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Charles Sealsfield: Tokeah - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Sealsfield
titleTokeah
publisherHesse & Becker Verlag
editorFranz Fiedler
year
firstpub1828
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081213
projectid9fbec09f
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Viertes Kapitel

Nicht fern von dem Schauplatze des soeben erzählten Abenteuers öffnete sich eine weite Lichtung, die etwa drei Meilen längs dem Ufer sich erstreckend, eine halbe Meile vom Flusse gegen den Wald zulief. Diese Lichtung war Palmettofeld gewesen, das, wie bereits erwähnt, sich längs dem rechten Ufer des Flusses ungefähr eine halbe Meile gegen den Wald hinziehend, von den kolossalen Stämmen dieser Urwälder gleich einem Rahmen eingefaßt wird. Augenscheinlich hatte man diese Lichtung durch Verbrennen des Rohres bewirkt, an dessen Stelle ein Teppich des üppigsten Wiesengrundes mit prachtvollen Baumgruppen getreten war, zwischen welchen irreguläre Hecken von Myrten, Mangroven, Palmen und Tulpenbäumen sich hindurchschlängelten, das Ganze einem Parke mit seinen Baumgruppen und Pflanzungen ähnelnd. Hie und da ließen sich Rauchwölkchen sehen, die sich durch die silbergrünlichen Äste der Sykomore und Kottonbäume hinaufschlängelten und auf das Dasein menschlicher Wesen schließen ließen, und bei näherer Besichtigung fand man unter den Baumgruppen eine oder mehrere Hütten friedlich an einen Baum gelehnt und von kleinen Welschkorn- und Tabakpflanzungen eingesäumt. Weiter hinauf nahm ihre Anzahl allmählich zu, so daß ihrer nicht weniger denn fünfzig sein mochten.

Es war keine besondere Ordnung in ihrer Aufstellung oder Bauart bemerklich. Man schien bei ihrer Errichtung weniger den Geschmack als einen gewissen Hang zur Indolenz berücksichtigt und sich beim Aufbau nichts weniger als hart angestrengt zu haben. Man hatte sich die einfachsten Baumaterialien genügen lassen, roh, wie sie die Natur darbietet. Sie waren aus den kleinen Ästen von Kottonbäumen gezimmert und aufgerichtet, die Lücken ausgefüllt mit Tillandsea oder spanischem Moose. Statt der Dachdauben, mit denen westlich von dem Alleghaniegebirge häufig die Wohnungen ärmerer Landleute gedeckt sind, hatte man hier das Palmettorohr genommen: eine Wahl, die dem Ganzen einen ungemein zarten Anstrich von Ländlichkeit und Einfachheit gab. Die Wohnungen selbst waren größtenteils ohne Fenster und erhielten ihr Licht durch die Kaminöffnung oder die Türe, statt welcher eine Wildbüffelhaut vom Türpfosten herabhing, die während des Tages auf das niedrige Dach zurückgeworfen wurde. Der Hauptreiz dieses Dörfchens lag jedoch nicht sowohl in seiner Bauart, als den vielen Baumgruppen, unter welchen die niedlichen Hütten zu nisten schienen: eine Maßregel, die wahrscheinlich die große Hitze während der Sommermonate in einer Gegend nötig machte, die bekanntlich der Scheidepunkt zwischen der nördlichen und südlichen Hälfte der westlichen Welt bildet. Die außerordentliche Reinlichkeit des Dörfchens war nicht weniger bemerkenswert und trug viel dazu bei, den günstigen Eindruck zu vermehren. Es war wirklich ein liebliches Plätzchen, wie noch aus seinen Ruinen zu ersehen ist. Der Wasserspiegel des Natchez, der hier gewaltig der See zuschwillt, der Rahmen von dunkeln Zypressen und Mangroven, mit denen beide Ufer eingefaßt und deren kolossale Schatten sich auf dem Wasser vertausendfachen, die zahlreichen Baumgruppen, unter denen die Wohnungen gleich so vielen Einsiedeleien hingezaubert, und endlich der breite Gürtel selbst, begrenzt auf beiden Seiten durch die prachtvoll wogenden Palmettofelder, auf der dritten durch einen Wall riesiger Urbäume, gaben dem Ganzen einen Anstrich entzückender Abgeschiedenheit.

