Ein Schüler, der im Ruf stand, einen offenen Kopf zu haben, brauchte sich nur ein bißchen zu bewegen oder in aller Unschuld seine Brauen hochzuziehn, dann war der Lehrer schon in hellem Zorn. Der arme Schüler wurde kujoniert und mitleidlos bestraft. »Mein lieber Freund, dir treib' ich deine Einbildung und deinen Trotz schon aus!« rief er. »Ich kenn' dich durch und durch, ich kenn' dich besser, als du selbst dich kennst. Du sollst dich mal im Knieen üben! Du sollst merken, wie der Hunger schmeckt!« Der unglückselige Junge, der nicht ahnte, was er denn eigentlich verbrochen hätte, rutschte sich die Kniee wund und mußte ganze Tage fasten. »Begabung und Talent, – ist alles Quatsch!« erklärte dieser Pädagog. »Ich sehe nur auf das Betragen. Und wenn einer auch das ABC nicht kennt, und er beträgt sich musterhaft, so geb' ich ihm in allen Fächern eine Eins; seh' ich bei einem aber diesen Geist der Auflehnung und die gewisse freche Miene, dann kriegt er eine Vier, und wenn er an Gescheitheit auch den Solon in die Tasche steckte.« So äußerte sich dieser Jugendbildner, der es Krylow, dem großen Fabeldichter, nicht verzeihen konnte, daß er irgendwo in einer seiner Fabeln sagt: »Dann trink schon lieber wie ein Faß, Doch leiste was!« Geradezu verklärt war sein Gesicht, wenn er den Jungen von der Schule schwärmte, wo er früher unterrichtet hatte. Da sei es stets so mäuschenstill gewesen, daß man jede Mücke durch die Stube fliegen hörte, und im Laufe eines vollen Jahres hätte sich beim Unterricht von allen Schülern nicht ein einziger geräuspert oder gar geschnäuzt, und bis zum Glockenzeichen wäre es vom Gange aus überhaupt nicht feststellbar gewesen, ob ein Mensch im Klassenzimmer sei.

Tschitschikow hatte es sofort heraus, wes Geistes Kind der Lehrer war, und wie er sich zu ihm verhalten mußte. Er zwinkerte, solang' die Stunde dauerte, niemals mit einer Wimper, mochten ihn die Kameraden auch von hinten noch so schmerzhaft kneifen. Doch wenn es dann läutete, so stürzte er Hals über Kopf zum Kleiderhaken, kam den anderen zuvor und überreichte dem Herrn Lehrer seinen Hut; nachher schoß er als erster auf die Straße und verstand es raffiniert so einzurichten, daß er seinem Lehrer noch zwei-, dreimal in den Weg gelaufen kam, wobei er selbstverständlich stets servil die Mütze zog. – Und groß war der Erfolg, der seine Klugheit lohnte. Er befand sich in der höchsten Gunst, so lange er zur Schule ging. Und als er austrat, wies sein Zeugnis gleichmäßig in jedem Fache eine Eins, des weiteren bekam er ein Diplom, sowie ein Buch, das mit goldnen Buchstaben die Inschrift trug: »Für musterhaften Fleiß und sittsames Betragen«.

Als Tschitschikow die Schule verließ, war er ein junger Mann von angenehmem Äußeren, mit einem Bartwuchs, der bereits nach dem Rasiermesser verlangte. Um die gleiche Zeit starb ihm sein Vater. Pawel erbte von ihm vier vollkommen aufgetragne wollne Kamisole, zwei alte Röcke mit recht schäbigem Lammfellfutter und eine verschwindend kleine Summe Geld. Der Alte hatte sich, so schien's, damit begnügt, anderen Leuten vorzupredigen, daß sie die Groschen auf die hohe Kante legen sollten, – er selber hatte sich nicht viel erspart. Tschitschikow schlug den kleinen väterlichen Hof um tausend Rubel los und nahm die einzige Leibeigenenfamilie mit sich in die Stadt, wo er sich niederlassen und dem Staatsdienst widmen wollte.

In demselben Jahr geschah es seinem armen Lehrer, der so großen Wert auf strenge Zucht und sittsames Betragen legte, daß er aus dem Dienst gejagt wurde, sei's wegen gar zu großer Dummheit, sei es wegen dienstlicher Verfehlungen. Vor Kummer warf der alte Mann sich auf den Trunk, bis es auch dafür nicht mehr reichte; krank und elend, ohne einen Bissen Brot und ohne Hilfe lag er nun in einer ungeheizten Kammer draußen in der Vorstadt und erwartete den Tod. Doch seine früheren Schüler, jene hellen und gescheiten Jungen, denen er nur immer Trotz und Hochmut vorgeworfen hatte, hörten irgendwie von seiner bitteren Not und sammelten für ihn. Mancher verkaufte für den guten Zweck sogar dies oder jenes Stück, das er im Grunde selber kaum entbehren konnte. Bloß Pawel Tschitschikow erklärte kühl, er hätte nichts, und rückte nur mit einem blutigen Fünfkopekenstück heraus. Das aber warfen ihm die Kameraden vor die Füße und sagten voll Verachtung: »Pfui, du Filz!« Der arme Lehrer schlug die Hände vors Gesicht, als man ihm von der Güte seiner Schüler von ehemals berichtete. Die Tränen schossen ihm in Strömen aus seinen vor Gram erloschenen Augen, und er schluchzte ohne Hemmung wie ein Kind. »Auf meinem Totenbett schenkt mir der liebe Gott noch diese Tränen!« sagte er mit halb erstickter Stimme. Schmerzlich seufzte er, als er darauf von Tschitschikows Verhalten hörte, und fuhr fort: »Ach Pawel, Pawel! Wie ein Mensch sich ändern kann! Er war so brav und so manierlich! Niemals wild und unartig, – ein goldener Junge! Ja, in dem hab' ich mich doch getäuscht, in dem hab' ich mich schwer getäuscht ...«

Darum soll aber keiner des Glaubens sein, es wäre unseres Helden Herz so hart und so verdorrt, es wäre sein Gefühl so abgestumpft gewesen, daß er überhaupt kein Mitleid und Erbarmen kannte. Nein, er kannte Mitleid und Erbarmen, und er würde seinem Lehrer gern geholfen haben, doch das durfte ihm nichts Nennenswertes kosten; denn er wollte um sein Leben nichts von jenem Gelde angreifen, das einmal auf der hohen Kante lag; kurzum, der väterliche Rat: »Achte den Groschen und sei sparsam« hatte mit Gewalt von ihm Besitz ergriffen. Im Grunde aber hing er nicht am Geld nur um des Geldes willen und war keineswegs ein Knicker oder Geizkragen. Was ihm vor Augen stand, war ein bequemes Leben, mit Komfort und Luxus ausgestattet, eine eigene Equipage, eine hübsche Villa und gepflegte Mahlzeiten, – das war's, wovon er ständig träumte. Um dereinst, sobald die Zeit dafür gekommen wäre, alle diese Herrlichkeiten zu genießen, – nur aus diesem Grunde scharrte er Kopeke zu Kopeke, nur aus diesem Grunde war er für den Anfang karg und habsüchtig und wollte sich und andern gar nichts gönnen. Wenn einmal in einer feinen Renndroschke mit reichgeschirrten Orlowtrabern ein Millionenprotz an ihm vorüberfuhr, dann blieb der junge Tschitschikow wie angewurzelt stehen und erwachte erst nach einer Weile gleichsam aus dem tiefsten Traum und seufzte voller Neid: »Der Kerl war früher bloß ein armer Ladendiener, der halblange Simpelhaare wie ein Bauer trug!« Der Anblick fremden Reichtums erregte Tschitschikow so tief, daß er es selbst kaum fassen konnte.

