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Charles Sealsfield: Tokeah - Kapitel 37
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Sealsfield
titleTokeah
publisherHesse & Becker Verlag
editorFranz Fiedler
year
firstpub1828
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081213
projectid9fbec09f
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Fünfunddreißigstes Kapitel

Am folgenden Morgen nahm die Oberstin Rosa bei der Hand, und sie forschend anblickend, sprach sie mit einer milden, aber eindringenden Stimme:

»Liebe Miß Rosa! Sie haben gestern etwas getan, das uns alle sehr geschmerzt hat.«

»Rosa etwas getan, das Schmerzen verursacht hat?« versetzte das Mädchen, ihre Hände faltend.

»Und Sie fragen, Miß?« erwiderte die Dame, »nachdem Sie bei Nacht, ohne etwas zu sagen, aus dem Hause entwichen, zu den Wilden entwichen«, sprach sie mit stärkerer Betonung.

»Teure Mutter, ich bitte dich, heiße sie nicht Wilde. Es sind edle Menschen. Ihr habt ihnen viel Böses zugefügt.«

»Miß Rosa,« sprach die Dame, »darüber können Sie jetzt nicht urteilen. Sie werden es einst können. Bis dahin verschieben Sie Ihr Urteil und glauben Sie einstweilen meiner Versicherung, daß das Los, das diese Wilden niederdrückt, nicht unverdient ist. Jeder Mensch hat sein Schicksal in den Händen. Auch Sie, Rosa, haben es. Und darum bitte ich Sie, nie zu vergessen, daß Sie eine junge Dame sind, die sich nie etwas vergeben, am wenigsten aber den Anstand so sehr verletzen darf, um Wilde zur Nachtzeit zu besuchen.«

»Aber sie kamen, um Rosa abzuholen, und Rosa mußte zum Miko, ihrem Vater, gehen.«

»Vater«, rief die Dame unwillig. »Miß, wie können Sie den wilden, garstigen Indianer Ihren Vater nennen?«

»Rosa wird ihn nie anders nennen. Er ist Canondahs Vater. Sie wird ihn nie verlassen«; sprach sie mit leiser, demütiger, aber auch entschlossener Stimme.

»Wie, Sie wollen zu den Wilden gehen?« rief die Oberstin mit einem Abscheu, so unverhohlen, als wenn eine ihrer eigenen Töchter ihr diesen seltsamen Entschluß verkündet hätte. »Zu den Wilden?« rief sie nach einer langen Pause abermals, und mit gesteigertem Unwillen. »Unser Haus, die zivilisierteste Gesellschaft, wollten Sie verlassen? Wäre es möglich?« Sie warf einen langen, forschenden, beinahe mißtrauischen Blick auf das Mädchen. Nach diesem zu urteilen, schien sie nicht abgeneigt, diesen seltsamen Entschluß einer minder lautern Quelle zuzuschreiben, als die war, der er seinen Ursprung verdankte.

»Miß Rosa!« sprach sie mit einer feierlichen Stimme, »das edelste Geschöpf, das aus der Hand der Natur hervorging, ist das Weib. Sie duldet, sie leidet, wo der Mann nur genießt. Selbst ihre Freuden sind an Schmerzen geknüpft. Aber in ihrer Hand liegt das Schicksal des Geschlechtes, und ein tugendhaftes Mädchen, das sich pflichtbewußt zur Gattin bildet, ist eine achtunggebietende Erscheinung. Aber die tiefste Erniedrigung, Rosa, ist es, wenn ein weißes, freigeborenes Mädchen sich freiwillig einem – weniger als Barbaren – einem Wilden zu überliefern niedrig genug denkt. – Es ist tierische Erniedrigung,« sprach sie mit Abscheu, »weil bloß tierische Leidenschaft –« sie hielt inne; denn das Mädchen schrak sichtlich zusammen.

