Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Charles Sealsfield: Tokeah - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Sealsfield
titleTokeah
publisherHesse & Becker Verlag
editorFranz Fiedler
year
firstpub1828
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081213
projectid9fbec09f
Schließen

Navigation:

II.

Die weiße Rose.

Zwanzigstes Kapitel

Die Natur hat Louisiana mit einem sonderbaren Charakter bezeichnet. – Großartig und wieder gemein, herrlich und wieder abstoßend scheint sie in einer ihrer Launen dem Geschlechte einen riesigen Spielraum hingeworfen zu haben, gleichsam begierig, was die winzigen Kreaturen daraus schaffen würden.

Es steigt der Landstrich so düster und abschreckend aus der See und dem Strome heraus, der die gesamten Gewässer von tausend Flüssen und Bächen durch die endlose Niederung fortschwillt, als hätte die Natur dem Menschen in der Gestaltung eines der schönsten Länder der Erde auch einen Nachgeschmack vom Chaos in seiner ganzen abstoßenden Größe hinterlassen wollen; so widerlich tauchen die kaum merklichen Ufer und Gestade aus den unübersehbaren Strömungen auf und verschwinden wieder im Spiele der Wogen, die über das zwergartige Binsen- und Rohrgeflechte hinrollen, im ewigen Kampfe mit dem widerstrebenden Elemente. Ragte nicht hier und da ein Lager halb vermoderter Baumstämme, von der Strömung zusammengeschichtet, oder der Mast eines in der Lehmbank eingestauchten Schiffes empor, so dürfte man zweifeln, ob, was man sieht, wirklich Land sei, nachdem man bereits lange in die Mündungen des Mississippi eingefahren. Erst allmählich gestaltet sich das wüste Chaos zu einem See von Schilf und Sumpf und Rohr, aus dem später etwas Landschaftähnliches erstehen und Gestaltung erstreben zu wollen scheint, noch Jahrtausende erstreben mag, sowie Tausende von Jahren bereits verflossen sein mögen, bis die lange und breite Niederung sich bildete, die gegen Norden so unmerklich anschwillt, und in der weder Hügel noch Tal auf einen gewaltsamen Kampf hindeuten, wohl aber auf ein allmähliches Stillestehen des Wasserelements, den zahllosen Flüssen und Morästen und Seen nach zu schließen, die das ganze Tal so durchkreuzen, daß der Fuß des Menschenkindes buchstäblich auf dem flüssigen Elemente ruht. Höher gegen Norden zu erhebt sich endlich ein langes und breites Hochland, das in mäßiger Höhe längs dem Ufer des Stromes hinzieht und sich dann wieder in der endlosen Niederung verliert, die unter dem Namen des Mississippitales Tausende von Meilen sich gegen Norden, Ost und Westen hindehnt und in seinem Busen bequem den größten Teil der Bevölkerung Europas aufnehmen könnte.

Länger als ein Jahrhundert hindurch war der ungeheure Landstrich eine vergessene und vernachlässigte Kolonie geblieben, die mit einer Leichtigkeit abgetreten, eingetauscht und wieder ausgetauscht wurde, die mehr als hinlänglich die ihr zuerkannte geringe Bedeutung beurkundete. Amerikanischer Scharfblick hatte endlich das Auge des großen Geistes, der damals die Angelegenheiten des schönsten Reiches der alten Welt leitete, auch auf diesen vergessenen Schlupfwinkel hingezogen, und dieser, die Schwierigkeiten wohl einsehend, den kürzlich erworbenen Besitz seinem Volke zu erhalten, zog es weise vor, ihn der nachbarlichen großen Republik als integrierenden Bestandteil zu überlassen.

Für die Kolonie begann seit dieser Einverleibung eine neue Ära, und mit Riesenschritten schien sie nun einholen zu wollen, was sie mehr als hundert Jahre hindurch verschlummert hatte.

