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Charles Sealsfield: Tokeah - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Sealsfield
titleTokeah
publisherHesse & Becker Verlag
editorFranz Fiedler
year
firstpub1828
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081213
projectid9fbec09f
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I.

Ich zittere für mein Volk, wenn ich der Ungerechtigkeiten gedenke, deren es sich gegen die Ureinwohner schuldig gemacht hat.
Jefferson.

Canondah

Erstes Kapitel

An der Straße, die sich vom Städtchen Coosa nach der Hauptstadt von Georgien, Milledgeville, hinabwindet, und nahe dem Platze, wo gegenwärtig der Gasthof gleichen Namens den ermüdeten Reisenden zur Ruhe einladet, stand vor ungefähr dreißig Jahren unter einem Felsenvorsprung, auf welchem einige Dutzende roter Zedern und Fichtenbäume wurzelten, ein rauh aussehendes, mäßig großes Blockhaus. Vor demselben erhob sich ein Gerüst, das aus zwei mannsdicken Balken bestand, verbunden durch Querpfosten, zwischen welchen ein ungeheures Schild hin und her schwebte, das bei näherer Besichtigung eine groteske Figur im grellsten Farbenschmucke wahrnehmen ließ, deren Diadem von Federn, Tomahawk, Schlachtmesser und Wampum wahrscheinlich einen indianischen Häuptling bezeichnen sollte. Unter dem Schild war mit Buchstaben, ägyptischen Hieroglyphen nicht unähnlich, gekritzelt: Einkehr für Mann und Tier. Zur rechten Seite des Hauses oder vielmehr der Hütte und näher dem Fahrwege waren von Balken gezimmerte Verschläge, vom Wege nur durch eine breite Kotpfütze getrennt, und mit Haufen von Stroh und Heu angefüllt, aus denen hier und da Überreste schmutzigen Bettzeuges hervorschauten und so erraten ließen, daß diese Gemächer nicht nur für das liebe Vieh, sondern auch jene Reisenden bestimmt seien, die ihr Unstern bemüßigte, hier Ruhe und Nachtlager zu suchen. Ein paar Kuh- und Schweineställe bildeten das Ganze dieser Hinterwäldleransiedlung.

Es war eine stürmische Dezembernacht, der Wind heulte furchtbar durch den schwarzen Fichtenwald, an dessen Abhange die Hütte gelegen war, und das schnell aufeinander folgende Krachen der Baumstämme, die der Sturm mit donnerähnlichem Getöse zur Erde brachte, verkündete einen jener wütenden Orkane, die so häufig zwischen den Blue Mountains von Tennessee und dem flachen Mississippilande ihren Zug nehmen, und auf diesem – Wälder, Hütten und Dörfer mit sich führen. Mitten in diesem tobenden Sturme ließ sich ein leises Tappen an dem Fensterladen der oben beschriebenen Hütte vernehmen, dem bald darauf ein starkes Pochen oder vielmehr heftige Schläge folgten, die die Balken, aus welchen die Hütte gezimmert war, in ihren Grundfesten erschütterten. Nicht lange nach dieser Aufforderung öffnete sich die Tür zur Hälfte, ein Kopf streckte sich heraus in die finstere Nacht, als wollte er den Grund rekognoszieren, während in demselben Augenblicke der Schaft eines Karabiners vorrückte, zweifelsohne um dem Inwohner die fernere Mühe des Öffnens zu ersparen. Zu gleicher Zeit trat eine lange Gestalt heran, riß die Türe weit auf und schritt mit starken Schritten in die Stube, wo sie vor dem Feuerplatze ihren Sitz nahm, hinter ihr drein eine Gruppe von Wesen, die halb schreitend, halb trabend ihrem Führer in einer Linie und im tiefsten Schweigen folgten.

Es dauerte ziemlich lange, bis ungefähr zwanzig dieser Nachtgestalten in die Hütte eingedrungen waren. Als der Zug sein Ende erreicht hatte, schloß sich die Türe wieder; ein kolossaler Mann näherte sich dem Feuerplatze, wo ein dicker Klotz noch glimmte, warf einige Scheite darauf und zündete einen der Pechspäne an, die in einem Haufen in der Nähe lagen, dann, auf den Schenktisch gemessenen Schrittes zutretend, ergriff er ganz ruhig ein Talglicht und setzte es angezündet auf den Tisch.

