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Charles Sealsfield: Tokeah - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Sealsfield
titleTokeah
publisherHesse & Becker Verlag
editorFranz Fiedler
year
firstpub1828
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081213
projectid9fbec09f
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Siebentes Kapitel

So waren wieder zwei Tage verflossen. Der junge Mann fühlte seine Gesundheit allmählich hergestellt, des Balsams wunderbare Kraft hatte sich nun vollkommen bewährt, und er konnte bereits ohne Schmerz umherwandeln. Immer war ihm dies jedoch von der Indianerin strenge untersagt worden. Er hatte sich einigemal ins Dörfchen hinausgewagt; aber die Squaws waren ihm stets mit so unzweideutigen Beweisen feindlicher Gesinnung entgegengekommen, daß er immer umzukehren genötigt gewesen. Die Indianerin hatte ihm seine Mahle regelmäßig jeden Morgen und Abend gebracht, hatte jedoch kein Wort weiter gesprochen, und ein ruhig forschender Blick, während sie seinen Puls untersuchte, war alles gewesen, was einigermaßen nähere Teilnahme beurkundete.

Es war in der Nacht des zehnten Tages seit seiner Anwesenheit. Er hatte sich bereits auf sein Lager hingestreckt und soeben zu schlummern angefangen, als plötzlich der Widerschein heller Flammen durch die Öffnungen der Büffelhaut drang. Er sprang mit dem Ausrufe auf: »Das Dorf ist in Feuer!« stürzte zur Türe hinaus, durch die Hecken und Gebüsche der Flamme zu. Der Widerschein der Fackeln fiel auf eine ziemlich große, dem Anscheine nach niedliche Hütte. Es war die Wohnung des Miko. Soeben trat eine weibliche Gestalt aus der Türe und blieb vor derselben stehen. Sie horchte eine Weile und schien sich dann der Gegend zuwenden zu wollen, wo er sich im Gebüsche verborgen hatte. Langsam wandte sie sich jedoch der Ecke zu, von der sie eine Aussicht auf den von mehreren hundert Pechfackeln erglänzenden Wasserspiegel des Flusses hatte. Er hatte nun Gelegenheit, sie ins Auge zu fassen. Langsam und leise, Schritt für Schritt, als fürchtete er, die liebliche Erscheinung möchte zur Luftgestalt werden, näherte er sich ihr. Bloß eine Acacia Mimosa trennte ihn noch von ihr. Es war Rosa. Eine Weile stand er in Anschauung versunken, und dann trat er näher.

Der leise Fußtritt war von ihr gehört worden, sie wandte sich und schwebte auf ihn zu. »Fürchte dich nicht, Fremdling,« sprach sie in wohlklingendem Englisch, »unsere Weiber und Mädchen führen den Nachttanz auf.«

»Miß! ich bitte tausendmal um Vergebung wegen meiner Zudringlichkeit. – Sie werden vergeben, aber wirklich alles, was mir begegnet ist, ist so wunderbar.«

Das Mädchen sah ihn mit ihren klaren Augen forschend an. Ihr ängstlich werdender Blick schien beinahe fragen zu wollen, ob es auch in seinem Gehirn richtig sei, so befremdete sie die sonderbare, echt englische Anrede. Sie faßte seine Hand. »Vergeben meinem Bruder? Was soll ich dir vergeben, du hast mir nie etwas zuleide getan?«

»So täuscht mich denn meine Phantasie nicht, und was ich Traum wähnte, hat sich verwirklicht?« erwiderte er. Sie sah ihn betroffen an. »Hat mein Bruder einen Traum gehabt?«

Hatte des Mädchens ideale Schönheit und ihre leichte Feengestalt den jungen Mann in Verlegenheit gesetzt, die ihm in der Verwirrung die eben erwähnte Londoner Formel auf die Zunge brachte, so war ihre Antwort und nächste Frage eben nicht geeignet, diese Verwirrung zu mindern. Die melancholischen Töne eines Instrumentes, die sich nun hören ließen, brachen unterdessen die Unterhaltung ab. Er hörte befremdet den seltsamen, tiefen, grausen Tönen zu.

