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Charles Sealsfield: Tokeah - Kapitel 43
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Sealsfield
titleTokeah
publisherHesse & Becker Verlag
editorFranz Fiedler
year
firstpub1828
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081213
projectid9fbec09f
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Einundvierzigstes Kapitel

Das Rollen der Trommeln verkündete am folgenden Morgen das Zusammentreten der Mannschaft, als die Indianer durch die dichten Reihen der Milizen dem Gasthofe zugeführt wurden, wo der Obergeneral sein Absteigequartier genommen hatte. Im Korridor, der zu dem Saale führte, stand ein zahlreiches Offizierkorps in glänzend reichen Uniformen, welches die soeben aus dem Saale kommenden britischen Offiziere freundlich begrüßte. »Die Indianer,« rief eine Stimme, »Indianer vor!« Sie traten ein.

Soeben erhob sich ein langer, hagerer, aber kraftvoll gebauter, ältlicher Mann von einem Armsessel, auf dessen einer Lehne sich ein Kissen befand, auf dem sein linker, in einer Schlinge getragener Arm geruht hatte. Seine Züge waren scharf gezeichnet, stark hervortretend und deuteten auf feste, unerschütterliche Ruhe. Das kühne blaue Auge, in tiefen Augenhöhlen funkelnd, verriet ein Feuer, das weder Alter noch körperliche Leiden geschwächt hatten. Sein Gang war langsam, aber würdevoll. Er trug die Generalsuniform des höchsten Grades in den Staaten, unter einem braunen Überröcke. Säbel und Federhut lagen auf einem Seitentische. Sein scharfer Blick fiel, als die Indianer eintraten, auf jeden einzelnen mit einem Ausdrucke, der die Wilden zu durchschauen schien. – Nach einer kurzen Pause ließ er sich wieder auf den Armsessel nieder und nickte den Indianern, Platz zu nehmen.

»Tokeah!« sprach der Major Copeland. »Ihr steht vor dem kommandierenden General, dem großen Krieger, der die Muscogees und die Söhne des großen Vaters der Kanadas in vielen und großen Schlachten geschlagen hat, dem Bevollmächtigten des großen Vaters der roten Männer.«

Die Indianer sahen nach dieser etwas pompösen, aber hier ganz zweckmäßigen Aufführung den General betroffen an, und ihr Haupt neigend, streckten sie die Palmen ihrer Hände vor.

»Tokeah, der letzte Miko der Oconees,« sprach dieser, »ist mit seinem Sohne El Sol, dem mächtigen Häuptlinge der Cumanchees, gekommen, ihre Hände in Frieden und Freundschaft ausgestreckt.«

»Tokeah, Miko der Oconees!« wiederholte der General kopfschüttelnd. »Wir haben vieles, nur zu vieles von diesem Tokeah gehört. Und dieser junge Mann hier?«

»Ist El Sol, der junge Häuptling der Cumanchees.«

Der General sah den jungen Mann mit einem etwas weniger mißtrauischen Blicke an.

»Sagt dem Häuptlinge, er sei willkommen in den Wigwams seiner weißen Brüder.«

Nachdem der Miko dieses verdolmetscht hatte, legte der junge Cumanchee seine Rechte an die Brust und neigte sein Haupt.

Beide Häuptlinge bewiesen viel Ruhe und selbst Anstand in ihrer Haltung. Sie verzogen keine Miene, und ihre Augen in achtungsvoller Aufmerksamkeit auf den General gerichtet, warteten sie auf die weitere Einleitung der Zusammenkunft. Der General seinerseits schien den Wilden volle Gelegenheit geben zu wollen, sich ganz in ihrer sentenziösen Manier auszusprechen.

»Ja, Tokeah«, sprach er nach einer Pause, während welcher er innegehalten hatte, um den Indianern Zeit zu geben, sich zu fassen. »Wir haben von Euch gehört, aber wir wollen das Geschehene in dem Strom der Vergessenheit begraben.«

»Der Miko würde von den Weißen fern geblieben sein«, sprach der Indianer. »Er weiß, daß er ein Dorn in ihren Augen ist. Er ist von ihnen auf seinem Pfade aufgehalten worden, den er gegangen, um das Gebot des großen Geistes zu erfüllen.« Er deutete auf den Sarg, den er auch hierher mitgenommen hatte.

