Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Charles Sealsfield: Tokeah - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Sealsfield
titleTokeah
publisherHesse & Becker Verlag
editorFranz Fiedler
year
firstpub1828
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081213
projectid9fbec09f
Schließen

Navigation:

Zweiundzwanzigstes Kapitel

– »Wohl denn. Junge. Bin herzlich froh deinetwegen«, sprach der Squire, der wieder von der Straße in die Stube zurückgekehrt war. »Sie haben mich zu ihrem Major gewählt, und ich hoffe, etwas für dich tun zu können. Aber laß uns unser Mittagessen haben, altes Weib, ich habe Appetit bekommen; und eine Bouteille alten Monongehala! Setz' dich, Junge, und laß dir kein graues Haar wachsen. Bin in meinem Leben oft genug in solchen Teufeleien gewesen, aus denen ich nicht geträumt hätte mit heiler Haut zu kommen; Anno achtzig und einundachtzig bei Cowpens, wo wir Euch gedroschen haben, und Anno zwölf bei Fort Miegs und dann mit Kapitän Croghan. – Ja, da hätt' ich auch wohl nicht mehr gedacht, den Atchafalaya und die Meinigen zu sehen. Die Rothaut, ja, das war ein furchtbarer Geselle. Gott segne ihn nichts destoweniger, obwohl er der Schrecken der Unsrigen jenseits des Ohio war. Aber ein trefflicher Geselle, und wahr ist auch noch, kein Besserer hauste je in unsern Wäldern. Ich hatte bereits Amen gesagt und dacht', nun ist's aus; aber eben als das giftig scharfe Messer um meinen Kopf herumlief – da, sieh' den Ring an, du kannst ihn noch immer sehen, als ob eine rotseidene Schnur um meine Stirn gebunden wäre, da kam er, der Tecumsee und entriß mich meinen Henkern. Ich werde den Mann in meinem Leben nicht vergessen, und viele der Unsrigen haben ihm ihre Haut zu verdanken. Das war ein Mann! – Keiner Eurer herumschleichenden, besoffenen Indianer, die Tag und Nacht um unsre Felder lauern und uns unsre Hirschböcke wegschießen und sich dann die Füße ablaufen, um sie in Whisky umzusetzen.«

»Ei, und der lange trockene Geselle, hast du den vergessen. Mann,« sprach die Frau, eine Hirschkeule auf den Tisch setzend, den ein Negermädchen bereits gedeckt hatte, »der hat uns auch nicht wenig Angst gemacht. Wie heißt er nur?«

»Tokeah meinst du, den Miko der Oconees?« versetzte ihr Mann. »Laß mich in Ruhe mit dem.«

»Wie? Ihr kennt ihn?« fuhr der Brite unwillkürlich heraus.

Der Squire und seine Frau sahen sich bedeutsam an. Der junge Mann hatte sich zu fassen gesucht und setzte hinzu: »Ich bin überzeugt, Ihr habt rauhe Tage mit den Indianern gesehen.«

»Das haben wir;« sprach der Friedensrichter trocken, »aber von Tokeah haben wir auch seit vielen Jahren keine Silbe mehr gehört. Als ob der Mississippi ihn verschlungen hätte. Keine Spur mehr zu sehen oder zu hören von ihm und den Seinigen. Wißt Ihr etwas von ihm?« wandte er sich plötzlich zu seinem gefangenen Gaste.

»Nein«, versetzte dieser betroffen und stockend.

»Dachte nur, weil Ihr mich fragtet, ob ich ihn kenne.«

»Ja, und die arme, bildschöne Rosa«, sprach das Weib.

»Rosa«, rief der Brite wieder aus, sich ein zweites Mal vergessend.

Wieder blickten sich die beiden Eheleute fragend an. Ohne jedoch ein Wort zu sagen, setzte sich die Familie zu Tische, über welchem der Hausvater ein langes Gebet verrichtete. Es waren noch zwei Töchter und ein Sohn, die Platz nahmen. Die Kleidung der Mädchen bestand aus dem gewöhnlichen Woll- und Leinenstoff, Linsey Woolsey genannt, war aber recht elegant; ihr Benehmen schien ebensosehr von feinerer weiblicher Bildung, als blöder Scheu entfernt. Ihre Bewegungen zeigten viel natürlichen Anstand und eine gewisse Lebendigkeit, die jedoch vollkommen innerhalb der Schranken mädchenhafter Züchtigkeit verblieb. Sie sprachen mit ihrer Mutter, nachdem sie den Fremden freundlich und zwanglos begrüßt hatten.