Die Bewohner dieses abgeschiedenen Fleckchens dürften vielleicht, mit einigen Ausnahmen, weniger reizend, im ganzen genommen jedoch kaum minder interessant gewesen sein. Vor den äußersten Hütten war eine Gruppe glänzend dunkelfarbiger Wesen zu ersehen, die man auf den ersten Anblick ohne Zweifel für eine Herde Affen gehalten haben würde, so drollig waren ihre Bewegungen. Bald hüpften sie über Hecken und Stauden, gleich einer Herde dieser Tiere, wanden sich dann gleich Schlangen und rollten den Abhang zum Flusse hinab, mit einer Behendigkeit und Schwungkraft, der kein menschliches Auge zu folgen schnell genug gewesen wäre. Weiter ins Dörfchen hinein sah man Züge von erwachseneren Jungen in ihren kriegerischen Übungen begriffen. Sie stellten den Spähertanz dar. Während eine Anzahl auf dem Rasen gleich einem Schlangenknäuel fortkroch, hatten sich andere in weiter Ferne in horchender Stellung zur Erde geworfen, die, ihre Köpfe tief in den Boden eingedrückt, lauschend auf die Bewegungen ihrer Gegner, denen sie sich windend zuletzt näherten, plötzlich aufsprangen und über sie herfielen. Als dieses kriegerische und die Sinne äußerst schärfende Spiel einige Male wiederholt worden war, formten sie sich in die sogenannte indianische Reihe und rückten zum wirklichen Kampfe mit drohenden Gebärden aufeinander los. Ihre stumpfen hölzernen Tomahawks schwingend und schreckliche Hiebe einander zumessend, bewegten sie sich, flohen, prallten an, krümmten sich unter den Hieben oder wichen ihnen aus mit den plumpesten, ungeschlachtesten und hinwieder graziösesten Wendungen.

Nicht die mindeste Neugierde oder Teilnahme der übrigen Bewohner des Dörfchens. Die größte Apathie und die größte Kraftäußerung bildeten hier durch ihre Ungezwungenheit nur um so größere Kontraste. Vor den offenen Hütten saßen einige Squaws mit ihren Töchtern, Welschkorn aushülsend, Hanf brechend oder Tabakpflanzen schichtend; die Kinder hingen an den Außenwänden auf einem langen, hohlen, trogartigen Brettchen oder einer Rinde ausgestreckt, ihre Hände und Füße mit Wildbüffelriemen an das hohle Brett geschnallt, mit keiner andern Bekleidung als einem Streifen Kaliko um die Hüften: die gewöhnliche Art dieser Indianer, ihre Kinder das ganze Leben hindurch in der aufrechten Stellung zu erhalten, die sie und ihre Besieger so sehr charakterisiert.

Nicht ferne vom obern Ende der Niederlassung standen zwei größere Hütten, die man auf den ersten Anblick für hölzerne Schulgebäude oder religiöse Versammlungsplätze in unsern Hinterwäldern hätte nehmen können.

Beide waren gleich den übrigen an Sykomorebäume gelehnt, zeichneten sich jedoch sowohl durch ihren großem Umfang, als ihre gesuchtere Bauart aus und waren von Lauben von Palmen und Mangroven umgeben, mit ziemlich großen Rasenplätzen vor den Türen. Vor einem dieser kleineren Häuser und mitten auf dem freien Rasenplätze kauerte eine Gruppe von etwa fünfzig Männern am Boden, in dichte Rauchwolken gehüllt, die Tabakspfeifen von drei bis fünf Fuß Länge entstiegen, mit denen alle versehen waren. Ihre Kleidung bestand in einem Jagdhemde von Kaliko, das, vorn offen, die nackte Brust bis zum Wampumgürtel sehen ließ. Ihre Lendenhemden, am Wampumgürtel befestigt, reichten bis an die Knie und an einem Riemen, der quer über die Schultern hing, war ihr Tabaksbeutel befestigt. Sie trugen ihr volles Haar, und keiner hatte den sogenannten Skalpierzopf. Obgleich die Versammlung bloß zufällig und die Unterhaltung mehr eine vertrauliche schien, so hatten die Männer doch augenscheinlich ihre Plätze nach ihrem Range eingenommen. Der innere Halbzirkel nämlich war von den Ältern besetzt, während die Jüngern einen zweiten und dritten Halbkreis bildeten. In der Mitte dieses Bogens saß ein alter Mann, auf den die Blicke der Versammlung mit einem besondern Ausdruck von Vertrauen und Ehrfurcht gerichtet waren und dessen merkwürdiges Äußere, verbunden mit dieser ausgezeichneten Achtung, das Oberhaupt des Völkchens andeutete.

