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Tollhäuslerwirtschaft

Maurus Jókai: Tollhäuslerwirtschaft - Kapitel 14
Quellenangabe
authorMaurus Jókai
titleTollhäuslerwirtschaft
publisherVerlag von Otto Janke
yearo.J.
printrunVierte Auflage
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180323
projectid4511fd6b
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Dreizehntes Kapitel.
Jemand, der mit seinem Gelde nichts anzufangen weiß.

Seitdem Herr Borcz seinen Sohn Adorjan zum Grafen gemacht hatte, war er zu der Ueberzeugung gelangt, daß der Vater eines Grafen kein Schafzüchter sein dürfe.

Das Schloß zu Rosenhain ließ er sammt den erworbenen Besitzungen ohne Weiteres auf Adorjans Namen überschreiben, um demselben die ungeheure Erbschaftssteuer zu ersparen.

Nachdem er den Kaufpreis ausbezahlt, blieben ihm noch immer baare hunderttausend Gulden, die er für sich reservirte. Adorjan kann von seinem Einkommen seinem Range angemessen leben, die gräfliche Gattin bringt auch etwas mit, da ihr ihr väterliches Erbtheil sofort ausbezahlt wird, so daß Adorjan die tonangebende Rolle im Umkreise spielen kann.

Adorjan ist gräflich versorgt und dabei behielt Herr Borcz auch eine erkleckliche Summe.

Mit den hunderttausend Gulden ließ er sich in einer Stadt an der Theiß nieder.

Hunderttausend Gulden! Baares Geld!

Wer sah in dieser Stadt jemals soviel Geld beisammen? Niemand. Nicht einmal der Steuereintreiber.

Dies ist eine solche Summe, die man entschieden nicht auszugeben vermag.

So lange Herr Borcz in Rosenhain residirte, berechnete er sich jeden Groschen, den er für sich selbst verausgabte. Jede Kleinigkeit wurde im Kalender vermerkt und wenn er die Ausgaben vom Ende des Jahres addirte, so überstieg die Summe niemals hundert Gulden.

Und wenn jetzt Herr Borcz bedachte, daß er fortan bei einem gesetzlichen Zinsfüße von sechs Prozent ein jährliches Einkommen von fünfzehntausend Gulden habe und dieselben auf irgend etwas ausgeben müsse, so fühlte er sich völlig verwirrt.

Worauf könnte man solch eine ungeheuere Summe ausgeben! Guter Wein, gutes Leben, gute Speisen. Dafür kann man, sagen wir, zehn Gulden ausgeben. Macht in runder Summe viertausend Gulden. Bleiben noch elftausend. Für Schneider und Schuster, hol's der Geier! zweihundert Gulden; – für Bettler, Schulen und derlei Dinge, der Mensch soll generös sein! abermals zweihundert Gulden. Bleiben noch zehntausend Gulden.

Was soll nun der Mensch mit einem solchen Ueberfluß anfangen, wenn er sich wirklich zur Ruhe setzen will?

Eines Tages lustwandelte Herr Borcz am Theißufer und betrachtete das ankommende Dampfschiff, welches gerade an der Landungsbrücke anlegte.

Dieses allein dahingleitende Gebäude erregte ganz ungemein Herrn Borcz Gefallen. In demselben Momente beschloß er, selbst ein solches Ding anzufertigen.

Ich bitte wohl zu verstehen: – nicht anfertigen zu lassen, sondern selbst anzufertigen.

Denn wenn es Herrn Borcz eingefallen wäre, lumpige hunderttausend Gulden zum Ankäufe eines Dampfschiffes auszugeben, dasselbe auf einem Gewässer auszulassen, auf welches sich die Vorreste der priviligirten Dampfschifffahrtgesellschaft nicht erstrecken oder es so lange im Hintergründe zu halten, bis die Privilegien der genannten Körperschaft ablaufen und dasselbe bis dahin zum Maisrebeln zu verwenden, – so würden wir sagen, er sei ein Mann von unternehmendem Geiste. Doch er that nicht so. Er wollte es selbst herausfinden, auf welche Weise man sich mit einem Schiffe mit zwei Rädern auf dem Wasser in Bewegung setzen könnte, ohne daß es von irgend einem Thiere gezogen werde.

Auf dieses Unternehmen verschwendete er die Tausende, wie wenn sie nur so zum Fenster hereingepflogen kämen.

Ein Mensch, der niemals Mathefis gelernt hatte, setzte es sich urplötzlich in den Kopf, aus eigenem Schädel ein solches Wunder zu ersinnen, welches sich allein bewegt. Schlosser, Schmiede, Spengler, Zimmermann, Müllner, Radmacher schnitzten, hämmerten, schweißten auf sein Geheiß wunderlich geformte krumme und gerade Stangen, Platten, Räder, Zylinder, Balken, ohne daß einer von ihnen wußte, wozu es dienen wird, was er machen wolle. Das greuliche Schiff stand dort im Hafen, niemand hatte Eintritt in dasselbe, außer den mitarbeitenden Handwerkern, die auch nur das sehen dürften, was ihnen zu verfertigen aufgetragen worden.