Während die Hausfrau die Hirschkeule zerlegte, fuhr der Squire fort. »Ja, damals hatte ich noch die Stube voll Kinder, alt und jung, wie Orgelpfeifen, zwölf Stück. Keines, Gott sei Dank, gestorben, alle wohl verheiratet und angesehen. Sieh', das ist bei uns die Freude. Je mehr Kinder, desto besser. Land haben wir genug, und wenn sie ihre Hände zu gebrauchen wissen, so findet sich Haus und Hof von selbst. Bei Euch müssen die armen Buben, höre ich, Soldaten oder Taugenichtse werden, und die Mädchen noch etwas Schlimmeres. Bei uns arbeiten und schaffen sie redlich und werden Bürger, die sich vor keinem zu schämen haben. Ja, Junge! meine Kinder haben alle ein Kinderspiel, die haben jedes ein paar tausend Dollar von den Alten, aber wir haben es uns müssen sauer werden lassen. – Mein Vater kam mit zwanzig Jahren und dreißig Pfunden herüber aus dem Lande der Kuchen, und damit kaufte er sich fünfzig Äcker, und als er etwas zusammengebracht, da brach der Befreiungskrieg aus, und die Eurigen kamen und brannten ihm Haus und Hof weg und zogen ihm seine Kleider und Schuhe ab, und er mußte halb nackend im Winter dreißig Meilen nach Hause laufen. – Ich war damals ein Bube, habe aber dafür manchem Eurer Rotröcke aufn Pelz geschossen. Als der Krieg vorbei war, da macht' ich mich an meine Alte heran, und wir taten uns denn auch zusammen und zogen endlich an den Coosa. Wollte, ich wäre hübsch da sitzen geblieben und kein Narr gewesen, über den Ohio hinauf zu rennen; hat mir viel geschadet in meinem Handel nach New Orleans hinab. Haben aber zu leben. Möchte nicht gerne von vorne wieder anfangen; aber doch wollte ich's eher, als in Euerm Lande hausen, wo keiner was zu sagen hat, und alle tun müssen, nicht was sie selbst, sondern was andere wollen, und soeben geschehen und ungeschehen sein lassen müssen, wie es ihren großen und kleinen Tyrannen gefällt. Erinnere mich so etwas gesehen zu haben, als Louisiana noch in den Händen des Spaniers war, und wir hinabhandelten nach der Stadt. Was für ein armseliges Leben die elenden Wichte hatten! Sie durften dem Ufer nicht nahen, ohne zuvor von einem Dutzend schäbichter Taugenichtse die Erlaubnis eingeholt zu haben, ein Ferkel oder einen Schinken zu kaufen, und wenn sie dann kamen, waren ihnen immer ein paar Spione zur Seite und wichen nicht, bis wir wieder gingen, damit wir sie mit unserem Republikanismus nicht ansteckten. Der Teufel selbst war ihnen nicht so furchtbar, wie wir Amerikaner, und doch getrauten sie sich nicht an uns; aber wer uns von den Ihrigen ein freundliches Gesicht machte, dem ging es schlimm. Elende Kerle! dumm wie 's Vieh in allen Stücken, nur in einem waren sie pfiffig, nämlich, die Ihrigen noch dümmer zu machen, und das bißchen gesunden Menschenverstand in ihnen ganz zu ersticken. Keiner wagte ein Wort zu sagen, bis der Gouverneur es erlaubte. Sie tanzten, wann dieser es haben wollte, und beteten, wann er es befahl, und waren höflich und wieder grob gegen uns, just wie er es haben wollte. Keiner wagte für sich selbst zu denken oder zu handeln. Und was das schönste war, diese miserablen Menschen, die in Stroh- und Lehmhütten wohnten und bis über die Ohren im Kot staken und nicht selten vor ihren Türen von Alligatoren weggefressen wurden, die vom Bürgerleben weniger wußten als unsere dümmsten Neger, die meinten, sie wären zivilisiert und wir Barbaren, weil sie Kratzfüße schneiden und Komplimente auswendig herplappern konnten! – Ei, ich weiß, was schwarz und weiß ist.«

