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Charles Sealsfield: Tokeah - Kapitel 38
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Sealsfield
titleTokeah
publisherHesse & Becker Verlag
editorFranz Fiedler
year
firstpub1828
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081213
projectid9fbec09f
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Sechsunddreißigstes Kapitel

Grabesstille herrschte am folgenden Morgen im Speisesaale des Gasthofes zum Bayou Sarah, wo sich die Gäste soeben zum Frühstücke niederließen, als der Donnerruf »ein Dampfschiff!« erschallte. Die Sessel flogen nun in jeder Richtung auseinander, und alle strömten totenbleich zur Türe hinaus auf das Stromufer zu. Nur vier junge Männer, die ihre reichen, goldstrotzenden, roten Uniformen als englische Offiziere bezeichneten, blieben mit unserem Midshipman ganz gemächlich an der vollbesetzten Tafel sitzen.

»Da gehen sie, die glorreichen Yankees«, lachte Kapitän Murray.

»Sind bloß drei darunter, die übrigen sind unsere französischen und deutschen Spargelwächter«, entgegnete Leutnant Forbes.

Diese Spargelwächter, wie sie der launige Engländer nannte, waren die Bewohner des Städtchens, die seit dem Abmarsch der waffenfähigen Mannschaft in ein Korps quasi Munizipalgarden zur Aufrechthaltung der öffentlichen Ordnung vereinigt worden waren, und unter denen sich auch die Herren Gieb und Prenzlau befanden, die sich auf die Ehre, an der allgemeinen Landesverteidigung Anteil zu nehmen, die ihnen vor ihren weniger respektablen Landsmännern, den Herren Merks und Stock, zuteil wurde, nicht wenig einbildeten und ihre frühern Meinungen über die hier herrschende Unordnung gänzlich aufgegeben hatten.

Langweilige Kerle«, rief Kapitän Murray wieder. »Unausstehlich langweilige Kerle, diese Yankees«, versicherte er nochmals, eine Wachtel anfassend, und die Brust von beiden Seiten mit anatomischer Genauigkeit ablösend. »Wenn das Tierchen hier«, beteuerte er, »ein wenig mehr gebraten, statt geröstet wäre, bei Jove! Longs Hotel könnte nichts derlei aufweisen.«

»Ich glaube denn doch, unsere Northumberland-Haunches sind zarter«, versetzte Leutnant Devon, der, den Vorzug seiner landsmännischen Hirschziemer a priori erkennend, nichtsdestoweniger dem amerikanischen die Ehre eines tiefen Einschnittes in die Mitte antat.

»Vergebung«, entgegnete der Kapitän Murray. »Ich spreche von Rebhühnern oder Wachteln, wie sie hier genannt werden, will aber vom Ihrigen später versuchen.«

»Weiß nicht,« fiel Leutnant Forbes ein, der es gleichfalls mit dem Hirschziemer hielt, »aber das will ich Euch sagen, Gentlemen, daß mein Magen von der verdammten Salzsäure so ausgetrocknet war, daß er Sauerampfer angenommen hätte.« Er sah sich etwas vorsichtig nach allen Seiten um. »Verdammt! vier Monate Salzkur. Hol' mich der Henker, wenn diese Kerle nicht verdienen, alle samt und sonders gehängt zu werden. Da kommen wir herüber aus dem schönen Frankreich und dem glühenden Spanien, in der Hoffnung, die Tagediebe werden Räson haben und sich in ihr Los ergeben, und da sind wir nun diese sechs Wochen eingepreßt zwischen See und Sümpfen, ohne auch nur so viel wie ein Haus gesehen zu haben. Nicht vorwärts, nicht rückwärts, und nichts als Pökel- und Salzfleisch und Kartoffeln vom vorletzten Jahre, die wie Madeira bereits dreimal die Fahrt nach Ostindien gemacht haben. Aufwärter, ich danke für ein Glas Madeira. – Hol' mich der – auch kein Aufwärter hier.«