Nach seinem Austritt aus der Schule gönnte er sich nicht die kleinste Ruhepause, – so gewaltig war die Sehnsucht, ungesäumt ans Werk zu gehn und in den Staatsdienst einzutreten. Doch trotz seinem guten Zeugnis wurde es ihm gar nicht leicht, ein Pöstchen zu ergattern, – auch im fernsten Winkel der Provinz braucht man dafür Protektion! Die Stelle, die er fand, war klein und brachte ihm nicht mehr als dreißig oder vierzig Rubel jährlich ein. Trotzdem nahm er sich vor, den größten Fleiß und Eifer zu beweisen und jeden Widerstand siegreich zu überwinden. An Selbstverleugnung, Ausdauer und Anspruchslosigkeit schlug er wohl alle Mitbewerber aus dem Feld. Vom frühen Morgen bis zum späten Abend schrieb er mit gekrümmten Fingern Akten ab, und nie versagte ihm die Kraft des Körpers und des Geistes, er vergrub sich völlig in die Arbeit, ging am Abend nicht nach Hause, schlief auf einem Tisch im Amt und aß nicht selten mit den Amtsdienern zu Mittag. Dabei hielt er doch mit Peinlichkeit auf seinen äußeren Menschen, war sehr sauber angezogen, zeigte stets ein liebenswürdiges Gesicht; und wie er sich bewegte und benahm, – das hätte jedem Angehörigen der höheren Aristokratie zum Muster dienen können. Nun ist es wohl nötig, zu erwähnen, daß die Angestellten der betreffenden Behörde sonst von der Natur meistens stiefmütterlich behandelt waren und zudem recht wenig auf sich hielten. Mancher unter ihnen hatte ein Gesicht, das an ein mangelhaft gegangenes Brot erinnerte: die eine Backe war unförmig dick, das Kinn lud nach der anderen Seite aus, die Oberlippe war geschwollen und dazu vom Frost geplatzt, – kurzum, es war schon nicht mehr schön. Sie hatten eine barsche Redeweise und bedienten sich meist eines Tons, als wollten sie gleich tätlich werden. Ferner brachten sie dem Bacchus reiche Opfer und bewiesen so, daß sich in unserem Slawenvolk noch mancher Rest von Heidentum erhalten hat. Manchmal erschienen sie sogar, wie man zu sagen pflegt, »mit einem Affen« auf der Kanzlei, was diesen Ort nicht angenehmer und die Atmosphäre, die dort herrschte, nicht balsamischer erscheinen ließ. Bei dem Kollegenmaterial lag es ja nah, daß Tschitschikow erfreulich von den andern abstach, mit dem liebenswürdigen Gesicht, dem konzilianten Tonfall seiner Rede und der gänzlichen Enthaltsamkeit, die jedes stärkere Getränk verschmähte. Dennoch wurde ihm der Aufstieg schwer. Sein Kanzleivorstand war ein uralter Aktenhengst, gefühllos, hölzern und verdorrt. Er blieb sich immer gleich, war nirgendwo zu packen, hatte nie in seinem ganzen Leben nur das kleinste Lächeln sehen lassen und niemals zu einem der Kollegen nur gesagt: »Wie geht es Ihnen?« Keiner hatte je an ihm, sei's auf der Straße, sei's bei ihm daheim, ein anderes Gesicht erblickt, als das gewohnte Amtsgesicht. Wenn er doch nur ein einziges Mal Anteil an irgendeinem Ding verraten, wenn er sich nur ein einziges Mal, in Gottes Namen, knüppeldick besoffen und dann wenigstens im Rausch gelacht hätte, – und wäre es die wilde Lustigkeit gewesen, die ein Bandit und Straßenräuber zeigt, wenn er betrunken ist! Aber bei ihm war von dem allen nicht die Rede. In seinem Innern lag es wie ein großes Loch: es war nichts Böses und nichts Gutes da; das Grauen konnte einen packen vor der schauerlichen Leere, vor dem absoluten Mangel ausgeprägten Eigenschaften. Sein steinernes Gesicht war frei von jeder gröberen Unregelmäßigkeit, und er sah keinem Menschen ähnlich, den man kannte; eine gewisse plumpe Proportioniertheit lag in diesen Zügen. Doch war die Haut zerrissen und durchpflügt von Blatternarben; er hatte eins von den Gesichtern, auf denen, wie der Volksmund sagt, der Böse nächtens seine Erbsen drischt. Man sollte wirklich meinen, daß es über Menschenkraft gegangen wäre, sich bei diesem Manne einzuschmeicheln und sich seine Neigung zu gewinnen; aber Tschitschikow ließ sich die Mühe nicht verdrießen. Erst versuchte er es, ihn durch allerlei dienstfertige Gefälligkeiten zu gewinnen: er orientierte sich genau, wie sich der Herr Kanzleivorstand die Federn schnitt, und schnitt nach diesem Muster eine ganze Anzahl zu und legte sie ihm auf das Tintenfaß; er blies und fegte ihm den Streusand und den Schnupftabak vom Pult; er stiftete ihm einen frischen Lappen, um die Federn dran zu wischen; er holte seine Mütze, wohl das schäbigste von Kopfbedeckung, was die Welt gesehen hat, und legte sie genau eine Minute vor Kanzleischluß für ihn hin; er putzte ihm den Rücken ab, wenn er sich an die Wand gelehnt und weiß gemacht hatte. Doch alles dies blieb völlig unbemerkt, als wäre es gar nicht geschehen. Nunmehr suchte Tschitschikow sich nähere Kunde über die Familienverhältnisse des Vorgesetzten zu erschnuppern. Er brachte in Erfahrung; daß der Vorstand eine Tochter vorgerückten Alters hatte, auf deren Gesicht der Böse gleichfalls nächtens seine Erbsen drosch. Und unser Held beschloß, den Sturm von dieser Seite anzusetzen. Er wußte bald, in welche Kirche die Jungfrau Sonntags ging, und richtete es klug so ein, daß er ihr dort an jedem Sonntag gegenüberstand, blitzsauber angezogen und mit steif gestärktem Chemisett. Und solche Ausdauer errang zum Schluß den Sieg: der grimme Vorgesetzte wurde weich und lud den Untergebnen an einem schönen Nachmittag zum Tee! Noch hatten die Kollegen Tschitschikows nicht damit angefangen, überrascht zu sein, da war er schon im Haus des Vorstands eingemietet. Dort machte er sich einfach unentbehrlich, er besorgte Mehl und Zucker für die Küche, er benahm sich zu der Tochter ganz wie ein verlobter Bräutigam, nannte den alten Brummbären »Papachen« und küßte ihm die Hand. In der Kanzlei war jeder überzeugt, daß Ende Februar, vor den großen Fasten, seine Hochzeit sein würde. Der grimme Vorstand selbst verwendete sich höheren Ortes lebhaft für den künftigen Schwiegersohn, und in der Tat, es währte auch gar nicht lang, da hatte Tschitschikow schon selbst den Vorstandsposten einer anderen Kanzlei. Und dieses war für ihn, wie jeder merken konnte, auch der ganze Zweck der innigen Beziehungen zu seinem früheren Kanzleivorstand gewesen, – noch am gleichen Tage ließ er seine Koffer heimlich aus dem Hause schaffen und saß schon am nächsten Tage weit vom Schuß in einem andern Haus. Von Stund an nannte er den Alten niemals mehr »Papachen«, küßte ihm nicht mehr die Hand, und von der Hochzeit wurde es so still, als hätte nie ein Mensch daran gedacht. Doch wenn er je wieder dem Alten in den Wurf kam, drückte er ihm freundschaftlich die Hand und fragte ihn, warum er ihn denn nie zum Tee besuche. Das veranlaßte selbst diesen amtsergrauten Aktenhengst, so gleichgültig und abgestumpft er war, den Kopf zu schütteln und ergrimmt in seinen Bart zu murmeln: »Na, der hat mich sauber eingewickelt! Schön hat er mich reingelegt, der Lumpenhund!«

Tschitschikow hatte nun die steilste Stufe hinter sich. Von da an ging es leichter und bequemer fort. Man wurde auf ihn aufmerksam, – besaß er doch in hohem Grad die Eigenschaften, die man für dies Leben braucht: ein konziliantes Wesen, nette Umgangsformen und eine Versiertheit in Geschäften, die nicht alltäglich war. Durch diese Fähigkeilen kam er schon nach kurzer Zeit, wie man so sagt, auf ein nahrhaftes Futterplätzchen und verstand es dann, sich dieses Postens trefflich zu bedienen. Hier möchte ich erwähnen, daß eben damals äußerst strenge Maßregeln getroffen wurden, um der Bestechlichkeit in unsern Ämtern den Garaus zu machen. Unser Held ließ sich durch solche Widrigkeiten aber nicht ins Bockshorn jagen, sondern drehte, was ihm schaden sollte, keck zu seinem Nutzen um und zeigte so von neuem, daß die Findigkeit des echten Russen unter scharfem Druck grade die schönsten Blüten treibt. Die Sache wurde nämlich so gemacht: Wenn ein Gesuchsteller bei unserm Helden vorsprach und die Hand schon in die Tasche steckte, um eines jener farbigen Papierchen draus hervorzuholen, die man in unserm Vaterland scherzhaft »Empfehlungsbriefe von dem Fürsten Dingsda« nennt, hielt Tschitschikow mit einem feinen Lächeln die freigebige Hand des andern fest und sagte: »Nein, Sie werden doch nicht glauben, daß ich ... Nein! Das ist nicht mehr als unsere Pflicht und Schuldigkeit! Das tun wir selbstverständlich ohne jede Gegenleistung! Sein Sie unbesorgt: morgen am Tag wird das erledigt. Schreiben Sie mir nur Ihre Adresse auf! Bemühen Sie sich, bitte, nicht erst her! Sie kriegen es ins Haus geschickt.« Bezaubert und entzückt empfiehlt sich der Gesuchsteller und denkt in seinem Sinn: »Na, endlich mal ein Mann von jener Art, von der wir viele brauchen könnten! Einfach ein Juwel!« Dann aber wartet er erst einen Tag, und wartet einen zweiten, – es wird ihm nichts ins Haus gebracht. Am dritten Tag rührt sich noch immer nichts. Er geht von neuem auf das Amt, – in seiner Sache ist noch nichts geschehn. Er wendet sich an das »Juwel«. – »Ach Gott, Sie müssen freundlichst entschuldigen,« sagt Tschitschikow und reicht ihm beide Hände, »wir hatten eine Masse Arbeit ... Morgen gehen wir an Ihre Sache, morgen ganz bestimmt! Es ist mir selber äußerst peinlich!« Tschitschikows Liebenswürdigkeit ist einfach herzgewinnend. Und greift der andere etwa wieder in die Tasche, nun, so faßt er seine Hand und drückt sie vorwurfsvoll. Doch es wird morgen, es wird übermorgen und dann überübermorgen, und noch immer harrt der Ärmste auf Bescheid. Er greift sich an den Kopf und fragt sich nun: »Ob ich nicht doch am Ende was versäumt habe?« Er horcht herum, und ein erfahrener Mann gibt ihm den Rat: »Stecken Sie doch den Schreibern etwas zu!« – »Sehr gern! Warum denn nicht? Ich gebe mit Vergnügen jedem Schreiber einen Viertelrubel, oder einen halben, wenn es sein muß.« – »Nein, ein Viertelrubel, – damit ist es nicht getan; nein, einen weißen Lappen müssen Sie schon springen lassen.« – »Was, wie, fünfundzwanzig Rubel für die Schreiberseelen?« ruft der gute Mann. – »Nur kaltes Blut!« wird ihm erwidert. »Die Geschichte ist ganz einfach so: die Schreiber kriegen selbstverständlich höchstens einen Viertelrubel pro Person; das andere fließt dem Vorstand zu.« Da schlägt der also aufgeklärte Klient sich wütend vor die Stirn und schimpft, was Zeug und Leder hält, auf die verdammte neue Ordnung, auf den Kreuzzug der Regierung gegen die Bestechlichkeit und auf die raffinierten verfeinerten Methoden der Beamtenschaft. »Früher, da wußte man doch, wie der Hase lief. Man gab dem Vorstand einen roten Lappen, und die Sache war gemacht. Jetzt muß es schon ein weißer Lappen sein, statt zehn verlangen diese Lumpen fünfundzwanzig, ja, und außerdem vertut man eine ganze Woche, bis man überhaupt im Bilde ist. Hol' schon der Teufel die Intaktheit und die sogenannte Vornehmheit unserer Beamten!« Selbstverständlich hat der gute Mann von seinem Standpunkt völlig recht. Doch dafür gibt es heutzutage keinen einzigen bestechlichen Beamten mehr: alle Kanzleivorsteher sind hochfeine Ehrenmänner, bloß die Sekretäre und die Schreiber sind Halunken.

