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Tollhäuslerwirtschaft

Maurus Jókai: Tollhäuslerwirtschaft - Kapitel 11
Quellenangabe
authorMaurus Jókai
titleTollhäuslerwirtschaft
publisherVerlag von Otto Janke
yearo.J.
printrunVierte Auflage
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180323
projectid4511fd6b
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Zehntes Kapitel.
Weibliche Illusionen.

»Sagen Sie mir doch liebe Gräfin Serena, wann gehen Sie schon nach Hause?«

Mit dieser Frage überraschte eines Tages die Verwalterin von Somlyohaza Serenen, die damals bereits in der sechsten Woche in Somlyohaza verweilte.

Das ist kurzweilige Frage, wenn der Mensch meint, er sei ein gern gesehener Gast und beiläufig zu Hause! Gräfin Serena nahm dies viel zu gemüthlich, als daß sie sich darüber geärgert hätte.

»Liebe, gute, scheltende Mama, werfen Sie mich noch nicht hinaus. Sie wissen, daß ich mich unter Ihren Fittigen zur Hausfrau ausbilden will und früher gehe ich nicht weg.«

»Sie werden aber niemals eine gute Hausfrau sein!«

»Ah! weshalb nicht?«

»Weil Sie gar kein Talent dazu haben. Sie können besser schießen, als eine Suppe einbrennen, können besser mit Pferden, als mit einem Gänsebraten umgehen. Uebrigens liegt auch nicht alles hierin, was eine gute Hausfrau macht, sondern darin, daß man die Ordnung aller Dinge kenne. Und dies fehlt Ihnen meine gute Seele; seien Sie mir nicht böse, aber aus der Comtesse wird niemals eine Hausfrau.«

»Wenn ich es aber unbedingt werden will?«

»Laune, liebste Gräfin; eine Caprice, sonst nichts.«

»Stehe ich nicht um fünf Uhr auf? Beaufsichtige ich nicht die Mägde? Versehe ich nicht die Speisekammer?«

»Das ist alles wahr, indessen ist es schlimmer, wie wenn Sie gar nichts thäten. Statt daß die Mägde vor Ihnen Respekt haben, rechnen sie bei jedem begangenen Fehler auf sichere Entschuldigung, in der Thüre der Speisekammer lassen Sie die Schlüssel regelmäßig stecken und gestern gaben Sie drei Liter Mehl zu einer Omelette für drei Personen heraus; wer hat schon jemals derlei gesehen? Sie müßten, gnädige Comtesse, nach Klausenburg nach Hause gehen, wo sich der vornehme Palast mit der vornehmen Gesellschaft befindet, dort haben Sie Vater, Mutter und Ihre Schwester Cäcilie. Dort ist Ihr Platz, nicht hier. Seien Sie mir nicht böse, Sie wissen aber, daß was mir am Herzen liegt, mir auch auf die Lippen tritt.«

»Nun mir tritt es auch auf die Lippen, was mir am Herzen liegt. Ich will nicht mehr Gräfin sein, ich bin der aristokratischen Kreise überdrüssig, in welchen ich aufgewachsen. Ich will sie nicht tadeln, doch will ich sie meiden, denn ich habe in denselben, blos Bitternisse gefunden. Ich muß gestehen, daß ich es für ein sehr großes Unglück ansehe, daß ich eine Gräfin bin. Wie beneidenswerth sind die Familien der Mittelklasse, in ihrer von der Welt zurückgezogenen, stillen, zufriedenen Einsamkeit, die nur sich allein, vernünftigen Freuden und nicht den schiefen Vorurtheilen der Welt leben.«

»Hören Sie auf Comtesse; die haben auch ihr Kreuz. Dann ist's schon eine ausgemachte Sache, daß große Herren nicht wie arme Leute leben können und damit Basta.«

»Nein, noch nicht!«

»Na, da bin ich doch begierig ...«

»Wenn zum Beispiel eine Comtesse einen Bürgerlichen heirathet.«

»Das kann sie thun, es wird dann aber jeder Mensch ihren Gatten für einen halben Magnaten ansehen.«

»Weshalb meinen Sie das?«

»Weil es sich noch niemals begab, daß wenn ein Bürgerlicher eine Adlige heirathete, diese bürgerlich geworden wäre; lieber wurde der Gatte adelig.«