»Die Nacht ist kühl und feucht. Die Dünste ziehen mehr und mehr vom Flusse über das Wigwam. Mein Bruder darf nicht im Freien bleiben, sonst kommt das Fieber wieder; aber er kann«, fügte sie nach einer Pause hinzu, »die Mädchen in unserer Stube tanzen sehen.«

Mit diesen Worten reichte sie ihm ihre Hand, führte ihn in die Hütte und durch den Vorhang in ihr Stübchen, das ein kleines Fenster, welches auf das Ufer des Flusses sah, vollkommen erhellte. Es erfolgte nun eine Szene, die Salvator Rosas Pinsel eines der ergreifendsten Nachtstücke geliefert haben würde. – Rings um die Bucht herum, wo acht Tage zuvor das Birkenkanu gebaut worden, war eine Schar von nahe an zweihundert Mädchen, Weibern und jungen Wilden in einem weiten Ringe versammelt. Jeder und jede hielten in der einen Hand eine lange brennende Pechfackel, in der andern eine Schelle. Vier erwachsene Jungfrauen hatten ihren Platz unmittelbar auf dem erwähnten Uferkamme und spielten auf indianischen Trommeln und Flöten.

Das erste dieser Instrumente glich einem mit Klappern versehenen Tamburin. Die jungen Wilden hielten dieses Instrument hoch empor und schlugen mit kurzen, dicken Stäben darauf. Das zweite war eine Flöte mit drei Löchern, die einen ungemein tiefen, melancholischen Ton von sich gab.

Die Musik war anfangs schwach und gedämpft; obgleich kunstlos und ungeordnet, waren doch die Töne der Flöte nicht ohne Melodie und den Tönen eines Schweizer Alphorns zu vergleichen. Allmählich wurden sie in dem Maße stärker, als die Bewegungen der jüngern Squaws und Mädchen das Erwachen der Tanzleidenschaft verkündigten. Als nun die Tamburins einfielen, gab das Ganze eine zwar wilde, regellose, aber nicht unangenehme Musik. Es erhob sich jetzt eines der Mädchen, das mit den lieblichsten Gebärden sich in den Kreis wand und drehte, während aus dem gegenüberstehenden Bogen ein anderes ihr entgegenkam. Beide hatten Tamburins. Anfangs wirbelten sie im Kreise herum, sich zu den Mädchen herabbückend, und dann mit schlangenartiger Gewandtheit sich kreisend und wendend, tanzten sie in die Mitte, wandten sich einige Male im Kreise und fingen dann den eigentlichen Tanz an. Ihre Füße schienen sich nicht zu bewegen, während sie pfeilschnell nach den Schlägen des Tamburins im Kreise herumflogen, und ihre Fersen hebend sich immer und immer und immer fortbewegten, mit ihren Tamburins die graziösesten Pantomimen ausdrückend. Nichts konnte der Zartheit und dem Anmute dieser Tänzerinnen verglichen werden, die die natürlichen Leidenschaften der Wilden in so veredelter und reizender Mimik darzustellen wußten. Nachdem sie vielleicht zehn Minuten getanzt hatten, nahmen sie wieder ihre Sitze ein.

Zwei andere Mädchen folgten und führten denselben Tanz aus, doch war ihr Gebärdenspiel bei weitem nicht so sprechend, einfach und graziös, wie das der ersten. Als sie geendet hatten, trat ein Knabe mit einer Federkrone auf seinem Haupte ein. Sein Gesicht war mit den gewöhnlichen Kriegerfarben bemalt; den Schreck, den sie einzuflößen bestimmt waren, suchte er noch durch die wildesten Verzerrungen zu steigern, deren seine jugendlichen Züge fähig waren.

Ein zweiter, auf dieselbe wild phantastische Weise herausgeputzt, folgte ihm, und nun fingen beide den Kriegertanz an. Zu verschiedenen Malen warfen sie sich der ganzen Länge nach auf die Erde hin, daß man hätte glauben sollen, jeder ihrer Knochen sei aus dem Gelenke gerissen; dann krochen sie unglaublich schnell herum, krümmten ihre Schenkel, sprangen auf und fielen mit wütenden Gebärden aufeinander. Plötzlich wandten sie sich dem Halbkreise zu, wo ihre Gespielen saßen, rissen den beiden Trommelschlägern ihre Trommeln aus den Händen und waren kaum in die Mitte des Kreises zurückgesprungen, als dieser sich in zwei Hälften teilte, von denen die eine gegen die andere zu traben anfing. Squaw gegen Squaw, Mädchen gegen Mädchen, trabten einige Male vorwärts, dann rückwärts, schwenkten dann zuletzt ihre Fackeln, schüttelten ihre Schellen und rannten und trabten schneller und schneller, bis das Ganze zuletzt ein Knäuel der wildesten Verwirrung wurde.