»Und glauben Sie,« sprach Leutnant Connaught zu unserem Midshipman, »daß die Gaudiebe uns auch nur eine frische Kartoffel zukommen ließen? Wenn wir eine Guinee für eine gegeben hätten, so wäre keins ihrer verdammten Ungetüme, die sie Archen oder Flatboote heißen, hinabgekommen. Gemeine Seelen! Gar nichts von dem ritterlichen Geiste der Spanier und Franzosen. Ich versichere Sie, Mister Hodges, selbst in Frankreich waren wir die Hähne in den Körben. Nur schade, die armen Teufel hatten nichts zu geben, als ihre Weiber und ihre Mädchen.«

»Bei Jove! Meine liebliche Doña Isabella y Yrun, y Caldevai, y Madagaskar, y Balthasar, der Teufel weiß –« lachte Leutnant Devon.

»Genug, genug,« fielen alle lachend ein, »die haben mehr Titel als Dollars.«

»Wollte jedoch, ich hätte sie hier, die schöne Isabella«, meinte Leutnant Devon.

»Würde Ihnen nichts helfen, die puritanischen Yankees erlauben einem derlei Zeitvertreib nicht«, versicherte ihn Leutnant Forbes.

»Danke Ihnen nun«, fiel Kapitän Murray ein, »für einen Schnitt Ihres Hirschziemers. Aber, was haben Sie doch mit dem herrlichen Geschöpfe gemacht?«

»Pah! sie Kapitän Richley für eine Schachtel echter Havannas überlassen«; erwiderte ihm der Leutnant ganz gelassen, indem er ihm ein Stück vom Hirschziemer schnitt und reichte. »Der behielt sie bis er sich nach Oporto einschiffte: dann ließ er sie dem alten Caballero zurück, der sie noch haben muß, wenn sie ihre schönen Sünden nicht in einem ihrer jungfräulichen Behälter abbüßt.«

»Ha!« lachte Kapitän Murray, »mit den Doñas und Condesas und Señoras trieben wir es doch wirklich zu bunt! Aber, wissen Sie,« fuhr er zu unserem Seekadetten gewendet fort, »daß wir alle Ursache haben, mit Ihrer Flotte oder vielmehr mit Ihren Kompagnons unzufrieden zu sein? Anstatt uns Zufuhren zu bringen, gingen sie nach Jamaika und ließen sich von den Yankees wegkapern. Überhaupt, Ihr Herren, in diesem Kriege habt Ihr wahrlich nicht viel Ehre eingelegt, die Java weg, der Mazedonian weg, ein halbes Dutzend Fregatten mehr; es darf sich kein königlicher Zweiundfünfziger mehr sehen lassen.«

»Ich glaube, wir stehen so ziemlich al pari«, entgegnete ihm unser Midshipman, dessen Korpsgeist die Anspielung ein wenig verdroß.

»Gewiß, Mister Hodges,« versicherte ihn Leutnant Devon, »wir wollen die Ehre der königlichen Waffen retten, Sie sollen Rache haben für die Frechheit, die sich diese gemeinen Tagdiebe herausgenommen. Ei, ich glaube, sie hätten Sie alles Ernstes gehangen, ohne Rücksicht auf die blaue Uniform.«

»Gerade so, wie sie Major André ohne Rücksicht auf die rote hingen«, entgegnete ihm unser Midshipman.