»Liebe Mama, Sie werden das Gegentheil gewahr werden.«

»Will es mich vielleicht Comtesse Serena lehren?«

»Ja. Ich. Sehen Sie, dies ist mein Stolz, ich bin stolz darauf, eines bürgerlichen Mannes Gattin zu werden; eine Frau zu sein, die den Namen ihres Gatten und nicht den Namen der Familie ihres Gatten trägt! nicht der Welt, sondern einem Manne leben zu können, der mich liebt und den ich liebe. Deshalb bin ich jetzt ungerne daheim; mein Vater widerspricht mir wohl nicht, dazu ist er viel zu gut; in jenem Lächeln aber, welches ich fortwährend um seine Lippen spielen sehe, muß ich den ewigen Hohn darüber finden, mit welchem er mir den Vorwurf macht, daß ich mich selbst täusche, daß es blos eine Laune von mir ist, was in Wahrheit aber mein Leben, meine heiligste Ueberzeugung ist. Mit meiner Mutter wage ich es gar nicht zusammenzukommen, denn sie verachtet mich; sie spricht nie zu mir, und wenn sie spricht, so betrifft es blos gleichgültige Dinge. Und wenn zu solchen Zeiten mein Blick gar auf meine arme kleine Schwester fällt, deren Seufzer nur ich allein verstehe und die nicht zu sprechen wagt, denn für sie ist's ein eisernes Gitter, was bei mir blos eine Schranke aus schwachem Schilfrohre ist. O, wegen Cecil allein muß ich schon der Welt beweisen, daß eine Comtesse eine bürgerliche Frau werden und dabei sehr glücklich werden kann.«

Die Verwalterin spitzte die Lippen, was ihrem wohlgenährten, vollen Gesichte, einen sonderbaren Ausdruck verlieh und schüttelte den Kopf fortwährend, ohne aber Serenens Schwärmereien zu unterbrechen.

»Hm, hm, ei, ei, na, na! Comtesse glauben also in Wahrheit, eine bürgerliche Frau werden zu können?«

»Ja, ich glaube und will es!«

»Na, na, dieses Wörtchen ›will‹ paßt für keine Bürgerliche, das ist blos einer Gräfin erlaubt.«

Serena zwang sich zur Ruhe obgleich sie bereits sehr gereizt war.

»Ich kann sagen, daß ich es will, nachdem es blos von mir abhängt.«

»Wie denn das?«

»Meine Eltern erheben keinen Einspruch.«

»Ich weiß es. Und trotzdem sage ich, daß die Comtesse keine bürgerliche Frau werden, sondern eine Gräfin bleiben wird, wie es sich gebührt.«

»Nun liebe Mama, das ist wirklich eine Dummheit von Ihnen, derlei zu behaupten. Es wäre besser gewesen, mich vor die Thüre zu setzen.«

»Dummheit? Liebste Comtesse, ich spreche schon lange keine Dummheiten mehr. Ich könnte es nicht einmal, es paßte gar nicht zu meinem ganzen Wesen. Ich weiß schon seit langer Zeit etwas, was die Gräfin nicht hätte erfahren dürfen, da es eine Ueberraschung hätte werden sollen. Da mich die Comtesse aber beschuldigt, Dummheiten zu sprechen, bin ich gezwungen, mit der Farbe herauszurücken. Ja, die Gräfin wird Gräfin bleiben.«

»Tritt er vielleicht von seinem Schwure zurück?«

»O nein! Das könnte ich noch brauchen! Ich selbst würde den Galgenvogel erschlagen. Verzeihen Sie; es kam mir auch nur so heraus. Aber auch nur der Gedanke, daß er von einer solchen Braut zurücktreten könnte!«

»Nun?«

»Es ist einmal ausgemacht, daß Sie Beide kopulirt werden. Ich bitte sie aber, verrathen Sie ja nicht, daß Sie es von mir erfuhren, was ich Ihnen jetzt sagen werde. Adorjan würde mir für alle Zeiten böse sein, worum ich mich gerade nicht viel scheren würde, wenn der Spitzbube nicht gerade der Gatte meiner lieben Gräfin werden würde.«

»Aber ich bitte Sie, nennen Sie mich doch denn nicht Gräfin,« unterbrach sie Serena in bittendem Tone eines widerspenstigen Kindes.