Der grelle Widerschein von mehreren hundert Fackeln, unter dem Nebelsaume des Flusses hinabflackernd, gab diesem das Ansehen eines glühenden Höllenflusses; die alten Squaws, die mit aufgelösten Haaren und welken knochigen Gesichtern in ungeschlachten Kreuz- und Quersprüngen sich umhertrieben und mit ihren Feuerbränden mehr Kobolden als menschlichen Wesen glichen; das durchdringend gellende Geheul, das die Luft zittern machte und wieder plötzlich innehielt, um die melancholischen Töne der Flöte und die dumpfen Schläge der Trommel hervorbrechen zu lassen, gaben dem Ganzen mehr den Charakter eines Hexentanzes, als den weiblicher Wesen. Plötzlich wurde noch ein wütender Schrei, wie aus tausend Kehlen, gehört; die Fackeln versammelten sich in einen Klumpen, verloschen, und tiefe Finsternis herrschte. Und nach dem langen, schweigsamen Dahinstarren zu schließen, in welches unsern Briten dieser Auftritt versetzt hatte, schien es wirklich zweifelhaft, ob er nicht etwas Höllisches im Hintergrunde sehe. Die plötzlich eintretende Finsternis mochte nicht wenig dazu beitragen, die Sinne des jungen Menschen zu verwirren.

»Das sind ja verdammte – Bitte um Vergebung, Miß – das sind wirklich furchtbare Gestalten«, rief er aus. »Wo sind wir nur, ums Himmels willen?«

»Im Wigwam des Miko«; versetzte das Mädchen.

»Miko? Miko? Was ist dieser Miko?«

»Der Häuptling der Oconees«; lispelte sie mit bebender Stimme.

»Der Miko ist ferne,« sprach eine Stimme hinter ihnen, die die Gegenwart der Indianerin verriet, »aber wird sein Geruch nicht die Spur des Fremdlings wittern? Meine Schwester sollte nie vergessen, daß sie zugleich die Tochter des Miko und sein Gast ist.«

»Um Gottes willen!« rief diese, »mein Bruder muß gehen, er darf nicht länger in der Hütte des Miko verweilen. Wenn der Miko –.«

»Nur ein Wort, dieser Miko?«

»Mein Bruder«, sprach das Mädchen dringender, »muß wirklich gehen. Meine roten Schwestern sind sehr mißtrauisch, und ihre Augen würden sich verfinstern, wenn sie ihn mit Rosa in dem Wigwam fänden.«

»Wohl! Wohl! Ja, ja gewiß«; erwiderte der junge Mann, ihre Hand plötzlich fahren lassend. »Gute Nacht, Gott segne dich, du lieblichstes aller Wesen!«

»Gute Nacht, mein Bruder!« lispelte sie ihm nach.

Er fing den Ton ihrer Stimme auf, als er durch den Vorhang eilte. Er rannte durch die äußere Stube, durch die Türe und beinahe über die Indianerin. Himmel und Erde tanzten vor seinen Augen. Er suchte seine Hütte, sie war unsichtbar. Der silberartige Flor hatte sich über den ganzen Uferkamm hingelagert. Kein Dach, kein Haus, kein Licht war zu ersehen. Alles war in tiefe Nacht begraben. Die Dünste, die kalt und feucht von dem Strome herüberkamen, fingen an, seine Hitze zu kühlen, eine Fieberkälte begann seinen Rücken herabzurieseln.

»Mein Bruder«, sprach eine sanft melodische Stimme, während eine Hand die seinige ergriff, »ist zu viel gerannt. Will er nicht in seine Hütte zurückkehren?«

Er blickte auf und sah die Indianerin vor sich.

»Meine Schwester scheint mich sehr im Auge zu behalten«; erwiderte er nicht ohne Mißmut. Sie blickte ihn an, ohne den Sinn seiner Worte zu begreifen. »Meine Schritte zu bewachen«, fuhr er in demselben Tone fort.

»Unsere jungen Männer sind mit dem Miko auf der Jagd, Canondah ist die Tochter des großen Häuptlings«; sprach sie ernsthaft.