Das kunstlose – beinahe rohe Innere der Hütte, so ganz dem Äußern entsprechend, ließ sich nun deutlicher im düstern Schein des Talglichtes – und des allmählich auflodernden Feuers ersehen. Auf einem Stuhle vor dem Feuerplatze saß der Mann, der zuerst eingetreten war, eine blutbefleckte Wolldecke über den ganzen Leib geworfen, so daß Gesicht und Gestalt verhüllt waren. Hinter ihm auf dem Lehmboden kauerte eine Gruppe von zwanzig Indianern auf ihren Hüften, ihre Schenkel ineinander verschlungen, ihre Gesichter gleichfalls in ihre nassen Wolldecken gehüllt, an denen große Blutflecken anzudeuten schienen, daß der Charakter der Expedition, von der sie kamen, ziemlich blutig gewesen sei.

Gegenüber dem Feuerplatze stand in der Ecke der Schenktisch, hinter dessen Gitterwerk ein Dutzend schmutziger Flaschen und noch schmutzigere Gläser und Krüge aufgestellt waren. Drei blau angestrichene Fäßchen mit der Überschrift French Brandy, Gin, Monongehala standen eine Stufe tiefer. Ein Haufen von Hirsch-, Biber-, Bären- und Fuchsfellen zur linken Seite reichte beinahe bis zum Geländer und zeugte von lebhaftem Verkehr mit der kupferfarbigen Rasse. Zunächst diesem erhob sich ein ungeheures Himmelbett, umringt von drei niedrigern Bettstellen und einer Wiege oder vielmehr einem Troge, einem Fragment von einem hohlen Baume, an dessen Ende Stücke von Brettern genagelt waren. In diesen verschiedenartigen Behältnissen genoß die Familie des Gastgebers, den lauten, ziemlich groben Lungentönen nach zu urteilen, einer unerschütterlichen und vollkommenen Ruhe. Die Wände der Stube zeigten die rohen und unbehauenen Baumstämme, deren einzige Ornamente breite Streifen von Lehm waren, welche die Zwischenräume ausfüllten.

In dieser Stube nun, die, nach ihren mannigfaltigen Bestimmungen zu schließen, der Leser sich ziemlich geräumig vorstellen muß, sah man den Wirt beschäftigt, die Stühle und Bänke, die die Eindringer ohne weiteres über den Haufen geworfen hatten, wieder in Ordnung zu bringen, und dies ganz in der ruhigen, kalten, trotzigen Manier, die einen hätte vermuten lassen sollen, seine Gäste seien eher Nachbarn, als soeben von einer blutigen Expedition zurückgekehrte Wilde, vielleicht gekommen, seinen und der Seinigen Bälge als Zugabe zu ihrer Expedition mit sich zu nehmen. Nachdem er den letzten Stuhl an seinen Ort gestellt, setzte er sich selbst zunächst dem Manne, der als Führer der Bande den Platz im Vordergrunde genommen hatte.

Einige Minuten mochten so beide gesessen sein, als der letztere sich aufrichtete und einen Teil seines Hauptes entblößte, dessen andere Hälfte mit einem Stücke von Kaliko verbunden war, an dem kleine Knoten geronnenen Blutes gleich Fransen hingen. Der Hinterwäldler warf einen Seitenblick auf den Indianer, wandte jedoch sein Auge in der nächsten Sekunde dem knisternden Feuer zu.

»Hat mein weißer Bruder keine Zunge?« nahm endlich der Indianer das Wort, »oder läßt er sie warten, um sie desto besser zu krümmen?«

Die letzten Worte waren in einem tiefen, höhnischen Kehlentone gesprochen.

»Er will anhören, was der Häuptling sagen wird«, erwiderte mürrisch-trocken der Amerikaner.

»Gehe und rufe dein Weib«, sprach der Indianer in demselben tiefen Baßtone.