Der General schüttelte wieder das Haupt. »Dann sollte Tokeah nicht so tief hinab nach Alabama gegangen sein; der Oconee und das heilige Feld der Muscogees sind weit von letzterem.«

Der alte Häuptling sah den General betroffen an.

»Tokeah! Tokeah!« sprach dieser. »Es mag hingehen für diesmal. Aber so schlau Ihr auch Eure Anschläge macht, wir durchblicken sie.«

»Tokeah hat die Fußstapfen der Mokassins auf seinem Wege gesehen; er wußte, daß seine Feinde dem großen Vater in die Ohren flüstern würden; er mußte noch zu seinem Volke sprechen. Wenn mein Vater die Rede Tokeahs gehört hätte, würde er seine Stirn nicht runzeln. Der Miko wird jetzt dahin gehen, wo ihn die Weißen nicht mehr sehen werden. Die Äxte der weißen Männer machen einen großen Lärm in den Ohren Tokeahs.«

»Weiß der große Vater von diesem?« fragte der General.

»Die Männer der Oconees haben seit sieben Sommern auf den Jagdgründen der Mexikos gewohnt. Sie wollen wieder zurück, wohin die Pflugschar und die Hacken der Weißen ihnen nicht folgen werden.«

»Und der alte Tokeah hat das gute Land seiner Väter verlassen und ist in ein schlechtes gezogen, wo ihm die Muscheln und Schalen die Füße zerschneiden werden?«

»Wenn die roten Männer ein schönes Weib haben, das für sie nicht kochen und ihre Jagdhemden machen will, so senden sie es zurück zu ihrem Vater und nehmen ein häßliches Weib, das tut, was sie brauchen. Tokeah hat im Lande seiner Väter gelebt und unter den Weißen mit seinem Volke. Wenn ihre Pferde und ihr Vieh über ihre Grenzen gingen, durfte er nicht gehen, um sie einzufangen, und wenn er es tat, so warfen sie ihn in ein finsteres Wigwam oder schossen auf ihn aus ihren Feuergewehren; aber wenn das Vieh der roten Männer über die Grenzen der Weißen ging, so nahmen sie es, und wenn die roten Männer zürnten, nahmen sie auch ihr Leben dazu. Tokeah konnte nicht mehr unter solchen Menschen leben.«

»Haben«, fragte der General, »die roten Männer nicht auch böse Brüder?«

»Die roten Männer strafen ihre bösen Kinder,« fuhr der Indianer grollend fort – »und sie treiben sie in die Wildnis; – aber die weißen Männer teilen das den Roten Gestohlene. Es ist weit zum großen Vater, und er hört nicht das Rufen seiner roten Kinder, und die Zunge seiner Boten (der Agenten der Vereinigten Staaten) ist sehr gekrümmt. Tokeah will deswegen gehen, wo er die Weißen nimmer sehen wird.«

»Das heißt zu den Cumanchees, um mit ihnen die Kette zu ergänzen, die sein unruhiger Geist mit seinen Brüdern und uns zerrissen hat?« versetzte der General, der, weit entfernt, durch die grollend werdende Sprache des Indianers beleidigt zu werden, fortfuhr: »Es ist kein Zweifel, daß die roten Männer in gewissen Punkten von uns gelitten haben; aber sie haben nicht mehr von uns, als wir von ihnen erduldet. Doch wir wollen und können uns hierüber nicht in Erörterungen einlassen. Nur sollte Tokeah einsehen, daß wir die Stärkeren – und Herren des Landes sind. Wir konnten Tokeah sein Land nehmen; denn es war uns durch das Recht des Krieges verfallen. Wir haben es ihm abgekauft, ihn als freien Mann, als Bruder behandelt.«

