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Tollhäuslerwirtschaft

Maurus Jókai: Tollhäuslerwirtschaft - Kapitel 5
Quellenangabe
authorMaurus Jókai
titleTollhäuslerwirtschaft
publisherVerlag von Otto Janke
yearo.J.
printrunVierte Auflage
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180323
projectid4511fd6b
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Viertes Kapitel.
Ein Mann, der es zu etwas bringen wird.

Sein Name klingt gerade nicht aristokratisch: Julius Feher. Sein Vater war Vicegespan gewesen und hatte in den politischen Dingen eine bedeutende Rolle gespielt; auch besaß er ein ziemlich ansehnliches Vermögen, mit welchem er verschwenderisch genug wirthschaftete. Julius, der einzige Sohn dieses Vicegespans, gerieth auf den sehr auffallenden und bizarren Gedanken, die Laufbahn zu verlassen, welche sein Vater und seine Vorfahren gewandelt, denn er wollte weder Stuhlrichter noch Vicegespan sein, sondern etwas erlernen, wovon er zu leben vermag.

So geschrieben zu lesen ist's auch ein furchtbarer Gedanke, daß der Sohn eines ungarischen Edelmannes, den sein Vater noch in der Wiege zum Staatsmanne bestimmte, dessen lobenswerthen Ehrgeiz es bilden sollte, daß die politischen Tageblätter seine Reden auszugsweise, mit »hört! hört!« unterbrochen, veröffentlichen, dessen Beruf es ist, an der Spitze einer der streitenden Parteien zu glänzen – diesem Ehrgeize entsage und sich nach irgend einem Broterwerbe umthue.

Diesem excentrischen Einfalle seines Sohnes trat denn der alte Feher auch mit dem ganzen Aufwande seines politischen Ansehens und seiner väterlichen Macht entgegen; der junge Julius aber, der damals höchstens fünfzehn Jahre zählte, sprach über all diese Dinge so klug und dabei mit einer solchen Ruhe, daß sich der alte Herr plötzlich vorkam, wie wenn jener der Vater und er der Sohn wäre, der jetzt wider Willen gute Lehren entgegennehmen müsse.

Julius mochte seinem Vater ungefähr gesagt haben: »Sehen Sie mein lieber Vater, der Ruhm und die Ehre nützten zwar dem Namen, schadeten aber dem Vermögen unserer Familie. Unsere Besitzungen sind verschuldet, ein großer Theil derselben wird uns bestritten. Die erste Beamtenerneuerung, in welcher es der Gegenpartei gelingt, uns zu besiegen, richtet uns in jeder Beziehung zu Grunde. Ihr Beispiel hat mich gelehrt, wie der Mensch auf dieser Laufbahn sein Vermögen verlieren kann; das Beispiel Anderer zeigte mir wieder, wie sich andere Leute auf derselben Laufbahn ein großes Vermögen erwarben und den letzteren zu folgen, verspüre ich noch weniger Lust als ersteren. Auf diesem Felde werden die armen Leute und mit Recht gefürchtet, denn die Fälle sind gar zu häufig, da jene, denen außer einem guten Namen nichts weiter geblieben, diesen verkauften; während auf einem anderen Gebiete der arme Mann, der seine Sache versteht, so zu sagen reißenden Absatz findet. Ich weiß es sehr gut, daß ich früher oder später ein armer Mann werde, erlauben Sie mir daher, daß ich mich darauf vorbereite.«

Seit dieser Unterredung wagte es der alte Feher nicht mehr, seinem Sohne zu widersprechen; er gestattete ihm, das Polytechnikum zu besuchen, Maschinenkonstruktion, Steinbrüche, Erdprüfungen, Luftfabrikation und andere gleich absurde Dinge zu lernen, deren hier Niemand benöthigte.

Nur das eine verstand er nicht, auf welche Weise der junge Mann sich mit alledem sein Brot erwerben wolle, es sei denn, daß er Maschinist auf irgend einem Dampfschiffe wird oder die Leitung irgend einer ausländischen Zuckerrübenfabrik übernimmt. In Gottes Namen möge er es thun, wenn er Lust dazu hat, denn hier zu Hause ist die alte Besitzung schon viel zu sehr in Unordnung gerathen, als daß irgend ein Sterblicher da noch helfen könnte.

Was Julius vorhergesagt, trat thatsächlich ein. Er befand sich noch in Wien und besuchte den letzten Jahrgang, als er von seinem Vater einen Brief erhielt, in welchem ihm derselbe mit vollständigster Aufrichtigkeit gestand, daß die lange hingehaltene Katastrophe ausgebrochen sei. Mehrere Gläubiger hätten ihre Hypotheken gekündigt und die noch einfließenden knappen Einnahmen langten nicht einmal mehr zur Prolongirung der brennendsten Wechsel. Es bleibe nur noch die Wahl zwischen zwei großen Uebeln übrig; Julius möge entscheiden, welches der beiden er für das kleinere hält. Entweder müsse dem größten Theile der Güter, vielleicht auch dem ganzen Komplex entsagt, oder ein nicht sehr diskreter Vorschlag angenommen werden, welchen eine hochangesehene und hochgestellte Persönlichkeit dem Vicegespan für den Fall gemacht, wenn derselbe zu der bisher arg geschädigten Gegenpartei übertrete. – Der Alte versicherte reinen Herzens, daß er eher bereit wäre, sich eine Kugel durch den Kopf zu jagen, als solchen Anerbietungen Gehör zu schenken, wenn er nicht einen Sohn hätte, dessen Schicksal er zu berücksichtigen habe. Julius möge demnach entscheiden. Wenn er nicht davor zurückschrickt, zu Grunde zu gehen, wird der Vicegespan sofort den Konkurs anmelden; doch kann es sich ja auch treffen, daß Julius, gleich den realen Männern der neueren Zeit, die mit Dampfkraft arbeitet und es genau zu berechnen versteht, wieviel Prozent Salpeter ein Zentner Guano enthalte, nicht viel auf derlei alte, ideale Begriffe gebe und da er ja ohnehin des politischen Renommés nicht benöthigen werde, fände er die Aussicht vielleicht für ganz plausibel, daß sein Vater um den Preis eines umgekehrten Mantels die Besitzungen sicherstelle, welche sonst unrettbar und für alle Zeiten verloren sind.