So groß aber der Umschwung gewesen, den die Vereinigung des Landes mit den Staaten unter den Bewohnern bereits hervorgebracht, so hatte sich dieser doch vorzüglich nur durch eine größere Tätigkeit in Beurbarung des Landes oder durch kommerzielle Unternehmungen geäußert; von dem männlichen, unabhängigen Geiste des Amerikaners hatten die gewesenen Kolonisten nicht nur wenig oder nichts angenommen, ihr sklavisch verdorbener Sinn hatte sich auch scheu vor dem überlegenen, aufgeklärteren nordischen Bürger zurückgezogen, der diese Überlegenheit, freilich oft nur zu derb und unumwunden zu erkennen gab.

Selbst der bessere Teil der Kreolen war von diesem Vorurteile gegen seine neuen Mitbürger nichts weniger als verschont geblieben, und er hatte sich gegenüber dem scharf ausgesprochenen und geradezu gehenden Amerikaner um so mehr darin gefallen, als er, gegen das öffentliche Leben gleichgültig, des Dienstzwanges gewohnt, in der unbeschränkten neuen Freiheit nur Unordnung und Anarchie voraussah. Als jedoch diese Besorgnisse innerhalb der zehn Jahre dieser unbeschränkten Freiheit nicht realisiert wurden, und er allmählich die Vorteile zu begreifen anfing, die ihm aus der Vereinigung mit der mächtig emporstrebenden Republik erwachsen waren, schloß er sich auch mit mehr Entschiedenheit an das gemeinschaftliche Interesse und zögerte nicht, sich zur Verteidigung des Landes herbeizulassen. Dies war der bessere Teil; der schlechtere, dem natürlich diese Vorteile eher Nachteile schienen, konnte kaum seine Schadenfreude über die Ankunft des Feindes verhehlen, und der nordische Bürger, der stolz auf ihn herabsah, war ihm weit mehr verhaßt, als der Brite, von dessen Ankunft er wenigstens Veränderung und Demütigung des hochmütigen Republikaners hoffte.

Unstreitig war es dieser herrschende Geist gewesen, der gewissermaßen den Feind eingeladen hatte, nebst seinen im Norden mit der Republik kämpfenden Armeen, noch von den Küsten der pyrenäischen Halbinsel ein zahlreiches Korps herüberzusenden, in der Hoffnung, durch die zum Teile mißvergnügten Kreolen in den Besitz eines Landes zu gelangen, der ihn zum ausschließenden Herrn des Mississippistromes, des Busens von Mexiko und aller daran gelegenen Länder gemacht haben würde. Selbst wenn sich der Besitz nicht erhalten ließ, so war die zeitweilige Eroberung der Mühe um so mehr wert, als dadurch die stolze Republik zur Nachgiebigkeit auf anderen Punkten genötigt worden wäre. – Dem Korps, das diese Eroberung nun bewerkstelligen sollte, hatte die Regierung der Staaten, obwohl bedeutende Truppenmassen im Norden versammelt waren, der ungeheuren Entfernung wegen, nichts entgegenzusetzen, als die rastlose Tätigkeit und den erprobten Mut eines Generals, der sich gegen die Indianer in den Staaten Georgien, Alabama und im Gebiete Florida ausgezeichnet hatte, und den Patriotismus der an das Flußgebiet des Mississippi grenzenden westlichen Staaten, sowie der in Louisiana angesiedelten Amerikaner, die allerdings durch die Besitznahme des Schlüssels des Mississippi am meisten zu verlieren hatten.

Diese letztern waren über einen großen Teil des Landes zerstreut. Ein gewisser Widerwille gegen die etwas laxen französischen Sitten und Gewohnheiten, sowie Geringschätzung gegen ihre neuen Mitbürger hatte zwischen ihnen und den südlichen Pflanzern eine ziemlich starke Scheidewand gezogen, was sich auch bei dieser Gelegenheit deutlich aussprach.