Die Keule war nun zerlegt und zerteilt, und es erfolgte eine halbstündige Pause, während welcher aus dem redseligen Squire auch keine Silbe mehr herauszubringen war. Als jedoch der Tisch abgedeckt war, füllte er sich noch ein Glas von seinem gepriesenen Monongehala, stellte vor den Briten zwei geschliffene Flaschen mit Port und Madeira und fuhr fort: »Ja, hier sieht es anders aus! hier ist das Volk Souverän; ei, und ein so guter als irgendeiner im alten Lande und besser, denn er kostet nichts. Schau einmal her, das mag dir so ziemlich lächerlich vorkommen, das Umhertraben dieser Leute in Reih und Glied, als ob sie den Straßenkot in eine Tenne treten wollten; aber wenn du ein wenig mehr auf den Grund siehst, so wirst du finden, daß sie sich alles Ernstes gegen Euch vorbereiten wollen. Das sind keine Soldatenspielereien; sie hassen das kindische Wesen. Aber laßt ein Dutzend Soldaten unter sie kommen und sie acht Tage einexerzieren, und sie werden so wohl im Feuer stehen, wie Eure Rotröcke und besser; denn diese fechten für sechs Pence, die Unsrigen für ihr Hab und Gut und ihre Weiber und Kinder. Keiner hat sie kommen geheißen, es sind alle Freiwillige, die der öffentliche Geist getrieben, sich ein paar Wochen umherhudeln zu lassen. Was wollt Ihr wetten, Ihr verliert die erste Schlacht, in die Ihr Euch einlaßt?«

»Mit diesen Fallstaffs-Kompagnons da?« versetzte der Jüngling lachend.

»Sachte! Sachte!« versetzte der Squire, »das sind Bürger, von denen jeder seinen eigenen Rock am Leibe hat und eine Wirtschaft obendrein; kein zusammengerafftes Gesindel, wie Euere sogenannten Landesverteidiger, die, um dem Hungertode oder der Botanybay zu entgehen, sich Euern Trabanten hingeben, damit sie je eher desto besser aus der Welt geschafft werden, der sie nur zur Last sind.«

Das Knallen von Schüssen war schon seit längerer Zeit zu hören gewesen. Der Squire öffnete die Türe, vor der ein Mann mit einem Stutzen auf und ab ging. Am Ufer des Flusses war in der Eile ein Bretterverschlag aufgerüstet, und vor diesem standen sechs brennende Kerzen. Dicht daneben zwei Männer mit Laternen. Soeben knallten zwei Schüsse, deren einer den brennenden Docht vom Lichte weg – und der zweite das Licht durchschoß.

Ein brüllendes Gelächter erschallte. »Schau, der hat's einmal verfehlt und, statt den Docht zu treffen, die Kerze mitgenommen!«

Die Kerze war wieder angezündet und aufgesteckt worden. Vier Schüsse knallten hintereinander, und jeder schoß das in der Tageshelle kaum sichtbare Licht weg. Wieder folgten zwei Schüsse, die ebenso genau trafen. Die gewaltigen Schützen hielten ihre langen Stutzen frei, und die Entfernung betrug volle hundertundfünfzig Schritte.

»Auf der andern Seite schießen sie den Nagel aufn Kopf,« sprach der Squire; »willst du es sehen?«

Er ging mit seinem Gefangenen hinter die Häuser, wo ein zweiter Verschlag aufgerichtet war. Statt der Kerzen waren in den Brettern Nägel mit etwas größern Köpfen zur Hälfte ins Holz getrieben.

»Den dritten von oben!« rief ein junger Hinterwäldler und ließ krachen.

»Getroffen und hineingetrieben!« antwortete der Zeiger.

»Den vierten!« rief ein zweiter und ließ ebenfalls knallen. »Getroffen!« war wieder die Antwort.

Der Jüngling hatte, ohne ein Wort zu sprechen, zugesehen.

