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Charles Sealsfield: Tokeah - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Sealsfield
titleTokeah
publisherHesse & Becker Verlag
editorFranz Fiedler
year
firstpub1828
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081213
projectid9fbec09f
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Siebenundzwanzigstes Kapitel

Die vier Mordgesellen hatten soeben ihr Boot verlassen, das, in den Strom zurückgestoßen, mit den Wellen fortschoß, und waren oberhalb des Bayou dem Städtchen zugeschlichen, als ein plötzliches Gemurmel vor dem Wachthause entstand, das sie einen Augenblick horchen und dann mit der Eile flüchtiger Diebe ihrem Verstecke, der Schenke zum Kaisergardisten, zueilen machte.

Ein Mann war atemlos aus dem Wachthause auf den Gasthof zugerannt, in dem das Meeting gehalten wurde, hatte sich durch die vor dem Hause und im Gange an der Türe zusammengepreßte Menge hindurchgedrängt und war in das Zimmer des Kapitäns gestürzt.

»Sergeant William! Was gibt es?« fragte dieser.

»Der Spion ist entwischt.«

Dem Offizier entfuhr jenes Kernwort, das nach der Meinung des witzigen Figaro die Quintessenz der englischen Sprache enthüllt und, von einem kräftigen Munde ausgesprochen, die Beine so flink in Bewegung setzt. Rasch seinen Tschako auf den Kopf werfend, sprang er, den Degen in der Hand, die Stiege hinab und drängte durch die Menge unaufhaltsam in die Mitte des Saales vor, der ganz gefüllt war.

»Um Vergebung«, fiel er dem soeben in der Rede begriffenen Sprecher ein. »Der Spion ist entwischt.«

»Wohl«, versetzte der General, der zur rechten Seite des im Präsidentenstuhle sitzenden Squire saß und aufmerksam dem Redner zuhorchte.

»General!« wiederholte der Offizier, »der Spion ist entwischt.«

»Das Bataillon wird zusammenrücken und ihm nachsetzen, sobald das Meeting vorüber ist«, erwiderte der General, und wieder horchte er dem Redner.

Der Offizier knirschte mit den Zähnen. »Es ist vor der Türe und im Saale«, – sprach er mit wuterstickter Stimme.

»Um an den Beratungen teilzunehmen«, flüsterte ihm der General zu.

»Nur zwanzig, dreißig Mann«, entgegnete der Kapitän.

»Vergessen Sie nicht, daß die Mannschaft Bürger, und zwar angesessene, geborene und angesehene Bürger, jetzt in der Ausübung ihres souveränen Rechtes begriffen sind, Interessen wahrzunehmen haben, für die es morgen vielleicht zu spät sein dürfte.«

Der Kapitän eilte aus dem Saale und stürzte auf die Wache; die Trommeln rührten sich; die Wache ausgenommen, zeigte sich keine Seele. Die Milizen standen wie eingewurzelt in atemloser Stille vor der Türe horchend.

»Mein lieber Kapitän!« sprach einer, »Ihr könnt Euch das Gehör vertrommeln lassen, und es wird's doch keiner hören. Wartet geduldig, bis das Meeting vorüber ist und das Wichtigere abgetan, und dann wollen wir in die Rocky Mountains hinauf, wenn es not tut.«

»Kapitän!« sprach der Sergeant, »es ist nun einmal so, und wenn, glaube ich, die Feinde anrückten, so würde das souveräne Volk zuerst bedächtig seine Beschlüsse fassen.«

»Hol' der Teufel das souveräne Volk! Ich wollte lieber beim Großtürken kommandieren.«

»Pfui, Kapitän!« rief ein Milize, »das ist nicht die Stimme eines Amerikaners.«

Der junge Mann sah den Milizen betroffen an.

