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Charles Sealsfield: Tokeah - Kapitel 40
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Sealsfield
titleTokeah
publisherHesse & Becker Verlag
editorFranz Fiedler
year
firstpub1828
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081213
projectid9fbec09f
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Achtunddreißigstes Kapitel

Mit einem Male wurde es hell. Rot und wild flackernde Flammen schlugen durch das Gebüsch und erleuchteten die grausige Waldesnacht. Aus den verschiedenen Zugängen kamen eine Menge Gestalten trottend auf die beiden Häuptlinge zu, neigten ihre Häupter, kreuzten ihre Hände auf der Brust und ließen sich dann, ohne ein Wort zu reden, am Rasen auf die gewöhnliche Art nieder. Ihre Anzahl war bereits auf fünfzig gestiegen; aber sie mehrte sich mit jeder Minute, so daß sie sich endlich auf mehrere Hunderte belaufen mochte. Die meisten der wilden Ankömmlinge waren in ihre Wolldecken gehüllt, unter denen sie das Jagdhemd und den Wampumgürtel mit der Lendenbedeckung trugen. Viele aber hatten bereits Fragmente amerikanischer Kleidung, obwohl in so bunter Mischung, daß sie, bei Tage und in weniger schauerlichen Umgebungen gesehen, leicht Lachen hätten erregen können. So hatten einige Beinkleider, aber weder Schuhe noch Strümpfe. Andere hatten Hüte, auf deren Kronen bleierne Bilder in dem breiten blechernen Bande staken, wieder andere hatten Röcke ohne Beinkleider oder Westen ohne eine andere Bekleidung, das Jagdhemde und die Wolldecke ausgenommen. Nur wenige waren ganz in das amerikanische Kostüm gekleidet. Auch in der Art, wie sie sich den beiden Häuptlingen nahten, war etwas ganz Eigentümliches. Es schien, als ob sie mit Widerwillen herankämen; ihre wilden und durch den unmäßigen Genuß des Feuerwassers halb vertrockneten Gesichtszüge gaben weder Freude noch Teilnahme zu erkennen, eher eine gewisse Scheu, einen unwillkürlichen, halb unterdrückten Schauder. Der alte Mann war gesenkten Hauptes in der Stellung sitzengeblieben, die er eingenommen hatte. Als er endlich seine Augen aufschlug und sein Blick über die versammelte Menge hingleitete, starrten ihn die Wilden mit einem so glotzend gleichgültigen Ausdrucke an, als wären sie mit Entsetzen beim Anblicke ihres frühern Häuptlings erfüllt. Da wurde seine Miene schmerzhaft düster, und ein bitteres, beinahe höhnisches Lächeln verzog seinen Mund. Ein ältlicher, aber ganz nach amerikanischer Weise gekleideter Mann, von einer ins Kupferrot schillernden Gesichtsfarbe, trat keck vor den alten Häuptling, sah ihn eine Weile höhnisch lächelnd an, und seine Kienfackel in die Erde stoßend, setzte er sich unter die Vordersten im Halbkreise. »Joseph, der Oconee«, murmelten alle – und dann erfolgte wieder eine lange Pause.

Die Wilden hatten sämtlich ihre Kienfackeln in die Erde gesteckt, und der Widerschein des rot in ihre grimmigen Gesichter schlagenden Lichtes gab der Versammlung einen Ausdruck, der wild pittoresk gewesen wäre, wenn nicht die übel angebrachten Fragmente amerikanischer Kleidung diesen Eindruck ins Lächerliche verzerrt hätten.

»Sind meine Brüder versammelt, um die Stimme eines zu hören, dessen Auge sie lange nicht mehr gesehen hat?« fragte der Miko.

»Sie sind es,« sprach ein alter Mann, »die Muscogees sind weit gekommen, um die Worte des großen Miko zu hören, und ihre Ohren sind offen, und ihre Arme ausgestreckt.«

»Die Männer der Muscogees haben die Tomahawks begraben«, rief der Häuptling Joseph heftig. – »Sie haben beim großen Geist geschworen«, setzte er mit einer zänkisch gellenden Stimme hinzu.

Es entstand ein Gemurmel, das ebensowohl Beifall als Mißbilligung bedeuten konnte.