Es ließ sich nicht leicht etwas Interessanteres denken als diesen Mann, dessen Körper aus nichts als Haut und Knochen zu bestehen schien. Alle fleischigen, gröbern Teile waren aufgetrocknet und nichts war übriggelassen als Sehnen und Adern. Sein offenes Jagdhemde ließ eine Brust erblicken, die, viel breiter als die der übrigen, einem verhackten Brette glich und ein gräßliches Hautrelief von Narben und Wunden darbot. Auf dem Gesichte ruhte finsterer, stoischer Ernst, mit einem Ausdrucke von Resignation, der seinen stolzen vertrockneten Zügen ein seltsames Gepräge schwerer Kämpfe und furchtbarer Seelenleiden gab. Sieben Jahre von Verbannung und der Sturz seines Stammes hatten diese Veränderung im Miko der Oconees hervorgebracht. Sein Haupt war auf die Brust gesunken, und er saß vertieft in Gedanken.

»So hat denn unser Volk abermals eine Hälfte seines Landes verloren«, sprach ein alter Indianer, der im inneren Halbzirkel saß, mit einer Betonung, die zwischen Frage und Bemerkung die Mitte halten sollte.

Der alte Mann, den wir soeben beschrieben, hielt eine Weile inne und sprach dann, ohne seine Stellung zu verändern, im tiefen Kehlentone und mit einer Würde, die jeden Zweifel zu verbieten schien.

»Ein Elk kann dreimal über unseres Volkes Land zwischen Sonnenauf- und Untergang jagen.«

Dem Indianer, der die Frage getan, entfuhr ein tiefes Klaggestöhn; dann griff er in den Tabaksbeutel, nahm einige Blätter zwischen die Finger und den Daumen und schnitt sie in kleine Teilchen, die er in die flache Hand fallen ließ, einigemal mit der andern rieb und dann in seine Pfeife stopfte. Er zündete diese sofort mittelst eines Schwammes an, setzte sie auf die Erde und hüllte sich in eine Rauchwolke.

»Und der heilige Grund wurde gefärbt mit dem Blute der roten Männer?« fragte ein zweiter.

»Der Gräber der Erschlagenen sind zwanzigmal mehr, als der Männer der Oconees, die nun mein Auge sieht«, erwiderte der Miko in demselben Trauertone. »Ihre Leichname lagen auf der Erde gleich den Blättern der Bäume, und die langen Messer und die Gewehre der Weißen waren tief in ihr Blut getaucht. Nie werden die Creeks imstande sein, die Tomahawks aus dem Grunde zu graben. Aber«, fuhr er fort, sein Antlitz erhebend, dessen Züge einen besonderen Ausdruck annahmen, während seine schwarzen, feurigen Augen Blitze schossen, »Tokeah hat es seinen Brüdern vorausgesagt, als er vor sieben und vor siebenmal sieben Sommern zu ihnen gesprochen. Seht, das waren seine Worte: Der weißen Männer sind nur wenige, ihre Stärke ist die der Weinrebe, die sich um unsre Bäume windet. Ein einziger gut treffender Hieb des Tomahawks, und die schwache Ranke ist vom Baume gehauen, und er ist befreit von der wuchernden Schlingpflanze. Laßt sie aber nur zehn Jahre wachsen, so wird sie ihre Sprößlinge um die Bäume winden, mit ihren verräterischen Armen sie umschlingen und sie langsam töten. Seht in diesen Reben den weißen Mann; schwach ist er gekommen, schwach war er noch, als Tokeah zuerst seinen Tomahawk geschwungen; aber er hat sich seitdem gewunden und gekrümmt wie die Rebe, und wie die Rebe hat er sich über unsre Wälder und Täler verbreitet und zahlreich wie die Reben sind die Weißen geworden und werden, so wie diese unsre Bäume, uns ersticken mit ihrem Feuerwasser und uns ertöten mit ihren langen Messern und aufessen mit ihrem nimmersatten Hunger. Und alles Korn unsrer Felder und Wild unsrer Wälder wird nicht zureichen für ihre ewig leeren Magen, und der rote Mann wird weichen müssen vor ihnen. Es ist geschehen«, sprach der alte Mann mit feierlicher Stimme. »Nochmals hat sie der Miko vor sieben Sommern gewarnt. Es war seine letzte Warnung. Damals hat er seine Boten zum großen Tecumseh gesandt, das Band der Einigung zwischen beiden Völkern wieder anzuknüpfen. Seine Boten haben die Pfeife des Friedens mit dem großen Häuptling geraucht, und er hat versprochen loszuschlagen, wenn die Muscogees das Kriegsgeschrei erheben würden. Aber unsre Brüder unter den Muscogees haben ihre Augen und Ohren vor dem Miko verschlossen und Tokeah als einen betrachtet, der damit umging, den Samen der Zwietracht zwischen seinen Brüdern und den Weißen zu säen. Ja!« sprach er mit Würde nach einer kurzen Pause. – »Tokeah hat gesucht, diesen Samen der Zwietracht zu säen, er hat sich bemüht, die verräterische Freundschaftskette zu brechen, welche die Roten mit den Weißen nicht verband, sondern sie fesselte an diese. Ja, er wollte den Samen der Zwietracht säen, auf daß die Saat seine und ihre Feinde vertilge, sie vertilgt für immer von dem Lande unsrer Vorfahren, auf dem wir nun heimatlose Flüchtlinge sind. Aber die Muscogees wähnten im Miko einen Verräter zu sehen, und die falsche Zunge seiner Brüder, die das Feuerwasser der Yankees und Korallen mehr liebt, als die Freiheit, hat seine Reden dem weißen Vater verraten, und Tokeah hatte das Land seiner Vater zu meiden, wollte er nicht den Feinden seines Geschlechtes ausgeliefert werden. Der große Geist hat die roten Männer verblendet, so daß sie ihre wahren Brüder nicht mehr erkennen konnten und im Miko der Oconees ihren Feind sahen. Sie haben zugegeben, daß die Yankees sich über das ganze Land verbreitet, und, nachdem sie zahlreicher geworden als der Büffel auf den Fluren der großen Cumanchees, haben sie, die Toren, das Kriegsgeschrei erhoben, und wurden – geschlagen und vernichtet.«