Die Verwalterin zuckte die Achseln und fuhr fort:

»Die Gräfin wird gar nichts wissen, das heißt, Fräulein Serena wird nicht früher etwas erfahren, als bis sie vor dem Altare steht. Der hochwürdige Herr wird Ihre Hände in einander legen, sehen Sie so, wie wenn dieses Schlüsselbund die Hand des Bräutigams wäre, dann beginnt er vorerst zu dem Bräutigam gewendet: liebst Du diese brave Jungfrau, deren Hand Du in der Deinigen hältst, Gräfin Serena Somlyohazi? Der antwortet freilich: wie zum Teufel sollt' ich sie nicht lieben? Dann kommt an die Braut die Reihe. Na, jetzt warten Sie gewiß, was da kommen wird? Verrathen Sie es aber ja Niemandem, daß ich es Ihnen sagte.«

Serena stampfte ungeduldig mit dem Fuße.

»Dann fragt der Priester: und Du fromme Jungfrau, liebst Du diesen braven Mann, dessen Hand Du in der Deinigen hältst: Herrn Adorjan Borcz Grafen zu Rosenhain?«

Serena's Gesicht wurde dunkelroth, wie der gewitterverkündende Abendhimmel.

»Was?«

Die Verwalterin zufrieden mit der Wirkung ihrer Erzählung, lachte laut auf.

»Adorjan Borcz Graf zu Rosenhain. Ja, ja, so ist es. – Seit drei Tagen habe ich den Brief des jungen Herrn bei mir, in welchem er mich benachrichtigt, daß es dem Agenten seines Vaters in Wien gelungen sei, den Grafentitel für ihn zu erwerben und ich verschwieg es Ihnen. Nicht wahr, das heiße ich eine Ueberraschung? Und ich konnte es bis heute verschweigen.«

Serenens Wangen brannten noch immer vor – Scham. Sie gab der offenherzigen Frau gar keine Antwort, die eine sehr amüsante Sache angestellt zu haben meinte, als sie Serenen diese Ueberraschung im Vorhinein mittheilte.

»Jetzt liebste Comtesse, lassen Sie für alle Zeiten die Experimente mit dem ›Bürgerlichthun‹ bei Seite, denn Sie können nun sehen, daß daraus nichts wird. Wen Gott zum großen Herrn machte, der bleibe ein großer Herr, es giebt arme Menschen genug, die man nicht zu vermehren braucht, da sie von selber kommen. Nun werden Sie auch wissen, weshalb ich Sie früher fragte, wie lange Sie noch hier zu bleiben gedenken und weshalb Sie sich nicht nach Hause zu Ihren Eltern begeben? Denn wenn ich es auch für eine große Ehre ansehen würde, wenn ich die Hochzeit in meinem Hause feiern könnte und die gräfliche Familie es nicht übel nähme, würde ich es dennoch für schicklicher halten, daß wenn eines Magnaten Tochter einen Magnaten heirathet, dies mit dem gewohnten Prunke und festlichen Anstriche vor sich gehe.«

Serena ließ sich nicht mehr sagen, hing ihren Hut über dem Arm und schwankte wortlos in den Garten hinaus, wo sie am Becken des Springbrunnens stehen blieb und den tanzenden Gelsen zuschaute. Zuweilen fiel eine derselben ins Wasser, die wenn sie zu entkommen suchte, von den kleinen, lebhaften Goldfischen weggeschnappt wurde. Und Serena war so herzlos, daß sie die armen kleinen Gelsen nicht befreite. Es mußte sich ein großes Ding mit ihr ereignet haben, daß sie dem Unglück anderer so gleichgiltig zusehen konnte! ...

Wenn es wahr wäre!

Wenn es eine Sünde wäre, zu träumen; eine Sünde für eine Gräfin davon zu träumen, sich einen unter ihrem Range stehenden Gatten zu wählen und sich in das geräuschlosere Leben hineinzudenken, welches – freilich nur in ihrer Einbildung – die Gesellschaft des Mittelstandes charakterisirt; wenn sie sich lange Zeit hindurch mit der Ausdauer der Launenhaftigkeit die Ueberzeugung trotzerfüllt aufdisputirte, daß die Aristokraten gar nicht glücklich sein können; wenn sie sich in starkem Entsagen bemühte, sich von allem zu entwöhnen, womit und worin man sie erzogen, um sich einer neuen Lebensweise anzubequemen; wenn sie sich in dem Gedanken glücklich schätzte, sich selbst, ihre bisherigen Bekannten, ihren Familienkreis, ihren Titel, ihre Ansprüche an die Welt eines Mannes halber aufzuopfern, der in ihren Augen das Ideal eines Vertreters der glücklichen Mittelklasse ist und man sie urplötzlich mit der Nachricht überrascht, daß ihr Bräutigam auf die einfachste Art und Weise der Welt ein Graf geworden, indem er den Preis dafür bezahlte – o! welch' eine schmachvolle Situation!