»Du bist also die Tochter des Indianerhäuptlings?« fragte er mit etwas mehr Interesse. Sie nickte und sprach: »Canondah hat es bereits ihrem Bruder gesagt; die Nacht ist kühl, mein Bruder muß in das Wigwam, oder mit der frischen Sonne wird er das Fieber haben.« Mit diesen Worten deutete sie vorwärts und schlüpfte voran. »Hier«, sprach sie auf die Hütte deutend, »wird mein Bruder Rast und Ruhe finden; und die Büffelhaut aufhebend, ließ sie ihn hindurch und entfernte sich eilends.

»Sie ist die Tochter des Miko, des großen Häuptlings der Oconees«; rief der Brite, den die kühle Nachtluft und die drohende Gestalt der Indianerin plötzlich aus seiner Phantasmagorie zurückgebracht hatte. »Fürwahr! würde nicht geglaubt haben, daß unsere Schildkröten- und Austernexkursion uns die Ehre so hoher Bekanntschaften zuwege bringen würde«, fuhr er lachend fort. »Wenn nur der Tom da wäre. Was würde der zu dem herrlichen Engel sagen? Wohl, wohl, Hodges, da könntest du so eine Art Roman spielen, und wenn es gut geht, von der Liste weggestrichen werden oder wenigstens für vierzehn Tage alle Sterne am Himmel abzählen. Ich möchte nur wissen, was unser alter Brummbär sagen wird?«

Der Morgen, der auf die etwas unruhige Nacht folgte, war schön und hell. Die Strahlen der Dezembersonne gossen über Dorf und Flur eine milde Wärme, die Fluß- und Hüttenbewohner neu belebte. Tausend wilde Enten, Gänse und Schwäne trieben ihr Wesen auf dem prachtvollen Strome, während Spottvögel, Paroquets und Bluebirds ihre harmonischen Töne aus den Gebüschen hören ließen. Herüber von dem Waldende hörte man den Gesang einer Schar Mädchen, die um eine kleine Herde gezähmter Büffelkühe beschäftigt waren; und etwas näher dem Strome zu war ein großes Feuer zu sehen, um das ein großer Haufe von Jungen und Mädchen sich herumtrieb. Sie verbrannten jauchzend eine lange, dicke, mit Stroh ausgefüllte Figur, deren weißes Gesicht einen Yankee vorstellen sollte und in dessen Wamse zahllose Pfeile steckten.

Aus der Hütte, in der unser Midshipman der indianischen Gastfreundschaft genoß, kam Canondah, ein Körbchen am Arme. Sie hatte sich bereits der Wohnung ihres Vaters genähert und schien eilig zu sein, als die Büffelhaut der Hütte sich öffnete und der junge Mann ihr nachgelaufen kam. Sein schneller, fester Schritt bezeugte, daß er sich beinahe gänzlich erholt habe. Das Äußere des jungen Mannes verriet jenes humoristisch waghalsige und derbe Wesen, das einen jungen Seekadetten so wohl kleidet, in dem der spaßhafte Geist des Matrosen mit dem ernsten, herrischen Wesen des Offiziers und den halb geschliffenen Manieren des Landjunkers noch immer um die Oberhand streiten. Die bleiche Jammergestalt war zum kräftigen, rotbackigen Sprossen John Bulls geworden, in dessen muntern blauen Augen sich ein gewisses behagliches Gefühl, mit viel gesundem Menschenverstand, abspiegelten, während der um sein Kinn aufgesprossene ziemlich lange Flaum und die Adlernase dem noch immer wettergebräunten Gesichte einen Ausdruck von Kraft und Männlichkeit gaben. Mit diesem anziehenden Äußern jedoch stach seine Garderobe nur zu sehr ab, die, die Wahrheit zu sagen, nichts weniger als einladend war. Zu geschweigen des Halskragens, der seit mehreren Wochen der Seife entbehrt haben mochte, war seine Jacke stellenweise durchlöchert, und ein Stück Kottontuches verbarg nur kümmerlich den Schaden, den die Zähne des Alligators an seinen Beinkleidern angerichtet hatten.

Die Indianerin hatte kaum die Fußtritte des Nahenden gehört, als sie sich umwandte und ihm freundlich entgegenging. In ihrer Miene lag nichts von jener kalten Härte, die früher an ihr sichtbar gewesen; im Gegenteil, sie war heiter und fröhlich.