»Glaubst du nun, daß Ihr zu kurz kommen werdet?« fuhr der Squire fort. »Hier haben sie dir eine Ehrenwache gegeben,« auf den Hinterwäldler deutend, der ihnen mit seinem Stutzen gefolgt war, »damit du ihnen nicht Reißaus nimmst. Sie haben es sich nun in den Kopf gesetzt, in dir etwas von einem Spion zu sehen. Ei, Reißaus nehmen! Leicht gesagt, aber du würdest sie gleich einer Koppel Hunde hinter dir haben, und sie würden deine Spur beschnaufen und dir nachjagen, und sollte es bis auf den Plattefluß hinaufgehen. Doch komm, lieber Junge, laß dir den Port oder Madeira schmecken, beide sind echt und werden dir deinen jungen Magen nicht verderben. Wir gehen hinüber über den Mississippi, ins obere Militärdepot, und da werden sie 's weitere zu tun wissen. Unsere Leute kommen morgen nach. Wir müssen aber noch heute fort; 's alte Weib will's nun einmal nicht anders, sie hat den Narren an dir gefressen. Sie hat aber recht; ich kann leichter ein Wort einfließen lassen, als wenn die Schlingel alle beisammen sind, obwohl du mir Sorge genug machst; denn heute noch müssen zehn Männer hinüber auf den Coshattaesweg und hinauf an den Redriver und den Natchitoches. Der Teufel trau Euch Briten. So dumm Ihr im ganzen seid, habt Ihr's doch hinter den Ohren sitzen, und wo's auf Euern Vorteil ankommt, da seid Ihr wahre Teufel. – Es könnt' doch sein, daß du mit all deinen beiden Taubenaugen uns einen Pack Indianer übern Hals brächtest.«

So zutraulich der Anfang gewesen, so wenig schmeichelhaft war der Schluß, und der junge Brite sah den Sprecher betroffen an. Das Mißtrauen, das diese Vorsichtsmaßregel beurkundete, machte ihn stutzen.

»Und Ihr, ein so gescheiter Mann«, sprach er, »könntet wirklich solches von mir argwöhnen?«

»Pah!« erwiderte der Squire. »Ich argwöhne nichts und vertraue auf nichts; wir tun bloß, was die öffentliche Sicherheit erfordert. Das tun wir zu unserer eigenen Beruhigung. Schläft sich besser, und unsere Männer gehen mit leichterm Herzen dem Feinde entgegen. Wir haben keine Polizei, wie bei Euch, darum machen wir sie selbst. – Sei übrigens ruhig, und laß dich das nicht anfechten.«

Die gute Stimmung des gesprächigen Squire, unsers alten Bekannten John Copeland, war durch seine Erwählung zum Major sichtlich um ein bedeutendes erhöht worden, und das Vertrauen seiner Mitbürger in seinen Patriotismus und seinen militärischen Scharfblick kitzelte ihn nicht wenig. Übrigens hatten die sieben Jahre, seit denen wir ihn nicht mehr gesehen, eine vorteilhafte Veränderung in ihm hervorgebracht. Das grob selbstsüchtige Wesen, das früher aus jedem seiner Worte so widerlich hervorblickte, hatte bei größerm Wohlstande einer humanen Behaglichkeit Platz gemacht, der man zwar das Hinterwäldlerische noch immer ansah, das aber eben deshalb um so mehr ansprach. Es war gewissermaßen die alt gewordene Natur eines Hinterwäldlers, an dem Wohlhabenheit, Umgang und Erfahrung eine eigene Spezies von Zivilisation hervorgebracht hatten, die selbständig in jeder Richtung hinwirkte und es sich und andern wohl werden ließ. Er fühlte ganz seine Wichtigkeit; aber dieses Gefühl war nichts weniger als beleidigend für andere. Es hatte nichts vom Wesen des arroganten Herrendieners oder des reich gewordenen Handwerkers oder Trödlers an sich; es war die herzliche, herzhafte Derbheit eines männlichen Geistes, der sich seine Bedeutsamkeit sauer erworben, und die hohe Achtung, in der er bei seinen Mitbürgern stand, durch eine gemeinnützige Tätigkeit verdient hatte, dem das Wohl seines County über alles ging und der für seinen Staat und sein Land alles hingeopfert hätte, den Mund zuweilen etwas zu voll nahm, aber nie Widerwillen erregte, weil alles in ihm natürlich und gewissermaßen dem Boden seines Landes entsprossen war. Der junge Brite fühlte sich augenscheinlich ungemein wohl; er war in den wenigen Stunden ganz heimisch geworden, und die gutmütig spottende Miene, mit der er den sein Land und sein Volk immer und immer wieder preisenden Squire anhörte, hatte diesen so unerschöpflich in seiner Redseligkeit gemacht, daß jener nur selten Gelegenheit fand, ein Wort einzuschalten. Der alte Mann schien seinen Gast, den er bald du, bald Ihr anredete, und der sich oft die Seiten hielt, um nicht vor Lachen zu bersten, gleichfalls sehr liebgewonnen zu haben.