Der wackere Gärtner, der Pelargonien in Rabatten einsetzt, vermag es sich nicht zu erklären, weshalb die Gräfin so herzlich darüber lacht, da er auf ihr Befragen seine simplen Muskatblumen mit den ihnen von ihm selbst verliehenen Gärtnerbezeichnungen benennt: Dies ist der Duke of Wellington, dies der Vicomte de Bellegarde, dies die Marquise de Pontalba; diese hier mit den bunten Blättern sind Hybriden, dies die Comtesse de Berwy, jenes der Lord Evandale ... (Lauter Grafen und Herzoge, die auf leichte Weise dazu gelangten!)

»Hahaha! Hahaha! Vicomte de Bellegarde! Marquise de Pontalba! Hahaha! Diese hier Hybriden? die Abkömmlinge eines Grafen und einer Herzogin! Comtesse Mylord! Baron und Graf! Hahaha! Und Hybriden auch! Hahaha!«

Der Gärtner mochte sich denken, es sei Schade, alte Leute auszulachen, obschon ihn Gräfin Serena durchaus nicht auslacht; über sich selbst lacht sie so sehr; über ihr eigenes Schicksal lacht sie so zornig. Grafen und Herzoge, ein Stück von ihnen kostet einen Gulden und dreißig Kreuzer.

Als sie in das Haus zurückkehrt, gleitet gerade Gabor aus dem Sattel, Adorjans ehemaliger liederlicher Genosse, von dem wir die hervorstechende Eigenschaft kennen, daß er während des Sommers ein sehr ernster Mann zu sein pflegt.

Er kam zu Esti, zur Tochter der Verwalterin, mit der er seit dem letzten Fasching verlobt ist. Dies ist ein öffentliches Geheimniß.

Hinter dem Gartenzaun stehend, entzog sich Serena freiwillig den Blicken des Reiters, möge er immerhin seine Braut aufsuchen. Es wäre Schade, die Minuten glücklicher Menschen mit gleichgiltigen Dingen zu rauben.

Indessen richtete sie es so ein, daß da sich Gabor entfernen wird, sie mit ihm zusammenkomme, da sie mit ihm zu sprechen hat.

Nachdem sie eine halbe Stunde gewartet hatte, fiel ihr ein, daß ja Gabor auch zum Mittagsmahl dableiben könne und sie ihn dann vergebens an der Gartenthüre erwarte; sie ließ demnach Esti durch des Gärtners Tochter ersuchen, zu ihr in den Garten zu kommen, da sie wußte, daß dann Gabor sofort nachkommen wird.

Esti kam zu der Gräfin herausgeeilt; das bräutliche Angesicht stand ihr sehr wohl an und Serena dachte, daß jene dennoch glücklicher sei als sie, trotzdem auch sie nur glücklich sein wollte.

»Esti mein Täubchen,« sprach Gräfin Serena und nahm deren Arm unter den ihrigen. »Ich hätte eine große Bitte an Dich. Deine Mama erschreckte mich vor einer Stunde mit der Nachricht, daß Adorjan sich den Grafentitel – für Geld gekauft habe.«

Hier mußte Serena stehen bleiben, so nahe war sie daran in Weinen auszubrechen.

»Ich glaube, daß dies blos ein Scherz ist. Gabor wird gewiß wissen, ob es wahr ist. Ich selbst kann ihn dies nicht fragen; thue es also mir zu Liebe, meine Gute, spreche mit ihm darüber und dann berichte mir alles, hörst Du, aber alles, wie Gabor über ihn denkt, denn auf seine Meinung gebe ich sehr viel, da sie alte gute Freunde sind. Nicht wahr, Du thust es mir zu Liebe? Es ist zwar langweilig für Dich, über andere Dinge mit ihm zu sprechen, es sind aber nur einige Minuten.«

Esti behauptete, sie habe ja gar nichts anderes mit Gabor zu besprechen.