Ein dumpfes Stöhnen erhob sich in der Versammlung und dauerte eine geraume Weile. Der Sprecher fuhr fort.

»Ihre bleichenden Gebeine sind nun mit Erde bedeckt, und ihr Blut ist vom Regen weggewaschen; aber ihr Land ist von ihnen genommen, auf ihren Flüssen schwimmen nicht mehr ihre Kanus. Die Rosse der Weißen laufen nun auf breiten Pfaden durch ihre Wälder, die angefüllt sind mit Krämern und absterben durch ihre verwüstenden Hände. Was ihre Kugeln und ihre langen Messer übriggelassen, wird ihre gekrümmte Zunge, ihr Feuerwasser vollends aufreiben. Tokeah hat ihn gesehen, den heiligen Grund, er hat sie gesehen, die verbrannten, zerstörten Dörfer seines Volkes, er hat also gesehen seine Brüder, sie gesehen, wie sie vor den Häusern mit gemalten Schildern lagen, Schweinen gleich, ihre Gewehre und Tomahawks mit Kot besudelt, sie selbst die Zielscheibe der Verachtung und Beschimpfung der schwarzen Sklaven.«

Die letzten Worte hatte er mit einer beinahe schmerzlichen Wut mehr herausgestoßen als ausgesprochen. Ein dumpfes Geheul entfuhr der Versammlung. Der alte Mann fuhr fort:

»Durch die Wälder, in denen Tokeah als Häuptling, als ein mächtiger Miko gejagt, hat er gleich einem Diebe im Dunkeln schleichen müssen, wenn die Sonne hinter den Bergen war. Sein Volk, die Blüte des roten Geschlechtes, hat er im Unflate, in Pfützen sich wälzen gesehen.« Als er diese Worte gesprochen, fiel sein Haupt wieder in seine beiden Hände, und eine lange Pause erfolgte.

»Und hat der große Miko nicht zu seinen Brüdern geredet?« fragte der zweite Indianer. Der Häuptling erhob sein Antlitz und betrachtete den Sprecher einige Augenblicke mit einem würdevollen Ausdrucke.