»Rosa«, sprach sie, »ist sehr unglücklich. Du sagst, es sei die tiefste Erniedrigung, sich den Wilden hinzugeben; wohin soll Rosa gehen? Bei euch«, seufzte sie, »ist sie nichts wert. Sie hat kein Gold. Sie ist arm. Ihr bietet sie, wie der Zwischenhändler sein Feuerwasser, dem öffentlichen Mitleiden an.«

Die Oberstin sah das Mädchen, dessen richtiger Blick so tief das Unzarte des Zeitungsartikels aufgefaßt und noch immer fühlte, betroffen an. »Es ist gefehlt worden,« sprach sie; »aber diese Unzartheit war gut gemeint, meine Tochter. Wir müssen manches dulden, was uns hart scheint, weil wir den Grund davon nicht einsehen.«

»Mutter!« sprach das Mädchen, »in meinem Herzen spricht eine Stimme, die mich nie irregeführt hat. Sie gebot mir, dem Miko zu folgen. Sie wird mir sagen, was ich zu tun habe. Aber bei euch würde die arme Rosa verlassen sein. Als der Miko«, fuhr sie mit leiser Stimme fort, »sich entschlossen hatte, in die Niederlassungen der Weißen zu gehen, da ward es in meiner Seele plötzlich helle. Ich verlangte mitzugehen. Rosa ist gegangen. Ach!« seufzte sie, »sie ist fremd unter euch. Als sie in der Hütte des Zwischenhändlers war, da gab man ihr Speise, weil der Miko Felle gab. Sie war fremd damals. Sie ist es wieder. Beim Miko war sie Tochter. Mutter!« rief sie überwältigt von ihren Gefühlen, »sei nicht grausam, entreiße der armen Rosa nicht das einzige, was sie auf der Welt besitzt, den Trost, den Miko zum Vater zu haben. Rosa hat nie ihren Vater gekannt; sie ist nie am Busen ihrer Mutter gelegen. O, es ist so wenig, um was sie dich bittet.«

Die Oberstin blickte das in tiefsten Schmerz versunkene Mädchen in sprachloser Rührung an. »Mein teures, verwaistes Kind!« sprach sie, »ich will dir Mutter sein. Eine Mutter läßt sich zwar nimmermehr ersetzen! aber mütterliche Freundin, Beschützerin will ich dir ganz sein.«

Der unglücklichen Waise war nun allmählich ihr Verlust, das Entbehren der Mutterbrust, des väterlichen Schutzes in den Kontrasten, die sie in ihrem kurzen Leben erfahren hatte, deutlich geworden. Es war aber nicht bloß Sehnsucht nach den entbehrten Vater- und Mutterarmen, die sich nun in dem Kinde so ergreifend äußerte. Sie hatte ihre Verlassenheit schon in der Hütte des Miko gefühlt; aber nie war sie sich derselben so deutlich, so schmerzlich bewußt geworden, als in ihren neuen Umgebungen und der freien Beweglichkeit und hinwiederum den eingezwängten Formen ihres neuen Kreises. An die rauhe Väterlichkeit des Miko gewöhnt, war diese ihrer demütigenden, von Liebe erquellenden, sich so gerne anschließenden Natur zum Bedürfnis geworden; jetzt aber fühlte sie sich nur unendlich einsam und verlassen.

»Ja, Rosa!« sprach die Oberstin, die gegangen und wieder zurückgekommen war, »du sollst meine Tochter sein. Der Indianer ist unsichtbar geworden, höre ich soeben. Möge er nie wiederkommen.«

»Er wird wiederkommen«; rief das Mädchen zuversichtlich. »Er wird kommen, um Rosen zu holen.«

»Ich zweifle«; erwiderte ihr die Oberstin, die es vielleicht nicht rätlich fand, das, was ihr als Starrsinn an dem Mädchen erscheinen mochte, gegenwärtig zu bekämpfen. »Es ist zwar sehr wenig an ihm gelegen; allein er hat des Bösen zu viel getan, um sich seinen gerechten, aber auch strengen Richtern nochmals zu stellen.«

»Er wird gewiß wiederkommen«; versicherte sie Rosa nochmals.