Wie es Gräfin Serena vorausgesehen, wartete der ungeduldige Bräutigam nicht, bis Esti zurückkehrte, sondern kam ihr bereits nach. Serena erblickte ihn am Ende des Gartenweges.

»Siehst Du, er kommt schon; sprich aber nicht hier unter den Bäumen mit ihm davon, denn Jemand könnte es hören und das hätte ich nicht gerne. Locke ihn zum Gartenpavillon und bringe dort den Gegenstand aufs Tapet.«

Damit verließ Serena das junge Mädchen, nach der entgegengesetzten Richtung; bei der ersten Biegung, welche der Weg machte, eilte sie aber von den Gebüschen verdeckt, zu dem Pavillon, schlüpfte durch die rückwärtige Thüre in denselben, und verschloß die vordere Thüre, so daß, als die beiden glücklichen Liebenden endlich herangeschlendert kamen, sie nicht einmal eintreten konnten, wenn sie es auch gewollt hätten, was sie übrigens gar nicht versuchten, sondern sich in der Veranda niederließen. Die dünne Bretterwand ließ Serena jedes ihrer Worte vernehmen.

Esti fragte ihren Verlobten:

»Wann sprachst Du mit Adorjan?«

»Vor langer Zeit,« lautete die gleichgiltige Antwort.

»Wann wirst Du wieder mit ihm zusammenkommen?«

»Niemals.«

Diese Antwort mochte Esti sehr verwirrt haben, da sie einige Zeit gar nicht wußte, wie sie fortfahren solle.

»Habt Ihr Euch vielleicht überworfen?«

»Nicht einmal gesehen haben wir uns – seit undenklichen Zeiten.«

»Hat er Dich vielleicht beleidigt?«

»Dann hätte er Grund, mir auszuweichen.«

»Was hast Du denn eigentlich mit ihm?«

»Ich? – ganz und gar nichts.«

»Und dennoch weichst Du ihm aus?«

»Ich verabscheue ihn.«

»Vielleicht weil er Graf geworden?«

»Bewahre. Es giebt sehr viele Grafen, die ich hochschätze. Wenn er es thun konnte, so war das seine Sache allein.«

»Ich meinte, Du habest Dich mit ihm deshalb entzweit, weil er sich für Geld einen Rang über Dich gekauft habe.«

»O nein! Ich, ich stehe sogar um sehr, sehr vieles höher, als er.«

»Wie?«

»Ich bin ein ehrlicher Bürgersmann, er aber ist ein verächtlicher Betrüger.«

»Um Gotteswillen sprich nicht so laut. Vielleicht nur im Spiele?«

»Ja! im erbärmlichsten Spiele. In dem Spiele mit Ehre, mit dem gegebenen Worte, mit der Liebe! Du erinnerst Dich doch an Torhanyi und dessen Tochter, wie?«

»Sehr genau.«

»Amalie war Adorjans Braut.«

»Dieses Verhältniß hat sich ja schon längst aufgelöst und zwar von dem Momente an, da Adorjan die Gräfin erblickte. Erinnere Dich nur an jene Polka am letzten Faschingstag.«

»Das Verhältniß der Herzen löste sich auf, doch war eine schriftliche Abmachung vorhanden, laut welcher sich die beiden Parteien bewachenden Eltern zur Zahlung eines ungeheuren Reugeldes verpflichteten, falls in Folge des Rücktrittes der einen oder der anderen Partei die projektirte Heirath vereitelt werden würde.«

»Davon habe ich gehört, ja ich weiß sogar, daß Adorjan der Gräfin sein Ehrenwort gab, seinem Vater das Reugeld an Torhanyi erlegen zu lassen und niemals wieder mit Amalien zusammen zu kommen.«

»Das mochte er der Gräfin an demselben Tage gesagt haben, da er einer ganzen Gesellschaft im Kartenspiele das Geld abgewann und dasselbe von den Verlierenden als freiwillige Spende unterschrieben, der Gräfin zu Gunsten der vom Feuer Beschädigten übergab. Mit einigen Hunderten mehr oder weniger – was macht das aus?«

