Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Charles Sealsfield: Tokeah - Kapitel 39
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Sealsfield
titleTokeah
publisherHesse & Becker Verlag
editorFranz Fiedler
year
firstpub1828
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081213
projectid9fbec09f
Schließen

Navigation:

Siebenunddreißigstes Kapitel

Getrieben durch das große Gebot des Geistes seines Vaters, ergriff der alte Häuptling Tokeah die erste Gelegenheit, seinen vermeintlichen Feinden zu entgehen, die, obwohl sie großmütig für seinen Unterhalt gesorgt, doch in seiner Meinung wieder keine Gelegenheit versäumt hatten, ihm alle die Kränkungen zuzufügen, die ihr Übermut nur ersinnen konnte, und die seine unglückselige Konsequenz einem ebenso planmäßig feindseligen Systeme ihrerseits zuschrieb, als er selbst sein ganzes Leben hindurch beobachtet hatte. Noch immer sah er die Amerikaner durch das trüb gehässige Medium seiner eigenen Phantasie, und diese Blindheit ließ ihm in allen den zufälligen Äußerungen der Weißen, in ihren geringfügigsten Handlungen, die ebenso nur auf einen Punkt berechnete Handlungsweise sehen, welche er sich in seinem Leben zum Leitstern genommen hatte; ein Wahn, der bei seiner abgeschiedenen Lebensweise und verschlossenen Gemütsart wohl verzeihlich, aber auch notwendig eine nie versiegende Quelle immerwährender Kränkungen und Feindseligkeiten werden mußte. Hatte nun auch seinem finstern Stolze die Aufmerksamkeit wohl getan, die ihm vor seinem Sohne von den Weißen widerfuhr, so war ihm hinwiederum die Geringschätzung, mit der er behandelt wurde, wie ein nagender Wurm an seiner Seele gehangen. Schon der Befehl, auf den großen Krieger der Weißen, der sein Volk beinahe vertilgt hatte, zu harren, war ihm fürchterlich gewesen. Es waren viele gekommen, ihn zu sehen, wie man allenfalls ein reißendes Tier, das endlich eingefangen ist, sieht, und die Art, wie er sich bei diesen Besuchen benahm, zeigte wirklich wenig Unterschied zwischen einem eingesperrten Raubtier und dem Könige der Oconees.

Die Tradition seiner Stammesgenossen nun hat uns seinen geheimnisvollen Zug vom Bayou umständlich aufbewahrt, und indem wir ihr getreu folgen, versetzen wir uns an seine Seite in die Urwälder des heutigen Staates Mississippi, oberhalb Natchez, an welcher Stadt ihn sein Weg vorbeigeführt hatte.

*

Acht Tage waren seit seinem Verschwinden von dem Bayou verflossen, aber noch hatte er mit den Seinigen kein Wort gesprochen. Tag für Tag war er vorwärts geeilt, rastlos und nimmer ruhend, verschlossen, finster und brütend, seine Begleiter ihm folgend, wie Hunde ihren Herren, ohne einen Laut von sich zu geben. – Das Wild des Waldes hatte ihnen zur Nahrung gedient, die gefrorne Erde zur Lagerstätte, ihre Wolldecken zu Betten. Sie hatten sorgfältig die Wohnungen der Weißen vermieden und waren ohne Hindernisse am vierzehnten Tage nach ihrem Aufbruche im Angesichte eines jener ungeheueren Fichtenwälder angelangt, die sich von der südlichsten Kette der Appalachen hinüberstrecken gegen den Staat Mississippi. Je näher der Häuptling diesen Wäldern kam, desto freier, sagt die Tradition, wurde seine Seele, desto heiterer sein Auge, desto zuversichtlicher seine Miene. Ein Gefühl von Wehmut und Freude, von bangem Schmerze und froher Sehnsucht trieb ihn vorwärts zum Lande seiner Kindheit, seiner Mannbarkeit, dem er den Rücken zu wenden gezwungen worden war, das ihn verstoßen hatte. Und, als er in der Nähe des Flusses ankam, an dessen jenseitigem Ufer die Fichtenwälder seiner Heimat emporstarrten, da wurde seine Seele groß, und die ganze Kraft der vorigen Tage lebte in ihm wieder auf, und er hob schweigend seine Arme und deutete hinüber – und leise und feierlich schritt er über die leichte Eisdecke des Flusses. – Und als er am jenseitigen Ufer angelangt war, warf er sich zur Erde und blieb eine lange Weile regungs- und bewegungslos liegen. Der Wind hob seine grauen Haare, daß sie emporstanden, wie das vom Froste versengte Gras, der kalte, rauhe Nordwind war ihm das Säuseln der Geister seiner Väter, das zu ihm sprach, dessen Stimme er verstand, und dem er wieder Antwort gab. Ringend mit sich selbst und seinem Jammer, stöhnte er und brach endlich in die Worte aus:

»Erde! die du gesehen hast den Sohn von ihm, der dem Sohne des großen Sheyah Leben gab – Tokeah grüßt dich! Als Herr deiner endlosen Wälder war er geboren, zum Miko eines großen Volkes war er gewählt. – Ein Flüchtling, steht er nun auf deiner Grenze, ein Auswürfling, ein Fremdling dir und den Gräbern seiner Väter. Großer Geist! Warum hast du dies getan? Zahllose Sonnen hindurch hat der Miko mit den Seinigen an den Ufern seines Flusses gejagt, ein mächtiges Volk hat er beherrscht, warum mußte Tokeah in die weite Nacht der Wildnis? Warum mußte er dem Lande seiner Väter den Rücken kehren? Warum muß er und das Andenken von ihm verschwinden von deiner Erde? Sprich, großer Geist! Gib Tokeah ein Zeichen, daß er deinen Willen erkenne!«

Der flehende Greis sah auf das weite Himmelszelt mit sehnsüchtigem Blicke. – Es war mit Wolken überzogen, der Nordwind heulte durch den Wald. – Sein Angesicht wurde düster und verzagt. – Wieder sank er zur Erde. Ein kalter Fieberfrost rüttelte ihn.

»Großer Geist! vergib«, murmelte er. »Deine Stirn ist umwölkt, und dein Auge sieht düster auf Tokeah, weil er wie ein zagendes Kind redet.«

Er erhob sich nun, und indem er seine Gefährten zu sich winkte, dankte er zuerst dem Cumancheehäuptling für seine getreue Liebe und eröffnete ihnen dann die Ursache seines tausend Meilen langen Zuges in folgenden Worten:

»Sieben Sommer sind verflossen, seit der Miko der Oconees dem Land seinen Rücken gewendet, wo seine Voreltern ihre Wigwams hatten. Zweimal seit dieser Zeit hat er den endlosen Fluß übersetzt, allein und von keinem Auge gesehen, um an den Gräbern seiner Väter zu liegen. Gleich dem reißenden Panther ward er gejagt, gleich dem hungrigen Wolfe ward ihm von den Weißen auf seiner Fährte nachgesetzt; es ist nun zum letzten Male, daß sein Fuß auf dem Lande steht, wo seine Väter gelebt haben. In der zweiten Nacht nach der, die ihm alles geraubt hatte, das seinem Auge teuer war, als sein Haupt schlaflos und verzweifelnd nicht ruhen, seine Augen sich nicht schließen konnten, in derselben Nacht erschien ihm der Geist seines Vaters, der in den grünen Wiesen wohnt. Tokeah war bange in seinem Herzen, und dem Geiste seines Vaters war auch bang. ›Geh!‹ so sprach er – ›geh! zu meinem Grabe und sammle die Gebeine desjenigen, der dir Leben gegeben hat, und derjenigen, die dich gesäugt hat; nimm sie aus ihrer düstern Wohnung und von der entheiligten Erde derer, die sie verachten! Laß sie in demselben Grunde ruhen, wo mein Sohn und sein Volk ruhen werden, und begrabe sie unter den Gebeinen der roten Männer. Fürchte dich nicht, sie aus ihrem Grabe zu nehmen! Der Fluch wird dich nicht treffen.‹ Tokeah erhob sich von seinem Lager,« fuhr der Greis fort, »als der Geist ihm so flüsterte; seine Seele war traurig. Wieder legte er sich auf das Lager. ›Die Hufe des Rosses, der Pflug der Weißen‹, sprach wieder der Geist seines Vaters, ›sind über den Todeshügel gegangen, wo der Vater Tokeahs begraben liegt, eine kurze Zeit und seine Gebeine werden zerstreut sein über die Erde und von den Winden weggeführt werden.‹« – »El Sol!« sprach der Greis, nun zu seinem Sohne gewendet, »Tokeah muß tun, was ihn der Geist seines Vaters geheißen hat. Er muß die Gebeine seines Vaters nehmen, daß sie friedlich ruhen mögen. Er muß den Häuptling der Cumanchees während drei Sonnen verlassen und in das Tal gehen, wo sein Vater begraben liegt.« –

Der junge Mexikaner horchte aufmerksam auf die Worte des alten Mannes.