Sieben Tage nach Empfang des Briefes war Julius daheim. Tag und Nacht war er gereist vom Entsetzen getrieben, um seinem Vater die Antwort überbringen zu können: »Der Bettelstab, das nackte Elend, Vater, ist's, was Du zu wählen hast, von Deinen Grundsätzen aber verleugne meinethalben keinen einzigen! Ich habe bereits etwas gelernt, kann auch arbeiten; irgendwie werden wir uns schon durchbringen.«

Weinend fiel der alte Mann dem Sohne um den Hals; so hatte er es ja selbst gewünscht, nur wagte er nicht, es zu hoffen, da er gemeint, daß ein Mensch, der Sagemühlen baut und Minerale beklopft, gar keine Grundsätze haben könne, da der Mensch solche blos durch das Studiren des jus publicum gewinnt.

Sofort ergriff Julius mit fester Hand die Zügel des völlig zerrütteten Besitzthums und kam gleich in der ersten Woche so weit, daß er eine regelrechte Bilanz über Activen und Passiven aufstellen konnte. Der alte Herr staunte, als er das alles mit ansah, denn er hatte niemals eine Idee über derlei Dinge gehabt und sich niemals mit denselben abgemüht; wozu soll denn der Mensch sich selbst Rechnung darüber ablegen, was er besitzt und was er schuldig sei?

Die Zusammenstellung ergab, daß es unmöglich sei, die ausgebreitete Wirtschaft weiter fortzuführen, dann, während dieselbe nach genauer Berechnung 4½ Prozent eintrug, die auf derselben lastenden Schulden 6 Prozent an Zinsen verschlingen; es sei demnach klar, daß die Wirtschaft mit jährlich größer werdendem Schaden geführt werde. Die Güter müssen also je rascher verkauft und aus dem Erlös die Schulden bezahlt werden. Dies wieder muß unter der Hand geschehen, bevor noch der Konkurs eröffnet wird, wenn dieser auch einen günstigeren Ausgang verheißt, denn nichts sei so kostbar, als der gute Kredit und ein bankrotter Name ist dieselbe Schmach, wie der eines Renegaten. Selbst auf diesem Wege könnten zwei kleine Güter aus dem Schiffbruch gerettet werden; das eine in Marmaros, das andere unweit der Theiß in Bereger Komitat, Namens Burjanos, wo man mit Verstand und Fleiß von neuem beginnen könne.

Staunend vernahm der alte Feher die Pläne seines Sohnes; er für seinen Theil vermochte all' die Wirren nicht einmal zu überblicken, welche jener schön in Zahlen geordnet zu beiden Seiten seiner Bücher aufschichtete und war ganz erstaunt darüber, daß Julius die genannten kleinen Besitzungen retten zu können vermeint.

»Diese beiden Stücke Land versprechen aber gar wenig mein lieber Sohn; niemals haben Sie auch nur einen Kreuzer Pacht getragen und geliehen bekam ich auch keinen Heller auf dieselben. Das eine Gut besteht aus lauter Wäldern und kahlen Felsen, das andere bildet einen einzigen großen Sumpf, wo sich blos wilde Hunde und weiter nichts befinden. Wie Du da etwas herausschlagen willst, weiß ich freilich nicht.«

»Wir werden schon Mittel und Wege dazu finden,« tröstete ihn der zwanzigjährige junge Mensch, »'s giebt keinen schlechten Boden auf der Welt. Steine und Bäume kann man zu Gelde machen, man muß nur wissen, wie es anfangen, und den wilden Hunden werden wir schon die Freundschaft kündigen, lass' mich nur ein Wörtchen mit ihnen sprechen.«

Burjanos war in der That ein wundervoller Anblick – für einen Poeten, Maler oder Jäger. Ein Raum wo mehr als tausend Joch mit ungeheuren Schilfdickichten bewachsen, die während des Sommers mit der buntesten Sumpfvegetation untermengt sind.

»O, ich jagte dort häufig auf Fischottern,« sprach der alte Feher belehrend zu Julius. »Ehedem erbeuteten wir fünfzig bis sechzig Stück in einer Woche. Zwanzig bis fünfundzwanzig bestiegen wir so schmale Seelentränker in welchen blos zwei Menschen: der Jäger und ein Steuermann Raum haben und da durchschweiften wir das Dickicht tagelang. Einmal kam auch ein Professor aus Siebenbürgen mit uns, ein Botaniker mit einem großen Barte; der sammelte während des ganzen Tages Wasserpflanzen und sagte, es gäbe hier solche Species, die nicht einmal Dioszegi noch beschrieben habe; er war ganz glücklich mit ihnen; ein andermal malte so ein Farbenklexer die ganze Gegend ab, was sehr schön anzuschauen war. Am Abende versammelten wir uns dann alle auf der Insel; dort befindet sich nämlich eine erhabene Stelle, ganz viereckig, wie wenn es ganz direkt erbaut worden wäre. Wir nannten es die Heideninsel, denn die Bauern wußten nicht viel davon; dort befinden sich schöne große schattige Eichenbäume, unter welchen wir Schilfhütten erbauten, in welchen wir uns köstlich amüsirten. Die Hütten befinden sich vielleicht auch jetzt noch dort.«

Der alte Herr seufzte tief auf, als er endete, denn er gedachte all' der Unterhaltungen, die er dort auf jener Sumpfinsel mit lauter lustigen Kameraden veranstaltete. Man lagerte sich in dem weichen Rasen, welcher nirgend so schön ist, wie dort, neben lustig prasselndem Feuer, über welchem in irdenen Töpfen die frische Fischbrühe duftete und sich der Wildbraten am Spieße drehte, daneben stand die Weinkanne auf einem gefällten Baumstamme und hierbei verstanden es die lustigen Kumpane (lauter unverfälschte Edelleute vom alten Schlage) so gut, sich mit Politisiren, und Erzählen von Anekdoten die Zeit zu vertreiben.

Und nun wird er dort nicht mehr jagen, wird nicht mehr unter freiem Himmel schlafen, nicht mehr das Kläffen der Ottern, den nächtlichen Flügelschlag der Schnepfen belauschen, wird nicht mehr den Chorus der Millionen Frösche vernehmen, was alles so schön war!

Gewiß nicht mehr: weder er, noch ein Anderer nach ihm, denn dieser junge Mensch da mit dem keimenden blonden Bart am Kinne, mit den in die Ferne blickenden blauen Augen denkt in diesem Momente nach darüber, wie klug es wäre, diesen schönen Sumpf trocken zu legen, den kostbaren Boden mit Howardpflügen zu beackern und im Juli die Mähmaschine in Betrieb zu setzen, die er im Kleinen selbst erbaut hatte, auf jener viereckigen Insel aber schöne Wirtschaftsgebäude aufzuführen, von wo man die ganze Besitzung überblicken könne, mit geraden, von hohen Tannen eingesäumten Wegen die geordnete Ebene zu durchziehen, auf welcher sich hier Klee, – dort Rübenfelder ausdehnen, daneben künstliche Weideplätze und Heuwiesen. Wie schön wäre das Alles!