»Hat mein Bruder vergessen,« sprach er endlich, »daß unsre roten Brüder jenseits des großen Flusses selbst das Band zerrissen haben, welches Tokeah und seine Männer an sie knüpfte, und daß sie ihn und die Seinigen verrieten und sie zwangen, dem Lande ihrer Väter den Rücken zu wenden? Nur ein Tor wird zweimal sprechen. Seine Brüder haben ihre Ohren verschlossen vor sieben Sommern, als es noch Zeit war, einen Schlag zu tun; und nun hat der Miko seinen Mund verschlossen. Seine Zunge war gebunden, als er das Grab seiner Väter zum letzten Male sah; denn sein Herz war mit seinen treuen Männern. Aber nicht lange, und die Muscogees werden von den Weißen aus ihrem noch übriggebliebenen Besitze getrieben werden, so wie sie die Hirsche und Elke über den großen Fluß getrieben. Sie werden kommen, um ihre Wigwams auf dieser Seite des großen Flusses aufzuschlagen; dann wird Tokeah seine geöffnete Hand ausstrecken, um sie zu empfangen. Sein Wigwam wird für sie bereitstehen. Seine Männer haben Fülle von Wild und Korn, und ihre Mädchen wissen Jagdhemden zu weben. Er wird teilen mit den Ankommenden, was er besitzt, und dann wird die gebrochene Kette des Verbandes wieder geschlossen werden.«

Der laute achtungsvolle Zuruf, mit dem die Worte des Sprechers aufgenommen wurden, schien eine schmerzliche Wirkung auf ihn hervorzubringen; ohne ein Wort zu erwidern, neigte er sein Haupt auf seine Brust und versank wieder in tiefes Sinnen.

Die Sonne sank nun in einer Flut von Glorie den westlichen Rücken des Natchez hinab, der breite Gürtel des östlichen schimmerte noch in tausend prachtvollen Tinten. Allmählich schmolzen die gold- und purpurfarbenen Gipfel der Bäume in graues Helldunkel, der silberne Wasserspiegel des grauen Natchez dämmerte ins Dunkelblaue – die Natur schien sich zur Rast begeben zu wollen – ruhig, friedlich, prachtvoll. Der Miko warf einen letzten Blick auf die zitternd zaudernden Strahlen, als sie ermattend ineinander verschmolzen; allmählich zogen sich seine Schenkel aus ihrer kreuzweisen Verschlingung voneinander, und die Fersen auf den Boden stemmend, erhob er sich langsam ohne Anstrengung und ohne seine Hände zu gebrauchen. Sein Aufstehen war das Zeichen des allgemeinen Aufbruches. Alle erhoben sich auf dieselbe Weise, und es schien einen Augenblick, als wenn sie aus der Erde gewachsen wären.

Der Häuptling schritt nun auf das hinter der Laube stehende Häuschen zu. Nachdem er eingetreten, schloß er die Tür hinter sich. Das Innere bestand aus zwei Stübchen, die voneinander durch einen Teppichvorhang getrennt waren. Der Fußboden und die Wände waren mit Matten überzogen. Längs den Wänden lief ein niedriger Sitz, einem Diwan nicht unähnlich, und ganz mit spanischem Moose ausgefüllt und gleichfalls mit einer Matte überzogen. Zunächst der einen Wand stand eine längliche Tafel von einfacher, kunstloser Arbeit. Auf derselben Seite hing ein Karabiner von amerikanischer Arbeit und daneben ein zweiter sehr schön gearbeiteter, doppelläufiger Stutzen und eine Jagdflinte. Gegenüber waren indianische Waffen in zierlicher Ordnung gereiht: Köcher von Damhirsch- und Alligatorfellen, Bogen, Schlachtmesser und Tomahawks. In der Mitte war eine ziemlich große, kunstreich verzierte Tasche zu sehen, die, einer Jagdtasche nicht unähnlich und auf Wampumart reichlich gewirkt, wahrscheinlich die mysteriöse Medizin des Häuptlings enthielt, die bekanntlich von Vater auf Sohn übergeht, und welcher der amerikanische Wilde, als Symbol der Gewalt, ebensoviele Ehrfurcht bezeugt, als die europäischen Völker den Zeptern, Tiaren und Kronen ihrer geistlichen und weltlichen Herrscher vor alters erwiesen. Die Dämmerung, kurz in diesen Gegenden, war bereits in Dunkelheit übergegangen, als zwei weibliche Gestalten in die Stube traten.

»Meine Töchter sind lange ausgeblieben«, sprach der alte Mann, der sich auf dem erwähnten Tillandseasitze niedergelassen hatte, seinen Kopf in beiden Händen ruhend.