Der Wirt erhob sich, wandte sich gegen das gewaltige Ehebett und sprach, nachdem er die Vorhänge auseinander getan, mit seiner Frau, die sich im Bette aufgerichtet und wie es schien, eher neugierig als ängstlich, der kommenden Dinge geharrt hatte. Nach einem kurzen Zwiegespräch kam das Weib aus ihrem Hinterhalte. Sie war eine derbe Dame, breitschulterig und vollgewichtig, mit einem Zuge in ihrem eben nicht sehr zart geformten Gesichte, der deutlich aussprach, daß sie nicht leicht außer Fassung gebracht werden könne. Ihr Überrock von Linsey-Woolsey, für täglichen und nächtlichen Gebrauch bestimmt, hob ihre gewaltige Gestalt noch mehr heraus, als sie festen Schrittes und beinahe aufgebracht neben ihrem Ehemanne heranschritt. Die drohende Ruhe ihrer Besucher jedoch, ihre blutigen Köpfe und Wolldecken, nun erhellt durch die hochaufschlagende Flamme, erschienen so üble Vorbedeutungszeichen, daß das gute Weib sichtlich zusammenschrak. Ihre ersten Schritte, die rasch und zuversichtlich auf die Indianer gerichtet waren, begannen zu wanken, und mit einem unwillkürlichen Schauder drehte sie sich nach der Seite, wo ihr Mann wieder seinen Sitz genommen hatte. Eine Minute verging in düsterm Schweigen.

Der Indianer erhob nun sein Haupt, ohne jedoch aufzublicken, und sprach im strengen Tone: »Höre, Weib, was ein großer Krieger dir sagen wird, dessen Hände offen sind und der das Wigwam seines Bruders mit vielen Hirschhäuten füllen wird. Für dieses wird er bloß wenig von seiner Schwester verlangen, und dieses wenige mag sie leicht geben. Hat meine Schwester,« fragte der Indianer mit erhöhter Stimme, einen Blick auf das Weib richtend, »hat sie Milch für eine kleine Tochter?«

Das Weib sah den Indianer verwundert an.

»Will sie«, fuhr dieser fort, »ein weniges von ihrer Milch einer kleinen Tochter geben, die sonst wegen Mangels sterben würde?«

Die Züge des lauschenden Weibes heiterten sich in dem Maße auf, als es ihr klar zu werden anfing, daß der Indianer etwas von ihr wolle und es also in ihrer Gewalt stände, eine Gunst zu gewähren oder auch zu versagen. Sie dehnte sich von der Seite ihres Ehemanns dem Indianer zu und schien mit Sehnsucht nähere Aufschlüsse über eine so sonderbare Zumutung zu erwarten.

Der Indianer, ohne sie im mindesten eines Blickes zu würdigen, öffnete die weiten Falten seiner Wolldecke und zog ein wunderschönes Kind, in kostbare Pelze gehüllt, hervor.

Das Weib stand einige Augenblicke wie erstarrt über die liebliche Erscheinung; Verwunderung und Erstaunen schienen ihre Zunge gefesselt zu haben. Neugierde jedoch, dieses liebliche Wesen näher zu besehen und vielleicht Muttergefühl lösten nun auf einmal diese.

»Guter Gott!« rief sie, während sie beide Hände ausstreckte, das Kind zu empfangen. »Guter Gott! Was für ein lieblich, wunderlieblich kleines Ding und guter Eltern Kind muß es auch noch sein. Ihr könnt Euch drauf verlassen. Schwören wollte ich. Schaut nur einmal die Felle und die feinen Spitzen. Habt Ihr in Euerm Leben so etwas gesehen? Wo habt Ihr das Kind her? Armes, kleines Ding! Jawohl will ich's füttern. Es ist ja kein rotes Kind.«

Die Dame schien guter Lust zu sein, ihrer Verwunderung noch eine Weile freien Lauf zu lassen; ein bedeutsamer Wink ihres Mannes jedoch schloß ihr den Mund. Der Häuptling, ohne sie der geringsten Aufmerksamkeit zu würdigen, entfaltete das blaue Fuchspelzchen, streifte es dem Kinde ab und schickte sich an, es aus dem Überröckchen zu ziehen. Es war ihm nach einiger Mühe gelungen, dem Kinde auch dieses abzuziehen; allein ein drittes, viertes und fünftes erschien, in welche die Kleine gleich wie ein Seidenwurm in seine Kokons eingehüllt war. Der Indianer verlor mit einem Male die Geduld und sein Schlachtmesser ergreifend, schnitt er dem Kinde die drei noch übrigen Kleidchen vom Leibe, es dann nackt der Wirtin hinhaltend.

»Eingefleischter Satan!« kreischte das schaudernde Weib, indem sie das Kind mit Gewalt aus seinen Händen riß.