Von alledem sprach er aber kein Wort zu seinem Vater, sondern erwähnte blos, er werde die Besitzung selbst in Augenschein nehmen, um zu erfahren wie dieselbe nutzbar gemacht werden könnte.

»Das Schilfrohr trägt schon etwas,« war die Meinung des alten Herrn.

Nach einigen Wochen vernahm der alte Feher gerüchtweise an sein Ohr dringen, zirkulirende Anekdoten benachrichtigten ihn, daß sein Sohn den Verstand verloren habe; während des ganzen Tages messe er mit Tangirstangen und Nivellirkolben den Burjanoser Sumpf seiner Länge und Breite nach und erschrecke die Vögel mit langen fähnchengeschmückten Stangen, denn er wolle, wie er sagte, den Morast in die Theiß ableiten.

Als der alte Herr dies vernahm, begann er sich selbst ernstlich zu sorgen, ob seinem Sohne nicht irgend ein innerliches Unglück zugestoßen sei, was sehr Schade wäre. Denn noch hatte kein Sterblicher daran gedacht, den Burjanoser Sumpf trocken zu legen und wenn dies überhaupt möglich ist, so benöthigt es wenigstens einer Million hierzu und soviel wäre dann das ganze Ergebniß nicht werth, während Julius selbst über keine größeren Mittel verfügt, als die mit drei Zahlen niedergeschrieben werden können und sich demnach noch gar nicht in die Tausender belaufen können.

Julius sah selbst die höhnisch lächelnden Gesichter, die während seiner sonderbaren Beschäftigung um seinen Meßtisch erschienen; Kavaliere zu Pferde, Physiognomien mit Meerschaumpfeifen und Windhunden im Gefolge, die sein Thun und Gebahren von allen Seiten besichtigten und ihn mit beißender Naivität fragten, was zum Teufel dieses dreibeinige Ding sei, auf welchem er seine krummen und graden Striche ziehe? worauf er mit dem langen Messingrohre ziele? Und nebenbei ertheilten sie ihm auch gute Rathschläge, was er thun solle, wenn er ein rasches Austrocknen des Sumpfes erzielen wolle. Einer sagte ihm, er möge ihn mit Löschpapier bedecken, ein Anderer empfahl ihm den Spiegel des Archimedes, mit welchem die Sonnenstrahlen konzentrirt und das Wasser zum Verdunsten gebracht werden könnte, der Dritte rieth ihm, ein großes Loch in der Mitte des Sumpfes bohren zu lassen, durch welches das Wasser in das Erdinnere fließen werde.

Kaltblütig vernahm Julius das Geschwätz und nivellirte mit dem eines Ingenieurs würdigen Phlegma weiter. Und so lange nivellirte und kalkulirte er, bis er endlich herausbekommen hatte, daß das Wasser der den Morast in einem Halbkreise umgebenden todten Theiß anderthalb Fuß tiefer stehe, als das Wasser des Sumpfes selbst.

Das war unbegreiflich. Was ist also die Ursache, daß das Wasser des Sumpfes nicht in die Theiß hinuntersickern könne? Irgendwo mußte sich ein verborgenes Hinderniß befinden. Wie aber dieses Hinderniß ausfindig machen? Das war gerade die schwere Aufgabe. Das Einfachste wäre wohl gewesen, einen breiten Kanal durch den ganzen Morast bis zur todten Theiß zu graben, was aber wenigstens fünfzigtausend Gulden gekostet hätte; hiervon mußte er also Abstand nehmen. In den heißen Sommermonaten pflegten sich der Breite des Morastes nach weit sich in denselben erstreckende schmale Landzungen zu bilden, welche die Sonnenhitze inmitten des Morastes trocken legte und die mit dichtem Gebüsche mit einander verbunden sind; trügerische blühende Wiesen, die mit Gras dicht bewachsen sind und von den üppig wuchernden Teichblumen wie mit einem Teppiche bedeckt erscheinen, die ihre Blätter ans Sonnenlicht brachten und ihre Wurzeln unter dem Wasserspiegel in einander verschlingen, so daß ein geübter Jäger auf diesen lebenden schwankenden Brücken die ganze Sumpfebene kreuz und quer durchwandern kann; einzelne, allein dastehende Trauerweiden zeigen auch die Stellen an, wo die Erde der Wasserfläche nahe ist, – weiter ist aber nichts zu erfahren. Auf die Frage, wo auf diesem ungeheuren wilden Terrain unter dem menschenhohen Schilfe ein massives Hinderniß verborgen sein könnte, vermag keine gemachte Erfahrung zu antworten.

Der Verstand, die Wissenschaft aber vermochte zu antworten.

Vor Allem sorgte Julius dafür, daß auf diesem unbewohnten Terrain während seines provisorischen Aufenthaltes geschützte Wohnungen aufgestellt wurden, zu welchem Zwecke sich die von seinem Vater erwähnte Heideninsel am besten eignete.

Das regelmäßige Viereck, welches diese Insel bildete, fiel unserem jungen Gelehrten auf den ersten Blick auf. Was konnte das sein? Es war ohne Zweifel ein Werk von Menschenhänden. Vielleicht ein deutscher Wachthort oder eine avarische Erdveste? Dies zu erfahren war für ihn von großer Wichtigkeit. Denn wenn das Ganze blos ein deutscher Wachtpunkt war, so war nichts weiter mehr zu erforschen; war es aber eine Niederlassung der Avaren, so mußten sich ringsum die Ruinen der Kreisschanze befinden, wie sie von den zeitgenössischen Schriftstellern so ausführlich beschrieben wurden, daß man aus der Größe der Burg den Umfang der Kreisschanze, deren Entfernung vom Mittelpunkte und deren Erhöhung berechnen konnte.

Der junge Gelehrte begann an den Seiten des viereckigen Raumes graben zu lassen und nachdem man einige Klafter weit vorgedrungen war, stießen seine Taglöhner auf eingerammte Holzpflöcke, an denen noch die Spuren der Verkohlung sichtbar waren, als sie eingerammt worden waren, dicht neben denselben befanden sich andere und etwas entfernter eine ganze Reihe.

»Gefunden, gefunden!« stammelte der Jüngling freudig, so daß seine Arbeiter glauben konnten, er habe den Schatz des Darius gefunden; er aber ging neuerdings mit Feuereifer an die Arbeit; nivellirte, kalkulirte, maß und verglich abermals und befahl seinen Leuten am nächsten Tage, sich auf vorher bezeichnete Punkte zu begeben, dort die Nachgrabungen fortzusetzen und wenn sie ähnliche eingerammte Pflöcke finden, mögen sie ihn sofort davon benachrichtigen.