»Hat der Geist des Vaters dem Miko zugeflüstert?« fragte er mit starker, dumpfer Stimme.

»Zweimal hat er deutlich gesprochen.«

»Dann muß er seiner Stimme gehorchen. Groß ist«, sprach er, und ein unwillkürlicher Schauder durchzuckte ihn – »groß und schrecklich ist der Fluch, der jene trifft, die die Gebeine aus ihrer Ruhe reißen. – Ihr Volk wendet sich schaudernd, und ihre Namen sind verflucht von Geschlecht zu Geschlecht; aber wenn der Vater gesprochen hat, dann muß der Sohn gehorchen. El Sol will mit seinem Vater gehen.«

»El Sol«, erwiderte der Greis kopfschüttelnd, »ist der Sohn des Miko und seinem Herzen sehr teuer, er hat das Blut Tokeahs in seinen Armen gehabt; aber sein Auge darf den entheiligten Hügel nicht sehen, unter dem sein Vater begraben ist.«

»El Sol wird nicht auf die Schande seines Vaters schauen; aber er wird dem Miko folgen und will fern von dem Grabhügel Sheyabs warten, bis der Miko zurückkommt.« Der alte Mann gab schweigend seine Einwilligung, und der kleine Zug bewegte sich gegen Osten. Mit dem Anbruch des zweiten Tages befanden sie sich am Fuße eines Berges, hinter welchem die Flächen Georgiens sich unabsehbar gegen das Atlantische Meer hinabdehnen. Der alte Mann hatte im feierlichen Ernst den Berg erstiegen. »Sieht mein Sohn«, sprach er, als sie auf dem Gipfel angekommen waren, von dem sie eine ferne Aussicht auf die waldbekränzten, nur hie und da durch Reif versilberten Hügel hatten – »sieht mein Sohn jene hohen Hügel, die sich in einer Kette hinabwinden, und deren Füße sich immerdar in dem glänzenden Strome waschen? Sie sind noch in Nebel gekleidet; hinter diesen ist das Tal, wo die Gebeine des Vaters Tokeahs ruhen.« –

»Mein Vater mag dann gehen«, sprach El Sol.

»Nein, mein Sohn«, versetzte der alte Mann. »Als der Leib des Vaters Tokeahs tief gelegt ward, da sprach der große Prophet seines Volkes den Fluch über denjenigen aus, der seine Gebeine an das glänzende Licht der Sonne bringen und vor Scham erbleichen machen würde. Das Licht des Himmels darf sie nie wieder sehen; der finstern Nacht wurden sie übergeben, in der finstern Nacht müssen sie aus ihrem Dunkel gehoben werden. Tokeah will warten, bis die glänzende Kugel hinter der Welt ist.«

Er sprach nun mit den Oconees, und diese entfernten sich, kamen aber nach einer Weile zurück, mit Rinde beladen. Sie setzten sich mit dem alten Manne nieder und fingen an, diese in die Form eines kleinen Sarges zusammenzunähen, dessen Innen- und Außenseiten sie mit den Fellen von Hirschen bekleideten, die sie den Tag zuvor erlegt hatten. Ein Strahl von Zufriedenheit überzog das erstorbene Gesicht des Greises, als er den Sarg beendigt sah. Er heftete an die beiden Enden einen breiten Riemen.

»In der Rinde deiner Geburtswälder und im Gewande derselben Hirsche, die du gejagt hast, sollst du ruhen, Gebein meines Vaters«, sprach er.

Und dann legte er sich zur Ruhe. Als die Nacht herangebrochen war, stand er auf, nahm den Sarg an seine Brust, und winkte den beiden Oconees, ihm zu folgen.