»Sie haben die Trauben gesammelt, die Vater so sehr liebt«, erwiderte eines der Mädchen.

Canondah, die mit Rosa zurückgekehrt war, nahm nun ein irdenes Geschirr, füllte es mit Trauben und setzte es mit zwei andern, deren eines getrocknete Hirschschinken und das andere geröstete Maiskörner enthielt, vor ihren Vater. Sie goß dann eine Flüssigkeit aus einem irdenen Kruge in einen Becher und reichte diesen gleichfalls dem alten Mann, der, nachdem er einen Zug getan, ihn wieder zurückstellte, hierauf einige Stücke vom Hirschschinken schnitt und eine Handvoll gerösteten Kornes nahm. Sein Mahl war ebenso schnell geendigt, als die Vorbereitungen dazu kurz waren, und in wenigen Minuten räumte Canondah die Tafel.

»Sind meine Kinder nicht hungrig?« fragte er seine mit Wegtragung der Gerichte beschäftigte Tochter.

»Sie haben von den Trauben gegessen.«

»Gut!« versetzte der alte Mann und legte sein Haupt wieder in seine vorige Stellung. Das Mädchen hatte kaum diese Bewegung bemerkt, als sie vorwärts glitt, und, vor dem Häuptling niedersinkend, ihre Hände auf ihrem Busen faltete. Er hatte die seinigen auf ihre Schultern gelegt, gleichsam als segnete er sie. So wie sie die Berührung fühlte, brach sie in eine Art melodischen Sumsens aus, das dem Tone entfernter Blasinstrumente nicht unähnlich war. Allmählich jedoch wurde ihre Stimme lauter und stärker, wirbelnd ging sie in die wilden leidenschaftlichen Töne ihres Volksstammes über und wieder in die sanftern der weiblichen Brust. Als sie eine Weile in ihrem improvisierenden Gesang fortgefahren, schien sich ihre Begeisterung dem alten Manne mitzuteilen. Er beugte sich herab zur Sängerin, und seine Stimme vereinte sich mit der ihrigen in den gewöhnlichen tiefen indianischen Kehlentönen. Plötzlich hielt sie inne und fragte singend in den melodischsten Tönen nach der Ursache der Schwermut ihres Vaters.

»Warum«, sang sie, »ist der Blick des Miko der Oconees trübe, sein Angesicht verfinstert? Er ist ferne von den Gräbern seiner Väter, aber der große Geist ihm nahe; seine Wolken schwimmen beschützend über seinem Haupte, ihn verbergend seinen Feinden, auf daß sie ihn nicht sehen mögen, bis er erstehen wird in seinem gerechten Zorne.« Und sie brach aus in eine melancholische, wild prachtvolle Phantasie, besingend die Großtaten der Mikos der Oconees auf dem Kriegspfade und auf der Jagd; dann sang sie den Ruhm ihres Vaters, seine Wunden und Taten, malte die Schlachten, die er gegen die Tscherokesen und die Weißen geliefert, die Gefahren seines Zugs über den großen Fluß, seine kindliche Frömmigkeit, die ihn nicht ruhen ließ, bis er wieder die Gräber seiner Väter gesehen hatte, und ihren Ton herabstimmend, rief sie den großen Geist an, seinen Pfad von Dornen auf der bevorstehenden Jagd freizuhalten.

Es war nicht ein eigentlicher Gesang, sondern vielmehr eine Improvisation; aber die reiche Melodie und die außerordentliche Biegsamkeit ihrer Stimme, die von den tiefsten Tönen zu den höchsten hinaufwirbelte und wieder das seufzende Lüftchen oder den heulenden Sturm nachahmte, und zuletzt gleich einer begeisterten Seherin Trost wie aus höheren Sphären sprach – alles dies gab ihrem Gesange eine unbeschreibliche Wirkung.

»Meine Tochter«, sprach der alte Mann, »hat vergessest, zum Lobe des großen Häuptlings der Cumanchees zu singen.«

»Sie will ihre Töne in sein Ohr wispern, wenn er im Wigwam ihres Vaters sein wird«, erwiderte sie. »Gut!« war die Antwort.

»Und hat die weiße Rosa keine Zunge, den Gesang der Oconees zu singen?« fuhr er nach einer kleinen Pause fort. Canondah wandte sich und fühlte mit ihrer Hand. Keine Rosa war da. Sie stand auf, suchte herum in der dunkeln Stube, die weiße Rosa war nicht zugegen.