»Und warum ist er gegangen?« fragte die Oberstin. »Vielleicht sollte ich nicht fragen, da er deinem Herzen näher scheint als wir. Nur ist sein Verschwinden gegenwärtig auffallend. Rosa! ich hoffe, du wirst mir Vertrauen schenken, kindliches Vertrauen? Es hat das Verschwinden des Indianers einige Unruhe verursacht. Ich hoffe, nochmals sage ich es, du wirst in deiner Anhänglichkeit, die ich übrigens ehre, die Scheidelinie der Pflicht erkennen und das Vertrauen, das in dich gesetzt wird, nicht mißbrauchen.«

Nachdem sie diese Worte mild, aber ernst und eindringend gesprochen hatte, entfernte sie sich. Das Mädchen war in tiefes Nachdenken versunken dagestanden, über die seltsamen Worte sinnend. Die mysteriöse und plötzliche Entweichung der vier Indianer hatte wirklich am Bayou und in der Umgegend einige Unruhe verursacht, und die Frau des Obersten war ersucht worden, womöglich die Veranlassung dieses Unsichtbarwerdens des gefährlichen Unruhstifters aus seiner Pflegetochter herauszubringen. Ihr offener, zuversichtlicher Ton war jedoch ein hinlänglicher Beweis, daß sie keine Mitwissenschaft habe, was auch um so wahrscheinlicher schien, als es sich kaum denken ließ, daß die Wilden, im Falle sie wirklich etwas Feindseliges im Schübe führten, ihr ihre Absichten kundgetan haben würden. Bald verschmolz auch diese kleine Besorgnis in der großen Ungelegenheit, die nun alle ausschließlich zu beschäftigen anfing und in der man alles übrige vergaß. Solange nämlich die beiden Kompagnien unter dem Befehle des Kapitäns Percy noch am Bayou waren, schien man noch immer beruhigt. So unbedeutend die Anzahl der zurückgebliebenen Milizen war, so hatte doch der Umstand ihrer Nichteinberufung der Umgegend ein gewisses Gefühl von Sicherheit, von Vertrauen eingeflößt, das nun durch die plötzliche Order zum Abmarsche sehr erschüttert worden war. Es war eine fieberische Aufregung eingetreten, eine krampfhafte Spannung, die die Gemüter immer heftiger dann ergreift, wenn der Schauplatz der Gefahr entfernt und so der düstern Phantasie mehr Spielraum zu trüben Bildern gelassen ist, eine Art schaudernder Empfindung, die sich mehr oder weniger an den Zurückgebliebenen äußerte. Man sah sie in den ernst verschlossenen Gesichtern, den bedenklich ausforschenden, starren Mienen, dem häufigen Vergessen aller persönlichen Rücksichten und Vorteile, dem ängstlichen Zulaufen beim jedesmaligen Erscheinen eines Dampfbootes und dem bangen Verschlingen der Zeitungen, deren lakonisch geheimnisvolle Kürze nie peinlicher ward. Auch unsere Familie war von diesen fieberischen Schauern nicht verschont geblieben, und wenn durch das rege Stilleben, das auf der Pflanzung herrschte, die düstere Folie weniger stark hindurchschimmerte, so war dieses nicht so sehr einem Mangel an Teilnahme oder Gefühl, als vielmehr der Selbstverleugnung der würdigen Frau zuzuschreiben, die als Mutter und Gebieterin dem Hause vorstand. »Unsere Gatten und Söhne«, sprach sie zu ihren Töchtern und Rosen, »kämpfen für uns und unser Land. Uns hat die Natur eine nicht minder ehrenvolle Bestimmung angewiesen, die – durch häusliche Tätigkeit die Kräfte unserer Männer und Söhne in den Stand zu setzen, ihrer großen Bestimmung Genüge zu leisten; die würdigste Teilnahme, die das Weib äußern kann. Es geziemt dem freien Weibe nicht, sich von Empfindungen überwältigen zu lassen; denn es ist nicht niedergedrückt durch das erschütternde Phantom eines übermütigen Tyrannen, der ihre Lieben von ihrem Busen reißt und einem dunkeln Verhängnisse zustößt; es kennt die Gefahr und die Notwendigkeit, ihr zu begegnen.«