Es war Mitternacht, als die drei Indianer im Tale ankamen. Der volle Mond war bisher durch einen lichten Saum leichter silberner Wolken geflogen und sank nun in eine bleifarbige, graue Schneewolke. Die Indianer bewegten sich im tiefsten Stillschweigen, längs den Ufern des Stromes, unter den blätterlosen Walnußbäumen fort. Ein leichter Schauder überfiel den armen Mann, als er sich durch die wohlbekannten Wälder seines Geburtslandes stahl; er blickte auf, starr und scheu und furchtsam, als umschwebten ihn die Geister seiner Väter. Er horchte, als hörte er ihre Stimme. Je weiter er in das Tal eindrang, desto beflügelter wurden seine Schritte. Ein entfernter Laut schlug an seine Ohren. – Es war Hundegebell. »Geist meines Vaters,« stöhnte er, »die Weißen sind deinem Grabe nahe.« – Er rannte nun, er flog dem Grabeshügel zu. Die rohe Einzäunung eines Welschkornfeldes umgab die Stätte – die liebliche Nacht der Wildnis war verschwunden, – Stengel von Welschkorn und Hülsen mit Stöcken lagen auf dem Boden zerstreut umher. Die Bäume standen blätterlos und abgestorben; ihre zum Teil rindelosen weißen Stämme starrten wie in Grabtücher gehüllte Riesen in das zuckende Antlitz des Wilden. »Geist meines Vaters!« rief er; »Geist meines Vaters!« jammerte er in unsäglichem Schmerze. »Wo sind die Gebeine, die deine Stärke ausmachten, und von denen die Gebeine Tokeahs sind?« Das Erdreich rings um die Bäume, deren kahle, im blassen Mondlichte zum Himmel emporstrebende Äste die Verwüstung anzuklagen schienen, war durch den Pflug aufgerissen. Der Greis fiel bewußtlos zur Erde. Seine Gefährten sprangen herbei, ihn aufzurichten. »Hinweg! weg«, murmelte er mit dumpfer Stimme. – »Hinweg von dem Grunde, wo ein mächtiger Miko begraben liegt! Tokeah will seine Gebeine allein ausgraben.«

Und mit seinen Händen grub er nun den halb gefrornen Boden auf. Der Kiesel schnitt in seine erstarrten Palmen, das Blut floß von Fingern und aus den Nägeln, die Haut fiel in Fetzen von seinen Händen; aber seine Eile, als befürchtete er, jemand würde ihn seines Schatzes berauben, nahm mit seinen Wunden zu, und er bohrte, bis er die ganze Masse Erde aufgeworfen und die Überbleibsel seines Vaters gesammelt hatte. Das erste und einzige Mal in seinem Leben schluchzte er laut und vergoß heiße Tränen. Dann rannte er zum Grabe seiner Mutter. Der Pflug war hier tiefer eingedrungen. Nur wenige Zoll Erde bedeckten noch ihre Gebeine. Mit unsäglichem Schmerze legte er diese zu denen seines Vaters. Der Mond goß sein volles Licht auf den Wilden, als er auf der gefrornen Erde vor dem Sarge lag.

»Geist meines Vaters!« stöhnte er, »du hast wahr gesprochen. Die Hufe der Tiere der Weißen sind über deinen Grabhügel gegangen. Sie haben ihn flach getreten. Sieh herab von deiner Wohnung. Der Sohn hat getan, was du ihm geboten hast. Er wird deine Überreste nun dahin nehmen, wo keine freche, grabschänderische Hand sie stören, wo seine eigenen Gebeine ruhen sollen. Er will sie unter seinem Volke begraben. Geist meines Vaters! bitte den großen Geist, daß er auf seine Kinder mit mildem Antlitz sehe, daß du einst wieder ihrer Taten dich freuen mögest. Dein Sohn ist gleich einer vermoderten Eiche. Viele Stürme haben seine Kraft gebrochen, seine Äste sind zerschellt, sein Geist seufzt. – Geist meines Vaters! Wenn du das Antlitz des großen Geistes siehst, bitte ihn für deinen Sohn, seine Kinder!«

Das Hundegebell ließ sich abermals hören.

»Ich höre die Stimme des Vorläufers der Feinde meines Geschlechtes. Lebe wohl, Vater – Mutterland! Lebt wohl, ihr Bäume, in deren Schatten Tokeah so oft sich gekühlt hat, während des heißen Sommers, – wo er geruht hat nach der langen Jagd. – Lebe wohl, Strom! wo er seine Glieder so oft erfrischt, wo er das Ruder zuerst gehoben. – Lebt wohl, ihr Hügel, auf welchen sein Vater zuerst seine schwachen Arme gelehrt hat, den Bogen zu spannen!«

Der Mond goß seine Silberstrahlen wieder hinter dem zarten Flaume von Wolken hervor. Das Gebelle ward zum dritten Male gehört. –

»Großer Geist!« bat er, »du hast mit hellen Augen auf die Taten des Kindes gesehen. Öffne die Ohren seiner Brüder, auf daß sie die Worte hören, die er ihnen sagen wird.«

Er stand sodann auf, und nachdem er den Riemen um seinen Hals gelegt, nahm er den Sarg an seine Brust und kehrte zurück zu den Cumanchees. Den beiden Oconees winkte er, und diese entfernten sich in verschiedenen Richtungen.