»Der große Geist«, sprach der unbewegte Indianer, »hat sehr große Spinnen in dem Lande gemacht, wo der Miko lebte, und eine derselben tötet einen kleinen Vogel. Diese Spinnen sagten zu den Vögeln: ›Seht, wir wollen euch allein und in Frieden lassen und nicht mit euch brechen; aber ihr dürft auch nicht unsere Netze zerreißen.‹ Die armen Vögel blieben in ihren Nestern und saßen da eine lange Weile. Hunger trieb sie endlich heraus; als sie aber auffliegen wollten, fanden sich alle Wälder mit den Netzen der Spinnen überzogen, und die armen Vögel fielen in die Schlingen, und wurden von den giftigen Spinnen aufgefressen, und ihr Blut ward ausgesagt, und sie mußten eines langsamen Todes sterben. Die roten Männer sind die armen Vögel, die Weißen die Spinnen. Ihrer Stämme waren viele. Sie sind verschwunden vom Angesichte der Erde. Sie starben, viele durch die langen Messer der Weißen, noch mehr aber durch ihre List und ihr Feuerwasser. Tokeah will weit von ihnen gehen.«

»Das mögt Ihr tun, wie es Euch am besten dünkt. Wir werden Euch keine Hindernisse in den Weg legen.«

»Der große Geist«, fuhr der Indianer fort, »läßt den endlosen Strom rinnen von dort, wo der Schnee fällt, gegen das Land zu, wo die Sonne heiß scheint. Er hat den roten und weißen Männern Überfluß an Land gegeben, aber die weißen«, fuhr er klagend fort, »sind nie zufrieden, sie greifen immer weiter und strecken ihre Hand aus nach dem, was den roten Männern gehört, und nehmen jeden Sommer mehr von dem Lande dieser.«

»Die Weißen haben das Land der roten Männer gekauft; es ist deshalb ihr rechtmäßiges Eigentum«, versetzte der General.

»Sie haben die roten Männer mit Feuerwasser betrunken gemacht und sie dann um ihr Land betrogen«, entgegnete der starrsinnige Indianer.

»Tokeah,« sprach der General mit jener Ruhe, die den Indianer, eben weil er sie in einem gewissen Grade besitzt, am schnellsten aus seiner Fassung bringt, »der große Geist hat die Erde für die weißen und roten Männer gemacht, daß sie sie pflügen und bebauen und von ihren Früchten leben mögen; er hat sie aber nicht zu einem Jagdgrunde gemacht, daß einige Hundert rote Männer im faulen Dasein einen Raum einnehmen, auf dem Millionen glücklich leben und gedeihen können. Wenn Ihr die Ländereien, die Ihr noch habt, und die noch immer so groß sind, wie manches Königreich der alten Welt, wo mehrere Millionen glücklich leben und gedeihen können; wenn Ihr diese Ländereien beurbaren wollt, so könnt Ihr reicher, glücklicher sein, als irgendeine gleiche Anzahl Bürger der Vereinigten Staaten; wenn Ihr Häuptlinge aber das Geld, das Ihr von uns als Jahresgehalte für Euer abgetretenes Land erhaltet, unter Euch verteilt und Euerm Volke höchstens ein paar Dollar zum Vertrinken hinwerft – dann aber sie darben lasset; – wenn Ihr sie so – statt Euch ihrer anzunehmen und unsere menschenfreundlichen Bemühungen, sie der Kultur zu gewinnen, zu unterstützen – zum Auswurfe herabwürdigt und sie zwingt, an den Türen unserer Bürger ihr Brot zu erbetteln und sich in unserem Straßenkote herumzuwälzen: dann müßt Ihr es diesen Bürgern nicht verargen, wenn sie solcher Gesellschaft überdrüssig werden. Ich kenne Euch, Häuptlinge; Ihr seid solche Blutsauger der Eurigen, als es der verworfenste Tyrann der alten Welt nur sein kann.«

»Tokeah hat die Dollar mit Füßen weggestoßen«, erwiderte der Indianer.