»Sie ist unter dem großen Baume«, sagte sie, indem sie sich langsam, und wie es schien, mit einem schweren Herzen anschickte, sie aufzusuchen.

Als Rosa mit Canondah ins Zimmer getreten war, zog sie sich zum Vorhange zurück, der beide Stübchen voneinander trennte. Da blieb sie ängstlich harrend eine Weile stehen, wahrscheinlich in der Hoffnung, der Häuptling würde sogleich nach seinem Mahle sich zur Ruhe begeben.

Als Canondah jedoch sich vor ihm niederließ und in die wohlbekannten Töne des Nachtgesanges ausbrach, schien sie ihre ganze Besonnenheit zu verlieren. Sie schwankte vorwärts, rannte zurück – sie zitterte und bebte. Endlich eilte sie rasch durch die Türe in das zweite Stübchen, legte ihr Seidenkleid ab und warf sich in ein leichtes Kalikoröckchen, nahm dann eine Wolldecke, warf sie über einen Korb und stahl sich ins erste Gemach. Zitternd war sie an der Schwelle angelangt, bebend hatte sie diese überschritten. Ihre Brust schlug laut, ihre Knie schlotterten, als sie sich der Wand näherte und die mysteriöse Tasche berührte und endlich durch die Dunkelheit bis zur Türe forttappte.

Die Bewohner des Dörfchens waren bereits in tiefen Schlaf begraben, die Gipfel der Bäume glänzten im silbernen Mondlichte gleich Riesengestalten, während die Nachtdünste von dem nahen Wasserspiegel, ähnlich den Geistern der Vorwelt, in ungeheure Leichentücher gehüllt, über die Hütten wellenförmig sich fortbewegten. Nicht eine menschliche Gestalt war zu sehen. Das Mädchen hielt eine Weile inne und eilte dann rasch, gleich einem erschrockenen Damhirsche vorwärts, dem Pfade zu, der längs der Niederlassung dem Walde zuführte. Keuchend und erschöpft war sie mit ihrer Bürde vor der Baumhöhle angekommen. Da hielt sie inne für einen Augenblick, sah sich furchtsam um, ob sie gesehen würde, näherte sich der Öffnung und zog sich wieder zurück. Der Fremde ist kalt und krank und hungrig, wisperte sie sinnend. Und mit einem Satze war sie über einen der Blöcke. Der Verwundete schlief. Sie kauerte sich zu ihm herab und streifte das Moos ab, mit dem er bedeckt war. Das Blut floß noch immer in großen Tropfen und hing in geronnenen Klümpchen am seidenen Tuche. Sie löste es behutsam ab, befühlte die Wunde und goß eine flüssige Substanz hinein. Ein Schmerzensschrei entfuhr dem Fremden.

»Stille, ums Himmels willen stille!« bat das Mädchen. »Es ist Balsam, und Balsam aus der Medizintasche des großen Miko. Er wird deine Wunde heilen. Aber die Bäume haben Ohren und der Wind bläst von unten herauf. Ich bin es, Canondah ist es«, wisperte sie mit einer Stimme, deren Zittern sie Lügen strafte.

»Es ist Canondah«, wiederholte sie, indem sie noch einige Tropfen Balsams in seine Wunden goß, sie dann mit Bandagen umwand und endlich verband. »Hier«, flüsterte sie, »ist der Saft von Trauben. Hier ist gebratenes Fleisch von unsern Wasservögeln und Wildbret. Und dies wird dich warm halten«, fuhr sie fort, ihn in die Wolldecke hüllend. Noch einmal wandte sie sich, als sie am Ausgange stand und dann kletterte sie wieder zurück über den Stamm und floh ihrer Wohnung zu. Je näher sie der Hütte kam, desto langsamer, schwankender wurden ihre Schritte. Als sie in die Laube trat, suchte ihr Auge die Gestalt Canondahs.

»Rosa«, murmelte die Indianerin. »Was hast du getan? Der Miko hat nach dir gefragt?«

»Hier«, erwiderte das Mädchen, ihr atemlos die Phiole reichend.

»Komm!« sagte die erstere, und sie bei der Hand fassend, traten beide in die Stube.

»Die weiße Rosa hat das Blut von ihren Wangen verloren; seit den letzten zwei Monden sind ihre Augen mit Wasser gefüllt. Der Häuptling der Salzsee wird sie trocknen«, sprach der alte Mann.