Die Nachricht von der Landung der feindlichen Armee hatte auch unter ihnen eine gewaltige Bewegung hervorgebracht; aber wenn in den untern Teilen Furcht und Schrecken und bei vielen geheime Freude die vorherrschenden Empfindungen waren, so war es hier Unwille und beleidigter Stolz, der vorzüglich zum Grunde lag. Unwille und Zorn, daß fremde Söldlinge eines Mannes, den sie sich nicht besser dachten, als sich selbst, es wagen durften, ihr friedliches Land als Feinde zu betreten und ihnen eine Stadt und ein Flußgebiet wegnehmen zu wollen, die sie ehrlich mit ihrem Gelde bezahlt und deren sie bedurften, um ihre Produkte zu Markte zu bringen.

Weniger war es Furcht, ihr Eigentum zerstört oder ihre Wohnungen geplündert zu sehen. Ihre fahrende Habe konnten sie leicht auf einigen Wagen in das Innere der Wälder schaffen, in die zu dringen auch der verwegenste Feind nicht wagen durfte, und ihre zerstörten Wohnungen würden mit Hilfe einiger Nachbarn in kurzer Zeit wieder hergestellt worden sein. Dieser Feinde, gleich reißender Tiere, die in ihr Gehöfte eingedrungen, sich zu entledigen, war eigentlich was man ihre Meinung über diesen Punkt nennen konnte.

Es war an einem hellen, frischen Dezembermorgen; die Strahlen der Sonne hatten gerade hinlängliche Kraft, die Nebel und Dünste zu zerstreuen, die sich in dieser Jahreszeit über die Flüsse und Seen dieses Landstriches häufig wochenlang hinlagern. Im Countystädtchen von Opelousas gab es einen gewaltigen Auflauf. Es schien wunderbar, woher die vielen Menschen aus der dünn bevölkerten Gegend gekommen waren, und wer so in die Mitte des Gedränges von Männern, Weibern und Kindern hineingeworfen worden wäre, dürfte schwerlich erraten haben, was die Veranlassung dieses plötzlichen und sich noch immer mehrenden Zudranges sein mochte. Nach dem schmählichen Trinken, Tanzen, Fechten und den Bocksprüngen zu schließen, hatte eine Art Kirchweihe statt; aber es waren auch Waffen zu sehen; ganze Kompagnien hatten sich gebildet, und jeder hatte wenigstens etwas Militärisches bei oder an sich. Einige hatten Uniformen noch aus dem ersten Revolutionskriege, die nun etwas länger als dreißig Jahre am Leben waren, andere schulterten, stellten sich in Reih und Glied und wurden von einem selbstgewählten Leutnant in einen Winkel hineinmanövriert, aus dem herauszubringen ihm nur das Kommandowort fehlte. Ein anderes Korps hatte als Feldmusik einen Geiger, der, wütend auf seinen zwei Saiten streichend, stolz neben dem zeitweilig geschaffenen Kapitän einherschritt. Die sich noch nicht an eine Truppe angeschlossen hatten, schulterten ihre Stutzen, Vogelflinten oder eine alte Reiterpistole, an der bloß das Schloß fehlte, und die, welchen auch diese Bewaffnung mangelte, hatten sich mit einem tüchtigen Knüttel versehen.

Dies waren jedoch nur Außenposten. In der Mitte des Städtchens war dem Anschein nach der Kern der Bürger in zwei dichten Haufen versammelt. Der eine, der aus den jüngern Männern bestand, hatte sein Hauptquartier vor einer Schenke aufgeschlagen, deren Bestimmung durch eine Art Schild angedeutet war, dessen Malerei, nach unserer festen Überzeugung, weder Denon noch Champollion zu entziffern gelungen wäre. Unter diesem war, für die, welche es lesen konnten, geschrieben, daß hier Einkehr für Mann und Vieh zu haben sei. Im Innern dieses Etablissements war eine zweite Geige zu hören, die jedoch, weniger kriegerisch, sich begnügte, den Hopsasa aufzuführen und einem Tanze Leben zu geben, der so ziemlich mit dem Marsch der ersten Geige gleichen Schritt hielt.