Am ersten Tage waren alle Bemühungen vergebens. Die Leute entdeckten nichts weiter, als Höhlen der Fischottern, nahmen sogar einige jüngere Ottern mit sich und staunten unmenschlich darüber, daß Julius keine Freude an denselben fand.

Am nächsten Tage kam einer seiner Leute athemlos mit der Meldung herbeigestürzt, man habe verkohlte Pflöcke gefunden, und nicht etwa einzelne, sondern ganze Reihen und darunter eine neue Reihe.

Zitternd vor Freude eilte Julius zur Stelle und als er hinkam, nahm er seinen Hut ab und blickte zum Himmel empor. »Weshalb dankt der jetzt Gott?« fragten sich die Arbeiter.

»Nun werde ich siegen,« sprach er, sich den Schweiß von der Stirne trocknend. Es war das dankbarer Schweiß, erzeugt von den Mühen des Geistes: Wer wollte glauben, daß der Mensch selbst von der Archäologie Nutzen haben kann? Die Bekannten lachten darüber, daß Julius nun gar unter die Schatzgräber gegangen sei.

Jetzt eilte Julius nach Groß-Szölös und bestellte bei dortigen Mühlenbauern eine viergängige Mühle, deren Konstruktion er denselben in eigenen Plänen vorlegte. Jetzt begannen die Bekannten erst recht zu lachen. Julius wird Müllermeister, baut eine Mühle auf den Teich und wird dieselbe mit dem Winde treiben.

In der Stadt garnisonirte gerade ein italienisches Regiment, in welchem sich auch mehrere Istrianer befanden; Julius ging der Sache nach und nachdem er mit dem Kommandanten gesprochen, gelang es ihm, etwa vierzig handfeste Arbeiter für seine Zwecke zu gewinnen. Die Istrianer waren bereits bewandert in dieser Art von Arbeiten, vor denen der dort angesiedelte Ungar sich hinter den Ohren kraute, während die Walachen geradezu in Verzweiflung geriethen.

Mit diesen vierzig Männern begann Julius sein großes Werk. Er leitete dasselbe selbst, berechnete Länge und Breite des Kanals, welcher die Schranke unter dem Sumpfspiegel durchbrechen mußte; berechnete das Bette des Wassergefälles, dessen annehmbare Kraft und nahm selbst an allen Anstrengungen der Arbeit Theil, befand sich mit seinen Arbeitern stets an den gefährlichsten Stellen, wohin man blos mit langen an den Füßen befestigten Brettern gelangen konnte und in kurzer Zeit hatte ihn die Sonne derart gebräunt, daß er sich selbst nicht erkannt hätte.

Die Umwohnenden lachten über das Beginnen. Julius fange Blutegel und werde mit denselben Handel treiben. Aus Jux sandten sie ihm auch einen Blutegelhändler auf den Hals, damit er mit ihm über einige Centner blutsaugender Thierchen handeleins werde.

All dies irritirte den jungen Mann nicht; er fuhr in dem begonnenen Werke fort und als der Herbst herankam, war sein Kanal vollendet, durch welchen zum allgemeinen Staunen der Leute wirkliches Wasser zu fließen begann, worauf er die viergängige Mühle errichten und Mehl mahlen ließ, wie man solches im Bereger Komitate noch niemals gesehen.

Nun kolportirte man schon weniger Anekdoten über ihn. Das war ein gescheidter Einfall; die Mühle versagt auch im Winter nicht, bringt die Kosten ein und wirft auch einigen Nutzen ab, so daß, wenn der junge Mann blos Ambition hatte, sich sein Brot zu erwerben, er dieses bereits hat.

Wahr ist es schon, daß die Mühle nicht viel mehr abwarf, als das bloße Brot, Julius aber war zufrieden. Er begnügte sich mit Wenigem und arbeitete sehr viel; aus dem geringen Einkommen mußte auch etwas für die Frühjahrsarbeiten erübrigt werden und auch seinem Vater mußte er beistehen. Er aß häufig tagelang nichts Anderes als Speck und Brot, Wein kam niemals auf seinen Tisch, ging in keine Gesellschaft und all seine Ausgaben beschränkten sich blos auf seine nöthigen Bücher und technischen Instrumente.

Wie wir sehen, ist dieser Herr Julius der prosaischeste Mensch auf dieser Welt und dennoch – wage ich es im Vorhinein zu behaupten, daß er der Held unserer Erzählung sein wird, und daß ihn am Ende derselben Jedermann so lieb gewinnen wird, wie ich ihn bereits lieb gewonnen.

Unterdessen kam der Frühling heran und als das Schneewasser sich verlaufen hatte, zeigte die Burjanoser Sumpfebene ein Bild, bei dessen Anblick einem ehrlichen Christenmenschen sofort die Haare zu Berge gestiegen wären. Weit und breit zeigte sich eine große rothbraune Fläche, auf welcher weder Baum noch Strauch grünte, das während des ganzen Jahres abfließende Wasser hatte die verschlungenen Wurzeln der Teichblumen bloß gelegt, die jetzt in einer Höhe von anderthalb Klaftern ausgedörrt über der morastigen Erde hingen, eine Ranke mit der anderen versponnen; die ganze tausend Joch fassende Ebene ist in Manneshöhe mit einer wüsten Decke aus verwickelten Schilf- und Graswurzeln, getrockneten Bohnen- und Farnbüscheln überzogen, in deren wüsten Verstecken nunmehr wirklich wilde Hunde und siebenköpfige Drachen in beliebiger Anzahl hausen können.

Die Grundbesitzer der Gegend begannen sich nun in Wahrheit gegen Julius zu beklagen. Julius gründe ein Wölfe-Erziehungs-Institut, Julius nehme siebenköpfige Drachen in Pflege; auf sieben Meilen im Umkreise könne man weder Pferde noch Ochsen auf die Weide treiben, denn die Wölfe von Burjanos überfallen Alles, während die sich dort ins Endlose vermehrenden Füchse in den drei benachbarten Komitaten kein Stück Federvieh am Leben lassen und es wird ein Wunder Gottes sein, wenn nicht noch der Vogel Greif auch zum Vorscheine kommt.

Der Lärm wurde so arg, daß der alte Feher selbst erschrocken zu seinem Sohne eilte und bedenklich den Kopf schüttelte, als er dieses Bild des derart veränderten Sumpfes erblickte; bis er aber dahin gelangte, sah er wenigstens fünfzig Schildkröten über seinen Weg kriechen, während sie aus einem Verstecke in das andere schlüpften.

