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Charles Sealsfield: Tokeah - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Sealsfield
titleTokeah
publisherHesse & Becker Verlag
editorFranz Fiedler
year
firstpub1828
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081213
projectid9fbec09f
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Achtzehntes Kapitel

Mitternacht war vorüber, und Dorf und Flur im tiefsten Schlafe begraben. – Von dem Ufer her stahl sich ein Mann im behutsamen Schritte auf die Hütte des Miko zu; er hatte einen gezogenen Säbel unter dem Arm und blickte, als er zur Laube vor dem Häuschen gekommen war, scheu und bedächtig um sich, dann, sich wendend, war er im Begriffe, ebensostill und leise zurückzukehren, als plötzlich eine Büffelschlinge um seinen Nacken fiel, und er zur Erde geworfen ward, so schnell und unwiderstehlich, daß es mehr das Werk eines unterirdischen, denn eines menschlichen Wesens schien. Der Säbel entfiel seiner Hand, ehe er noch imstande war, ihn seinem Halse zu nähern und so die Schlinge zu zerschneiden, mit der er gefangen war. Das Ganze war mit einer so verräterischen Schnelle und Heimlichkeit vor sich gegangen, daß eine Schar bewaffneter Männer, die näher der Bucht und kaum dreißig Schritte von der Hütte entfernt standen, in gänzlicher Unwissenheit über das Vorgefallene waren. Doch nun brach eine Stimme von unsichtbaren Lippen, die die Toten in ihren Gräbern hätte aufregen können, und die Türe des Councilwigwams flog mit einem gewaltigen Gekrache auf, und mitten unter dem Aufleuchten von Schüssen, die vom Ufer her krachten, stürzte eine kräftige Gestalt aus der Hütte, die etwas Schweres in ihren Armen trug und zwischen den Gebüschen und Hecken verschwand. Eine zweite Stimme ließ sich nun vernehmen, die dem Innersten von tausend Kehlen zu entsteigen schien, und die sich nun in jeder Richtung, jeder Hecke, jedem Gebüsche vervielfältigt hören ließ, so furchtbar rasend, als ob die Dämonen der Hölle losgelassen, in ihren nächtlichen Rasereien tobten. Zu gleicher Zeit begann ein regelmäßiges Pelotonfeuer vom Uferkamme herüberzurollen, und eine Hütte nach der anderen fing an in bläulichten Flammen aufzuflackern, die zitternd und an Ausdehnung gewinnend bald ins hellglänzende Rot übergingen und sich über Dach und Hütte hinlagerten. Mitten in diesem fürchterlichen Aufruhr war nochmals eine Stimme gehört worden, die dem Brüllen des Löwen glich, wenn er raset in seiner höchsten Wut. Es war der Warwhoop El Sols.

Der edle Mexikaner war durch den Nachtgesang seiner geliebten jungen Gattin in Schlaf gelullt worden, als ihn der wohlbekannte Yell weckte. Mit der einen Hand hatte er sein geliebtes Weib erfaßt, mit der anderen sein Schlachtmesser und seinen Stutzen, und dann stürzte er aus der Türe, wo ihn eine Salve von Musketen begrüßte. Der Häuptling fühlte seinen linken Arm durch eine Kugel gestreift, er begann zu zittern, ein leichter Schauer zuckte durch seine Glieder. »Canondah«, murmelte er in heiserem Tone, indem er, gleich einem verwundeten Hirsche, über die Hecken dem Walde zu sprang – »Canondah, fürchte nichts, du bist in den Armen El Sols!«

Sie gab keine Antwort, ihr Haupt war auf ihre Brust gesunken, ihr ganzer Körper fing an krampfhaft zu schlottern und sich zu dehnen; – einen Augenblick schoß der furchtbare Gedanke durch seine Seele – aber es war unmöglich, sein Arm hatte die Kugel aufgefangen; bloß Schlaf und Schrecken hatten sie überwältigt, das Blut, das über ihn geronnen, war aus seiner Wunde geflossen. Noch während er vor seinen verräterisch unsichtbaren Feinden floh, kamen seine heulenden Krieger aus jeder Hütte, jeder Hecke, beinahe instinktartig auf ihn zugestürzt. Ehe er zum Waldesrande gekommen, sah er sich bereits von seinen Getreuen umringt. »Es ist der Seeräuber«, flüsterte er seinem Weibe zu, drückte noch einen Kuß auf ihre Lippen und legte sie sanft auf den Rasen hin, dann in die Mitte seiner Krieger tretend, ließ er den schrecklichen Kriegesruf ertönen. – »Sieh die Treue des weißen Diebes!« indem er auf die im Feuer auflodernden Hütten wies.