»Mein Geruch spürt den Atem eines Verräters, den Sohn eines Weißen und einer betrogenen Squaw, der Tochter eines Häuptlings der Muscogees«, sprach der Miko.

Es erhob sich wieder das Gemurmel des Unwillens.

»Mein Atem«, erwiderte der Halfblood oder Mischling Joseph giftig, »spürt den Atem eines Wolfes, den die Herde der Seinigen vertrieben, weil er sie den Jägern in die Schlingen geführt; Joseph«, setzte er triumphierend hinzu, »ist geboren von dem Blute roter und weißer Eltern. Sein Vater war ein Weißer, seine Mutter war die Tochter der Schwester des Miko Tokeah. Hat er aber, gleich diesem, den roten Männern das lange Messer der Weißen in den Nacken gesetzt? Nein, er hat es abgewehrt von ihrer Brust. Er hat gejagt mit ihnen, er hat den Tomahawk erhoben mit ihnen gegen die Cherokees und die Choctaws der sechs Nationen.« Er hielt inne und sah die Umhersitzenden forschend an.

»Wenn meine Rede meinen Brüdern gefällt, so will ich fortfahren; wenn sie aber ihre Ohren verschließen, so weiß der Häuptling Joseph seine Zunge zu halten.«

Ein alter Wilder unterbrach ihn. »Er hat sich wie der rote Hund in seine Höhle geflüchtet, als die Muscogees die Axt gegen die Weißen erhoben. Er hat den Späher der Weißen gemacht.«

»Und seinen Brüdern den Frieden gebracht«, fiel der Halfblood dem Sprecher keck ein. »Wäre Joseph nicht gewesen, wo wären jetzt die Muscogees? Sie wären von der Erde vertilgt.«

»Besser,« sagte ein zweiter, »sie wären gefallen im blutigen Felde, als von ihren eigenen Brüdern verraten zu werden.«

Der Miko hatte diese verschiedenen Ausbrüche der Ungeduld, die so sehr der bei einer Versammlung hergebrachten Sitte zuwiderliefen, mit mehr Staunen als Unwillen angehört.

»Und sehen die Augen Tokeahs«, so sprach er endlich, »wirklich die Muscogees, die großen Muscogees, deren größter Häuptling sein Vater und er gewesen? Die Muscogees, die den Weißen noch fürchterlich waren, als bereits alle roten Stämme diesseits des endlosen Flusses verschwunden oder halb vertilgt waren? Ja!« rief er mit schmerzlicher Betonung, »es sind wirklich die Muscogees, aber nicht die Muscogees des Miko Sheyah und Tokeah, es sind Männer mit roten und rötlichen Gesichtern, aber in den Gewändern der Weißen. Hört, rote Männer, die letzten Worte Tokeahs und füllt seine Ohren nicht mit Squawsgezänke. – Männer der Muscogees! Den eure Augen neben Tokeah sehen, der ist El Sol, der größte Häuptling der Cumanchees.«

Es erhob sich sofort eine Unzahl der Wilden, die sich dem jungen Mexikaner näherten, um ihn zu begrüßen, indem sie ihm die Palme ihrer Hand entgegenstreckten; die übrigen blieben murrend sitzen.

»Der Miko der Oconees«, sprach der Halfblood Joseph, »hat sich von seinem Volke losgerissen. Er ist in die salzige Wildnis jenseits des endlosen Stromes gegangen. Warum hat ihn sein Weg wieder hierhergebracht? Seine Zunge ist wie das Wasser des Oconee, das sich bereits mit dem großen Salzsee vermischt hat. Sie ist bitter, scharf und giftig. Wollen meine Brüder sie hören und das Gift in ihre Herzen aufnehmen?«

Es entstand wieder ein heftiges Gemurmel.

»Wollen meine Brüder ihn hören und die Stirn der Weißen umwölken?« schrie der Halfblood. »Er, der die Leichen der Ihrigen gesäet hat wie Welschkorn, er lebt noch, seine Krieger sind mit ihm. Er ist nicht viele Tagreisen von den Wigwams der Muscogees.«

»Hugh!« ertönte es aus den Reihen mit einem furchtbaren Geheule, während andere in ein lautes Murren ausbrachen. Mehrere schienen dem Sprecher beizupflichten, viele hatten jedoch ihre Augen auf den Miko gerichtet, der kalt und anscheinend unbewegt saß.