»Ich kenne auch Euch, Tokeah, und habe die genauesten Erkundigungen eingezogen. Doch will ich Euch fragen, Alter,« fuhr der General fort: »Was tun wohl die Creeks oder, wie Ihr Euch nennt, die Muscogees, wenn ihnen ein roter Späher der Tscherokees in die Hand fällt, der, während sie mit diesen in Frieden leben, zu den Choctaws eilt, um den sechs Nationen in die Ohren zu flüstern, die Tomahawks zu erheben und über die Muscogees herzufallen, so wie der Panther über das Rind herfällt?«

Der Indianer schwieg betroffen.

»Sie nehmen seinen Skalp. Nicht wahr? Als Tokeah damals mit rache- und wutschnaubendem Herzen hinauf zu den Shawneese ging, da wurde ihm sein Land von seinem eigenen Volke verkauft, das müde war, seiner ewigen Unruhstiftung länger Vorschub zu leisten, und den unversöhnlichen Häuptling aus ihrer Mitte weg wollte. Wir konnten Euch als Spion, als Aufwiegler den Prozeß machen, und Eure eigenen Männer würden Eure Henker geworden sein. Wir taten es nicht. Wir benahmen Euch die Gelegenheit, fürder schädlich zu werden, und ließen Euch gehen. Wenn Ihr das Geld wegstießt, das Euch für das Land bezahlt wurde, war es Euer Fehler; für das, was Ihr damals tatet, hattet Ihr den Tod verdient. Das Schicksal der roten Männer«, fuhr der General würdevoll fort, »ist hart in vieler Hinsicht, aber es ist nicht unvermeidlich; die Barbarei muß im Kampfe mit der Aufklärung immer weichen, so wie die Nacht dem Tage weicht; aber Ihr habt die Mittel in der Hand, an diese Aufklärung Euch anzuschließen und in unser bürgerliches Leben einzutreten. Wollt Ihr dieses jedoch nicht und zieht Ihr vor, statt geachteter Bürger wilde Legitime zu sein, so müßt Ihr mit dem Schicksal nicht hadern, das Euch wie Spielzeug wegwirft, nachdem Ihr Eure nächtliche Bahn durchlaufen habt.«

Die Wahrheit der eindringenden und ans Erhabene grenzenden Sprache des Generals hatte den Indianer plötzlich zum Schweigen gebracht.

»Tokeah,« hob der General wieder nach einer langen Pause an, »wir haben, wie gesagt, nichts gegen Euren Entschluß, zu gehen, und ich werde die nötigen Befehle in meiner Militärdivision hinterlassen, daß unsere Offiziere Euch ungehindert ziehen lassen. Ehe dieses jedoch geschieht, müßt Ihr uns noch über einen Punkt Aufklärung geben. Eure verschiedenen Stämme werden zwar von uns gewissermaßen als Völker betrachtet, in deren innere Angelegenheiten wir uns nicht mengen, und denen wir selbst das Recht lassen, untereinander Krieg zu führen; aber unsere obervormundschaftliche Vergünstigung dehnt sich nicht so weit aus, Euch das Recht zu geben, über unsere friedlichen Mitbürger herzufallen und Euch unsere Kinder zuzueignen, nachdem Ihr ihre Eltern grausam gemordet.«

Der alte Mann horchte hoch auf.

»Tokeah hat die Tochter eines weißen Vaters und einer weißen Mutter zu uns gebracht. Er hat sie als sein Kind betrachtet. Wie ist er zu der jungen Dame gekommen, die er die weiße Rose nennt?« fragte der General.

Der Indianer fuhr plötzlich auf. Er sah bald den General, bald den Squire Copeland an. Sein Mund zuckte, und nachdem er El Sol etwas in die Ohren geflüstert hatte, erwiderte er:

»Die weiße Rose ist die Tochter des Miko. Er hat viele Biber- und Bärenfelle für sie gegeben. Sie war seine Tochter, bald nachdem sie das Licht der Welt erblickte.«

»Wie kam sie aber in Eure Hände?« fragte der General nochmals.