»Mein Bruder«, rief sie ihm von weitem lachend zu, »hat den Schlaf eines Bären, den weder die Wasservögel, noch die schreienden Squaws aufwecken können. Die Sonne ist bereits hoch, und doch hat er seine Schwester nicht gehört.«

»Ja doch,« versicherte er, »und der beste Beweis davon ist, daß ich mich sogleich aufmachte, um den Besuch zu erwidern.«

Das Kompliment schien von dem Mädchen wieder nicht verstanden zu werden, und sie drohte ihm lächelnd mit dem Finger. »Mein Bruder spricht wieder mit einer Doppelzunge.«

»Ich bin gekommen, meiner freundlichen, guten Schwester meinen Morgengruß anzubieten,« erwiderte er, sich die Lippen beißend, »aber was die Doppelzunge betrifft, so muß ich zu meinem Leidwesen gestehen, daß ich nur die schlichte, ehrliche Zunge von meinem Altengland spreche. Mein weniges Französisch habe ich seit meinem achtzehnmonatigen Schiffsleben so ziemlich wieder vergessen.« Die unbekümmert behagliche Weise, mit der er diese Worte sprach, und das ganze Wesen des vollen, blühenden Jünglings, in dem kein Arges zu sein schien, brachten sichtlich einen günstigen Eindruck auf die Indianerin hervor. Ihre Augen hingen mit Wohlgefallen an ihm; sie sann einige Augenblicke nach, ergriff plötzlich seine Hand, und auf seine Hütte deutend, sprach sie: »Mein Bruder wird da seine Schwester erwarten.«

Sie flog dann zur Türe ihres Häuschens, stellte das Körbchen nieder und eilte zur zweiten größern Hütte, aus der sie nach einer Weile mit einem ziemlich großen Bündel kam. Mit diesem flog sie der Hütte des Briten zu.

»Meines Bruders Gürtel und Hemd sind sehr schmutzig und zerrissen«; sprach sie. »Hier wird er finden, was ihn besser kleiden wird.«

»Was ist das, liebe Schwester?« versetzte er, der sich allmählich an ihre Phraseologie gewöhnte.

»Meines Bruders Schwester wird wieder kommen, wenn er dieses mit seinen unsaubern, häßlichen Kleidern vertauscht hat«; sprach sie, durch die Türe schlüpfend.

Neugierig untersuchte er nun das Päckchen. Es war ein vollkommener Anzug mit frischer Wäsche. Ein Überrock von blauem Tuche, ganz im Schnitte britischer Seeoffiziere, Pantalons, Weste und Stiefel. Das sonderbare Geschenk war nicht geeignet, die Zweifel zu beschwichtigen oder ihn über seine Lage aufzuklären. Woher hatte die Indianerin diese Kleidung? Der Seeräuber fiel ihm von neuem ein. Durfte er, ein britischer Offizier, von dieser Kleidung Gebrauch machen? Sein Auge fiel auf seine abgetragene Garderobe, die, nur mühsam zusammenhaltend, jeden Augenblick eine furchtbare Blöße androhte. Not kennt kein Gebot. »Es ist nicht die erste Kriegslist, durch die ein ehrlicher britischer Midshipman in eines andern Stelle schlüpfte«; rief er lachend, seine Fragmente abwerfend und sein neues Kostüm mit den Kenneraugen eines Newbondstreet-Costumers prüfend.

Die Umwandlung war wirklich zu seinem Vorteile ausgefallen. Der knapp anliegende blaue Rock, die eleganten Pantalons, die lichtgelbe, echt britische Weste kleideten ihn trefflich. Mit einer Art komischen Abscheus stieß er die Reste seines vormaligen äußern Menschen zur Türe oder vielmehr zur Büffelhaut hinaus, um sie im nahe gelegenen Gebüsche jedem menschlichen Auge zu entziehen.

Mitten in dieser Beschäftigung überraschte ihn Canondah. Einen Augenblick hing ihr Auge an dem wohlgebildeten, nun wirklich schönen Jünglinge, und dann ergriff sie lächelnd seine Hand, ihn rasch mit sich fortziehend. Vor der Türe ihrer Hütte angelangt, winkte sie ihm bedeutsam, schlüpfte dann in die Stube und kehrte Hand in Hand mit Rosen zurück und flog hernach dem brennenden Scheiterhaufen zu.

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