Aber ungeachtet dieser männlich starken Gründe wurde die Prüfung auch für sie allmählich zu schwer, und sonderbarerweise suchte sie bei unserem liebenden Naturkinde Trost und Ermunterung. Jeden Tag, jede Stunde fühlte sie sich mehr und mehr angezogen, und der beiderseitige Anklang von Schmerz und Entbehrung schien sie nun wirklich zu einem Gliede der Familie zu machen. So verlief eine Woche.

Es war an einem sonnigen Mittage, daß Rosa am Bayou in sinnender Betrachtung stand, dem Gesange der in der Kottonpresse arbeitenden Neger zuhorchend, wie sie ihr eindringend wehmütiges Talla-i-hoe herübertönen ließen. Es ist ein ergreifend melancholischer Gesang, wie er in seinen tiefen Baßtönen und dem klagenden Tenor in langen Kadenzen an das Ohr schlägt. Allmählich verstummten die Stimmen eine nach der andern, dann erhoben sie sich wieder, und ein Chor von vierundzwanzig Männern brach in den schönen Negergesang Bulla-tai aus. Auch dieser war verklungen. Rosa stand aber noch immer, ohne zu bemerken, wie die Oberstin mit ihren Töchtern herantrat.

»Weißt du, liebe Rosa,« sprach sie, »daß dieser Schmerz, dem du dich überläßt, selbstisch ist, daß wir uns nie ganz einer Wehmut überlassen dürfen, die unsere Kräfte aufzehrt?«

»Es ist nicht Schmerz, Mutter; es ist etwas ganz anderes. Etwas Großes, etwas Wichtiges, das dir Rosa zu verkünden hat.«

»Etwas Großes«; sprach die Dame, die aufmerksam wurde; denn die Züge des klaren, idealen Gesichtes der Sprecherin schienen außerordentlich bewegt.

»Ja,« sprach sie, »es ist eine wichtige Stunde diese, in der viel entschieden wird. Der gute Gott wird sie tröstend für dich werden lassen; Mutter, er ist gut und milde. Sei auch du es, Mutter! ich bitte dich.«

»Wie kann ich es, liebe Rosa«; sprach die bewegte Dame.

»Du kannst es. Sei milde gegen das arme Weib, deren Mann im Gefängnisse schmachtet. Die Stunde, in der Rosa dich bittet, ist wichtig. Gewähre ihr, so wird sie dir sagen –«

»Und was wird Rosa sagen?« fragte die Oberstin das sinnend horchende Mädchen. »Deine Bitte ist gewährt; ich will die Bürgschaft übernehmen.«

Das Kind drückte die Hand der Dame freudig an den Busen. »Rosa dankt dir, teure Mutter!« sprach sie mit Hoheit. »Dafür will sie dir etwas sagen. In dieser Stunde schlagen die Eurigen die Schlacht«; flüsterte sie leise, aber bestimmt.

Mutter und Töchter lächelten ungläubig.

»Kommt,« sprach sie; »hier hören wir nichts.« Sie eilte voran an das untere, südliche Ende des Parkes, stellte die drei Damen in einen Halbzirkel und beugte sich dann in der Richtung des Luftzuges.

Es war diesen Morgen ein ungemein dichter Nebel über der ganzen Gegend gelegen. Gegen Mittag jedoch fing ein starker Südwind an vom Strome heraufzuwehen, und die Kraft der Sonne, die selbst Januartage in diesem Lande zu so herrlich milden Erscheinungen macht, hatte allmählich die Atmosphäre in eine zitternd elastische Bewegung versetzt. Von den fernen Pflanzungen her waren noch einige Chöre der Neger zu hören. Allmählich schwiegen jedoch diese, und die Natur schien mit den armen Schwarzen ihre Feierstunde zu halten.