»Tokeah hat sie den roten Männern der Choctaws der sechs Dörfer, die am endlosen Flusse wohnen, abgenommen. Wäre sein Arm nicht gewesen, so wäre ihr Gehirn schon viele Sommer an dem Baume vertrocknet, an den sie die Hand eines Muscogee schmettern wollte.«

»Auch dies beantwortet nicht die Frage«, entgegnete der General. »Wie kam die junge Dame aber in Eure Gewalt?«

»Der große Vater«, versetzte der Indianer ausweichend, »hat eine große Schlacht gewonnen, in der seiner Feinde viele geblieben sind. Gehören die Beute und die Gefangenen nicht ihm und den Seinigen?«

»Ich will Euch später auf die Frage antworten«, bedeutete ihm der General. »Die junge Dame ist die Tochter weißer Eltern – keine Choctaw – Tokeah!« sprach der General ernst und scharf, »ich fordere Euch hiermit auf, mir reine Wahrheit zu sagen.«

Des Häuptlings Augen begegneten dem durchbohrenden Blick des Generals, waren aber nicht imstande, diesen auszuhalten.

»Der große Vater ist gerecht,« sprach er, »er wird dem alten Tokeah nicht die Blume rauben, die er viele Sommer gewartet und die die einzige Freude seiner Augen ist, die sein gehört und –« er sprach die letzten Worte leise und mit hohler Stimme.

»Euch soll Recht widerfahren,« sprach der General; »aber zuerst müßt Ihr Eure Ansprüche auf diese junge Dame erweisen.«

»Tokeah besitzt die weiße Rose vierzehn Sommer,« antwortete der Indianer etwas zuversichtlich; »er hat sie aus den Händen der Muscogees gerettet, als diese sie an einen Baumstamm schleudern wollten.«

»Fahrt fort«, sprach der General.

»Tokeah will reden, und sein großer Vater wird hören. Vierzehn Sommer und Winter sind verflossen, seit der Miko der Oconees mit seinem Volke die Tomahawks gegen die Choctaws der sechs Dörfer erhoben. Sein Herz war mit den Choctaws; allein die Muscogees wollten das Kriegsgeschrei erheben, und er zog gegen die sechs Nationen. Es war in der zehnten Nacht, seit der Tomahawk ausgegraben war, daß der Miko in der Nähe des obersten Dorfes seiner Feinde lag, der Stunde wartend, wo seine Feinde schlafen würden, als auf einmal seine Ohren den Kriegsruf der Seinigen hörten, die zu spähen ausgegangen waren. Er flog den Seinigen zu; aber ehe er ankam, hatten sie ihre Feinde bereits in die Flucht gejagt, und er kam gerade, um zu sehen, wie sie den Gefangenen die Skalpe abzogen. Es waren vier weiße Männer und drei Weiber darunter. Eines dieser Weiber war sehr zart und sehr jung und hatte die weiße Rose in ihren Armen, die sie noch festhielt, als ihr Kopf bereits gespalten war. Der Miko war zu spät gekommen, um dem zarten Weibe das Leben zu retten; aber er hörte das Wimmern des Kindes, als der Vater Mi-li-machs es an einen Baum schleudern wollte, und er riß es ihm aus den Händen und brachte es zu dem weißen Zwischenhändler,« bei diesen Worten sah er den Squire Copeland an, »und er gab viele Felle für die Milch, die sein Weib der weißen Rose gab. Der Miko«, fuhr er fort, »hat noch alles, was Rosa gehörte, als er sie vom Tode rettete.«

Der General blickte bei diesen Worten den Indianer scharf an, der stockte und innehielt.

»Tokeah muß alles, was er von seinem Pflegekinde hat, vorzeigen«, bedeutete ihm der General; »es ist wichtig und unerläßlich, um der Wahrheit auf den Grund zu kommen.«

Der Alte winkte sofort einem der Oconees, der schnell den Saal verließ.

Während der Pause, die nun eintrat, näherte sich ein Fremder dem General und händigte ihm ein Papier ein, das dieser aufmerksam las und dann auf das neben dem Armsessel stehende Seitentischchen legte. Der Oconee war mit dem Bündel gekommen, und der General übergab es dem Fremden und Squire Copeland.