»Wenn Ihr über den Bayou Sara Sumpf geht,« sprach ein zweiter, »so müßt Ihr festen Tritt haben, sonst versinkt Ihr, und die Alligatoren fressen Euch. Ihr seid beinahe zu jung für einen Kapitän.«

Der Offizier verschluckte die bittere Pille, murmelte etwas zwischen den Zähnen und rannte dann, begleitet von dem Sergeanten, dem Wachthause zu.

Es war keine Spur vom Flüchtling zu sehen oder zu hören; aber an der Außenwand fand man Schnüre an den Brettern befestigt, die das Schwanken und Schnarren derselben erklärten. Auch zwei Boote wurden vermißt. Während dieser Untersuchungen hatte das Meeting sein Ende genommen, und der Kapitän eilte dem Sitzungssaale zu. Rasch trat er vor den General.

»General Billow! Wollen Sie gefälligst Ihre Befehle erteilen?«

»Sie sind schon gegeben«, erwiderte dieser.

Im nämlichen Augenblicke rollten die Trommeln wieder, und die Stimmen der herbeiströmenden Mannschaft verkündeten, daß der Aufforderung derselben Folge geleistet wurde. Der Kapitän stand eine Weile zögernd, sein Blick fiel auf die auf dem Tische liegenden Papiere.

»Dies sind also die Beschlüsse?« fragte er mit verbissenen Lippen und einem bittern Lächeln.

»Ja, lieber Kapitän«, erwiderte der General artig. »Wenn Sie wollen, so können Sie sie noch lesen, bis die Mannschaft beisammen ist.«

Der junge Offizier warf einen flüchtigen Blick auf das Blatt und warf es nach einer Weile unwillig hin.

»Und Sie haben«, sprach er zum Obersten, »diese Resolutionen gegen den General en Chef gefaßt, unter dessen Kommando Sie sich begeben wollen?«

»So haben wir«, erwiderte dieser.

»Und erklären sein Betragen inkonstitutionell und tyrannisch und mißbilligen es vor den Augen der Nation?« fragte der Kapitän.

»Wie Sie sehen«, entgegnete jener. »Wundert Sie dies? Es ist doch nicht das erstemal, daß Bürger der vereinten Staaten ihr Recht über diejenigen üben, die sie zu ihren Diensten bestellt; – das scheint der General vergessen zu haben, und deswegen war es nötig, ihm dieses auf eine feierlich ernste Weise ins Gedächtnis zurückzurufen. Morgen können Sie die Resolutionen gedruckt lesen.«

»Und doch wollen Sie sich unter seine Befehle begeben?«

»Warum nicht, wenn er innerhalb der Grenzen der ihm von der Bundesmacht erteilten Vollmachten verbleibt?«

»Und wer soll der Schiedsrichter in diesem Falle sein?« fragte der Kapitän kopfschüttelnd.

»Er selbst«, entgegnete der Oberst. »Hören Sie, wenn fünfhundert und morgen tausend Bürger ihm ihr Verdammungsurteil im Angesichte der Nation zurufen und sich zugleich unter seine Befehle stellen, so hoffen wir, wird dies hinreichen, ihm die Augen über den Abgrund zu öffnen, dem er zuging. Und dies, Kapitän, war unsere erste Pflicht – unsere innere Freiheit zu wahren. Daß die Bürger auch ihre zweite, unten gegen die Feinde, erfüllen werden, dafür bürge ich Ihnen. Wenn man mit und für Freiheit kämpft, dann ist der Sieg doppelt gewiß. Und nun steht Ihnen das ganze Bataillon zur Verfolgung des Spions zu Diensten.« »Nun er entwischt ist«, versetzte der Kapitän.

»Und wenn er's ist, so werden Sie es, hoffen wir, Männern nicht übelnehmen, wenn sie über der Erhaltung ihrer angeerbten Rechte einen Gefangenen übersehen«, entgegnete der Squire mit wahrer Präsidentenwürde. »Sollte mich jedoch wundern,« fügte er hinzu, »wenn sie ihm nicht schon nach sind, ohne auf Eure Befehle zu warten.«

Das Bataillon stand in Reih' und Glied, und nach dem fröhlichen Gemurmel zu schließen, war eine vorteilhafte Stimmung in der Mannschaft eingetreten. Das starre, steife, mürrisch-finstre Wesen derselben hatte sich in Fröhlichkeit und Zuversicht umgewandelt, und sie begrüßten die Offiziere mit einem lauten, jauchzenden Lebehoch.