Nach einiger Zeit tat sich für Tschitschikows Geschäftssinn ein noch weiterer Spielraum auf. Es wurde eine Kommission gebildet, der die Erbauung eines Staatsgebäudes übertragen ward, für das ein äußerst netter, rundlicher Betrag bewilligt war. In diese Kommission kam Tschitschikow, und er erwies sich bald als eines der rührigsten von ihren Gliedern. Die Kommission ging ungesäumt ans Werk. Sechs volle Jahre baute man an dem Gebäude; doch ob es nun am schlechten Wetter lag, oder ob Kalk und Ziegel nicht viel taugten, – das Staatsgebäude wollte absolut nicht über das Fundament hinaus gedeihen. Doch dafür besaß nach kurzer Frist ein jedes von den Kommissionsmitgliedern irgendwo in andern Gegenden der Stadt ein hübsches Haus von gutem bürgerlichem Stil, – in jenen Vierteln war der Baugrund höchstwahrscheinlich besser. Die Herren wurden langsam wohlhabend und gründeten zum Teil auch schon Familien. Erst hier und jetzt erst lockerte auch Tschitschikow allmählich seine ehernen Prinzipien strengster Selbstverleugnung und größter Anspruchslosigkeit. Jetzt erst machte er der langen Fastenzeit ein Ende, und es zeigte sich, daß er in seinem Tiefsten den Genüssen niemals feind gewesen war, die er sich in den muntern Jugendjahren doch versagt hatte, in jenen Jahren, da sich sonst wohl kaum ein Mensch so ganz in der Gewalt hat. Nun erlaubte er sich plötzlich den und jenen Luxus, legte sich zum Beispiel einen tadellosen Koch zu und die feinsten holländischen Hemden. Er besorgte sich auch Anzugstoffe, wie sie nicht so leicht ein anderer von den Provinzlern trug, – um diese Zeit entwickelte sich seine Vorliebe für Tuche von gedämpftem Preißelbeerrot mit helleren Pünktchen. Er kaufte sich zwei schöne Pferde, führte selbst die Zügel, wobei er das Beipferd mit seitwärts geneigtem Kopfe zierlich kurbettieren ließ. Er goß sich regelmäßig einen Schuß Eau de Cologne ins Waschwasser, bevor er sich mit seinem Schwamme abrieb; und er ließ es sich was kosten, eine ganz besonders feine Seife zu erstehen, die die Haut weich und geschmeidig machte; und er kaufte ...

Aber plötzlich wurde der verschlafene alte Amtsdirektor pensioniert, und es erschien ein neuer Mann, ein General a. D., ein sehr gestrenger Herr, der fest entschlossen war, den üblichen Bestechungen und jeglicher Unregelmäßigkeit ein Ziel zu setzen. Schon am zweiten Tage schlug er einen Riesenkrach, forderte Rechnungslegung, merkte bald, daß keine Rechnung stimmte und daß überall Unsummen fehlten, sah sich dann die oben schon erwähnten Villen von gut bürgerlichem Stil genauer an, – und das Gericht brach los! Die schurkischen Beamten wurden Knall und Fall entlassen; die Villen von gut bürgerlichem Stil verfielen der Konfiskation und wurden in der Folgezeit zu Stiften, Armenschulen und Spitälern umgebaut. Die Sünder wurden alle fürchterlich gebeutelt, ganz besonders aber Tschitschikow. Sein doch im allgemeinen jedermann sympathisches Gesicht gefiel dem neuen Herrn Direktor nicht, – warum, das weiß der liebe Gott. Solche grundlosen Abneigungen gibt es öfters in der Welt. Kurzum, er war dem General bis in den Tod zuwider. Dieser führte ohne Gnade ein gestrenges Regiment. Doch da er immerhin ein alter Offizier und deshalb in die innere Technik des Zivildienstes nur oberflächlich eingedrungen war, ergab es sich nach kurzer Zeit, daß andere Beamte sich kraft ihrer ehrlichen Gesichter und ihrer Schmiegsamkeit in jeder Lebenslage des Gestrengen Gunst erwarben. Auf die Art kam der General nun in die Hände noch viel abgefeimterer Halunken, die er doch für Ehrenmänner hielt. Er rühmte sich sogar, wie gut es ihm gelungen sei, die rechten Leute auf den rechten Platz zu setzen, und tat sich auf seine feine Menschenkenntnis viel zugut. Die findigen Beamten hatten seine Art und seine Eigenheiten bald heraus. Keiner im ganzen Amt, der sich nicht als erbitterter Verfolger jedes Unrechts gab. Sie machten mit Begeisterung Jagd auf Mißbräuche, wie Fischer, die mit der Harpune auf die Störjagd gehen; und die Jagd war so erfolgreich, daß nach kurzer Zeit jeder der waidgerechten Jäger ein paar tausend Rubel im Vermögen hatte. Damals bekehrten sich auch viele von den früheren Beamten, machten Reu' und Leid in aller Form und wurden wieder angestellt. Bloß Tschitschikow gelang es, wie er sich auch mühte, nicht, den alten Posten wieder zu ergattern. Er sparte die »Empfehlungsbriefe von dem Fürsten Dingsda« nicht und zog dadurch den ersten Sekretär des Generals auf seine Seite. Dieser Sekretär, der seinen Chef sonst sehr erfolgreich an der Nase führte, gab sich auch alle Mühe und sprach unentwegt für ihn, – aber vergebens. Denn so leicht und ahnungslos der General sich sonst zu allem, was man wollte, bringen ließ, – hatte sich ein Gedanke erst einmal recht in ihm festgerannt, so stak er da wie ein bis an den Kopf hineingetriebner Nagel, den keine Zange mehr erwischen kann. Alles, was der gescheite Sekretär bewirken konnte, war, daß Pawel Tschitschikows sehr mangelhafte Qualifikation verbessert wurde. Und selbst hierzu ließ sich der gestrenge Vorgesetzte nur durch eine Teilnahme bewegen, welche keineswegs dem Helden unserer Dichtung selber galt, sondern nur seinen unglückseligen Angehörigen. Daß Tschitschikow gar keine Angehörigen hatte, störte den gefälligen Sekretär nicht weiter, – er für sein Teil malte dem Chef das fürchterliche Los der darbenden Familie mit lebhaften Farben aus.

»Tja, lieber Gott ...!« sprach Tschitschikow zu sich. »So geht's: der Fisch beißt an, schon willst du ihn aufs Trockne ziehn, da reißt die Schnur ... Laß fahren! Hin ist hin! Mit Heulen machst du auch nichts gut, da hilft nur Handeln!« – Und er machte sich unverzagt daran, von neuem seine Laufbahn zu beginnen, sich von neuem unermüdlich abzurackern und von neuem krummzuliegen, wenn ihm das auch sauer wurde, da er sich's vorher so wohl und so behaglich hatte gehen lassen. Er verzog in eine andre Stadt, um sich dort wieder aus der Niedrigkeit herauszuarbeiten. Aber es wollte ihm im Anfang nicht recht glücken. Zwei, drei Stellungen, mit denen er's probierte, gab er wieder auf, weil ihm die Tätigkeit da doch zu subaltern und die Umgebung doch zu schmutzig schien. Man muß sich nämlich klar darüber sein, daß Tschitschikow in einer Weise heikel war wie kaum ein andrer Mensch auf dieser Welt. Wenn er sich für den Anfang auch gezwungen sah, mit schmutzigen Gesellen zu verkehren, – in seinem Herzen hegte er die Reinheit treu und unentwegt; wohlfühlen konnte er sich nur in Stellungen, wo er lackierte Tische und polierte Sitten vorfand. Er ließ kein grobes Wort aus seinem Mund und war in seinen heiligsten Gefühlen verletzt, wenn andere im Gespräch den schuldigen Respekt vor Rang und Stand vermissen ließen. Ich hoffe sehr, der wohlgeneigte Leser wird es mit Genugtuung zur Kenntnis nehmen, daß er jeden zweiten Tag die Wäsche wechselte, im Sommer, wenn es ganz besonders heiß war, sogar täglich. Jeder noch so leise üble Duft beleidigte sein Riechorgan. Deswegen steckte er sich stets, wenn ihm Perruschka beim Entkleiden half, eine Gewürznelke ins Nasenloch. In mancher Hinsicht war er zart besaitet wie ein Jüngferlein. Und darum wurde es ihm furchtbar sauer, sich jetzt wieder in Regionen zu bewegen, wo es nach Gemeinheit und nach Fusel stank. Trotz aller Seelenstärke fiel er arg vom Fleisch und wurde käsebleich bei solcher Lebensweise. Und früher hatte er doch schon ein bißchen Fett ansetzen und die wohlgenährte Rundlichkeit gewinnen können, die der Leser mit Vergnügen an ihm sah, als er zuerst vor seine Augen trat. Er hatte oftmals, wenn er vor dem Spiegel stand, sich allerlei von schönen Dingen träumen lassen: einem hübschen Weibchen und geliebten Kindern. Ein hoffnungsfrohes Lächeln hatte beim Gedanken daran sein Gesicht verklärt. Doch wenn es jetzt der Zufall einmal wollte, daß er sein Bild im Spiegel sah, dann konnte er sich nicht enthalten, auszurufen: »Heilige Mutter Gottes, nein, wie häßlich ich geworden bin!« Nach solchen traurigen Erlebnissen vermied er es mit Sorgfalt tagelang, sich einem Spiegel nur von fern zu nähern.