Es war ein wild schöner, schauerlicher Anblick; bereits mehr denn dreißig Hütten waren hoch in Flammen aufgelodert und beleuchteten den ganzen herrlichen Ufergürtel; die breiten Flammenstreifen, die durch die Lücken der Zypressen und Mangroven auf den Wasserspiegel fielen, zeigten jede Hütte deutlich im erglänzenden, geröteten Widerschein. Noch immer wurden einzelne Schüsse gehört, und nach jedem flackerte eine Hütte auf. Um den jungen Mexikaner herum war plötzlich eine tiefe Stille eingetreten, bloß von dem Geheule einzelner verspäteter Pawnees und Oconees unterbrochen, die in ihrer Trunkenheit noch nicht wußten, wen sie als ihren Feind zu betrachten hatten.

»Wo ist der Miko?« fragten fünfzig Stimmen. –

Keine Antwort. – Ein weiblicher Angstruf tönte vom Ufer her und verscholl in den Lüften. El Sol war schweigend gestanden, sein Auge auf die brennenden Hütten gerichtet, hinter denen, nahe am Uferkamme, die glänzenden Feuergewehre der Seeräuber deutlich zu ersehen waren. Nicht mehr als fünf Minuten waren verstrichen, seit der erste Yell die Gegenwart von Feinden angezeigt hatte; aber bereits hatte der junge Krieger seinen Plan entworfen, und er gab nun seine Befehle in dem entschiedenen kurzen Tone, der Bewußtsein unbegrenzter Gewalt und zur Gewohnheit gewordenen Gehorsam verriet. Einer der Cumanchees, gefolgt von der Mehrzahl der Pawnees und der Oconees, glitt durchs Gebüsch hin, während er selbst mit den drei übrigen Cumanchees und einer Schar versuchter Pawnees längs dem Waldessaume fortschoß.

Der breite Gürtel, auf dem das Dörfchen zerstreut lag, schwoll unmittelbar am Ufer in einen zweiten, etwas erhöhten Kamm an, der mit Mangroven und Myrtengebüschen überwachsen war, und durch den ein breiter Fußweg mitten hindurch führte. Die Erhöhung über den Gürtel mochte zwanzig Fuß betragen. Dieser Gürtel lief die ganze Länge des Dörfchens hinab, ausgenommen an der Bucht, wo ihn die Natur in einen kleinen Hafen ausgebrochen hatte. Nahe an diesem verriet das Glänzen der Musketen ein starkes Pikett, das wahrscheinlich bestimmt war, die Boote zu bewachen. Dieses Pikett wurde allmählich durch einzelne scharmutzierende Seeräuber verstärkt, die die Hütten in Brand geschossen hatten.

Längs dem bebüschten Gürtel waren mehrere Vorposten aufgestellt, welche die Verbindung zwischen dem Pikett an der Bucht und einem zweiten Posten, der zur Hütte des Miko vorgedrungen war, erhalten und, nach Bedürfnis, das eine oder das andere unterstützen sollten.

Es schien aus dem Ganzen hervorzugehen, daß der Seeräuber es darauf angelegt habe, den Miko und seine Pflegetochter aufzuheben. Vermutlich würde es ihm auch ganz in der Stille gelungen sein, wenn nicht zwei Cumanchees, nach der Sitte ihrer Nation, während der Brautnacht vor der Türe ihres Häuptlings die Wache gehalten hätten. Auch sie hatten in vollem Maße die verschwenderische Gastfreundschaft des Miko und seiner Tochter genossen; aber ihre Sinne, obwohl betäubt, waren nicht stark genug angegriffen, um die in den indianischen Ohren so leicht merkbaren Fußtritte eines Weißen zu verkennen.