»Da ist die Kette«, rief dieser, ein goldenes Kettchen von der bekannten feinen mexikanischen Arbeit vorzeigend, »und das Medaillon ist noch daran – mit den Buchstaben I. C. R.«

»Das nämliche,« bemerkte der Fremde, »das Euer Exzellenz in der eidlichen Erklärung beschrieben finden werden. Der Tauf- und Familiennamen des Kindes. Die Kleidung konnte nicht so genau beschrieben werden, da der Vater bei der Jammerszene nicht zugegen war, und die Diener, männliche sowohl als weibliche, umkamen.«

Die Kleidung des Kindes war ziemlich gealtert. Die Brüsseler Spitzen an dem Hemdchen waren gelb geworden, das Pelzchen war ganz zernagt, auch das übrige war verlegen und morsch.

»Der Indianer hat zwar das Kind auf eine Weise in seine Gewalt bekommen, die, so schrecklich sie auch sein mag, seine Rechte gewissermaßen nach unsern Gesetzen begründet, natürlich so lange der Vater seine Ansprüche nicht geltend macht, jedoch nach diesen Beweisen zu schließen, kann kein Zweifel mehr obwalten, daß die junge Dame, die weiße Rose genannt, eine und dieselbe mit dem in diesem Papiere angegebenen Kinde sei, und daß sie ihrem Vater zurückgegeben werden müsse, sobald er sie anspricht, und sobald er die Forderungen des Indianers für Verköstigung und Pflege befriedigt hat.«

»Kein Zweifel, Euer Exzellenz,« erwiderte der Fremde, »und der sehr edle Vater der jungen Dame, dessen Geschäftsführer in Veracruz ich zu sein die Ehre habe, wird gerne zehnfach vergelten, was ihm nach so langem Jammer und Suchen wieder zum Besitze seines einziggeliebten Kindes verhelfen kann. Ich habe Vollmacht schon seit dreizehn Jahren in dieser Hinsicht.« Er wies eine zweite Schrift vor. –

Die Teilnahme der Anwesenden an dem Schicksale des interessanten Kindes fing nun an, sich laut auszusprechen; die Meinung der sämtlichen, im Saale befindlichen Offiziere, worunter auch mehrere angesehene Rechtsgelehrte und Staatsbeamte waren, ging dahin, daß unter obwaltenden Umständen das Kind nicht wieder den Wilden ausgeliefert werden, sondern einstweilen in der Obhut des Majors Copeland oder Obersten Parker verbleiben solle, bis die Ansprüche der Indianer auf Kostenvergütung ausgeglichen seien.

Diese waren in einer Spannung gestanden, die jeden Augenblick heftiger wurde und gegen ihre sonstige Apathie sehr kontrastierte. Sie schienen so viel verstanden zu haben, daß es sich um Rosa handle; da sie aber von der Unterhaltung der Anwesenden wenig oder nichts verstanden, verriet sich ihre Ungewißheit nur in einer fieberischen Unruhe, die besonders am alten Manne auffiel.

»Tokeah«, sprach der General, »Ihr seid hiermit entlassen – Eure Pflegetochter bleibt vorläufig hier. Es steht Euch jedoch frei, Eure Rechte auf sie und vorzüglich auf Entschädigung für die an sie gewandte Pflege bei unsern Gerichten geltend zu machen. Bis dahin bleibt sie in der Obhut, die ihr von diesen bestimmt werden wird.«

Der Indianer, der von der Rede des Generals nichts begriff, langte nach dem Päckchen.

»Wie gesagt, das bleibt hier«, bedeutete ihm der General nochmals. »Ihr seht hier mehrere Rechtsgelehrte, die alle der Meinung sind, daß die Tochter ihrem Vater wiedergegeben werden solle.«

»Die weißen Männer sind gerecht,« rief der Indianer, »die Zunge des großen Vaters spricht wie die Zunge eines großen Kriegers.«

»Ihr seid übrigens frei,« schloß der General, »Eure Schritte wohin immer zu tun, und so lange Ihr hier zu verweilen gedenkt, wird für Euch gesorgt werden.«

Er winkte nun den Indianern ihre Entlassung zu, und diese entfernten sich, nachdem sie ihm auf die gewöhnliche Weise ihre Ehrfurcht bezeigt hatten.