»Aber lieber Sohn, was soll denn hieraus werden? Das ist ja nun ganz verdorben. Bisher war's wenigstens etwas, nämlich ein Sumpf, wo man Schilf sammeln und Ottern jagen konnte; nun ist's eine ganze Hölle geworden, der man sich nicht einmal nähern darf. Ich glaube, daß es unter diesem Gewirre von Wurzeln und Knollen nicht einmal an Salamandern mangelt.«

»Ja, ja, dem mag schon so sein,« sagte Julius lachend, »indessen soll all diesem Gethier bis zum Sankt-Georgstage die Wohnung gekündigt sein.«

»Wer zum Teufel vermag es von da zu vertreiben?«

»Nun, wir zünden ihm das Dach über den Köpfen an und wer nicht davonzieht, verbrennt.«

Der alte Feher wandte hierauf den Kopf bei Seite und sagte, daß er hieran nicht gedacht habe.

Vor Allem ließ nun Julius auf hundert Schritte vor der Mühle Schutzgräben ziehen, ebenso rings um die viereckige Insel, da diese beiden Objekte von dem Brande verschont bleiben mußten, worauf ringsum die ganze Wildniß in Brand gesteckt wurde.

Wochen, Monate lang währte der Sumpfbrand, es bot des Nachts ein wunderschönes Schauspiel, zu sehen, wie die unter dem Geranke weitergreifende Flamme die Erde weit mit einem rosenrothen Glanze überzog, das knatternde Schilfrohr war ein glänzendes Flammenmeer, aus welchem sich die feucht durchzogenen Teichblumen und Schlingpflanzen gleich rothbraunen Inseln wie schwimmend abhoben, aus deren Mitte wie zauberhafte Lebensbäume dichte flaumige Rauchsäulen emporwirbelten und fallende Feuerfrüchte mit sich rissen. Als nun die Luft über dem brennenden Sumpfe allmälig anfing heiß zu werden, erhoben sich an der Oberfläche der Gluth heftige Wirbelwinde, die brennende feurige Trichter bildend, in rasendem Tanze auf dem höllischen Tanzboden auf- und niederstürmten. Dieser glich einer geflügelten Spindel, deren Spitze den feurigen Grund berührt, jener einer mit der Spitze nach abwärts gekehrten Pyramide, deren breite Grundfläche sich zwischen den schwarzen Wolken verliert. Allnächtlich konnte man diese Zaubertänzer sehen, wie sie von Rand zu Rand des Sumpfes schwebten und sodann in der Leere verschwanden, sowie sie den nackten Erdboden berührten.

Wenn nun die Feuersäulen des Nachts ihren wüthendsten Tanz über der flammenden Gluth ausführten, weckte Julius seine Leute und umschritt mit ihnen den ganzen glühenden Raum. Hier und dort waren noch schwarze Striche sichtbar, die sich weit in das flammend rothe Feld hinein erstreckten; es waren dies feuchte Ranken der Schlingpflanzen, deren durchnäßte Wurzelmassen den Flammen widerstehen und während ringsum, oben und unten alles zu Asche verbrennt, bleiben dieselben unversehrt.

Diese dunkeln Striche suchte der kühne Jüngling an der Spitze seiner Arbeiter aus, drang auf denselben bis in die Mitte des Feuermeeres vor, wandelte auf diesen schwankenden Brücken, durch deren Oeffnungen er die in Klaftertiefe unter seinen Füßen tobende Feuermassen sehen konnte und er half die feuchten Massen, die der Ausdehnung des Feuers hinderlich waren, durchzubrechen. Wehklagend sah ihn sein Vater bei diesem gefährlichen Werke, doch vermochte ihn nichts zurückzuhalten; der junge Mann sah das Ganze für einen Scherz an. Bei gehöriger Vorsicht konnte man die Oberfläche des ganzen Flammenmeeres kreuz und quer durchwandern, denn diese Brücken werden erst nach Monaten stürzen und eben deshalb mußte darauf geachtet werden, daß überall alles zu Asche verbrenne und nichts verkohlt zurückbleibe, da dies dem Erdboden nicht so zuträglich sei.

Je weiter sich das Feuer ausdehnte, desto ärger begann das schauerliche Konzert zu werden, welches sich auf der viereckigen Insel erhob. Anfänglich vermengte sich blos ein einzelnes Wolfsgeheul oder ein langgezogenes Otterngekläffe mit dem Geprassel der Flammen, so wie sich die aus ihren Höhlen aufgeschreckten Thiere auf die höher gelegene Insel flüchteten. Als aber die sich ringsum ausbreitenden Flammen den Raum, welcher den bedrängten Thieren als Zufluchtsstätte diente, mit jedem Tage enger begrenzten, als die Schaaren der Füchse, Wölfe, Fischottern und Lüchse vergebens an dem dampfenden Strande auf- und niedergaloppirten, der immer bedrängter wurde, da begann man ein höllisches Gelärme und Gebrüll von der Insel her zu vernehmen, bei dessen Anhören der alte Feher aufschluchzend sagte:

»Wie Schade, daß soviel edles Wild ohne Flintenschuß zu Grunde geht!«

»Warten wir es nur ab!« tröstete ihn Julius. »Nach einer Woche werden sie uns schon vor die Büchsenmündung kommen.«

Der alte Herr verstand die Prophezeiung nicht, trotzdem ihm Julius rieth, seine Leute am Mühlendamm auf die Lauer zu stellen, da dort gar bald zu sehen und – zu treffen sein werde.

Das war ganz natürlich. Als die bedrängten Thiere sahen, daß das Feuer sie auf einem immer enger werdenden Raum einschließe, hielten sie es nicht mehr für sicher auf der Insel zu bleiben, sondern flüchteten zuerst einzeln, sodann rudelweise durch den Wassergraben, welcher den einzig freien Weg aus dem Flammenmeere bildete. Dieser aber führte direkt unter den Fenstern der Mühle vorüber, von wo sie die treffsichere Hand des geübten Jägers ohne Erbarmen niederstreckte.

Jetzt begannen erst die wonnevollen Tage für den alten Feher; er machte jetzt an einem Tage mehr Wölfen und Ottern den Garaus, wie ehemals während einer ganzen Treibjagd und seine Freude war eine ganz unbändige, als ihm auch ein räuberischer Luchs vor die Flinte kam. Endlich blieb keinerlei Gethier mehr auf der Insel, jedwedes Gelärme war verstummt und blos das Quaken der Frösche war des Nachts zuweilen noch vernehmbar, aber auch die fanden ihr Ende und – es war kein Schade um sie.

Die Operation der Brandlegung währte bis Juli und nun war an der Stelle des früheren Sumpfes ein graubrauner Plan geblieben, in dessen Mitte eine von grünenden Bäumen beschattete Insel sichtbar war und den ein kleiner Bach durchrieselte; derselbe, welcher einstmals den Morast verursacht hatte und der jetzt die ganze Gegend reichlich mit frischem Quellwasser versah.