Der Seeräuber mochte die Indianer während der zwei Jahre seines Verkehrs zu genau ins Auge genommen haben, um nicht die Schwierigkeiten eines Kampfes bei Tageszeit einzusehen, wo jeder seiner Männer ein leichtes Ziel der hinter den Bäumen und im Gesträuche versteckten Wilden geworden wäre; er hatte deshalb die Nacht gewählt und, um sich vor einem Überfalle im Dunkeln so viel als möglich zu schützen und zugleich Schrecken unter seine Feinde zu verbreiten, hatte er die Hütten anzünden lassen.

Drei geübte Schützen waren in geringer Entfernung vom Councilwigwam aufgestellt, mit der bestimmten Weisung, den jungen Häuptling, den er als den gefährlichsten seiner Gegner erkannte, niederzuschießen. Er selbst mit einer gewählten Schar war zur Hütte des Miko vorgedrungen, hatte diese umringt, und sich deren beiden Bewohner bemächtigt. Wahrscheinlich hatte der sonst so nüchterne Miko diesmal gleichfalls seine Mäßigkeitsregel übertreten und war so dem Seeräuber bewußtlos in die Hände geraten. So schnell und bestimmt waren alle Bewegungen ausgeführt worden, daß kaum der erste Aufruf zu den Waffen erklungen, als auch die Hütte bereits umringt, und der Miko mit der weißen Rosa in der Gewalt des Seeräubers waren. Dieser hatte nun seine Truppe in ein kleines Viereck gebildet und war der Hütte gegenüber am erwähnten Ufergürtel angelangt. – Die Truppe marschierte im raschen Doppelschritte. Kein Indianer war zu sehen oder zu hören. Das Viereck war bereits in der Nähe der Bucht und nur wenige Schritte vom daselbst stationierten Pikett entfernt; – einige Schritte mehr, und sie waren in ihren Booten, die ein paar Ruderschläge in die Mitte des Stromes und so aus dem Bereiche der Kugeln der Indianer bringen konnten. Eine Verfolgung mit den Kanus, in denen jeder Indianer einen sichern Schuß darbot, war nicht denkbar. – So mochten die Pläne des Piraten, nach der Entwicklung derselben zu schließen, gewesen sein. Er war nun auf dem Punkte, sich mit seinem Pikett am Ufer zu vereinigen, als auf einmal das Gebüsche unmittelbar vor ihm rege zu werden anfing, und die im Feuer glühend rot erscheinenden Indianer sich blicken ließen. – »Schultert!« kommandierte der Seeräuber seine Männer, die fest und ruhig fortmarschierten und mit einer Art Verwunderung auf das Gebüsche hinschielten, wo es sich zu regen anfing, als ob einige Dutzend Anacondas sich durchwänden. Sie hatten sich ans Pikett angeschlossen und das kleine Viereck öffnete sich.

Lafitte warf Rosa in die Arme eines Matrosen und stieß dann den Miko über den Uferrand dem Boote zu. Der alte Mann sank wie eine leblose Masse in dieses hinab. Lafitte hatte sich schnell zu den Seinigen wieder gewandt. Das erstere Pikett hatte sich bereits unter dem Kamme außer dem Bereiche jeder Kugel gezogen, nur das Viereck schien noch die Bewegungen seiner Feinde zu beobachten und den allgemeinen Abzug decken zu wollen. Es war eine kleine, aber fürchterliche Bande von etwa vierundzwanzig Mann, zu der alle Nationen, alle Weltteile, alle Farben und Sprachen ein gräßliches Quantum abgegeben hatten. Mordlust im funkelnden Auge, standen sie mit aufgepflanzten Bajonetten; kein Laut entfuhr ihnen. Sie hatten sich in eine Angriffskolonne geformt. – Plötzlich erschallte der Warwhoop aus hundert Kehlen, und das schreckliche Geheul wiederholte sich, verstärkt durch die gellenden Töne der Squaws und Mädchen, die im schaudervollen Chorus den Totengesang anstimmten und gleich Dämonen um die brennenden Hütten herumliefen. Auf einmal stürzten die Indianer, gleich so vielen Tigern in ihren Höhlen angegriffen, mit rasendem Geschrei der Bucht zu.