»Der Sohn eines Weißen«, hub er endlich an, »hat wahr gesprochen. Die Zunge Tokeahs ist bitter; sie ist nicht geläufiger geworden, seit er vor zwanzig Jahren in ebendiesem Tale zu den Seinigen gesprochen. Sie ist bitterer geworden; denn seine Augen haben vieles gesehen, seine Ohren vieles gehört, das seine Seele betrübt. Sie haben gesehen, wie sein Volk sich wie Hunde von ihren falschen Brüdern an rote Männer – an Brüder hetzen ließ.« Bei diesen Worten blies er in seine geballte Faust, die er zugleich öffnete und vorwarf. »Seine Augen haben gesehen, wie rote Männer gegen ihre roten Brüder den Tomahawk erhoben haben, weil die falschen Weißen es so gewollt haben, die dann der Toren spotteten, die sich einander die Messer in die Brust stießen. Seine Augen haben gesehen, wie falsche Brüder sich in die Wigwams der Weißen geschlichen und von ihnen viele Dollars erhielten und damit die roten Männer betrunken machten, und als sie sich im Kote herumwälzten, ihnen in die Ohren flüsterten, das Land ihrer Väter den Weißen zu verkaufen. Sie haben es gesehen, wie sie, während der Miko auf seinem Zuge gegen die Choctaws der sechs Nationen gewesen, gegen die der Tomahawk wider seinen Willen erhoben worden, wie sie sein Land den Weißen verkauften. Sie haben es gesehen und die Dollars, die er dafür empfangen sollte. Aber er hat sie mit dem Fuß weggestoßen. Seine Ohren«, fuhr er fort, »haben gehört, wie sich die geblendeten, roten Männer anhetzen ließen, die Tomahawks zu erheben gegen die Weißen, als es zu spät war, und sie so in die Falle gingen. Sie sind geschlagen worden in blutigen Schlachten, und viele Sommer werden verlaufen, ehe die roten Männer werden wagen dürfen, wieder ihre Tomahawks gegen die Unterdrücker zu erheben. Aber höret, rote Männer der Muscogees!« fuhr er fort, und seine Stimme hob sich – »die Weißen haben die roten Männer durch ihre Feuergewehre und langen Messer unterdrückt. Ihrer sind wenige, aber diese wenigen sind noch den Weißen zu viele. Hört, rote Männer! die Weißen haben viele Gifte. Sie haben das Feuerwasser, das langsam tötet. Sie haben ihre weißen Späher, die sie unter die roten Männer senden und die ihren Squaws und Töchtern lieber sind, weil sie eine zartere Haut haben; sie haben aber auch verräterische Zungen unter den roten Männern, viele verräterische Zungen. Sie sind Häuptlinge geworden, diese verräterischen Zungen. Sie haben die Dollars genommen, die der Miko mit den Füßen weggestoßen hat. Sie ziehen mit meinem Volke. Sie wohnen auf seinem Lande. Sie reden mit seiner Zunge. Aber sie reden mit einer Doppelzunge, weil sie doppeltes Blut haben. Kennen meine Brüder diese Männer?« Sein Blick fiel durchbohrend auf den Häuptling Joseph.

Dieser war in unruhiger, unbändiger Wut, und nur durch die Seinigen bisher vom Ausbruche derselben zurückgehalten worden.

»Männer der Muscogees!« schrie er aufspringend mit kreischender Stimme. – »Ich sage nichts mehr, als der große Krieger der Weißen lebt noch – der verbannte, der vertriebene Tokeah flüstert euch in die Ohren. Ihr mögt ihn hören, und seine Worte werden euch führen, wohin er getrieben wurde, in die Salzwüste.«