Doch unterkriegen ließ er sich deswegen nicht, er harrte aus in Stärke und Geduld und – wurde schließlich auch im Zolldienst angestellt. Es sei betont, daß eine Anstellung beim Zoll schon lange sein geheimes Wunschziel war. Die Zollbeamten trugen sich so stutzerhaft und prungten mit so seiner Auslandsware, sie schenkten ihrer weiblichen Verwandtschaft so schönes Porzellan, so herrlichen Batist ... Oft hatte Tschitschikow neidlüstern seufzend vor sich hingemurmelt: »Ja, das wär so was für mich: die Grenze vor der Nase, gebildete Kollegen; ach, und die fabelhaften Hemden aus holländischer Leinwand, die man da höchst preiswert kriegen könnte!« Es soll hier nicht verschwiegen werden, daß er dabei auch eine besondere Seifensorte, echt pariser Fabrikat, im Sinne hatte, die die Haut schneeweiß und weich wie Sammet machte; wie die Seife hieß, das weiß ich nicht, doch Tschitschikow war überzeugt, daß sie dort an der Grenze ohne weiteres aufzutreiben sei. Na, kurz und gut, er hätte sich von jeher schon sehr gern zum Zoll gemeldet; und was ihn davon abhielt, waren nur die Chancen, welche ihm der Sitz in jener Baukommission eröffnete. Wer will es ihm auch übelnehmen, daß er einen Sperling in der Hand der Taube auf dem Dache vorzog? Jetzt aber tat er, was in seinen Kräften lag, um jedenfalls zum Zoll zu kommen, und siehe: es gelang. Er warf sich gleich mit ungeheuerem Eifer auf den Dienst. Es sah fast aus, als hätte ihn das Schicksal selbst von Anbeginn zum Zöllner ausersehen. So etwas von Gerissenheit, Scharfblick und Spürsinn war ganz unerhört und niemals dagewesen. Nach drei, vier Wochen war er in dem Dienst schon so beschlagen, daß er einfach alles wußte. Und er brauchte nicht erst lange nachzumessen und zu wägen: er sah dem Ballen Seide oder Tuch die Ellenzahl von außen an, er lüpfte ein Paket nur flüchtig mit der Hand und sagte bis aufs Lot genau, wie schwer es war. Und was die Revision betrifft, so zeigte er dabei selbst nach dem Urteil seiner Amtsgenossen »eine Nase wie ein Schweißhund«. Ganz erstaunlich wirkte die Geduld, mit der er jeden Knopf betastete; und dabei war er von unwandelbarer Kaltblütigkeit und streng korrekter Höflichkeit. Während die Untersuchten vor geheimer Wut ins Zittern kamen, fast in Tobsuchtsanfälle gerieten und die größte Lust verspürten, ihrem Peiniger rechts und links ein paar in sein sympathisches Gesicht zu schlagen. wich die Freundlichkeit nicht einen Augenblick aus seinen Zügen. Und er sagte, liebenswürdig wie nur je: »Ach, bitte, sein Sie doch so freundlich, sich ein bißchen zu erheben!«, oder: »Wollen gnädige Frau mir den Gefallen tun, sich dort ins Nebenzimmer zu bemühen; die Gattin eines unserer Beamten muß Ihnen da etwas im Vertrauen sagen!«, oder: »Gestatten Sie mir gütigst, mit dem kleinen Messer da ein Stückchen Ihres Mantelfutters aufzutrennen!« Sprachs und zog dem armen Reisenden aus seinem Mantelfutter Spitzenschals und seidne Tücher, noch dazu mit einer Unbefangenheit, als griffe er in seinen eignen Koffer. Selbst der Oberzolldirektor rief in einer Art von ängstlicher Bewunderung: »Dies ist ein Satan, und kein Mensch!« Er spürte allerorten etwas auf: in Wagenrädern, Deichseln, Pferdeohren und an noch viel seltsameren Plätzen, die nicht einmal eines Dichters Phantasie erriete, und die zu untersuchen niemand Lust verspüren kann, wenn er kein Zollbeamter ist. War solch ein geplagter Reisender zum Schluß erlöst, und lag die Grenze glücklich hinter ihm, so fühlte er sich noch für eine Weile halb ohnmächtig, wischte sich den Schweiß, der ihm aus allen Poren rann, und schlug ein Kreuz und brummte: »Teufel noch einmal ...!« Er fühlte sich so wie ein Schuljunge, der aus dem Amtszimmer des Rektors wankt, wo er statt der erwarteten Strafpredigt äußerst überraschend eine furchtbare Tracht Prügel in Empfang genommen hat.

Es währte nur sehr kurze Zeit, da stand durch Tschitschikows Bemühungen die ganze Schmugglerzunft vor dem Ruin. Die polnischen Hebräer schrien »Waih, Gewalt!« An seine Ehrlichkeit und Unbestechlichkeit ließ sich nicht tippen, – sie erschienen beinah unnatürlich. Er machte sich auch nicht den kleinsten Schmuh und rührte nicht einmal die konfiszierten Sachen an, die man dem Fiskus zu entziehen pflegte, um sich die überflüssige Schreiberei zu sparen. Ein solcher Eifer und so große Ehrlichkeit im kaiserlichen Dienst erregten allgemeine Sensation und mußten endlich an das Ohr der vorgesetzten Stelle dringen. Tschitschikow avancierte bald und wurde zum Kollegienrat ernannt. Und nun entwarf er schleunigst ein Projekt, wie man dem Schmuggel völlig steuern und die Pascher alle hinter Schloß und Riegel bringen könnte. Er reichte diesen Plan der Oberzollverwaltung ein und machte sich anheischig, ihn selbst auszuführen, wenn ihm der dafür nötige Betrag bewilligt würde. Man gab ihm ohne weiteres das Kommando sowie unbeschränkte Vollmacht für Untersuchungen und Fahndungen nach eigenem Ermessen. Das war's, worauf er nur gewartet hatte. Gerade damals trieb eine ganz raffiniert organisierte Schmugglerbande in jenem Grenzdistrikt ihr Unwesen; die großen Schläge, die die frechen Spießgesellen planten, mußten einen Reingewinn von einigen Millionen bringen. Hierüber nun war Tschitschikow seit langer Zeit auf das genaueste orientiert. Es war sogar ein Abgesandter dieser Schar bei ihm gewesen, der ihn »kaufen« wollte. Er aber hatte abgewinkt und kühl gesagt: »Es ist noch nicht so weit!« Doch nun, da er das Heft in Händen hielt, gab er den Schmugglern schleunigst einen Wink und sagte dem Vertrauensmann: »Jetzt ist's so weit!« Er rechnete unheimlich richtig. Hier sah in einem Jahre mehr heraus, als selbst bei größter Anspannung der Kraft in zwanzig Jahren treuer Arbeit zu verdienen war. Früher, da hatte er sich vor jeglicher Verbindung mit den Spitzbuben auf das ängstlichste gehütet, weil er im großen Schachspiel nur als schlichter Bauer auf dem Brette stand und deshalb höchst wahrscheinlich nicht sehr viel bekommen hätte; aber jetzt war er die Hauptperson und konnte den Halunken die Bedingungen diktieren. Damit die Sache glatter ginge, zog er noch einen der Kollegen ins Vertrauen; dies war ein würdiger, im Dienst ergrauter Mann, und doch erlag er der Versuchung ohne Widerstand. Man einigte sich schnell, und die wohledle Kumpanei ging frisch ans Werk. Es ließ sich alles glänzend an. Der liebe Leser hat gewiß schon etwas von der viel belachten spanischen Hammelherde läuten hören, die unsre Grenze in doppelten Vließen überschritt und zwischen den zwei Pelzen lauter Spitzen aus Brabant im Wert von einer Million nach Rußland schmuggelte. Diese Geschichte fand gerade damals statt, als Tschitschikow im Zolldienst war. Und hätte er nicht seine Finger darin gehabt, so wäre keinem Juden in der ganzen Polackei dieser verwegne Streich gelungen. Als nun drei, vier derartige Hammelherden unsere Grenze überschritten hatten, da belief sich das Vermögen jedes von den zwei Beamten schon auf viermalhunderttausend Rubel. Tschitschikow soll, wie man sagt, sogar auf eine halbe Million gekommen sein, weil er weitaus der unternehmendere von den beiden war. Der Himmel mag es wissen, bis zu welchen ungeheuern Summen so die liebe Gottesgabe schließlich angeschwollen wäre, wenn nicht auf einmal der Satan unsre Helden so geritten hätte, daß sie völlig den Verstand verloren. Eines schönen Abends, als sie beide wohl nicht mehr vollkommen nüchtern waren, gab es zwischen ihnen eine scharfe Diskussion, bei der sich Tschitschikow die Freiheit nahm, den andern einen Pfarrerssohn zu nennen. Der andere Beamte war nun in der Tat ein Pfarrerssohn, doch nahm er diese Feststellung – warum, ist völlig rätselhaft – als schwere Kränkung auf und schrie in großem Zorn: »Das lügst du Kerl in deinen Hals! Ich bin ein Staatsrat und kein Pfarrerssohn; du selber bist ein Pfarrerssohn, damit du's weißt!« Und um noch einen starken Trumpf darauf zu setzen, fügte er voll Hohn hinzu: »Ätsch! Gerade extra! Sitzt schon!« Und trotzdem er seinen Freund durch die Retourkutsche so schlagend abgeführt hatte und außerdem noch dieses: »Ätsch! Gerade extra! Sitzt schon!« ganz gewiß ein reichlich scharfer Nachtusch war, schien ihm das nicht genug, und darum schickte er dem Oberzollamt einen anonymen Brief, der Tschitschikow bezichtigte, er stecke im geheimen mit den Paschern unter einer Decke. Einem Gerücht zufolge sollen übrigens auch früher schon recht heftige Häkeleien zwischen den zwei Freunden an der Tagesordnung gewesen sein, und zwar um irgendeines Frauenzimmers willen, das nach dem Zeugnis des gesamten Zollamts frisch und kernig war wie eine Mairübe. Und Leute, die es wissen könnten, behaupten steif und fest, es wären schon ein paar Zuhälter aus der Vorstadt engagiert gewesen, unserm Helden eines Abends irgendwo in einem finstern Gäßchen aufzulauern und ihm seinen Buckel zu verwalken.