Die andere Gruppe, allem Anschein nach ernster gestimmt, hatte sich einen respektablem Standpunkt gewählt, und zwar vor einem der Krämerladen des Städtchens, der, als Miscellaneen, ein Dutzend irdene Krüge, einen Kegel Kautabak, ein Faß Whisky und ein Fäßchen Pulver und Blei enthielt, mit einigen Wollhüten, einigen Paaren Schuhe und einem Schock Messer, Gabeln und Löffel.

Über der Türe war ein Brett mit der Inschrift aufgenagelt: Neuer Laden, wohlfeil für bar Geld, und an der Mauer des baufälligen Framehauses war mit Kreide geschrieben: Whisky, Brandy, Tabacco, Postoffice.

Auf einem Baumstumpfe stand ein Mann, der, seinem neuen Kastorhute, frisch gewaschenen Hemdkragen und nagelneuen pompadurroten Fracke und seinen Beinkleidern nach zu schließen, auf nichts weniger als auf eine der von dem souveränen Volke zu vergebenden Offizierstellen Anspruch machte. Nahe an diesem erhöhten Standpunkte standen einige andere, deren elegantes Äußere ähnliche Ansprüche zur Schau trug, was auch die Ungeduld, mit der sie den Redner anhörten, noch mehr bekräftigte.

Verhältnismäßig herrschte hier Ruhe und Ordnung, den Lärm der Tanzenden ausgenommen, und ein gelegentliches Gebrüll des einen oder des andern Zechers, der im Doppeltschritte durch den Kot hin und her marschierte, mit dem die einzige Straße des Städtchens knietief gepflastert war. Zuweilen wurde auch diese Stille durch die Insurbordination der erwähnten Quasikompagnie, die außerhalb des Städtchens manövrierte, oder durch die gellende Stimme eines Weibes oder Mädchens unterbrochen, das Pfefferkuchen, Äpfel und Zider ausschrie. Alle diese Hindernisse schien jedoch die Lunge des gegenwärtigen Redners für nichts zu achten, und er begann mit einer brüllenden Stimme zu verkünden, wie er diese verdammten Briten züchtigen wolle, die er mehr als Polkatzen verabscheue. Er war gerade im besten Zuge, dieses recht augenscheinlich darzutun, als er durch ein lautes »Hallo!« zweier Kumpane unterbrochen wurde, die bereits lange durch die Straßen geschwankt und gerollt und gestolpert, sich weit gegen den Waldsaum zu verloren hatten, und nun plötzlich so laut zu schreien und so schnell zu rennen anfingen, als es ihr einigermaßen überladener Zustand gestattete.

Die Worte: »halt, verdammte Rothaut!« wurden deutlich vernommen. Dies waren natürlich zu interessante Töne, um nicht bei Hinterwäldlern angenehme Empfindungen zu erregen, und so schlichen denn ein Dutzend Zuhörer den beiden nach, »just um zu sehen, was die verdammten Narren vorhätten, und warum sie so verteufelten Lärmen machten.« Es dauerte nicht lange, so wurden mehrere von demselben löblichen Verlangen getrieben, vielleicht ein tüchtiges Boxen zu sehen, und zuletzt blieben bloß einige dreißig noch um den Redner. Das böse Beispiel hatte unter den Jüngern schnell und reißend um sich gegriffen: auch in den beiden Korps, die sich dem Waldrande genähert hatten, war Insubordination ausgebrochen, und ein Drittel der exerzierenden Mannschaft kam dem Walde zugelaufen. – Nur die zweite Gruppe vor dem Krämerladen hielt ernst beisammen.