»Dick,« sprach er, »will auch mit, der Constable; er fürchtet, du möchtest ihm davonlaufen. Er schielt nach unserer Käthe. Kann's nicht begreifen, wie sie ihn nur um sich dulden kann.«

Der Brite lachte laut auf, und der alte Mann stimmte ihm aus vollem Halse bei.

»Wohl, junges Blut, komm' nun mit mir in die Dachstube hinauf. Wir wollen Schlag neun Uhr weg, du kannst noch ein paar Stunden Schlafes mitnehmen. Mach' dich bequem und merk' nicht auf die Mädchen,« sagte er, indem er auf ein leeres Bett deutete, das neben dem stand, welches er seinem Gaste anwies, »sie werden noch eine Weile plappern, ehe sie zu schnarchen anfangen.«

»Aber,« fragte der Jüngling zaudernd, »wer soll denn eigentlich in dieses Bett kommen?«

»Meine zwei Mädchen, meine Töchter«, versetzte der Squire.

»Aber«, meinte der Jüngling – und kratzte sich hinterwäldlerisch hinter den Ohren.

»Aber«, lachte der neue Major – »laß du die nur gehen, die werden dir nichts abbeißen; – mach' du nur keine Sprünge; – sie werden ruhig liegen bleiben. Wir sind hier ein bißchen gedrängt; auf der Pflanzung draußen haben wir aber mehr Platz.«

»Besorgt nichts«, lachte der junge Mann dem abziehenden Squire nach, noch immer den Kopf über seine Schlafstelle schüttelnd, die von einer zweiten, die zwei frische Mädchen, rund wie Rebhühner im August, aufnehmen sollte, nicht ganz zwölf Zoll entfernt stand.

Nun erwartete er nur noch die Ankunft der alten Dame, die versprochenermaßen ihm in die neue Robe der Miß Käthe zu verhelfen gedachte. Wahrscheinlich war sie jedoch durch ihren Mann eines Bessern belehrt worden; denn sie kam nicht und unser Abenteurer entschlief.

*

»Komm«, rief eine Stimme, nach einem Schlafe, der ihm vermutlich kaum so viele Minuten gedauert zu haben scheinen mochte, als Stunden verflossen waren; und eine Hand rüttelte ihn ziemlich derb.

Der junge Mann blickte hinüber auf das Bett, aus dem sich eine Hand erhob, der eine Gestalt folgte, die zu derb war, um einem der beiden holden Geschöpfe angehören zu können. »Die Mädchen wollten mir absolut nicht herauf. Hätte mir es einbilden können. Und unsere Männer hatten beschlossen, eine Wache hereinzupostieren. Und diesem auszuweichen, habe ich mich selbst heraufgemacht. Doch mache, wir haben einen kleinen Morgenritt von dreißig bis vierzig Meilen, der uns vollauf zu tun geben wird.«

»Meine Toilette ist fertig«, war die Antwort.

»Wohl, lieber Hodges«, redete ihn die Frau an, die, von ihren Töchtern umgeben, die beiden noch mit einem Imbiß erwartete.

»Macht Euch zuerst warm und übereilt Euch nicht. Hier sind ein Paar Schuhe und Strümpfe, die Euch in der kalten Nachtluft not tun werden, Käthe und Mary haben das übrige.«

Käthe hielt eine Wolldecke in der Hand, und Mary war mit dem Hute ihres Vaters beschäftigt.

»Was soll denn das wieder?« fragte der Squire.

»Je nun, du brauchst doch einen Federbusch als Major. Sie hat allen Hühnern und Hähnen die Federn ausgerissen.