»Halt!« sprach der Indianer, kalt und unbeweglich auf den Hals des Kindes blickend, von dem ein goldnes Kettchen mit einer kleinen Medaille hing. Das Weib, ohne ein Wort zu sagen, streifte die Kette dem Kinde über das Köpfchen ab, warf sie dem Indianer ins Gesicht und eilte ihrem Bette zu.

»Der Teufel ist in dem Weibe«, brummte der Wirt, nicht wenig, wie es schien, über ihre Heftigkeit beunruhigt.

»Der rote Krieger«, sprach der Indianer in unerschütterlicher Ruhe, »wird mit Biberfellen die Milch seiner kleinen Tochter bezahlen; aber er will behalten, was er aufgelesen hat, und die Türe muß sich öffnen, wenn er um das Kind anruft.«

»Aber,« versetzte der Wirt, dem es nun auf einmal einzuleuchten schien, daß eine nähere Erklärung nicht überflüssig sein dürfte, »aufrichtig gesagt, ich gebe nicht viel darum und behalte das Kind, obwohl ich, Gott sei Dank, deren selbst erklecklich habe. Aber sollten nun die Eltern kommen, oder der weiße Vater von dem Kinde hören, was dann? Der rote Häuptling weiß, seine Hände reichen weit.«

Der Indianer hielt eine Weile inne und sprach dann in einem bedeutsamen Tone: »Des Kindes Mutter wird nie wieder kommen. – Die Nacht ist sehr dunkel. – Der Sturm braust sehr stark. – Morgen wird nichts von den Fußstapfen der roten Krieger zu sehen sein. – Es ist weit zu den Wigwams des weißen Vaters. – Hört er von dem Kinde, dann hat mein weißer Bruder ihm davon gesagt. – Nimmt er es, so wird der rote Häuptling die Kopfhäute der Kinder seines weißen Bruders nehmen.«

»Dann nimm dein Kind wieder zurück, ich will nichts damit zu tun haben«, sprach der Hinterwäldler im entschlossenen Tone.

Der Indianer zog sein blutiges Messer und warf einen erwartenden Blick dem Bette zu, hinter dessen Vorhängen das Kind verschwunden war.

»Wir werden dafür Sorge tragen, niemand soll etwas davon erfahren«; kreischte das erschrockene Weib.

Der Indianer steckte sein Schlachtmesser wieder ruhig in den Gürtel und sprach: »Die Kehlen der roten Männer sind trocken.«

Von dem Bette herüber ließ sich ein Gemurmel hören, das dem christlichen Wunsche nicht unähnlich klang, jeder Tropfen möge den Bluthunden zu Gift werden: der Wirt jedoch, weniger von der rachedürstenden Menschlichkeit seiner Ehehälfte beseelt, eilte ziemlich schnell dem Schenktische zu, um den Forderungen seiner Gäste Genüge zu leisten. Der Häuptling trank sein halbes Gillglas Whisky sitzend und auf einen Zug aus, dann ging es in der Runde herum. Nachdem die sechste Flasche geleert war, erhob ersterer sich plötzlich, warf ein spanisches Goldstück auf die Tafel, öffnete die Vorhänge des Bettes und hing dem Kinde eine Halskette von Korallen um, die er aus seinem Wampumgürtel gezogen hatte.

»Die Muscogees werden die Tochter eines ihrer Krieger erkennen«, sprach er, seinen Blick auf das Kind heftend, das nun ruhig am Busen der Wirtin in seinem neuen Flanellröckchen lag. Noch einen zweiten Blick warf er auf das Kind und das Weib, und dann wandte er sich stillschweigend der Türe zu und verschwand mit seinen Gefährten in der finstern Nacht.

»Der Windstoß ist vorüber«; sprach der Wirt, der den Indianern durch die Türe nachgesehen hatte, als sie sich hinab zu ihren Birkenkanus an dem Coosa stahlen.

»Ums Himmels willen! Wer ist dieser eingefleischte rote Teufel?« unterbrach ihn sein Weib, tiefen Atem holend und unwillkürlich aufschaudernd.

»Hush, Weib! halt dein Maul, bis der Coosa zwischen deiner Zunge und den Notfellen ist. Es ist kein Spaß. Ich versichere dich.«

Mit diesen Worten schloß er die Türe und näherte sich mit dem brennenden Lichte dem Bette, wo sein Weib dem Kinde die Brust gab.