Der alte Mann hatte, nachdem er gesprochen, sein Haupt auf die Brust gesenkt. Er hob es nun und warf auf den Sprecher einen mitleidig verächtlichen Blick. »Hat Tokeah«, so fragte er, »das Kriegsgeschrei erhoben? Hat er seinen Brüdern in die Ohren geflüstert, es zu erheben? Was Tokeah gewollt hat, wissen die roten Männer. Sie verschlossen ihre Ohren. Sie hörten seine Stimme nicht. Tokeah war in seinem Herzen betrübt, als seine Ohren es vernahmen. Er war fern von ihnen. Er hat aber eine Kette geschlungen, die auch für sie glänzen wird – der große Häuptling der Cumanchees wird sie als seine Brüder, als seine Söhne aufnehmen. Tokeah ist gekommen, sein Volk nochmals zu sehen. Er ist durch die Wigwams der Weißen gegangen. Sie zittern vor den vielen Kriegern des Vaters der Kanadas, die gekommen sind, zahlreich wie die Bäume des Waldes in großen Kanus, und mit brüllenden Feuerschlünden.«

Die Wilden wurden plötzlich still und sahen den Häuptling forschend an. Ihre Augen begannen wild zu rollen, und das dumpfe Flüstern, das nun in den Reihen umherlief, bewies, daß der Alte eine Saite berührt hatte, die gewaltig in ihrem Innern erklang.

»Und was befiehlt uns der große Miko zu tun?«

»Der Miko ist gekommen auf dem Pfade des Friedens«, versetzte dieser ausweichend. »Die Seinigen sind ferne. Seine Brüder haben seit vielen Sommern seine Stimme nicht gehört. Sie haben sich andere Häuptlinge gegeben – sie müssen diesen gehorchen.«

Er sah bei diesen Worten die Wilden forschend an und horchte auf das Gemurmel, das nun entstand.

»Seine Augen sehen nicht mehr Muscogees«, fuhr er fort. »Sie sehen verkleidete rote Männer, die sich mit den weggeworfenen Gewändern der Weißen behängen, die sich des Wampums ihrer Väter schämen, und deren die Weißen spotten. – Sein Herz sagt ihm, daß unter den engen Röcken der Weißen auch ihre falschen Herzen schlagen, und daß seine Worte in die Ohren seiner und ihrer Feinde geflüstert werden. Der Miko hat sein Volk verlassen, als der Giftzahn in ihre Eingeweide zu schlagen angefangen; das Gift hat um sich gegriffen – er sieht nichts mehr als eiternde Wunden. Er sieht Häuptlinge in den Gewändern der Weißen, Krieger in denen der Weißen und der Muscogees, sein Herz ist traurig.«

»Der Miko der Oconees ist ein weiser Häuptling«, sprach einer der ältesten Wilden. »In ihm rollt das Blut vieler Mikos. Die Männer der Muscogees wollen seine Stimme hören. Sie sind viele Sonnen weit gekommen, um dem Späherauge der Weißen zu entgehen. Sollen sie umsonst gekommen sein?«

»Die Muscogees sind weise«, sprach der Miko mit einer ironischen Betonung und einem bittern, spöttischen Lächeln. »Sie haben die Boten der Weißen getäuscht, aber sie haben ihre Späher mitgebracht. Ein Tor spricht zweimal,« fuhr er fort – »der Miko ist gekommen, um von seinem Volke auf immer Abschied zu nehmen.«

»Dann hat der Miko einen weiten Weg gemacht, den er sich hätte ersparen können«, versetzte ein zweiter, jüngerer Wilder. »Die Muscogees wollen Ruhe, der Miko gibt nimmer Ruhe.«

»Ja,« erwiderte dieser, »mein Bruder hat wahr gesprochen; der Miko ist unruhig, sowie der freie, wilde Büffel es ist, der die Seinigen von den Jägern in die Hürde getrieben sieht. Die Weißen geben den roten Männern Frieden, weil sie bedrängt sind von den Kriegern des großen Vaters der Kanadas. Wenn aber die roten Röcke abgezogen sein werden, dann mögen die armen Muscogees die Sommer zählen, die sie noch auf ihrem Lande leben werden. Es werden deren nicht viele sein. Männer der Muscogees! Ihr habt die Stimme eures großen, ältesten Häuptlings nicht gehört. Ihr habt sein Blut verstoßen. Ihr habt die Quelle in ihrem Ursprunge getrübt, das Blut eurer Häuptlinge mit dem unreinen Feuerwasserschlamm der Weißen vermengt. – Es wird nie mehr rein werden. Eure Häuptlinge füllen ihre Säcke mit Dollars. Sie handeln mit schwarzen Männern und kaufen sie, ihre Felder zu pflügen. Muscogees! der Miko hat mit dem Geiste seines Vaters gesprochen.«

Alle horchten hoch auf.