Mit gemietheten Arbeitern, denn er konnte sich vorläufig weder Knechte, noch Arbeitsthiere halten, ließ Julius den ausgebrannten Plan beackern, ließ im Herbst Weizen und Reps anbauen und im nächsten Jahre hatten die urkräftigen Erdschollen eine Ernte ergeben, daß man ihm für den nackten Boden hunderttausend Gulden anbot.

Selbstverständlich nahm er das Angebot nicht an, sondern brachte für den Erlös seiner verkauften Produkte seine Wirtschaft in Ordnung, erbaute ein Haus auf der kleinen erhöhten Insel, ließ sein ganzes Besitzthum mit Bäumen umpflanzen und war fortan an Niemanden mehr angewiesen, auch verlachte ihn fortan Niemand mehr, wenn er etwas in Angriff nahm.

Nach zwei Jahren ist die Sumpfebene zu Burjanos kaum mehr zu erkennen. Ueppige Wiesen, duftende Repsfelder dehnen sich aus vor uns, die mit schlanken Tannen eingesäumt sind, an den Ufern der Theiß breitet sich ein junges Wäldchen aus, die Insel ist von Obstbäumen umgeben, auf derselben erhebt sich ein geschmackvolles Herrenhaus, welches von seinem erhöhten Standpunkte aus weithin sichtbar ist, auf den regelmäßigen Wegen führen kräftige wohlgenährte Zugochsen die eben gemähten Heumassen zu Haufen zusammen, wobei sich träumerische Glockentöne in die sonnenhelle Nachmittagsstille mengen, auf den Wiesen grüne Grashügel dicht neben einander, auf einer ebenen Fläche eine weidende Kuhheerde, überall Leben, Regsamkeit und reiche Vegetation.

Und all' dies schuf junger Verstand und ausdauernde Kraft aus dem Nichts.

Diese veränderte Landschaft ist das schönste Gedicht und wer es dichtete und zu Stande zu bringen vermochte, ist das poetischste Gemüth.

Der alte Feher wohnt bei seinem Sohne und beginnt einzusehen, daß Wissen auch zu Sonstigem gut ist, nicht blos, um den Menschen zu irgend einem Amte zu verhelfen. Die ehemaligen Spötter besuchen jetzt Julius ebenfalls – um zu lernen und thun dabei, wie wenn sie das alles sehr gut im Vorhinein gewußt hätten, was er thun wird und der junge Mann durch ihre guten Rathschläge dahin gelangt wäre, wo er jetzt steht.

Man sagt, er sei ein sehr guter Landwirth. Er ist freigebig, wo es nöthig ist und auch sparsam am rechten Ort. Auf seinem Gute arbeiten Maschinen, die dazumal in den beiden Ländern nur wenig bekannt waren. Er züchtet exotische Pflanzen, von denen ein Anderer niemals noch etwas gehört und alles wirft ihm Nutzen ab. Der alte Feher behauptet, der ganzen Wirtschaft mangele nichts weiter – als eine tüchtige Hausfrau.

Auf solche Anspielungen pflegt Julius niemals Antworten zu geben.

Solch' ein berechnender, praktischer Mensch äußert sich nicht so leicht, geht auch nicht auf den Leim.

Solch' ein, die Chemie, Mechanik und das Polytechnikum absolvirt habender junger Mensch der das Nivelliren, Winkelmessen, die Geologie, die Lehren des pondus specificum, der vis centrifuga und centripeta in sich aufgenommen, wird dieselben sicherlich auch in Heirathsangelegenheiten anzuwenden verstehen. Und gewiß wird er nicht früher heirathen, als bis er die Mitgift seiner Auserwählten mit deren Neigung zur Verschwendung verglichen; bis er die Erdschollen von deren Grund und Boden untersucht, von welcher Güte dieselben seien; bis er deren Aktiven und Passiven in ein günstiges Gleichgewicht gebracht und bis er ihre Vermögensverhältnisse aufs genaueste festgestellt, denn solcherlei praktischen Leute poetisiren nicht, schwärmen nicht, werden nicht verliebt, sondern kalkuliren und bilanziren blos.

Mit einem Worte, Julius erhielt den Spottnamen: der Praktische. Er mochte es ja nach Gutdünken für eine Ehre oder für was immer ansehen.

Im nächsten Jahre bereitete er seinen Bekannten eine noch größere Ueberraschung. Im Spätherbste, als die Feldarbeiten bereits beendet waren, begab er sich nach Varbo, jenem zweiten kleinen Gute und verweilte volle zwei Monate dort.

Was er dort machen, anstellen mochte – konnte so rasch nicht errathen werden.

Varbo, dieses letzte Gütchen der Familie Feher, war soweit eben möglich, noch romantischer bedacht, wie die ehemalige Wildniß zu Burjanos.

Varbo war eine ähnliche Wildniß, nur in anderem Sinne. Zwischen hohe Bergriffe eingekeilt, war es die Stätte wüster Birken und Tannenwälder, die außer von den heftigen Elementarausbrüchen seit der Erschaffung der Welt schwerlich von etwas anderem heimgesucht worden waren.

Aus einem steilen Bergabhang bricht ein rauschender Bergbach hervor, der sich zwischen den Felsen ein von querüber gestürzten Baumstämmen häufig unterbrochenes Bette gegraben; in dem wilden Gesträuche hausen wilde Truthühner und wenn man eine Treibjagd anstellen würde, zweifle ich, daß man keinen Auerochsen fände, denn Bären werden alljährlich zwei oder drei Stück geschossen, die sich eben an die Niederlassung der am Fuße des Berges hausenden Pottaschenbrenner heranwagen.

Was konnte Julius Feher an diesem ekelhaft romantischen Orte Monate hindurch machen – das blieb jedem nüchtern denkenden Menschen ein Räthsel. Will er in dem Bergstrome Forellen züchten? oder Wolfsgruben graben? oder gar die Berge abtragen lassen?

Die mitgenommenen Leute erzählen, daß er dort ein sehr sonderbares Leben führt. An den verschiedensten Punkten der Berge läßt er sich Hütten erbauen, in welche er des Nachts einkehrt, wenn er von dem unablässigen Umherschweifen ermüdet ist. Des Nachts umheulen ganze Wolfsrudel seine Hütte.

Früh Morgens bricht er wieder auf, wirft seine Doppelflinte über die Schulter, auf die andere seine Jagdtasche, nimmt einen Stock mit eiserner Spitze und einem Hammer am anderen Ende zur Hand und wenn er des Abends heimkehrt, ist seine Jagdtasche nicht etwa mit seltenen Vögeln oder ähnlichem Gethier, sondern mit einer Menge von Steinen gefüllt, die er auf seinen Wanderungen aufgelesen und die er zu Hause angekommen, sortirt.