Schließlich aber hätten die Beamten alle beide nur das Nachsehen, hingegen ein gewisser Hauptmann Schamscharjow das hübsche Frauenzimmerchen gehabt. Wie sich's damit in Wirklichkeit verhielt, das weiß der liebe Gott; ich überlasse es dem Leser, der sich dafür interessiert, den Faden selber fortzuspinnen. Das Lange und das Breite von der Sache war nun, daß die heimliche Verbindung mit den Schmugglern an den Tag kam. Obgleich der Staatsrat sich wohl hätte sagen können, daß er ja sich selber in die Tinte ritt, verklatschte er den Freund bei der Behörde. Sie kamen beide unter Anklage; was sie besaßen wurde registriert und vom Gericht beschlagnahmt; und dies alles traf sie überraschend, wie ein Blitz aus blauem Himmel. Sie erwachten wie aus einem Traum und merkten mit Entsetzen, was sie angerichtet hatten. Und der Staatsrat brach zusammen vor dem Schicksalsschlag und ging in irgend einem dunkeln Winkel elend vor die Hunde; aber der Kollegienrat ließ sich so leicht nicht unterkriegen. Und ob auch die Beamten, die die Fahndungen betrieben, seine Nasen hatten, – einiges von seinem Geld war auch für sie zu gut versteckt. Und Tschitschikow bewies mit Glanz, was für ein abgebrühter und gerissener Menschenkenner er geworden war, er brauchte alle Waffen, welche ihm als solchem zur Verfügung standen: einen aus der Richterschar gewann er durch die angenehmen Umgangsformen, die er hatte, einen zweiten rührte er durch klägliches Gewinsel, einen dritten wickelte er sehr geschickt durch Schmeicheleien ein, die ihre Wirkung ja fast nie verfehlen, und den vierten schmierte er mit Geld, – kurzum, er führte seine Sache so, daß er doch wenigstens nicht offenkundig und mit Schimpf und Schande aus dem Dienst gejagt wurde, wie sein bedauernswürdiger Kollege, und daß er sogar dem Strafrichter entschlüpfte. Doch sein stattliches Vermögen und die viele schöne Auslandsware, das war futsch. Die guten Dinge hatten andre Liebhaber gefunden. Ihm verblieben knapp zehntausend Rubel, die er früher für den Fall der Not an einem sicheren Ort verborgen hatte, dann zwei Dutzend holländische Hemden, ferner die uns längst bekannte Halbchaise von der Art, die wohlgesetzte Hagestolze gern bei ihren Fahrten über Land verwenden, nebst zwei Leibeigenen, dem Kutscher Selifan, sowie Petruschka, dem Bedienten. Und schließlich hatten ihm die früheren Kollegen vom Zoll aus purer Menschenfreundlichkeit noch fünf, sechs Stücke jener Seife überlassen, die aus Paris kommt und die Haut so sammetweich macht, – das war alles.

In solch gedrückter Lage also fand unser Held sich wieder! Solch ein vernichtendes Gewitter war über seinen Kopf dahingegangen. Das nannte er »im Staatsdienst seiner Überzeugung wegen Mißgunst und Verfolgungen erdulden«. Nun hätte man wahrhaftig meinen sollen, daß er nach so wilden Stürmen, solchen Prüfungen, so schweren Schicksalsschlägen, solchem Lebensjammer, – daß er mit den glücklich aus dem Schiffbruch mitgenommenen blutigen zehntausend Rubeln sich in irgend eine Nebengasse eines schläfrigen Provinznestes flüchten würde, um dort bis ans Ende seiner Tage in einem bescheidenen Baumwollschlafrock an dem Fenster seiner kleinen Wohnstube zu sitzen und an Sonntagnachmittagen mit Interesse zuzusehn, wie sich die Bauern draußen prügelten, und höchstens hie und da zur Abwechslung zu seinen Hühnern in den Stall zu wandern und sich eigenhändig vom Ernährungszustand des dem Tod geweihten Suppenhuhns zu überzeugen. So hätte er ein freilich ruhmlos stilles, doch in seiner Art gewiß nicht völlig überflüssiges Leben führen können.

Doch er machte es ganz anders. Hut ab vor so viel unbeugsamer Charakterstärke! Nach der Fülle widriger Erlebnisse, die wohl ausreichend waren, einen Mann, wenn auch nicht ohne weiteres umzubringen, so doch völlig abzukühlen und ihn den Verzicht zu lehren, nach dem allen flammte seine Leidenschaft noch lichterloh. Er war gekränkt in seiner Seele, war von Herzensgrund empört, klagte die Menschheit an, haderte mit der Ungerechtigkeit des Schicksals und der Ungerechtigkeit der Welt und – brachte es trotz allem über sich, den großen Einsatz noch einmal zu wagen. Kurz, er zeigte eine Ausdauer, mit der verglichen die berühmte stumpfe Ausdauer des Deutschen nichts bedeuten will. Beim Deutschen kommt sie einzig aus der Langsamkeit und Schläfrigkeit des Blutumlaufs; doch unseres Helden Blut, das brauste nur so durch die Adern, es bedurfte viel Vernunft und Willen, all die heißen Regungen zu zügeln, die da aufsprangen und in das Freie drängten. Er räsonierte vielleicht von seinem Standpunkt aus nicht so abwegig, wenn er mit Ingrimm murrte: »Warum muß es grade mich erwischen? Warum bricht dies Unglück grade auf mein Haupt herein? Wo sind denn die Beamten, die sich in solcher Lage lang besinnen? Nimmt denn nicht ein jeder, was er kriegt? Ich hab' doch niemand unglücklich gemacht, hab' keine Witwen ausgeplündert, hab' keinen armen Kerl von Haus und Hof gejagt. Ich hab' mir einfach meinen Teil vom Überfluß genommen. Ich habe zugegriffen, wo auch jeder andre zugegriffen hätte. War ich es nicht, so war's ein anderer. Warum sitzt denn da jeder andre in der Wolke, und ich soll kümmerlich verrecken wie ein Wurm? Und was fang' ich nun an? Was bin ich nun noch nütze? Wie soll ich jetzt denn überhaupt noch einem ehrenfesten Gatten und Familienvater in die Augen sehn? Muß ich mich denn nicht vor mir selber schämen, wenn ich so ganz umsonst die Erde drücke? Was werden in der Zukunft einmal meine Kinder sagen? Sie werden sagen: ›Unser Vater war ein mörderliches Rindvieh, daß er uns gar kein Vermögen hinterlassen hat!‹«

Wir wissen schon von früher her, daß seine künftigen Kinder unserm Helden nicht zu wenig sorgende Gedanken kosteten. Ja, das ist ein kitzliges Kapitel! Mancher würde kaum mit solcher Kühnheit lange Finger machen, drängte sich ihm nicht ganz unwillkürlich immer neu die bange Frage auf: »Was werden meine Kinder sagen?« Und aus diesem Grunde zeigt sich so ein Stammvater in spe gewinnsüchtig wie eine schlaue Katze. Was eine richtige Katze ist, – die maust mit scheuem Schielen, ob der Hausherr es nicht sieht, alles nur irgendwie Verwendbare: ob ihr ein Stückchen Seife in die Krallen fällt, ein Talglicht, eine Büchse Lederschmiere, ein Kanarienvogel, – nichts ist vor ihr sicher.

So beweglich unser Held auch jammerte und weinte, – die Unternehmungslust in ihm war deswegen durchaus nicht abgestorben. In seinem Kopfe gärten die Ideen und wollten sich kristallisieren; bloß der rechte Anstoß fehlte noch. Von neuem legte er sich krumm, von neuem weihte er sein Leben kümmerlichster Kleinarbeit, von neuem knauserte und kargte er, von neuem stieg er aus den saubern und manierlichen Regionen tief hinab in eine Welt des Schmutzes und der Niedrigkeit. Da er nichts Besseres fand, zwang ihn die Not, der edeln Zunft der Makler beizutreten. Dies ist ein Beruf, der sich in unserm Vaterland das Bürgerrecht noch nicht erworben hat. Ein Makler kriegt von allen Seiten Nackenschläge; die geringsten Subalternbeamten und selbst die eigenen Klienten verachten ihn, er muß vor jedem Schreiber bei Gerichte kriechen, muß Grobheiten und andern Unglimpf still herunterschlucken ... Aber seine Not ließ unserm Helden keine Wahl.

In seinem neuen Amt erwuchs ihm eines schönen Tags die Pflicht, für einen Gutsbesitzer bei der Lombardbank einige hundert Bauern zu verpfänden. Das Gut, um das es sich hier handelte, war in der traurigsten Verfassung. Die Schuld an diesem Zustand trugen Viehseuchen, unehrliche Verwalter, Mißernten und typhöse Fieber, daran gerade die verlässigsten Leibeigenen gestorben waren, und besonders auch die Unvernunft des Gutsherrn selber. Dieser Brave hatte sich in Moskau eine Art Palais nach allerneuester Mode eingerichtet und dafür seinen letzten Groschen ausgegeben, so daß er nun in seinem schönen Hause schlechtweg am Verhungern war. Es blieb ihm also gar nichts übrig, als das letzte zu verpfänden, was er hatte. Solche Lombardierungen bedeuteten zu jener Zeit noch etwas völlig Neues; man entschloß sich dazu nur mit Angst und Bangen. Und der Makler, dem die Sache übertragen wurde, war, wie wir schon wissen, Tschitschikow. Vor allem schmierte er nun die Beamten. Jeder weiß ja, daß in unserm lieben Vaterlande ohne Schmieren nicht die kleinste Auskunft zu erlangen ist, – ein Fläschchen Portwein mindestens muß man pro Gurgel springen lassen. Tschitschikow also hatte wohlbedacht am rechten Ort und in der rechten Art geschmiert und kam dann einmal beiläufig auf eine kleine Schwierigkeit zu sprechen: fast die Hälfte von den Bauern, die er bei der Lombardbank verpfänden sollte, hätte das typhöse Fieber hingerafft, – ob nicht aus dieser Tatsache für später unwillkommene Weiterungen folgen könnten? – »Wie? Sie stehen aber doch im Revisionsregister?« fragte der Sekretär. – »Ja, selbstverständlich,« sagte Tschitschikow. – »Ja, und ...? Was haben Sie dann für Bedenken?« fragte der Sekretär. »Der eine stirbt, der andre wird geboren, da ist ja weiter nichts daran verloren.« Man sieht, der Sekretär sprach, wenn er guter Laune war, sogar in Reimen. Unsern Helden aber überkam derweil die wunderbarste Eingebung, die je aus eines Menschen Haupt entsprossen ist.