»Das ist schon so lange her,« lachte der Leutnant, »daß es bald nicht mehr wahr sein wird. Aber Scherz beiseite, Mister Hodges, es wäre doch keine so ganz unebene Sache gewesen. Ein beneidenswerter Tod. Hören Sie nur, wenn wir ins Gras beißen, und diese Grobiane legen es immer zuerst auf die goldenen Epaulettes an, so kräht kein Hahn um uns. Aber Sie wären von Tom und Coleridge besungen und allen Damen betrauert worden. Hol' mich der Henker! Mit sechs Pence, und mehr kostet der Strick nicht, Unsterblichkeit zu erringen, ist wahrlich keine Kleinigkeit. Ihre Gebeine würden, wie die des seligen André, ausgegraben und in der Westminsterabtei kanonisiert worden sein, eine marmorne Tafel mit goldenen Buchstaben darüber, enthaltend: James Hodges Esq »Verdammt, die Westminsterabtei und Ihre Possenreißerei dazu«, rief der Midshipman, dem der Scherz, den man sich auf seine Kosten zu erlauben beliebte, allmählich zu bunt wurde.

»Nein, Gentlemen, ich versichere Euch,« sprach Kapitän Murray, »ich kann es begreifen, wie unserem Freunde Mister Hodges nicht so ganz wohl zumut sein mochte. Übrigens kamen Sie doch mit heiler Haut davon, und Sie mögen froh sein; in Europa würde man sich freilich so etwas mit einem britischen Offizier nicht erlauben, aber da haben wir es mit gefügigen Souveränen zu tun, und die Völker kommen in keine Rechnung, aber diese Flegel.«

»Alles und alles zusammengenommen,« fiel ihm Leutnant Forbes ein, »versichere ich Sie, es ist kein so übles Ding, Amerikaner zu sein, und wahrlich, wäre ich kein englischer Gentleman, so wollte ich ein freier Amerikaner sein.«

»Seid versichert,« meinte unser Midshipman, »wenn Ihr noch acht Tage hier seid, so werdet Ihr recht sehr Respekt bekommen. Zwei Lektionen habt Ihr schon.«

»Ah, Connaught, das ist ein Hieb auf Sie«, lachte Leutnant Devon. »Wie sagte der Junge? Er ist, glaub' ich, Kapitän der Spargelwächter. Behaltet den Narren einstweilen bei Euch, und wenn er es nochmals wagt, Damen zu insultieren, werden wir ihm einen andern Ort anweisen.«

»Und ich werde demjenigen, der es wagt, die Ungeschliffenheit dieses groben Yankee zu wiederholen, gleichfalls einen Ort anweisen«; rief der hitzige Irländer. »Bei St. Patrik! das will ich.«

»Pah! da habt Ihr den Sprudelkopf«, fiel Kapitän Murray beschwichtigend ein. »Schade, daß wir keine Pistolen bei uns haben, er schösse sich wahrlich nach dem herrlichen Dejeuner, ohne die Verdauung abzuwarten.«

»Nein, galant«, meinte Leutnant Devon, »sind sie nun einmal sicher nicht. Da sitzen wir bereits an die sechs Tage. Anfangs dachte ich selbst, unsere Gefangenschaft dürfte kein so großes Unglück sein. Wir sind die ersten und haben freie Wahl.«

»Und die Mädchen reich«, fielen ihm die andern ein.

»Eben deswegen, aber stolz wie der Teufel; kümmert sich keine um uns. Und wir sind doch wahrlich keine üblen Kerls«; meinte er, sich wohlgefällig besehend.

»Wir müssen uns rächen«, fielen alle ein.

»Gentlemen!« versicherte Kapitän Murray, »ich habe die Ehre zu verkünden, daß ich ein vortreffliches Frühstück vollendet habe, und nun zur Verdauung was anfangen? Ecarté und rouge et noir sind verboten, seit uns der puritanische Wirt die Karten so sans façon ins Feuer geworfen.«