Während des ganzen Tages untersucht und prüft er die Felsen nach allen Richtungen hin, macht sich Zeichen an den Bäumen, rammt Pflöcke ein in die Erde, zeichnet Karten, kalkulirt, macht Feuer an, erhitzt Steine, gräbt, hämmert, schnitzt, bohrt, daß ihn Jedermann für verrückt halten muß.

Dann wieder läßt er von Tagelöhnern ungeheure Gruben graben, dieselben wieder zuschütten und geht weiter. Ohne Grund und ohne sichtbaren Zweck läßt er ganze Höhlen in die Bergseiten graben und sagt darauf, daß es gut sei. Mit dieser Höhle ist er zufrieden, mit jener nicht. Dieser Tage fand er in der Wand des Pottaschenbrenners allerlei braune, rothe und lilafarbene Steine, über die er nun förmlich Inquisition hielt, wieso die dorthin gelangten, woraus ihm selbstverständlich der Wackere nichts weiter zu antworten vermochte, als daß sie ihm das Wasser hingebracht. Aber woher? Zur Beantwortung dieser Frage mußte der gute Mann den Berg unterwühlen und im Bette des Baches Nachgrabungen anstellen.

Als es bereits zu schneien begann füllte Julius den Kutschensitz mit all den Steinen an und befahl, bis zum Frühling Alles unberührt zu lassen, was er gegraben und ausgehöhlt. Wer zum Kukuk hätte sich auch um all' diese Dinge gekümmert?

Damit begab er sich geradewegs nach Pest, von hier nach Raab und Wien und schrieb endlich aus Wien einen lakonischen Brief an seinen Vater: »Mein lieber Vater! Auf Grund Deiner gütigen Ermächtigung, laut welcher ich über unsere Besitzungen verfügen kann, habe ich heute mit einer hiesigen Aktiengesellschaft einen Vertrag bezüglich eines auf unserer Varboer Besitzung zu errichtenden Eisenhammers abgeschlossen.«

Bei dieser Nachricht erschrak der alte Herr in allem Ernste.

Das war mehr als kühn! Mit diesem Schritte setzte Julius sein ganzes, durch die meisterhafte Bewirthschaftung von Burjanos erworbenes Vermögen aufs Spiel, denn wer kann ihm denn im Vorhinein sagen, was im Innern der Erde wohne? Er wagte auch Niemandem ein Wort davon zu sagen, so sehr fürchtete er, daß ihn die Welt jetzt nicht nur bedauern, sondern auch verlachen werde.

Indessen mußte es die Welt doch erfahren; die Gesellschaft, die Julius für seinen Plan gewonnen, gab tausend Stück Aktien zu fünfhundert Gulden aus, deren Hälfte Julius selbst behielt. Die erste Anzahlung betrug zehn Prozent, mit welchen man sofort Vorbereitungen zum Eröffnen der Mine traf, wozu Schmelzöfen und Hämmer aufgestellt werden mußten. Jeder Mund war zum Lachen bereit ihnen zugewendet, alle Welt rechnete mit Sicherheit darauf, daß es zum Erlegen der zweiten Rate gar nicht kommen werde, da bis dahin die Aktionäre unter Verzichtleistung auf die bisher eingezahlten Gelder in alle Winde zerstoben sein werden. Es kam in der That nicht zum Erlegen der zweiten Rate, denn das eröffnete Eisenbergwerk warf bereits im ersten Jahre einen Reingewinn von zwölf Prozent zum Vertheilen an die Aktionäre ab.

Nun beeilte sich Alles, die Hände über dem Kopfe zusammenzuschlagen und zu sagen, dieser Julius sei denn doch ein furchtbar glücklicher Kerl! Es war aber kein furchtbares Glück, sondern blos etwas bescheidenes Wissen. Julius hatte seine Familie reich gemacht. Das Eisenbergwerk war eine solidere Geldquelle als alle Wirthschaften der Welt, denn dem konnte kein Hagelschlag, kein niedriger Marktpreis etwas anhaben, denn Eisen findet stets Absatz.

In der Umgegend begann Julius eine Stelle in den Reihen jener anzunehmen, die man eine gute Partie nennt.

Man meint darunter nämlich, eine gute Partie für heirathslustige Mädchen.

Bei seiner Jugend hatte er sich durch eigene Kraft, durch kühne Berechnung und unerschütterliches Ausharren sammt seiner dem Sturze sehr nahen Familie zu großem Vermögen emporgeschwungen; dabei war er einigermaßen ein Sonderling, was ihn nur noch interessanter macht – ist es demnach zu verwundern, wenn man viel davon sprach, wen er wohl zu seiner Frau nehmen werde?

Der alte Feher selbst liebte es, möglichst viel über diesen Gegenstand im Kasino zu Klausenburg und Großwardein zu schwatzen, denn seitdem er unter die Vormundschaft seines Sohnes gekommen, hatte er nichts weiter zu thun, als im Kasino zu sitzen.

Auf sein Geschwätz gestützt konnte man über Julius Absichten Meinungen entwickeln.

Der eine sagte, solch' ein spekulativer, berechnender Kopf wie Julius der zu berechnen versteht, in wieviel Centner Rüben soviel Nährstoff enthalten ist, wie in einem Centner Heu, wird sicherlich auch nur aus Berechnung heirathen und so wenig sicher die im Berginnern verborgenen Erze davor sind, von ihm diametraliter ausgebeutet zu werden, so versteht er auch die Mitgift seiner Braut, sammt allem, was sie noch in den Schränken von Onkeln und Tanten liegen hat, auszukalkuliren.

Der andere sagte nein! Julius ist nicht derart beanlagt; er sieht nicht auf Geld, nicht auf großes Vermögen, denn seine Grundsätze erheischen keine Schätze, sondern er sucht ein Mädchen, welches eine gute Hausfrau ist, das Führen der Wirtschaft versteht und dabei sparsam und häuslich erzogen ist; – schön soll sie gerade auch nicht sein, damit man sie nicht zu bewachen habe, denn die Eifersucht ist ein gar großes Hinderniß in den Geschäften eines mit Arbeit und Spekulationen überhäuften Mannes, der häufig reisen muß und selten daheim sein kann.

Wieder andere sprengten aus, er suche eine gelehrte Frau; eine die Geognosie und Trigonometrie gelernt, die ihm im Nivelliren und Erdbohrungen behilflich sein kann, die zeichnen, endlose Potenzen und Logarithmen ziehen und die Wirtschaftsbücher führen könne.