»Ah!«

»Auf welche Weise er sein Ehrenwort hielt, werde ich sofort erläutern. Er zettelte mit seinem Vater eine Intrigue an, wonach die Familie Torhanyi mit dem Baron Ludveghy, den Gräfin Serena einst vor dem Altare im Stiche gelassen, bekannt zu machen. Der Baron befindet sich in derartigen Verhältnissen und hatte es demnach sehr nöthig, seine zerrütteten Finanzen dadurch aufzurichten, daß er die Tochter eines vermeintlichen Millionärs heirathet. Die beiden Borcz brachten sie gewandt zusammen. Und unterdessen nahmen die Hochzeitsvorbereitungen einen so schönen Verlauf, wie wenn es für Adorjan gar keine Gräfin Serena auf der Welt gäbe. Der letzte Tag, der vor der Vermählung, entschied.«

»Und Adorjan wäre sogar zur Vermählung erschienen? Wenn die Gräfin dies jemals erfährt!«

»Er erschien, noch dazu von vier Menschen geschleppt, wie total betrunken.«

»Betrunken war er?«

»Ach nein! Er stellte sich blos betrunken!«

»Wie? Das verstehe ich nicht.«

»Das verstehst Du nicht? Nun, damit ihn das Mädchen, welches er vor den Altar hätte führen sollen, verabscheuen solle.«

»Ach! dies ist häßlich!«

»Nicht wahr? Und um so häßlicher, da der Zweck vollständig erreicht wurde. Amalie entfloh noch in derselben Nacht mit dem Baron.«

»Pst! leiser.«

»Die Welt wird es ja ohnehin erfahren, denn in Folge dieses Schrittes verschwand auch Torhanyi selbst da seine Vermögensverhältnisse vollständig ruinirt sind; seine Mobilien kommen unter den Hammer, gleichwie der Ruf seiner Tochter, die der Baron, nachdem er erfahren, daß sie kein Vermögen besitze, sicherlich nicht zu seiner Gattin machen wird.«

»Ach, dies ist schrecklich.«

»Dies ist eine Schurkerei. Für hundertfünfzigtausend Gulden brach Adorjan sein Ehrenwort, war zu gleicher Zeit mit zwei Mädchen verlobt, brachte eine Familie zu Falle und schändete ein junges Wesen, welches seine Braut gewesen. Sodann kaufte er sich für hundertfünfzigtausend Gulden den Grafentitel und meint nun sein Geld gut angelegt zu haben.«

»Und dieser Mensch soll der Gatte der Gräfin Serena werden!«

»Die Gräfin sucht ihr Fatum selbst.«

»Sei nicht ungerecht gegen sie; sie ist so schwärmerisch beanlagt und sieht die Fehler desjenigen nicht, den sie liebt.«

»Dann kann sie ja mit ihm noch glücklich werden.«

»Es ist aber ein furchtbarer Gedanke, daß eine so edle Seele für ewig an einen so elenden Menschen gefesselt sein solle. Man müßte ihr dies zu wissen thun.«

»Wohin denkst Du? Du würdest sie Dir zur tödtlichen Feindin machen. Die niedrigsten Menschen sind es, die man am beständigsten zu lieben pflegt. Es sind dies die Geheimnisse des weiblichen Herzens; Wunder, die wir nicht fassen können.«

»Früher oder später wird sie es ja doch erfahren.«

»Möge sie es von einem andern erfahren. Von dem sie dies erfahren wird, den wird sie Zeit ihres Lebens hassen, jenen Mann aber nur noch mehr lieben. Niemand fühlt es, weshalb dies so ist, so ist's aber immer.«

»Arme Serena!«

Das glückliche Pärchen verließ die Veranda und von schöneren Gedanken beschäftigt, schritt es flüsternd die geschlängelten Gartenwege dahin.

Drinnen im Pavillon aber wälzte sich das Grafenkind auf der Erde und benetzte mit seinen Thränen den stummen Fußboden, der allein Zeuge dieses ausbrechenden Schmerzes war.

Nach einer halben Stunde erschien Serena bei Tische. Sie hatte die Toilette gewechselt und war niemals bei besserer Laune wie heute. Sie sprühte ordentlich vor Geist und Witz. Die Verwalterin wagte die Bemerkung, daß die Gräfin »etwas fühlen« müsse.

Nach Tische flüsterte Esti Serenen zu, daß es mit Adorjans Grafenwürde seine Richtigkeit habe, daß Gabor seinen Freund deshalb aber nicht verurtheile.

Serena konnte sich leicht zurechtlegen, daß er Adorjan nicht deshalb verurtheile und niemals in ihrem Leben war sie bei so heiterer Laune gewesen.

*

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