»Es handelt sich gegenwärtig«, redete sie der General an, »bloß um zwanzig Volontärs, die mit den Wegen, Pässen und Wäldern genau bekannt sind, um den Spion wieder einzubringen.«

»Schon geschehen«, riefen fünfzig Stimmen, und ein Sergeant trat mit einer steifen militärischen Verbeugung vor die Offiziere.

»Mit Gunsten, General Billow!« sprach der Mann. »Es ist zwar ein wenig gegen militärische Regeln; da jedoch kein Befehl für die Nacht gegeben war, so glaubten die Männer ebenso wohl zu tun, wenn sie nicht auf Befehle warteten. Kaum hatten sie gehört, daß der Brite Reißaus genommen, so sind sie ihm in allen Richtungen nach. Morgen zum Exerzieren werden die meisten wieder zurück sein.«

»Hab' mir's wohl gedacht,« meinte der Squire, »wo die Nase und die Ohren General sein müssen, würden Befehle nur Verwirrung anrichten.«

»Und welche Männer sind es?« fragte der General.

»Dreißig unserer besten Jäger,« versicherte der Sergeant, »die den Bären aufspüren, wenn er zehn Klafter tief in die Ozarks sich vergraben hätte; sie sind soeben fort, nachdem sie die Resolution des Meetings gehört hatten.«

»Und welche Richtung haben sie genommen?«

»Sechs sind hinüber über den Mississippi und hinab nach Point Coupé und hinauf in die Pässe. Zehn sind da hinauf auf die Uferklippen und auf die Wege nach Natchez, und ebensoviele sind längs dem Ufer auf Batonrouge zu; die übrigen durchstreifen das Städtchen. Es scheint ihnen in einer der Tavernen nicht richtig.«

»Meint Ihr die Ausländer?« fragte der General.

»Eben diese; es sind zwei Boote abhanden, und der Spanier wurde hier herumschleichend gesehen.«

»Und das ist auch alles, was Ihr tun könnt,« sprach der redselige Squire; »wäre nicht der Mühe wert, die Männer eine Minute länger aufzuhalten.«

Noch wurde, auf den Antrag des Kapitäns, die Miliz, welche Wache gestanden, in Arrest genommen und das Bataillon dann bis zum Sonnenaufgang entlassen, worauf der Oberst mit dem Squire wieder den Weg zum Bayou, nach seinem Landsitze, einschlug, wohin ihnen ein schwarzer Diener vorleuchtete.

Die Glocke am Parkgitter verkündigte noch die Ankunft eines nächtlichen Besuches. Die zwei Offiziere sahen sich schweigend an, als ein Milize, vom schwarzen Bedienten eingeführt, in den Salon trat.

»Oberst Parker und besonders Major Copeland werden vom Kapitän Percy ersucht, schleunigst hinabzukommen, das Bataillon von Opelousas ist angekommen.«

»Wohl! so soll er es bis Sonnenaufgang einquartieren. Wir bedürfen einiger Stunden Ruhe.«

»Sie haben Indianer mit sich,« berichtete die Ordonnanz, »die von den Männern aufgebracht wurden, die Major Copeland ausgesandt.«

»Wißt Ihr, von welchem Stamme sie sind?«

»Nein, Oberst. Aber Waffen und Aussehen nach zu schließen, sind sie von einem martialischen Schlage. Alle mit Feuergewehren versehen.«

»Holla!« rief der Major, »da müssen wir hinab und sehen, was es gibt«, und er begab sich mit dem Obersten und dem Milizen neuerdings an das Stromufer.

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