Ein tückisches Lächeln umspielte die rauhen Züge des Piraten, als die Indianer auf ihn und seine Bande losstürzten; – »Reserve vor!« – wandte er sich zu dem unten stehenden Pikett – und wieder schwieg er. – Er ließ die heulenden Indianer herantoben, bis sie neun Schritte vor der Mündung seiner Gewehre waren und rief dann ein heiseres »Feuer!« – und die ersten Reihen der Angreifenden wälzten sich in ihrem Blute. – Die Wilden prallten auf einen Augenblick zurück, und dann stürzten sie mit einem zweiten verzweiflungsvollen Sprunge an die Seeräuber. – Diese hatten kaltblütig ihre Gewehre in den linken Arm geworfen und nach ihren Pistolen gegriffen; – eine zweite Salve, verstärkt durch das Feuer des Reservepiketts, warf die Wilden in gänzliche Unordnung. Der Abhang war mit Toten und Verwundeten bedeckt. – Heulend flohen die übrig Gebliebenen ihrem Verstecke zu.

»Marsch!« kommandierte der Seeräuber, und das Pikett näherte sich wieder dem Boote, und die Kolonne schritt ihm nach. –

In diesem entscheidenden Momente wurden vier schwer plumpsende Fälle von dem Flusse herauf gehört. Der Seeräuber wandte sich und sah seine vier Ruderer, die er zur Bewachung der Boote zurückgelassen, aus dem Wasser noch einmal auftauchen und dann versinken, um nie wieder zu erstehen; zugleich schoß die Yacht und das kleinere Boot, durch eine unsichtbare Gewalt getrieben, pfeilschnell in die Mitte des Stromes.

»Das ist der Mexikaner«, rief der Pirat zähneknirschend und seine harten Züge verzerrend. Ein paar Pistolenschüsse sandte er dem Boote nach, sie wurden durch ein dumpfes Lachen erwidert.

Die Seeräuber wandten sich, sahen ihre Boote verschwunden und standen, als ob der Blitz unter sie gefahren wäre. – Schnell ermannten sie sich jedoch. – Ihre Gewehre waren wieder frisch geladen, und fest wie Felsen erwarteten sie den neuen Angriff; – er blieb nicht aus. – Eine Salve, vom Flusse her, regte sie plötzlich aus ihrer Spannung auf, eine zweite, noch besser gerichtete, hatte ein Drittel zu Boden gestreckt. Und nun erhob sich der fürchterliche Kriegsruf nochmals, und die rasend gewordenen Wilden stürzten auf die Matrosen zum dritten Male. – Nochmals krachte es laut von den Booten her, und dann sprang der Mexikaner mit seinen Gefährten wie Teufel unter die entsetzten Seeräuber. Der Kampf war kurz. Unfähig, dem fürchterlichen Andrange von vorn und von hinten zu widerstehen, warfen die Seeräuber ihre Waffen weg und stürzten sich häuptlings in den Fluß, den Tomahawks ihrer rasenden Feinde zu entgehen.

Ihr Kapitän allein schien fest entschlossen, sein Leben so teuer als möglich zu verkaufen. Seinen Rücken an den Uferkamm gelehnt, seinen Säbel in der Rechten, eine Pistole in der Linken, parierte er den Streich eines Oconees, der auf ihn blindlings angestürzt kam und hieb ihm den Kopf vom Rumpfe, einem zweiten jagte er ebenso schnell eine Kugel durch die Brust und hob eben seinen Säbel, als ein Lasso um seinen Hals und er wie ein Stück Holz zur Erde fiel.

Der lange und furchtbare Yell, der nun über den ganzen Ufergürtel hinfuhr, verkündete den vollkommenen Sieg der Wilden.

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