»Und dieser will seine Gebeine nicht ferner unter einem entarteten Volke lassen, unter einem Volke, das sein Blut verraten.«

»Hugh!« ertönte es abermals mit einem grausenhaften Geheule.

»Der Miko«, sprach der alte Mann, »hat dem Gebote seines Vaters Folge geleistet. Er ist gekommen, um seine Gebeine im freien Lande der großen Cumanchees zu begraben.« Er hob nun den Deckel vom Sarge weg, um den die Wilden sich heulend herumdrängten.

»Der Miko«, nahm einer der alten Indianer das Wort, »ist ein großer, ein hoher Häuptling; – hat ihm der große Sheyah zugeflüstert, seine Gebeine von den Muscogees zu holen?«

»Er hat es«; sprach der Miko.

»Hugh!« ertönte es abermals aus der tiefsten Brust sämtlicher Wilden, die nun heulend durcheinander rannten.

»Der Miko ist gekommen,« sprach der Greis, »um das Gebot seines Vaters zu erfüllen. Die roten Männer können ihn nicht mehr halten. Aber sie mögen kommen in die schönen Gefilde der Cumanchees. Tokeah und sein Sohn, der große El Sol, werden ihnen die Hand öffnen.«

Und mit diesen Worten erhob er sich und verließ die versammelte Menge, ohne sie auch nur eines fernern Blicks zu würdigen. Ein tobendes Geheul schallte ihm noch eine Weile nach, das sich allmählich in den Bergklüften verlor.

Die beiden Häuptlinge schlugen sodann mit den Oconees, die sich wieder zu ihnen gesellt hatten, den Weg zum Mississippi ein.

Was eigentlich die Ursache dieser sonderbaren Zusammenkunft gewesen, läßt sich schwer bestimmen. In der Natur des alten Häuptlings lag jener unergründliche Doppelsinn, den der Wilde überhaupt in einem so hohen Grade besitzt, daß er Jahre lang die größten Entwürfe mit einem undurchdringlichen Schleier verhüllen kann, in einem außerordentlichen Grade. – Und wenn ihn das Geheiß seines Vaters, wie er meinte, oder richtiger zu sprechen, sein Traum zu dem weiten Zuge veranlaßt hatte, so scheint es ebenso gewiß, daß er diesem allmählich einen zweiten Endzweck dann unterschob, als er am Bayou mit der vermeintlichen Verlegenheit seiner Feinde näher bekannt wurde. Ob es ein letzter Versuch gewesen, sein Volk zum Ergreifen der Waffen gegen den Feind zu bewegen, oder ob er dieses bloß ausholen wollte, um auf alle möglichen Fälle bereit zu sein, darüber schweigt sowohl die Tradition als die geschichtliche Urkunde. Sowie er es nun fand, hatte er jeden Versuch für immer aufgegeben. Die Politik der Zentralregierung oder vielmehr das allmähliche Annähern der Amerikaner hatte nämlich während seines langen Exils eines jener Mittel gefunden, wodurch sowohl wilde als zivilisierte, aber noch im Zustande der politischen Kindheit befindliche Völker auf dem sichersten und schnellsten Wege entnationalisiert und gebändigt werden – Zwischenheiraten – durch die der Einfluß der vornehmsten Häuptlinge allmählich auf die sogenannten Halfbloods überging, die, dem amerikanischen Interesse näher verwandt, das übrige Volk in dieses zu ziehen wußten. Es war dieses um so leichter gelungen, als die bedeutenden Jahresgehalte, die den Indianern für ihre Ländereien ausbezahlt wurden, eine Menge junger Abenteurer veranlaßten, die Kupferfarbe der Töchter der Häuptlinge zu übersehen, um sich so in ein Besitztum einzunisten, das noch anziehender durch den bedeutenden Einfluß wurde, den sie durch solche Heiraten unter den Wilden gewannen. Durch eine solche Heirat war auch der Miko um sein Land und um seinen Einfluß gebracht worden, und es war natürlich, daß, als diese Politik häufiger befolgt wurde, die Kluft zwischen ihm und dem Volke immer mehr zunahm.