»Ich höre nichts«, sprach die Dame, »als den Windzug,« setzte Virginie hinzu; »und das knarrende Gekrächze der alten Bidi«, meinte Gabriele.

»Ihr habt nicht in dem schweigenden, stillen Wigwam am Natchez gelebt«, lächelte Rosa. Sie horchte wieder und schauerte dann zusammen. »Das sind fürchterliche Schüsse.«

»Hörst du wirklich etwas?« riefen die drei erblassenden Damen.

»Gewiß, ich höre jeden Schuß, viele Schüsse fünfzehn, zwanzig auf einmal. Jeder gleicht dem entfernten Rollen des Donners.«

»Es ist nicht möglich«, meinte die Oberstin. »Es sind nahe an hundertundachtzig Meilen. Zwar der Wind kommt vom Balize herauf – kein Gebirge – die Ufer liegen offen.« »Ich komme soeben vom Strome«, sprach der junge Copeland mit einer leichten Verbeugung. »Ein sonderbarer Vorfall: die beiden Indianer, die wir seit der Entweichung des Alten in Haft zu setzen genötigt waren, brachen plötzlich los; aber statt zu entfliehen, stehen sie nun am Ufer, die wunderlichsten Verzerrungen schneidend. Ich glaube, die Leute hören etwas.«

»Es ist die Schlacht, liebe Mutter. Komm, liebe Mutter! Virginie und Gabriele! zu Ochtitlan, und mein Bruder wird dem armen Manne seine Freiheit verkünden.«

»So sei es denn«, sprach die Oberstin, die sich von der natürlichen Beweglichkeit des Mädchens hingerissen fühlte. »Mister Copeland gehen Sie zu Squire Brown und sagen Sie ihm, daß wir Bürgschaft für Madiedo stehen.«

Der junge Mann sah die Frau verwundert an.

»Gehe, gehe, lieber Bruder!« trieb ihn Rosa vorwärts, »und komme dann.«

»Sehr gerne, Schwesterchen«; sprach dieser, der rasch den Weg zum Städtchen einschlug, während die Damen dem Strome zueilten. Schon von weitem erblickten sie die Indianer, umgeben von einer Gruppe von Männern, Weibern und Kindern. Einer derselben lag in dem Winkel der Erdzunge, die hier durch das aus dem Mississippi tretende Bayou gebildet wird, auf dem Boden, während der andere die Neugierigen, die mehr und mehr herbeikamen, in einen Halbzirkel ordnete. Ein leises, kaum merkbares Säuseln kam vom Süden herauf, das aber bei weitem von dem Rauschen der Wogen übertäubt wurde. Allmählich hatte das sonderbare stumme Schauspiel eine bedeutende Anzahl von Menschen angezogen. Als die Indianer Rosen ersahen, sprangen sie mit der lebhaftesten Freude auf sie zu und sprachen einige Worte im Pawneedialekte, mit der Glut der höchsten Leidenschaft. Ihr ganzes Wesen hatte eine kriegerische Wut angenommen.

»Es ist die Schlacht«, sprach diese. »Die Cumanchees hören sie deutlich. Sie sagen, es ist eine schreckliche Schlacht, die die Weißen schlagen. Viele tausend große und kleine Feuerschlünde speien ihre eisernen und bleiernen Kugeln aus.«

Der Indianer warf sich auf den Boden und gab Zeichen.

»Sie stehen noch immer auf demselben Orte«, sprach sie. »Nun brüllen die Feuerschlünde weniger.«

»Nun brüllen sie stärker«; rief sie nach einer Weile.

»Nun zittert die Erde. Zwanzig der großen Feuerschlünde brüllen auf einmal.«

»Gott segne Sie, Madame!« rief plötzlich eine Stimme hinter ihnen. Es war der Spanier oder Mexikaner Madiedo, alias Benito, mit seinem Weibe.