»Ich bin ein Rindvieh!« sprach er zu sich selbst. »Ich suche meine Brille, und dabei trag' ich sie groß und breit auf meiner Nase! Ich brauche diese toten Seelen nur zu kaufen, solange sie als lebend im Register stehen. Setzen wir den Fall, ich kaufe tausend Stück, und setzen wir den Fall, die Lombardbank beleiht mir jede Seele mit zweihundert Rubeln, – dann hab' ich zweimalhunderttausend Rubel im Vermögen! Außerdem ist jetzt die Zeit dafür besonders günstig. Denn wie lange ist es her, seit wir die große Seuche hatten? Damals sind, Gott sei gelobt, die Leute haufenweis gestorben. Und unsere Gutsbesitzer lassen ihr Geld am grünen Tisch, sie saufen und verschwenden, daß es eine Lust ist. Alles strömt nach Petersburg und spielt dort den Beamten. Die Güter liegen ohne Aufsicht da, und die Verwalter wirtschaften, wie's ihnen paßt. Es wird mit jedem Jahre schwieriger, die Steuern aufzubringen. Da gibt jeder mit Kußhand seine toten Seelen, – schon bloß um die Kopfsteuer für sie zu sparen. Wenn ich etwas Glück hab', kann es mir passieren, daß der eine oder andre mir noch ein paar Groschen draufbezahlt. Selbstverständlich ist es nicht so einfach, und es kostet Angst und Mühe, diese Sache richtig einzufädeln, so daß man sich dabei nicht wieder festrennt und nicht üble Scherereien draus entstehen. Aber wozu hat mir denn der liebe Gott den guten Kopf gegeben? Was das Beste dabei ist, – der ganze Plan hat so was Ungewöhnliches, daß nicht so bald einer den Sinn davon versteht. – Hm, freilich, ohne Grund und Boden kann ich ja wohl keine Bauern kaufen oder gar verpfänden. Na, dann kauf' ich sie zur Übersiedlung, ja, zur Übersiedlung kauf' ich sie! Da unten in der Krim und im Chersonschen kriegt man zurzeit das Land umsonst, wenn man es nur bestellen will. Dort siedle ich sie einfach an, dort unten im Chersonschen können sie wie Gott in Frankreich leben. Und die Übersiedlungssache regle ich gewissenhaft nach dem Gesetz, wie sich's gehört, rechtens in aller Form. Und wird auch eine Musterung der Bauern angeordnet, – schön, das besorgen wir! Warum denn nicht? Ich bring' schon eine Musterrolle bei, vom Landrichter mit eigner Hand beglaubigt. Und ein Name für mein Gut wird auch zu finden sein. Wir nennen es ganz einfach ›Tschitschikows Ruh‹, oder vielleicht nach meinem Vornamen ›Pawlowskoje‹.«

So wuchs im Kopfe unseres Helden dieser wunderliche Plan. Ob ihm der liebe Leser dafür dankt, das weiß ich nicht, dagegen findet der Verfasser kaum die Worte, seine große Dankbarkeit geziemend auszudrücken. Mag man sagen, was man will, – wenn Tschitschikow nicht auf die glorreiche Idee gekommen wäre, so hätte diese Dichtung nie das Licht der Welt erblickt.

Nach gutem alten Russenbrauch schlug unser Held ein Kreuz und machte sich sofort ans Werk. Unter dem Vorwand, sich nach einem netten Ruhesitze umzusehn, und unter andern Vorwänden durchstreifte er unser Vaterland die kreuz und quer und suchte sich mit Vorliebe Provinzen aus, denen in letzter Zeit besondre Schicksalsschläge widerfahren waren: Mißernten, Seuchen und so fort, – kurz, Gegenden, wo er erwarten konnte, daß Leibeigene von der Art, wie er sie brauchte, billig und bequem zu haben wären. Und er stürzte sich nicht etwa blindlings auf den ersten besten Gutsbesitzer, sondern suchte sich die Leute sorgsam aus. Er hielt sich einerseits an solche, die er für harmlose Kerle hielt, und andrerseits an Ehrenmänner, die die nötige Unbedenklichkeit für solche Schiebungen zu haben schienen. Sein Prinzip war, sich den Ausgewählten erst gesellschaftlich zu nähern und sich ihre Neigung zu gewinnen, schon weil er die Seelen, wie verständlich ist, lieber von einem Freund geschenkt bekam, als daß er sie um schweres Geld erstand.

Darum darf der geneigte Leser mir nicht gram sein für den Fall, daß ihm die Volksgenossen, die sich bisher in diesem Buche tummelten, nicht so besonders gut gefallen haben, – die Schuld daran trägt Tschitschikow allein. In dieser Hinsicht ist er Herr, – wohin ihn seine Laune führt, dahin muß unser Fuß ihm folgen. Und wirft mir einer jetzt am Ende vor, diese Persönlichkeiten, diese Charaktere seien doch zu bläßlich und zu dürftig, – nun wohlan, dann sag' ich ihm, daß man im Anfang eines Werkes niemals merkt, wie stark die Strömung darin ist, und welche Weiten es umfaßt. Fährst du in eine Stadt hinein, und sei es unsere Hauptstadt selbst, so wird auch da das Bild, das du zunächst gewinnst, nur bläßlich sein. Eintönig grau ist es am Außenrand der Stadt: da ziehen sich Werkstätten und Fabriken ohne Ende hin, niedrig und rauchgeschwärzt; erst weiter drinnen findest du sechsstöckige Paläste an den Straßenecken, prunkende Magazine, Ladenschilder, gewaltige Veduten voll von Glockentürmen, Säulengängen, Denkmalen, Kirchenkuppeln, mit Großstadtglanz und Wagenlärm und Hufgetrappel, mit all dem Wunderwerk, das Menschenwitz und Menschenhand erschuf.

Die ersten Abschlüsse, die unser Held betätigt hat, kennt der geschätzte Leser; weiterhin wird er dann sehen, wie sich diese Sache fortentwickelt, was für Mißerfolge und Erfolge unserem tapfern Tschitschikow beschieden sind, was er für Knoten lösen, wie er immer schwierigere Hindernisse nehmen muß, wie endlich Menschen von Gigantenwuchs an seine Straße treten, wie sich die verborgnen Hebel der breit angelegten Dichtung wirkend rühren, wie ihr Horizont sich in das Ewige erweitert und der Schwung erhabner Lyrik sie allmächtig an ihr Ziel trägt. Dieses alles zeigen wir dem Leser noch. Ein weiter Weg noch liegt vor unserer kleinen Karawane. Da fährt sie hin, die Halbchaise, wie sie gesetzte Hagestolze bei ihren Fahrten über Land verwenden, ein Herr so um die vierzig lehnt in ihrem Fond, auf ihrem Bock thront neben dem Kutscher Selifan Petruschka, der Bediente, in ihren Sielen traben flott drei muntere Gäule, die uns mit Namen schon bekannt sind, – vom wackeren Assessor bis zum Tigerschecken, dem verdammten Mistvieh. Ja, hier seht ihr unsern Helden konterfeit, wie ihn der liebe Gott erschaffen hat.

Aber vielleicht verlangt trotzdem noch der und der, daß ich ihn kurz auf eine klare Formel bringe und erkläre, wes Geistes Kind er ist vom Standpunkt der Moral gesehen. Daß man ihn als vollkommenen und idealen Tugendhelden nicht bezeichnen darf, sieht ohne weitres jeder ein. Was ist er also seines Zeichens? Etwa gar ein Lump und Gauner? Gott, warum denn gleich ein Lump und Gauner? Muß man gar so streng mit seinen Nebenmenschen sein? Und Gauner gibt es heutzutage überhaupt nicht mehr bei uns zulande. Es gibt nur wohlgesinnte, angenehme Leute. Finden sich im ganzen Reußenland am Ende trotzdem zwei, drei Kerle, welche ihre Stirnen ohne Scham der öffentlichen Brandmarkung zu bieten wagen, o, dann führen neuerdings auch diese schon die Tugend unentwegt auf ihren Zungen. Wenn man denn gerecht sein will, so nennt man unsern Helden treffend einen guten Wirt und ein Erwerbsgenie. Denn der Erwerbssinn trägt die ganze Schuld: nur ihm entspringen die Geschäfte, die man nicht recht sauber nennt. Freilich stößt ein Charakter von der Art die Leser ab; und manchen Mann, der sich auf seinem Lebensweg mit einem solchen Menschen gern befreunden, gemächlich einen Scheffel Salz mit ihm verzehren und ihn als reizenden Gesellschafter bezeichnen würde, sieht genau denselben Menschen äußerst scheel an, wenn er ihm als Held in einem Drama oder auch Roman vor Augen tritt. Der weise Mann läßt sich so leicht nicht abstoßen, er senkt den Blick ins Innere des Menschen und sucht die Quellen, sucht die Gründe, weshalb er wurde, wie er ist. Schnell wandelt sich der Mensch; eh' du's gedacht, erwächst in ihm ein böser Wurm, der alle Lebenssäfte gierig in sich saugt. Ein Etwas, das gar keine große Leidenschaft zu sein braucht, das vielleicht gar nichts als eine enge Sucht nach nichtigen Dingen ist, gewinnt mit einemmal die Macht in einem Menschen, der zu Besserem geboren ward. Und er vergißt die heilige Pflicht, und er erblickt in leerem Klapperkram sein Heiligstes, sein großes Ziel. Ohne Zahl wie die Körner des Sandes am Strand sind die Leidenschaften der Menschen, jede hat ihr eigenes Gesicht, wie kein Sandkorn dem andern gleich ist. Seien sie niedrig, seien sie edel, sie alle sind im Beginn dem Willen des Menschen gefügig, erst die Zeit schafft sie um zu seinen grimmen Tyrannen. Selig der Mann, der sich die schönste der Leidenschaften zum Führer gewählt hat: täglich und stündlich wächst und verzehnfacht sich ohne Grenzen sein Glück, tiefer und tiefer dringt er mit jedem Schritt in das ewige Eden der eigenen Seele. Doch manchen Mann treibt eine Leidenschaft, die er nicht selber wählte, die ihm schon eingeboren ward in der Minute, da er zuerst das Licht der Erde erblickt. Er hat die Kraft nicht, sich dem Zwange zu entwinden. Höherer Wille pflanzt solche Leidenschaften ins Herz, und wen sie beherrschen, der hört in der Ferne ewig und ewig die lockende Stimme, unübertönbar, solange er lebt. Zu großer Laufbahn sind diese Menschen vom Schicksal erkoren. Ob sie im Finstern wandeln oder im Licht, daran sich die Augen der Sterblichen weiden, – ihnen ward der Beruf, das Heil zu erfüllen, das höher ist als Menschenvernunft. Darum achter mir Tschitschikow nicht so gering! Vielleicht ist die Leidenschaft, die ihn treibt, nicht nur irdische Schwäche, vielleicht ist in seinem kaltherzigen Dasein ein Teil des Großen beschlossen, das einst die Menschheit niederzwingt in den Staub, um knieend die Weisheit des Himmels zu ehren. Vielleicht entschleiert sich euern Augen noch einmal das Rätsel, warum dieser Mann euch gezeigt wird in diesem Buche, das jetzt seinen Weg in die Welt nimmt.