Die sich günstiger über ihn äußern wollten, behaupteten, Julius könne unmöglich eine Ungarin zur Frau nehmen, denn eine solche entspräche nie und nimmer dem Ideale eines solchen Menschen und er werde sich sicherlich eine Frau aus England importiren. Aus diesem Grunde habe er auch englisch gelernt, damit er mit ihr sprechen könne, wenn er eine solche haben wird und früher oder später wird er sich in irgend einer Seestadt niederlassen.

Die bösesten Zungen aber sagten gar von ihm, daß er gar keine Frau brauche, denn er sei wie geschaffen für einen Einsiedeler. Er arbeite vom frühen Morgen bis zum späten Abend und so hätte er nicht einmal Zeit, gar ein Wort mit Weibsbildern zu sprechen, welche Spezies er in der Kategorie der wirtschaftlichen und technischen Maschinen blos für einen überflüssigen geldverzehrenden Mechanismus ansehe.

Dieses ungeheuerliche Gerede brachte in der Regel der alte Feher seinem Sohne selbst vor und da er einem unwiderstehlichen Instinkte zu Folge fortwährend von seinem Sohne sprechen mußte, erdachte er stets so absonderliche Sachen, an die er selbst allen Ernstes zu glauben begann, die er nicht für sich zu behalten vermochte und von denen ohne Ausnahme kein Wort der Wahrheit entsprach. Auf diese Weise also, das heißt, indem der alte Herr seinen Sohn bewunderte, vermehrte er selbst das Geklatsche über ihn, was, wie wir wissen, stets üppig gedeiht und dem weder Frost noch Dürre zu schaden vermag.

Und Julius war so wenig mittheilsam, und befreundete sich mit Niemandem, fühlte sich zu keinem seiner allernächsten Bekannten hingezogen, mied die Kreise, wo man begierig war, ihn kennen zu lernen und war klug genug, die für ihn bestimmten Auszeichnungen etwas zweifelhaften Anstrichs nicht zu suchen.

Hingegen hatte seine Seele so liebe Ruhepunkte, die er gern aufsuchte: alte Freunde seines Vaters, welche der alte Herr schon so ziemlich vergessen hatte; bescheidene Seelsorger und Amtsleute, die das Haus seines Vaters besuchten, als dieser nur einfacher Komitatsgeschworener gewesen und immer mehr ausblieben, je höhere Aemter derselbe einzunehmen begann. Die guten Leute schämten sich, daß sie so tief unter ihm zurückblieben und sie mochten meinen, jenem nur einen Gefallen zu erweisen, wenn sie ihm keine Ungelegenheiten mit ihren Besuchen bereiten.

Diese erinnerten sich an Julius blos als einen sehr kleinen Jungen vor sehr vielen Jahren und freuten sich darüber, daß er so schön groß geworden. Diese wußten es nicht einmal, daß ihr hochgestellter Freund, der alte Feher an Vermögen und Ansehen derart heruntergekommen war, noch weniger aber, daß der Junge dieses Vermögen und Ansehen zwanzigfach zurückerworben. – Sie wußten blos, daß Julius diplomirter Ingenieur sei. Dies brachte sie einander näher. Daß Julius schon in den Zeitungen auch genannt worden, war hier gemeiniglich noch unbekannt, denn es gab zu jenen Zeiten noch so glückliche Familien, in welchen außer den Modeblättern der Fräuleins keine anderen Journale Zutritt hatten. Die Familienväter interessirte die Politik nicht und ihrethalben konnten im In- und Auslande welch' wichtige und bedeutsame Ereignisse immer stattfinden, ohne daß sie die mindeste Kenntniß davon hatten.

Und so begegneten wir Julius einmal bereits auf der silbernen Hochzeit des Herrn Mathäus Malai, ohne daß wir uns auch nur nach seinem Namen erkundigt hätten. Wir sehen ihn als einen bescheidenen jungen Mann, der nicht aufzufallen vermag und der wenn er auch nicht in Verwirrung geräth, so doch erröthet, wenn man ihn anspricht und wir waren Zeugen der im Pfänderspiel zwischen ihm und der jungen Gräfin Somlyohazi stattgehabten Begegnung und vielleicht regte sich unwillkürlich der Gedanke in uns, daß diese beiden jungen Wesen einander liebgewonnen. Und sicherlich hatten wir Recht hierin.

Ein Durchschnittsmensch wird hierbei den Kopf schütteln und sagen: eine unglückliche Liebe. Was kann aus derselben entstehen? Wie könnte sich einer Gräfin aus reicher, mächtiger Familie der Sohn eines einfachen Edelmanns, der nicht einmal eine staatsmännische Celebrität und im Verhältnisse zu seiner Angebeteten jedenfalls ein sehr armer Geselle ist so weit nähern, daß sie sich einmal über jenes unermeßliche Meer der sie trennenden Vorurtheile hinweg die Hände zu reichen vermöchten?

Ein Adorjan Borcz konnte eine ähnliche Frage leicht beantworten: »ich werde ebenfalls Graf«; den Titel erhält man leicht, es kostet blos Geld, dann als erobernder Kavalier aufzutreten, mit auf welchem Wege immer erworbenen hohen Verbindungen prahlen – all dies stand ihm in sicherer Aussicht und wenn er dachte, daß die, die er liebte, eine Gräfin sei, so rechnete er sich dies zu seinem Stolze an. Julius aber, der sich aus freiem Willen einen Beruf unter seinem Stande gewählt hatte und der wohl wußte, daß seine Zeitgenossen und Kameraden sein arbeitsames Leben verlachen und verspotten – war der Name eines Parvenu etwas Schauerliches. Ein Mensch, der den Demokraten so lange spielt, bis er endlich in eine gräfliche Familie einzudringen vermag.

Er wird das Geheimniß, daß er liebe, sicherlich sorgfältig bewahren und es unter keinen Umständen preisgeben.

Diese hochmüthigen Aristokraten werden ihn mit ihrer Mißachtung nicht zu Boden drücken; diese launenhaften Damen werden über seine närrische Leidenschaft nicht lachen können und den Zudringlichen bei jedem Schritte die quälende Oberherrschaft fühlen lassen, welche vornehme Erziehung, angelerntes Selbstvertrauen und weitere Weltanschauung dem Gemüthe verleiht und die dem Fremdling den Vorwurf unaufhörlich ins Gesicht schleudert: »könntest Du uns ähnlich werden?«

Indessen – wer weiß: vielleicht sind jene Adeligen nicht so hochmüthig, jene Damen nicht so launenhaft, wie sie die Romanschriftsteller beschreiben; wie wenn es sich einmal auch ereignen könnte, daß eine Dame mit glänzendem Namen einen Mann ohne glänzenden Namen in Wahrheit liebgewinne und sich dann selbst frage: »könnte ich Dir ähnlich werden?«

Nun – wir werden ja sehen.

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