Selbstverständlich rührte sich das Schiff niemals von der Stelle, dafür aber glitt das Haus des Herrn Borcz von feiner Stelle, noch dazu in solchem Maße, daß es den Händen des Besitzers völlig entglitt.

Das kam in der Weise, daß es Herrn Borcz inmitten seiner Mechanismus-Manie zuweilen derart an den nöthigen Geldmitteln gebrach, daß er die Handwerker nicht bezahlen konnte; da machte er denn die Entdeckung, daß Geld sehr leicht zu erhalten sei, wenn der Mensch Wechsel unterschreibe. Hierbei vergaß er aber zu lernen, daß man auf den Verfallstag eines Wechsels so achten müsse, wie auf das Laubhüttenfest, denn den kann man nicht zwanzig Jahre hinziehen, wie einen Pfändungsprozeß. Auf einmal gewahrte er, daß man ihn eingeklagt habe. Jetzt sah er endlich ein, daß es Leute auf der Welt giebt, mit denen es sich nicht scherzen läßt.

In seiner großen Bedrängniß, da schon davon die Rede war, daß ihn sein großes Haus gleich im Stiche läßt und sich einen andern Besitzer sucht, erhielt er einen Brief von seinem Sohne, in welchem ihm derselbe mittheilt, er habe heute seine Vermählung mit einer Baronesse gefeiert und würde sich sehr freuen, seinen Vater je früher bei sich zu sehen.

Sofort bestieg der Alte einen Wagen und fuhr nach Rosenhain. Sein in einem Schlosse wohnender Sohn hat sich durch die Heirath mit einer Baronesse sicherlich mächtig rangirt; er wird ihm sicherlich einiges von den Hunderttausenden rückerstatten können, die der Vater zur Aufrechterhaltung seiner gräflichen Würde ausgegeben.

Elegante Diener hoben den Alten vom Wagen und führten ihn in das Schloß hinauf. Adorjan eilte ihm selbst entgegen und freute sich ungemein, ihn nach einer Abwesenheit von so vielen Jahren, die er mit Reisen verbracht hatte, wieder umarmen zu können. Als sich der Alte später vom Reisestaub gereinigt hatte, führte er ihn zu der Baronesse, um ihn derselben vorzustellen.

Der Anblick der Baronesse überraschte den alten Herrn ganz ungemein. Die Baronesse wollte á tout prix nicht anders als französisch sprechen, während er dieses Idioms gar nicht mächtig war.

»Du Adi?« flüsterte der Alte seinem Sohne zu; »mir scheint es, wie wenn diese Deine Baronesse Amalien Torhanyi ganz und frappant ähnlich sehen würde!«

Adorjan lachte laut auf.

»Du hast ein verteufeltes Auge Väterchen. Sie ist's ja selbst. Du hattest uns stets für einander bestimmt und endlich kamen wir auch zusammen.«

»Wie ist die aber Baronesse geworden?«

»Na, weißt Du, nach Ludveghy.«

»Der Baron hat sie also doch geheirathet.«

»Na, nur so.«

»Und jetzt hast Du sie geheirathet.«

»Auch ich – nur so.«

»Weshalb hast Du mich dann so Hals über Kopf zu Dir gerufen?«

»Weißt Du Alter, mich molestiren einige kleine genante Schulden und da möchte ich bei Dir eine Anleihe machen.«

»Hm! Ich kam ja auch nur deshalb so bereitwillig zu Dir, da ich selbst Geld von Dir zu bekommen hoffte ...«

*

Es benöthigte nur weniger Jahre, damit Amalie, die den Baron Ludveghy vollständig zu Grunde gerichtet hatte, auch Adorjan Borcz ruinirte. Die Tochter des Kaufherrn verstand es meisterhaft, große Vermögen durchzubringen.

Den alten Borcz sah man an den Ufern der Theiß als Getreidesensal in einem alten fleckigen Winterrock anderen Leuten dienstbar umherlungern. Was er gebaut: Häuser und Schiffe wurden als unbrauchbares Baumaterial versteigert. Was er durch Wucher gewann, verlor er auch durch Wucher.

Und unterdessen wußten sich der Sohn des Stuhlrichters um die Tochter des Grafen, als bescheidener Landwirth, als fleißige Hausfrau wenn auch keine Schätze, so doch eine unabhängige, freie Stellung zu erwerben.

Dies, dies ist die ›verkehrte Welt‹.

*

 

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