Aus den dunkeln Zypressenwäldern, die sich etwa eine Viertelmeile vom Ufer des Atchafalaya gegen Süden hinabziehen, war eine Figur zum Vorschein gekommen, die, nach ihrer Kleidung zu schließen, der roten Rasse angehörte. Der Wilde hatte sich scheu am Rande des Waldes hingeschlichen, um sich der Stadt zu nähern, war aber wahrscheinlich durch den wüsten Lärmen abgeschreckt worden, die Straße heraufzukommen, und hatte einen Seitenweg über ein Kottonfeld eingeschlagen. Gerade aber, als er die Umzäunung überklettern wollte, hatte ihn das Auge der erwähnten zwei Spaziergänger erfaßt, die, obwohl ihre Köpfe bereits ziemlich vom Whiskygeiste erfüllt waren, kaum den Indianer ersehen hatten, als sie auf ihn zugesprungen kamen. Der eine hatte jedoch erst sein Pintglas hinter dem Zaun in Sicherheit zu bringen; dann folgte er seinem Vorläufer, der, ein schnellfüßiger Sohn des Westens, den Indianer bereits in seinen Klauen hatte. Dieser schien so erschöpft zu sein, daß er augenscheinlich nicht mehr viel weiter konnte. Der schwankende Zustand seines Verfolgers mochte ihm jedoch nicht entgangen sein, und so gab er ihm vorläufig einen Ruck, der den Hinterwäldler der Länge nach in den Kot hinstreckte. »Halt!« schrie er nun von seiner Lagerstätte auf, »oder ich will deine Backenknochen so einrichten, daß dir das Essen eine ganze Woche vergehen soll.«

Der Indianer schien die Sprache zu verstehen und hielt, jedoch nicht ohne sich vorher in einigen Verteidigungszustand versetzt zu haben, der den festen Entschluß verkündete, sich seiner Haut zu wehren. Er faßte sein Schlachtmesser und sah keck seinen Verfolgern entgegen, die beide an ihn herangekommen waren und ihn mit jener mißtrauischen Neugierde maßen, der etwas verdächtig erscheint, und die sich berechtigt glaubt, der Sache auf den Grund zu kommen.

Die Erscheinung eines Indianers in diesen Gegenden war nichts weniger als ungewöhnlich, da sie kaum hundert Meilen gegen Nordwesten zu ihre Dörfer hatten, und ihre Exkursionen sie häufig mehrere hundert Meilen in allen Richtungen ins Land hinein und selbst in die Hauptstadt führten. Ihre sich mit jedem Jahre vermindernde Anzahl hatte ihnen schon seit langen Jahren nicht mehr erlaubt, etwas Feindseliges gegen ihre immer näher rückenden weißen Nachbarn zu unternehmen, und ihre gesteigerten Bedürfnisse, worunter besonders ihre unersättliche Begier nach dem köstlichen Feuerwasser, hatte sie in der Tat zu Jagdsklaven der in den Städten und auf dem Lande zerstreuten Krämer gemacht, die den Elenden kaum den zehnten Teil des vollen Wertes für ihre Felle in Whisky bezahlten. Die Verfolger hatten daher sicherlich keine böse Absicht mit dem armen Wilden; höchstens wollten sie ein bißchen Spaß mit ihm treiben und ein halbes Pint echten Monongehala leeren. Wenigstens verkündete dies der Wiederstandene, der, den etwas unsanften Ruck gar nicht übelnehmend, ihm zubrüllte, »er müsse ein halb Pint Whisky mit ihm leeren, oder er wolle ihn in seine Tasche stecken.«

Und sofort nahmen ihn die beiden Hinterwäldler mit jener Familiarität und rücksichtslosen Zuversicht in Empfang, die keinen Widerstand erlaubt und sich ermächtigt glaubt, mit unbezweifeltem Rechte sich in alles einzumischen, was in ihrem Bereiche vorgeht.