Ein tiefer Seufzer entstieg der Brust des Mädchens. Sie begann zu schluchzen und laut zu weinen.

»Die weiße Rosa«, fuhr der Miko kalt und ruhig fort, »wird das Weib eines großen Kriegers sein, der ihr Wigwam mit der Beute seiner Feinde füllen wird. Ihre Hände werden nie arbeiten dürfen, und sie wird von allen Squaws beneidet sein.« Und mit diesen Worten streckte er seine Schenkel auf die Bank, hüllte sich in seine Wolldecke und legte sich zur Ruhe. Canondah ergriff Rosas Hand, und sie sanft mit sich in das zweite Gemach ziehend, führte sie sie gleichfalls ihrem ländlichen Diwan zu und drückte sie sanft auf diesen nieder.

Rosa legte sich schweigend, aber vergeblich bemühte sie sich, ihre Augen zu schließen. Die blasse, sterbende Gestalt des Fremden stand vor ihrem Blicke und raubte ihr Ruhe und Rast. Eine Stunde verging nach der andern, und sie war noch immer wach. Endlich ließ sich ein Geräusch in der Vorderstube hören, das andeutete, daß der Miko bereits aufgestanden war.

Canondah sprang vom Lager, näherte sich Rosen, bog sich über das Mädchen, legte ihren Zeigefinger auf ihre Lippen und eilte in ihres Vaters Stube. Der Häuptling war mit Anstalten zu einem weiten Ausfluge beschäftigt, der großen Herbstjagd nämlich, die bei diesen Stämmen mehrere Wochen und selbst Monate dauert und sich über Landstrecken von Hunderten von Meilen ausdehnt. Seine Vorbereitungen waren bald getroffen. Er nahm einen großen Beutel, mit Tabak gefüllt, einen andern mit Blei, legte beide sorgfältig in seine Jagdtasche und hing diese über seine Schulter. Hierauf steckte er sein Schlachtmesser in seinen Gürtel und nahm den doppelläufigen Stutzen. Ein junger Indianer trat herein, dem er Bogen, Pfeile und einen Sack, mit Lebensmitteln gefüllt, übergeben ließ. Seine Tochter hatte dies schweigend getan. Sie stand nun mit gefalteten Händen und erwartete die Befehle ihres Vaters. Dieser legte seine flache Rechte auf ihre Stirne, blickte ihr eine Weile teilnehmend ruhig ins Gesicht – dann schienen seine Züge sich zu mildern, die Augen von Vater und Tochter begegneten sich, und gleichsam als ob sie sich verständigt hätten, wandte sich ersterer der Türe zu.

An fünfzig Männer waren bereits vor der Hütte versammelt, vollkommen gerüstet und bewaffnet. Still und schweigend waren sie gekommen; kein Laut, kein Fußtritt war zu vernehmen gewesen. Kaum war ihr Häuptling in ihrer Mitte, als sie eben so still sich ihm anschlossen und mit einer Heimlichkeit der Uferbank zueilten, die im Zwielichte beinahe Grauen erregte.

Die Tochter hatte ihren Vater nicht weiter als bis zur Türe begleitet, wo der Wink des letztern sie stillstehen hieß. Horchend stand sie eine Weile, bis der leise Wasserschlag der Ruderer gehört wurde; dann schloß sie die Türe und eilte ins innere Gemach.

»Sie sind gegangen«, sagte sie.

»Dann laß uns zum Fremden eilen«, erwiderte Rosa.

»Die weiße Rosa«, sprach die Indianerin im milden, aber ernsten Tone, »muß schlafen, sonst wird ihr blasses Gesicht verraten, was in ihrem Busen begraben ist. Meine roten Schwestern sind fein und verschlagen, ihre Augen weit offen. Sie würden die Spuren leicht finden, die wir gestern im Rohrfelde gelassen haben. Ein Mädchen könnte nun den Miko einholen. Canondah will nach dem Fremden sehen; aber ihre Schwester muß ausruhen.« Sie preßte ihre Freundin sanft auf das Lager und verschwand hinter dem Vorhange.

War es die ruhige, milde Sprache der Indianerin, deren Treue und schwesterliche Liebe ihr wohl bekannt sein mochte, oder Müdigkeit? Rosa fiel nach wenigen Minuten in einen tiefen Schlaf.

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