»Nun habe ich Euerm Willen so recht getan?« – fragte der General unsern Squire.

»Das habt Ihr,« versicherte ihn dieser, »Gott segne Euch dafür.«

»Eure Zufriedenheit ist mir viel wert«, sprach der General, der sich wieder niederließ und einige Depeschen unterzeichnete, die er einem seiner Adjutanten reichte. »Und nun gibt es noch etwas?« fragte er lächelnd.

»Ihr wißt, die Bürger sind versammelt, Euch ihre Achtung zu bezeigen, und warten nur auf Euch, um das Manöver zu beginnen; dann folgt öffentliches Gastmahl und Ball.«

»Ich bitte Euch, verschont mich«, sprach der General. »Ich denke, wir hatten der Manöver genug.«

»Für diesmal können wir es Euch nicht erlassen,« sprach der Squire, »außer Ihr versagt es.« Er sah ihn bei diesen Worten forschend an.

Der General zeigte auf seinen zerschmetterten Arm. »Glaubt mir, wenn man zwei Lot Blei im Bein stecken hat, dann ist es wahrlich nicht Zeit, an Manöver, Bälle und Gastmahle zu denken.«

»Die Bürger werden es kaum glauben, daß Ihr dieser Wunde halber versagtet. Sie werden es einer andern zuschreiben.«

Der General sah den Sprecher betroffen an.

»Tut, wie Ihr wollt«, fuhr dieser leise fort. »Eins laßt Euch jedoch sagen. Der Volkssouverän ist in seiner Etikette der kitzligste, den es gibt, das wißt Ihr. Ihr habt große Dinge getan; aber das Größte, was Euch mehr Achtung, als Eure Siege erwarb, ist, daß Ihr gutwillig Euern Nacken beugtet und Eure Strafe wie ein Mann aushieltet.«

»Häng' Euch«, entgegnete der General lachend. »Die Kreolen, an denen mir nichts gelegen ist, haben mir Bälle gegeben und mich bekränzt, und die Unsrigen, für die ich mein Blut vergoß und mir einen siechen Körper holte, lassen mich zum Danke zweitausend Dollar Strafe bezahlen, und hätte ich das Geld nicht, so säße ich vielleicht im Loche. Auch diese Strafe wollten die Kreolen bezahlen.«

»Ihr tatet wohl, daß Ihr sie nicht zahlen ließet«, flüsterte ihm der Squire zu. »Übrigens, General, nehmt mir es nicht übel. Aber es war ein wenig zu viel Eifer und heißes Blut in Euch, eine kleine Abkühlung kann nicht schaden. Nun aber, da alles gut abgelaufen ist, seid Ihr unser Mann. Wollt Ihr bleiben und unsre Achtungsbezeigungen annehmen – die, Ihr wißt es, wir eben nicht sehr freigebig verschwenden – oder nicht?«

»Ich bleibe,« sprach der General, dem Squire die Hand drückend, »obwohl Ihr ein wahres Torynest hier habt, und wenn ich nicht irre, das öffentliche Gastmahl in eben dem Saale gehalten werden soll, wo man mich als einen Tyrannen verdammt hat.«

»Alles zu seiner Zeit«, sprach der Squire. »Aber nun gestehe ich Euch, es freut mich, daß Ihr bleibt und die Probe ausgehalten habt. Wäret Ihr gegangen, eben diese Torys hätten sich ihre Haut voll gelacht. Nein, General, man muß seinen Feinden zu begegnen wissen.« – Und mit diesen Worten drückten beide nochmals einander die Hand, und der Squire entfernte sich. »Doch, holla,« rief er, nochmals zurückkehrend: »Das Manöver fängt doch vor einer Stunde noch nicht an? Ich bin soeben zu meiner Pflegetochter berufen, die ihrem wilden Pflegevater einen Besuch abstatten will. Er geht sogleich ab, hör' ich – desto besser.«

Und mit diesen Worten verließ er den Saal, um sich zu seinem Pflegekinde zu begeben, das soeben mit der Familie des Obersten angekommen war, um das Manöver und die darauffolgenden Festlichkeiten durch ihre Gegenwart zu verherrlichen.

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