»Der Geist meines Vaters hat wahr gesprochen«, redete er seinen Sohn an. »Der Pflug ist über den Grabhügel gegangen, der seine Gebeine einschloß. Der Hügel selbst ist zertreten, verschwunden.«

»Tokeah hat wie ein frommer Sohn, wie ein großer Miko getan«, erwiderte der junge Mann. – »Aber die Cumanchees und Pawnees und die Oconees sind verwaist, der Pfad, den Tokeah und El Sol zu gehen haben, ist lange – der weißen Rose wird bange sein.« – Er hielt plötzlich inne..

Der alte Häuptling warf einen forschenden Blick auf ihn und sprach dann: »Die roten Männer wissen, daß Tokeah auf dem Pfade ist, das Gebot des großen Geistes zu erfüllen. – Aber mein Sohn hat etwas auf dem Herzen, er muß seine Zunge lösen.«

El Sol schwieg jedoch, und sie setzten sich zu ihrem Mahle. Als sie dieses eingenommen, traten sie ihren Rückweg an. Es war jedoch nicht derselbe Weg, den sie gekommen waren; ihre gegenwärtige Richtung lag mehr südöstlich. Der junge Häuptling schien ungeduldig zu werden. Schweigend, jedoch mit der den Indianern eigentümlichen Selbstverleugnung, folgte er dem greisen Häuptlinge durch eine Landschaft, die von der, durch welche sie bisher gekommen waren, gänzlich verschieden war. Gewächse, Bäume, das Erdreich, die zerstreuten Pflanzungen, die ihnen aufstießen, selbst die Zäune um die Gärten an den Häusern waren verschieden. Sie bemerkten an diesen Zäunen häufig die Gerippe von Tieren, die dem Mexikaner fremd zu sein schienen; lange, fürchterliche Gerippe mit ungeheuern Rachen und Zähnen, die einen noch immer grinsend anblickten, als wollten sie die Wanderer verschlingen. Sie waren in Alabama, wo die häufigen Aligatoren gewöhnlich von den Pflanzern als eine Art Trophäen an den Zaun aneinander gereiht werden, so wie die Amerikaner sonst die Adler und andere Raubvögel an ihre Scheunen als Warnungszeichen für die Hühnerdiebe heften. Ihre Schritte wurden nun mit jeder Stunde sorgsamer. Sie vermieden nicht nur ängstlich die Wohnungen der Weißen, sondern auch jede zufällige Begegnung derselben; durch die dunkelsten Wälder, die unzugänglichsten Dickichte, die weglosesten Sümpfe ging ihr gefahrvoller Weg schnell und mit einer Sicherheit, die die Gefahr wittert und ihr instinktartig zu entrinnen weiß. Endlich, nach einem Marsche von mehreren Tagen, langten sie in einem weiten, tiefen Tale an, das, von mäßigen Hügeln umschlossen, in der abgeschiedensten Verborgenheit lag. Der alte Mann setzte seinen Sarg auf die Erde, winkte seinem Sohne zu bleiben, und verließ seine beiden Begleiter.

Nach einer Weile wurde ein durchdringend langes Pfeifen gehört, so schneidend, so gellend, daß die Nachteulen zu Hunderten in ein lang schallendes Gelächter ausbrachen – dann erfolgte eine tiefe Stille. Wieder erschallte das Pfeifen, von einem ohr- und herzzerreißenden Tone begleitet, der weder von Tieren noch Menschen herzurühren schien, und wieder erfolgte eine lange Stille. Ein drittes Mal ertönte dieses Pfeifen, schneidender und durchdringender als zuvor, und nun war es, als ob aus der Ferne ein Gezisch und Gemisch von Tönen und Stimmen vernehmbar würde, so klagend, so heulend, wie das Geheul des Wolfes, wenn er in langen, schmerzlichen Todesmartern sich wälzt. Bald darauf erschien der alte Mann und setzte sich schweigend an die Seite seines Sohnes.

 << Kapitel 38  Kapitel 40 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.