»Armes Ding,« sprach er, »könntest du, du würdest wahrlich eine Geschichte kundtun, vor der einem die Haare zu Berge stehen möchten. Ja, und sie mag uns auch unsere Haut kosten. Es ist nicht alles, wie es sein sollte. Diese roten Teufel waren auf einer Skalpexpedition. Das ist nun so gut als richtig. Aber wo sie waren, das weiß der Himmel. Wohl, wären sie noch dem Spanier über den Hals gekommen,« fuhr der Mann fort, wechselweise den Säugling und das Goldstück betrachtend, »ich scherte mich den Henker drum, aber so –.«

Mit diesen Worten warf er sich wieder ins Bett. Aber es verging eine lange Stunde, ehe der Schlaf über ihn kam. Der Vorfall schien ihm Ruhe und Rast geraubt zu haben.

Kapitän John Copeland, dies war der Name und Charakter des Schenkwirtes zum Indianischen Häuptling, war einer jener befugten Zwischenhändler, die seit zwei Jahren sich in dem Lande der Creeks unter dem Patronate der Zentralregierung und unter dem unmittelbaren Schutze des unter den Indianern residierenden Agenten niedergelassen hatten. Er hatte sich mit Hilfe von fünfzig Dollar die Sammlung obenbenannter Branntweinfässer angeschafft, seine Familie mit zwei neuen Sprößlingen, seine Habe aber bereits um das Zwanzigfache vermehrt und befand sich nun, ein Mann zwischen dreißig und vierzig, so wohl, als es nur immer einer sein konnte, der, um in der Landessprache zu reden, breitschulterig und vierschrötig in seinen eigenen Schuhen stand. Niemanden über sich, jeden, der nicht Bürger war, unter sich achtend, verband er klugermaßen gerade so viel Kneipenwitz mit seiner Kapitänswürde, als seinen ernsten Gästen und scharfen Falkenaugen zuzusagen schien. Obgleich nun aber das ganz gedeihliche Wesen John Copelands und all sein Dichten und Trachten, mehr darauf gerichtet waren, sich die Bälge der Indianer auf gute Art zuzueignen, als seinen eigenen – und die seiner Familie zu erhalten, welche, die Wahrheit zu gestehen, nicht viel besser daran waren, gewiß nicht sicherer, als die der hart zu erlangenden Biber, so war nichtsdestoweniger in ihm ein zwar dunkles, mehr instinktartiges, aber desto richtigeres und festeres Pflichtgefühl, das nicht angestanden haben würde, Biber- und andere Felle aufzuopfern, wenn das Wohl seines Landes oder seiner hinterwäldischen Mitbürger im Spiele stand. Die Verhältnisse dieser Hinterwäldler aber mit ihren kitzligen wilden Nachbarn waren von jeher gespannt gewesen. Zwar hatten die Creeks viele Jahre hindurch mit den Amerikanern oder, eigentlich zu sprechen, mit den Bewohnern des Staates Georgien, in scheinbar gutem Einvernehmen gestanden. Sie hatten nicht nur den Agenten, den die Zentralregierung gesandt, mit allen Zeichen der Achtung aufgenommen und so die Oberherrschaft des großen weißen Vaters, wie sie den Präsidenten der Vereinigten Staaten zu nennen pflegen, anerkannt; sie hatten sich auch sogar willig gezeigt, jenen Absichten entgegenzukommen, die die Regierung und ihr Agent zur Förderung ihrer bürgerlichen und moralischen Kultur zu verwirklichen angefangen hatten. Aber trotz diesen günstigen Anzeichen wechselseitigen Zutrauens gab es hundert unangenehme Berührungspunkte, die zu Samen künftiger oder naher Zwietracht werden konnten und mußten und die dem scharfen Auge unsers Kapitäns nicht wohl entgehen konnten. Die verschiedenen Friedensschlüsse, die diesen Indianern von den Weißen, wie sie die Amerikaner nannten, abgenötigt worden waren, hatten sie allmählich des größern und bessern Teiles ihres angestammten Besitztums beraubt. Dieses Besitztum hatte sich einst über den größern Teil von Georgien und Florida, die heutigen Staaten von Alabama und Mississippi, erstreckt. Sie hatten