Aber nicht das ist das Bittre, daß unser Held des Beifalls vieler von meinen Lesern wird entraten müssen; weit bitterer ist mir die feste innere Überzeugung, daß ich mit ganz demselben Helden, genau dem gleichen Tschitschikow, bei jedermann den größren Beifall finden könnte. Ich brauchte ihm bloß nicht so tief ins Herz zu leuchten, ich könnte es mir ja versagen, das in seiner Seele Winkeln aufzustöbern, was sonst gewöhnlich jedem Einblick bang verschlossen wird, ich könnte es vermeiden, Tschitschikows heimlichste Gedanken zu erforschen, die ja kein Mensch dem andern offenbart, ich brauchte ihn ja nur zu zeigen, wie er sich selber zeigte vor den Einwohnern von N., vor den Manilow und Konsorten, – dann wäre jeder seelenfroh und riefe: »Nein, welch interessanter Mensch!« Um diesen Preis verzichtete man gern darauf, ihn mit Gesicht und Leib und Wesen blutvoll lebendig dargestellt zu sehen, – man hätte sich dafür beim Lesen keinen Augenblick nur im geringsten aufgeregt und könnte frohen Mutes wieder zu den Karten greifen, die Rußlands liebster Zeitvertreib und beste Seelentröstung sind. Ja, meine lieben Leser, ja, ihr seht die menschliche Erbärmlichkeit nicht gerne nackt. »Wozu denn auch?« sagt ihr. »Was soll das eigentlich bezwecken? Wir wissen ohnehin, daß es auf Erden nicht zu wenig Schurkerei und Dummheit gibt. Und wir erleben sowieso mehr unerfreuliche Geschichten, als uns lieb ist. Zeigt uns lieber etwas Schönes, das uns noch begeistern kann! Wir wollen uns beim Lesen selbst vergessen!« – Ihr denkt genau wie jener Gutsbesitzer, dem sein Verwalter ungeschminkt die Wahrheit sagt, und der darauf erwidert: »Lieber Freund, warum erzählst du mir, in Satans Namen, daß die Wirtschaft auf dem Hund ist? Lieber Freund, das weiß ich ja allein. Hast du denn gar nichts andres zu erzählen, was? Ich möchte die Misere doch vergessen und nichts mehr davon hören, – weil ich glücklich sein will.« Ja, so denkt der Herr, und darum wird das Geld, das dazu dienen könnte, seiner Wirtschaft halbwegs aufzuhelfen, nur für Mittel der Betäubung ausgegeben. So lullt man seinen Geist in Schlaf, der sonst vielleicht imstande wäre, ein Rettungsmittel zu eindecken, das hier wirklich helfen könnte. So erfolgt der Krach, das Gut kommt auf die Gant, der Gutsherr sucht von nun an das Vergessen draußen in der Welt und läßt sich durch die Not zu Niedrigkeiten zwingen, die er einst in besseren Tagen mit Entrüstung weit von sich gewiesen hätte.

Und noch eine Menschensorte wird dem Dichter ganz bestimmt mit Vorwürfen zu Leibe gehen. Das sind die sogenannten Patrioten, die für gewöhnlich still in ihren Winkeln hocken und sich mit dem eigenen Kram befassen, – Geld auf die hohe Kante legen, sich aus andrer Leute Haut ihr Leder schneiden und so fort ... Geschieht nun aber irgend etwas, was nach der Ansicht dieser Herren unserem Vaterland zu nahe tritt, erscheint ein Buch, in dem die oder jene bittere Wahrheit ausgesprochen wird, – dann stürzen sie aus allen Winkeln vor, gleich Spinnen, wenn sich eine Fliege in ihr Netz verstrickt, und schreien wie aus einem Mund: »Ja, ist es etwa schön, das öffentlich zu machen? Muß man so was an die große Glocke hängen? Sind es denn nicht russische Verhältnisse, die dieser Mensch beschreibt? Ein schlechter Vogel, der sein eigenes Nest beschmutzt! Was soll das Ausland davon denken? Darf man es sich denn gefallen lassen, daß ein Schriftsteller uns lauter Scheußlichkeiten nachsagt? Müssen nicht die Leute glauben, dieses alles täte uns nicht weh? Müssen nicht die Leute glauben, wir hätten gar kein Vaterlandsgefühl?« Auf solche geistvollen Bemerkungen, zumal soweit sie dahin zielen, daß man von seinen Sünden ja das Ausland nichts bemerken lassen dürfe, weiß ich beim allmächtigen Gott kaum etwas zu erwidern. Ein Geschichtchen nur will ich erzählen: Es lebten einst in einem abgelegnen Winkel unseres Vaterlandes zwei, ja, nennen wir sie einfach: Zeitgenossen. Der eine von den beiden war Familienvater und hieß Kifa Mokijewitsch. Er galt für einen Mann von sanften Sitten und er führte einen gottgefälligen Wandel in Schlafrock und Pantoffeln. Mir seinem Hauswesen gab er sich wenig ab; er neigte zur Meditation und weihte seine Stunden dem, was er selber »philosophische Probleme« nannte. Er ging im Zimmer auf und nieder und sinnierte etwa so: »Nehmen wir mal das Säugetier! Das Säugetier wird nackt geboren. Aber warum wird es nackt geboren? Warum schlüpft es nicht beflaumt aus einem Ei, wie es der Vogel tut? Höchst rätselhaft! Tja, die Natur wird immer nur geheimnisvoller, je mehr man sich in sie vertieft!« So spekulierte der Herr Zeitgenosse Kifa Mokijewitsch. Das aber ist es nicht, worauf ich hier hinaus möchte. Der andere der beiden Zeitgenossen nun hieß Moki Kifowitsch und war der eheliche Sohn des anderen. Er war, wie man bei uns zulande sagt, ein Bärenhäuter; während sein Erzeuger über den Geburtszustand des Säugetiers philosophierte, wirkte die Robustheit seiner zwanzig Jahre sich in losen Streichen aus. Er war nicht fähig, sanft mir irgend etwas umzugehn, – wer ihm zu nah kam, hatte plötzlich einen Armbruch oder eine blutig geschwollene Nase weg. Bei ihm daheim wie in der Nachbarschaft gab jedes Lebewesen – von der Magd hinunter bis zum Haushund – ängstlich Fersengeld, wenn es ihn nur von weitem kommen sah; sogar sein eigenes Bett im Schlafgemach schlug dieser Kraftmensch kurz und klein. Dies ist von Moki Kisowitsch zu sagen, sonst aber war er eine Seele von einem jungen Mann. Doch das ist's wieder nicht, worauf ich hier hinaus möchte. Worauf ich hier hinaus möchte, ist folgendes: bei Kifa Mokijewitsch erschien des öfteren sein eigenes Gesinde und das der Nachbarschaft und führte Klage über seinen Sohn und sagte: »Gott soll uns beschützen, gnädiger Herr! Was ist Ihr Sohn, der junge Herr, bloß für ein Mensch! Er läßt uns nicht in Frieden, sondern kujoniert uns Tag und Nacht!« – »Ja, ja, er ist ein rechter Ausbund,« pflegte dann der Vater seufzend zu erwidern. »Bloß, was soll ich dabei machen? Hauen kann ich ihn in seinen Jahren nicht mehr gut. Man würde mich auch einen Rabenvater nennen. Freilich ist er wohl ein Mensch von großem Feingefühl; und wenn ich ihn vor Zeugen schelten wollte, mag es ja sein, daß er sich künftighin zusammen nähme. Aber so etwas spricht sich herum, und das Malheur ist da! Die ganze Stadt erfährt von seinen Streichen, jeder nennt ihn einfach einen Lümmel. Glaubt ihr denn, das täte mir nicht weh? Wo ich ja doch sein Vater bin! Wenn ich mich auch mit philosophischen Problemen beschäftige und diese meine Zeit natürlich stark in Anspruch nehmen, – soll ich mich deswegen nicht als Vater meines eigenen Kindes fühlen? Nein, da täuscht ihr euch: ich fühl', daß ich sein Vater bin! Der Teufel hole mich, wenn es nicht wahr ist! Hier, da drinnen trag' ich meinen Sohn, in meinem Herzen!« Und Kifa Mokijewitsch schlägt sich gewaltig mit der Rechten auf die Brust und kommt geradezu in Rage. »Mag mein Sohn der gröbste Lümmel werden, – wenigstens soll das aus meinem Munde niemand hören. Nein, ich liefere ihn nicht den bösen Mäulern aus!« So spricht Kifa Mokijewitsch voll warmer Vaterliebe und läßt seinen Sprößling Moki Kifowitsch die Bärenhäuterstreiche ruhig weitermachen; er hingegen wendet sich von neuem seinem alten Lieblingsthema zu und grübelt etwa über diese Frage nach: »Wie aber wär's, wenn auch die Elefanten Eier legten? Dann wär' die Schale sicherlich so dick, daß keine heutige Kanone sie zertrümmern könnte, – man müßte folglich für den Zweck eine ganz neue Art Geschütz erfinden.« – Dies ist die lehrreiche Geschichte von den beiden Zeitgenossen, die am Ende meines Buches unversehens gleichsam durch das Fenster sehn, um eine bescheidne Antwort auf die Vorwürfe zu geben, die wahrscheinlich ein paar hitzige Patrioten gegen mich erheben werden, – Leute, die sich sonst gemächlich mit dem eignen Kram beschäftigen: mit irgendwelchen philosophischen Problemen oder auch mit der Vergrößerung ihres eigenen Hab und Gutes auf Kosten des mit solcher Glut geliebten Vaterlandes, – Leute, die viel weniger darauf bedacht sind, daß sie nichts Gemeines tun, als darauf, daß kein Fremder ihnen nachsagt, daß sie was Gemeines täten. Aber die Entrüstung dieser Leute kommt ja nicht aus diesem schlichten patriotischen Gefühl; ihr heimlicher Beweggrund liegt wo anders. Warum soll ich das nicht offen sagen? Wer hat den Beruf, die heilige Wahrheit zu verkünden, wenn sie nicht der Dichter hat? Ihr scheut euch einfach vor des Dichters Blick, der scharf in alle Tiefen dringt; ihr selber wollt nicht in die Tiefe sehn, – ihr streift die Dinge lieber ganz gedankenlos und oberflächlich mit den Augen. Ja, ich kann mir vorstellen, daß ihr von Herzen über meinen Helden lacht; vielleicht lobt ihr den Dichter auch und sagt: »Na immerhin, manches hat er ganz fein beobachtet! Er muß Humor besitzen und ein fröhliches Gemüt!« Und darnach wendet ihr euch mit verstärktem Hochmut wieder zu euch selbst, ein arrogantes Lächeln spielt um eure Lippen, und ihr fahrt fort: »Tjaja, es ist schon wahr: in manchen Gegenden von Rußland gibt es äußerst sonderbare, lächerliche Leute, und ausgekochte Lumpen obendrein!« Wer aber unter euch hat soviel echte Christendemut, daß er, und nicht etwa vor den Leuten, nein, im stillen nur und in der Einsamkeit, im stummen Selbstgespräch mit sich, – daß er da prüfend an den eignen Bruder Innerlich die bitter ernste Frage stellt: »Und ich? Steckt nicht am Ende auch in mir ein Stück von Tschitschikow?« O, weit gefehlt! – Seht ihr dann aber auf der Straße irgendeinen vorübergehn, den ihr kennt, und der nicht eben ein großes Tier, doch auch kein gar zu kleiner Mann ist, o, dann stoßt ihr euern Nachbarn mit dem Arme an und platzt in Lachen aus und ruft vergnügt: »Sieh doch nur, sieh: das ist doch Tschitschikow, da geht ja Tschitschikow!« Und ihr vergeßt vor kindlichem Vergnügen, was ihr euch selber, euerm Stand und euern Jahren schuldig seid, ihr lauft ihm nach, zeigt ihm die Zunge hinterm Rücken und verspottet ihn: »Ätsch, Tschitschikow, ätsch, Tschitschikow, ätsch, Tschitschikow!«