Die beiden Häuptlinge, sagt die Tradition, eilten nun, so viel es die Erschöpfung des alten Mannes zuließ, dem Bayou zu. Jedoch schon am folgenden Morgen bemerkten sie, nicht ohne Unruhe, Spuren von Mokassins, die kurz vor ihrer Ankunft hinterlassen worden waren. Je weiter sie vorwärts eilten, desto mehr leuchtete ihnen die Gewißheit ein, daß Muscogees vor ihnen denselben Weg gegangen waren. Der Miko schien weniger ängstlich, aber der junge Häuptling wurde mehr und mehr besorgt. Mit der gewohnten Selbstverleugnung jedoch schwieg er. Als sie aber am sechsten Tage nach ihrem Aufbruche vom Talk oder der Zusammenkunft sich soeben an demselben Platze zur Nachtruhe niedergelassen hatten, den die Späher nicht viele Stunden zuvor eingenommen, konnte El Sol seiner Zunge nicht länger mehr gebieten.

»Der Miko hat getan«, sprach er, »wie ein frommer Sohn, als er das Gebot seines Vaters erfüllte; aber er hat nicht wie ein kluger Häuptling gehandelt, als er zu seinem Volke sprach; er hat der kochenden Glut, die an seinem Herzen nagt, gehorcht. Der Miko sollte dies nicht getan haben, wenn er seinen Fuß unter die Weißen setzen will.«

»Sind die roten Männer deshalb weniger Kinder des Miko?« fragte dieser, »weil sie seine Stimme zu hören verschmähen?«

»War es die Stimme eines Vaters, die aus Tokeah zu den Muscogees sprach?« fragte El Sol bedeutsam. –

Der Miko schwieg.

»El Sol ist ein Häuptling,« fuhr der Cumanchee fort, »sein Herz hat noch immer die Wunde nicht vergessen, die die Weißen ihm schlugen, als sie seinen Vater töteten; aber er ist ein Vater vieler Kinder. Könnte er allein die Tat an den Weißen rächen, er würde es tun: aber es würde das Blut seiner Brüder kosten. Er überläßt die Rache Wacondah und lebt für sein Volk. Der Miko muß dies auch tun. Wenn die Weißen erfahren,« fuhr er nach einer Pause fort, »daß der Miko seinem Volke in die Ohren geflüstert hat,« – sein Blick fiel auf die von den Indianern hinterlassenen Spuren, »werden sie ihre Stirn runzeln – vielleicht«, setzte er hinzu, »werden sie das Pfand behalten,« sein Blick fiel auf die Erde – »das ihnen der Miko hinterlassen hat.« Die letzten Worte sprach er leise, beinahe furchtsam.

»Die weiße Rose ist die Tochter des Miko. Er hat Biber- und Bärenfelle für sie gegeben. Er würde sie den Weißen nicht lassen, wenn sie viele tausend Dollars geben würden.« Das Herz des jungen Häuptlings schlug hörbar lauter.

»Mein Sohn muß seine Zunge lösen«, sprach der alte Mann. »Er weiß, daß sein Vater ihn sehr liebt.«

»Wacondah«, sprach der Cumanchee mit kaum hörbarer Stimme, »hat die Tochter des Miko zu sich genommen.« Er stockte, seine Wangen glühten, seine ganze Gestalt zitterte.

»Rosa ist die Tochter des Miko. El Sol«, rief der Alte, »wird wieder der Sohn Tokeahs werden.«

»Mein Vater!« mehr vermochte der junge Mann nicht zu sprechen. Aber er fiel dem Alten bewegt an die Brust, und indem er aufsprang und ihn beinahe unwiderstehlich mit sich fortriß, verriet sich die unsägliche Liebe, die den jungen Wilden erfaßt hatte.

Sie eilten nun rasch und unaufhaltsam dem Bayou zu, wo sie nach Verlauf mehrerer Tage ohne besondere Unfälle anlangten.

»Sieht mein Vater?« rief der Cumanchee aus, als sie an der Höhe der Ufergebirge standen und über die prachtvolle Niederung und den Strom blickten. »Wohl mußte Tokeah in seinem Kampf unterliegen, – möge er nun glücklich seinen Feinden entgehen!« – Eine Weile standen die beiden wie angewurzelt, und dann schlichen sie sich langsam und düster der Talniederung zu.

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