Die Oberstin winkte ihnen Stillschweigen zu und deutete auf Rosen. »Danken Sie es dieser«; sprach sie leise.

Der Mann faßte sie einige Augenblicke ins Auge, und sein sprachloses Erstaunen schien ihm die Worte auf der Zunge zu fesseln. »Um Gottes willen, wer sind Sie, Miß? um Vergebung!«

»Rosa«, sprach das Mädchen verwundert.

»Rosa!« erwiderte der Mann. »Mein Gott, wie sie leibt und lebt. Unbegreiflich!« rief er.

Die Indianer waren während dieses Zwiegespräches ungeduldig geworden. Der auf dem Boden Liegende hatte sich aufgerichtet und stand gleichgültig da, ohne ferner seine Beobachtungen fortzusetzen. Das Gespräch, obwohl leise geführt, hatte es ihnen unmöglich gemacht, etwas weiter zu hören.

»Die Schlacht, Madame und meine schönen Misses,« rief ein junger Mann in der englischen Offiziersuniform, aber mit dem knarrenden irischen Dialekte, »bei St. Patrik! Wer das sagt, muß die Ohren eines Midas haben. Wissen Sie, meine schönen Damen, daß wir auf einem ihrer Dampfschiffe volle achtzehn Stunden brauchten, und sie gehen wie die besten englischen Postpferde. Eine schöne Erfindung, Madame, die Ihnen Ehre macht.« Die Oberstin sah den dreisten jungen Mann verwundert unwillig an.

»Leutnant Connaught!« sprach der junge Copeland, »wollen Sie so gefällig sein, mir auf ein Wort zu folgen?«

»Ein andermal«, rief der Irländer, der sich recht wohl zu befinden schien, obgleich ihm alle Damen den Rücken gewendet hatten. »Diese Wilden«, fuhr er fort, »haben übrigens ein feines Gehör, und es ist zehn gegen eins zu wetten, daß wir bei dieser Zeit die Hauptstadt genommen haben und die Unsrigen auf dem Hermarsche sind. In diesem Falle, meine Damen, können Sie sich auf den Schutz Leutnant Connaughts verlassen. Darf ich so frei sein. Ihnen meinen Arm anzubieten, schöne Miß?« sprach er zu Virginien.

Statt der jungen Dame bot ihm Mister Copeland den seinigen an, und ohne ein Wort weiter zu verlieren, zog er ihn einer Gruppe kriegsgefangener Offiziere zu, die mehr bescheiden in einiger Entfernung am Stromufer standen.

Sowie der Irländer entfernt war, warf sich der Cumanchee wieder zur Erde und gab neuerdings denselben regelmäßigen Bericht von der Schlacht durch Zeichen, zuweilen wisperte er Rosen einige Worte zu, die sie dann der Oberstin und der versammelten Menge mitteilte. Die Umstehenden standen starr in atemloser Stille. Jeden Augenblick mehrte sich die Menge; sie kamen auf den Zehen geschlichen und gingen, kamen wieder und standen, alles um sich her vergessend. Stunden waren so verstrichen, die Sonne sank bereits hinter die westlichen Wälder, und noch standen alle versammelt. Plötzlich fuhr der Indianer zusammen und sprang mit allen Symptomen des Entsetzens auf.

»Es war ein schrecklicher Donner«, rief Rosa.

Wieder warf er sich zur Erde, lag noch eine Viertelstunde und stand dann gelassen auf. Beide Wilde nahmen Abschied von Rosa und folgten der Wache, die sie ihrer Haft zuführte.

»Madame!« sprach der Wirt, Madiedo die Oberstin an, als diese nun mit ihren Töchtern und Rosa den Heimweg betrat. »Darf ich Sie um einen Augenblick Gehör bitten?«

»Nicht heute, Monsieur Madiedo«, sprach die Dame.

»Nur zehn, nur fünf Minuten. Es betrifft die junge Dame«, auf Rosa deutend.

»Kommen Sie denn in einer halben Stunde.«

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