»Komm, roter Junge«, rief der zweite, der, gelegentlich den schmalen Pfad messend, knietief in den Kot versank, während der erste, seinen eigenen Ausdruck zu gebrauchen, noch in seinen Schuhen stehen konnte.

»Komm! komm! Verflucht, wenn du uns nicht helfen sollst, die vermaledeiten Briten zu bekämpfen und trinken; ei, und trinken!«

Mittlerweile waren auch die Ausreißer der Korps in verschiedenen Graden von Schnelligkeit angekommen, schon von weitem das aufgetriebene Wild prüfend, das der Zufall so gefällig in ihre Mitte brachte, und nicht unähnlich einer Kuppel Hunde, die nun mit offenem Rachen auf den Fremden losstürzen, den sein böses Geschick so unerwartet mitten in einen Haufen fröhlicher Fuchsjäger hineingeworfen hat.

An den lustigen Brüdern war eine Art unverschämter, jedoch nichts weniger als böswilliger Neugierde sichtbar. Ohne um weitere Erlaubnis zu fragen, traten sie an den Wilden heran, probierten die Schärfe seines Skalpiermessers, besahen seine Garderobe, untersuchten seine Mokassins, und einer von ihnen stand im Begriffe, ihm seine Kappe ein wenig zu lüften, um ein näheres Verständnis mit dem neuen, und wie es schien, eben nicht sehr angenehm überraschten Besucher einzuleiten.

Das Äußere dieses Ankömmlings war ein wenig sonderbar. Eine Fuchsfellkappe bedeckte seinen Kopf bis über die Ohren herab und verhüllte sorgfältig seine dunkelblonden Haare; aber der etwas lange Flaum auf seinen Lippen machte diese Verkleidung nur um so auffallender. Sein Hirschfellwams verriet einen Wilden, aber die Beinkleider einen gezähmten. Auch einer seiner Mokassins, den andern hatte er wahrscheinlich verloren, war von indianischen Händen gearbeitet; eine seiner Wangen hatte noch immer Spuren der roten und schwarzen Kriegerfarbe, aber die andere war nur noch zur Hälfte gefärbt, und seine Hände waren weiß und bloß von der Sonne verbrannt. Die blauen Augen, halb mutwillig, halb trotzig, hoben jedoch allen Zweifel; diese konnten unmöglich einem Wilden angehören, wenn auch seine blühenden vollen Backen und der regelmäßig geformte Mund dies zugelassen hätten. Der Haufe starrte ihn mit der Verblüfftheit an, die einzelne aus ihnen vielleicht ergriffen hatte, wenn sie in ein Dickicht drangen, in der Hoffnung, einen fetten Hirschbock zu finden, und statt dessen einen brummenden Bären auf sich zuschreiten sahen.

»Ich sollte meinen, Ihr habt mich genug besehen«; hob nun der Wilde in einem humoristischen Tone an, der halb Scherz, halb Unwillen verriet, während er einem kecken Hinterwäldler mit der flachen Klinge seines Messers über die Hand schlug, deren warzige, rauhe Hornhaut eher den Tatzen eines Alligators, als eines Menschenkindes, anzugehören schien, und die es wieder versucht hatte, seine Kappe zu lüften und seinen Haarwuchs zu besehen.