– Und nun, lieber Hodges,« fuhr sie fort, »vergeßt nicht und seid hübsch munter drüben. Wer Euch so ansieht, kann unmöglich Arges denken. Laßt Euch nichts weismachen drüben. Sie sind nicht mehr als Ihr seid, obwohl sie gewaltig steif und stolz tun, weil sie reich sind. Und wenn Ihr glücklich davonkommt, und es geht Euch im alten Lande krumm, kommt zu uns. Es soll Euch nicht reuen.«

Die wackere Hinterwäldlerin sah ihm so freundlich ins Gesicht, daß dem Jünglinge der Abschied schwer zu werden begann.

»Nimm an, Junge, was sie dir sagt,« sprach der Squire; »sie hat vieles erlebt und wahrlich in Ehren.«

»Und hier hat Mary an ihren Bruder geschrieben, der drüben bei Mister Parker Aufseher seiner Pflanzung ist. Es kann alle Wege nicht schaden. Du issest ja aber nicht«, bemerkte die Frau. – Der junge Mann warf eilig einige Bissen in den Mund und stand dann auf, um dem ungeduldig wartenden Squire zu folgen. Miß Käthe warf ihm die Wolldecke um, und Miß Mary zog ihm die Handschuhe über die Finger. Er dachte unwillkürlich an Rosa und die Indianerin, bei welchem Vergleiche jedoch die beiden Misses verloren.

»Und nun noch einmal,« sprach sie, »sei munter und guter Laune, und man wird dir's am Auge ansehen, daß du nicht der bist, für den dich diese Narren halten.«

»Gemach, gemach, altes Weib«, sprach der Squire, seinen Gast zur Türe hinausschiebend, um fernern Komplimenten so schnell als möglich zu entgehen.

Draußen ging es noch immer sehr lebhaft her. Aus den beiden Schenken herüber klangen die schnarrenden Töne der zwei Geigen, und das Lichterschießen war erst recht in Gang gekommen. Der Haufe hielt jedoch inne, als die Pferde herbeigeführt wurden, und die Toms und Sams und Isaaks und Dicks und Bens und Billys kamen auf unsre Reisenden zugestolpert und geschritten, um von ihrem Major zeitweiligen Abschied zu nehmen.

»Und hebt einige von Euern Fips und Levies auf«, schrie ihnen dieser zu, der sich mit seinen zwei Begleitern nur mühsam durch die Menge hindurch ellbognete.

»Hat keine Not,« riefen ihm die lustigen Zecher zu, »'s bleibt im Lande.«

»So sind sie nun«, sprach der Squire, als er mit seinen zwei Begleitern in die Fähre stieg, die sie über den Atchafalaya bringen sollte. »Just als ob ihre Beutel keinen Boden hätten; zäh wie Hickory und rauh wie die Bären, aber treffliche Männer bei alledem. Und rauh, so wie du sie nun siehst, laß ein zehn Jahre vorüber sein, und wenn sie nicht poliert sind, wie irgendein Gentleman, so heiß mich etwas. Solltest sie gesehen haben vor drei Jahren, als ich herabkam vom Coosa in Georgien. Hängen soll ich, wenn sie nicht ärger waren, als die Indianer selbst; aber wachsender Wohlstand hat wunderbar auf sie eingewirkt und sie ihre Wichtigkeit fühlen gelehrt. Wer bei uns nichts hat, ist auch nichts wert. – Und armselig wie 's Geld ist, so fordert der Erwerb Fleiß und Betriebsamkeit und viele Tugend – und die ist bei uns im Steigen mit dem Wohlstand und in der alten Welt im Fallen mit der werdenden Armut. Und schau jetzt das Städtchen an mit seinen fünfzehn Häusern!« – Es hatte bloß zwölf, aber unser Squire, obwohl die Wahrheit selbst, hatte die schwache Seite, immer ein wenig zuzugeben, wo nach seiner Meinung die Ehre des Landes im Spiele war. – »Schau's einmal an und komm in zehn Jahren wieder, und wenn es nicht schon über hundert Häuser zählt, so nenne mich einen Yankee.«

Die drei hatten nun das jenseitige Ufer des Atchafalaya erreicht, wo sie ihre Pferde bestiegen.

 << Kapitel 23  Kapitel 25 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.