sich in diese Abtretungen, obwohl sie Beraubungen nicht unähnlich sahen, mit Gleichmut und in der Hoffnung gefügt, wenigstens dasjenige, was ihnen übriggeblieben, in Frieden zu genießen. Einige Zeit, besonders während des Revolutionskrieges und der ersten zehn darauffolgenden Jahre hatte man sie auch in Ruhe gelassen. Die Bürger Georgiens, kaum imstande, sich der auswärtigen Feinde zu erwehren und ihre eignen Felder zu pflügen, hatten sich weislich gehütet, die schlummernden Wilden zu wecken. Die achtzehn Jahre jedoch, die seit der Beendigung des Freiheitskampfes verflossen waren, hatten allmählich die tiefen Wunden geheilt, die Krieg und Verheerung diesem Staat geschlagen; mit der beinahe verdoppelten Bevölkerung war auch das Bedürfnis gestiegen, sich im üppigen Westen auszubreiten. Die rüstige Jugend begann daher sehnsüchtige Blicke auf die fetten Walnuß- und Ahornniederungen zu werfen, die sich in den herrlichen Talweiten der Coosa- und Oconeeflüsse erstrecken. Nicht lange währte es, und die Überzügler kamen häufiger und häufiger mit Wagen und Pferden, Weibern und Kindern, ihren Rindern und ihrer Habe, um sich die besten Stellen des Landes auszusuchen, ohne sich um Rechtstitel oder Besitztum im mindesten zu kümmern. Dieser rechtlose Zustand hatte nur wenige Monate vor dem nächtlichen Ereignisse Veranlassung zu einer ernsten Streitigkeit wegen des Besitzes der Ländereien am Oconeeflusse gegeben. Zwar wurde diese noch durch Vermittlung der Zentralregierung beigelegt, aber der Vergleich, weit entfernt die Gemüter zu beruhigen, hatte vielmehr einen giftigen Stachel in den Herzen der Indianer zurückgelassen. Derselbe Häuptling der Creeks, der sich hatte verleiten lassen, diesen herrlichen Landstrich abzutreten, war seiner Abstammung nach gemischter Rasse, und seine Mutter eine Amerikanerin. Dieser Umstand würde schon allein hinreichend gewesen sein, das Mißtrauen der Indianer in einem hohen Grade aufzuregen, selbst wenn sich nicht ein bedeutender Stamm dieses Volkes durch den Vertrag beeinträchtigt gefühlt haben würde; letzteres war jedoch wirklich in einem schreienden Grade der Fall gewesen, und gerade der Hauptstamm dieses ausgezeichneten Volkes, mit einem Abkömmlinge der alten Mikos oder Könige der Oconees, war durch diesen Vertrag mit seinem ganzen Stamme land- und heimatlos geworden. Dieser Miko nun stand im Rufe, der bitterste Feind der Weißen zu sein. Seine Unbeugsamkeit und Hartnäckigkeit waren zum Sprichworte geworden. Sein Einfluß, hieß es, sei unbeschränkt in seinem Stamme, und überwiegend im Rate der ganzen Nation, die nun für den Besitz ihres noch übrigen Gebietes mit Recht besorgt wurde.

Gekränkt und gedrückt in seinen Rechten, wie der heimatlose stolze Wilde sich fühlen mußte, bedurfte es nur wenig, um die glimmende Flamme der Unzufriedenheit zum Ausbruche zu bringen. Ein Krieg, so hoffnungslos er für die Unterdrückten am Ende auch sein mußte, war jedoch eine fürchterliche Geißel für die zerstreuten weißen Ansiedler in diesen Hinterwäldern. Der Tod war das Geringste, was sie von Menschen zu erwarten hatten, deren Rache und Blutdurst durch eine lange Folgenreihe von Unterdrückungen so furchtbar aufgeregt waren. Der Kapitän hatte daher ziemlich starke Gründe zum Nachsinnen erhalten, und vertraut mit dem grausamen Charakter des Volkes, unter welchem er lebte, mußte ihm die zweideutige Ruhe, die seit einiger Zeit herrschte, mehr als bedenklich erscheinen. Die Nachtszene erschien ihm wie eine Andeutung und seine Besorgnis war in voller Stärke erwacht. Welches der Entschluß war, den er gefaßt hatte, werden wir bald sehen.

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