Es war unser junger Brite, der vom indianischen Läufer auf den Pfad der Coshattaes geführt, sich endlich durch die zahllosen Sümpfe, Flüsse und Wälder, mit denen diese Landschaft so überflüssig gesegnet ist, hindurchgearbeitet hatte. Die kalte oder verhältnismäßig kältere Jahreszeit und der niedere Wasserstand der Sümpfe und Flüsse, von denen viele der ersteren ganz ausgetrocknet und in Wiesen umgewandelt waren, hatten ihn auf seiner Irrfahrt begünstigt, sonst dürfte er schwerlich je die Ufer des Atchafalaya gesehen haben. Er hatte von wilden Gänsen und Enten während der drei letzten Wochen gelebt, die er getötet und gebraten, wie ihn die Indianer gelehrt hatten, und war soeben aus der Wildnis gedrungen. Die gewaltig langen Goliathsgestalten der Hinterwäldler, ihre scharfen Augen und sonnverbrannten Gesichter und die langen Dolche mit Schäften von Hirschhorn hatten ihm vermutlich eben nicht sehr einladend geschienen, und so groß auch seine Sehnsucht wahrscheinlich war, wieder in zivilisierte Gesellschaft zu gelangen, so mochten die Leute, die er vor sich hatte, ihm doch wieder ziemlich die Lust benommen haben. Er hatte sich demnach seitwärts gewendet, aber zu spät. Übrigens schien ihn sein Zusammentreffen eben nicht sonderlich in Verlegenheit zu setzen, die freie, etwas zudringliche Familiarität der Hinterwäldler ihn vielmehr zu unterhalten.

»Und verdammt!« rief einer nach einer langen Pause, während welcher alle ihn aufmerksam und selbst mißtrauisch betrachtet hatten: »Wer in Teufels Namen seid Ihr? Ihr seid keine Rothaut?«

»Nein, das bin ich nicht«, versetzte der junge Mann lachend. »Ich bin ein Engländer.«

Er sprach die letzten Worte im kurzen, etwas entschiedenen Tone und allenfalls mit dem Gewichte eines Barons oder Grafen, der, in einer seiner vielen großartigen Gemütsaufwallungen, seine Bauern inkognito zu überraschen und das Inkognito nun auf einmal abzulegen für gut findet. Ähnliche Gedanken schienen ihn zu durchkreuzen; wenigstens zeigten seine munter und keck über die Menge hingleitenden Blicke eine gewisse Behaglichkeit und Neugierde, wie wohl die Erklärung aufgenommen werden dürfte, einen gewissen Kitzel, ein Überlegenheitsgefühl, das John Bull gern zutage fördert und das er damals auch Bruder Jonathan empfinden ließ, das aber seither ganz verschwunden und einer gewissen neidischen Unbehaglichkeit Platz gemacht hat, die, ungeachtet des Hohnes, in den sie sich kleidet, ein sicherer Beweis der seinerseits dem gehaßten Bruder Jonathan zugestandenen Überlegenheit sein dürfte.

»Ein Engländer!« wiederholten zwanzig Stimmen, »ein Britischer« die übrigen, und unter diesen ein junger Mann im pappelgrünen Fracke, der soeben angekommen, und zwar, wie es schien, mit einer Eilfertigkeit und Wichtigkeit, die sich gewaltig fühlte. »Ein Brite? das ist jedoch nicht Eure einzige Empfehlung?« schnarchte der Zeisiggrüne den jungen Mann an.

Dieser warf einen Seitenblick auf den Sprecher, der vierschrötig ihn mit seinen Lobsteraugen maß und augenscheinlich nichts weniger als freundschaftliche Gesinnungen hatte. Dann sprach er im hingeworfenen Tone: »Für jetzt ist dies meine einzige.«

Was immer die Gedanken des grünen Mannes gewesen sein mochten, und sie waren sicherlich nicht freundschaftlich, die übrigen schienen diese nicht zu teilen. Die Art Überraschung, auf die er vielleicht gehofft hatte, war nun freilich nicht zu sehen; aber bald schien sie einer gewissen Neugierde zu weichen, die augenscheinlich erforschen wollte, was den jungen Menschen so mitten in diese beinahe undurchdringlichen Sümpfe und Wälder gebracht habe. Vielleicht hatte sich auch das schlummernde Band der Verwandtschaft für ihn, der vom Volke ihrer Väter abstammte, geregt. Die Menge schien wirklich für einen Augenblick vergessen zu haben, daß der junge Mann, der vor ihr stand, ein Glied der Nation sei, mit der sie im Kriege begriffen und deren Truppen soeben feindselig an ihren Küsten gelandet. Allmählich mochten sie sich jedoch erinnern; und ihr Mißgriff, statt eines Indianers einen Briten zu sehen, beschleunigte wahrscheinlich den Gang ihrer etwas langsamen Gedankenverbindung.