Aber wir haben unsere Stimme ziemlich laut erhoben und gar nicht acht darauf gehabt, daß unser Held, der während der Erzählung seiner Vorgeschichte immerzu behaglich schlief, seit einer Weile wieder wach ist und es hören könnte, daß wir gar so häufig seinen Namen rufen. Und er ist, wie wir ja schon wissen, sehr empfindlich und fühlt sich gekränkt, wenn man respektlos von ihm spricht. Dem lieben Leser freilich wird es einerlei sein, ob Herr Tschitschikow ihm etwas übel nimmt; hingegen der Verfasser muß sich ängstlich davor hüten, mit dem Mann in Zwistigkeiten zu geraten, – ist es doch ein langer, langer Weg, den sie noch Hand in Hand selbander wandern müssen; zwei weitausgesponnene Teile dieser Dichtung liegen noch vor mir, – das ist wohl keine Kleinigkeit. Es war Gogol nicht vergönnt, diesen großen Plan auszuführen. Der hier gegebene erste Teil der »Toten Seelen« erschien zu Lebzeiten des Dichters als in sich abgeschlossenes Werk. Außerdem sind nur Bruchstücke des zweiten Teils auf uns gekommen.
Anm. d. Übersetzers

»Heda! Hallo! Was ist denn mit dir los?« rief Tschitschikow dem Kutscher zu. »Schockschwerenot ...!«

»Wa–as!« fragte Selifan phlegmatisch.

»Frag noch so dumm! Idiot! Was ist das für 'ne Fahrerei? Marsch! Vorwärts! Rühr dich!«

In der Tat fuhr Selifan schon seit geraumer Zeit geschlossenen Auges in den Tag hinein und klatschte nur so hie und da im Halbschlaf mit den Leinen auf die Rücken der wie er in Träumerei verlorenen Gäule; seinem tüchtigen Freund Petruschka aber war vor einer ganzen Weile schon die Mütze fortgeflogen, weiß der liebe Gott wohin, sein Körper war zurückgesunken, und sein Kopf lag auf dem Schoße Tschitschikows, so daß ihn der mit einem Nasenstüber wecken mußte. Selifan riß sich zusammen und gab erst dem Tigerschecken ein paar Hiebe, die ihn gleich in einen schlanken Trab verfallen ließen, dann schwang er die Peitsche über das ganze Dreigespann und rief halb singend durch die Fistel: »Munter, immer munter!« Und die Pferdchen griffen aus, als sei der Wagen leicht wie eine Flaumfeder. Und Selifan schwang ohne Rast die Peitsche und schrie in einem fort: »Hü! Hüa! Hü!« Er wiegte sich elastisch auf dem Bock und wich so vorsorglich den Püffen aus, die ihm der Wagen gab. Die Straße führte nämlich über hundert Buckel in unmerklich sanftem Falle talwärts. Tschitschikow lächelte, wenn ihn die harten Stöße auf dem Lederpolster hopsen machten, – er liebte solch eine schnelle Fahrt. Und gibt es einen Russen, der solch eine schnelle Fahrt nicht liebte? O, wie sollte er sie auch nicht lieben, – er, der Russe, dessen Seele sich so gern dem Taumel tollen Überschwanges hingibt, er, der Russe, der so gern zu guter Stunde sagt: »Was kann das schlechte Leben nützen! Hol' der Teufel schon, was morgen kommt!« Wie sollte er sie auch nicht lieben, da sie das Herz so wundervoll berauscht? Ist's doch, als höbe dich die göttliche Gewalt auf ihre Flügel, – du fliegst und alles fliegt: Werstpfähle fliegen schattenhaft an dir vorbei, entgegen fliegen dir die Handelsleute hoch auf dem Bock der kleinen Bauernwagen, zur Rechten wie zur Linken fliegt der Wald zurück mit seinen dunkeln Zeilen von Kiefern und von Tannen, mit Axtgeklopf und Rabenkrächzen, die Straße selbst fliegt rückwärts unter deines Wagens Rädern, wer weiß wohin, ins Wesenlose; ein Schauer packt dich vor der rasenden Bewegung, bei der kein Ding zu fester Form gerinnt, – so schnell huscht es vorbei und ist entschwunden. Und nur der Himmel über deinem Haupt, die leichten Wölkchen und der Mond, der zwischen ihnen durchlugt, – sie bringt nichts aus ihrer großen Ruhe.

Ach, Dreigespann, mein flinker Vogel Dreigespann! Wer ist's, der dich erfand? Aus einem kühnen, wachen Volk nur konntest du geboren werden, – in einem Land, das keinen Spaß versteht, das seine grenzenlose Ebene glatt und gleich über die halbe Erde reckt. Soll einer nur die Werstpfähle an Rußlands Straßen zählen, – da muß es ihm schon flimmrig werden vor dem Blick! – Und kein verschmitztes Reisemöbel bist du, mit eisernem Gewindekram kunstreich zurechtgebastelt, – behend und ohne langes Kopfzerbrechen, mit Beil und Stemmeisen und weiter nichts, hat dich ein heller jaroslawer Bauer gezimmert und gefügt. Dein Kutscher prangt nicht in Stulpstiefeln nach der deutschen Mode, – ein Vollbart bloß und ein Paar Fausthandschuh, und sitzen tut er, der Kuckuck weiß worauf; nun hebt er sich vom Sitz, er schwingt die Peitsche und stimmt hell ein Liedchen an, – die Gäule stieben wie der Sturm dahin, die Räderspeichen fließen glatt in eins und bilden eine Scheibe, der Boden bebt, der Wanderer, der zu Fuß die Straße zieht, kreischt auf und hemmt erschrocken seinen Schritt, – welch wilde, wilde, wilde Fahrt! Vorbei, dahin! Weit, weit da vorne schon wölkt sich der Staub und quirlt ein Wirbel durch die Luft.

Mein Reußenland, stürmst nicht auch du so in die Ferne, gleich einem schnellen Dreigespann, das keiner überholt? In Wolken raucht die Straße himmelwärts, die Brücken dröhnen, alles bleibt hinter dir und ist im Nu entschwunden? Mit Schreck geschlagen von dem Wunder Gottes, hemmt seinen Fuß der Wanderer. War das ein Blitz, der vom Zenith sprang? Was kündet diese herzbeklemmend schnelle Fahrt? Und welche überirdische Gewalt gießt ihre Kraft in diese Rosse, deren gleichen noch nie die Erde sah? Ihr Rosse, o ihr Wunderrosse! Wohnt der Sturm in euern Mähnen? Spitzt sich ein waches Ohr in jeder eurer Adern? Ihr hört aus der Höhe den Sang, den vertrauten, – einmütig stemmt ihr die ehernen Brüste in das Geschirr, kaum rühren die eilenden Hufe den Boden, nun reckt ihr die Leiber zu Strichen, zu schnurgeraden, und fliegt durch die Luft; so stürmt das Gespann die leuchtende Ferne, vom Rausch der göttlichen Sendung beflügelt!

Wohin der Fahrt, mein Reußenland? Antworte mir! – Du antwortest nicht. – Silbern klingelt das Glöcklein; laut knattert die Luft und wird vom Sturm in Fetzen gerissen; die Dinge der Erde fliegen vorbei; bang ducken zur Seite und räumen die Straße vor dir die andern Völker der Welt.

 

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