»Was läßt sich nun tun, das die Yankeeleute verdrießt?«

Unsere vier Kriegsgefangenen ertrugen ihr hartes Los mit gerade so vieler Gelassenheit, als Briten gewöhnlich an Tag zu legen pflegen, wenn sie für ihre leiblichen Bedürfnisse gesorgt wissen und dabei die Freiheit genießen, ihrer Zunge freien Spielraum lassen zu dürfen; eine Freiheit, die sie vielleicht noch besser zu schätzen gewußt haben würden, wenn die Apathie der Yankees, wie sie meinten, für ihre geselligen Vorzüge mehr Empfänglichkeit geäußert hätte. Übrigens schien ihr Ungehaltensein auf die ungeregelten militärischen Bewegungen dieser Yankees, die so ganz ohne Komplimente mit nicht mehr als sechzehnhundert Mann auf ein Korps von achttausend sogenannter britischer Veteranen losgingen und beinahe zwei Kompagnien der königlichen Grenadiere von dem Hauptkorps abschnitten und auf gute Yankeemanier erbeuteten – doch nicht so ganz von Herzen zu kommen.

»Der Nebel ist verschwunden«, bemerkte Leutnant Devon, der mit seinen Kriegsgefährten sich unterdessen von der Tafel erhoben und zum Fenster getreten war.

»Die Sonne bricht hervor wie an einem Londoner Maitage«, setzte Leutnant Forbes hinzu. »Schade, daß das herrliche Land nicht britisch ist.«

»Wird hoffentlich bald werden,« bemerkte Leutnant Devon, »die Hauptstadt ist bei dieser Zeit unser. – Wollen wir auf die Bluffs; die Uferhöhen?«

»Die Bluffs«, lachten alle. »Fürwahr, diese Yankees werden noch ein eigenes Englisch erfinden; doch halt, da kommt eins ihrer wirklich prachtvollen Dampfschiffe herauf.«

»Wohlan, vielleicht etwas Neues. Habt Ihr bemerkt, wie sie bleich wurden und Reißaus nahmen; ein gutes Vorbedeutungszeichen«, meinte Leutnant Devon.

Und mit diesen Worten setzten sich unsere Helden in Bewegung.

Der Donner der Kanonen ließ sich vom Dampfschiffe Missouri hören, die Flagge der Staaten vom Hinterkastelle wehend. Das ganze Dampfschiff wimmelte von roten Uniformen. Als es einlief, trat Leutnant Parker aus dem Schiffe, nach ihm ein Zug uniformierter Milizen und britischer kriegsgefangener Offiziere und Soldaten.

»Major Warden!« riefen die fünf Briten. »Was ist das?«

»Aufs Haupt geschlagen, Sir Edward, alle Generale, beinahe alle Oberoffiziere tot oder tödlich verwundet; zweitausend geblieben, der Rest in vollem Rückzuge«, sprach der kriegsgefangene, verwundete Major leise.

»Da gibt es Avancements«, tröstete sie Leutnant Devon.

Der amerikanische Leutnant warf dem Briten einen Blick der tiefsten Verachtung zu und fiel dann schweigend seiner harrenden Mutter und seinen Schwestern in die Arme.

»Ich bringe die Siegesbotschaft,« rief er der versammelten Menge zu, »die gerechte Sache hat triumphiert.«

Ein schönes, mit allen Kriegsbedürfnissen reichlich ausgerüstetes, von Siegen trunkenes Heer geübter Veteranen, die im zehnjährigen Kampfe mit den tapfersten Truppen der alten Welt den Sieg an ihre Fahnen gefesselt hatten, war von kaum der Hälfte freier Männer so völlig aufs Haupt geschlagen worden, daß es selbst das Feld zu halten nicht mehr imstande war. Nie war toller Übermut schärfer bestraft worden, als durch diesen letzten Schlag, der den stolzen Feind zu einer Zeit traf, wo er bereits den Frieden zu unterzeichnen für gut befunden hatte.

Kein Jubel, kein Frohlocken war jedoch unter der versammelten, größtenteils aus Frauen und Kindern bestehenden Menge zu hören. Als aber der Leutnant mit seinen Gefährten die Nachricht umständlicher vorgetragen hatte, gingen alle schweigend, ohne vorherige Abrede getroffen zu haben, dem Tempel des Höchsten zu, um ihm ihren Dank für einen Sieg darzubringen, der um so herrlicher war, als er dem Lande nur wenige Opfer kostete.

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