»Und verdammt, wie kommt Ihr hierher, nach Opelousas?« fragte der grüne Mann wieder.

»Auf meinen Füßen«, versetzte der Jüngling spöttisch.

Der Spaß gefiel jedoch nicht.

»Junger Mensch!« sprach ein zweiter, etwas ältlicher Mann, »Ihr seid im Staate Louisiana und seht hier Bürger der vereinigten Staaten von Amerika vor Euch; dieser Mann da«, auf den Grünrock zeigend, »ist Constable; Spaß und Spott sind hier am unrechten Orte.« »Ich komme vom Bord meines Schiffes, denn« –.

»Vom Bord seines Schiffes«, wiederholten alle, und ihre Stirnen runzelten sich zusehends, und es entstand ein dumpfes Gemurmel.

Die Neuigkeit von der Landung der britischen Truppen war soeben in dem Städtchen angelangt und mit dieser auch die unwillkommene Post von der Wegnahme der amerikanischen Kanonenboote durch die britischen an den Pässen des Mississippi. So gering dieser Verlust im Vergleiche mit den glänzenden Siegen war, die auf dem Champlain und Erie und auf der hohen See bei jedem Zusammentreffen über die britischen Kriegsschiffe erfochten worden waren, so hatte dieser Unfall doch eine allgemeine Verstimmung hervorgebracht und den nationalen Unwillen aufs höchste gesteigert.

Der Constable trat mit einigen Männern auf die Seite und fing an, leise zu sprechen. Zuweilen fiel sein Blick hinüber auf den Jüngling, gleichsam als wolle er sich in dem bekräftigen, was er wahrscheinlich an ihm zu sehen glaubte. Man hatte ihn aufmerksam angehört, und mehrere schlichen sich heran an den jungen Mann und maßen ihn gleichfalls mit scharfen, verdächtigen Blicken, als wollten sie durch eigene Überzeugung prüfen, was über ihn gesagt worden.

Auffallend war übrigens die Umwandlung in dem Betragen der Hinterwäldler nach diesem kurzen Wortwechsel. Die derbe Familiarität, mit der sie ihn anfangs empfangen und gemustert hatten, die freundliche und neugierige Rücksichtslosigkeit ihres Benehmens hatte plötzlich einem kalten, zurückstoßenden Widerwillen Platz gemacht. Ihre launisch frohen Mienen hatten einen kalten, stolzen Ernst angenommen, und sie maßen ihn mit mißtrauisch prüfenden Augen.

»Fremdling!« sprach der Constable in einem befehlenden Tone, »Ihr seid eine verdächtige Person und müßt uns folgen.« »Und wer seid Ihr, der Ihr Euch anmaßt, mir den Weg zu sperren?« fragte dieser.

»Was ich bin, habt Ihr gehört. Was diese Männer sind, sehet Ihr: Bürger der vereinigten Staaten, gegenwärtig im Kriege mit Euerm Lande begriffen, wie Ihr wahrscheinlich wisset.«

Der zeisiggrüne Würdenträger sprach diese Worte nicht ohne Würde und mit einem Nachdrucke, der den jungen Mann mit einem etwas weniger höhnischen Blicke auf den neuen Kastorhut und die grünen Beinkleider sehen machte.

»Wohlan, ich folge, hoffe jedoch, sicher unter Euch zu sein«, sprach er.

»Das werdet Ihr bald sehen«, sprach der Constable trocken. Und mit diesen Worten ging der Zug dem Städtchen zu.

 << Kapitel 21  Kapitel 23 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.